Der Slalom meines Lebens - Hilde Gerg - E-Book
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Hilde Gerg

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Beschreibung

Hilde Gerg war eine der besten alpinen Skifahrerinnen der Welt und hat in ihrer Karriere alle Höhen und Tiefen erlebt, die eine Spitzensportlerin durchlaufen kann. Als "die wilde Hilde" begeisterte sie mit ihrer sportlichen Dynamik und erfrischenden Art die Zuschauer, musste aber auch zahlreiche Rückschläge und Katastrophen bewältigen. Im beschaulichen Tölzer Land aufgewachsen, bald als Ski-Ausnahmetalent entdeckt und gefördert, feierte sie ihren großen Durchbruch als 22-jährige Slalom-Olympiasiegerin bei den Winterspielen 1998 in Nagano. In ihrer Autobiografie erzählt die dreifache Mutter von ihrer Leidenschaft für den Skisport, ihrem Aufstieg in die Weltspitze und ihren großen Erfolgen – aber auch von Verletzungen, Krisen und den dunklen Seiten des Lebens, wie dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes und Trainers Wolfgang Grassl nach nur wenigen Jahren Ehe und zwei gemeinsamen Kindern. Ehrlich und einfühlsam gibt Hilde Gerg Einblicke in ihr Gefühlsleben und berichtet, wie sie sich von diesem Schicksalsschlag erholt hat, was der Sport ihr dabei gegeben hat und wie sie heute ein glückliches Leben führt.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Anna, Wofal und Benedictthe power of love

INHALT

Prolog

Leben auf dem Berg

Nicht nur romantisch

Die ersten Ski

Doppeltes Training

Jetzt wirds ernst

Internatsleben

Panik im Steilhang

Eine neue Heimat

Die große Bühne

Schlüsselerlebnis

Zum Glück gezwungen

Ansage in Åre

Von der Schulbank in den Kampfanzug

Schmerzen in Chile

Allrounderin

Tragödie in Garmisch

Die ersten Spiele

Olympiadebüt: Lillehammer 94

Die »Wilde Hilde«

Was lange währt …

Verbotene Liebe

Ein ewiges Versteckspiel

Zurück in der Erfolgsspur

Frei im Kopf

Neu gemischt

Als Favoritin zu den Spielen

Dreierreihe

Big in Japan

Empfang in der Heimat

Neue Hierarchie

Eingeholt

Fahrfehler mit Folgen

Der Bruch

Nägel mit Köpfen

Der lange Weg zurück

Neue Höhenflüge

Die richtigen Entschlüsse

Eine Ehre: Salt Lake City 2002

Blech und Spiele

Hinfallen, aufstehen, Krone richten

Wo eine Wille, da ein Weg

Das Fernziel

Finale

Vorbereitung für den großen Abgang

Der letzte Sommer

Testfehler

Schluss machen

Seitenwechsel

Neue Perspektive

Vier gewinnt

Ohne Vorbereitung

12. April 2010

»Funktioniere, Hilde!«

Parallelen

Freundinnen und Freunde

Neuanfang

Zurück auf den Schirm

Studentenleben

Zulassen

Glücksregen

Keine Eile

Ehrlichkeit

Komplett

Berufe und Berufungen

Neuorientierung

Pandemie: Strategien in der Krise

Epilog

Kaiserschmarrn à la Hilde senior

PROLOG

Es gibt Momente, die ein Leben in ein Davor und ein Danach teilen. Im Sport ist das meist ein außergewöhnlicher Erfolg. Etwas, auf das du dein ganzes Sportlerleben hingearbeitet hast.

Für mich ist dieser Moment der, der aus der Skirennläuferin Hilde Gerg die Olympiasiegerin Hilde Gerg machte: dieser eine Augenblick am 19. Februar 1998.

Die Sonne scheint aus einem tiefblauen Himmel auf den riesigen Zielraum des olympischen Slalomhangs im japanischen Nagano. Zigtausend Zuschauerinnen und Zuschauer machen einen Höllenlärm. Es ist ungewöhnlich warm und der Schnee deshalb sehr schwer und tief. Ich bin einen letzten Schritt von der Vollendung meines sportlichen Traums entfernt. Einer Sache, die ich mir zehn Jahre zuvor selbst versprochen hatte. Damals, als ich im Februar 1988 als zwölfjährige Nachwuchsrennläuferin vor dem Fernseher gesessen und zugesehen habe, wie die deutsche Abfahrerin Marina Kiehl die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen im kanadischen Calgary gewann. Als sie kurz darauf ihr Karriereende verkündete, beindruckte mich das sehr. Gold gewinnen und aufhören. Genauso wollte ich das eines Tages auch machen. In diesem Moment damals, vor dem Fernseher, war ich mir absolut sicher gewesen, dass ich das auch schaffen werde. Zumindest das mit der Goldmedaille.

Eine Bronzemedaille habe ich an diesem 19. Februar 1998 bereits: Zwei Tage zuvor bin ich, hinter meinen Teamkameradinnen Katja Seizinger und Martina Ertl, Dritte in der Kombination geworden. Doch Olympiagold ist noch mal eine andere Dimension.

Nach dem ersten Durchgang im Slalom bin ich nun Zweite. So wie 1994 in Lillehammer. Damals hatte es am Ende nicht zu einer Medaille gereicht – aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt hier in Nagano ist die führende Italienerin Deborah Compagnoni mit mehr als einer halben Sekunde Vorsprung relativ weit weg. Außerdem ist sie die amtierende Slalomweltmeisterin und die beste Technikerin zu dieser Zeit. Die hinter mir platzierte Australierin Zali Steggall ist nach dem ersten Lauf nur einen Wimpernschlag entfernt und fährt im zweiten Durchgang erwartungsgemäß in Führung.

