Der Sturz - Richard Sandhöfner - E-Book

Der Sturz E-Book

Richard Sandhöfner

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Beschreibung

Wer möchte nicht gerne einmal gewisse Erlebnisse, Ereignisse aus seinem/ihrem bisherigen Leben- möglichst sogar bis in die Kindheit zurück- >nacherleben

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Vorwort

An die Arbeit, fertig, und los in den Skiurlaub.

Noch ist nicht alles verloren – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt

Zurück in eine vergangene Zeit, Korrektur oder Bestätigung der späteren, realen Erinnerungen?

Vorläufiges Ende der Vorstellung

Wieder in der realen Welt, in der Gegenwart

Vorwort

Bergsteiger, die abgestürzt sind, aber überlebt haben – durch welche Umstände auch immer- – haben schon wiederholt von seltsamen Reisen in die Vergangenheit, in teilweise verschiedene Lebens – und Zeitabschnitte und unterschiedlichen Erlebnisphasen berichtet.

Raum und Zeit, auch die Dimensionen, scheinen sich dabei oft unerwartet, auch in unterschiedlichem Ausmaß, zu verändern.

Aber die Inhalte sind keine bloße Halluzination, auch dann nicht, wenn sie teilweise albtraumhaft übersteigert erscheinen. Halluzinationen und Wirklichkeit gehen fließend ineinander über. Ereignisse laufen sowohl realitätsnah und wirklichkeitsgetreu ab, als auch seltsam unwirklich, frustrierend, geradezu befremdlich.

Im Extremfall wird der Erzähler – sozusagen nachträglich – sogar zum direkten Beobachter eingesetzt und eingespielt, ohne selbst einen Einfluss auf bestimmte Ereignisse ausüben zu können.

Hier entstand ein biografischer Roman (ein Roman mit unterschiedlichen biografischen Anteilen – fiktionale Biografie), in dem die biografischen Anteile an Vorfällen und Ereignissen, teilweise auch mehrheitlich, den tatsächlichen Abläufen entsprechen. Durch die detaillierte Schilderung von Erlebnissen mit kombinierten, fließenden Übergängen in den Romanmodus wird stellenweise zusätzlich erhöhte Spannung erzeugt. Aber auch die Komponenten, die zum stillen Nachdenken anregen, sind ein wesentlicher Teil der diversen, verschiedenartigen Abhandlungen.

Der Sturz …

… in eine andere Welt – und wieder zurück.

An die Arbeit, fertig, und los in den Skiurlaub.

Nein, ich schaffe es einfach nicht mehr. Zwei Tage mit einer fiebrigen Erkältung liegen hinter mir. Die Schonzeit war zu kurz.

Die Zeit reicht nicht, noch rechtzeitig eine präzise ›Cashflow‹ – Liste für ein Großprojekt zu erstellen.

Ich will nur noch nach Hause. Dabei hatte ich mich so auf den Skikurzurlaub gefreut. Es ist Mittagszeit, der Ski-Bus kommt schon in einer Stunde.

Hans schaut mir über die Schulter, schüttelt etwas ratlos den Kopf.

»EUREKA«, meint er plötzlich nachdenklich, dann grinst er.

»Ja, ich hab` die Lösung, es ist allerdings erst ein Pro-forma-Ergebnis.« Mit dem Zeigefinger streicht er über mehrere spezielle Zahlenreihen. »Hier, diese Basiszahlen übertragen wir, linear ansteigend, auf die entsprechenden Abschnitte im Projektablauf. Etwaige spätere, größere Abweichungen in der Projektentwicklung können jetzt noch nicht berücksichtigt werden. Aber das vertrete ich selbst gegenüber der Projektleitung.«

»Der PC, oder besser das Programm, akzeptiert nun mal keine improvisierten Eingaben oder handgestrickte Verknüpfungen, so wie du es gerne möchtest«, meint er belehrend. Er grinst wieder, aber das musste er wohl unbedingt noch loswerden. Sichtlich erleichtert sind wir beide.

Die Zeit war knapp. Das Werk ist gelungen. Regungslos, apathisch sitze ich noch eine Weile herum.

»Geh jetzt hinaus, der Bus ist in wenigen Minuten da. Hoffentlich komme ich nicht selbst zu spät.«

Hans verlässt eilig den Raum. Er wird es schaffen.

Samstag – letzter Tag mit vollem Programm. Ich habe mir vor Ort einen Kurz-Ski geliehen. Etwas ungewohnt, schon die Optik. Na ja, wenigstens meine Fangriemen konnte ich montieren lassen.

