Der Retter in der Not - Toni Waidacher - E-Book

Der Retter in der Not E-Book

Toni Waidacher

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Beschreibung

Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 13 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Toni Waidacher versteht es meisterhaft, die Welt um seinen Bergpfarrer herum lebendig, eben lebenswirklich zu gestalten. Er vermittelt heimatliche Gefühle, Sinn, Orientierung, Bodenständigkeit. Zugleich ist er ein Genie der Vielseitigkeit, wovon seine bereits weit über 400 Romane zeugen. Diese Serie enthält alles, was die Leserinnen und Leser von Heimatromanen interessiert. Als Sophie Tappert mit ihrem Einkaufswagen einen der Gänge zwischen den Regalen im Supermarkt Herrnbacher verließ und in den nächsten einbog, kam es beinahe zum Crash mit dem Einkaufswagen einer anderen Kundin. Die beiden Wagen wurden erschreckt angehalten, und Sophie stieß aufgeregt hervor: »Jetzt hätt's um ein Haar gekracht, Martina. Am Ende hätten wir dem Herrnbacher-Karl noch Schadenersatz leisten müssen, wenn wir seine Wagen verbogen hätten.« »So einen kleinen Crash müssten die schon aushalten«, erwiderte Martina. »Wenn net, dann taugen s' nix. Wie gehts denn allweil so, Sophie? Ich hoff' bei euch im Pfarrhaus ist alles wie gehabt, ich mein', alles hat seine Ordnung und läuft nach Plan.« »Ja, bei uns ist alles in Ordnung, Martina«, antwortete Sophie. »Wär's net so, wüsst' das innerhalb kürzester Zeit die ganze Gemeinde. So was würd' sich schneller verbreiten als ein Lauffeuer. Nein, wir können net klagen. Bei euch auf dem Hof, hoff' ich, läuft auch nix aus dem Ruder.« »Soweit ist alles gut. Der Heinrich ist halt als landwirtschaftlicher Berater viel unterwegs. Das heißt, dass die Arbeit an mir, am Gustl und an der Gabi hängen bleibt.« »Dann habt es ihr drei auch net besonders einfach«, gab Sophie zu verstehen. »Wenn die Arbeit für vier Leut' auf drei Leut' aufgeteilt werden muss, dann ist das spürbar.«

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der Bergpfarrer – 538 –Der Retter in der Not

Als der Hof am Abgrund stand

Toni Waidacher

Als Sophie Tappert mit ihrem Einkaufswagen einen der Gänge zwischen den Regalen im Supermarkt Herrnbacher verließ und in den nächsten einbog, kam es beinahe zum Crash mit dem Einkaufswagen einer anderen Kundin. Die beiden Wagen wurden erschreckt angehalten, und Sophie stieß aufgeregt hervor: »Jetzt hätt’s um ein Haar gekracht, Martina. Am Ende hätten wir dem Herrnbacher-Karl noch Schadenersatz leisten müssen, wenn wir seine Wagen verbogen hätten.«

»So einen kleinen Crash müssten die schon aushalten«, erwiderte Martina. »Wenn net, dann taugen s‘ nix. Wie gehts denn allweil so, Sophie? Ich hoff‘ bei euch im Pfarrhaus ist alles wie gehabt, ich mein‘, alles hat seine Ordnung und läuft nach Plan.«

»Ja, bei uns ist alles in Ordnung, Martina«, antwortete Sophie. »Wär’s net so, wüsst‘ das innerhalb kürzester Zeit die ganze Gemeinde. So was würd‘ sich schneller verbreiten als ein Lauffeuer. Nein, wir können net klagen. Bei euch auf dem Hof, hoff‘ ich, läuft auch nix aus dem Ruder.«

»Soweit ist alles gut. Der Heinrich ist halt als landwirtschaftlicher Berater viel unterwegs. Das heißt, dass die Arbeit an mir, am Gustl und an der Gabi hängen bleibt.«