Mein zweiter Lauf ist ein Drahtseilakt. In so einer Situation riskierst du als Athletin alles. Du willst, dass im Ziel die Eins oder mindestens die Zwei aufleuchtet, denn dann hast du eine Medaille sicher.

Im ersten Teil läuft es perfekt und ich baue meinen Vorsprung schnell aus. Doch dann rutsche ich bei einem Rechtsschwung leicht weg und verliere für einen kurzen Moment die Linie. Das kostet Zeit, aber immerhin bleibe ich im Rennen. Jetzt hilft in den letzten 20 Toren nur noch volle Attacke: raus oder rauf aufs Podest. Ich erwische die letzten Tore perfekt und schmeiße mich förmlich ins Ziel.

Auf der gewaltigen Anzeigetafel leuchtet es hinter meinem Namen groß und deutlich: 1!

Ich bin Erste.

Silber ist mir nun absolut sicher! In meinem Kopf explodiert ein Feuerwerk, während ich ausgelaugt in den Schnee falle und um Luft ringe. Silber bei Olympia, das ist der Oberhammer.

Bis ich meine Ski ausgezogen habe, ist Deborah Compagnoni schon unterwegs. Irgendwie ist das total an mir vorbeigegangen. Ich bin einfach nur happy und mit mir selbst beschäftigt. Als ich dann endlich wieder stehe und hochschaue, ist die Zwischenzeit schon durch, doch ich verstehe überhaupt noch nicht, was gerade passiert.

»Du musst hinschauen!«, ruft mir die drittplatzierte Martina Ertl zu, die selbst gerade um ihre Bronzemedaille bangt. »Die Compagnoni ist nur noch 35 Hundertstel vor dir, die hat schon fast die Hälfte ihres Vorsprungs verloren!«

Im ersten Moment denke ich: 35 Hundertstel – ja – mir ist das jetzt wurscht, ich habe ja eine Medaille. Nach Bronze diesmal sogar Silber.

Als ich bewusster hinschaue und die letzten 15 Tore genau verfolge, immer mit einem Blick auf meine eigene Zeit, realisiere ich, dass die Compagnoni langsam ist. Außerdem weiß ich, dass ich den unteren Teil nach meinem Patzer extrem gut erwischt und bis zur Ziellinie gefightet habe.

Dann bleibt die Uhr stehen: +0,06.

Leck mich am Arsch. Ich glaube, ich spinne. Gold. Ich habe die Goldmedaille!

Meine Knie werden wieder weich. Diesmal vor Schreck.

Jeder umarmt mich. Deborah Compagnoni als Erste, dann Martina. Während das Rennen mit den schlechter Platzierten aus dem ersten Lauf weitergeht, schaue ich immer wieder ungläubig auf die riesige Anzeigetafel.

Da steht es: Hilde Gerg. GER!!! 1. Olympiasiegerin.

NICHT NUR ROMANTISCH

Als ich im Oktober 1975 in Bad Tölz zur Welt kam, war mir meine Skikarriere quasi schon in die Wiege gelegt. Auch wenn mein Papa allen Leuten erst mal erzählt hat, dass er jetzt eine neue Bedienung habe. Die waren alle erstaunt, dass er sich im Herbst, zum Ende des Sommers, noch eine neue Servicekraft holte. Es war seine Art, den Leuten zu sagen, dass er jetzt eine Tochter hat.

Meine Eltern bewirtschafteten zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr die Tölzer Hütte im Brauneck-Skigebiet bei Lenggries. Diese Hütte liegt auf einer Ebene unterhalb der Brauneckbahn. Das Skigebiet ist im Winter sehr beliebt und gilt als Münchner »Hausberg«. Mit dem Auto fährt man kaum mehr als eine Stunde von dort. Mit ihrer Lage auf einer Höhe von 1495 Metern war die Hütte jeden Winter komplett eingeschneit. Und das ist wörtlich gemeint, denn in den 70er-Jahren hatte es noch viel mehr Schnee als heute.

Das klingt jetzt erst mal sehr romantisch. So einige Herausforderungen hat das allerdings schon mit sich gebracht. Im Winter konnte man sich da oben zum Beispiel nur mit dem Ski-Doo, also dem Motorschlitten, bewegen. Oder eben auf Ski. Im Sommer gab es Wirtschaftswege, die mein Papa mit dem Geländewagen befahren konnte.

Um uns herum waren damals noch mehrere andere bewirtschaftete Hütten. Die Stie-Alm, die Quengeralm und ein bisschen weiter unten die Bayernhütte. Mein Papa Stefan hatte dort schon während seiner Jugend oft ausgeholfen. Später war er dann erst mal Fern- und Busfahrer. Meine Mama Hilde hatte am Tegernsee gearbeitet und wollte was anderes machen. Über das Arbeitsamt ist sie dann als Bedienung auf die Bayernhütte gekommen. Viele wollten nicht auf den Berg, doch ihr hat das nichts ausgemacht. Dabei kommt sie eigentlich aus Landau an der Isar, wo es eher flach ist.

Das mit der Bayernhütte war tatsächlich eine auch für mich wichtige Entscheidung – denn dort hat sie dann meinen Papa getroffen. Der war damals der Hausmeister.

Die beiden sind dann wenig später an den Tegernsee gezogen, wo mein Papa für ein Busunternehmen Reisen gefahren hat, während die Mama als Haushälterin tätig war. Als die Tölzer Hütte 1974 dann zur Pacht ausgeschrieben wurde, bekamen meine Eltern den Zuschlag: Im November 1974 ging es los.

Man darf sich die Tölzer Hütte jetzt nicht als kleine Skihütte vorstellen, in der vier oder sechs Leute drinsitzen und verträumt in den Schnee schauen. Unter dem Begriff Berggasthaus hat man da schon eher das Richtige vor Augen.

