Der Reporter - Hanspeter Bäni - E-Book

Der Reporter E-Book

Hanspeter Bäni

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Beschreibung

Selten hat ein Dokumentarfilmer des Schweizer Fernsehens mit seinen Geschichten so viel Aufmerksamkeit erregt wie Hanspeter Bäni. Mit seinen Reportagen löste er die kontroverse Debatte um den jugendlichen Straftäter «Carlos» aus, dokumentierte über Jahre das bewegende Schicksal der «Weissen Königin», die in Afrika einen Prinzen heiratete, und begleitete einen Betrüger hautnah von der Haft bis zu seinem Tod. Mit diesem Buch gewährt der mehrfach ausgezeichnete Autor faszinierende Einblicke in die abenteuerlichen Entstehungsgeschichten seiner Filme.

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Selten hat ein Dokumentarfilmer des Schweizer Fernsehens mit seinen Geschichten so viel Aufmerksamkeit erregt wie Hanspeter Bäni. Mit seinen Reportagen löste er die kontroverse Debatte um den jugendlichen Straftäter «Carlos» aus, dokumentierte über Jahre das bewegende Schicksal der «Weissen Königin», die in Afrika einen Prinzen heiratete, und begleitete einen Betrüger hautnah von der Haft bis zu seinem Tod.

Mit dem vorliegenden Buch nimmt Hanspeter Bäni die Leserschaft mit auf seine Abenteuer in Afrika, im Amazonas, aber auch im Aargau. Der Autor gewährt intime Einblicke in die Entstehungsgeschichten seiner Filme, die eng mit den Herausforderungen seiner Kindheit und Jugend verknüpft sind.

«Hanspeter Bäni, Regisseur, Kameramann und Produzent in Personalunion, ist der zurzeit vielleicht beste und erfolgreichste Dokumentarfilmer der Schweiz.»

Alex Baur, Weltwoche vom 14. September 2023

«Hanspeter Bäni beherrscht die Kunst, alltägliche Phänomene ebenso präzise zu beobachten, wie brisante Themen einfühlsam und nah an den Menschen zu erzählen.»

Christoph Müller, ehemaliger Redaktionsleiter der SRF-Sendungen «DOK» und «Reporter»

Abenteuerliche Geschichten aus über 25 Jahren Dokumentarfilm – von Begegnungen mit Menschen am Rand der Gesellschaft bis zu riskanten Reisen in Krisengebiete.

Auftrittstermine und weitere Informationen:

Fotos: © Hanspeter Bäni & Christoph Müller

Hanspeter Bäni *1956 in Zürich. Nach einer fast vierjährigen Reise durch Lateinamerika – mit längeren Aufenthalten bei indigenen Völkern – gründete und leitete er 1982 eine Importfirma für südamerikanisches Kunsthandwerk. Zudem war er Tourenleiter sowie Reiseorganisator für namhafte Reiseveranstalter. Ab 1990 arbeitete er in den elektronischen Medien, zunächst als Moderator bei verschiedenen Privatradiostationen. 1997 wechselte er zum Fernsehen und war als Redaktor für Tele M1, TV3 sowie das ZDF in Berlin tätig, bevor er 2000 zum Schweizer Fernsehen kam. Dort arbeitete er zunächst für das Polit- und Wirtschaftsmagazin «Rundschau», anschliessend war er bis Ende 2021 als Videojournalist für die Sendungen «Reporter» und «DOK» tätig. Für seine Reportagen erhielt er mehrere Medienpreise.

HANSPETERBÄNI

DERREPORTER

GESCHICHTENJENSEITSDERDREHARBEITEN

ARIS VERLAG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der Verlag und der Autor danken für die Unterstützung:

Richard Fischer, Norbert Walker, Walter Güntensperger, Max Hürzeler

Arisverlag wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2026–2028 unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage

© 2026, Arisverlag

Schützenhausstrasse 80 | 8424 Embrach | Schweiz

[email protected] | www.arisverlag.ch

Umschlaggestaltung und Satz: Lynn Grevenitz | www.kulturkonsulat.com

Covermotiv: © privat

Lektorat/Korrektorat: Katrin Sutter | Paula Fricke | Elisabeth Blüml

Druck: FINIDR, s.r.o. | www.finidr.de

Am Steinfeld 4 | 94065 Waldkirchen | [email protected]

ISBN Print: 978-3-907238-51-6

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book: 978-3-907238-54-7

«In der Welt zu leben, ohne sich ihrer wahren Bedeutung bewusst zu werden, gleicht dem Umherwandern in einer endlosen Bibliothek, ohne je ein einziges Buch zu öffnen.»

zugeschrieben Manly P. Hall(Urheberschaft nicht eindeutig belegt)