»Witzig, eigentlich sind nur noch Skistopper gefragt, das System ist sicherer«, meint der junge Monteur. »Deine Fanglederriemen gehören ins Museum«, fügt er noch hinzu.

»Aber im Tiefschnee sind die Stopper unterlegen«, halte ich dagegen.

»Aha, du bist also ein guter Tiefschneefahrer«, bemerkt der junge Mann anerkennend.

»Eigentlich nicht.«

Weiter möchte ich mich nicht dazu äußern.

Das Wetter ist leider weniger gut. Ich fahre nur ungern bei schlechter Sicht. Ob Schneetreiben, Nebel oder Dunkelheit, das ist egal. Lieber verzichte ich.

Aber wir haben doch nur drei Tage, die Zeit sollte genutzt werden! Kneifen gilt nicht, schon gar nicht am letzten Tag.

»Wir fahren mit der Gondel noch einmal ganz nach oben, es wird nicht mehr lange gehen!« Der Vorschlag ist gut, schnell bildet sich eine kleine Gruppe. Natürlich bin ich dabei, obwohl ich ein ungutes Gefühl nicht los werde. Ich kenne die Abfahrtsstrecke nicht, die Sicht ist ganz oben sicherlich nicht besser als hier unten. Aber, das macht nichts, auf meine Kumpels kann ich mich notfalls verlassen.

Es geht nach oben, die Gondel ist nicht überfüllt, verständlich.

Wie lange die Fahrt wohl noch dauert? Bin ich etwa nervös, weil plötzlich Sturmböen die Gondel ins Wanken bringen?

Es kommen kaum Gespräche auf. Das Motorengeräusch eines sich nähernden Flugzeuges ist jetzt deutlich zu hören.

»Gestern ist ein Sportflugzeug in eine Seilbahn gerast – irgendwo in den Alpen. Hoffentlich kennt der Pilot über uns die Umgebung ausreichend.«

Ein Skifahrer mit scheinbar trockenem Humor will offenbar etwas zur Auflockerung der Stimmung beitragen.

»Sehr witzig«, bemerkt hierzu eine Frau. Ein noch recht junges Mädchen klammert sich noch intensiver an sie.

Die Frau ist sichtlich verärgert, sie ergreift noch einmal das Wort:

»Meine kleine Tochter fährt mutig und ohne besonders große Hemmungen die kommende Abfahrt herunter. Sie ist eine gute Skifahrerin, fährt relativ kontrolliert und auch ausreichend sicher. Aber Sprüche dieser Art machen ihr Angst. Sie hat Furcht vor etwas, auf das sie keinen Einfluss hat. Ihre Bemerkung war unsensibel, geradezu töricht!«

Sicherlich gibt ihr der eine oder andere der hier Anwesenden recht. Na ja …! Andererseits – man muss auch nicht gleich jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Wir haben die Gipfelstation erreicht. Eisiger Wind – nein, das ist schon Sturm – erfasst die Aussteigenden.

»Vielleicht sollten wir jetzt sofort losfahren, es wird immer kritischer« mahnt Kalle ungeduldig. Hans nickt zustimmend und ergänzt noch: »Ricky, das wird sicher noch schlimmer als unsere Abschlussarbeit vor ein paar Tagen im Büro.«

»Ha,ha … , ich habe schon über bessere Witze gelacht.«

Nach kurzer Pause habe ich meine Entscheidung getroffen.

»Ich warte lieber noch auf die nächste Gruppe, fahrt ihr schon voraus.« Im Pulk mit dem erfahrenen Werner und dem Rest der Gruppe fühle ich mich nämlich sicherer. Die nächste Gondel wird bald da sein.

Die Reihen lichten sich. Die Wenigen, die jetzt noch ankommen, drängen fast hastig nach draußen. Heftige Sturmböen scheinen das kleine Stationsgebäude jetzt erzittern zu lassen. Die schwere Pendeltür aus dickem Plastikkunststoff schwingt bedrohlich hin und her, schlägt in unregelmäßigen Abständen immer wieder krachend gegen den stabilen Türholmen. Wiederholt zucke ich zusammen.

»Der Stationswart sagt, der Gondelverkehr ist eingestellt«, ruft ein Mann seinen beiden Gefährten zu. Im tosenden Lärm sind seine Worte kaum zu verstehen.

Das darf doch nicht wahr sein. Das bedeutet: Werner und die kleine Restgruppe kommen nicht mehr.

