Kämpf um deine Liebe, Ingeborg - Toni Waidacher - E-Book

Kämpf um deine Liebe, Ingeborg E-Book

Toni Waidacher

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Beschreibung

Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 13 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Toni Waidacher versteht es meisterhaft, die Welt um seinen Bergpfarrer herum lebendig, eben lebenswirklich zu gestalten. Er vermittelt heimatliche Gefühle, Sinn, Orientierung, Bodenständigkeit. Zugleich ist er ein Genie der Vielseitigkeit, wovon seine bereits weit über 400 Romane zeugen. Diese Serie enthält alles, was die Leserinnen und Leser von Heimatromanen interessiert. Es war Mittwochmorgen. Sebastian hatte die Morgenmesse gelesen und kehrte nun ins Pfarrhaus zurück. Es roch verführerisch nach frischen Semmeln oder Stangerln und nach frisch gebrühtem Kaffee. Er sog den Duft durch die Nase ein, trat in die Küchentür und sagte: »Hier riecht's ja wieder einmal wie in einem Wiener Caféhaus, Frau Tappert. Da läuft einem ja geradezu das Wasser im Mund zusammen.« »Dann setzen S' sich nur gleich an den Frühstückstisch, Hochwürden«, erwiderte Sophie und schenkte Sebastian ein warmes, mütterliches Lächeln. Ihr war es ein innerliches Bedürfnis, dem Pfarrer, für den sie wie für einen leiblichen Sohn empfand, den Tag so angenehm wie möglich zu gestalten. Den Anfang machte sie mit einem reichhaltigen Frühstück. Für sie war es die wichtigste Mahlzeit des Tages. »Ich muss nur noch das Ei aus dem Wasser nehmen und es abschrecken.« »Wenn ich Sie net hätt', Frau Tappert«, bekannte der Pfarrer, und es kam von Herzen. »Dann hätten S' eine andere Haushälterin, Hochwürden«, versetzte Sophie bescheiden. »Aber wahrscheinlich keine, die mich so umsorgen würd' wie Sie«, versetzte Sebastian. »Sie sind wie eine Mutter zu mir.« »Sie würd' ich auch sofort an Sohnes statt annehmen, Sie und Ihren Bruder«, erklärte Sophie lachend.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der Bergpfarrer – 541 –Kämpf um deine Liebe, Ingeborg

Eine junge Frau stellt sich ihrer Zukunft

Toni Waidacher

Es war Mittwochmorgen. Sebastian hatte die Morgenmesse gelesen und kehrte nun ins Pfarrhaus zurück. Es roch verführerisch nach frischen Semmeln oder Stangerln und nach frisch gebrühtem Kaffee. Er sog den Duft durch die Nase ein, trat in die Küchentür und sagte: »Hier riecht’s ja wieder einmal wie in einem Wiener Caféhaus, Frau Tappert. Da läuft einem ja geradezu das Wasser im Mund zusammen.«

»Dann setzen S‘ sich nur gleich an den Frühstückstisch, Hochwürden«, erwiderte Sophie und schenkte Sebastian ein warmes, mütterliches Lächeln. Ihr war es ein innerliches Bedürfnis, dem Pfarrer, für den sie wie für einen leiblichen Sohn empfand, den Tag so angenehm wie möglich zu gestalten. Den Anfang machte sie mit einem reichhaltigen Frühstück. Für sie war es die wichtigste Mahlzeit des Tages. »Ich muss nur noch das Ei aus dem Wasser nehmen und es abschrecken.«

»Wenn ich Sie net hätt‘, Frau Tappert«, bekannte der Pfarrer, und es kam von Herzen.

»Dann hätten S‘ eine andere Haushälterin, Hochwürden«, versetzte Sophie bescheiden.

»Aber wahrscheinlich keine, die mich so umsorgen würd‘ wie Sie«, versetzte Sebastian. »Sie sind wie eine Mutter zu mir.«

»Sie würd‘ ich auch sofort an Sohnes statt annehmen, Sie und Ihren Bruder«, erklärte Sophie lachend.

