Der Reiherjäger vom Gran Chaco - Walter Burkart - E-Book

Der Reiherjäger vom Gran Chaco E-Book

Walter Burkart

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Beschreibung

Ein neunzehnjähriger Schweizer geht 1902 in Salvador de Bahia vom Überseeschiff an Land. Rund 18 Jahre später kehrt er zurück, schreibt um 1930 den Erfahrungsbericht «Der Reiherjäger vom Gran Chaco» und geht mit etwa hundert Schwarz-Weiss-Glasdiapositiven seiner eigenen Fotos auf Vortragstournee: Walter Burkart. Der Sohn des christkatholischen Rheinfelder Stadtpfarrers Sebastian Burkart war Grosswildjäger, Kautschukzapfer, Abenteurer aus Leidenschaft, Expeditionsbegleiter, Erdölsucher, Naturaliensammler, handelte mit Reiherfedern und Tierfellen, ein typischer «Gringo». Und er vermachte seiner Tochter, der Dichterin Erika Burkart, sein Schreibtalent. Heute meldet sich der Verdacht auf Naturausbeutung und Rassismus. Walter Burkart kamen keine Gedanken zum Arten und Umweltschutz. Er erwehrte sich der überwältigenden, Tag und Nacht bedrohlichen Fülle von Leben und Sterben im Gran Chaco: Jaguare, Krokodile, Riesen und Klapperschlangen, Wildschweine, Gürteltiere, Affen, Raubfische, blutsaugende Insekten. Unter den Indios erfuhr er Hochachtung, er war oft ihr Geburts und Nothelfer «Don Gualtiero». Der «Reiherjäger» ist eine bis ins Detail verlässliche Kunde von Faszination, Gefahr und oft traumatisch knappem Entrinnen, aus denen der Autor nie wieder ganz herausfand. «Ein guter Jäger. Ein schlechter Vater», so seine Tochter Erika im Gedicht «Mein Vater»: «Mit den Indios, die er liebte, // ist er im Tod nach Westen gegangen.»

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Rasch wird es Nacht. Die Totenstille des Tages weicht einem Nachtkonzert von überwältigender Macht. Millionen von Kröten und Unken und unbekanntem Getier laßen ihre Töne hören. Schaurig klingt das heisere Bellen der unzähligen Krokodile. Dann lautes Aufrauschen und Peitschen des Wassers, zwei Gegner liegen im Kampfe. Einen Augenblick lang verstummt der gewaltige Chor, um sofort wieder mit doppelter Macht einzusetzen. Weit aus der Ferne ertönt das dumpfe Brüllen des Jaguars über die Sümpfe. Längst war Mitternacht vorüber, aber Schlaf fand ich keinen. Ich zündete mir eine neue Pfeife an und horchte weiter auf den Gesang, die Liebeslaute und die Todesschreie einer Welt für sich.

WALTER BURKART

Geboren 1883 in Rheinfelden, reiste 1902 nach Südamerika: Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay, Bolivien. Erst Goldschürfer, dann Jäger auf Reiher und Großwild, Händler mit Federn und Fellen, Naturaliensammler. Drei Erholungsaufenthalte in der Schweiz, endgültige Rückkehr 1919, Heirat mit Marie-Hedwig Glaser, 1921 Erwerb des «Hauses zum Kapf», wo er bis zu seinem Tod 1961 lebte, Vater der Töchter Erika und Mimosa, Schriftsteller sowie berühmter Wirt wurde. Die Erstausgabe «Der Reiherjäger vom Gran Chaco» erschien 1931 in drei Auflagen bei F.A. Brockhaus, Leipzig.

ERNST HALTER

Geboren 1938 in Zofingen. 1958–1966 Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte in Genf und Zürich. 1962–1963 Aufenthalt in England. 1967–1968 Redaktionsassistent bei der Kulturzeitschrift «du». 1968–1969 Lektor des Verlags Fretz & Wasmuth, Zürich. 1970–1985 Cheflektor des Verlags Orell Füssli, Zürich. Ab 1986/87 freischaffend als Schriftsteller, Publizist und Herausgeber, Redaktor, Lektor, Berater beim Offizin Verlag, Zürich, auf den Gebieten Volkskunde, Fotografie, Kulturgeschichte, Kunst.

