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Rea Wolff wird Lehrerin und landet wie viele Babyboomer auf dem 'Lehrerberg'. Mit Note "gut" ist sie bei Vertretungen und befristeten, innovativen Jobs willkommen. Die späte 'Festanstellung' mit Kleinkind führt unmittelbar in einen Mobbingstrudel, der schon andere verschluckt hat. Aus Neid und Missgunst suchen drei Mütter wiederholt Sündenböcke und agieren oft im Dunkel. Typisch für Mobbing: Engagement hilft nicht, sie verteufeln Reas hochaktuelle Methoden, die die faule Kollegenmehrheit meidet. Hetze isoliert sie umgehend. Eine Kollegin mobbt wieder einmal mit, die Chefin wie in 70 % der Mobbingfälle ebenfalls. Außenstehende begreifen die verstörenden Geschichten kaum. Doch Zitate von Mobbingexperten klingen, als würden diese Reas Quälgeister persönlich kennen: Es sind stets die gleichen Schliche! Mobbing verursacht bis zu 2 000 000 Jobverluste und bis zu 2 000 Suizide im Jahr. Lehrer sind besonders ruinös betroffen. Frankreich hat ein Mobbing-Strafgesetz, hier fehlt es. Mit unwirksamen Einzelparagrafen werden 95 % der Klagen verloren, Täter mobben weiter. In Reas Fall verduften Aussagen im Amt, im Urteil steht eine Verleumdung. Sie hat pure Galle im Mund und genug von einer Justiz, die Mobbingopfer nicht ernst nimmt. Im Nachbarbundesland bekommt Rea Vertretungen und gute Arbeitszeugnisse, auch ein sehr gutes und ein Gutachten zur Einstellung. Hierin zeigt sie "große Einsatzbereitschaft", "ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein", stellt "sich gern neuen Anforderungen", setzt "sich sensibel für Schwache ein" und hat "Freude am Unterrichten". Neuanstellung im Nachbarbundesland wird trotz Lehrermangel verhindert: Ihre Behörde verleumdet sie telefonisch, Hetzbriefe der Mobber verschwinden aus ihrer Akte. Rea wird chronisch krank. Sie schreibt ihr Leben auf und liest Mobbingfachliteratur, die alles klären hilft. Die Mobber hassten und säten Hass - auch in ihr, bis sie ihre Wut schreibend in Argumente verwandelt, die aufklären und anderen helfen.
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Seitenzahl: 640
Veröffentlichungsjahr: 2021
Gewidmet Menschen,
die ähnlich unerwartet
vor Unbegreiflichem stehen,
nicht wissend
wie ihnen geschieht,
was dahinter steckt
und vor allem:
WARUM?
Rea Wolff
Der Staat mobbt am besten
Wie ich das Fürchten lernte und es überwand
Autobiografie
© 2021 Rea Wolff
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Korrektorat: tredition GmbH
ISBN
Paperback: 978-3-347-20158-3
Hardcover: 978-3-347-20159-0
e-Book: 978-3-347-20160-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle Namen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Orten sind rein zufällig. Die Autorin übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität der bereitgestellten Informationen.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Vorspann
1. Die Kindheit: Was mich prägte
2. Teenie in Zeiten der Revolte
3. Uniluft
4. Eine erzkonservative Fachleiterin
5. Bunte Berufserfahrungen auf dem ‚Lehrerberg‘
6. Kaleidoskop der Willkür
6.1 Roter Teppich für Nicole
6.2 Engagement war für mich selbstverständlich
6.3 Sie wussten, was sie tun: Boykott und mehr
6.4 Die Fachkollegen: Alles Geisterfahrer – oder was?
6.5 Von wegen ‚Co‘: Die Co-Tutorin
6.6 Warum ich?
6.7 Kafkaeske Eskalation
6.8 Die aufgehetzten Kids stellen was an
6.9 Antrag auf Disziplinarverfahren verläuft im Sand
6.10 Im Mobbingstrudel – das zweite Jahr
6.11 Was noch zu sagen bleibt
7. Verschwundene Aussagen und eine Verleumdung
8. Wallraffiade durch vier Schulformen
8.1 Nur Oberstufe: Und ich kann es doch
8.2 Krankenpflegeschule: „Freude am Unterrichten“
8.3 Hauptschulabschlusskurs: eine lohnende Anstrengung
8.4 Gymnasium: Gutachten zur Einstellung
8.5 Realschule: Zu weit gefahren
8.6 Noch einmal am Gymnasium
9. Trotz Lehrermangel sinnlos stillgelegt
9.1 Die Fata Morgana macht krank
9.2 Mein letzter Kurzeinsatz und eine unfassbare Erfahrung
9.3 Ein schwarzer Tag und der Beginn dieses Buches
9.4 Lehrerberg, Lehrermangel: Mobbing bleibt
9.5 Über den ‚Nutzen‘ von Mobbing für Mobber
9.6 Klare Ansage statt Lobbythek
10. Was tun gegen Mobbing?
11. Literatur und Adressen
Vorwort
Mit einer konkreten Geschichte, die mehr sagt als reine Theorie, unterrichte ich Sie hier über ein völlig unterschätztes Thema. Ergänzende Expertenzitate klären, dass dies keineswegs ein Einzelfall ist. Mobbing am Arbeitsplatz muss ebenso im Fokus landen wie Missbrauch und Misshandlung, denn es ist auch Gewalt: psychische Gewalt. Doch was bisher davon ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, stellt weniger als die Spitze eines Eisbergs dar.
„Die letzte große deutschlandweite Mobbing-Studie, bezahlt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, kam für das Jahr 2000 zu einer Mobbing-Quote von 5,5 Prozent. Das entsprach damals 2,1 Millionen Erwerbstätigen.“ (Dahlkamp)
Hier fehlt immer noch ein Mobbingstrafgesetz wie Frankreich, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Belgien, Serbien, die Niederlande und Spanien es haben. In Frankreich kann Mobbing seit 2007 zu einem Jahr Gefängnis und zu 15 000 € Strafe führen. Zitat des Anwalts Wolmerath:
„In 95 Prozent der Fälle bemühten sich Geschädigte und ihre Anwälte vergeblich.“ (Hucht)
Es fühlt sich fast an wie eine Art Rassismus, doch werden hier völlig unauffällige Sündenböcke verleumdet. Die gutgläubige Umgebung schaut weg. Solidarisierung gibt es nur aufseiten der Täter, Opfer fühlen sich bald wie in einer seelischen Katakombe. Folge:
„20 % aller Suizide [in Deutschland] werden auf Mobbing zurückgeführt.“ (Dahlkamp).
2000 der 10 000 Selbstmorde pro Jahr (vgl. Statista: Suizide) gehen also allein auf das Konto von Mobbing. Mordopfer gibt es 250 bis 400 pro Jahr (vgl. Statista: Mordopfer). Durch Mobbing gibt es also fünf- bis achtmal so viele Tote wie durch Mord, doch hier ermittelt keine SOKO, denn ‚Freitod‘ gilt als heilige Freiheit des Einzelnen. Sind Mobbingopfer nicht eher in den Tod getrieben? Selbst Freunde und Bekannte bieten Opfern kaum Halt, denn Ahnungslose können das Berichtete kaum glauben. Auch die wirtschaftlichen Schäden sind gravierend:
„Der Deutsche Gewerkschaftsbund beziffert den mobbingbedingten volkswirtschaftlichen Schaden auf jährlich bis zu 25 Mrd. EUR.“ (Brucker)
In der Coronakrise ist Mobbing noch aktueller, wie immer, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden. Dies gilt insbesondere für Mütter.
Dr. Peter Wickler, ehemals LAG Thüringen, hat ab 2001 als Erster gute Grundsatzurteile gefällt:
„Der Staat, der Mobbing in seinen Dienststellen und in der Privatwirtschaft zulässt oder nicht ausreichend sanktioniert, kann sein humanitäres Wertesystem nicht glaubwürdig an seine Bürger vermitteln und gibt damit dieses Wertesystem langfristig dem Verfall preis.“ (Wickler)
Gute Urteile zu Mobbingfällen finden Sie bei Wikipedia auf der Seite Mobbing-Arbeitsrecht: https://de.wikipedia.org/wiki/Mobbing_(Arbeitsrecht)
Das Schlimmste ist die sinnfreie Hetze. Mobber sind ‚Rattenfänger‘. Ihnen und all den Verführbaren ist die wahre Kompetenz der Opfer völlig wurscht. Selbst Engagement schützt diese nicht, denn die selbstherrlichen Täter frönen nur ihrem Neid oder Machtgelüsten. Heute können sie dies nicht mehr wie bei der Hexenverfolgung oder zu Nazizeiten offen ausleben, also wirken sie mehr im Verborgenen. ‚Wehret den Anfängen‘ sollte heute besser heißen, jegliche Hass-Hemmschwelle zu erhöhen, für Rassisten wie für Mobber. Denn wer heute unbehelligt mobbt, hat ‚Blut geleckt‘ und ist potenziell leichter für jede Hetze anfällig, die mit offenem Hass auf demokratisch gesinnte Menschen losgeht.
Die weltbekannte französische Fachautorin Marie-France Hirigoyen, die für das französische Mobbingstrafgesetz mobilisierte, schrieb über Mobbing und andere psychische Gewalt:
„Wird diese Perversion nicht deutlich angeprangert, breitet sie sich heimlich aus durch Einschüchterung, Angst und Manipulation. […] Das ist die Grundlage des Funktionierens der Maffia oder der totalitären Regime.“ (Hirigoyen, 2011, S. 337)
Da wächst ja global gerade einiges heran. Meine Meinung: Nur ‚faule Säcke‘ tun sich aus Neid und Hass an zufällig greifbaren Sündenböcken aller Art gütlich, statt sich z. B. politisch gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich einzusetzen. Das wäre ihnen viel zu mühsam.
Danke
Besonderen Dank an T. und L., die den Text durchsahen. Dank verdient auch die Leiterin der Landes-Selbsthilfe Mobbing, die mir fundierte Fachliteratur empfahl und mich auf eine Fortbildung hinwies. Der Buchtitel entspricht übrigens einer ihrer Aussagen, die sich auf ihre Erfahrungen gründet.