Sebastian begab sich ins Esszimmer, wo der Tisch reichlich gedeckt war. Zwei frische Stangerln, die Sophie schon aufgeschnitten hatte, Butter, Marmelade, Wurst und Käse ... Auf einem Stövchen aus Porzellan, in dem ein Teelicht brannte, stand die Glaskanne mit dem Kaffee.

Sebastian setzte sich und schenkte sich Kaffee ein, bereitete ihn mit Milch und etwas Zucker auf, dann griff er nach einer der Stangerlhälften. Sophie betrat das Esszimmer, in der Hand einen Eierbecher mit dem weichgekochten Ei. Sie stellte ihn auf den Tisch. »Lassen Sie’s sich schmecken, Hochwürden«, wünschte sie. »Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.«

»Gibts was Neues?«, fragte der Pfarrer. »Haben S‘ denn net die Erbling-Maria getroffen. Der laufen S‘ doch zur rechten Zeit in die Hände, und die Maria hat doch immer irgendeine Geschichte auf Lager.«

»Nein, die Maria hab‘ ich net getroffen, Hochwürden. Deswegen bin ich aber auch gar net traurig. Meistens ist es doch eh bloß Ratsch und Tratsch, was die Maria zum Besten gibt. Oder sie lamentiert wegen ihren täglichen Zipperlein. Als wenn unsereinem net auch mal was wehtät‘. Mit der Argauer-Karina hab‘ ich vor der Bäckerei kurz geplaudert. Das Madel hat mir von der Striegl-Ingeborg erzählt. Die zwei waren während der Schulzeit die besten Freundinnen. Auch später noch. Seit aber die Eltern der Ingeborg vor drei Jahren bei dem Autounfall ums Leben gekommen sind, hat sich das Leben der Ingeborg grundlegend verändert. Die beiden Freundinnen sehen sich fast nimmer, die Ingeborg hockt nur noch daheim, und wenn die Karina net ab und zu mit ihr telefonieren würd‘, sagt sie, müsst‘ sie annehmen, die Ingeborg gäb’s gar nimmer.«

»Was ist denn los mit dem Madel?«, fragte der Pfarrer, der die Stangerlhälfte dünn mit Butter bestrich. »Nach drei Jahren müsst‘ es doch über den Tod seiner Eltern hinweggekommen sein. Das war freilich hart, damals. Aber das Leben geht doch weiter, und nach drei Jahren muss man es sowohl mit dem Verstand als auch mit Herzen akzeptiert haben, dass man zwei liebe Menschen verloren hat.«

»Um das gehts im Fall der Ingeborg gar net, Hochwürden. Es ist ihr älterer Bruder, der Reinhold. Er behandelt die Ingeborg wie eine Magd. Der Freundlichste war er ja noch nie, der Striegl-Reinhold. Aber nach dem Tod der Eltern hat er die Regie auf dem Strieglhof übernommen, und er führt sich auf wie ein Despot. Die Ingeborg und der Joachim haben nach seiner Pfeife zu tanzen. Die beiden fürchten ihn und seine wechselhaften Stimmungen – so die Karina. Der Joachim begehrt manchmal auf, aber dann fertigt ihn der Reinhold ab und der Joachim kuscht.«

»Stimmt«, sagte Sebastian. »Der Reinhold war schon immer ein recht mürrischer Gesell‘. Aber im Grund seines Herzens war er doch verträglich. Er ist halt net auf die Leut‘ zugegangen, und weil er sich immer sehr zurückgehalten hat, hat man ihm Arroganz und Unfreundlichkeit nachgesagt. Dass er seine Geschwister halten soll wie ein paar Leibeigene, das kann ich mir ja gar net vorstellen.«