Er war verheiratet mit der Lyrikerin und Schriftstellerin Erika Burkart.

Walter Burkart

DER REIHERJÄGER VOM GRAN CHACO

Als Jäger und Goldsucher vomAmazonas zum La Plata

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Ernst HalterIllustriert mit Originalfotografien

Inhalt

SO GLÜCK WIE VERSTAND

1. AUSREISE

2. EINE STERBENDE STADT

3. RÄNKE UNTER TAG

4. GOLD UND MENSCHEN

5. AUF DEM SILBERSTROM NACH PARAGUAY

6. MEIN ERSTER JAGDZUG

7. FREUNDLICHE INDIANER

8. JAGD AUF DEN TIGER

9. AUF DER SUCHE NACH DEN REIHERN

10. MANCHERLEI JAGDERLEBNISSE

11. DIE REIHERINSEL

12. DER VERRAT DES GEFÄHRTEN

13. FUERTE OLIMPO, EINE LÄCHERLICHE JAGD UND EIN WILDER KOMMANDANT

14. ALLEIN UNTERWEGS

15. MANGAVEROS

16. NOCH EINMAL DER WEISSE REIHER

17. AUF DEN SPUREN DER KONQUISTADOREN

18. VON DER REGENZEIT ÜBERRASCHT

19. AUF DEM AMAZONAS IN DIE GUMMISTADT

20. EINE EISENBAHN DURCH DEN URWALD

21. EINIGES VON DEN INDIANERN SÜDAMERIKAS

22. EINE ERFOLGREICHE ERKUNDUNGSFAHRT UND IHR SCHLIMMES ENDE

23. EINE MUSTERFARM

24. IN DEN SÜMPFEN DES TERRITORIUMS BENI

25. VON RIESENGÜRTELTIEREN, AFFEN UND KROKODILEN

26. AN DEN UFERN DES RÍO RAPULO

27. VON DEN QUELLFLÜSSEN DES AMAZONAS ZUM LA PLATA

SO GLÜCK WIE VERSTAND

1902, zehn Jahre vor dem Untergang der «Titanic», landet ein Neunzehnjähriger – die einzige Altersangabe im Buch – in Begleitung eines Freundes in Recife (im Text: Pernambuco) an der nordöstlichen «Nase» von Brasilien. Die beiden sind offensichtlich keine Drittklasspassagiere, sie investieren das Ersparte in ihre Zukunft auf dem Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten. Tage haben sie darauf gewartet, nun erschließt sich ihnen die erste Stadt, farbige Häuser, Palmen, Gerüche, Düfte, Gewimmel von Menschen aller Hautfarben. Endgültig von Bord gehen sie in Salvador de Bahía – und sehen sich um nach Möglichkeiten, sich zu bewähren und reich zu werden.

Minas Gerais! Das Gold! Sie machen sich auf ins Landesinnere und werden in einer der unzähligen Goldminen eingestellt. Diese, in englischem Besitz, ist konzessioniert und wird von einem englischen Ingenieur geleitet. Dem Freund, dessen Namen nie genannt wird, behagt die anstrengende Arbeit nicht. Er verschwindet an diesem Punkt aus dem Bericht wahrscheinlich Richtung Río de Janeiro. Zurück bleibt, auf sich allein angewiesen, Walter Burkart, der jüngste Sohn des christkatholischen Rheinfelder Stadtpfarrers und Historikers Sebastian Burkart. Er hat bei einem älteren Bruder in London Erfahrungen im Bankwesen gesammelt – nicht sein Fach. Und ist abgehauen.