Ebenso danke ich dem Fachforum Mobbing, auf dessen Internetseite ich weitere aktuelle Literaturempfehlungen bekam.
Gute Fachliteratur lesen zu können war mir eine wahre Offenbarung und gab mir nach all der Erschütterung inneren Halt. Mit ihr wurde das Buch erst möglich. Daher danke ich auch meinem – rein theoretischen – Expertenteam, dessen Kernaussagen ich nutzen konnte. Manch einer der Experten klagt ohnehin, dass diese Erkenntnisse zu wenig genutzt werden, und ich hoffe, sie wenigstens ein kleines bisschen vor dem Verstauben in Fachbibliotheken gerettet zu haben.
Vorspann
„Die Letzte haben wir wegbekommen, dich schaffen wir auch noch weg!“, fauchte mich die Frau im düsteren Keller eines Pfarrhauses unter vier Augen an. Ich arbeitete erst wenige Wochen in meiner einzigen, wegen des ‚Lehrerberges‘ spät erreichten festen Stelle. Der Staat gibt Lehrern nur eine Chance – und nun das! Mein Denken war paralysiert, mein Fühlen schockgefrostet.
Um die Vorgänge begreiflicher zu machen, beginne ich ganz vorn: wer ich bin, wie ich wurde, meine Vorbilder, mein Engagement. Die Beschreibung guter Zeiten macht das Schwere erträglicher und so werden ganz nebenbei auch gängige Vorurteile über Mobbingopfer abgeholzt.
„55 Prozent der befragten Lehrkräfte sagten, dass es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren Fälle gab, in den[en] Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Selbst von psychischer Gewalt betroffen waren ein Viertel der Befragten.“ (Verband Bildung und Erziehung VBE 2016).
Handys hatten meine Schüler in der Mobbingphase noch nicht, in späteren Vertretungen machten Handys mir nie Probleme. Doch heute machen es Verleumdungen im Internet Lehrern bei Mobbing noch viel schwerer. Gerade das macht diese Geschichte so wichtig.
Alle Namen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Orte sind nicht angegeben oder teils verändert: Es könnte überall geschehen.
Zum besseren Verständnis sind Vorgänge teils mehr im Zusammenhang als in genauester zeitlicher Reihenfolge dargestellt. Einschübe aus anderen Zeiten und Kommentare sind kursiv.
Zitate aus Fachliteratur sind eingerückt, dabei stammen Auslassungen oder Ergänzungen in eckiger Klammer […] von mir. Zitate aus Briefen sind kursiv eingerückt. In der alphabetischen Literaturliste finden sich zahlreiche Links.
1. Die Kindheit: Was mich prägte
Fünf Jahre war ich alt, als wir in ein Dorf zogen, wo mein Vater eine Zwergschule leitete. Es gab allmählich wieder mehr Kinder und wegen Kriegsverlusten konnten relativ junge Lehrer in kleinen Dörfern solche Jobs ergattern. Man bot ihnen sogar etwas, damit sie kamen, daher der neue Dienstbungalow, den wir günstig mieten konnten.
Als Bauernsohn hatte mein Vater als einziger von sechs Geschwistern ein katholisches Gymnasium besuchen dürfen, denn er sollte Priester werden. Mit 18 schickte man ihn in den Krieg, nach dessen Ende er lieber einen zweijährigen Kurs zum Volksschullehrer absolvierte und heiratete.
Die enge Stadtwohnung mit Blechbadewanne im Flur und kalter Gemeinschaftstoilette im Treppenhaus war nun Vergangenheit: Wir bekamen ein Badezimmer mit Wanne. Ich bekam ein eigenes, schmales Zimmerchen, in dem das Bett tagsüber hochgeklappt wurde, und draußen hatte ich einen Sandkasten und ein kleines Gartenbeet. Nach den Hausaufgaben wurde ich zum Spielen in die Wiesen hinterm Haus geschickt. Alles war neu und spannend.
Leider hatte ich es als Lehrerkind nicht leicht, akzeptiert zu werden. Man grenzte mich häufig aus und rief mir Schimpfnamen hinterher. Ulrike von nebenan, ein-zwei Jahre älter als ich, entschied fast täglich neu, ob ich mitspielen durfte, denn die Eltern behaupteten, ich würde alles meinem Vater verraten. Ich verriet nichts. So erkundete ich oft traurig allein die Umgebung, bei gutem Wetter aber hüpfte ich summend durch die Wiesen, lernte mich zu orientieren und neue Pfade zu gehen. Das nützt mir noch heute.
In der 1. Klasse hatte ich bei meinem Vater Unterricht. Dies war möglich, weil es nur drei Lehrer gab. Wir malten Kreise, Schlaufen, Höcker und Spazierstöcke, zunächst mit den Armen in die Luft, dann, stets kleiner werdend, auf die Tafel. Danach erst übten wir Buchstaben. Derweil regten sich immer mehr Eltern auf: „Die malen ja nur, wann schreiben sie endlich? Das hat es ja noch nie gegeben!“ Mein Vater vermutete die pensionierte Schulleiterin hinter der Hetze. Er versicherte den Eltern, seine Vorübungen seien Garant für eine gute Schrift, nun ginge es viel schneller. Es war meines Vaters Feuerprobe: Der Volkszorn verrauchte schnell, als er recht behielt.
Meine späteren Bedingungen waren in ähnlicher Situation ungleich schwieriger. Er hatte immerhin einige Jahre Berufserfahrung und zu Hause hielt meine Mutter ihm den Rücken frei, bei Gartenarbeit erholte er sich.
Mein Vater gab unentgeltlich Nachhilfe, wenn eine Versetzung gefährdet war, dies wurde ihm hoch angerechnet. Während meine Eltern Mittagsschlaf hielten, berichtigte ich einige Male heimlich zwei Mitschülerinnen, die kein Hochdeutsch konnten, in Klassenarbeiten ein paar Fehler.
Außer meiner 1. Klasse saß noch die 8. Klasse im Saal. Zeitweise wurde laut vorgelesen, auch aus der „Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff. Ich hörte gespannt zu, während ich schnell unsere Aufgaben erledigte. Noch heute erinnere ich mich an die schaurige Stelle, als der fälschlich vorverurteilte Sündenbock im Wald gefunden wurde – er hatte sich aufgehängt.
Bei gutem Wetter gingen wir häufig hinaus in die Natur und lernten zum Beispiel gelbblühende männliche und grüne weibliche Salweiden zu unterscheiden. Ein Sumpfgras in der feuchten, halbschattigen Bachaue nannte mein Vater ‚Buttergras‘. Wir durften am unteren, zarten, hellgelben Ende hineinbeißen. Es schmeckte wirklich etwas nach Butter und man soll es in Hungerzeiten gegessen haben, erzählte mein Vater. Die oberen Blattteile waren scharfkantig, man musste sie vorsichtig anfassen.
Es ist wohl die Hänge-Segge Carex pendula, über die Essbarkeit fand ich nichts. Durch den Schwund von Feuchtgebieten gibt es ohnehin immer weniger davon.
Auch mit heimischen Vögeln wie Buchfink, Rotschwänzchen und Rotkehlchen, Dompfaff, Kohl- und Blaumeise, Buntspecht und Eichelhäher wurden wir vertraut gemacht. Dies geschah am Fenster oder bei unseren häufigen Wanderungen, dann mussten wir mucksmäuschenstill sein.
Außer einem Schulbeet hatten wir einen Komposthaufen an der Schule, weswegen mein Vater mit dem Hausmeister aneinandergeriet, als der den ‚Dreck‘ gerade entfernen wollte. Eines Tages demonstrierte mein Vater am Komposthaufen mit tiefem Spatenstich das Bodenleben und holte einen Regenwurm hervor. Der vorlaute Werner rief: „Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich wette um fünf Mark, dass ich den Wurm lebendig runterschlucke!“ Bekam Werner eine Strafe? Nein, gewettet hat mein Vater – und prompt fünf Mark verloren. Das war es ihm wert, um den lebhaften Werner bei der Stange zu halten. Feierlich zückte er ein Fünfmarkstück, das ich heute noch in seinen Fingern glänzen sehe.
Gedichte konnte Werner bei Weitem am lebendigsten rezitieren. Im Hausaufsatz bekam er selbst dann keine schlechte Note, wenn er spontan, aber spannend vom leeren Blatt ‚vorlas‘. Die frühere Schulleiterin hatte in solchen Fällen stets Sechser verteilt.
Im Religionsunterricht hatte der Pastor Werner stets auf dem Kieker und wollte ihn oft schlagen, doch Werner und seine Anhänger entkamen meist über die Bänke, bis die ganze Klasse johlte. Dann musste mein Vater die Lage beruhigen. Damals stellte ich mir den Teufel ähnlich vor wie diesen Pastor, den kleinen Poltergeist, dessen Predigten und Andachten meist in krächzendem Gezeter über die sündige Welt und den leeren Klingelbeutel endeten.
Werners Mutter verkaufte Zigaretten, Automaten gab es in dem kleinen Dorf noch nicht. Werner stahl öfter eine Packung und erkaufte sich damit einen Freundeskreis. Die Witwe mit zwei Buben schaffte es nicht, ihn zu erwischen.
Beim Pastor, bei dem wir den Katechismus pauken mussten, beschwerte sich mein Vater öfter: Er solle doch die Kinder mit seinem Gerede über ‚Unzucht‘ in Ruhe lassen: Er mache sie ja auf etwas aufmerksam, das sie noch nicht einmal kannten.
Eine Unterrichtssequenz meines Vaters habe ich nie vergessen: die Hinführung zum Kartenlesen. Wir wanderten durchs ganze Dorf. Am Nachmittag war der Sand aus meinem Sandkasten verschwunden. An der Schule nebenan sah ich meinen Vater mit einer Schubkarre. „Was machst du da mit meinem Sand?“, rief ich empört. „Du bekommst ihn in ein paar Wochen zurück!“, antwortete er lapidar. Im Saal hatte er eine lange Kiste gebaut, die er mit dem Sand füllte.