INHALT

Vorwortvon Röbi Koller

Prolog

1  Schwarzer Prinz, weisse KöniginDer Überlebenskampf einer schweizerisch-kamerunischen Liebesbeziehung

2  Immer wieder AfrikaProjekte auf dem Kontinent der Extreme

3  Vom Herzschmerz zum AbenteuerWie das Schicksal mich nach Afrika führte

4  Die Schatten der VergangenheitWie mein Elternhaus meine Arbeit prägte

5  Gesichter des VerbrechensVom Leben inspiriert, in Filmen erzählt

6  Zwischen den FrontenAls Reporter im Zentrum von Unruhen

7  TabuthemenAuf der Suche nach unbequemen Wahrheiten

8  Beschwerden und DrohbotschaftenDas Gift feindseliger Angriffe

9  Geschichten aus dem AlltagEntdeckungen kleiner Welten mit grosser Wirkung

10  Filme im SchubladenstaubHintergründe zu nie ausgestrahlten Werken

11  Pfad der ErneuerungVom Ruf der Ahnen, dem Sturm der Gewalt und dem Schatten des Dschungels

12  Jenseits des FassbarenFilme über Kraftorte, Geister und einen Guru

13  Auch nur MenschenDie verborgenen Seiten des Ruhms

14  Vom Ende des GewohntenMit der Kamera zum Neuanfang

Epilog

Danke

Filmografie

Preise und Auszeichnungen

Bildteil

VORWORT

Lassen Sie mich von ein paar hochspannenden Begegnungen erzählen. Ich war unterwegs und lernte einen Bergbauern kennen, einen Hochstapler, einen Fernfahrer, einen Brandstifter, eine Königin und einen IV-Betrüger. Meine Reisen zu diesen Menschen waren durchzogen von gefährlichen Situationen und zuweilen lebensbedrohlichen Zwischenfällen. Ich war in verschiedenen Kontinenten unterwegs, durchreiste Klima- und Zeitzonen und hatte immer nur ein Ziel vor Augen …

Nein, so war es natürlich nicht. Ich war bei all diesen Abenteuern nur der Trittbrettfahrer von Hanspeter Bäni, dem verrückten Dokumentarfilmer, dem kein Thema zu heikel und keine Klientel zu suspekt scheint. Ich durfte lediglich lesend und in Gedanken dabei sein, wenn er, immer auf der Suche nach schillernden Persönlichkeiten und aktuellen, griffigen Themen, unterwegs war und Material für seine Dokumentarfilme sammelte.

Wie ein Naturwissenschaftler Schmetterlinge in seine Botanisierbüchse legt, speichert Hanspeter seine Szenen im Kasten. Aber er tut mehr als das: Meinem Fernsehkollegen sind die Menschen, die er porträtiert, ebenso wichtig wie die Dreharbeiten. Was im Fernsehen zur Ausstrahlung kommt, ist das eine, die Beziehung, die er zu den Hauptdarstellern seiner Filme aufbaut, das andere. Im Fall von André Rieder, einem Arzt, den Bäni bis zu seinem freiwilligen Tod mit Exit begleitete, habe ich das aus erster Hand erlebt. Wir führten nach der Ausstrahlung des Films in der Sendung «Club» eine Diskussion über Sterbehilfe. Ich habe Hanspeter selten so aufgewühlt erlebt wie zu jener Zeit, kurz nachdem sich André Rieder für immer aus diesem Leben verabschiedet hatte. Die Reaktion auf das, was er hautnah erlebt hatte, zeugte von einer echten Anteilnahme am Schicksal seines Protagonisten.

Kein Zweifel: Hanspeter Bäni beherrscht die Kunst des Storytellings perfekt, sei es in seinen Dokfilmen, sei es in seinem Werk, das hier zwischen zwei Buchdeckeln vorliegt. Seine Bilder sind einmalig, plastisch und präzise, so wie die Sätze, mit denen er das Erlebte beschreibt. Bei seinen Erzählungen hat man das Gefühl, selbst vor Ort zu sein. Man riecht die Atmosphäre, man fühlt den Pulsschlag, man kann die Spannung mit Händen greifen. Und wird es bei Begegnungen mit Rebellen oder Kriegstreibern mal richtig brenzlig, offenbart Bäni auch seine eigenen Gefühle: Unsicherheit, Panik, Todesängste.

Was Hanspeter Bäni neben seiner schonungslosen Ehrlichkeit auszeichnet, ist eine gesunde Portion Selbstreflexion. Die Einsicht, dass er gewisse Filme wie jenen über den Behördenschreck Brian Keller alias Carlos oder zumindest Teile davon nachträglich anders gestaltet hätte, zeugt von einer Fähigkeit, eigenes Tun zu hinterfragen. Die mediale Kritik an seinen Werken und die Konsequenzen dessen, was sie zuweilen ausgelöst haben, sind zum Glück nie spurlos an Hanspeter vorbeigegangen.

Mein Freund und Berufskollege hat sich mir in einem Interview einmal so beschrieben: Er sei nicht besonders gross, eher unscheinbar und sehe mit seinem knappen Equipment nicht gefährlich aus. Die Leute würden ihn deswegen eher unterschätzen.

Lieber Hanspeter, ich habe dich, seit ich dich kenne, weder unter- noch überschätzt. Aber geschätzt habe ich dich immer, das schon! Vielen Dank für die Geschichten, die du in deinen Filmen und in diesem Buch erzählst. Sie berühren und sie wühlen auf. Sie gehen uns alle etwas an.

