Der reservierte Kaiserwalzer - Christiane Gräfin Bernadotte - E-Book

Der reservierte Kaiserwalzer E-Book

Christiane Gräfin Bernadotte

0,0
5,90 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Autorin lernt durch Graf Jan Bernadotte, Prinz von Schweden, den Prinzen Sigmund von Preußen, Urenkel des letzten Deutschen Kaisers, auf der Insel Mainau kennen. Später sind beide verlobt und erwarten ein gemeinsames Kind. Doch die Hochzeit wird nach uralten Gesetzen über Krone, Erbe und Titel verboten. Und sie dürfen sich nicht mehr sehen. Heute ist sie Mutter einer hübschen Prinzessin und mit Graf Jan Bernadotte verheiratet. Sie engagiert sich in verschiedenen Hilfsorganisationen. Eine interessante wahre Geschichte, die auch zum Verfilmen gut geeignet ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



CHRISTIANE GRÄFIN BERNADOTTE

***

DER RESERVIERTE KAISERWALZER

Eine Dramatische Königliche Liebe

© 2019 Christiane Gräfin Bernadotte

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Hardcover:

978-3-7469-8081-2

e-Book:

978-3-7469-8082-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Alle erwähnten Ereignisse in diesem Buch

entsprechen der Wirklichkeit.

Die Namen bestimmter Personen und Institutionen wurden

geändert,

einige Charaktereigenschaften wurden ebenfalls geändert.

Sigmund

Vergessen hatte ich ihn keinen einzigen Tag lang, obwohl seit unserem seligen Sommer auf Mainau volle fünf Jahre verstrichen waren. Natürlich hatte es Männer gegeben, die mir den Hof machten und mich zum Tanzen einluden, und natürlich hatte ich den einen oder anderen gemocht und war einem kleinen Flirt nicht abgeneigt. Schließlich war ich jung und sehnte mich mit meiner ganzen jugendlichen Leidenschaft danach, mein Leben zu genießen, meiner Einsamkeit zu entfliehen, mich einfach sorglos, beschwingt und begehrt zu fühlen. Etwas Ernstes aber hatte es mit keinem von ihnen werden können, weil sie alle, so liebenswert sie auch sein mochten, ihm nicht das Wasser reichen konnten. Ihm. Meinem preußischen Prinzen. Meinem schüchternen Charmeur. Meinem Sigmund.

Wir hatten uns regelmäßig geschrieben. Von einem Wiedersehen aber hatte ich nicht zu träumen gewagt. Als ich ihn jetzt dort in dem Lokal sitzen sah, die langen Beine unter den viel zu kleinen Tisch gestreckt und den Blick in eine Zeitung versenkt, lernte ich, was es bedeutete, seinen eigenen Augen nicht zu trauen. Ich wollte seinen Namen rufen, zu ihm hinlaufen und ihm geradewegs um den Hals fallen, doch stattdessen stand ich wie erstarrt, sah ihn nur an und erwartete, jeden Moment aus meinem Traum zu erwachen. Er hatte sich kaum verändert. Einzig die Sonnenbräune, mit der ich ihn von Mainau in Erinnerung hatte, fehlte, und das blonde Haar trug er ein wenig welliger und länger.

Ich war in ihn verliebt gewesen. In unserem herrlichen Sommer am Bodensee hatte ich mich keinen Augenblick lang von ihm trennen wollen und nur allzu oft hatte ich mich nach den verzauberten Tagen gesehnt. Erst jetzt aber, als ich in der Tür des überfüllten Drugstore stand, meine Schwester hinter mir vergaß und ihn anstarrte, begriff ich, dass meine Gefühle für ihn viel tiefer, viel mehr an meine eigenen Wurzeln gingen: Ich liebte diesen großen, schlaksigen Mann mit seiner Brille, dem Seitenscheitel und den schönen, sensiblen Händen. Was ich in jenen Sekunden empfand, hatte kein anderer Mann je in mir zu wecken vermocht.