Walter Burkart arbeitet sich ein in den Untertagebau: Schacht abteufen, Stollen ausbrechen, sprengen, und wird bald zum Steiger befördert. Er wird Jahrzehnte später zu Beginn seines Buchs «Der Reiherjäger vom Gran Chaco» einen kurzen Bericht über die Arbeit in den oft «wilden», nicht konzessionierten brasilianischen Goldgruben einschieben. Es ist dies nur der erste einer Reihe von Berichten, aus denen das Buch sich zusammensetzt und die immer auf genauester, konkreter Kenntnis der technischen und handwerklichen Voraussetzungen beruhen. Walter Burkart als Autor verachtete jegliche Fiktion oder Flunkerei und weigerte sich nach dem großen Verkaufserfolg des «Reiherjägers» – drei Auflagen ab 1931 bei F. A. Brockhaus, Leipzig – nunmehr irgendwelche Abenteuerromane zusammenzuschmieren; die Fantasie eines Karl May ging ihm ab. Was von ihm noch da ist: ein SJW-Heft («Der Reiherjäger erzählt», aus der Reihe «Reisen und Abenteuer» des Schweiz. Jugendschriftenwerkes, Nr. 23). Ihm genügte – und dies dürfte nach der Lektüre des Buchs auch für die Leserinnen und Leser zutreffen –, was er erlebt hatte.

Vielleicht hätte Walter Burkart in den Goldminen Karriere gemacht. Doch eines Tages versucht ein übelwollender Kumpel ihn unten im Schacht in die Luft zu sprengen. W. B. zerschneidet im letzten Moment die Zündschnur. Er quittiert den Posten, zieht weiter und wird fliegender Händler, der mit dem Maultier von Dorf zu Dorf, von Grube zu Grube zieht. Nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Er reist zurück an die Küste und besteigt in Montevideo, der Hauptstadt des spanischsprachigen Uruguay, einen Flussdampfer ins Kontinentinnere, nach Paraguay. Damit hat er die Region betreten, die sein weiteres Leben bestimmen wird.

Und er hat Glück. In Fuerte Olimpo am oberen Paraguay begegnet er dem älteren und erfahrenen Jäger Juan Velasquez. Die beiden werden Freunde und jagen während fünf Jahren gemeinsam. Velasquez führt den jungen Schweizer ins Handwerk ein. Ihren Verdienst ziehen sie aus der Jagd auf Jaguare, deren Felle in Buenos Aires und Montevideo so begehrt wie teuer sind, und auf Reiher, deren Federn die Hüte der Damen der großen Gesellschaft schmücken – es sind die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, die hohe Zeit des Jugendstils und in Amerika des Aufbruchs ins Art déco, wo nicht nur die Damen in den Modemagazinen und auf den Plakaten von Alphonse Mucha, sondern in New York sogar die Wolkenkratzer auf hundertfünfzig und mehr Metern Höhe fantasieverrückte Hüte aufsetzen.

Ohne das Glück, das ihm immer wieder zur Seite stand, hätte Walter Burkart nicht überlebt. Wer davonkommen will, muss, das weiß er jetzt, sich nach den Realitäten richten, blitzschnell reagieren, zustechen oder schießen. Wenn der Jaguar – W. B. nennt ihn häufig Tiger – zum Sprung ansetzt oder ein ausgewachsener Kaiman, das Krokodil Amerikas, auf dich zu rennt oder mit seinem gepanzerten Schwanz ausholt, sind Gedanken zum Arten- und Umweltschutz sekundär. Du feuerst den Schuss ins Auge. Artenschutz? Das Wort, das Konzept, die Möglichkeit, auch nur die entfernteste Vorstellung von etwas derartigem existiert nicht. Man soll W. B. darob weder schuldig sprechen, noch zum Helden stilisieren. Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit – und wenn ringsherum die Kaimane einander gegenseitig auffressen, schwinden die Hemmungen zu schießen.

Walter Burkart ist Großwild- und Reiherjäger und ein, zwei Jahre auch Kautschukzapfer im Gebiet des Río Mamoré; auch dieses Gewerbe beschreibt er bis ins letzte handwerkliche Detail. Er bewegt sich in einer überwältigenden, unerschöpflichen, oft lebensbedrohlichen Fülle von Leben, das sich in alle Ewigkeit umwälzt, erneuert und vermehrt und noch unerschöpflich scheint – Jaguare, Kaimane, Riesengürteltiere, Tapire, Riesenschlangen (Boa constrictor und Anakonda), Klapperschlangen, zarteste Morpho-Falter, Pekari-Wildschweine, die sogar vom Jaguar gemieden werden, Affen, Vampire, unzählige Fisch- und Vogelarten.