Herzlich, Röbi Koller

PROLOG

Das Krokodil kroch langsam auf mich zu, das Maul leicht geöffnet. Wenige Meter vor mir blieb es stehen. Jede Faser meines Körpers war bereit zur Flucht, doch ich hob die Kamera und hielt den Moment fest. Ich vertraute den Worten der Einheimischen. Die Bewohner der am See gelegenen Stadt Sabou in Burkina Faso hatten mir versichert, diese Tiere seien keine Bestien, sondern die Seelen der Verstorbenen. Vielleicht war es ihr Einfluss, der mich schützte. Oder nur das gewohnte Quäntchen Glück, wie so oft in meinem Leben als Reporter.

So stand ich als Filmemacher des Schweizer Fernsehens in Kamerun einem zornigen Mann gegenüber, der mit erhobener Machete drohte, mir den Schädel zu spalten. In Nicaragua sah ich mich mit der realen Gefahr einer Gefängnisstrafe konfrontiert. Doch auch in der scheinbar sicheren Schweiz wurde es mitunter ungemütlich: Anonyme Morddrohungen, wüste Beschimpfungen und zermürbende Gerichtsverfahren, bei denen ich sogar einmal unter Polizeischutz erscheinen musste – all das gehörte zu den Erlebnissen, die meine Arbeit mit sich brachten und mir immer wieder vor Augen führten, wie brisant und unbequem journalistische Recherchen sein können. Auch wenn die Herausforderungen mich oft bis an meine Grenzen führten, war es gerade die Arbeit als Reporter, die mir Sinn und Erfüllung gab.

Mein Berufsleben war einmalig, abenteuerlich und entsprach genau jener Sehnsucht, die mich im Alter von zehn Jahren ergriff, als ich an einem Sommertag in aller Früh mit meinem selbstgezimmerten Floss auf dem Zürichsee schaukelte. Schlaftrunken gab ich mich dem morgendlichen Frieden hin, als plötzlich über die spiegelglatte Wasseroberfläche ratternde Geräusche an meine Ohren drangen. Sie stammten von einer lang gezogenen Eisenbahn, die am gegenüberliegenden Ufer zwischen Häusern und Bäumen auftauchte, um dann wieder von ihnen verschlungen zu werden. Meine Neugier war geweckt und die Fantasie machte sich auf die Reise zu den Menschen, die im Zug sassen: Wohin fuhren sie? Ins Tessin oder nach Italien? Vielleicht waren einige nach Genua unterwegs, um dort an Bord eines Schiffs nach Afrika zu gehen. Mich übermannte ein Gefühl, das ich bis dahin nicht gekannt hatte: Es war die Sehnsucht danach, die Welt zu entdecken.

Auf einen Schlag fand ich meine Bestimmung.

Nur hatte ich nicht den geringsten Schimmer, wie sich meine Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt eines Tages mit der Notwendigkeit des Broterwerbs verbinden liesse.

Jahre zogen ins Land, ehe ich die Eintrittskarte zu den vielen Bühnen des Lebens endgültig in der Hand hielt: eine Filmkamera! Dank ihr konnte ich in fremde Kulturen eintauchen und dabei gleichzeitig meinen Lebensunterhalt verdienen. Vor allem aber begegnete ich den unterschiedlichsten Menschen, die auf ihre eigene Weise nach ihrem Weg suchten. In ihren Augen sah ich den Mut, die Entschlossenheit und manchmal auch die Verzweiflung, die das Streben nach einem besseren Leben prägten. So entstanden im Laufe meiner Karriere unzählige Reportagen und dokumentarische Werke, die überwiegend im Schweizer Fernsehen sowie auf 3sat ausgestrahlt wurden. Diese Filme werden durch Geschichten ergänzt, die sich abseits der Dreharbeiten zugetragen haben und von bewegenden, teils dramatischen Begebenheiten erzählen, die bis jetzt unveröffentlicht blieben. Sie könnten meine Filmprojekte in einem neuen Licht erscheinen lassen.

In einem Kapitel setze ich mich mit jenen prägenden, oft schmerzlichen Erfahrungen meiner Kindheit und Jugend auseinander. Diese Erlebnisse schufen eine besondere Sensibilität für menschliche Notlagen und ein tiefes Verständnis für die Brüche im Leben anderer. Sie beeinflussten mich später auch in meiner Themenwahl als Dokumentarfilmer.

Aus Rücksicht auf die Privatsphäre wurden einige Namen und persönliche Merkmale geändert oder verfremdet. Das Buch folgt nicht einer chronologischen Reihenfolge meiner Arbeit, sondern ist nach zentralen Themenbereichen strukturiert.

Es ist geschrieben für alle, die bereit sind, ein Stück weit mitzuwandern und einzutauchen in Geschichten, die manchmal wie Fiktion klingen und doch vollkommen wahr sind.

Lassen Sie uns also gemeinsam auf diese Reise gehen.