»Die Argauer-Karina behauptet es, Hochwürden. Und sie würd‘ sich hüten, so etwas in die Welt zu setzen, wenn’s net so wär‘. Es ist ja auch net so, dass sich die Ingeborg bei ihr beklagt hätt‘. Aber wenn sie und die Karina miteinander telefonieren, lässt sie’s immer wieder durchblicken. Der Reinhold soll eine richtige Zwiderwurzn geworden sein.«

»Ich seh‘ die Ingeborg manchmal vorbeigehen, wenn sie das Grab ihrer Eltern besucht«, murmelte Sebastian, und es hatte den Anschein, als würde er laut denken. Seine Stimme hob sich ein wenig, als er weitersprach. »Hin und wieder seh‘ ich die drei Geschwister auch am Sonntag in der Frühmesse«, sagte er. »Der Reinhold schaut zwar immer ausgesprochen finster drein, aber dieses Gschau hat er doch schon als Bub und als Jugendlicher gehabt. Es hat nie was zu bedeuten gehabt.«

»Jetzt scheint sich sein Gemüt seinem Gschau angepasst zu haben, Hochwürden«, sagte Sophie.

»Wenn ich die Ingeborg wieder mal seh‘, red‘ ich sie an«, gab Sebastian zu verstehen. »Das Madel ist zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt. Ihr Bruder kann doch net wollen, dass es sich auf dem Hof vergräbt. Das ist ein Alter, in dem das Leben erst so richtig beginnt.«

»Ich seh‘ die Ingeborg ja auch hin und wieder am Pfarrhaus vorbei auf den Friedhof gehen, Hochwürden«, sagte Sophie. »Einen besonders glücklichen Eindruck vermittelt sie in der Tat net.«

»Ich werd‘ herausfinden, was sich auf dem Strieglhof abspielt, Frau Tappert. Sollt‘ der Reinhold seine Schwester wirklich wie eine Dienstmagd behandeln, werd‘ ich ihn mir zur Brust nehmen. Das Madel hat die gleichen Rechte wie er auf dem Hof. Soviel ich weiß, hat es kein Testament gegeben, als der Strieglbauer und seine Frau gestorben sind. Also gehört der Hof den Geschwistern zu gleichen Teilen, und keiner von ihnen darf über die anderen bestimmen.«

»Wahrscheinlich denkt der Reinhold, weil er der Älteste ist, muss man das Sagen auf dem Hof ihm überlassen«, verlieh Sophie ihrer Vermutung Ausdruck. »Sicher, die meiste Lebenserfahrung hat er. Immerhin ist er fast zehn Jahre älter als die Ingeborg. Und der Joachim dürft mit seinen achtzehn Jahren noch ziemlich grün sein hinter den Ohren. Dass der Reinhold bei ihm eine gewisse Verpflichtung übernommen hat, streit‘ ich ja net ab. Der Joachim war gerade mal fünfzehn, als er seine Eltern verloren hat. In diesem Alter bedarf es noch manchmal einer etwas strengeren Hand. Aber jetzt ist der Bursch‘ erwachsen und sicher ist er vernünftig genug, um zu wissen, was er tun darf und was net.«

»Sollt‘ da was schieflaufen, auf dem Strieglhof, Frau Tappert, dann werd‘ ich als ordnende Hand eingreifen«, versicherte der Bergpfarrer. »Ich werd‘ nämlich net tatenlos zuschauen, sollt‘ der Reinhold seine Geschwister tatsächlich unterdrücken.«

»Das hab‘ ich mir schon gedacht, Hochwürden«, verriet Sophie. »Aber jetzt will ich Sie net länger von Ihrem Frühstück abhalten. Essen S‘ das Ei, ehe es kalt wird.«

»Es kommt sofort an die Reihe, Frau Tappert«, schmunzelte Sebastian. »Es wär‘ das erste Ei, das Sie mir gekocht haben und das ich kalt werden ließe.«

Er hatte das Stangerl, nachdem er mit Butter bestrichen hatte, mit Käse belegt, und nun biss er herzhaft hinein. Sophie nickte ihm wohlwollend zu und verließ das Esszimmer ...