«Rasch wird es Nacht. Die Totenstille des Tages weicht einem Nachtkonzert von überwältigender Macht. Millionen von Kröten und Unken und unbekanntem Getier lassen ihre Töne hören. Schaurig klingt das heisere Bellen der unzähligen Krokodile. Dann lautes Aufrauschen und Peitschen des Wassers, zwei Gegner liegen im Kampfe. Einen Augenblick lang verstummt der gewaltige Chor, um sofort wieder mit doppelter Macht einzusetzen. Weit aus der Ferne ertönt das dumpfe Brüllen des Jaguars über die Sümpfe. Längst war Mitternacht vorüber, aber Schlaf fand ich keinen. Ich zündete mir eine neue Pfeife an und horchte weiter auf den Gesang, die Liebeslaute und die Todesschreie einer Welt für sich.»

Tags darauf: «Doch auch hier erwartete uns keine ruhige Nacht. Der Boden war geradezu bedeckt von Schlangen aller Arten und Größen. Die einen lagen noch ruhig zusammengerollt, während andere, die hereinbrechende Nacht fühlend, herumkrochen und auf Beute ausgingen. In den Ästen der Bäume hingen die Riesenschlangen Anakondas und Sucuris zu Dutzenden. An ein Schlafen war unter diesen Umständen nicht zu denken.» (Kapitel 11. Die Reiherinsel)

Walter Burkart sammelt Erfahrungen – dies immer auf der Höhe der Zeit. Er ist, obwohl Abenteurer aus Leidenschaft, technisch und medizinisch hochgerüstet. Er behandelt die gesammelten Reiherfedern mit chemischen Konservierungsmitteln. Er verfügt über alle damals bekannten notwendigen Medikamente, sogar über Spritzen, er weiß genau, welches Mittel bei welcher Verletzung oder Erkrankung Heilung bringen kann: Schießpulver, das man sich auf den Biss einer Kobra streut und anzündet, übermangansaures Kali als radikales Desinfektionsmittel bei großen Risswunden und drohender Sepsis, Rezepte für die Zubereitung eines hochwirksamen Stärkungs- und Heiltees aus der Wurzel der Sarsaparille oder eines Tranks, welcher selbst die schwersten Malariaanfälle zum Verschwinden bringt – zerquetschte Chinarinde, angesetzt in Alkohol oder Zuckerrohrschnaps. W. B. überlebt. Er überlebt wider alle Wahrscheinlichkeit etwa sechzehn Jahre Urwald. Er hat im Lebenslotto das große Los gezogen. Er überlebt sogar den Mordanschlag eines jungen Schweizer Jagdkollegen (Kapitel 12. Der Verrat des Gefährten), der am Ende einer langen Saison die gesamte Beute an sich bringen will und W. B.s Freund, dies eine Mal nichtsahnend, niederknallt. Walter taucht, schwimmt unter Wasser zu seiner Waffe, überwältigt den Mörder und übergibt ihn der Justiz.

Walter Burkart handelt gemäß der Epoche, in der er lebt, als Imperialist und Kolonialist. Ihm steht die Welt zur freien Verfügung. Er tötet nicht aus Lust am Morden, wiederum nicht nur um zu überleben und sich selbst zu schützen: vor allem doch, um aus dieser Natur Gewinn zu schlagen. W. B. aus dieser Haltung einen quasi-moralischen Vorwurf zu machen, liegt nahe und geht zugleich an der Sache vorbei. Er, der Reiherjäger, reflektiert die Zeit nicht, er kritisiert nie, er lebt sie und in ihr nach ihren Gesetzen. Er vergiftet ohne zu zögern eine Kolonie Kaimane mit Strychnin, um an eine bewaldete Insel im Sumpf heranzukommen, wo Reiher – ein Vermögen an Federn! – in den Wipfeln der Urwaldriesen nisten.