1SCHWARZER PRINZ, WEISSE KÖNIGINDER ÜBERLEBENSKAMPF EINER SCHWEIZERISCH-KAMERUNISCHEN LIEBESBEZIEHUNG

Sie werde Königin von Kamerun, sagte mir Katharina Hänni bei unserer ersten Begegnung in Moosseedorf. Es war der Beginn eines mehrjährigen Filmprojekts. Die Geschichte hat das Format eines Groschenromans, doch sie entsprang dem wahren Leben. Ich durfte sie selbst miterleben. Das Königreich, von dem sie träumte, war nichts als eine staubige Hütte und anstelle eines prächtigen Umschwungs entfaltete sich nur ein bescheidener Garten.

Ich wurde Zeuge einer schweizerisch-kamerunischen Liebesbeziehung, die schwerwiegenden Problemen ausgesetzt war und schliesslich abrupt und tragisch endete.

Vom Märchenprinzen zum Albtraum

Mit erhobener Machete stand Katharinas Mann, Prinz Marcelin, vor mir und drohte, meinen Kopf zu spalten. Dann hielt er mir das Buschmesser an den Hals. Wutentbrannt beugte er sich vor, als wolle er mich mit seiner blossen Präsenz erdrücken. Unsere Gesichter berührten sich beinahe und ich nahm seine Alkoholfahne wahr. Ich solle ihm das Geld geben, schnauzte er mich an.

Es ist mir bis heute unerklärlich, wie ich in dieser brenzligen Situation Ruhe bewahren konnte. Jedenfalls weigerte ich mich zunächst, ihm den geforderten Betrag auszuhändigen. Mit festem Blick hielt ich seinem finsteren Ausdruck stand, griff nach meinem Handy und erklärte, dass ich Christoph Müller, meinen Vorgesetzten beim Schweizer Fernsehen, anrufen würde. Zu meiner Erleichterung nahm er sofort ab. Nachdem ich ihm kurz meine missliche Lage geschildert hatte, sagte er, dass ich meinem Peiniger das Geld geben solle. Mein Leben sei wichtiger als die 250 Euro, die er von mir verlangte. Prinz Marcelin forderte diesen Betrag für zwei Übernachtungen in einem staubigen, von Schimmel befallenen Haus. Im Preis inbegriffen waren sogar Flöhe, die sich in die Matratze eingenistet hatten. Ich war durchaus bereit, etwas beizusteuern, doch die geforderte Summe schien mir deutlich zu hoch. Mein Chef hatte wohl recht und es war klüger, ihm in diesem Fall nicht zu widersprechen. Ich beendete das Gespräch, zog die Geldscheine aus der Tasche und reichte sie dem Prinzen. Wortlos nahm er das Geld entgegen, drehte sich um und verschwand mit seiner Machete im nahen Gebüsch, um Holz zu hacken.

Ich war erleichtert, aber mein Vertrauen zu diesem unberechenbaren Prinzen war dahin. Seine Launen waren unvorhersehbarer als das Wetter in den Bergen. Eben noch lächelte er jemanden an, um dann wegen einer Kleinigkeit plötzlich zu wüten. Seine sprunghafte Persönlichkeit belastete auch die Beziehung zur Bernerin Katharina Hänni, die nach der Heirat den Namen Paholo trug.

Über einen Zeitraum von mehr als zwölf Jahren hielt ich ihr aussergewöhnliches Leben mit der Kamera fest und begleitete sie durch viele Höhen und Tiefen.

Als Sozialhilfeempfängerin träumte Katharina Hänni schon immer von einem Märchenprinzen und tatsächlich schaffte sie es, durch Heirat in eine königliche Familie des Stammes der Bamiléké in Kamerun aufgenommen zu werden. Doch statt eines luxuriösen Lebens in einem prunkvollen Palast erwartete die Auswanderin ein täglicher Überlebenskampf. Geldmangel war ein Dauerthema und das war auch der Grund, weshalb ich von Katharinas Prinzen mit der Machete bedroht wurde.

Ich muss gestehen, dass ich Katharinas Entschluss, in die afrikanische Abgeschiedenheit zu ziehen, nur schwer begreifen konnte. In einer Region, in der Krankheiten wie Cholera, Tuberkulose, Gelbfieber und Malaria zum Alltag gehören, erschien mir dieser Schritt besonders riskant. Sie stürzte sich jedoch mit Feuereifer ins Abenteuer. Mit viel Optimismus und fantastischen Plänen versuchte die Schweizerin, ihren Traum von Liebes- und Lebensglück buchstäblich zu erzwingen. Oft genug erwiesen sich ihre Pläne als Luftschlösser, etwa, als sie auf ihrem Grundstück ein Hotel für gestresste Manager bauen lassen wollte. Das Vorhaben scheiterte schliesslich an fehlenden finanziellen Mitteln. Zurück blieben ein paar Grundmauern auf sandigem Boden, die bald von meterhohem Buschgras überwuchert wurden.