Es war ein relativ großes Gebäude mit einer Küche. Der Hauptbereich mit der Gaststube war unten, im hinteren Teil ging es zu den Toiletten. Das war unten alles eher massiv. Der obere Teil war komplett aus Holz. Da ist man über eine Holzstiege rauf zu den Schlafräumen. Dort war auch Platz für ein paar Übernachtungsgäste. Hinter einer Tür waren dann unsere Privaträume. Im vorderen Bereich waren das Wohnzimmer und das Schlafzimmer unserer Eltern. Dahinter habe ich mir mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder Stefan ein Zimmer geteilt. Der heißt übrigens nach dem Papa, während ich wie meine Mama, eben Hilde, heiße. So macht man das halt oft in den Bergen.

Das Leben auf dem Berg war eigentlich immer gleich. Wenn die Bergbahnen um acht aufgemacht haben, kamen unsere Aushilfen rauf. Meine Mama stand dann den ganzen Tag in der Küche und hat gekocht. Das war Wahnsinn. Die konnte weder Ski noch Ski-Doo fahren und ist im Winter oft vier Monate nicht vom Berg gekommen. Der Papa stand hinterm Tresen, hat das Bier ausgeschenkt, die Bestellungen aufgenommen und nach hinten geschrien. Schweinsbraten, Schnitzel und Kaiserschmarrn waren besonders beliebt. Und bis die Mama und die Küchenhilfen das Essen hergerichtet hatten, hat der Papa abkassiert. Wir Kinder haben Getränke nachgereicht. Apfelschorle und Wasser durften wir übernehmen und den Leuten hinstellen. Und wenn das Essen mal länger gedauert hat, dann haben wir uns sagen lassen, wo die Gäste sitzen, und haben es ihnen gebracht. Das war jeden Tag der gleiche Ablauf. Im Sommer waren das die Leute, die wandern, im Winter halt die, die Ski fahren.

Der Betrieb ging um elf los und bis dahin musste auf jeden Fall das Essen fertig sein. So ein Schweinsbraten, der braucht ja ein paar Stunden im Rohr. Das ging dann bis gegen 15 Uhr und dann begann das Geschäft mit Kaffee und Kuchen. Und um kurz nach vier war Schluss, denn um 16:30 Uhr fuhr die letzte Bergbahn, im Sommer erst um 17 Uhr.

Wenn die Gäste weg waren, war man froh, dass der Trubel rum war. Aber die Arbeit war noch lange nicht fertig. Dann begann das Zusammenräumen und Putzen. Das Problem war, dass unsere Aushilfen halt auch mit der letzten Bergbahn runtermussten. Da blieb dann viel Arbeit für uns liegen. Die Toiletten und die Gaststube mussten geputzt werden. Da war die Mama oft noch bis um halb acht abends beschäftigt. Später, als wir größer waren, haben wir dann geholfen, wo wir konnten, damit die Mama auch mal eine Pause bekommt und mit uns in Ruhe essen kann. Das war dann unsere Familienzeit am Abend. Ein gemeinsames Mittagessen haben wir nie gehabt. Da war immer Vollbetrieb.

Überhaupt ist so ein Leben auf einer Hütte am Berg nicht so idyllisch, wie man sich das vielleicht vorstellt. Warmes Wasser war für uns keine Selbstverständlichkeit. Das kam von einer Quelle in die Hütte rein. Wenn jetzt unterm Tag schon so viel Wasser für die Gäste oder beim Kochen verbraucht worden war, dann haben wir erst mal für unser Essen keins mehr gehabt, geschweige denn zum Duschen.

Dann hat man gewartet, bis etwas nachgelaufen ist, und dann hieß es: »Ihr habt fünf Minuten Zeit zum Duschen.«

Es war halt einfach anders. Nicht so wie unten im Tal, wo man unermesslich viel Wasser zur Verfügung hat. Außerdem haben wir unseren Wohnbereich oben gehabt und die Dusche war unten im Toilettenbereich. Da musste man immer über die kalte Stiege. Das war grauslich. Wenn wir ins Bad wollten, mussten wir zudem noch durch das Schlafzimmer meiner Eltern.

Aber irgendwie war das kein Problem. Es war klein, wir waren auf sehr engem Raum, aber wir hatten immer uns.

DIE ERSTEN SKI

Wenn du auf einer Hütte im Skigebiet aufwächst, dann wird der Schnee irgendwann zu deinem Freund. Vor allem im Winter gibt es da oben weit und breit nichts anderes als Weiß.

Selbst wenn es wie verrückt geschneit hatte, musste mein Vater raus und die Terrassen freiräumen und sich um die Tische und Außenanlagen kümmern. Ich bin dadurch relativ früh immer mit ihm in den Schnee. Wenn noch ein kleineres Geschwisterchen da ist, geht das halt eher mit der Mama und als Ältere geht man selbst mehr mit dem Papa. Ich bin immer hinter ihm her. Er hatte eine Schneefräse, mit der er ohne Ende Schnee geräumt hat, und ich immer mit meiner Schaufel hintennach. Das hat mir unheimlich Spaß gemacht. Ich war als Kind wahnsinnig viel draußen. Mal mit dem Bob, mal mit dem Schlitten.

Meine ersten Ski waren dann so kleine Rutscher. Die hatten Plastikschnallen, die man um die Winterstiefel gemacht hat. Damit bin ich mit nicht mal zwei Jahren umeinandermarschiert und habe mich draußen mehr oder weniger allein beschäftigt. Mit richtigem Skifahren hatte das aber nichts zu tun.

Das erste Mal so richtig auf der Piste war ich auf den Schultern meines Papas. Der konnte richtig gut Ski fahren und hat das oft noch in der Früh gemacht, bevor die Gäste kamen. Erst hat er sein Zeug erledigt und mich dann hochgenommen. Anfangs habe ich ganz schön Angst gehabt. Du sitzt da oben und bist komplett abhängig von dem, was der unter dir macht. Das hat oft wie wild geschaukelt und war wirklich hoch.