«Zum Vergiften von Raubzeug [Hervorhebung E. H.] führte ich immer Strychnin mit mir. So nahmen wir jetzt die in den letzten Tagen erlegten Reiher, öffneten jeden an der Seite und versahen sie mit einer Kapsel von einem Gramm Strychnin. Am Abend zerstreuten wir die Vögel um die Insel und um den See herum. In der Nacht ging ein gewaltiger Lärm los. Die vergifteten Tiere bellten schauerlich und peitschten das Wasser. Der ganze See war in Aufruhr, meine zwei Jäger bekamen es mit der Angst zu tun, sie standen auf und kletterten auf die Bäume, um nicht gefressen zu werden. Auch ich war froh, als der Tag graute. Da und dort schoss eines der kranken Ungetüme pfeilschnell durch das Wasser. Andere schnellten meterhoch mit geöffnetem Rachen in die Luft, ihre weißen Bäuche glänzten in der aufgehenden Sonne, und mit lautem Getöse fielen die gewaltigen Leiber wieder in ihr Element zurück. Ich glaubte mich in die Urzeit versetzt, als vor mir zwei der riesigen Echsen miteinander kämpften. Ihre furchtbaren Rachen sind ineinander verbissen, und sie versinken zusammen in der Tiefe.» (Kapitel 25. Von Riesengürteltieren, Affen und Krokodilen)

Und die Indios, die «guten Wilden»? Hätten sie anders gehandelt, wenn sie über dieselben Mittel verfügt hätten? Liest man die Beschreibung einer saisonalen Brandjagd (Kapitel 7. Freundliche Indianer) melden sich Zweifel. Was W. B. vorteilhaft vom zeittypischen Rassisten unterscheidet: Es gibt genau eine Stelle in seinem Bericht, wo er sich pauschalisierend negativ über die Indios äußert (Kapitel 6. Mein erster Jagdzug), zu Beginn seiner eigentlichen Jägerzeit – erst das Vorurteil, dann die Erfahrung. Seine Haltung gegenüber den Indigenen ist objektiv: Für ihn ist der Indio ein Mensch im eigenen Recht wie alle. Er achtet ihn, er fürchtet ihn, er erscheint ihm undurchdringlich, fremdartig. W. B. reflektiert seine Art mit dem und vom Urwald zu leben – und nicht selten bewundert er ihn. Dass er oft von den «Wilden» spricht, ist Zeitstil.

«Wir standen auf dem erhöhten Uferbord und betrachteten einige große Fische, die sich an der Oberfläche sonnten. ‹Welchen willst du?›, fragte mich der Häuptling. Dann maß er mit den Augen die Entfernung, legte einen zwei Meter langen Pfeil auf und schoss ihn senkrecht in die Höhe. Turmhoch schwirrte der Pfeil empor, überschlug sich und sauste hernieder. Das Kunststück gelang, der Pfeil traf und durchbohrte den fast zehn Pfund schweren Fisch. Ein Junge sprang ins Wasser und zog die zappelnde Beute an dem mit Widerhaken versehenen Pfeil ans Ufer.» (Kapitel 25. Von Riesengürteltieren, Affen und Krokodilen)

Walter Burkart scheint sich innert weniger Jahre zwischen Manaus am Amazonas, Trinidad am Mamoré, Fuerte Olimpo am Paraguay und Santa Cruz de la Sierra in Bolivien einen geradezu magisch klingenden Namen erworben zu haben: «Don Gualtiero». Dies sowohl bei den Indios, denen er in Notfällen von «man eatern» (menschenfressenden älteren Jaguaren), oft sogar als Hebamme zu Hilfe eilt, wie auch bei den Siedlern und Hacenderos: Der Name wirkt als Titel und verkörpert Ehrlichkeit und Verlässlichkeit.