Als hätte er meinen wortlosen Ruf vernommen, wandte Sigmund den Kopf. Ich sah sie endlich wieder, die blauen Augen, die durch die Brillengläser nichts von ihrer Intensität einbüßten. Kaum hatte er mich entdeckt, stand er auf, kam, als sei es völlig selbstverständlich, auf mich zu, und schloss mich in die Arme. Die Jahre der Trennung schienen ausgelöscht. Ich ließ mich fallen, sog seinen vertrauten Duft in mich auf und schloss die Augen. Wenn dies tatsächlich ein Traum war, so wollte ich das Erwachen so lange wie irgend möglich hinauszögern.

„Kiki“, flüsterte Sigmund an meinem Ohr. Wie lange hatte ich den zärtlichen Kosenamen, den er mir verliehen hatte, nicht mehr gehört! „Kiki.“ Und dann, statt einer Begrüßung, irgendeiner höflichen Floskel, sprach er jenen Satz aus, den ich, solange ich lebe, nie vergessen werde. „Ich trage dein Bild auf meinem Herzen“, sagte er. „Seit der Insel Mainau.“ Mit bebenden Fingern förderte er das kleine, zerknitterte Porträtfoto zutage, das er damals von mir erbettelt hatte.

Ich war zu erschüttert, um ein Wort hervorzubringen, also hob ich nur die Hand an Sigmunds Wange und ließ sie dort liegen. In dem Lokal schien es keinen Menschen als uns beide zu geben, und die quirlige Welt hielt einen Herzschlag lang inne. Auch dass er ein Prinz von Preußen, Urenkel des letzten deutschen Kaisers, war und ich eine bürgerlich geborene Boden-Stewardess verlor in diesen Sekunden die Bedeutung. Wir waren nur noch Sigmund und Christiane, ein junger Mann und ein junges Mädchen, die sich gefunden hatten und nie mehr verlieren wollten. Als ich mich eine kleine Ewigkeit später endlich nach meiner Schwester umdrehte, sah ich, dass auch ihr die Tränen in den Augen standen.

***

Eine halbe Stunde später saßen wir uns an dem kleinen Tisch gegenüber, und während der Tee in unseren Gläsern kalt wurde, hingen wir einander an den Lippen und erzählten uns, wie es uns seit unserem Sommer am Bodensee ergangen war. Ich machte um meine Arbeit am Flughafen und die kleine Wohnung, die ich mir mit Lili teilte, nicht viele Worte, da ich in Wahrheit nur darauf brannte, endlich mehr von Sigmund zu erfahren. „Nun“, begann er in seiner gewohnt zurückhaltenden Art, „ich bin ebenfalls zur Zeit beruflich hier tätig.“

Bedeutete das, dass er in Frankfurt lebte, dass wir uns nicht sofort wieder aus den Augen verlieren würden, sondern sogar häufig sehen konnten? Als er bemerkte, wie sehr er mich auf die Folter spannte, sandte er mir ein verschmitztes Lächeln und erklärte mir endlich, was ihn in diese Gegend verschlagen hatte. „Ich arbeite in einem Unternehmen, das Marmor verarbeitet“, berichtete er. „Genauer gesagt vertrete ich die Interessen meines Vaters, der dort Teilhaber ist.“

„Und du wohnst auch hier?“ Meine Aufregung ließ sich nicht länger verbergen.

Er schob seine Hand über den Tisch und legte sie über meine. „Ich habe eine kleine Wohnung im Residenzviertel. Bei einer reizenden Familie, die gegen Besuch ganz gewiss nichts einzuwenden hat.“

Was er damit andeuten wollte, brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Überhaupt sagten wir nicht mehr viel, sondern sahen einander fest an und versprachen uns wortlos, dass wir den unglaublichen Zufall, der uns nach Jahren wieder zusammengeführt hatte, nutzen und uns so schnell nicht mehr aus den Augen lassen wollten.