Trotz aller Vorbehalte bewunderte ich die Bernerin für ihren Wagemut. Diese Unerschrockenheit, gepaart mit ihrer Bauernschläue, faszinierte nicht nur mich, sondern ein breites TV-Publikum aus allen Gesellschaftsschichten. Ob Handwerker oder Ärztin: Landesweit verfolgten Hunderttausende mit grossem Interesse diese einzigartige Biografie, deren ersten Teil ich «Weisse Königin – Schwarzer Prinz» betitelte. In Zusammenarbeit mit Christoph Müller entstanden weitere Episoden, die allesamt zu Quotenrennern wurden. Unzählige Zuschauerinnen und Zuschauer schrieben mir begeisterte Mails, in denen sie ihre Wertschätzung für die Auswanderin zum Ausdruck brachten – eine Frau, die das Vertraute hinter sich liess, um im Unbekannten ein kleines, bescheidenes Königreich für sich und ihre Familie zu errichten.

Liebe übers Internet

Während der Dreharbeiten in einem Kinderheim erhielt ich im Herbst 2005 einen Anruf von Christoph Müller. Mit einem Lächeln in der Stimme fragte er, ob ich je Kamerun bereist hätte. Seine Worte entfachten in mir sofort die bekannte Sehnsucht – er wusste nur zu gut, dass ich dem Ruf nach Abenteuern in fernen Ländern niemals widerstehen konnte. Kamerun sei ein wunderschönes Land, fuhr mein Vorgesetzter fort. Soeben habe ihn eine Frau angerufen, die ihm mitteilte, sie würde ins westafrikanische Land auswandern, um Königin zu werden. Falls ich Lust hätte, könne ich sie begleiten. Natürlich wollte ich.

Zwei Tage später stand ich mit meiner Kamera in der Wohnung der damals Vierzigjährigen. Es gab kaum ein Durchkommen in den Zimmern, weil sich überall Schachteln mit Kleidern und Gebrauchsgegenständen türmten, die auf ihre Reise nach Afrika warteten. Schon kurz nach unserer Begrüssung drückte mir die damals arbeitslose Verkäuferin ihre frisch gedruckte Visitenkarte in die Hand. In fetten Lettern prangte darauf: «Reine Katharina!»

Ihr sehnlichster Wunsch war es nun, in Afrika als Königin zu leben. Zwei Mal schon war Katharina Hänni verheiratet. Einmal mit einem Schweizer, einmal mit einem Afrikaner. Beide Ehen gingen in die Brüche. Dann lernte sie im Internet einen 44-jährigen Mann kennen, der sich ihr als Prinz vorstellte. Sein Name war Marcelin Paholo und er gehörte zum Stamm der Bamiléké in Kamerun. Er sei als Musiker schon in mehreren afrikanischen Ländern und in Frankreich aufgetreten, erzählte er ihr.

Ein Prinz, ein Künstler, ein Weltenbummler! Die Bernerin war hin und weg. So begann eine leidenschaftliche und verhängnisvolle schweizerisch-kamerunische Verbindung.

Katharina Hännis Entschluss, der Heimat den Rücken zu kehren, um auf einem anderen Kontinent ein neues Leben zu beginnen, war unumstösslich. Es spielte keine Rolle, dass sie ihren Prinzen nie zuvor persönlich getroffen hatte. Das Einzige, was zählte, war sein Versprechen, sie zur Königin zu krönen.

Eine Woche später, am 6. September 2005, sass ich mit ihr im Flugzeug, das uns nach Douala flog. Die Wirtschaftsmetropole liegt an der Küste des Atlantiks und über deren Hafen wird fast der ganze Güterumschlag Kameruns abgewickelt. Während des Fluges führte ich ein Interview mit Katharina, mit der ich inzwischen per Du war. Mit leuchtenden Augen erzählte sie mir, dass am Flughafen ein regelrechtes Empfangskomitee auf sie warten würde. Nebst ihrem zukünftigen Mann werde auch der König der Bamiléké sowie ein Mitglied der Regierung dabei sein.

Ein paar Stunden später fand ich mich wieder im chaotischen Durcheinander des grössten Flughafens von Kamerun. Hunderte Passagiere drängten sich um das einzige Förderband, das unablässig Koffer, Schachteln und Kisten aus einer mit Plastik abgetrennten Öffnung im Terminal auswarf. Gepäckträger umringten mich. Jeder griff nach meinem Rucksack, noch bevor ich etwas sagen konnte. Menschen, die mir Taxis und Hotels anboten, als käme ich ohne sie keinen Schritt weiter. Die drückende Hitze von Douala trieb mir den Schweiss aus den Poren.

Mit klatschnassem T-Shirt und griffbereiter Kamera trat ich zusammen mit Katharina aus der Türe zu den Wartenden. Wir hielten Ausschau nach dem Prinzen und seiner Entourage. Doch da war kein König und kein Regierungsmitglied auszumachen. Stattdessen ein Mann mit farbiger Rasta-Mütze und einer weissen Gandura, einem Kleidungsstück aus Baumwolle, das in weiten Teilen Afrikas verbreitet ist und einer Tunika ähnelt. Katharina wusste sofort, dass er derjenige war. Die beiden gingen aufeinander zu und umarmten sich zaghaft. Zärtlichkeiten öffentlich auszutauschen ist in Kamerun verpönt.