Walter Burkart wird als Führer und Begleiter einer geologischen Expedition engagiert, die am östlichen Andenfuss in Bolivien nach Erdöl und Edelmetallen forschen soll. Er entdeckt prähistorische Felsritzungen und Dammwege quer durch die Chaco-Sümpfe, er erschießt eine Jaguar-Mutter, um an Reiher heranzukommen, adoptiert ihre beiden Jungen und zieht sie auf der Hacienda von Schweizer Freunden mit der Flasche auf. Das männliche Jungtier begleitet ihn während einiger Zeit als zärtlich-anhänglicher Hund bis nach Manaus. Da staunt sogar die Kautschukmetropole, die in jenen Tagen mit Trinkwasserversorgung, Kanalisation, elektrischer Straßenbeleuchtung und elektrischen Tramways und einem Opernhaus (wo 1904 Enrico Caruso aufgetreten sein soll) die modernste Stadt Brasiliens ist.

Von Zeit zu Zeit – insgesamt drei Mal – reist Walter Burkart nach Hause. In Rheinfelden ruht und kuriert er sich aus, retabliert sich, wie dies damals genannt wird, versorgt sich mit Notwendigem, das sich drüben in dieser Qualität nicht beschaffen lässt. Die letzte Rückreise nach Lateinamerika, im Mai 1915 – das einzige Datum im Buch – erfolgt von Lissabon aus; im selben «Wonnemonat», am siebten, wird der britische Passagierdampfer Lusitania vor der Südküste Irlands von einem deutschen Unterseeboot torpediert.

Während des letzten Erholungsaufenthalts, Winter 1914 bis Frühling 1915, lernt er in Rheinfelden eine zweiundzwanzigjährige Lehrerin kennen, die in einem Dorf des unteren Fricktals amtet: Marie-Hedwig Glaser. Sie ist die Tochter des Arztes Dr. Arnold Glaser, Besitzer der Wasserkur- und Heilanstalt im Abteidorf Muri. Die beiden verlieben, versprechen, verloben sich.

Für Walter Burkart folgen weitere vier oder fünf Jahre Urwald, ausgerüstet mit verschiedenen Jagdflinten, Revolvern, einem neuen Schweizer Ordonnanzgewehr und zweitausend dazu gehörigen Patronen, deren Ausfuhr eigentlich verboten ist. Er, der «schweizerische Staatskrüppel», wie er sich nennt – die einzige ironische Bemerkung im ganzen Buch, denn nicht eine Woche Militärdienst hat der «todsichere» Meisterschütze absolviert –, W. B. also überlebt noch einmal, genauer noch mehr als ein Mal. Über die in Rheinfelden eingegangene Beziehung zu Marie-Hedwig Glaser verliert er kein Wort – und dass er im Hinblick auf diese Liebe ein Quäntchen Vorsicht hätte walten lassen, wird aus dem Fortgang und Schluss des Berichts nicht ersichtlich. Diese letzten Jahre bringen Walter viel Jagdglück in Form von Reiherfedern. An einer Stelle erwähnt er en passant, wieviel die Händler (in Buenos Aires) für ein Pfund Reiherfedern hinblättern: treitausend damalige Schweizer Franken.

Marie-Hedwig Glaser wiederum flieht erst nach London, kurz darauf nach Irland, wo sie auf einem Herrensitz als Erzieherin der vier Kinder von Lady und Lord Mahon wirkt. Es beginnt eine intensive Korrespondenz zwischen Castlegar House bei Ahascragh unweit Ballinasloe, Irland, und Fuerte Olimpo, Paraguay, Trinidad oder Santa Cruz, Bolivien, immer postlagernd, von der sich leider nur klägliche Reste (im Literaturarchiv Bern) erhalten haben. Ursula, «Ursa», das älteste der Mahon-Kinder, erzählte Erika und mir fünfzig Jahre später, anlässlich unseres Besuchs in Castlegar 1968, von ihrer Eifersucht auf den fernen Geliebten von «Migoy», wie die Kinder «Miggi» Glaser nannten. Briefe der Sehnsucht. Nicht alle dürften angekommen sein.