***

Die Zeit, die mit dieser Begegnung anbrach, war vielleicht die schönste meines Lebens, die einzige, in der ich mich ganz und gar geborgen, geliebt und mit mir selbst im Reinen fühlte. Meine Träume und Sehnsüchte – die Schauspielpläne, die Weltreise – für den Augenblick waren sie alle vergessen. Über meine Zukunft dachte ich in diesen Wochen und Monaten nicht nach – zu selig und allumfassend war meine Gegenwart. Ich ging meiner Arbeit nach, ich traf meine Schwester und ab und an meine Freunde – vor allem aber verbrachte ich jede verfügbare Minute mit Sigmund.

Die Wohnung, die wir Schwestern gemeinsam gemietet hatten, hatte Lili fortan praktisch für sich allein. Sigmund hatte nicht zu viel versprochen: Seine Vermieter waren wirklich reizend, betrugen sich ihm gegenüber ein wenig wie Ersatzeltern und behandelten mich vom ersten Augenblick an als seine feste Freundin, das Mädchen, das zu ihm gehörte. Dennoch beschloss Sigmund recht bald, für uns beide eine Wohnung in der Innenstadt zu mieten, sodass wir uns nicht nur tagsüber treffen konnten, sondern auch die Nächte für uns hatten. Das kleine Appartement war unser Schwalbennest, unser gemeinsames Heim. Für mich war es schöner und behaglicher als jedes Schloss - ich fühlte mich wunschlos glücklich und verschwendete keinen Gedanken daran, dass dieses Glück zerbrechlich war.

Zu meiner Erleichterung war meine Schwester mit dem neuen Arrangement ganz zufrieden, denn sie hatte sich in diesem Frühling selbst zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Pino hieß der junge Mann, der bei derselben Fluggesellschaft arbeitete wie ich, ein temperamentvoller Italiener, der hervorragend zu Lili passte und sich auch mit mir und Sigmund glänzend verstand. Unsere Wochenenden verbrachten wir häufig zu viert, gingen ins Kino oder zum Essen, unternahmen Ausflüge oder tanzten uns in den Diskotheken Frankfurts Löcher in die Sohlen. Dass einer von uns einen Kaiser zum Urgroßvater und einen Vater hatte, der mit Kaiserliche Hoheit angesprochen wurde, spielte keine Rolle. Jung und verliebt, wie wir waren, fühlten wir uns alle wie Kaiser und Kaiserinnen, und überdies war die Monarchie in unseren beiden Ländern ja schon lange graue Vergangenheit.

Sobald es Sommer wurde, nahmen wir Urlaub und fuhren als Viergespann an die Côte d’Azur, die wir so sehr liebten, später weiter nach Saint-Tropez, wo wir ein geradezu idyllisches kleines Hotel für uns entdeckten. Vielleicht war dies der schönste Urlaub meines Lebens. Sigmunds Liebesflüstern, den bezaubernden Akzent, mit dem er Französisch zu mir sprach, habe ich bis heute im Ohr. Der Duft des blühenden Lavendels, das Glitzern des vor Hitze flirrenden Staubes und Sigmunds verhaltenes Lächeln sind für alle Zeit in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich fühlte mich vom Schicksal begünstigt und vergaß, dass ich Traurigkeit und Sorge gekannt hatte. Wenn man kaum zwanzig ist, rechnet man nie damit, dass Tänze unter weiten Sternenhimmeln zu Ende gehen, dass am Morgen der Kopf schmerzt und die Beine schwer sind und dass auf jeden leuchtenden Sommer die grauen Wolken und Stürme des Herbstes folgen.

Viel später versuchte ich mich zu erinnern, ob Sigmund und ich je von Heirat gesprochen hatten, aber ich konnte mich auf keine Gelegenheit besinnen. Zu selbstverständlich war für uns, dass wir zusammenbleiben würden - die Eintracht, die zwischen uns herrschte, bedurfte keiner feierlichen Schwüre. Sigmund war mir Freund und Geliebter in einem, ihm vertraute ich ganz, und eines Tages würde er mein Mann sein. Wie mein Leben als Frau eines Prinzen von Preußen aussehen würde, fragte ich mich ebenfalls nie. Schließlich war es Sigmund, den ich liebte, nicht das Haus Hohenzollern und erst recht kein verlorenes Kaiserreich.