»Dann habt es ihr drei auch net besonders einfach«, gab Sophie zu verstehen. »Wenn die Arbeit für vier Leut‘ auf drei Leut‘ aufgeteilt werden muss, dann ist das spürbar.«

Martina seufzte. »Das ist so. Manchmal ist der Heinrich eine ganze Woche net daheim. In ganz Bayern muss er herumreisen und Landwirte beraten. Ich hab‘ ihn schon gefragt, wie lange er diesen Job noch machen möcht‘. Die Antwort ist er mir schuldig geblieben. Er hat nur erklärt, dass es ihm Spaß macht, den Bauern zu erklären, wie sie die Rentabilität und Nachhaltigkeit ihrer Betriebe verbessern können.« Martina zuckte mit den Schultern. »Manchmal hab‘ ich das Gefühl, dass der Heinrich froh ist, wenn er dem Hof den Rücken kehren kann und für ein paar Tage nix hört und nix sieht von daheim. Ich steh‘ da machtlos vis-à-vis. Na ja, nach achtundzwanzig Jahren Ehe ist in die Beziehung eh längst der Alltag eingekehrt. Der Lack ist gewissermaßen ab.« Martina lächelte etwas gequält. »Das ist halt so. Anderen Ehepaaren wirds net viel anders gehen. Die Zeit, in der Süßholz geraspelt wird, hört irgendwann auf. Da muss man einfach durch.«

»Mit der Gabi und dem Niederegger-Thomas ist schätzungsweise auch alles in Ordnung«, sagte Sophie. »Ab und zu hört man, dass die beiden entweder beim Tanz im Löwen oder in einem Biergarten gesehen worden sind.«

»Die sind ein Herz und eine Seele«, erklärte Martina. »Wenn du mich fragst, Sophie, dann sind die beiden füreinander geschaffen. Der Thomas trägt das Madel gewissermaßen auf Händen.« Martina seufzte erneut. »So verliebt waren der Heinrich und ich auch mal. Aber das ist lange her. Sollten die Gabi und der Thomas mal heiraten, wovon ich ganz fest ausgeh‘, wird ihnen das auch blühen. Irgendwann holt jeden der Alltag auf den Boden der Tatsachen zurück, und Liebe ist plötzlich nur noch ein Wort.«

»Du klingst ja recht resigniert, Martina«, konstatierte die Pfarrhaushälterin.

»Was heißt resigniert, Sophie? Ich hab‘ mich halt mit den Gegebenheiten abgefunden. Der Heinrich und ich verstehen uns, wir streiten net, wir verkehren auf Augenhöhe miteinander. Ich find‘, mehr ist nach so vielen Jahren Ehe auch nimmer nötig. Man respektiert und wertschätzt sich, aber die Schmetterlinge flattern nimmer und das Herz behält seinen normalen Rhythmus bei, wenn man den anderen sieht.«

Sophie lachte amüsiert auf. »Das hast du schön ausgedrückt, Martina. Mir sagt das, dass ihr auf dem Hof alle miteinander gut auskommt. Und das ist doch wichtig.«

»So seh‘ ich das auch, Sophie. So, jetzt muss ich weiter. Daheim wartet ein Haufen Arbeit auf mich. Grüß mir den Hochwürden. Am Sonntagfrüh seh‘ ich ihn ja wieder, wenn er die Morgenmesse hält. Während der Woche fehlt mir die Zeit. In der Stund‘, in der die Morgenandacht stattfindet, melk‘ ich die Kühe und mist‘ den Stall aus.«

»Richt‘ ich ihm aus, Martina. Von mir schöne Grüße an daheim. Ihr seid ein prächtiges Team, und ihr schultert die Mehrarbeit, die euch der Beraterjob Heinrichs beschert.«

»Schauen wir mal, wie lang das so geht«, entgegnete Martina. »Krank darf keiner werden. Falls noch einer ausfällt, wirds eng.«

»Toi, toi, toi«, erwiderte Sophie. »Pfüat di, Martina. Einen angenehmen Tag noch.«

»Dir auch, Sophie. Behüt‘ dich Gott.«

Sophie zog ihren Wagen ein Stück zurück, sodass Martina den Gang verlassen konnte. Und während Martina ihren Wagen zur Kasse schob, fuhr Sophie fort, ihren Einkauf zu erledigen. Als sie später an der Kasse stand, hatte Martina längst den Supermarkt verlassen.