*

Es war der achtzehnjährige Joachim Striegl, der zwei Tage später mit einem Strauß Frühlingsblumen in der Hand am Pfarrhaus vorbei zum Friedhofsportal unterwegs war. Es ging auf vier Uhr nachmittags zu, die Sonne stand schon weit im Westen, und die Schatten waren lang.

Joachim war ein dunkelhaariger Bursche, mittelgroß, schlaksig, und noch kein richtiger Mann. Auf seinen Wangen und auf seinem Kinn wuchs ein flaumartiger, dunkler Bart, das Gesicht war das eines Fünfzehnjährigen, der Blick seiner braunen Augen jedoch war ernst und passte zur Verschlossenheit seiner Züge.

Der Bursche verströmte wenig Lebensfreude, was für sein junges Alter ziemlich ungewöhnlich war.

Sebastian fiel es nach dem, was er aus dem Mund seiner Haushälterin vor zwei Tagen hören musste, sofort auf. Sophie hatte unter anderem erwähnt, dass sie die Schwester Joachims hin und wieder am Pfarrhaus vorbeigehen sah und dass Ingeborg keinen glücklichen Eindruck vermittelt hatte. Auch Joachim schien nicht besonders glücklich zu sein.

Sebastian, der an seinem Schreibtisch saß, von dem aus er durch das Fenster seines Büros den Blick auf den Pfarrplatz bis hinüber zur Kirche frei hatte, erhob sich, trat schnell an das Fenster heran, öffnete es und rief: »Hallo, Joachim! Hast du ein paar Minuten Zeit?«

Der Achtzehnjährige hatte angehalten, wandte sich dem Pfarrer zu, nickte und näherte sich. Vor dem Fenster hielt er an. »Grüß Gott, Herr Pfarrer Trenker«, grüßte er artig. »Ich will den Eltern einen Strauß Blumen aufs Grab legen. Ich war im Lagerhaus und hab‘ ein paar Säcke mit Kraftfutter für die Küh‘ gekauft. Bei dieser Gelegenheit hab‘ ich mir gedacht, geh‘ ich gleich mal auf den Friedhof. Ich komm‘ ja sonst kaum dazu.«

»Wie gehts denn allweil so auf dem Hof?«, fragte Sebastian. Es klang wie beiläufig. Dabei war er auf die Antwort gespannt. Er ließ Joachim nicht aus den Augen, denn er wollte sich keine Reaktion in dessen Gesicht entgehen lassen.

»Tja, Herr Pfarrer, wie solls schon gehen?« Joachims Miene blieb ausdruckslos. »Wir haben halt sehr viel Arbeit. Auf den Äckern und Feldern gibts zwar net allzu viel zu tun. Die sind bestellt und das Korn, die Rüben und die Kartoffeln wachsen von allein. Aber im Wald haben wir viel Arbeit, und siebzig Kühe lassen sich auch versorgen. Man merkt’s halt, dass der Papa und die Mama nimmer da sind.«

»Das merkt man freilich, wenn zwei Leute fehlen«, erklärte Sebastian. »Will sich denn der Reinhold net endlich nach einer Bäuerin umschauen? Er ist über dreißig. In seinem Alter haben andere Mannsbilder schon Familien. Euch wär‘ doch sicher geholfen, wenn eine Bäuerin auf dem Hof den Haushalt verrichten würd‘. Dann wärt ihr doch net gar so sehr eingespannt.«

Joachim lachte geradezu amüsiert auf. »Der Reinhold und eine Frau!«, rief er. »Ich möcht‘ wissen, welche Frau diesen Griesgram haben möcht‘. Der rennt doch ständig mit einem Gesicht wie drei Tage Regenwetter herum. Und Launen hat der, Herr Pfarrer, Launen wie ein alter Postgaul. Dann schreit er bloß herum, nix kann man ihm recht machen, dann stört ihn gewissermaßen die Fliege an der Wand.«

Das, was Sophie vor zwei Tagen vom morgendlichen Einkauf in der Bäckerei mitgebracht hatte, schien zuzutreffen.