Im Mai 1919 kehrt Marie-Hedwig Glaser, verabschiedet von Lady Mahon als Freundin («five years of friendship»), in die Schweiz zurück, Walter Burkart wahrscheinlich im selben Jahr. Heirat. Das Paar zieht nach Muri, wo W. B., wohlhabend für diese Zeit, 1921 das heruntergekommene Äbtehaus Kapf kauft, einigermaßen renoviert und als Restaurant einrichtet, während seine Frau ein Mädchenpensionat für höhere Töchter aus der welschen Schweiz führt: Weiterbildung in Hauswirtschaft und wohl auch in deutscher Sprache.

Auf die Frage, Jahre später, warum er Haus Kapf gekauft habe, soll, so wurde mir erzählt, Walter Burkart geantwortet haben: Am Tag, da er zum ersten Mal auf dem «Kapf» gewesen sei, habe das Haus zwischen dem Nebelstrom im Reusstal und dem Nebelsee über dem Bünzer Moos frei auf der Moräne gelegen; die Sicht habe ihn an seinen Amazonas erinnert.

Dorthin an den Strom seiner Erinnerung und Sehnsucht zurückgekehrt, in die «ewigen Jagdgründe», wie er auf dem Krankenlager zu sagen pflegte, ist Walter Burkart nie mehr. Geschrieben und auf Vortragsreisen dem Publikum nahegebracht hat er sein Buch. Erhalten – etwa in Abschriften – sind Besprechungen im «Berner Tagblatt», in der «Solothurner Zeitung» (1933), in der «Neuen Aargauer Zeitung» und im «Anzeiger des Bezirks Horgen». Der «Bund» (6.11.1932) reflektierte mitunter eine kritische Haltung W. B.s: «Als ein weiteres Ausbeutungsobjekt der ‹Zivilisierten› muss der Herr des Urwaldes herhalten, der Indianer. Fragt man, warum in den primitiven Siedlungen unter den Palmblattdächern fast nur Frauen wohnen, so liegt in der Antwort der ganze Schreck einer sinnlosen Ausbeuterei.» Übereinstimmend in allen Berichten: W. B. habe höchst eindringlich und faszinierend gesprochen. «Wie aus einem Traum riss es [das Publikum] sich selber mit gewaltigem Beifall ins Hier zurück», so berichtete das Luzerner «Vaterland». Der Amazonas war und blieb W. B.s Weh, sein Leiden, seine für immer entschwundene eigentliche Heimat. 1933 widmete er ein Exemplar der dritten Auflage des «Reiherjägers» seiner elfjährigen Tochter Erika:

«Seiner lieben Tochter Erika zum Andenken. W. Burkart.»

«Siehst du ein Glück vorübergehn,

das nie sich wieder findet,

ist’s gut, in einen Strom zu sehn,

wie alles wogt und schwindet.»

Nikolaus Lenau, «Blick in den Strom» – Walter Burkart, Amazonas. Bestürzende Begegnung der anderen Art.

Erika Burkarts Verhältnis zu ihrem schwierigen, in fernen Weiten abwesenden, oft bedrohlich gewalttätigen Vater hat sich im Lauf der Jahre verändert. Seine Gewaltbereitschaft wurde zu Erinnerung, der angstvolle Blick des bedrohten Kinds weitete sich zu einem um Objektivität bemühten Verständnis, wie es aus ihren Gedichten und ihren Prosabüchern «Das Schimmern der Flügel» und «Die Vikarin» spricht. Was unverändert erhalten blieb – und dies ist wohl das Erstaunlichste – war ihre Liebe. Ich habe nie ein verächtliches Wort von ihr gehört. Im Gegenteil.

1940 erschien, herausgegeben von Hans Richard Müller in der Helvetischen Bücherei M. S. Metz der Bericht «Menschen im Urwald» von Ernst Leutenegger. Leutenegger lebte etliche Jahre nach Walter Burkart im Chaco und arbeitete als Verwalter verschiedener Kautschuk-Estancias. Gegenüber dem schweifenden Jäger und Forscher Burkart repräsentiert er die geschäftliche Seite eines Booms, der bereits am Abklingen war. Auch er schlägt sich mit dem tropischen Klima und seinen Krankheiten herum, überlebt knapp, beschreibt so genau wie eindrucksvoll Stimmungen, Gefahren und Erlebnisse im Urwald. Wo die beiden Berichte vom Selben erzählen, ergänzen und bestätigen sie einander bis ins Detail.