»Die Ramsauerbäuerin ist net zu beneiden«, bemerkte Elsbeth Herrnbacher, die an der Kasse saß, während sie Sophies Einkauf Stück für Stück über den Scanner zog. »Irgendwann wächst ihr die Arbeit über den Kopf, und dann haben s‘ auf dem Ramsauerhof ein Problem.«

»Sollt’s so kommen, was der Himmel verhüten möge«, erwiderte Sophie, »dann muss der Heinrich seine Beratertätigkeit aufgeben. Dann wird ihm gar nix anderes übrig bleiben.«

Sie hatte die gescannten Waren in den Einkaufswagen zurückgelegt. Elsbeth Herrnbacher nannte den Preis, den sie zu zahlen hatte. Sophie beglich die Rechnung, dann verabschiedete sie sich von der Gattin des Supermarktinhabers, fuhr zu einer Ablage und bestückte zwei Tragetaschen aus Leinen mit ihrem Einkauf. Den Wagen stellte sie in die Reihe der anderen Einkaufswagen zurück, dann verließ sie, in jeder Hand eine der prall gefüllten Tragetaschen, das Geschäft.

Als sie beim Pfarrhaus ankam, schwitzte sie. Ihr Gesicht hatte sich gerötet, in ihren Augenhöhlen glitzerten kleine Schweißperlen. Es war früher Nachmittag, die Sonne stand senkrecht über dem Wachnertal und legte einen flirrenden Hitzeschleier über die drei Gemeinden sowie über Äcker, Felder und Wiesen. Menschen und Tiere litten unter der anhaltenden Trockenheit, die mit der Hitzewelle einherging.

Der Pfarrer, der in seinem Büro arbeitete, hörte seine Haushälterin an der Haustür und ahnte, dass sie wieder viel zu schwer schleppte. Schnell erhob er sich, verließ sein Büro, und traf im Flur auf sie. Wortlos nahm er ihr die beiden Tragetaschen ab, trug sie in die Küche und stellte sich auf den Tisch. »Ihnen kann man sagen, was man will, Frau Tappert«, erregte er sich, »Sie wollen einfach net hören. Warum schleppen S‘ so viel Zeug auf einmal? Bei dieser Hitze! Schauen S‘ sich mal ihren roten Kopf an. Da wird einem ja angst und bang‘. Mal trifft Sie der Schlag, Frau Tappert. Was dann?«

»Ich will net so oft in den Ort gehen, Hochwürden. Das müsst‘ ich aber, wenn ich immer nur ein bissel was einkauf‘. Die Gefahr, der Erbling-Maria zu begegnen, ist immens. Ich leg‘ allerdings keinen allzu großen Wert drauf, der Klatschbase in die Hände zu fallen. Ratsch und Tratsch muss ich net haben, Hochwürden.«

»Das ist zwar ein Argument, Frau Tappert, aber lieber einmal öfter der Erbling-Maria in die Fänge geraten, als vor Überbelastung vom Schlag getroffen zu werden. Und manchmal kommt ja auch was Brauchbares aus dem Mund der Maria.«

»Der Schmarren, den sie verzapft, überwiegt, Hochwürden. Um mir den anzuhören, ist mir meine Zeit zu schade. Machen S‘ sich keine Gedanken. Noch schaff‘ ich es, zwei Beutel voll Ware nach Hause zu tragen. Dass ich ein bissel schwitz‘, ist ja kein Wunder bei dieser Hitze. Ich hab‘ im Übrigen die Ramsauer-Martina getroffen. Sie lässt Ihnen schöne Grüße bestellen.«