Mit etwas über zwei Jahren durfte ich es dann selbst probieren. Es gab da einen guten Bekannten, der Skilehrer war. Wenn der keine Gruppe dabeigehabt hat, dann hat er uns Kinder mitgenommen. Mit drei bis fünf Jahren kann man ein Kind ja nicht allein im Skigebiet umeinanderfahren lassen.

Das hat sich dann erst mit meinem letzten Kindergartenjahr, als ich etwa sechs Jahre alt war, geändert. Da hat der Papa dann beim Sessellift angerufen und Bescheid gegeben, dass die Hilde jetzt kommt. Und wenn ich dann da war, hat der vom Sessellift sich wieder beim Papa gemeldet. So konnte ich nie verloren gehen.

Skifahren war einfach wichtig. Auch zur Fortbewegung. Während die anderen Kinder morgens mit dem Bus oder von der Mama in die Schule gefahren wurden, bin ich ab der ersten Klasse mit den Ski gekommen. Das war damals total normal. Man ist halt in der Früh raus mit dem Skianzug. Den Schulranzen hat der Papa auf dem Ski-Doo über den Fahrweg transportiert, während wir über die oft unpräparierten Pisten gefahren sind. Wir waren immer in einer kleinen Gruppe unterwegs. Anfangs mit einer Freundin aus einer benachbarten Hütte, später kam noch mein Bruder dazu. Ich habe mit dem Weg nie ein Problem gehabt, auch wenn es Tage gab, an denen das wirklich keinen Spaß mehr gemacht hat. Denn manchmal hat es so viel geschneit, dass ein kleines Schulkind komplett bis obenhin im Schnee versinken konnte.

Um zur Schule zu kommen, mussten wir erst ein Stück mit dem Lift rauf und dann über einen steilen Hang zu einem Flachstück runter. Da brauchte man relativ viel Schwung, um weiterzukommen. Doch da war eines Tages so viel Schnee, dass nichts mehr ging. Wir haben uns dann entschieden, einen anderen Weg rauszuwandern. Blöd war nur, dass der Papa mit dem Ski-Doo über den anderen Weg gefahren ist. Da bist du dann endlos gestapft, während die anderen alle schon im Warmen saßen. Irgendwann war dir dann auch egal, ob du pünktlich um 8 Uhr in der Schule ankommst. Da hast du wirklich andere Sorgen. Am Ende ist dann aber immer alles gut gegangen und wir sind heil vom Berg runtergekommen.

Dadurch ist man halt sehr schnell selbstständig geworden. Und ich habe Intuition gelernt, die mir später sicher oft bei meinem Sport geholfen hat. Du musstest bei der Abfahrt ja selbst entscheiden, wie du da am besten runterkommst. Da geht es auch um die Wahl der richtigen Linie.

Unten angekommen hat uns der Papa dann mit dem Auto in die Schule gefahren. Wir müssen in der Pause anfangs ziemlich deppert ausgesehen haben, denn wir hatten lange noch keine Ersatzschuhe in der Schule deponiert. Auf dem Pausenhof sind wir dann immer zwischen den anderen Kindern in unseren Skischuhen umeinandergelatscht.

Während der Hinweg über die Piste aber meistens noch lustig war, war der Rückweg oft eine einzige Qual. Weil da kein Bus fuhr und uns der Papa wegen des Hüttenbetriebs nicht holen konnte, mussten wir im Winter oft in den Skischuhen und mit Schulranzen von der Schule zum Lift laufen. Das waren rund zweieinhalb Kilometer über eine lang gezogene Teerstraße. Irgendwann kanntest du jeden Strauch persönlich. Den Lift hast du schon in der Ferne gesehen, aber um da hinzukommen, musstest du gehen und gehen und gehen. Da war man oft mehr als eine halbe Stunde unterwegs. Manchmal verging einem da ganz mächtig die Laune. Aber es gab halt keine Alternative. So was prägt einen auch gewaltig. Und die schlechte Stimmung hielt nie lange an. Im Laufe der Jahre wurden wir immer mehr Kinder, die den gleichen Weg hatten. Und ich hatte meine Gruppe Mädels. Wir haben aufeinander gewartet und uns gegenseitig angespornt. Wenn wir angekommen waren, haben wir die Ski angezogen und das alles hat nichts mehr ausgemacht. Endlich im Lift haben wir wieder geratscht und es wichtig gehabt, wie die kleinen Weiber halt so sind.

DOPPELTES TRAINING

Mit dem sportlichen Skifahren hat das, was wir als Kinder so gemacht haben, nicht viel zu tun gehabt. Damit ging es erst los, als ich in den SC Lenggries eingetreten und meine ersten Rennen gefahren bin.

Ich war gerade neun Jahre. Und das war schon richtig spät zum Starten. Ich war zwar wahnsinnig früh viel Ski gefahren, aber im Vergleich zu anderen Kindern war ich echt alt für eine, die mit dem Training anfängt. Das Skifahren im freien Gelände kann man nicht mit dem Skifahren um die Tore vergleichen. Der Erfolg war dementsprechend mäßig. Bis man da eine wirkliche schnelle Linie durch die Tore findet, muss man recht viel üben. Das hat ein bisschen gedauert, bis ich dann mal bei einem Skirennen gewonnen habe. Bis ich zehn oder elf war, bin ich nie unter die ersten drei gekommen.

Es war dann schon ein Riesending, als ich irgendwann mal auf dem Treppchen stand und einen Pokal bekommen habe.

Das war was ganz Besonderes für mich. Diesen Pokal habe ich dann gehütet wie meinen Augapfel. Der hat den schönsten Platz im Zimmer gekriegt. Und bis dann mal der zweite dazugekommen ist, verging eine Ewigkeit. Ich musste mir das alles sehr hart erarbeiten. Es war nie so, dass ich mir gesagt habe: »Hey, ich bin der Überflieger, ich kann alles und das läuft eh alles von selbst!« Wenn ich was gekonnt habe, dann habe ich immer gewusst, warum ich das konnte.