Morgens formten wir Erstklässler den Sand zum Abbild des Hügels, auf dem das Dorf stand. Häuser klebten wir aus Papierwürfeln in Größe eines Kubikzentimeters zusammen und rot angemalte, gefaltete Papierquadrate wurden zu Dächern: praktische Mathematik. Die wenigen Straßen wurden mit Papierstreifen gekennzeichnet, ein Bach durch einen blauen Faden. Es folgte ein kleines Stufenmodell des Hügels, das mein Vater aus Styroporplatten schnitt. Da diese sich schlecht anmalen ließen, klebte er farbiges Papier auf die einzelnen Höhenstufen. Weil ‚Uhu‘ Löcher fraß, besorgte er in der Stadt Styroporkleber. Er scheute keine Mühen. Die einzelnen Höhenstufen wurden jeweils ein Stückchen oben herausgehoben: Der Hügel wurde plastisch. Am Ende wurden die Stufen flach zusammengedrückt, und wir hatten unsere erste Landkarte.
Wesentlich kleinere Projekte wurden später ausführlich in Zeitungen vorgestellt. Für mich war unser Projekt schön, aber ganz normal. Später habe ich als Lehrerin ebenfalls kaum Mühen gescheut.
Der Rohrstock war in den Schulen verboten, das Schlagen mit der Hand noch nicht, dennoch schlug mein Vater Schüler nie. Doch sobald er Stress hatte, reagierte er seinen Frust zu Hause an mir ab: Oft blutete meine Nase oder die Lippe, die Spuren ins Bad musste ich aufwischen. Mein Hinterteil malträtierte er einige Male so, dass ich tagelang kaum sitzen konnte. Das Schlagen war allerdings in dieser Zeit recht üblich.
Als ich vierzehn war, schlug mein Vater zum letzten Mal. Gerade dachte ich: ‚Diesmal hat es ja kaum wehgetan!‘, da bemerkte ich, dass ein Stück an einem Schneidezahn fehlte: Er war vom Ehering getroffen. Als ich müde von der Schule gekommen war, hatte ich das Geschirr nicht schnell genug gespült, während meine Mutter noch mit dem neuen Baby ruhte. Von nun an schlug mein Vater nie mehr.
In den ersten Jahren war ich in der Pause beim Einpacken öfter die Langsamste. Die drei Lehrer enteilten schnell auf den Schulhof, um dort Balgereien zu verhindern. So kam ich aus dem hintersten Klassenzimmer nicht selten allein zur Treppe, hinter der sich öfter einige größere Mitschülerinnen versteckten. Ich war die Zweitkleinste der Klasse. Sie überfielen mich, zwei hielten mich fest und ein-zwei kitzelten mich heftig am Brustkorb. Ich bekam keine Luft und der Oberkörper verkrampfte sich. Die Rippengegend schmerzte und ich brachte keinen Ton heraus. Die Angst wuchs, bis sie mich losließen. Ein Mädchen stand Schmiere, damit kein Lehrer etwas mitbekam.
„So lustig es klingen mag, wurde das Kitzeln im Mittelalter als Foltermethode eingesetzt. Anhaltendes Kitzeln verursacht starke Schmerzen im Bereich der Lunge und der Bauchmuskeln.“ (Wallbruch)
Dies erst recht, wenn im Rippenbereich gekitzelt wird, bis die Luft wegbleibt. Dass es eine Foltermethode gegeben hatte, bei der eine Ziege Salz von den Fußsohlen der Opfer leckte, hatte man uns vorgelesen. Mitschülerinnen probierten gleich aus, wer am kitzeligsten war: eben ich.
Anführerin Martina war ohnehin neidisch auf mich: „Dein Vater hilft dir doch! Wie könntest du sonst so gute Noten haben? Und wir sind die Dummen und haben Dreier!“, behauptete sie. Andere redeten ähnlich. Doch ich ließ mir gar nicht helfen, ich wollte alles alleine machen. Nur durch mein Hochdeutsch hatte ich eindeutig Vorteile.
Leider hat mich der Vorwurf animiert, mir im Leben zu selten helfen zu lassen, denn ich behielt das dumme Gefühl im Nacken, dann müsste ich mich schämen.
Ließ man gegen Pausenende von mir ab, war mein Vater mit Raufbolden beschäftigt. Bedrängte ich ihn, schob er mich weg. Zu Hause glaubte mir mein Vater nicht.
Heftig griff er mich an: „So etwas tut doch die Martina nicht! Ausgerechnet die! Sie ist ein ganz braves Mädchen und zieht ihre kleinen Geschwister mit auf, ja sie ersetzt regelrecht ihre kranke Mama!“ Er bewunderte Martina deshalb: „Von der fleißigen Martina könntest du noch so einiges lernen! Das ist ja bösartig, was du über dieses liebe Mädchen behauptest! Es ist etwas sehr Schlimmes, anderen so Böses nachzusagen! Was bist du nur für eine! So etwas will ich nie mehr von dir hören!“
Hätte er lieber die tüchtige Martina als Tochter gehabt? Nicht zum ersten Mal hatte er sich in Rage geredet, und rüde wurde ich in mein Zimmer geschickt.
In der Schule trat mein Vater selten so grob auf, außer bei offensichtlichen Übeltätern, die andere geschädigt hatten. War ich in seinen Augen etwa so übel wie diese? Die ‚brave‘ Martina führte die Mädchenbande sogar an, tat aber in der Kirche sehr fromm: eine gar nicht seltene Janusköpfigkeit. Auch mein Vater hatte ja zwei Seiten: als nicht selten wütender, prügelnder Vater und als milder, hilfreicher Lehrer, der Schläge in der Schule ablehnt.
Ich verstand die Welt nicht mehr und tief im Innern schloss ich mich ein. Es war meine erste Erfahrung mit Mobbinghandlungen, und zwar tätlichen, die mir niemand glaubte. Auf Fotos aus dieser Zeit zeige ich meist ein verschlossenes, teils verdrossenes Gesicht. Erst in der Teeniezeit änderte sich dies langsam.
Mobbing in der Kindheit kann gut verarbeitet werden, falls nur eine einzige Person einem glaubt, dies sogar, wenn sie nichts dagegen bewirken kann. Bei mir aber fand das Gegenteil statt, so kann tief versteckte Verunsicherung zurückbleiben. Aus einer Studie der Uni Warwick:
„Menschen, die als Kinder gemobbt wurden, zeigen eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen […] egal in welchem Umfeld sie aufwuchsen.“ (Theis)
Eine Art Trauma also. Ob meine äußerst zahlreichen, oft sehr schweren Bronchialerkrankungen sowie die spätere, extreme Rauchallergie auf die Erstickungsängste zurückzuführen sind? Nur ein Onkel, der als Kind von größeren Jungs mehrfach sehrlange gewaltsam mit dem Kopf unter Wasser gedrückt wurde, hatte ebenfalls eine extreme Rauchallergie.
Ich nahm diese Vorgänge jahrzehntelang nicht wichtig, bis ich mich wegen meiner chronischen Erkrankung als Spätfolge beruflichen Mobbings eingehend informierte.
Mein Unterbewusstsein jedoch zeigte mir in einem unvergesslichen Albtraum, wie sehr ich mich alleingelassen fühlte:
Ich sah mich als kindliche ‚Hexe‘ auf einem Scheiterhaufen. Dorfbewohner standen rundum, auch meine Eltern standen regungslos da. Als das Feuer entzündet wurde, erwachte ich.
Dass ich gerade Mittelaltergeschichten und Gruselmärchen las, hat sicher auch eine Rolle dabei gespielt.
Eine Spitzensportlerin äußerte einmal, sie habe nach Mobbing großen Ehrgeiz entwickelt. Etwas Ehrgeiz hatte ich im Leben öfter, wenn auch nicht so großen wie sie.
Lob und Zärtlichkeit waren zu Hause unüblich, wie jahrzehntelang bei vielen Nachkriegseltern. Allenfalls vor Gästen strich mein Vater manchmal über meine Haare, was ich als verlogen empfand.
Meine Mutter zerriss einmal ein geliehenes Micky Maus-Heftchen: „Das ist Schund und verdirbt den Geschmack für gute Literatur!“ Sie frönte zu meinem Leidwesen auch gut ein Jahrzehnt äußerst asketischen Ansichten. So durfte das Brot erst angeschnitten werden, wenn es zwei-drei Tage gelegen hatte, sonst sei es ungesund. Süßigkeiten gab es nur sehr selten, z. B. von der Oma, die weit weg wohnte.
Gleichaltrige Bekannte bestätigten mir, dass der Puritanismus bei manchen Müttern wohl als Folge des Krieges ziemlich ausgeprägt war. Alles Weltliche, alles Schöne konnte im Augenblick dahin sein, hatten sie als Kinder erfahren und hielten es nun für überflüssig.
Mit sieben Jahren schrieb ich mein erstes Gedichtchen von nur zwei Zeilen groß auf ein Zeichenblatt: „Geh hinaus in den Sonnenschein, dann wirst du bald wieder fröhlich sein!“ Dazu klebte ich gepresste Rosenblätter. Mein Vater lobte meine Kreativität und da Lob höchst selten vorkam, führte dies dazu, dass ich sofort zwei weitere Blätter mit Gedichten und Verzierungen herstellte, z. B. über Schmetterlinge, die in der Luft tanzen. Als meine Mutter das sah, rief sie: „Das ist doch Kitsch! Außerdem verschwendest du das teure Zeichenpapier!“ Und ‚ratsch‘ begann sie, die Blätter zu zerreißen. Wenigstens das erste Blatt rettete mein Vater.
Im Sonnenschein zu wandern ist mir heute wichtiger denn je und Schmetterlinge, Sinnbild schöner Augenblicke, gehören zu meinen liebsten Fotomotiven.
Meine Mutter war kaum 30, als wir ins Dorf zogen, und sie fand dort keine Freunde. Die meisten wichen vor der Frau des Schulleiters zurück, nur zwei ältere Nachbarinnen unterhielten sich manchmal mit ihr. So war sie allein mit ihren kreisenden Gedanken. Nicht einmal Telefon hatten wir zu Hause, denn meinem Vater genügte das Diensttelefon. Die Atmosphäre war oft gedrückt. Meine Mutter sang zwar oft, aber in Abwesenheit meines Vaters häufig ein trauriges Lied: „Oh, du lieber Augustin, alles ist hin!“ Das mag am aufgegebenen Studium, aber auch daran gelegen haben, dass es lange mit weiterem Nachwuchs nicht klappte, auf den mein Vater so sehr hoffte. Gelacht wurde wenig, außer bei Besuch. Ich bewunderte einen Onkel, der unbekümmert lachte.