Neugierig betrachten mich die drei jungen Männer. Ihre Skier haben sie bereits angeschnallt. Scheinbar ruhig warte ich auf die Frage, was ich, sozusagen der letzte Mohikaner hier oben, eigentlich vorhabe. Vergebens!

Es ist höchste Zeit, aktiv zu werden. Ziemlich hektisch wende ich mich jetzt an die Gruppe:

»Kann ich mich anschließen? Ich kenne das Gebiet nicht, ich bin sonst verloren«, dramatisiere ich … … Aha, meinen Humor habe ich wenigstens nicht verloren, noch nicht!

Nur keine Zeit mehr verlieren. Hastig steige ich in die Bindung.

»Vergiss nicht deine alten Fangriemen«, ermahnt mich einer der Männer. Sie sind nicht aufgeregt, warten in aller Ruhe.

Im Moment ist es ruhig, fast windstill. Ohne großen Widerstand zwängen wir uns durch die Pendeltür.

Was ich jetzt sehe, beunruhigt mich doch sehr: Dichtes Schneetreiben, Nebel, schlechte Sicht … , Verhältnisse, die ich gar nicht mag.

Eine besonders wuchtige Sturmbö wirft mich fast um.

»Auf geht’s«, höre ich einen der Männer rufen.

»Immer dran bleiben, keine großen Abstände«, ruft ein Anderer.

»Wer hinfällt ist verloren«, setzt der dicht vor mir Stehende noch einen drauf. Mit lässiger Handbewegung gibt er lachend das Signal zur Abfahrt.

»Ruhig, locker bleiben, Ricky, ja nicht den Anschluss verlieren.« Meine Stimme klingt gut. Nicht schlecht, auch ein Mittel, sich selbst zu motivieren.

Nach mehreren Schwüngen schaut der vor mir Fahrende über seine Schulter, ohne anzuhalten. Er scheint mit mir, oder besser mit meiner Fahrkunst, einigermaßen zufrieden zu sein. Gut so, schließlich haben wir einen Vertrag (per Handschlag sozusagen), die Abfahrt gemeinsam durchzustehen.

Albern, was für ein Unfug! Offensichtlich eine abstruse Reaktion in Erwartung einer schwierigen, kritischen, oder gar gefährlichen Situation.

Die beiden vorderen Fahrer kann ich im dichten Nebel nicht mehr sehen. Oder sind sie hinter einer Kuppe verschwunden?

Es läuft recht gut. Meine Begleiter haben die Geschwindigkeit erhöht. Jetzt wird es kritisch. Meine Brille beschlägt, dichter Schnee klatscht gegen die Gläser. Ein schneller Wischer mit dem Handschuh bringt nur für wenige Sekunden bessere Durchsicht.

Ja nicht den Anschluss verlieren. Ich lasse zwei, nein drei Schwünge aus, schließe dadurch wieder auf, fahre aber bereits im Grenzbereich.

»Bei dieser hohen Geschwindigkeit kommen wir wenigstens schneller ins Tal.« Noch ist mein Humor ungebrochen, ich bin fast ein wenig stolz. Aber warum flüstere ich eigentlich?

Eine heftige Sturmbö wirbelt wieder Schnee über die Piste. Eine weiß-graue Nebelwand richtet sich vor mir auf. Ich schwinge abrupt ab, kämpfe verkrampft mit dem Gleichgewicht. So ein Mist! Bin ich überhaupt noch auf der vorgegebenen Piste, oder in die falsche Richtung abgebogen?

»Anhalten«, rufe ich mit heiserer Stimme. Können mich meine vorausfahrenden Begleiter überhaupt hören?

Mein Gott, ich bin im Tiefschnee. Abschwingen, abbremsen, neu orientieren, es gelingt einfach nicht. Der Hang fällt immer steiler seitlich ab, jetzt bin ich überfordert.

Eine neue dunkle Wand taucht auf. Nein, um Himmels willen, das ist ein Abgrund!

Ricky, jetzt geht es um Leben und Tod, um sein oder nicht mehr sein … Also, Skier querstellen, noch mehr andrücken.

Ich falle, schlittere weiter zum Rand einer scharfen Felskante. Die Skikanten greifen nicht mehr ausreichend.

Meine Beine baumeln haltlos über dem Abgrund. Noch bin ich nicht verloren. Im letzten Moment erwische ich mit den Händen einen eisigen, felsigen Vorsprung.

Panik kommt auf. Durchatmen, ruhig, cool bleiben.