Jeroen Dewulf hat Jahrzehnte später in seinem Buch «Brasilien mit Brüchen. Schweizer unter dem Kreuz des Südens» (Zürich 2007) das Kapitel Emigration umfassend recherchiert, soweit es überhaupt, auch fotografisch dokumentiert ist. Schwer dokumentierbar sind natürlich Verbrecher wie jener Jagdkamerad in oben erwähntem Kapitel «12. Der Verrat des Gefährten» Solche zwielichtigen Figuren dürfte es nicht wenige gegeben haben – und gibt es noch heute, wie ich von einem Freund und Fotografen weiß.

Walter Burkarts Naturalien- und Waffensammlung hat sich nur in Einzelstücken erhalten; unter ihnen ein Spielwürfel aus hellem tropischem Eisenholz. Ich fand ihn vor einigen Jahren bei Gartenarbeiten auf der westlichen Hausplattform in der feuchten Erde, wo er Jahrzehnte gelegen haben musste: Handarbeit, die Augen als Löcher in oder durch das Holz gebohrt, keine Moderspuren, einige Kratzer vielleicht von einem Verlierer, der in seiner Wut darauf gebissen hatte, gerundete Kanten, das Drei- und das Vierauge – einander gegenüber – sind in einen eingravierten Kreis gefasst. Der Würfel liegt auf dem Teetisch, ich nehme ihn gern in die Hand. Ob W. B. sich daran erinnert und mir seine Geschichte erzählt hätte? Er beschreibt zu Beginn des Kapitels 25. «Von Riesengürteltieren, Affen und Krokodilen» ein Würfelspiel um alles oder nichts, Tod oder Leben.

Ich habe «Don Gualtiero» nicht mehr gekannt.

Walter Burkarts zweites Leben, nunmehr im Exil in der Schweiz, ist nachzulesen in meinem Buch «Das Alphabet der Gäste» (Innsbruck 2021). Er ist – im Buch – der erste «Gast» auf Haus Kapf. Er blieb Gast – heimatlos. Sein Porträt eröffnet die Galerie.

Ernst Halter, Juni 2022

Die Originalausgabe «Der Reiherjäger vom Gran Chaco» erschien erstmals bei F.A. Brockhaus, Leipzig im Jahr 1931. Sie wurde nach Walter Burkarts Tod von Carl Seelig mit einem Nachwort versehen neu herausgegeben im Schweizer Druck- und Verlagshaus, Zürich im Jahr 1962. Dabei ist sie stellenweise vom Herausgeber verändert worden. Die vorliegende Neuauflage ist Satz für Satz kontrolliert worden und gibt die Originalversion bei Brockhaus wieder. Sämtliche geografischen und topografischen Namen – soweit eruierbar, Orthografie und Interpunktion sowie vereinzelt der Sprachgebrauch wurden auf den heutigen Stand gebracht.

W. B. als gesetzter Herr im Anzug präsentiert Reiherfedern, 1957.

Juan Velasquez, W. B.s langjähriger Jagdfreund, mit der Beute eines erfolgreichen «Reihertages».

Etliche der aus den Bäumen heruntergeschossenen Reiher landen im Rachen von Kaimanen.

Ein Provisorium zur Regenzeit.

Transport per Boot; rechte Seite Mitte: vermutlich ein Behälter für Medizin und Konservierungsmittel.

Dampfboot im Urwald; ganz links: der Schaufelradantrieb.

Rinderpferch, montiert auf zwei Booten; unter dem Mann in der Mitte: ein improvisiertes Steuerruder.

Stromaufwärts im Ruderboot unter bolivianischer Flagge.

W. B. und Señor Leutenegger-Suárez auf der Estancia Loma unweit Trinidad am Río Ivari, Bolivien.

Arbeiter auf der Estancia Loma, wahrscheinlich beim Stampfen von Maniok.