»Danke. Ich seh‘ die Martina alle Sonntag in der Frühmesse. Wie läuft’s denn auf dem Hof?«

»Die Martina hat über die viele Arbeit geklagt. Der Heinrich ist nebenbei doch als landwirtschaftlicher Berater tätig und sehr viel unterwegs. Seine Arbeit müssen die Martina, der Gustav und die Gabi erledigen. Das belastet die drei natürlich zusätzlich. Wenn ich die Martina richtig verstanden hab‘, dann denkt der Heinrich gar net dran, diese Nebentätigkeit aufzugeben. Die Martina meint sogar, dass er froh ist, wenn er ein paar Tage rauskommt und nix hört und nix sieht von daheim.«

»Bei dem wird doch net etwa der zweite Frühling ausgebrochen sein«, versetzte Sebastian. »Er ist, wenn ich mich net täusch‘, Mitte fünfzig. Und Gelegenheit macht Diebe.«

»Wenn’s so wär‘, dann könnten Sie es auch net ändern, Hochwürden«, murmelte Sophie. »Aber dahingehend hat die Martina keine Andeutungen gemacht. Also glaub‘ ich auch net, dass da irgendetwas läuft. Aber – trau, schau, wem.«

»Wir wollen net hoffen, dass es so ist«, brummte Sebastian. »Ich kann mir allerdings net vorstellen, dass der Heinrich was aufs Spiel setzt. Und das tät er, hätt‘ er irgendwelche unlauteren Flausen im Kopf.«

»Ich trau’s ihm auch net zu«, erklärte Sophie, dann machte sie sich daran, die Beutel auszuräumen.

Sebastian aber kehrte in sein Büro zurück.

*

Der Sonntag kam und der Pfarrer las die Morgenmesse. Nach der Messe zog er in der Sakristei sein Messgewand aus, schlüpfte in seine schwarze Jacke mit dem kleinen, goldenen Kruzifix am Revers, und trat hinaus auf den Pfarrplatz. Die Sonne stand im Osten dicht über den Bergen, die das Wachnertal säumten. Die Kastanienbäume und Linden auf dem Platz vor der Kirche warfen lange Schatten. Es hatten sich mehrere kleine Gruppen gebildet, die die Ereignisse der vergangenen Tage diskutierten. Das war Tradition. Dieser sonntägliche Plausch nach der Morgenandacht gehörte dazu, wie das Evangelium während und der Segen am Ende der Messe.

Bei einer der Gruppen erkannte der Bergpfarrer die gesamte Familie Ramsauer. Heinrich Ramsauer führte das Wort. Zwei weitere Paare standen dabei und lauschten dem, was er zu erzählen wusste.

Sebastian, der erst drei Tage vorher mit seiner Haushälterin über die Familie gesprochen hatte, dachte sich, dass ein bisschen Small Talk mit den Leuten nicht schaden konnte, und gesellte sich der Gruppe hinzu. »Habe die Ehre, alle zusammen«, grüßte er und lächelte verbindlich. »Freut mich, dass ihr zur Messe gekommen seid.« Er richtete den Blick auf Heinrich Ramsauer. »Du bist also auch einmal wieder daheim, Heiner.«

Heinrich Ramsauer schaute den Pfarrer fragend an.

»Ich hab‘ vor drei Tagen die Frau Tappert beim Herrnbacher getroffen«, beeilte sich Martina, die Gattin Heinrichs, zu sagen, »und hab‘ ihr erzählt, dass dich deine Beratertätigkeit ziemlich auf Trab hält.«

»Ach so«, stieß Heinrich hervor. »Ja, das ist so, Herr Pfarrer. Wenn ich Pech hab‘, muss ich hinauf bis nach Aschaffenburg, oder bis hinüber nach Passau. Die Anforderungen an mich werden immer größer.«

»Und die Arbeit bleibt an uns hängen«, meldete sich die sechsundzwanzigjährige Gabriele zu Wort. Es klang geradezu vorwurfsvoll, fast ein bisschen aggressiv.