Sei es eine Skitechnik oder irgendein Ansatz, wie man an ein Rennen herangeht. Wenn ich es geschafft habe, meine Nervosität vor einem Rennen zu beherrschen, dann wusste ich auch, warum das jetzt für mich funktioniert. Das lag sicher daran, dass ich mir alles von klein auf draufschaffen und Lösungen entwickeln musste. Es war nie so, dass ich sagen konnte, das kann ich von Haus aus und ich weiß gar nicht wieso.

Das war aber auch gut so. Denn wenn es mal nicht funktioniert hat, dann musste ich nicht lange überlegen, warum das nun so ist und wie ich es wieder herbringe. Bei mir hat es einfach länger gedauert. Das war mein Weg. Der war nicht immer ganz einfach, aber ich habe es eben unheimlich gerne gemacht.

Allein der Aufwand, zum Training zu kommen, war für mich viel größer als für andere Kinder, die von den Eltern gefahren wurden. Wenn nachmittags Skitraining war, dann bin ich nach der Schule zuerst mit dem Skilift heimgefahren. Um zum Training zu kommen, habe ich dann wiederum drei andere Lifte gebraucht, bis ich an dem Lift war, an dem das Skitraining stattfand. Meistens war es schon kurz vor drei, bis ich überhaupt dort war. Die anderen waren dann schon längst mittendrin. Für mich blieben kaum mehr als vier oder fünf Trainingsläufe, denn ich musste ja wieder mit der letzten Bergbahn zurück auf die Hütte fahren. So habe ich die Trainingseinheiten nie voll mitmachen können.

Klar wäre es manchmal leichter gewesen, daheim zu bleiben und zu spielen, statt für fünf Läufe die umständliche Anreise zum Trainingshang auf mich zu nehmen. Aber ich habe das Skitraining geliebt. Auch weil das eine gute Gruppe war. Die Aussicht, die anderen zu treffen und mit ihnen durch die Tore zu fahren, war eine große Motivation. Vielleicht hat es geholfen, dass ich gar nicht wusste, dass die anderen von den Eltern an der Schule abgeholt wurden. Mit der Semmel und dem Skianzug im Auto sind die von der Mama zum Lift gebracht worden, während ich mit meinen Skistiefeln über die Straße gelatscht bin. Ich hatte keine praktische Unterstützung von meinen Eltern an der Stelle, weil das zeitlich und vom Aufwand her einfach nicht möglich war. Dafür haben sie mich unterstützt, indem sie mich haben machen lassen. Das Wichtigste war das Zutrauen, dass ich da jetzt hinfahren kann und dann auch pünktlich und gesund wieder heimkomme. Und sie wussten, dass ich im Anschluss noch meine Hausaufgaben mache und alles funktioniert. Das war ganz wichtig für meine Entwicklung.

INTERNATSLEBEN

Ich hatte als Kind weder Konditionstraining noch Kinderballett oder Kinderturnen. Und ich war auch nicht mit fünf schon in der Bambinigruppe irgendeines Clubs, wo man Rollen vorwärts und rückwärts und Sprünge über irgendwelche Dinge übt. So was gab es bei uns da oben am Berg nicht. Also hatte ich unheimlich viel gegenüber denjenigen aufzuholen, die nicht erst mit neun Jahren im Skiclub angefangen hatten. Erst als ich 14 war, kam ich den anderen Schritt für Schritt näher.

Damals war das System auch noch anders als heute. Wenn du mit elf noch nicht top warst, dann hat es auch noch gereicht, wenn du mit 13 oder 14 dabei warst. Diese Zeit hat man jetzt oft nicht mehr.

Das Konditionstraining im Sommer mit dem vielen Laufen war für mich dann der Horror. Ich bin wahnsinnig gern Ski gefahren, aber alles andere war schlimm, weil alle besser waren als ich. Deshalb war es so entscheidend, langsam zu merken, dass ich zumindest auf den Ski jetzt immer näher an die Spitze rankomme. Besonders gut erkennen konnte ich das an der Pantherwertung. Das ist eine deutschlandweite Wertung im Skirennsport für Schüler. Mit der Zeit bin ich da immer weiter vorn gewesen. Das war ganz wichtig für meinen Werdegang, denn damit stiegen mein Selbstvertrauen und mein Ehrgeiz. Ich wollte auf alle Fälle mindestens einen silbernen Panther. Von den goldenen gab es nur zwei für ganz Deutschland. Dieses Ziel habe ich erreicht und gemerkt, dass es in die richtige Richtung geht und dass es Sinn macht, hier mehr zu investieren. Das hatte allerdings große Veränderungen in meinem Leben zur Folge.

Die Situation daheim war unheimlich kompliziert, denn der Papa musste mich nach den Rennen ständig mitten in der Nacht mit dem Ski-Doo irgendwo abholen. Das war ungemütlich, kalt und ein wahnsinniger zeitlicher Aufwand. Also zog ich mit 14 Jahren daheim aus und in das Internat der St.-Irmengard-Realschule nach Garmisch. Das passte perfekt, weil sich dort das Skifahrerzentrum mit den Trainern befand, bei denen ich in der Mannschaft fuhr.

Zum ersten Mal hatte ich kurze Wege. Von der Schule in mein Zimmer waren es jetzt über den Essenssaal nur noch ein paar Meter. Zum Training wurde ich abgeholt, und wenn ich zurückgebracht wurde, konnte ich gleich meine Hausaufgaben machen. Das war purer Luxus, verglichen mit dem Aufwand, den ich während der ersten Schuljahre am Berg betreiben musste. Mein Tag hatte nun viel mehr Stunden, die ich zum Trainieren und Lernen nutzen konnte.