Dieser Onkel war einige Jahre jünger als mein Vater und nicht als Soldat im Krieg gewesen. Ehemaligen Soldaten war die Unbefangenheit abhandengekommen. Unnahbar waren viele aus dieser Elterngeneration, geradezu hilflos in Gefühlsdingen.
Meine Eltern stritten öfter und sperrten dabei die Tür vor mir ab. Dieses Hintenherum war mir äußerst verhasst. Zehn Jahre war ich Einzelkind und mehr auf eigene Anstrengungen als auf Gequatsche gepolt. Ellbogenkämpfe, wie sie in jener kinderreichen Zeit unter Geschwistern an der Tagesordnung waren, kannte ich selbst nicht und streitenden Geschwistern ging ich lieber aus dem Weg.
Gleich in der ersten Klasse verknallte ich mich. Es müssen die dunklen Augen gewesen sein, die zu funkeln schienen. Wir beschränkten uns jedoch auf schulische Neidgeschichten, die anderen zogen uns ohnehin auf. Bastian beschwerte sich: „Ich kann doch nichts dafür, dass ich nicht richtig singen kann! Ich kann eben nur brummen. Es ist ungerecht, dass ich dafür nur eine Drei bekomme! Du singst doch viel zu leise und hast trotzdem eine Zwei!“ Ich setzte dagegen: „Und du hast deine schönen Bilder daheim bestimmt nicht alleine zu Ende gemalt, garantiert hat dir jemand geholfen! Es ist ungerecht, wenn du dafür eine Eins bekommst!“
In der 3. Klasse hatten wir einen strengen Lehrer, der oft mit harter Pranke schlug. Ich bekam nie etwas ab, doch dieser Herr irritierte mich durch seine Brutalität, sodass ich plötzlich im Rechnen und Schreiben deutlich mehr Fehler machte. Hilfe zu Hause änderte nichts: Mein Vater erklärte so lang und breit die mir gut bekannten Regeln, dass ich ihm weglief. Als mich meine Mutter für jeden Fehler am Ohr zog, wurde es noch schlimmer. Man ließ mich also in Ruhe und nach einem Lehrerwechsel verloren sich die ‚Flüchtigkeitsfehler‘ schnell.
Mit neun Jahren saß ich an einem tristen Winterabend vor einem unbenutzten DIN-A5-Heft. Plötzlich juckte es mich, zu schreiben, keine fröhlichen Reime, sondern etwas Ernstes, das würde meine Mutter sicher akzeptieren. Die Worte fielen mir im Schreibtempo ein, bald hatte ich neun Seiten vollgeschrieben. Plötzlich stand meine Mutter hinter mir: „Das können doch keine Hausaufgaben sein! Was machst du da mit dem guten, neuen Heft?“ Spontan antwortete ich: „Das wird eine Novelle.“ Diese Dinger liebte sie doch so sehr. Sie hatte kaum ein paar Sätze gelesen, da rief sie empört: „Das ist doch Kitsch, und außerdem verschwendest du das gute Heft! In deinem Alter versteht man noch nichts von guter Literatur und du weißt ja gar nicht, was eine Novelle ist!“ Sie riss die beschriebenen Seiten aus dem Heft.
Jahrzehntelang schrieb ich nur Tagebuch, wenn es mir schlecht ging. Manchmal gelang mir auch ein ironischer Text zu aktuellen Ereignissen, doch lange Zeit hob ich diese Texte nicht einmal auf. Inzwischen aber kommt meine Mutter als Einzige aus meiner Familie öfter zu Lesungen, wenn ich meine Geschichten und Gedichte vortrage.
Mit zehn Jahren bekam ich eine Schwester, so konnte ich dem Einzelkind-Fokus meiner Eltern entkommen. Mein Vater hatte sich in den Ferien zum Realschullehrer fortgebildet und kam an eine neue Schule der Stadt, wo wir nun hinzogen. Ich war das einzige Mädchen meiner Klasse, das aufs Gymnasium kam, und ich freute mich auf die Stadt. Zwei der Mitschülerinnen, die mich aus Neid auf die gute Deutschnote gequält hatten, konnten später Abitur nachmachen.
2. Teenie in Zeiten der Revolte
Mein Vater, der gern einen Sohn gehabt hätte, schenkte zwei Cousins zu Weihnachten öfter mechanische Baukästen. Ich bekam ein Puppenbastelbuch, das kränkte mich. Ich feuerte es in die Ecke, denn Puppen waren mir nie wichtig, ich wollte auch Baukästen. Bald bekam ich einen Elektrobaukasten, dann einen Chemiekasten.
Später habe ich meinem Sohn mithilfe des alten Buches eine Puppe gebastelt. Er wünschte sich einen Puppenwagen dazu und bekam ihn, er begeisterte sich aber auch für allerlei Technikbaukästen.
In meinem ersten Jahr am Gymnasium erlebte ich, wie eine zynische Deutschlehrerin eine Schülerin wegekelte und dies nur, weil sie vom Land kam und sich etwas umständlich ausdrückte. Unter Druck wurde es schlimmer, dann stotterte sie. Sie sagte, sie habe vorher nur gute Noten gehabt. Zum Glück konnte sie auf eine neue Realschule wechseln.
Mich ärgerte diese Lehrerin ein Jahr lang auf weit erträglichere Weise: Jede Stunde musste ich den Inhalt der letzten Stunde zusammenfassen, denn ich sei zu schüchtern und müsse das Reden üben. Wohl daher fallen mir Zusammenfassungen heute nicht schwer.
Meine Französischlehrerin hatte Psychologie studiert und war nach zwei Jahren der Meinung, ich nutze meine Potenziale nicht genug. Dies erfuhr ich erst, als ich mit meiner Mutter vor der Haustür eines Psychologen stand, den sie meiner Mutter empfohlen hatte. „Ich bin doch nicht verrückt! Da gehe ich nicht rein!“, protestierte ich. Schließlich gingen wir und meine Mutter tröstete mich mit einem neuen Kleid. So etwas sah ihr normalerweise gar nicht ähnlich.
Mit 14 Jahren bekam ich eine zweite Schwester, Bianca.
Bianca erzählte mir, auch sie habe man als Lehrertochter in dem Dorf geärgert, in das wir bald umzogen: Eine Horde Jungs ließ sie morgens monatelang nicht die kleine Straße passieren, sodass sie einen Umweg hinter den Gärten nehmen musste. Denn Bianca durfte als einziges Kind aus der Straße in jenem Jahr zum Gymnasium, dies auch noch als Mädchen und Lehrerkind. Sie wunderte sich, wo all die Weiber steckten, die sonst oft breit an den Fenstern lagen, um draußen ja nichts zu verpassen.
Das erste ‚Bäng‘ nach der Volksschule passierte mir mit 14 in einer Jugenddisco, als ich mich in einen der besten Tänzer verliebte. Außer wenigen Tänzchen wurde nichts daraus, denn ich hielt mich mit meinen Pickeln nicht gerade für hübsch. Da ich noch keine Schminke haben durfte, nahm ich bald das gefärbte Pickelpulver vom Arzt und Filzstifte für Lidstriche. Ich nähte mir zu Fasching eine bunte Hose und strickte mir eine Maxiweste sowie einen Schal, der fast bis zum Boden reichte. Mit 15 wollte ich Modedesign studieren, Zeichnen war gerade eins meiner Lieblingsfächer. Durch Abänderung eines Schnittmusters entwarf ich mein Abschlussballkleid, musste den teuren Stoff aber nähen lassen.
Die „Bravo“ durfte ich nicht lesen. Auf einer Ferienfreizeit hatte ein Mädchen eine Tasche voller Bravo-Hefte mit. Als ich wegen Übelkeit nicht an einem Ausflug teilnahm, überließ es mir die Hefte und am Abend hatte ich meinen Bedarf an „Dr. Sommer“ für alle Zeiten gedeckt.
Als wir sechzehn waren, empfahl uns unsere Deutschlehrerin, wir sollten statt der „Bravo“ doch lieber „Pardon“ oder „Konkret“ lesen. Bei „Pardon“ schrieben z. B. Günther Wallraff und Alice Schwarzer. Als ich einmal die „Konkret“ kaufte und das Heft meiner Mutter in die Finger geriet, brüllte sie mich an: „Woher hast du das? Das ist ja Pornografie! So etwas kommt mir nicht ins Haus!“ Die Beinahe-Nacktfotos hatten mich nicht interessiert. Dass uns die Deutschlehrerin das Heft empfohlen hatte, glaubte meine Mutter nicht und rief die Lehrerin an. Mit dunkler, rauchiger Stimme bestätigte diese meine Angaben. Augenblicklich legte meine Mutter das Telefon auf und ich hatte was zu lachen.
Von meinen Eltern hatte ich mit 13 ein katholisches Aufklärungsbuch bekommen, das ich Jahre zuvor heimlich gelesen hatte. Es gab darin die abstoßende Zeichnung eines nackten Mannes ohne Kopf, aber mit vielen Haaren auf der Brust – so was graust ein Mädchen, das war sicher Absicht. Mit 16 lieh mir ein Freund aus der Disco das neue 68er Aufklärungsbuch „Sexfront“ von Günter Amendt. Ich hatte es gerade gelesen, da fiel es meiner Mutter in die Hände und sie zerriss es. Da es mir nicht gehörte, musste sie mir das Geld für ein neues Buch geben, was mich belustigte.
Weil der Freund, der mir das Aufklärungsbuch geliehen hatte, mich zu sehr bedrängte, verabschiedete ich ihn bald. ‚Frigide‘ und ‚prüde‘ waren damals neue Adjektive, die die 68er ins Spiel brachten, sobald eine sich nicht flott in die Horizontale bequemte. Doch außer tanzen, bisschen schmusen und reden wollte ich damals noch nichts.