Mit letzter Kraft schwinge ich das rechte Bein seitlich nach oben über die Felskante, aber es gelingt nur fast. Beide Skier sind noch dran, die Bindungen haben nicht ausgelöst. Ich komme, mit dem Ski am Bein, nicht über die überstehende Felskante.

Das war’s dann, Ricky.

Eine unerwartete Ruhe erfasst mich – nein, nicht traumatisch, eher ein Übergang in einen traumähnlichen Zustand. Der Nebel über dem Abgrund scheint sich auch allmählich über meine reale Wahrnehmung zu legen.

Ist das eine Art Sterbehilfe, erfunden von der Natur? Aber warum sollte die Natur noch eine letzte Erleichterung anbieten, wenn diese Hilfe den Betroffenen nichts mehr nützt?

Die verkrampften Finger lösen sich langsam vom Felsenrand.

Ich falle, schwebe – ins ewige Dunkel, oder ins ewige Licht?

Wie werden es meine Verwandten, Freunde und Bekannten aufnehmen? Für ein paar Tage werde ich wohl – auch spekulativ – den Gesprächsstoff liefern. Wie, warum kam es zu diesem tragischen Unfall …? Etc., etc. …

›Einmalig! Einmal im Leben alleine die Hauptrolle spielen‹, geht es mir sarkastisch durch den Kopf.

›Aber Ricky, versündige dich nicht … ‹, würde Mutter dazu sagen.

Aber egal, nein, für mich ist es nicht mehr wichtig. Nein, keine Minuten mehr, in wenigen Sekunden werde ich mein Leben verlieren.

* * *

Noch ist nicht alles verloren – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt

Ein dumpfer Schlag erschüttert meinen ganzen Körper. Schnee wirbelt auf. Wo bin ich, was ist passiert?

Jetzt erinnere ich mich, zunächst scheibchenweise, urplötzlich aber bin ich ›hellwach!‹

Bin ich etwa beim Abfahren gestürzt? Ja, natürlich.

Blitzschnell krallen sich meine Finger instinktiv und fast automatisch in den Schnee. Gut so, ich rutsche nicht mehr.

»Aufstehen, Ricky, bis zur Talstation kann es nicht mehr weit sein.« Ich folge meiner an mich selbst gerichteten Aufforderung. Energisch gehe ich in die Hocke, ergreife dankbar einen kleinen, freiliegenden Felsvorsprung und ich stehe.

Wo sind denn nur meine Begleiter? Sind sie einfach weitergefahren?

Es ist schäbig, schändlich – das gilt besonders für die Menschen in den Bergen – andere in kritischen Situationen im Stich zu lassen. Aber vielleicht sind mein drei Begleiter gar nicht in den Bergen aufgewachsen? Oder bin ich so schnell verschwunden, dass sie nicht wissen, was sie jetzt tun sollen?

Trotzdem bin ich enttäuscht.

Wie komme ich weiter?

Der Sturm hat sich gelegt. Toll, auch der Nebel ist verschwunden.

Aber es wird bereits dunkel. Ich sehe mich vorsichtig um.

… Und was ich sehe … nein, das darf doch nicht wahr sein. Nur noch etwa einen Schritt weiter nach vorne und ich blicke ins … Leere, ins Nichts. Im Dämmerlicht ist in einiger Entfernung gegenüber ein steiler Berghang zu sehen. Das nützt mir wenig.

Mein Gott, es besteht kein Zweifel: Ich bin abgestürzt. Ein kleiner Vorsprung hat mich aufgefangen. Abrutschender Schnee, oder eine kleine Lawine, haben ein ausreichend dickes Schneepolster aufgeschichtet. Es ist nur ein kleiner Platz, aber das hat gereicht. Ich habe überlebt – vorerst einmal.

Ein Anflug von Panik macht sich breit, geht dann in Verzweiflung über, wechselt aber schließlich in gleichgültige Niedergeschlagenheit.

Irgendetwas muss ich doch tun! Soll ich auf Retter warten? Vielleicht wird sogar ein Hubschrauber eingesetzt. Aber nein, es wird schon dunkel, auch heftiger Sturm kommt wieder stärker auf. Das halt ich nicht aus!

Vorsichtig drehe ich mich um. Wie sieht es in meinem Rücken aus? Kann ich vielleicht die Felswand hinter mir hochklettern?

Aussichtslos, selbst erfahrene Bergsteiger hätten da Probleme.

Aber, Ricky konzentriere dich! Geht da nicht seitlich eine lange Felskante schräg nach oben. Wohin führt sie?