Das verlorene Kaiserreich aber sollte sich nur allzu schnell wieder in Erinnerung rufen.

Empfang „bei Kaisers“

Natürlich ging unsere Urlaubszeit irgendwann zu Ende und wir mussten ins nasskalte Frankfurt zurück. Unserer Liebe tat das keinen Abbruch, doch in der ernüchternden Alltagswelt kamen jetzt gelegentlich Gedanken an die Welt jenseits unserer vier Wände auf. Wie standen unsere Familien zu unserer Verbindung? Meine eigenen Eltern waren schon durch Lili über alle Einzelheiten informiert. Sie mischten sich nicht ein, äußerten weder Begeisterung noch Bedenken. Wie aber sah es mit Sigmunds Vater aus? Ich wagte nicht, meinen Geliebten direkt danach zu fragen, weil ich insgeheim wohl Angst vor seiner Antwort hatte – da präsentierte er mir Anfang November mit strahlendem Lächeln eine Einladung.

Ich nahm ihm die schwere, cremefarbene Karte aus der Hand und starrte darauf, bis das eingeprägte Wappen und die gedruckten Zeilen vor meinen Augen verschwammen. Wieder einmal vermochte ich kaum zu glauben, was meine Augen erfassten: Seine kaiserliche Hoheit, Prinz Louis Louis Ferdinand von Preußen, bat mich – wahrhaftig mich, Fräulein Christiane Grandmontagne - zum großen Silvesterball des Jahres 1968 auf seine kaiserliche Residenz in Bremen.

Ich blickte auf. Mein Sigmund strahlte immer noch, in seinen Augen blitzte ein kleiner Schalk. Ich zögerte nicht länger, ließ die kostbare Karten fallen und warf ihm die Arme um den Hals. Sigmund zog mich an sich und hielt mich so fest, dass mir die Luft wegblieb. Wir wussten beide, was diese Einladung zu bedeuten hatte: Prinz Louis Ferdinand hatte mich damit offiziell als Partnerin seines Sohnes anerkannt. Falls ich inzwischen doch begonnen hatte, mir Sorgen zu machen, so verflogen sie in diesem Augenblick. Die Zeiten von Standesdünkel und Verlobungen aus Staatsräson waren ein für allemal vorüber – der Beweis dafür lag unübersehbar zu meinen Füßen. Eilig bückte ich mich, um die Einladung des Prinzen an mich zu nehmen, ehe sie zertreten wurde. Ich nahm mir vor, sie für immer aufzubewahren.

Tatsächlich waren Verbindungen mit Frauen, in deren Adern kein blaues Blut floss, nichts Neues für das Haus Hohenzollern. Sigmunds zwei älteste Brüder Friedrich Wilhelm und Michael hatten beide bürgerliche Partnerinnen geheiratet. Zwar waren sie dadurch von der Erbfolge ausgeschlossen, aber, so fragte ich mich, um was ging es denn bei diesem Erbe? Auch wenn Umfragen zufolge noch 25 Prozent aller Deutschen sich als Anhänger der Monarchie bezeichneten, würde das Kaisertum wohl kaum zurückkehren. Es hatte mit der Abdankung Kaiser Wilhelms II. nach dem Ersten Weltkrieg seinen endgültigen Schlusspunkt gefunden. Somit war es zwar eine Ehre, sich Chef des Hauses Hohenzollern nennen zu dürfen, aber tatsächliche Funktionen oder greifbare Macht waren damit nicht verbunden.

Mir selbst erschien all dies unwirklich, es hatte mit dem Leben, das wir führten, nichts zu tun, und für Sigmund war es ohnehin nicht von Bedeutung: Schließlich hatte er in Louis Louis Ferdinand junior, der in der Familie nur Lulu gerufen wurde, noch einen weiteren älteren Bruder, der eine standesgemäße Heirat eingehen konnte. Sigmund als viertgeborener Sohn kam also als Erbe gar nicht in Frage.