An einem Samstagabend hatten meine Eltern einen schrecklichen Krach. Mir hatten sie im Gefühlsüberschwang eine Ausgangssperre verpasst. Ich stieg aus dem Fenster und über den Balkon auf die Garage, die Mülltonne stand günstig. Ich beschloss, das ganze Wochenende auszureißen. Sollten sie doch sehen, was sie mit ihrem Geschrei anrichten! Auf dem Weg zur Bushaltestelle kam ich an einer Garagenparty vorbei. Einige riefen, ich solle doch reinkommen.
Babsi, die ihren sechzehnten Geburtstag feierte, war nicht in Sicht, aber in meiner Stimmung ging ich gern hinein. Babs war in der hintersten, dunkelsten Ecke auf einem alten Sofa mit ihrem Freund beschäftigt. Ich kannte das von der Disco: Stundenlang lagen die beiden dort aufeinander. Man könnte es ‚öffentliches Petting in angezogenem Zustand‘ nennen. Auch diesmal kümmerten sich die beiden nicht um den Rest der Welt. Schnell kam ich mit einem Jungen ins Gespräch und bekannte mein Problem mit den streitenden Eltern, was ihm, einem Scheidungskind, nicht unbekannt war. Wir tanzten Freistil und engen Blues und bald knutschten wir beim Tanzen wie andere ein wenig rum. Gerade hielten wir uns dabei als Einzige vor dem Tor der großen Garage auf, da schoss Babsis Mutter um die Ecke. „Wenn hier geknutscht wird, ist sofort Schluss! Unanständiges Gesindel, ihr!“, schrie sie. Sie riss den Stecker raus und beendete die Party, lange vor Mitternacht. Als Begründung nannte sie ausgerechnet mich und meinen Tanzpartner. Babsi und ihr Freund waren im dunklen Hintergrund blitzschnell auf den Beinen. Sie setzten eine Unschuldsmiene auf und taten beleidigt: Wir beide hätten ihre Party verdorben. Die Mutter scheuchte alle nach Hause. Babsi hatte sich vorher keine Zeit genommen, uns mitzuteilen, dass man sich auf keinen Fall knutschend vor dem Tor aufhalten solle. Ich ging nach Hause, wo ich über die Mülltonne, das Garagendach und den Balkon unbemerkt in mein Zimmer kam.
Babsis Mutter und ihre Tante schauten mich nun stets empört an, wenn sie mich sahen. „Na, danke, scheinheilige Babs!“, dachte ich. Zum Glück hatte ich meinen Bekanntenkreis eher in der nahen Stadt.
Als das Musical „Hair“ in unsere Gegend kam, besuchte ich mit meiner Freundin eine Aufführung im Theater. Wir zauberten uns Hippiekluft: Alte, bemalte Jeans, bemalte Wildlederboots, bunte, selbst gestrickte Pullunder, die Haare lang und auf ‚wild‘ frisiert: Meine musste ich dazu nur föhnen und die Bürste weglassen. Im Theater wunderten wir uns über die Abendkleider und Anzüge der Besucher. Wir passten da nicht hin, also hockten wir uns vorn auf die Treppe. Dass manche uns anfangs für einen Teil der Musicaltruppe hielten, amüsierte uns köstlich.
Ich war fast siebzehn, als ich mit langen Haaren, Blockabsätzen und selbst geschneidertem Minirock endlich zu einem großen Faschingsfest für Jugendliche durfte. Dort brachte mich ein aufdringlicher, etwas älterer Kerl in Rage. Er lungerte auch oft vor seiner Schule herum, an der wir Mädchen auf dem Heimweg vorbei mussten. Er pfiff immer wieder hinter mir und einer Klassenkameradin her und hielt sich nicht mit anzüglichen ‚Komplimenten‘ zurück.
Nun kam gerade er als Erster, um mich zum Tanzen aufzufordern. Ich lehnte ab, denn sein Machoverhalten war mir äußerst unsympathisch. „Was? Mir gibt keine einen Korb!“, rief er aggressiv. „Mir ist übel!“ war die einzige Ausrede, die mir einfiel. „Aber wehe, du tanzt mit einem anderen!“, fauchte er. Nun stachelte er seine gesamte Freundesriege auf, sich in einer Reihe bei mir anzustellen und mich zum Tanzen aufzufordern. Es waren mindestens 12 Kerle, alle im Saal stierten auf die Szene. Wütend fuhr ich nach Hause, sinnlos hatte ich mein Taschengeld in das Eintrittsticket investiert.
Jetzt reichte es mir: Jungs sollten mich nicht nur wegen meines Äußeren mögen! Die Acht-Zentimeter-Blockabsätze flogen raus, Miniröcke auch. Ich trug nur noch Jeans, flache Boots und fast immer einen Parka. Die Haare schnitt ich bis auf Schulterlänge ab. ‚Hotpants‘ trug ich nur noch im Sommer beim Radfahren.
Klassenlehrer Meyer, Latein und Englisch, war ein verbitterter Mensch. Er lief oft in depressiver Haltung herum, hielt säuerliche Reden über Moral und zitierte Schopenhauer, damit wir ‚Kultur‘ in den Kopf bekämen. So aber löste er eher Aversionen bei uns aus und ich fragte mich, ob er öfter unvorbereitet war und davon ablenken wollte. Mitschülerin Brigitte verwickelte ihn gern in Diskussionen, was uns alle freute. Brigitte gab geradezu ein Schauspiel, wie man Leute um den Finger wickelt. Sie kannte sich aus mit Schopenhauer und mit Literaten wie Jean Paul und Balzac, während wir üblichere Teenager-Interessen hatten.
Im zehnten Schuljahr war Lehrer Meyer ein halbes Jahr lang zu dusselig, um zu merken, dass ihn die Hälfte der Klasse betrog: Einige Mittelmäßige hatten festgestellt, dass er jedes Jahr dieselben Arbeiten schrieb. So wussten sie bald im Voraus, was drankam. Denen mit guten Noten und denen, die schlechte Noten hatten, verrieten sie nichts. Ich hatte vorher gute Noten, doch nun bekam ich meinen einzigen ‚blauen Brief‘, denn wegen der vielen neuen ‚Guten‘ berechnete Meyer die Noten viel strenger. Ich wunderte mich wegen der Diskussionen über die ‚Gummibandmethode’ bei der Notengebung, die einige lauthals mit Meyer führten. Sie hatten Gewissensbisse und hofften, es müsse einfach mehr gute Noten geben. Wenn Meyer nicht im zweiten Halbjahr neue Arbeiten konzipiert hätte, weil er den Braten roch, hätten mich meine Eltern von der Schule genommen. Nun wurden meine Noten wieder deutlich besser, drei Schülerinnen aber gingen beschämt nach der 10. Klasse ab.
In dieser Zeit besuchte ich eine Berufsberatung und wunderte mich über das Testergebnis: Ich sei im sozialen Bereich richtig, als Lehrerin. Doch außer dem neuen Geschichtslehrer schienen mir meine Lehrer damals wenig als Vorbild geeignet. Auch ärgerte es mich, wenn Hinz und Kunz stets vermuteten, ich würde wohl wie mein Vater den Lehrerberuf ergreifen.
Dass ich am Ende doch die Empfehlung der Berufsberatung befolgte, hat mit einigen Oberstufenlehrern und neuen Unterrichtsformen zu tun, die erst später aufkamen.
Die Betrogenen der Englisch- und Lateinarbeiten erfuhren erst in der 11. Klasse auf einer Klassenfahrt davon. Der Ärger kochte hoch. Die Betrügerinnen machten einen Ausflug mit dem ahnungslosen, neuen Klassenlehrer, die Betrogenen blieben aus Protest in der Unterkunft und trösteten sich mit Wodka-Orange. Als die erste Wodkaflasche leer war, ging ich mit einer Mitschülerin im Auftrag aller in ein nahes Wirtshaus, um Nachschub zu kaufen. Es gelang, obwohl wir erst 17 waren. Ich kannte das Teufelszeug Wodka-Orange noch nicht und die Wirkung kam unterwegs an der frischen Luft: Ernste Gespräche führend wunderten wir uns, wieso wir beim Gehen laufend aneinander rempelten.
Eine Mitschülerin blieb trotz „Vier“ in Englisch und Latein an der Schule und Lehrer Meyer traktierte sie oft dröhnend vor der ganzen Klasse: „Sie bekommen doch nie einen guten Abschluss hin und ihre armen Eltern müssen Ihre nutzlose Zeit hier bezahlen!“
Die Gescholtene machte Abitur und wurde Geschäftsführerin. Die Mitschülerin, die eine Diskussion über die ‚Gummibandmethode‘ anzettelte, studierte später Psychologie.
Wegen der heftigen Erniedrigungen der Mitschülerin ertrug ich Lehrer Meyer in der 11. Klasse nicht und strengte mich im freiwilligen Lateinkurs nicht mehr an. Seine Lektüre war ohnehin langweilig und er kaute sie durch wie zähes Fleisch. Bald wechselte ich mit Erlaubnis eines neuen Lateinlehrers in dessen Kurs fürs Große Latinum. Meine Freundin Daniela meinte, es sei dort viel angenehmer, ja leichter als bei Meyers Kleinem Latinum. Es herrschte ein anregendes, humorvolles Lernklima, die Lektüre war interessanter. Ich kam besser mit als bei Meyer, der mich jedoch kurz darauf auf dem Flur zusammenstauchte: „Dort haben Sie überhaupt nichts zu suchen! Sie sind ja gar nicht in der Lage, das Große Latinum zu schaffen!“ „Aber der Lehrer hat es mir erlaubt und ich komme sehr wohl mit!“ „Das hat nicht der zu entscheiden, sondern ich! Der Schulleitung habe ich es schon mitgeteilt, so geht das nicht!“
Ich wollte nicht, dass der neue, beliebte Lehrer wegen mir mit Meyer oder gar mit der Schulleitung Probleme bekäme, denn er hatte womöglich noch Probezeit. Meyer hatte den Neuen nämlich schon auf dem Kieker, weil dieser den Kurs zum Großen Latinum bekam, den Meyer zuvor immer hatte. Also rief ich: „Dann höre ich eben ganz mit Latein auf! Ich brauche es nicht. Wie Sie manche Leute behandeln, das kann ich sowieso nicht mehr mit ansehen!“ In der neuen Oberstufe war der Abbruch eines freiwilligen Kurses inzwischen gerade möglich geworden.