Während ich die beiden bei ihrem ersten Zusammentreffen filmte, fiel mir ein Mann auf, der dezent neben dem ungleichen Paar stand. Als ich ihn ansprach, stellte er sich mir als Nicola Kamdem vor. Er sei ein Freund des Prinzen, mehr konnte ich ihm nicht entlocken. War er zu schüchtern oder hatte er etwas zu verbergen? Ich konnte nicht ergründen, was sich hinter seiner Schweigsamkeit verbarg. Kurz darauf zwängten wir uns zu viert mit unseren Koffern und Rucksäcken in ein kleines Taxi. Es brachte uns zur Seemannsmission «Foyer du Marin», wo wir Zimmer gebucht hatten. Für Katharina und Marcelin gab es nun kein Zurückhalten mehr. Während der Fahrt küssten sich die beiden innig und beschworen ihre Liebe: «Je t’aime!» – «Je t’aime aussi!»

Warnung des Pfarrers

Am nächsten Morgen entschloss sich das Liebespaar spontan, einige Tage in Douala zu verbringen. Prinz Marcelin wollte allerlei Besorgungen machen: Matratzen, Haushaltsgeräte, Pfannen und Werkzeuge. Die Spielregeln standen vom ersten Moment an fest: Er kaufte ein, sie bezahlte. Rasch waren zweitausend Franken weg. Durch die Auszahlung ihres gesamten Pensionskassengeldes vor der Abreise verfügte Katharina damals über ein kleines Vermögen. Dass es gleich am ersten Tag empfindlich schmolz, trübte ihre Stimmung keineswegs. Sie fühlte sich weder ausgenutzt, noch schmälerte es ihr Vertrauen in den Mann, den sie tags zuvor zum ersten Mal in ihren Armen gehalten hatte.

Nachdem ich die beiden beim Einkaufen begleitet hatte, setzten wir die Dreharbeiten im Garten des Hotels fort. Die Grünanlage, ein wunderschönes Refugium mit Palmen und exotischen Blumen, war eine erfrischende Oase im Herzen der hektischen, stickigen und heruntergekommenen Stadt. Plötzlich trat der Pfarrer und Leiter der Seemannsmission auf mich zu und bat um ein vertrauliches Gespräch. Mit prüfendem Blick erkundigte sich der Seelsorger nach meinen Absichten in Kamerun. Er wollte wissen, was ich mit der Schweizerin und ihrem afrikanischen Liebhaber zu tun hätte. Ich erklärte ihm, dass ich Katharina erst seit etwa einer Woche kenne und ihren Freund am Abend zuvor zum ersten Mal getroffen habe. Als ich ihm auch noch erzählte, dass ich die beiden ins westliche Hochland zu den animistischen Stämmen begleiten wolle, sah er mich ernst an. Dann liess der Pfarrer mit unmissverständlichem Unterton durchblicken, dass er nicht nur für die Seemannsmission zuständig sei, sondern auch für die Rückführung aller Westeuropäer, die in Kamerun bei Unfällen oder Überfällen ums Leben gekommen waren. Er wies mich darauf hin, wie leichtsinnig es sei, mit mir unbekannten Personen durch Kamerun zu reisen. Sollte ich an meinem Vorhaben festhalten, müsste ich ihm eine Kopie meines Passes sowie alle privaten und geschäftlichen Kontaktdaten hinterlassen. So könne er Alarm schlagen, wenn ich an einem festgelegten Tag nicht zurückkehre.

Die Worte des Pfarrers trafen mich wie eine schallende Ohrfeige. Meine Knie zitterten. Was sollte ich tun? Das Projekt abbrechen und in die Schweiz zurückkehren? Oder das Risiko eingehen und mein Leben für eine Reportage aufs Spiel setzen? Verunsichert zog ich mich in mein Hotelzimmer zurück, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Schliesslich rief ich Marianne an, meine kluge und liebevolle Frau, mit der ich damals schon seit zehn Jahren verheiratet war. Marianne hat mich noch nie daran gehindert, meinen eigenen Weg zu gehen, und doch ist sie stets wie ein fester Stern am Himmel, der mir Orientierung gibt, wenn ich ihren Rat brauche. Mit ihrem klaren Verstand erfasst und analysiert sie jede noch so heikle Situation präzise. Immer wieder beeindruckt mich ihre Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.

Diesmal hielt sich meine Frau mit Anregungen zurück. Sie könne mir die Entscheidung nicht abnehmen, ob ich unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren oder am Filmprojekt festhalten sollte. Sie legte mir jedoch ans Herz, ruhig zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren. Zum Abschied sagte sie, sie habe Vertrauen in mich und mein Schicksal. Diese Worte gaben mir neuen Mut. Ich legte das Handy zur Seite und starrte an die Wand, deren Verputz abbröckelte.