Dass mein Liebster über die Geste seines Vaters unendlich froh war, ließ sich nicht übersehen. So entspannt und beinahe übermütig wie in den Wochen vor dem Silvesterball hatte ich ihn selten erlebt. Mir war bewusst, wie viel ihm seine Familie bedeutete, welchen Respekt er seinem Vater entgegengebrachte und wie sehr ihm daran gelegen war, das Missfallen des gestrengen alten Herrn nicht zu erregen. Sigmund hatte mit inniger Liebe an seiner Mutter gehangen, die vor zwei Jahren verstorben war. Sooft er von der schönen Kira Kirillowna, deren Vater Großfürst von Russland und Oberhaupt des Hauses Romanow gewesen war, sprach, schlich sich eine stille Trauer in seine Stimme. Umso verständlicher war, dass er sich ein gutes Verhältnis zu seinem Vater wünschte. Nun denn, ich war entschlossen, mein Bestes zu geben und Sigmund nicht zu enttäuschen. Im Gegenteil, ich wollte bei seiner kaiserlichen Hoheit Eindruck machen!

In den Tagen der Vorbereitung schwankte ich zwischen überschäumendem Selbstbewusstsein und kaum erträglicher Nervosität. Einmal sagte ich mir, ich sei schließlich Miss Festival de Cannes gewesen und würde den Kaiserenkel schon um den Finger wickeln, dann wieder wurde ich mir jäh meiner Jugend und mangelnden Erfahrung bewusst und bekam es mit der Angst zu tun: Würde das ausgewählte Kleid – ein weiß-goldener Traum im Empire-Stil, der ein Vermögen gekostet hatte - den Ansprüchen des deutschen Hochadels standhalten? Saß meine Frisur, waren die Locken gefällig gelegt? Wusste ich angemessen, Konversation zu machen oder würde meine Stimme vor lauter Schüchternheit womöglich albern und piepsig klingen? Letzten Endes aber siegte die Vorfreude, das Glück, dieses Erlebnis mit Sigmund teilen zu dürfen. Als wir in strömendem Schneeregen schließlich in unser Auto stiegen, um die über 500 Kilometer von Frankfurt nach Bremen hinter uns zu bringen, alberten wir wie Kinder und sangen deutsche und französische Weihnachtslieder, begleitet vom Prasseln des Regens, der, je weiter wir nach Norden kamen, immer mehr in dichten Schneefall überging.

***

Was hatte ich erwartet?

Gewiss nicht, dass mich der Kaiserenkel persönlich am Tor der imposanten Residenz empfangen würde, dass er die Arme ausbreitete und mich wie eine Tochter mit einem Kuss willkommen hieß. Sagte man dem Mann nicht steife Förmlichkeit nach, galt er nicht sogar als unnahbar? Mir gegenüber aber war er die Herzlichkeit in Person. Schüchtern, wie ich mich fühlte, vollführte ich vor ihm einen viel zu tiefen Knicks. Er lachte leise, reichte mir seinen Arm und führte mich in sein Schloss. Mein Herz flog ihm zu – vor allem weil ich in seiner hochgewachsenen, schlanken Gestalt sofort den Vater meines Sigmund erkannte. In seinen lebhaften Augen konnte ich lesen, dass ich ihm nicht missfiel – die tiefen Falten, die sich in die Augenwinkel gruben, schienen an diesem Abend Lachfältchen zu sein.

Gleißende Helligkeit schlug mir entgegen. Es schien keinen Raum in dem weitläufigen Wohntrakt zu geben, der nicht mit Girlanden und Ballons für das große Ereignis geschmückt und durch unzählige Kerzen taghell erleuchtet war. Überall warteten kalte Büffets mit überladenen Schüsseln und Platten auf die hungrigen Gäste, standen Diener mit Tabletts bereit, um Champagner anzubieten, erfüllte festliche Musik die Gänge und Säle. Dennoch und trotz der vornehmen Roben, der Hochfrisuren und der glänzenden Juwelen herrschte eine beinahe familiäre Atmosphäre: Die Geschwisterschar der Hohenzollern, ihre Partner und Freunde bevölkerten das Haus und feierten ihr Wiedersehen. Sigmund war sichtlich stolz ob der bewundernden Blicke, die seine Brüder mir zuwarfen. Sein Vater jedoch wich nicht von meiner Seite, als hätte er sich auf keinen der Gäste an diesem Abend so sehr gefreut wie auf mich.