Nicht allzu weit, dann knickt sie ab, wird sogar etwas breiter. Vorsichtig lehne ich mich weiter nach der Seite. Jetzt kann ich sogar unten einen kleinen Teil der Talsohle sehen.

Mein Puls beginnt zu rasen. Der Felsenweg führt nach dem Abknicken ein langes Stück seitlich an der Felswand entlang, macht noch einmal eine weite Kurve und müsste dann im Tal enden. Das letzte Stück kann ich leider nicht mehr ganz einsehen.

Ich warte noch eine Weile , bis sich mein Puls beruhigt hat. Aber die Zeit wird knapp. Was im einzelnen zu tun ist, weiß ich noch nicht. Je dunkler es wird, desto aussichtsloser wird eine Aktion.

Seltsam jetzt … , diese Einstellung: Es gibt keine echte Alternative, nur ein: Entweder – oder!

Ich sehe an mir herab. Die Bindungen sind auf, die Skier noch da, dank meiner alten Lederriemen. Ob ich diesen Geck jemals an Freunde und Bekannte weitererzählen kann?

Mir ist nicht nur kalt, ich handle jetzt auch überraschend eiskalt.

»Eine schöne Wortspielerei«, flüstere ich, diesen Gedanken nachhängend. Aber es ist gut, meine eigenen Worte zu hören.

Vorsichtig löse ich die Riemen, befestige die äußeren Enden wieder an den Skiern. Sie werden als Tragriemen gebraucht.

»Junge, wenn du den schmalen Grat schräg nach oben schaffst, dann kannst du den abknickenden Pfad nach unten abfahren.«

»Vielleicht!« Ich rede wieder zu mir, führe Selbstgespräche.

Beide Skier hängen an den Tragriemen über der Schulter. Mit letzter Kraft versuche ich, zum Grat hinüber zu hangeln. Es klappt einfach nicht.

Doch, es muss gehen, unbedingt, sonst bin ich verloren.

Wippen, ich muss wippen, dann festklammern und mit dem Restschwung hochziehen. Wenn die Kraft für das letzte Überhangeln nicht reicht, komme ich nicht mehr zu einem sicheren Stand zur kleinen Plattform zurück, dann stürze ich unweigerlich und endgültig ab.

Es hat gereicht. Das Schlimmste ist wohl überwunden, hoffe ich jedenfalls.

Wenn der weiße, helle Schnee nicht wäre, könnte ich sicherlich kaum noch Einzelheiten um mich herum erkennen. Die Zeit drängt. Aber jetzt nur nicht überhastet handeln, die mögliche Rettung vor Augen. Noch ist nichts verloren, aber gewonnen habe ich auch noch nicht.

Ich schaffe es tatsächlich. Teilweise eng an der Felswand entlang schrammend, teilweise frei auf dem schmalen Grat balancierend, erreiche ich die obere Wendestelle.

Gott sei Dank, hier ist ausreichend Platz, um einigermaßen sicher die Skier anzulegen. Auch die Lederfangriemen werden wieder funktionsgerecht angelegt.

Eine Mischung aus euphorischer Stimmung und depressiver Skepsis überlagert und hemmt teilweise meine Bereitschaft, endlich und ohne weitere Verzögerung zu starten.

Vielleicht sollte ich einfach hier bis zum nächsten Tag sitzenbleiben und auf Retter warten? Kann ich eine solch lange Zeit in der eisigen Nachtkälte aushalten? Ich zaudere noch eine Weile. Dann wische ich weitere Gedanken in diese Richtung einfach zur Seite.

›Auf geht’s Ricky! Es bringt nichts, noch mehr Zeit zu verschwenden!‹

Der Weg, nein, es ist eher ein schmaler Pfad, ist gefährlich. Kein Platz zum Abschwingen, hoffentlich kann ich wenigstens die Skier ab und zu ruckweise zur Felswand hin querstellen, abbremsen, und ausreichend Geschwindigkeit wegnehmen.

Vorsichtig taste ich mich in den Pfad. Das erste Teilstück führt fast parallel an der Felswand entlang, nicht allzu schwierig.

Erst relativ flach, dann steiler, jetzt sehr steil.

Die Skier ruckweise kurz querstellen, immer öfter. Meine ›Taktik‹ scheint aufzugehen – zunächst.