Eine Mitschülerin, die die Szene beobachtet hatte, bewunderte noch Jahrzehnte später meinen Mut. Das Kleine Latinum machte ich an der Uni schnell nach, weil es in Biologie wegen der Fachbegriffe verlangt wurde.
Im Ergänzungskurs Literatur und Theater und in Deutsch hatten wir engagierte Lehrer, Herrn Faller und Frau Dr. Uhl. Mit Geschichtslehrer Schraderer gehörten diese zu einer oppositionellen Lehrergruppe. Die meisten Lehrer waren CDU-Anhänger und Parteilose, die zu Politik schwiegen. Das kleine Grüppchen war SPD-orientiert, aber kein bisschen parteipolitisch eingeengt. Es waren Freigeister, die Bert Brecht und die Expressionisten liebten, Sartre und Simone de Beauvoir bewunderten.
Viel später begegneten mir Lehrer aus der SPD, die eher die Karriere im Sinn hatten, als sie der Partei beitraten, die inzwischen regierte. Es brauchte Zeit, bis mir der Unterschied klar wurde: Ideologie dient bei nicht wenigen nur als Deko.
Geschichtslehrer Schraderer zog uns in Bann. Ich meldete mich bei ihm freiwillig für ein Referat über den Vietnamkrieg. Es gab damals auch in unserer Kleinstadt Vietnam-Demos, an denen sich zahlreiche Jungs aus der Nachbarschule beteiligten, während wir Mädchen eingesperrt bzw. später mit drastischen Schulstrafen von der Teilnahme abgehalten wurden. Ich schaute längst abends die Tagesschau und las Zeitung, sodass Schreckensmeldungen über die Brutalität dieses Krieges mir nicht verborgen geblieben waren. Mein Vater, der die Realschulbibliothek verwaltete, brachte mir fünf Geschichtsbücher mit, die ich als Quelle nutzte. Ich kannte ein Flugblatt der Demonstrierenden und suchte so lange, bis ich aus den verschiedenen Schulbüchern, von denen das eine dies, das andere jenes preisgab oder verschwieg, teilweise ähnliche Argumente beisammen hatte, wie sie im Flugblatt standen.
Lehrer Schraderer lobte mich, ich bekam eine Eins. Er ließ mich die zwei eng getippten Seiten für die Klasse von einer Wachsmatrize abziehen. Ich nudelte die Matrize 200 Mal durch, bis der Text gerade noch zu lesen war und durfte die Blätter auch in zwei weiteren Klassen Schraderers verteilen. Den Rest verteilte ich morgens vor der Schule, bis mir der stellvertretende Direktor schimpfend die restlichen Blätter entriss. Als ich ihm erklärte, bei wem ich das Referat gehalten hatte, das ausschließlich auf seriösen Schulbuch-Quellen beruhte, bekam er einen roten Kopf und dampfte ab.
Unsere Mitschülerin Brigitte las nicht nur wesentlich mehr als wir, sie verwickelte Meyer, aber auch andere Lehrer gern raffiniert in lange Diskussionen. Bald war Rudi Dutschke ihr Idol. „I like Dutschke!“ stand täglich an der Tafel. Sie schaffte es öfter, sich mit einer Freundin in der Pause versteckt in der Klasse einsperren zu lassen und Passagen aus Dutschke-Reden anzuschreiben. Brigittes Name landete so trotz bester Noten öfter im Klassenbuch. Als Dutschke angeschossen wurde, stieg sie im Erdgeschoss aus dem Fenster, um an einer Demo teilzunehmen, denn man hatte uns auf Geheiß der alten Direktorin eingesperrt. Wir sollten nicht den protestierenden Jungs der Nachbarschule hinterherlaufen.
Brigittes kurze Geschichte ist schnell erzählt: Wir staunten nicht schlecht, als sie mit siebzehn mit einem von der Jungen Union anbandelte, den sie in Diskussionen verwickelt hatte. Später studierte sie Medizin. Auf unserem ersten Klassentreffen fragte sie uns später, ob sie die Einladung ihres neuen, begüterten Freundes annehmen solle: Er wolle mit Bekannten ein Stück über den Atlantik segeln. Wir wussten nichts dazu zu sagen. Die Segelnden verschwanden, wahrscheinlich ausgeraubt und ermordet. In der Region verschwanden öfter Segelboote.
Brigittes rasante Anpassung nahm die Entwicklung mancher 68er vorweg: Einer prangerte als junger Mann Millionäre als die wahren ‚Gammler‘ an, inzwischen ist er selbst Millionär. Doch wie langweilig und muffig wäre das Leben ohne die 68er geblieben, die gut ein Jahrzehnt älter waren als wir?
Als die Oberstufe bevorstand, sollte am ‚Knabengymnasium‘ eine Reform erprobt werden. Wir Mädchen erreichten durch erheblichen Protest, dass auch wir dabei sein durften, denn für uns war Emanzipation angesagt, das neue Zauberwort war gerade schwer im Kommen.
In dieser Oberstufe hatten wir alle im früheren Klassenverband die gleichen Grundkurse, daher gab es noch einen guten Zusammenhalt. Nur in Leistungs- und Ergänzungskursen waren wir getrennt. Man hatte uns Reformversprechungen gemacht, von denen einige nicht eingehalten wurden, deshalb wählten wir ohne Legitimation Sprecherinnen für die reformierte Oberstufe. Für unsere Klasse wurde ich gewählt, denn ich konnte das Wesentliche gut auf den Punkt bringen.
Doch der sture Direktor redete nicht einmal mit uns. Zu Hause schrieb ich mir die Wut über ihn in einem Schmähgedicht vom Leib. Gegen meinen Willen wurde es mir in der Klasse aus der Hand gerissen: Es müsse unbedingt in die Schülerzeitung. Dort erschien es auf mein Verlangen wenigstens anonym. Als der Direktor es entdeckte, befahl er sofort alle Schüler ab der 8. Klasse zur Schulversammlung in die Aula. Während einer ganzen Schulstunde samt großer Pause donnerte er erregt auf uns ein, ihm zu verraten, wer das Pamphlet geschrieben habe. Es war ein umgeschriebenes Vaterunser, also auch noch Blasphemie. Es begann mit: „Vater S., der du bist unser Boss“. Die Zeilen „geheiligt werde dein Name“ und „dein Wille geschehe“ kamen darin wörtlich vor. Ansonsten etwa: „Unsre tägliche Anweisung gib uns heute, vergib uns unsere Dummheit… denn dein sind die Macht und die Herrschaft“. Die wenigen, die wussten, wer es geschrieben hatte, hielten zum Glück dicht. Plötzlich wollte die Mitschülerin, die das Gedicht in die Schülerzeitung gebracht hatte, die Aula verlassen. Vom Schulleiter angedonnert: „Was fällt Ihnen ein, Sie bleiben gefälligst hier!“, antwortete sie trocken: „Mir ist sauschlecht! Wenn ich bleiben muss, kotze ich mitten in den Flur!“ Und sie ging.
Nie hatte ich einen Klassenbucheintrag und nun das. Die Aufregung brachte mir drei Wochen Grippe mit hohem Fieber ein. So verpatzte ich eine Matheklausur und verdarb mir die Chemienote, denn die an sich leichte Kombinatorik und der Zitronensäurezyklus blieben mir vorerst ein Rätsel. An der Uni holte ich beides später gründlich nach.
Im Fach Deutsch hatte ich in der Oberstufe insgesamt neun Stunden belegt, Grund- und Leistungskurs sowie Ergänzungskurs Literatur und Theater. Mein langweiliger Leistungskurs Geschichte brachte mich völlig davon ab, dieses Fach studieren zu wollen, obwohl ich es zuvor bei Herrn Schraderer geliebt hatte. Denn vom neuen, jungen Lehrer wurden wir mit Massen ähnlich klingender, öder Quellenkopien zugeworfen, wichtige Hintergründe der Machtergreifung Hitlers blieben dabei jedoch im Vagen. Der Bruder einer Freundin klärte mich rechtzeitig auf, dass Deutsch und Geschichte zu den Studienfächern gehörten, bei denen es weit mehr Bewerber als Jobs gibt. Die Erfolgreichsten kennt man heute aus Talkshows, doch viele fristen als Nachhilfelehrer und in Hausaufgabenhilfen ein schlecht bezahltes Dasein.
Wir lernten kritische Gegenwartsliteraten kennen, z. B. Wallraffs Reportagen und das „Verhör von Habana“ von APO-Unterstützer Enzensberger. In „Irrlicht und Feuer“ von Max von der Grün lernten wir schlechte Arbeitsbedingungen in den Zechen kennen. Am Ende lasen wir Rühmkorfs „Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund“ von 1967 und einen Ausschnitt aus einer brandneuen Schrift des jungen F. C. Delius, „Unsere Siemens-Welt“ von 1972. Letzteres war eine Satire über den Siemens-Konzern, die bald vorübergehend verboten wurde. Der Autor bekam einen langen Prozess, am Ende gab es Schwärzungen.
Die hier lediglich erwähnte Literatur findet sich nicht im Literaturverzeichnis. Wie die damalige Deutschlehrermehrheit sind auch heute viele Deutschlehrer engstirniger als meine progressiven Lehrer und würden für manches davon nicht den geheiligten Begriff ‚Literatur‘ gelten lassen. Bei meinem Sohn sah ich später nur Schulliteratur, die mindestens 80 Jahre auf dem Buckel hatte, lediglich in Englisch wurde „Holes“ von Louis Sachar gelesen. Das war von 1998.