»Er ist also recht unleidlich, der Reinhold«, konstatierte Sebastian.

»Manchmal möcht‘ ich ihn auf den Mond schießen«, erwiderte Joachim. »Ich hab‘ mir geschworen, den Hof zu verlassen, sobald ich einigermaßen auf eigenen Beinen stehen kann.«

»Seit wann ist denn der Reinhold so?«, fragte der Bergpfarrer.

»Eigentlich war er schon immer ein rechter Muffel. Aber seit er der Meinung ist, dass er derjenige ist, der auf dem Hof den Ton angeben darf, wirds immer schlimmer mit ihm. Ein freundliches Wort hört man überhaupt nimmer aus seinem Mund.«

»Dann muss wohl auch die Ingeborg unter ihm leiden?«, kam Sebastians nächste Frage.

»Die hat in der Früh oft verdächtig gerötete Augen, Herr Pfarrer. Ich glaub‘, meine Schwester weint öfter mal, wenn sie nachts allein auf ihrem Zimmer ist. Sie spricht zwar kaum drüber, aber sie scheint mir sehr traurig zu sein. Die hat ja nix von ihrem Leben. Sie muss die Mama ersetzen, und zwar im Haushalt, auf dem Hof und im Kuhstall. Ein Privatleben hat die Ingeborg net. Ich versuch‘ sie manchmal ein bissel aufzumuntern, aber ich hab‘ ja selber keinen Grund, besonders lustig zu sein.«

»Soll ich vielleicht mal mit dem Reinhold reden, Joachim?«, fragte der Pfarrer. »Vielleicht kann ich bewirken, dass er sich ändert.«

»Der kann net aus seiner Haut, Herr Pfarrer«, entgegnete Joachim. »Das wär‘ vergebliche Liebesmüh‘ und vergeudete Zeit. Ich denk‘, dass auch der Ingeborg eines Tages der Kragen platzt, und dann schmeißt sie Reinhold den ganzen Krempel vor die Füße und geht vom Hof. Sie ist nur noch da, hat sie zu mir gesagt, weil sie denkt, es unseren armen Eltern schuldig zu sein, und weil sie mich mit dem Griesgram net allein lassen will. Manchmal telefoniert sie mit der Karina, dann klagt sie der ein bissel ihr Leid. Ich denk‘, es tut ihr gut, wenn sie ihrer Freundin ein bissel das Herz ausschütten kann. Die Karina hat ihr geraten, hinzuschmeißen. Die Gründe, die die Ingeborg daran hindern, hab‘ ich Ihnen genannt, Herr Pfarrer. Die Karina meint, die Ingeborg würd‘ zu wenig an sich selber denken. Aber so ist sie halt nun einmal.«

»Und warum stellt ihr euch net auf die Hinterfüß‘?«, fragte Sebastian. »Ihr seid zu zweit. Und auf den Mund seid ihr doch auch net gefallen. Ihr müsst eurem Bruder doch die Stirn bieten können.«

»Dann wär’s zu Hause ja überhaupt nimmer auszuhalten, Herr Pfarrer. Also halten wir, die Ingeborg und ich, lieber den Mund und lassen den Reinhold toben. Irgendwann beruhigt er sich wieder.«

»Was ich da hören muss, gefällt mir gar net, Joachim«, murmelte Sebastian. »Der Reinhold gibt sich, als wär‘ er der Bauer auf dem Strieglhof, und ihr – du und deine Schwester -, seid sein Personal. Nein, ich muss mich verbessern. Er gibt sich, als wärt ihr seine Leibeigenen. Denn mit seinem Personal geht man net so um.«