Eine scheinbar harmlose Abbruchstelle am Felsen, von der Wendestelle oben nicht einsehbar, löst Panik und fast gleichzeitig eine blitzschnelle Reaktion in Bruchteilen von Sekunden aus. Extremes Querstellen, energischer Einsatz der Skikanten, es gelingt nur teilweise. Der schmale Pfad ist in einer Breite von drei oder vier Schritten durch einen tiefen Felsenspalt unterbrochen.

Jetzt hilft nur noch die Flucht nach vorne.

Ich springe, versuche einigermaßen sicher zu landen und es gelingt. Aber inzwischen ist die Geschwindigkeit zu hoch, die Fahrt nicht mehr kontrollierbar. Beim nächsten Kurzschwung verkante ich, hebe ab – und werde hinauskatapultiert – ins Nichts …

*

Zum zweiten Mal stürze ich, fange wieder an zu schweben – in eine längst vergangene Lebensphase?

Bergsteiger, die abgestürzt, aber doch noch überlebt haben – durch welchen Umstand auch immer – haben schon wiederholt von solchen seltsamen Reisen in die Vergangenheit mit verschiedenen Lebensabschnitten und unterschiedlichen Erlebnisphasen berichtet.

Raum und Zeit, die Dimensionen scheinen sich wieder zu verändern. Aber auch der Schleier weicht, der Blick ist klar. Das kann doch keine bloße Halluzination sein!?

Zurück in eine vergangene Zeit, Korrektur oder Bestätigung der späteren, realen Erinnerungen?

Der Nebel scheint sich zu lichten.

Die Konturen der Umgebung erscheinen jetzt kräftiger, klarer.

Aber ich bin jetzt an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit.

Seltsam, es passt nichts mehr so richtig zusammen!

Meine frühe Kindheit rauscht an mir vorbei, nein, teilweise bin ich mittendrin! Von der Kindheit in die frühe bis späte Jugendzeit und wieder zurück. Ein System kann ich (noch) nicht erkennen.

Was sollte ich anders machen, vielleicht kann ich sogar selbst steuern, den Lauf des Schicksals korrigieren – im Nachhinein? Absurd!?

Nützt es vielleicht, wenn ich mich besonders intensiv auf ganz spezielle Lebensabschnitte konzentriere, auf bestimmte Ereignisse in meinem bisherigen Lebenslauf, die ich gerne noch einmal nacherleben würde? Aber auf was denn und wie viel Zeit bleibt mir noch?

Jetzt verlangsamt sich diese seltsame Schwebephase, sicherlich steht ein besonderes Ereignis bevor – hoffentlich ein angenehmes, ein gutes … …

… vielleicht ein dramatisches aus meiner früheren Kindheit?

Die Schule ist aus. Draußen, direkt vor dem Eingang zum Schulgebäude steht ein Auto der Polizei. Ich ahne bereits, was das bedeutet und was sich wohl bald ereignen wird.

Wie alt bin ich jetzt? Zehn oder elf Jahre? Seltsam – ich weiß es nicht, jedenfalls nicht genau.

Wir sind schon mittendrin im Geschehen. Meine Einschätzung hat sich verfestigt, jetzt weiß ich auch, was hier gespielt wird.

Und noch einmal: Es ist mir nicht so recht bewusst, wer oder was führt hier eigentlich Regie!? Wer bestimmt Zeit und Ort der jeweiligen Erlebnisphase!? Nach welchen Kriterien werden die Ereignisse ausgewählt und ablaufen!?

Warum liegt der Beginn nicht – ordnungsgemäß – am Anfang der frühen Kindheit und warum wird der weitere Verlauf des Lebens nicht chronologisch aufgeführt?

Schluss jetzt! Geradezu albern, über was ich mir in dieser Phase überhaupt Gedanken mache!

Die Verfolger sind dem streunenden Hund bereits auf den Fersen. Die Polizei hat die Aufgabe übernommen.

Ein Terrier, oder ist es ein Schäferhund, der erbarmungslos gejagt wird? Das herrenlose Tier steht unter ›Tollwutverdacht‹, wird nicht zuletzt auch wegen seiner Körpergröße als gefährlich eingestuft. Niemand im Dorf weiß, wem er gehört und wo er herkommt.

Die ›Treibjagd‹ hat eben gerade begonnen. Mein Freund Günter und ich sind gerade noch rechtzeitig vor Ort angekommen, um das Drama mitzuerleben.

Der Hund läuft auf einer Wiese, entlang einer sanften Steigung. Hat er selbst schon einmal ein anderes Tier gejagt? Jetzt ist er selbst der Gejagte, fühlt instinktiv die drohende, tödliche Gefahr.