„Hat Ihnen mein Sohn erzählt, wie sehr ich Frankreich liebe?“, flüsterte er an meinem Ohr, während er mir ein Glas Champagner reichte. „Meine geliebte Frau ist in Paris gestorben. Wissen Sie, wie glücklich es mich macht, dass mein Sohn eine derart charmante französische Freundin hat?“

Ich wusste ihm darauf nicht einmal Antwort zu geben, so überwältigt fühlte ich mich. Dicht hinter uns hatte Prinz Louis Ferdinand wohl Sigmund entdeckt, der ungeduldig darauf wartete, mich wieder in die Arme zu schließen und mich seinen Freunden vorzustellen. „Mir bleibt keine Wahl, als Sie der Jugend zu überlassen“, raunte er mir zu. „Aber nicht für lange, dessen dürfen Sie sicher sein. Vergessen Sie es nicht: Mein Lieblingswalzer ist:

Der Kaiserwalzer

Ich betrachte es als abgemacht, dass Sie diesen Tanz heute Abend für mich reservieren.“

So verlegen ich war, konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als Sigmund mich an seine Seite zog. Der alte Herr hatte ohne Zweifel Charisma – und er wusste Komplimente zu machen wie ein französischer Charmeur, ohne dabei jedoch wie ein Lebemann zu wirken. Jetzt wusste ich, von wem Sigmund diese Qualitäten geerbt hatte – der Apfel fiel wahrlich nicht weit vom Stamm!

„Du hast eine Eroberung gemacht.“ Sigmunds Augen glänzten. Er nahm die Brille ab, beugte sich zu mir hinunter und küsste mich.

Es dauerte nicht lange, dann wurden wir in den Saal zum Tanz gebeten. Das Blumenmeer, das alle Tische schmückte, weckte Erinnerungen an die geliebte Insel Mainau – kaum vorstellbar, dass sich mitten im Winter eine solche Blütenpracht auftreiben ließ. Wir hatten uns kaum an unsere Plätze begeben, da begann die Musik, die ich nach den ersten Takten erkannte. Mein Herz begann, in völlig unvernünftigen Rhythmen zu schlagen – es war der Kaiserwalzer, und im selben Moment entdeckte ich auch schon Sigmunds Vater, der mit einem breiten Lächeln auf mich zukam. Galant verbeugte er sich. „Darf ich bitten?“

Es war ein Märchen. Mein Märchen. Vor den Augen aller Gäste eröffnete ich, die kleine Stewardess Christiane Grandmontagne, mit dem Oberhaupt des Hauses Hohenzollern den Silvestertanz. Hatte er mich damit nicht unwiderruflich als zukünftiges Familienmitglied aufgenommen? Der alte Herr tanzte ausgezeichnet. Er wirbelte mich herum, dass die Gesichter und Lichtfunken sich um mich drehten. Hin und wieder erhaschte ich in einer langsamen Figur seinen Blick voller Wohlwollen – und bevor der Walzer zu Ende ging und er mich schließlich meinem Liebsten übergab, zwinkerte er mir anerkennend zu.

An diesem Abend war ich überzeugt, dass Sigmund recht hatte: Sein Vater mochte mich, er war mit der Wahl seines Sohnes zufrieden. Ich hatte eine Eroberung gemacht.

***

Der Rest der Festnacht verstrich in heiterer Ausgelassenheit. Wir ließen uns die köstlichen Spezialitäten, die Deutschlands Norden zu bieten hat, schmecken, stießen mit Champagner immer wieder auf unser Glück im neuen Jahr an und genossen unser Zusammensein. Sigmunds Geschwister behandelten mich wie eine der ihren. Zwischen unseren Beinen tollte ein schwarzer Spanielwelpe, das vergötterte Haustier der Familie, herum und gewann mein Herz im Sturm. Schließlich besaß ich selbst einen Spaniel, meine goldbraune Hündin Quinnie, die in meinem Elternhaus auf mich wartete und die ich schmerzlich vermisste. „Morgen gehen wir mit ihm im Park spazieren“, versprach mir Sigmund. Ich konnte mir keinen schöneren Auftakt für das neue Jahr vorstellen.