»Das ist nur eine Frage der Zeit, Herr Pfarrer«, erklärte Joachim. »Wie gesagt: Sobald ich es mir leisten kann, kehr‘ ich dem Hof den Rücken. Und für die Ingeborg wird sich auch mal eine Gelegenheit ergeben, hinzuschmeißen und zu gehen. Vielleicht begegnet ihr eines Tages der richtige Mann, der sie vom Hof holt und ihr ein vernünftiges Leben bietet.«

»Wie soll sie den kennenlernen, wenn sie nimmer am Leben teilnimmt - ich mein‘ am Leben, wie es normale junge Leut‘ führen. Sie vergräbt sich auf dem Hof. Dass dort der Mann, dem sie ihr Herz schenken kann, vorbeischaut, ist ausgesprochen unwahrscheinlich.«

»Vielleicht geschieht ein Wunder«, rief Joachim und grinste verkniffen.

»An Wunder glaub‘ ich net«, versetzte Sebastian und erntete dafür von dem jungen Burschen einen verblüfften Blick. »Wenn die Ingeborg einen Mann kennenlernen will, dann muss sie unter die Leut‘. Wenn sie drauf wartet, dass einer auf den Strieglhof kommt, dann wartet sie am Sankt Nimmerleinstag immer noch.«

»Ich werd’s ihr bestellen, Herr Pfarrer«, versicherte der Achtzehnjährige. »Ob’s was nützt, glaub‘ ich net, denn sie will den Reinhold gewiss net herausfordern. Sie hätt‘ ja keine ruhige Minute mehr. Wenn S‘ mich fragen, Herr Pfarrer, dann hat sich der Reinhold drauf versteift, dass die Ingeborg die Rolle der Mama auf dem Hof einnehmen muss, und seine größte Angst ist, dass sie auch eines Tages nimmer zur Verfügung stehen könnt‘.«

»Was immer es auch ist, das ihn so sein lässt, Joachim«, versetzte Sebastian, »ihr dürft euch net alles gefallen lassen. Bietet ihm Paroli. Wenn er merkt, dass er mit euch net schalten und walten kann, wie’s im beliebt, steckt er vielleicht zurück.«

»Da bin ich mir net so sicher, Herr Pfarrer. Aber da müssen wir durch, die Ingeborg und ich. Wie gesagt: Es ist nur eine Frage der Zeit.«

»Nun denn, Joachim, wissen müsst ihr selbst, wie viel ihr euch bieten lassen wollt. Jetzt will ich dich net länger aufhalten. Denk‘ ruhig mal über das, was ich dir an Herz gelegt hab‘, nach. Stellt euch auf die Hinterfüß‘.«

»Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer. Es wird wie werden. Ich schätz‘ halt, dass der Reinhold irgendwann sehr einsam sein wird auf dem Strieglhof. Die Zeit wirds zeigen.«

*

Es geschah nur ganz selten, aber es geschah: Der Pfarrer hatte sich geirrt. Es war ein junger Mann, der am Sonntagnachmittag mit seinem Fahrrad unterwegs war. Er radelte auf dem Radweg, der parallel zur Landstraße verlief, und als ein schmaler Wirtschaftsweg nach rechts abzweigte, an dessen Ende ein Aussiedlerhof zu sehen war, bog er kurz entschlossen ab.

Er radelte auf den Hof des Anwesens, stieg von seinem Rad und schaute sich um. Es war ein sauberer Hof. Am Balkon in der ersten Etage des Wohnhauses und auf den Fensterbänken blühten in Blumenkästen erste Frühlingsblumen. Das Holz des Balkons und der Fensterläden sowie des kunstvoll gedrechselten Dachreiters war hell gebeizt. In einem rechten Winkel zum Wohnhaus waren der weitläufige Stall und eine Scheune erbaut. Es gab des Weiteren drei Garagen, einige Schuppen und ein großes Gewächshaus. Der Hof war gepflastert.