Wir verglichen DDR-Gedichte Johannes R. Bechers mit besseren von Bert Brecht zur gleichen Thematik. Goethe und Shakespeare kamen minimalistisch vor, nur Schillers „Räuber“ lasen wir ausführlich. Wir liebten Frau Dr. Uhl, obwohl sie in der Benotung streng war. Sie ließ uns Sprache genau analysieren und stellte z. B. die Lächerlichkeit der Formulierung ‚würde ich meinen‘ klar: Da wagte jemand nicht, Position zu beziehen. Linguistik gehörte ebenfalls zum Lehrplan. Besonderen Wert legte Frau Dr. Uhl darauf, dass wir Ursache und (teils äußeren) Anlass, erst recht Ursache und Wirkung unterschieden. Da hakt es bei vielen.
Mit Lehrer Faller führten wir zwei Stücke auf. Unser selbst geschriebenes, politisch provokantes Stück regte den Direktor sehr auf. Es beinhaltete, dass die Wirtschaft der BRD besonders wegen Waffenexporten so stark war, was heute noch aktuell ist. Unsere neue Chemielehrerin aber lobte uns sehr: „Das hätte ich euch gar nicht zugetraut!“
Der Religionslehrer, ein junger Kaplan, wurde in unserer Klasse oft in Diskussionen über den § 218 verwickelt. ‚Mein Bauch gehört mir! ‘, hieß es gerade. Eine brachte den „Stern“ von 1971 mit: 374 Frauen, auch prominente, standen öffentlich dazu, abgetrieben zu haben. Einige Mitschülerinnen argumentierten so geschickt, dass der arme Kaplan kaum zum Unterrichten kam. Nur eine Schülerin, die später Religionslehrerin wurde, unterstützte ihn.
Ich schwieg dazu und bin froh, nie mit einer Konfliktschwangerschaft konfrontiert gewesen zu sein. Ich kann verstehen, wenn Frauen in schwieriger Situation abtreiben, weiß aber auch, dass manche still litten, wenn sie später nie mehr ein Kind bekamen. Karrieristinnen waren es nicht, es war ihnen nur wichtig, zunächst einen sicheren Job zu bekommen, und gerade dies dauerte und dauert auch heute bei Akademikerinnen oft lange. In Schweden z. B. sind die Bedingungen deutlich besser, dort weiß ich von einer Professorin, die ihr Kind im Studium aufzog.
Als der ‚nette‘ Papst Franziskus bei Abtreibungen von „Auftragsmord“ redete, wollte er von Tausenden Missbrauchsfällen ablenken, die gerade öffentlich wurden. In Sachen Mutterschaft ist die Männerhochburg Vatikan ja ‚Experte‘. Doch gäbe es die volle Pracht des Vatikans ohne Zölibat? Illegale Priesterkinder erben nicht, alles fließt in den ‚Schoß der Mutter Kirche‘ zurück, seit 1139 das Zölibat beschlossen wurde. Kinder leiden zweifach unter dem Zölibat, durch Missbrauch oder Vaterlosigkeit. Doch statt es abzuschaffen, importiert man Priester aus Indien und vergrößert Gemeinden. Sogar „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ sind rein männlich. Einfachen Katholiken auf dem Land war diese geistige Männerwirtschaft fremd, wichtiger war ihnen die ‚Heilige Familie‘. Oft war die halbe oder ganze Familie nach ihr benannt. Weil es so viele Marias gab, nannte man sie Ria, Mia, Mariechen usw. Erschrak man, so rief man „Jessas, Maria und Josef!“ und bekreuzigte sich. In der Verehrung der Mutter Gottes spiegelt sich wohl der uralte Glaube an eine Muttergöttin wieder.
Bald gab mir jemand auf der Straße die letzte Ausgabe des kirchlichen Wochenblattes „Publik“, das nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gegründet, aber nach drei Jahren wieder eingestellt wurde. Meinen Eltern, die einen ökumenischen Bibelkreis besuchten, jammerte ich vor: „Das ist ja wieder typisch! Kaum gibt es mal was Fortschrittliches bei Kirchens, da wird es wieder abgeschafft: Die Bischöfe wollen die Publik nicht mehr bezahlen, weil sie ihnen zu kritisch ist!“ Eine Leserinitiative organisierte eine Nachfolgezeitschrift. Meine Eltern abonnierten sofort das neue Monatsheft „Publik-Forum“, das inzwischen ökumenisch ist. Es steht der Initiative „Kirche von unten“ nahe.
Meine Mutter liest das Heft immer noch. Auch ich lese es wieder, denn es nimmt zu vielen gesellschaftlichen Fragen kritisch, sachkundig und vor allem unabhängig Stellung. Meine zwei Schwestern und ich wurden später evangelisch und unsere Eltern nahmen uns dies trotz ihres kirchlichen Engagements nicht übel.
Mit siebzehn machte ich mit zwei Freundinnen in Holland eine Radtour. In Amsterdam beeindruckte mich am meisten, dass es dort Fahrradstraßen mit eigenen Kreuzungen und Ampeln gab, wovon wir heute noch weit entfernt sind. Einige Bekannte hatten vor unserer Reise nur im Kopf: „Bringt ihr aus Amsterdam was mit?“ Doch uns drei interessierte Haschisch nicht. In meiner Discozeit gab es einen aufdringlichen Haschischdealer, der mir unbedingt die goldene Kettenuhr meines verstorbenen Opas abkaufen wollte, die ich um den Hals trug. Obwohl er mir mehrfach 40 Mark dafür anbot, war sie für mich unverkäuflich. Wochenlang bedrängte er mich und bot mir auch an, kostenlos Hasch zu probieren. Ich lehnte ab, er war mir ziemlich unsympathisch.
Meine Freundin Daniela und ich schworen uns, dass wir auch ohne Drogen ‚gut drauf‘ sein können. Eines Tages brachten wir uns unterwegs so sehr gegenseitig zum Lachen, dass ein besorgter, älterer Bekannter vermutete, wir hätten ‚was genommen‘. Manchmal besuchten wir auch einen Bekannten, der freiwillig im Drogenhilfezentrum Dienst tat. Wir brachten LPs mit, die wir dem Zentrum ausliehen, z. B. meine von Ekseption und von Emerson, Lake and Palmer.
Einer, der das Zentrum als LSD-Konsument besuchte, war Werner, jener aufgeweckte Junge aus meiner Volksschulzeit. Daniela wurde später Ärztin für Neurologie und berät u. a. Suchtkranke.
Bald hatte Daniela einen festen Freund und ich fand zwei neue Freundinnen, Ingrid und Elena. Bald hatte Ingrid mal wieder ‚Emma‘ gelesen und sie war gerade schrecklich verliebt: „Der Jo, der ist ja sooo süß und der will auch mit mir gehn, das spür ich genau. Aber dass er mich entjungfert und sich auch noch was drauf einbildet, das gönn ich ihm nicht! Die geben doch alle bei ihren Freunden damit an. Das ist entwürdigend!“ Und wehtun könnte es auch noch. Sie schlug vor, dass wir uns selbst mit Kerzen entjungfern. Jede von uns knetete sich eine Haushaltskerze vorne rund und es funktionierte behutsam, ohne Schmerz. Mit heutigen Vibratoren hatte dies nichts gemein: Das Wort Orgasmus war mir zwar aus dem 68er Aufklärungsbuch bekannt, doch die Erfahrung kam erst später bei meinem ersten festen Freund. Eines Tages fand meine Mutter das Wachsrelikt unter der Matratze. Es gab wieder mal Geschrei. Erst jetzt meldete mich meine Mutter bei ihrer Gynäkologin an. Die war fast 70 und erzählte stolz, dass sie so ziemlich zu den ersten Frauen gehört hatte, die in Deutschland Medizin studierten. Als ich 18 war, verschrieb sie mir ungefragt die Pille. Na ja, ich hatte auch nichts über die wunderliche Entjungferung erzählt. „Ihr sollt es heute besser haben als wir früher!“, erklärte sie.
Ich begann, mich mit Fotografie zu beschäftigen, und Jo, inzwischen Ingrids Freund, lieh mir ein Buch darüber. Nach einem Ferienjob konnte ich mir eine Spiegelreflexkamera kaufen, ein günstiges DDR-Modell. Von Anbeginn bevorzugte ich Motive aus der Natur.
Rolf hieß er und wurde mein erster fester Freund. Er konnte gut reden und treffend argumentieren, wollte den Dingen auf den Grund gehen und las sehr viel. Rolfs toughe Mutter war geschieden und arbeitete als Sekretärin bei einem Professor. Der ließ Rolf manchmal an sein Mikroskop und weckte sein Interesse an Biologie. Ohne Rolfs Oma, die alleine den Haushalt schmiss, hätte seine Mutter nie alles so toll schaffen können. Diese Oma tapezierte morgens mal kurz das Zimmer ihrer beiden Enkel neu. Ich dagegen strich eine Wand meines Zimmers selbst grün.
Später strich ich oft Wände, auch bei Freunden, sowie mal nebenbei Flur und Treppenhaus meiner Eltern, was mir ein neues Fahrrad einbrachte.
Mein Vater zeigte mir den Umgang mit Hammer und Meißel, sodass ich mein erstes Regalsystem mit Schrauben an der Wand befestigen konnte. Die Grundlage für handwerkliches Interesse war gelegt, bald bekam ich eine gebrauchte Bohrmaschine.
Rolf hatte ein gutes Mikroskop. Wir schauten uns Wasserproben eines Tümpels an und er machte mich mit Haeckels wunderbarer Formenwelt der Kieselalgen bekannt (vgl. Wikipedia: Kunstformen der Natur).
Wir wollten Biologie studieren, doch in jenem geburtenstarken Jahrgang zog der Numerus clausus sehr an, da wichen wir in die Chemie aus. Wir lasen beide viel, z. B. „Im Anfang war der Wasserstoff“ von Hoimar von Ditfurth. Es machte Lust auf Naturwissenschaft und uns interessierten Wege wissenschaftlicher Erkenntnis, wie sie am klarsten in der Naturwissenschaft zu beobachten sind. Ich las „Die Doppelhelix“ von Nobelpreisträger James D. Watson. Er und Crick hatten 1953 die Struktur der DNA aufgeschlüsselt. Mir gefiel allerdings nicht, wie schäbig die beiden über eine Konkurrentin sprachen: Sie nannten sie ‚Blaustrumpf‘, eine Beschimpfung aus dem 19. Jahrhundert, mit dem Mann gebildete Frauen bedachte, die angeblich unweiblich waren.