Kurz vor Mitternacht schleppten Sigmunds Schwestern Kira und Xenia einen Kocher und eine Schale Wasser herbei, um beim Bleigießen einem jeden von uns zu deuten, was die Zukunft für uns bereithielt. Sigmund und ich bekamen einen Klumpen Blei, den wir gemeinsam vom Löffel ins kalte Wasser fallen ließen. „Ihr glaubt doch wohl nicht an solchen Quatsch?“, spottete Sigmunds Bruder Lulu, und seine Schwestern kicherten, während wir uns neugierig über die Schüssel beugten, um das seltsame Gebilde aus erkaltetem Blei zu erkennen. „Ist das ein Koffer?“, vermutete ich. Eine schöne Reise mit meinem Sigmund hätte mir als Versprechen fürs neue Jahr durchaus gefallen, steckten wir doch beide voller Abenteuerlust und Sehnsucht nach fernen Ländern. Sigmund aber ergriff meine Hand und schüttelte den Kopf. „Das ist ein Herz, meine Liebste. Frohes neues Jahr.“

Später bestand Prinz Louis Ferdinand darauf, dass ich auf Kosten des Hauses meine Familie anrief, um allen ein schönes 1969 zu wünschen. Meine Mutter hörte an meiner Stimme, wie glücklich ich war, und wünschte mir, dass es so bliebe. Ich selbst hegte daran nicht den geringsten Zweifel.

Zum Schlafen hatte mir Sigmund ein gemütliches Zimmer im nahegelegenen Hotel gemietet, während er selbst mit seiner Familie in der Residenz übernachten sollte. In dieser Nacht aber waren wir einfach nicht in der Lage, uns voneinander zu trennen, und so blieb mein Liebster bei mir. Eng umschlungen begrüßten wir die ersten Stunden des angebrochenen Jahres. Sigmund fand kein Ende, mir französische Liebesworte ins Ohr zu flüstern und mich mit seiner Zärtlichkeit zu überschütten. Erst im Morgengrauen fiel ich in Schlaf, erwachte aber gleich darauf wieder, weil Sigmund mich küsste. Als ich die Augen aufschlug, sah ich ihn fertig angezogen vor dem Bett knien.

„Ich schleiche mich rasch zum Frühstück nach drüben“, flüsterte er und schenkte mir sein unwiderstehliches, verschmitztes Lächeln. „Du schlaf weiter, meine Liebste. Zum Mittagessen mit der Familie hole ich dich ab.“

Tatsächlich war ich wieder eingeschlafen, kaum dass er den Raum verlassen hatte - so wie nur Menschen schlafen, die sehr jung, von der Liebe erschöpft und restlos glücklich sind.

Aus Liebe wird Leben

Wäre der Beginn des Jahres 1969 tatsächlich ein Vorzeichen für dessen weiteren Verlauf gewesen, so hätte ein Jahr in blendendem Sonnenschein, unter ungetrübtem Himmel vor mir liegen müssen. Noch immer sehe ich jede Einzelheit, als sei es gestern gewesen: Glitzernd und unversehrt erstreckte sich die Schneedecke über das weite Land und verlieh ihm einen märchenhaften Zauber. Am Eingang des Hotels erwartete mich mein Sigmund, um mich ins Haus seiner Familie zu geleiten. Ich erkannte ihn kaum wieder - mein sonst eher wortkarger Prinz überschlug sich beinahe vor Aufregung und redete in einem fort. „Vater ist einfach begeistert von dir. Er freut sich so, dich und Lulus Freundin gleichzeitig zum Mittag bei sich zu haben. Ich habe ihm erzählt, dass du eine kleine Frostbeule bist, und was soll ich dir sagen, sofort hat er sämtliche Steingutöfen einheizen lassen!“