Weil man aber im Wintersport dem Schnee oft hinterherfahren muss, hatte ich durch das viele Gletschertraining – das eben nicht um die nächste Ecke stattfand – eine Menge Fehlzeiten. Die haben die Lehrkräfte dann mit mir nachgeholt.

Wenn ich das alles von zu Hause aus gemacht hätte, hätte ich viele Stunden in die Fahrerei investieren müssen. So passte alles zusammen. Mein Leben war nun ganz auf den Sport zugeschnitten.

PANIK IM STEILHANG

Dass ich in meiner Karriere mal sieben Weltcupabfahrten gewinnen sollte, war bei meinem Wechsel nach Garmisch nicht wirklich abzusehen.

Bis dahin fuhr ich eigentlich nur Slalom und Riesenslalom. Mit der Abfahrt beginnt man in der Regel erst mit 15 Jahren. Das ist ein riesiger Unterschied zu dem, was man bis dahin so gemacht hat, und eigentlich ein ganz eigener Sport. Beim Riesenslalom ist der Ski maximal 1,90 Meter, beim Slalom sogar noch deutlich kürzer. Damit fährt man dann mit mäßiger Geschwindigkeit durch relativ eng aufeinanderfolgende Tore. Bei der Abfahrt sind die Bretter ganze 2,15 Meter lang. Mit so was hatte ich bis dahin überhaupt keine Erfahrung.

Als dann im Januar 1991 die deutschen Jugendmeisterschaften in Garmisch anstanden, war ich gerade 15 geworden, also alt genug, um die Abfahrt mal auszuprobieren. Wir hatten vorher keine Gelegenheit, das viel zu trainieren, sondern sind einfach am Tag vor den ersten Trainingsläufen zum Freifahren gegangen. Dummerweise hat es sehr stark geschneit und war auch noch nebelig. Das Letzte, was du willst, ist, mit so einem langen Ski, dessen Eigenschaften du überhaupt nicht kennst, im Tiefschnee umeinanderzurutschen.

Ich bin dann wie ein Anfänger nur im Stemm- und Pflugbogen gefahren und habe mich wie eine Skischülerin gefühlt. Mit Abfahrtstraining hatte das bei mir gar nichts zu tun. Irgendwie konnte ich mich mit dem Gerät nicht anfreunden. Das war mir alles zu lang und der Ski wollte auch so überhaupt nicht das machen, was ich mir vorgestellt habe.

Als ich dann am nächsten Tag zum Abfahrtstraining bin, habe ich gleich den nächsten Schreck bekommen. Vor jedem Rennen oder Training besichtigt man eine Strecke, indem man sie abrutscht. Was mir gleich auffiel, waren diese irre weiten Torabstände. Beim Slalom fährt man von kurzem Schwung zu kurzem Schwung, aber da musste man zwischen den Toren extrem viel geradeaus und Hocke fahren. Dabei wird man natürlich auch sehr, sehr schnell. Genau das macht ja die Faszination dieses Sports aus. Das Problem war nur, dass ich so was bis dahin noch nie gemacht hatte. Ich wusste bestenfalls aus dem Fernsehen, von irgendwelchen Skiübertragungen, wie das aussieht.

Als ich dann das erste Mal im Starthaus stehe, wird es mir langsam mulmig. Obwohl ich einen dicken Rennanzug trage, würde ich am liebsten die Jacke anbehalten, um im Falle eines Sturzes noch besser gepolstert zu sein. Die ersten Stockschübe am Start fallen entsprechend bescheiden aus. Fast zaghaft schiebe ich mich auf die Strecke. Im oberen Teil geht es erst mal relativ flach weg. Das funktioniert alles noch wirklich gut und steigert mein Unbehagen nicht weiter.

Blöderweise waren in der Woche vor unseren Meisterschaften aber ein paar Weltcuprennen auf der Kandahar, wie die Rennstrecke in Garmisch-Partenkirchen heißt. Für solche Rennen wird eine Piste in der Regel von oben bis unten komplett vereist. Das hat mit Schnee, wie man ihn vom Skiurlaub kennt, bis auf die Farbe, überhaupt nichts mehr zu tun. Dieses Eis ist wichtig, damit alle Rennläufer ungefähr gleiche Bedingungen haben, denn je weicher eine Piste wird, desto mehr Löcher und Schläge kommen da rein. Und genau diese Nähe zu den Weltcuprennen sollte mir nun zum Verhängnis werden, denn die Piste war für die besten und schnellsten Skifahrerinnen und Skifahrer der Welt präpariert und nicht für eine ängstliche 15-Jährige, die noch nie im Leben auf Abfahrtsski gestanden hatte.

Als ich vom Flachen ins Steilstück fahre, merke ich plötzlich, wie ich die Kontrolle über den Ski verliere.

Da hätte man in der Kurve richtig Druck geben müssen und eine spezielle Skitechnik für diesen langen Abfahrtsski gebraucht, die ich einfach nicht hatte. Bei der Streckenbesichtigung vor dem ersten Training hatte ich mir eine Linie ausgesucht, die für mich perfekt schien. Gerade auch im schwierigen Stück des Eishangs mit dem Sprung. Doch weil die Ski jetzt mit mir machen, was sie wollen, bin ich immer ganz woanders auf der Strecke, als ich mir das vorher gedacht habe.

Da bekommst du dann einen enormen Überlebensstress. Du realisierst bei fast 100 Stundenkilometern, dass da jetzt etwas weiter unten der Sprung kommt und du weit von der Linie entfernt bist, zu der du hinwolltest. Die Frage, die ich mir unter meinem Helm in diesem Moment stelle, ist einfach nur: »Fangzaun oder Sturz?«

Irgendwie schaffe ich es verrückterweise dann doch heil ins Ziel. Mit zitternden Knien stehe ich im Auslauf und fühle etwas, das ich bis dahin im Schnee noch nie hatte: Angst!