Die geisteswissenschaftlichen Fächer nannten Rolf und ich ‚Laberfächer‘, weil sie uns zu vage, zu wenig konkret waren. Mich interessierte auch, woraus die Dinge bestehen. Das Lehramt wollte ich zu dieser Zeit noch nicht angehen, weil ich bei den meisten Lehrern so viel Langeweile erlebt hatte. Und was noch schlimmer war: Meine engagiertesten Lehrer hatten mehrfach Schwierigkeiten mit der Schulleitung. Sie konnten sich halten, weil sie als Gruppe zusammenhielten. Frau Dr. Uhl ruhte sich nie auf dem aus, was sie gelernt hatte. Doch sie, die sich in der neuen Oberstufe gegen harte Widerstände sehr für uns eingesetzt hatte, wurde am Ende schwer krank. Sie war in der Vorbereitung zur Reform tätig gewesen, wo aus manch gutem Ansatz etwas ganz anderes gemacht wurde, weil sich Kollegen lautstark über Mehrarbeit beschwerten.
Meine eigenen, späteren Erfahrungen mit einem neuartigen Lehrplan samt neuen Methoden erinnern mich heute an Frau Dr. Uhls Erfahrungen.
Nach dem Abi jobbte ich in einem Schweizer Hotel, wo ich sechs Wochen lang neun Stunden täglich durcharbeiten musste, also 63 Wochenstunden, samt Wochenenden, außer an einem Feiertag. Dann kündigte ich und bekam zu Hause im Stadtpark einen Job mit 40 Wochenstunden. Rolf jobbte einige Monate in der Industrie, so konnten wir im September mit Daniela und deren Freund nach Südfrankreich reisen.
Dort malten Fischer am Kai Parolen gegen Pinochets Militärjunta, die in Chile geputscht und den Präsidentenpalast Allendes bombardiert hatte. Gerade wurden in Chile Tausende ermordet, auch der bekannte Sänger Victor Jara. Dieses Erlebnis führte bei uns zu einem Politisierungsschub. Wir gründeten zu Hause mit anderen ein Chilekomitee, erstellten eine Broschüre und führten eine Veranstaltung durch. Hier nur zwei kurze Infos:
„Mehr als acht Millionen Dollar soll die CIA in Chile von 1970 bis 1973 investiert haben, um Allende zu stürzen.“ (Spiegel 16.09.1974)
Dies kam erst ein Jahr nach dem Putsch in die Presse, vor diesem las man nur über Kritik an Allende. Die Chicago Boys mit Milton Friedmann ließen sich bejubeln, die wirtschaftlichen Retter Chiles gewesen zu sein und das Weltwirtschaftsforum gab sein Gütesiegel (vgl. Volkery). Doch:
„Das durchschnittliche Wachstum zwischen 1973 und 1990 lag bei mageren 2,9 Prozent […]. Damit nicht genug: Der Durchschnittslohn sank während der Pinochet-Ära, und der Anteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze stieg dramatisch von 20 auf 44 Prozent. […] von 1990 bis 1997 [in der Demokratie nach Pinochet] wuchs die chilenische Wirtschaft um durchschnittlich sieben Prozent.“ (Volkery)
Meine Schulzeit war rückblickend gar nicht so langweilig, wie sie mir meist erschien. Prägend waren für mich vor allem Frau Dr. Uhl, Herr Faller und Herr Schladerer, die uns mit Esprit und Elan selbständiges Denken vorlebten.
3. Uniluft
Im Chemiestudium ging es ganz anders zur Sache als beim geisteswissenschaftlichen Studium einiger Bekannter. Während diese an manchem Wochenende zusammen zum Wandern fuhren, saßen wir jeden Samstagmorgen in der Rechenübung, auch sonntags lernten wir oft. Morgens ging es bei uns meist früher los, abends endete es wegen der Praktika später. In der Mittagspause hechteten wir anfangs in einer halben Stunde rüber zur Mensa, um das billigste Essen der kürzesten Warteschlange hinunterzuschlingen.
Die studentische Fachschaft lud zu Beginn zu einem kritischen Film ein. Auf Grundlage der Nürnberger Prozesse beschäftigte sich „Rat der Götter“ von Kurt Maetzig (1950) mit der Mitschuld des deutschen Chemiekonzerns I.G. Farben an Naziverbrechen. Der DEFA-Film aus der DDR war hier anfangs verboten gewesen. Plötzlich stürmten Burschenschaftler in den Raum und brüllten, dass wir uns nicht von diesen DDR-Freunden ‚verführen‘ lassen sollten: Wir sollten mit ihnen den Raum verlassen. Nur einer ging mit.
Im ersten Semester lernten wir, eigenständig zu experimentieren. Aus unserer Schulzeit kannten wir dies noch nicht. Männliche Studenten waren deutlich unbefangener, während Studentinnen vorsichtiger ans Werk gingen. Bei dem neuen, strengen Professor fielen am Ende 40 Prozent durch, in Mathe noch mehr. Gut die Hälfte brach das Studium bald ab. Mein Freund Rolf, der im Abi nur eine Drei Minus hatte, gelangte gleich in den Einserbereich, und da blieb er. Seine früheren Lehrer würden sich sehr wundern, wenn sie es wüssten.
Einige, die später Karriere machten, gesellten sich im zweiten Semester ohne Biologie-Zulassung einfach zu den Lehramtsstudenten, besuchten die Veranstaltungen und schrieben Klausuren mit, obwohl sie die Studienzulassung erst später erhielten. Ich wagte dies nicht. Der Numerus clausus für Biologie war gerade sehr hoch.
Bei den konservativen Professoren, die nun zwei Semester in Chemie zuständig waren, herrschte ein muffiger Ton. Ihre Assistenten in den Praktika waren meist Burschenschaftler. Zur Physikalischen Chemie und zur Biochemie zählten später deutlich interessantere Charaktere.
Heute sind etliche Chemieprofessoren bei Scientists for future. Die Stellungnahme deutscher, österreichischer und Schweizer Wissenschaftler zu den Protesten für Klimaschutz bekam rasant über 26 800 Unterzeichner. (Vgl. Scientists for future S4F)
Einige der Assistenten, die zwei Anorganik-Praktika betreuten, nahmen Studentinnen nicht wirklich ernst. Nur einer war nett, doch der wurde von den anderen gemobbt. Frauen waren damals in der Chemie eine kleine Minderheit. Einer der Assistenten war stets auf einen Flirt aus und gab den Abweisenden wie mir im Praktikum extra schwierige Untersuchungsobjekte. Drei Frauen blieben im Jahrgang vor uns bis zum Studienende, die hielten wenigstens zusammen. In unserem Jahrgang gaben alle Frauen innerhalb eines Jahres auf, nur ich blieb noch etwas.
Mehrere intensive Fiebererkrankungen mit heftigster Bronchitis, die mich trotz Antibiotika jeweils zwei – drei Wochen schwer hustend ans Bett fesselten, waren durch Faktoren begünstigt, die ich zunächst nicht verstand. Ich wohnte mit Rolf in einer billigen Dachwohnung, die an einer sehr belebten Kreuzung lag und Rolf rauchte viel. Obwohl er nur in seinem Zimmer qualmte, belastete mich der Rauch, auch wenn ich mir dies nicht sofort klarmachte. Die Autoabgase lagen mir ebenfalls schwer auf der Lunge. Dass ich eine sehr seltene Rauch- und Abgasallergie hatte, erfuhr ich erst später, selbst Ärzte hatten zunächst kaum einen Begriff davon. Dass mich sogar der ausgeatmete Zigarettenqualm belastete, wenn Rolf dicht vor mir redete, ja selbst wenn er neben mir schlief, drang nur langsam in mein Bewusstsein: Das Empfinden, dass mir etwas auf dem Brustkorb lastete, konnte ich mir zunächst kaum erklären.
Als ich mich entschloss, Rolf zu verlassen, fragte er verdattert: „Warum?“ Ich antwortete: „Wir passen nicht zueinander: Du argumentierst mich oft an die Wand. Meine Meinung scheint bei dir kaum zu gelten, ich gehe lieber meinen eigenen Weg!“ Seine Redegewandtheit kam ihm für kurze Zeit abhanden, ich will ihm aber nichts Schlechtes nachsagen.
Neben seinem Fleiß verhalf ihm auch seine Redegewandtheit zum Erfolg: Er wurde Professor, seine spätere Frau ebenfalls. Da haben sich Ebenbürtige gefunden.
Als tiefere Trennungsursache kommt witzigerweise die Pille infrage:
„Durch das hormonelle Verhütungsmittel wählen Frauen andere Männer aus als mit ihrem natürlichen Instinkt ohne Pille – solche, die ihnen genetisch ähnlich sind. Das funktioniert über Pheromone. Das haben Wissenschaftler aus Liverpool und Newcastle nun erneut bestätigt (Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences).“ (Hammer)
Den dunkelhaarigen Rolf hatte ich mit Pille kennengelernt, die ich nun nicht mehr vertrug. Bald lernte ich pillenlos den blonden Werner kennen, meinen heutigen Ehemann.
Ich fand ein kleines WG-Zimmer. In der Institutsbibliothek informierte ich mich über Benzpyrene, Inhaltsstoffe jeglichen Rauchs aus Zigaretten und Autoabgasen, die in Verdacht gerieten, Krebs zu erregen.
„Benzo[a]pyren ist eine der am längsten bekannten und untersuchten krebserregenden (karzinogenen) Substanzen. Das Risiko, dass Zigarettenrauch Lungenkrebs hervorruft, wird zu einem großen Teil auf Benzo[a]pyren zurückgeführt. Benzo[a]pyren gilt auch als die Ursache des so genannten Schornsteinfegerkrebses.“ (Wikipedia: Bezo[a]pyren)
Fragte ich unsere Assistenten nach Gesundheitsgefahren durch einzelne Substanzen, reagierten sie allergisch oder versuchten, die Frage bzw. mich lächerlich zu machen. Erst recht, wenn ich wie bei Benzpyren inzwischen besser Bescheid wusste als sie. Sie verweigerten sich solchen Erkenntnissen, so lange es ging.