Heinrich winkte ab. »So schlimm ist das gar net, Herr Pfarrer. Aber ich hab‘ nun einmal den Job angenommen, und nun kann ich net einfach wieder abspringen. Was würden denn die Verantwortlichen beim ›Landeskuratorium für pflanzliche Erzeugung in Bayern‹ sagen, wenn ich ihnen jetzt erklären würd‘, dass ich aufhören möcht‘, in einer Zeit, in der die Beratung der Landwirte notwendig ist, wo doch die Betriebe net nur rentabel, sondern auch nachhaltig arbeiten sollen.«

»Oft bist du net daheim, Papa«, warf Gabriele ihrem Vater vor. Sie erntete dafür von ihm einen genervten Blick.

»Sind denn die Berater beim Landeskuratorium so dünn gesät?«, fragte Sebastian.

»Ja, wir sind unterbesetzt. Und wenn man mich anruft und mich beauftragt, irgendwo in Bayern eine Beratung durchzuführen, dann frag‘ ich net, ob das notwendig ist oder ob man keinen anderen Berater schicken kann. Ich hab‘ A gesagt, also muss ich auch B sagen.«

»Das ist eine lobenswerte Einstellung, Heiner«, erklärte Sebastian. »Aber deine Bereitschaft, jeden Job anzunehmen, den man dir zuweist, geht zulasten deiner Familie. Hast du daran schon einmal gedacht?«

»Natürlich, Herr Pfarrer. Ich denk‘ bei allem, was ich mach‘, an meine Familie. Es ist ja net so, dass ich die Beratungstätigkeit umsonst machen müsst‘. Ich krieg‘ Geld dafür. Umsonst ist nämlich der Tod, und der kostet das Leben. Da die Gewinne in der Landwirtschaft auch nimmer das sind, was sie mal waren, kommt uns das Geld, das ich zusätzlich verdien‘, willkommen.«

»Na ja«, sagte der Pfarrer. »Ich kann dir in dieser Sache nix dreinreden. Das müsst ihr in der Familie klären. Die Gefahr, dass deiner Frau und der Gabi sowie dem Gustl die Arbeit über den Kopf wächst, ist halt groß. Wann bist du denn wieder auf Achse?«

»Übermorgen«, antwortete Heinrich. »Ich muss nach Franken, in die Nähe von Nürnberg. Dort bin ich bis Freitag.« Er hob wie bedauernd die Hände, ließ sie wieder sinken und fügte hinzu: »Ja mei, das ist halt so, und ich kanns net ändern. Beim Landeskuratorium bauen sie auf mich. Es wär‘ doch net die feine englische Art, würd‘ ich plötzlich hinschmeißen.«

»Das kannst nur du selber entscheiden«, erwiderte Sebastian. »Na schön, Leut‘, dann will ich euch net länger stören. Ich wünsch‘ allseits noch einen schönen Sonntag. Servus.«

Sein Gruß wurde aus mehreren Kehlen erwidert.

Heinrich Ramsauer wandte sich wieder den beiden Paaren zu. »Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja ...«

Während er sprach, steuerte Sebastian auf das Pfarrhaus zu. Er freute sich auf das üppige Frühstück, das ihm Sophie Tappert Tag für Tag kredenzte, nach der Devise: Iss morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König, abends wie ein Bettelmann.

Als er das Pfarrhaus betrat, stand Sophie in der Küchentür und sagte: »Ich hab‘ Sie durchs Küchenfenster mit dem Heiner sprechen sehen, Hochwürden. Haben S‘ ihn wohl darauf angesprochen, dass er für seinen Beraterjob die Arbeit im eigenen Betrieb zu einem großen Teil seiner Frau und den beiden Kindern überlässt?«

»Ja, darauf hab‘ ich ihn angesprochen. Er meint, es wär‘ schäbig, wenn er plötzlich abspringen würd‘. Außerdem hat er mir verraten, dass er für seine Beratertätigkeit auch entlohnt wird, und dass sie das Geld ganz gut brauchen könnten, da der Hof längst nimmer die Gewinne abwirft, die er schon mal abgeworfen hat.«