Für mich ist in diesem Moment ganz klar: Nie mehr Abfahrt!

Dummerweise muss ich aber noch mal hoch. Die Trainer stehen für einen zweiten Trainingslauf, den wir fahren sollen, alle noch oben am Start und auf der Strecke. Ich kann ja nicht einfach verschwinden. Ich muss ihnen meinen Entschluss erst noch mitteilen.

»Das könnt ihr vergessen, da fahr ich nicht noch mal runter, ich fürchte mich«, ist dann auch meine klare Ansage nach dieser Horrorerfahrung, als ich oben ankomme. Doch Trainer kennen so was und haben dafür einen bunten Baukasten an Tipps parat: »Jetzt komm, Angriff ist der beste Weg zur Verteidigung. Du weißt doch, wo es hingeht, das ist jetzt nicht mehr so schwierig. Nimm die Hände weiter vor und dein Gesäß weiter runter«, sind ein paar der Standardfloskeln aus dem Psychohandbuch für überängstliche Abfahrtsanfängerinnen, die ich mir dann anhören darf.

Noch bevor ich michs versehe, stehe ich schon wieder im Starthaus und bin unterwegs. Nach 30 Sekunden ist meine Fahrt zu Ende. An der Einfahrt zum Steilstück kurz vor dem Sprung bekomme ich wieder eine riesige Angst und schwinge direkt vor einem der Trainer ab. Das ist einer, der schon ewig lang dabei ist und im Weltcup zum Beispiel die Michaela Gerg trainiert. »Ja, Mädel«, sagt der, »das macht nichts, dann fährst du halt nicht Abfahrt.«

Das hat in dem Moment richtig gutgetan.

Irgendwie war ich von mir enttäuscht, aber auch stolz auf mich. Sich zu trauen, auf das innere Gefühl zu hören und abzuschwingen, obwohl von einem etwas anderes erwartet wird, ist in dem Alter ja nicht selbstverständlich.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es mich da unten geschmissen hätte. Da hätte es sein können, dass meine Karriere schon beendet gewesen wäre, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Natürlich bin ich in den Tagen danach immer wieder von ein paar Trainern und Aktiven blöd angesprochen worden. Das war mir dann aber schnell egal, denn ich konnte für mich gut damit leben. Statt auf die Abfahrt bin ich dann zum Slalomtraining. Das war richtig cool, denn da durfte ich auch mal bei der Weltcupmannschaft mitfahren, obwohl ich viel jünger war als die ganzen Stars.

Im Nachhinein habe ich mir oft gedacht, dass das wahrscheinlich eine meiner besten Entscheidungen war, mutig gewesen zu sein, in dem Moment einfach Nein zu sagen. Geschadet hat es mir auch nicht. Nach nur einem Jahr in Garmisch hat mich der Deutsche Skiverband im September 1991 an die Christophorusschule nach Berchtesgaden geholt.

EINE NEUE HEIMAT

Die Christophorusschule in Berchtesgaden ist eine Eliteschule des Sports. Da ist alles komplett aufs Skifahren ausgerichtet. In meiner Klasse waren vier Mädels, die in derselben Mannschaft gefahren sind. Wenn wir unter der Woche Gletschertraining in Österreich hatten, haben wir einen Lehrer mitbekommen, der uns vor Ort nach dem Training unterrichtet hat. Das war auch extrem wichtig, denn jetzt in der 10. Klasse sollte für uns im kommenden Sommer die Mittlere Reife anstehen. Ein ganz schön schweres Paket war das, das viele Training und den Schulstoff für das Abschlussjahr miteinander zu verbinden.

Der Wechsel nach Berchtesgaden hatte allerdings noch mehr Nebenwirkungen. Für meinen Papa bedeutete er viel mehr Aufwand als bis dahin. Die Fahrten, um mich übers Wochenende oder in den Ferien zu holen oder zu bringen, wurden nun deutlich länger. Statt 40 Minuten nach Garmisch war er nun bis zu zwei Stunden nach Berchtesgaden unterwegs. Aber das war nie ein Thema. Meine Eltern haben mich immer unterstützt und auch angetrieben, soweit es ihre Zeit erlaubte.

Als ich in Garmisch Heimweh hatte und zurück nach Hause wollte, hat der Papa klar gesagt: »Nein, das haben wir jetzt angefangen, ich zahle das und du ziehst das Jahr durch. Das machen wir nicht, dass wir wieder alles über den Haufen schmeißen, gerade so, wie die Prinzessin das möchte.« Und dann war das ausgeredet. Für solche Ansagen bin ich meinen Eltern heute sehr dankbar, auch wenn ich das damals nicht immer verstehen wollte. Es war gar nicht so schlecht, nicht alles zu bekommen, was man sich da in manchen Momenten einbildete.

Damit mein Papa sich nicht immer freischaufeln musste, haben wir dann schon immer geschaut, dass ich irgendwo mitfahren kann. Manchmal bin ich übers Wochenende auch einfach im Internat geblieben. Da waren viele Trainer, die in Berchtesgaden gewohnt haben. Selbst wenn keine anderen Schülerinnen und Schüler übers Wochenende da waren, hatte ich immer Menschen, die ich ansprechen konnte, und war nie ganz allein. Einer, der sich damals besonders um mich gekümmert hat, war Wolfgang Graßl, der von allen nur »Wofal« genannt wurde. Der war mir schon aufgefallen, noch bevor ich überhaupt in Berchtesgaden angefangen hatte.

Kurz vor meinem Wechsel auf die Christophorusschule hatten wir dort im Sommer 1991 einen Konditionslehrgang gehabt. Ungefähr zu der Zeit hat der Wofal an der Schule als Trainer begonnen, weil er seine eigene Karriere als Rennläufer aus Verletzungsgründen schon mit 21 hatte beenden müssen. Das war für ihn tragisch gewesen, denn der war super talentiert und hatte sogar die Silbermedaille bei den Juniorenweltmeisterschaften gewonnen.