Ich kann nicht sagen, wie lange ich regungslos auf der Bettkante sass, gefangen in meinen Grübeleien. Irgendwann wurde mein flacher Atem tiefer und langsam gelang es mir, wieder zur Ruhe zu kommen. In dieser Stille weitete sich mein Verstand, sodass auch die letzten wirren Gedankengänge wie Ballons davonflogen. Dann durchzuckte mich ein Geistesblitz und ich wusste, was zu tun war. Ich stand auf und stürmte zum Zimmer von Nicola Kamdem, den ich seit der gemeinsamen Fahrt vom Flughafen ins Hotel kaum mehr gesehen hatte. Ungeduldig klopfte ich an seine Tür. Es dauerte eine Weile, bis er sie öffnete. Schlaftrunken blickte mich der Kameruner an. Ob er Lust habe, mit mir ein Bier zu trinken, fragte ich ihn. Er nickte nur.

Kurz darauf sassen wir zusammen im Hotelgarten. Ich wollte Nicola Kamdem näher kennenlernen, um zu ergründen, ob er für mich eine Gefahr darstellen könnte. Während des Gesprächs musterte ich ihn so unauffällig wie möglich. Er war etwa 1,80 Meter gross, sehr schlank und um die vierzig Jahre alt. Seine schwarze Hose und das weisse Hemd verliehen ihm eine unaufdringliche Eleganz. Nicola sprach sparsam, doch jede seiner Äusserungen war durchdacht und prägnant. Er beherrschte die lokale Sprache Medumba sowie Französisch und Englisch.

Nicola erzählte mir, dass er als Lehrer im Dorf Mfetom im Westen Kameruns arbeite und auch als Journalist und Nachrichtensprecher beim Lokalradio in Bangangté tätig sei. Nach einem Interview mit Marcelin Paholo habe er sich mit ihm angefreundet. Ich war mir mittlerweile sicher, nicht einem potenziellen Mörder gegenüberzusitzen. Das verrieten mir auch seine sanften Augen. Unser Gespräch zog sich bis tief in die Nacht hinein. Je mehr er erzählte, desto mehr schwand meine anfängliche Anspannung.

Schliesslich fragte ich ihn, ob er mein Reiseführer sein wolle. Noch ehe wir über das Honorar gesprochen hatten, stimmte er meiner Anfrage zu. So wurde Nicola mein hilfsbereiter und zuverlässiger Begleiter. Ich schätzte ihn sehr und bis zu seinem viel zu frühen Tod verband uns eine herzliche Freundschaft.

Familientragödie

Noch heute läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich an das erschütternde Schicksal denke, das Nicola und seine Familie ereilte. Es war im März 2006, als mich der Kameruner völlig verzweifelt anrief. Unter Tränen berichtete er mir, dass seine Frau Zara in Polizeigewahrsam sei. Sie wurde beschuldigt, eine Hexe zu sein und ihre fünf Kinder vergiftet zu haben.

Ich konnte das einfach nicht glauben, denn Zara war mir stets als freundlicher und grosszügiger Mensch begegnet. Einmal lud sie mich zu sich nach Hause zum Essen ein. Sie lachte viel, kochte mit Leidenschaft und erzählte liebevoll von ihrer Familie. Bei jenem Besuch erfuhr ich, dass sie als Heilerin tätig war.

Das tragische Ereignis nahm seinen Lauf, als sich eines Tages ihre fünf Kinder unwohl fühlten. Da ihre älteste Tochter nur leichte Symptome zeigte, bat Zara sie, auf den Markt zu gehen und ein Medizinpulver zu besorgen. Gleichzeitig sollte die Vierzehnjährige auch Rattengift mitbringen. Später kehrte sie mit zwei Fläschchen zurück, die mit weissem Pulver gefüllt waren, deren Etiketten jedoch fehlten. Im festen Glauben, das Heilmittel in den Händen zu halten, griff Zara nach einem der Fläschchen und verabreichte ihren Kindern das Pulver, ohne zu wissen, dass sie ihnen Rattengift statt Medizin gab. Alle vier Kinder starben qualvoll an den Folgen der Vergiftung. Nicola verlor auf einen Schlag alle Menschen, die ihm am nächsten standen – ein unvorstellbarer Schock! Zwar gelang seiner Frau später die Flucht aus dem Gefängnis, doch wohin sie floh, blieb selbst ihrem Mann unbekannt. Von da an lebte er einsam und zurückgezogen in seinem Haus, umgeben von den Schatten vergangener, glücklicher Tage.

Als ich im Mai 2006 für weitere Dreharbeiten nach Kamerun zurückkehrte, sah ich meinen Freund zum letzten Mal. Spindeldürr und mit eingefallenem Gesicht, das von unermesslichem Leid gezeichnet war, stand er vor mir. Äusserlich bemühte er sich, seine Würde zu wahren, aber Nicola war ein gebrochener Mann. Trotz seines Elends begleitete er mich zur Hochzeit von Katharina und Marcelin, die ich mit der Kamera festhielt. In der Fernsehreportage, die im Oktober 2006 ausgestrahlt wurde, war der arme Mann nur für einen kurzen Moment zu sehen, als er das Brautpaar zur traditionellen Zeremonie am Königshof begleitete. Wenige Wochen später erreichte mich die traurige Nachricht von Nicolas Tod. Die Ursache blieb ein Rätsel; Katharina meinte, er sei an gebrochenem Herzen gestorben. Solche Ereignisse gehen unter die Haut. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, weiterhin mit meinem Freund zusammenzuarbeiten und ihn in die Schweiz einzuladen. Nicola träumte davon, eines Tages vor dem Matterhorn zu stehen. Ein Wunsch, der ihm leider nie erfüllt wurde.