»Dass die Martina, die Gabi und der Gustl bald nimmer wissen, wo ihnen der Kopf steht vor lauter Arbeit, das interessiert ihn wohl net?«

»Soviel ich mitgekriegt hab‘, hat die Gabriele von allen Familienmitgliedern, die betroffen sind, am wenigsten Verständnis«, erklärte Sebastian. »Sie hat jedenfalls kein Blatt vor den Mund genommen. Ich möcht‘ sagen, sie war fast ein bissel patzig.«

»Ja mei, Hochwürden, ist es ein Wunder? Das Madel ist in den Niederegger-Thomas verliebt, und wenn’s abends todmüde von der Arbeit ist, dann dürft‘ die Liebe auch drunter leiden und zu kurz kommen. Die Jungverliebten wollen doch einander nahe sein, sie wollen sich verliebt in die Augen schauen und vielleicht sogar Zukunftspläne schmieden. Wenn aber die Gabi vor Erschöpfung nimmer die Augen aufbringt ...«

»Auf diesem Gebiet kenn‘ ich mich net so gut aus, Frau Tappert«, antwortete Sebastian lachend. »Die Ramsauerleut‘ werden schon untereinander auf einen grünen Zweig kommen. Wenn der Heiner feststellt, dass seine Frau und die Kinder mit der Arbeit nimmer fertig werden, dann wird er sich gewiss was einfallen lassen. Ihm wird dann nix anderes übrig bleiben, als mit der Beratertätigkeit kürzerzutreten. – Da will ich mich net einmischen, Frau Tappert. Ich glaub‘ auch gar net, dass man das von mir erwartet. Und dem Heiner würd’s sicherlich auch gar net passen.«

»Recht haben S‘, Hochwürden. Jeder ist selbst seines Glückes Schmied. - Im Esszimmer wartet ein reichlich gedeckter Tisch auf Sie. Ich wünsch‘ einen guten Appetit. Den Kaffee bring‘ ich sofort.«

»Sie sind wieder einmal wie eine Mutter zu mir, Frau Tappert«, schmunzelte Sebastian, und in seinen Augen funkelte der Schalk.

»Ich will ja net, Hochwürden, dass Sie mir vom Fleisch fallen«, erwiderte die warmherzige Haushälterin lachend. »Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, sagt man. Ich sorg‘ halt für Ihre körperliche Gesundheit und Ihr seelisches Wohlbefinden, Hochwürden.«

»Was ich Ihnen hoch anrechne, Frau Tappert«, erklärte Sebastian, und es kam von Herzen.

*

Es ging auf neunzehn Uhr zu, als ein Auto auf den Hof des Ramsaueranwesens fuhr. Es handelte sich um einen schwarzen VW Golf. Die Familie – abgesehen von Gabriele – saß in der Küche. Man hatte zu Abend gegessen, und nun wollte man in den gemütlichen Teil des Tages übergehen.

Als Heinrich den Motor des Autos vernahm, erhob er sich, trat ans Fenster heran, und knurrte: »Weil ich nur den schon wieder seh‘. Ich versteh‘ das Madel net. Wie kann man sich in einen solchen Hungerleider verlieben? Der ist nix, der hat nix, der wird nie was werden und wird auch nie was haben. Dabei hätt‘ das Madel doch ganz andere Möglichkeiten.«

Er beobachtete, wie der junge Bursche, der am Steuer des Autos saß, ausstieg und sich dem Haus näherte.

Im Treppenhaus waren schnelle Schritte zu hören. Im nächsten Moment streckte Gabriele den Kopf zur Tür herein. Die Sechsundzwanzigjährige rief: »Ich geh‘ dann mal. Bis um zehn Uhr bin ich schätzungsweise wieder zu Hause.«

»Schon recht, Gabi«, erwiderte ihre Mutter. »Komm‘ nur net zu spät. Morgen Früh müssen wir alle bald aus den Federn.«