Die Wolkendecke reißt auf, gute Sicht für den Schützen – eigentlich zu schön, zu friedlich, um jetzt zu sterben.

»Wenn er den Wald erreicht, dann hat er es geschafft«, flüstert Günter.

Sollten wir ihm nicht die Daumen drücken?

Jetzt lehnt sich der Schütze an einen kleinen Baum, zielt lange und konzentriert – er hat nicht mehr viel Zeit.

Der Schuss fällt. Ein Ruck geht durch den Körper des Terriers, aber er läuft, seltsam verkrampft, weiter.

Stille – fast friedlich. Die Entscheidung ist greifbar nahe: Leben oder Tod. Wenn er den nahen Wald erreicht, nützt es ihm überhaupt noch etwas?

Der nächste Schuss fällt. Wieder ein kurzes, ruckartiges Aufbäumen – dann knickt er ein, richtet sich aber sofort wieder auf.

Langsam wendet er seinen Kopf. Auf uns, Günter und mir, bleibt sein Blick haften. Unsagbar traurig, so scheint es mir. Ist ihm bewusst, dass wir ihn ans Messer geliefert haben?

Ja, wir beide haben dem Dorfschullehrer von den Begegnungen mit dem streunenden Hund berichtet – vielleicht doch etwas zu dramatisch. Die Weitermeldung an die zuständige Behörde war die logische Folge.

… Der Terrier läuft noch ein paar Schritte weiter. Er ist dem Tode geweiht. Das fühlt er, das weiß er wohl auch.

Aber, urplötzlich scheint sich die Situation zu verändern!

Das Tier – es ist wohl doch eher ein Schäferhund als ein Terrier – will offensichtlich kein Mitleid, keine Gnade mehr, er will noch einmal kämpfen.

Seine Nackenhaare sträuben sich. Welch ein Anblick – geradezu furchterregend. Mutiert der normale Schäferhund zum gefährlichen Wolfshund oder wird er jetzt sogar zum echten Wolf?

Der nahe Wald ist nicht mehr sein Ziel. Dorthin zu entkommen könnte ihm noch gelingen, aber es rettet ihn nicht mehr. Seine Verletzungen sind zu schwer, sie sind tödlich.

Der Wolf, dahin hat er sich inzwischen verwandelt, richtet sich auf. Sein Körper streckt sich, Hals, Kopf und Schnauze bilden eine Linie, seine Augen blicken zum Himmel. Wird er sich jetzt mit einem Wolfsgeheul verabschieden?

Der Schütze lehnt immer noch am Baum, wartet offensichtlich ab, ob noch ein weiterer Schuss nötig ist.

Blitzschnell, ohne Vorwarnung, hechtet der Wolf plötzlich mit einigen langen Sprungschritten in Richtung seines Feindes. Die letzten Meter legt er in seltsam geduckter Haltung zurück. Hat er keine Kraft mehr? Oder soll dieses Verhalten dem Sieger seine Ergebenheit anzeigen?

Nein. Diese Einschätzung mit negativem Beigeschmack hat das Tier nicht verdient.

Mit verhaltenem Knurren setzt der Wolf zum Sprung an. Etwas zu kurz, denn wieder knickt er ein. Er kommt nicht über den vorgehaltenen Gewehrlauf seines Gegners hinweg. Das war es dann wohl.

Die Würfel sind gefallen. Längeres Abwarten kommt nicht mehr in Frage. Ohne weiteres Zögern zieht der Polizist den Abzugshahn durch.

Aber, es macht nur ›Klick‹, dann nach kurzer Pause noch einmal ›Klick‹. Ladehemmung oder defekte Patrone? Keine Zeit, darüber nachzudenken.

Der Wolf nutzt das darauf folgende kurze Absenken des Gewehrlaufs zum erneuten Angriff. Er verbeißt sich in den Arm seines Feindes. Aber er will mehr, er will seinem Gegner an die Kehle. Jetzt ist es ein Kampf der Gladiatoren: Mann gegen Wolf, fast Waffengleichheit.

Ich bin etwas irritiert als ich bemerke, dass ich dem Schwächeren, dem Außenseiter die Daumen drücken möchte. Aber das gilt doch eigentlich nur für einen gefahrlosen Wettkampf. Hier geht es jedoch um mehr, um Leben und Tod. Da wird und darf nur einer gewinnen. Ich sollte aufhören, nach anderen Lösungen zu suchen. ›Ja, aber … ‹, gilt hier nicht. Es wäre dekadent, die von der Natur vorgegebenen Seiten zu wechseln.