Neue Heimat

Kamerun zeichnet sich durch eine bemerkenswerte geografische und klimatische Vielfalt aus: Entlang der Küste und in der Zentralregion erstreckt sich tropischer Regenwald, während der Nordwesten von ausgedehnten Savannen und der Norden von Halbwüsten geprägt sind. Ich lernte vor allem das Hochland kennen. Bei meiner ersten Busfahrt mit den frisch Verliebten Katharina und Marcelin nach Bangangté, einem Dorf mit rund 40’000 Einwohnern, bot sich mir eine atemberaubende Landschaft. Wie auf einem Gemälde breiteten sich sanfte Hügel und sattgrüne Täler vor mir aus. In der Ferne erhoben sich erloschene Vulkane, deren Gipfel oft in Wolken gehüllt waren. An den Hängen lagen terrassenförmig angelegte Felder, auf denen die einheimischen Bauern Bananen, Mais, Yams und andere Grundnahrungsmittel anbauten. Vereinzelt erhoben sich unter mächtigen Bäumen Hütten aus Holz, Stroh und Lehm, umsäumt von farbenprächtigen Blumen und exotischen Pflanzen.

In Bangangté angekommen, atmete ich tief durch. Die Luft war hier auf etwa 1’000 Metern erfrischend kühl im Vergleich zur drückenden, feucht-heissen Hitze in Douala. Ich folgte Katharina und Marcelin in eine kleine Wohnung, die er extra für seine zukünftige Frau gemietet hatte. In den zwei Zimmern gab es nur das Nötigste: ein Doppelbett, zwei Stühle, ein Tisch, ein kleiner Herd und eine Gitarre. Gleich nach ihrer Ankunft spielte der Prinz seiner Königin auf dieser Gitarre ein selbst komponiertes Liebeslied vor, dessen Refrain nur aus zwei Worten bestand: «Reine Katharina».

Die Träume der beiden reichten jedoch weit über die vier Wände ihrer bescheidenen Wohnung hinaus: Sie sehnten sich nach einem eigenen Zuhause, umgeben von üppigem Grün und fernab jeglicher Hektik. Prinz Marcelin musste das Land nicht erst suchen: Sein Vater, König Njikè Pokam Robert, hatte es ihm bereits geschenkt. Es lag etwa zehn Kilometer ausserhalb von Bangangté und versprach eine idyllische Abgeschiedenheit, ganz nach ihren Vorstellungen.

Als Katharina zum ersten Mal das Anwesen betrat, war sie so von der unberührten Natur um sie herum gefangen, dass sie Marcelins Geständnis beinahe überhörte. Er offenbarte ihr, dass er niemals den Thron besteigen könne. Der Stammeshäuptling der Bamiléké war mit rund 80 Frauen den Bund der Ehe eingegangen und hatte mit ihnen mehr als 250 Prinzen und Prinzessinnen gezeugt. Marcelin war bei Weitem nicht der Erstgeborene, dem die Thronfolge zustand, sondern rangierte irgendwo dazwischen. Nachdem der Prinz ihr den Sachverhalt erzählt hatte, fügte er an, dass sie sich dennoch «Königin Katharina» nennen dürfe. Dieses Wort nahm sie mit stiller Genugtuung auf. Ohnehin war Katharinas Verliebtheit so gross, dass sie es ihrem Traummann nicht übelnahm, dass er ihr erst jetzt die ganze Wahrheit gestand.

Mit der Zeit kam ich zu der überraschenden Erkenntnis, dass man in Kamerun schnell und nebenbei den Adelstitel eines Prinzen oder einer Prinzessin erlangen kann. Eines Tages überreichte mir Marcelin ein Füllhorn, in dem ein geheimnisvolles Gebräu schimmerte. Nachdem ich davon gekostet hatte, erhob er mich feierlich in den Adelsstand. Seitdem bin auch ich ein Prinz.

Wenige Monate später hatten Katharina und Marcelin ihre Pläne in die Tat umgesetzt und ihr Haus erhob sich nun aus robusten Lehmziegeln, geschützt von einem stabilen Blechdach. Die Bernerin musste für den Bau 20’000 Franken aufbringen, was für sie eine grosse Herausforderung darstellte. Um das Budget nicht zu sprengen, entschied sich das Paar, vorerst auf einen Plattenboden zu verzichten. In der Folge standen die Möbel, die sie aus der Schweiz nach Afrika transportieren hatten lassen, auf sandigem Boden. Hühner und Katzen streiften zwischen dem Emmentaler Buffetschrank und der billigen Sofagruppe umher. Bei jedem Schritt musste ich darauf achten, nicht in die Hinterlassenschaften der Tiere zu treten. Trotz ihres bescheidenen Lebens und der zunehmend angespannten finanziellen Lage schien das Paar damals glücklich zu sein, denn die 41-jährige Katharina erwartete ein Kind.

Besuch der Eltern