Als ich damals zum Lehrgang in Berchtesgaden war, lagen da überall Ausgaben der DSV-Zeitung herum, in der groß über seinen Sieg berichtet worden war. Da waren auch ein paar Bilder drin, die mir gleich gefielen. Das war ein richtig fesches Mannsbild, wie wir in Bayern sagen. Als ich kurz darauf das erste Mal vor ihm stand, war ich mir sofort sicher: »Hilde, den heiratest du mal.«

Der Wofal war in Berchtesgaden dann tatsächlich ganz wichtig für mich. Der hat uns jeden Nachmittag um 4 Uhr an der Schule abgeholt und ist mit uns zwei Stunden zum Konditionstraining in die Halle gegangen. Danach hat er uns wieder zurückgebracht und war immer für unsere Gruppe da.

Als die Schule in den Faschingsferien mal geschlossen war und ich nicht heimfahren konnte, weil das Auto vom Papa kaputt war, da habe ich bei Wofals Familie übernachten dürfen. Die hatten eine Pension mit Blick hinüber zum alles überragenden Watzmann, und die Mama war von Anfang an wahnsinnig lieb zu mir. Ich habe dann da ein Zimmer gekriegt und bin zwei Nächte bei denen geblieben. Das war so ein bisschen meine Anlauffamilie, in der Zeit, in der ich in Berchtesgaden in der Schule war.

Mit echtem Verliebtsein hatten meine Gefühle da überhaupt nichts zu tun. Das war halt eine Schwärmerei, wie das oft so ist, wenn sich eine Jüngere in einen etwas Älteren verknallt. Erstens war er 21 und ich noch nicht mal 16. Zweitens hatte er damals immer irgendeine Freundin. Drittens hatte ich hie und da auch mal einen Freund und viertens ist der Trainer sowieso tabu. Viel wichtiger war das ganz besondere Vertrauensverhältnis zwischen mir und Wofal, das langsam entstanden ist und das mir für meine sportliche Entwicklung sehr geholfen hat. Für alles andere, da war ich mir ganz sicher, war viel später sowieso noch genug Zeit.

SCHLÜSSELERLEBNIS

Wenn man mich heute fragt, ab wann ich wusste, dass ich das Zeug habe, auf internationalem Niveau ganz vorne mitzufahren, dann fällt mir sofort ein Europacuprennen im slowenischen Rogla im Februar 1992 ein.

Dieser Europacupslalom war eines der letzten Rennen vor den Olympischen Spielen 1992 in Albertville und deshalb ziemlich gut besetzt. Da waren viele Weltcupfahrerinnen wie Martina Ertl am Start, die ein paar Tage später bei Olympia um die Medaillen fahren sollten. Martina, die zwei Jahre älter als ich war, hatte ihr Debüt im Weltcup im Jahr zuvor gefeiert. So wie ich hatte sie das sportliche Skifahren als Kind im SC Lenggries begonnen. Wegen des Altersunterschieds sind wir aber in der Jugend nie groß gegeneinander oder miteinander im Team gefahren. Mittlerweile gehörte sie längst fest zum deutschen Weltcupteam und sollte bei ihrem Olympiadebüt im Slalom Fünfzehnte werden. Für die Olympiateilnehmerinnen war so ein Europacuprennen gerade richtig, um noch mal Praxis zu sammeln. Ich hingegen war gerade 16 und hatte unheimlich viel Respekt vor den ganzen Stars.

Beim Skifahren ist es ja so, dass die Startnummer etwas über dein bisheriges Können aussagt. Je niedriger, desto besser. Das ist gerade im Slalom ganz wichtig, denn die mit den niedrigen Startnummern haben vor allem im ersten Durchgang die beste Piste. Ich hatte in Rogla die Startnummer 64, was relativ viel über meinen Status aussagte. 64 bedeutete, dass schon 63 andere Läuferinnen ihre Spuren in die immer schlechter werdende Piste gegraben hatten, bevor ich überhaupt starten durfte. Da hat es sich nicht unbedingt angedeutet, dass ich unter die ersten 10 fahren kann.

Dass ich dann Dritte in diesem Europacuprennen wurde und sogar besser fuhr als die, die in Albertville um Medaillen kämpften, war der absolute Wahnsinn. Wenn ich zu der Zeit unter die ersten 20 oder 25 gekommen wäre, hätte man schon gesagt: »Boah, spitze, Hilde.«

Als ich meinen Eltern das am Telefon erzählt habe, konnten die damit erst mal gar nichts anfangen. Ich habe das immer genossen, dass sich meine Eltern mit meinem Sport nicht auskennen. Das war mein Bereich. Sie hatten ihre Hütte, ihre Küche, ihre Wirtschaft, ihre Leute. Ich hatte meine Freiheit. Das mit dem Skifahren war ganz mein Ding, wo mir keiner reingeredet hat.

Als mich dann der Papa mitten in der Nacht mit dem Ski-Doo auf die Hütte gekarrt hat, waren noch andere Gäste da, die auf einer Nachbarhütte geschlafen haben. Das waren alte Bekannte meiner Eltern. Die haben extra gewartet, bis ich kam, weil sie gehört hatten, dass ich Dritte in einem Europacuprennen geworden bin. Das hat ihnen dann schon was gesagt, denn der Europacup ist ja das, was unter dem Weltcup ist. Beim Fußball würde man sagen: zweite Liga.

Zuerst war ich überfordert, als diese Bekannten mich bejubelt haben, aber dann habe ich mich total gefreut. Die hatten mich schon als kleines Kind gekannt und meinen Werdegang miterlebt und haben dann sofort verstanden, dass dieser Moment etwas ganz Besonderes für mich ist. Irgendwie hat das alles zusammengepasst und mir bei der Entscheidung, mit dem Rennsport weiterzumachen, enorm geholfen.