Mit dem Gewehrkolben versucht der Schütze, sich den Wolf vom Leibe, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Halse zu halten.

Endlich gelingt ein glücklicher, aber wirkungsvoller Hieb.

Der Wolf geht zu Boden. Er zittert am ganzen Körper. Seine wilde Aggressivität, sein Kampfgeist, sind urplötzlich weg, einfach verschwunden.

Entschlossen rückt der Mann nach, bleibt vor dem Tier stehen.

Fast bedächtig umgreift er mit beiden Händen sein Gewehr. Ein kräftiger Kolbenhieb soll wohl das Drama beenden.

»Nein, nein, bitte nicht«, rufe ich mit überlauter Stimme. Aber, kann er mich hören, kann mich überhaupt jemand hören?

»Nein, nicht erschlagen wie einen, wie einen räudigen Hund. Das hat er nicht verdient.«

Hat er mich doch gehört? Das kann gar nicht sein.

Er ist Polizist und hat, wie selbstverständlich, auch seine Pistole dabei. Ohne Hast zieht er diese Waffe aus dem Halfter, lädt durch und schießt. Dieses Mal gibt es keine Panne. Es ist vorbei.

»Danke für den Gnadenschuss«, murmle ich noch. Der ist wenigstens schmerzfrei. Ob das auch etwas mit Achtung, mit Würde – auch, wie in diesen Fall auf ein Tier bezogen – zu tun hat? Ich weiß nicht.

Günter und ich wissen, schon damals wie jetzt noch einmal in der Wiederholung, dass das Tier nicht an Tollwut erkrankt war. Das hat eine entsprechende Untersuchung ergeben.

Für einen entfernt Außenstehenden mag es ein spannendes Ereignis gewesen sein. Für uns weniger. Erzählungen, Berichte, über und mit spannenden Jagdgeschichten haben seither ihre Faszination verloren – obwohl diese spezielle Begebenheit eigentlich nicht damit in Verbindung gebracht werden sollte. Das ist mir jetzt noch einmal klargeworden.

*

Und ich bin wieder einmal, oder noch, in meiner Kindheit – meiner ›mittleren‹ …

Zum wiederholten Mal schon werde ich geweckt. Der Hahn vom Nachbarhof krächzt sein lautes ›Kikeriki‹ in den frühen Morgen. Wenn doch nur einmal ein Fuchs käme … …

Ich genieße die Ruhe, die frische Morgenluft. Eigentlich sollte ich noch einmal ins Bett gehen. Ist es nicht noch zu früh zum Aufbleiben?

Irgendetwas liegt in der Luft. Angestrengt lausche ich in alle Himmelsrichtungen. Was ist das nur? Etwa Lastwagen auf dem Weg zu einer Baustelle? Und das am Samstag?

Der Lärm schwillt immer mehr an. Dieses metallische Klirren – machen Raupenfahrzeuge mit Ketten für den Baustelleneinsatz solch einen Krach?

Von meinem etwas erhöhten Standplatz aus kann ich die weiter unten vorbeiführende Dorfstraße nicht sehen. Den oberen Teil, oder zumindest das Dach eines Lastwagens aber schon.

Die ersten Fahrzeuge fahren langsam vorbei. Aha, das sind Militärlaster, im Halbdunkel kaum auszumachen. Das übliche Herbstmanöver?

Jetzt schwillt auch das kettenklirrende Brummen weiter an. Ein Soldat steht aufrecht in seinem Fahrzeug. Nein, das ist kein LKW, das ist ein Panzer, ja, ein richtiger Panzer. Die Luft scheint jetzt ringsum zu erzittern.

Ich will näher ran. Nur keine Zeit verlieren. Wer weiß, wie lange das ganze Spektakel noch andauert.

Nach wenigen Schritten stehe ich auf der Böschung, die, etwa mannshoch, an dieser Stelle die Straße begrenzt.

Mein erhöhter Standplatz bringt mich fast in Augenhöhe zum Soldaten, der aufrecht im Geschützturm steht. Sein Gesicht ist unbeweglich, sein Blick geradeaus nach vorne gerichtet.

Es dauert keine zwanzig Sekunden, der nächste kommt. Recht zügig rollt er heran, fast hätte er die Abbiegung versäumt. Aber das ist kein Problem für ihn. Beeindruckend, wie er, fast auf der Stelle drehend, doch noch in die richtige Richtung einschwenkt.

Den ursprünglichen Gedanken, es könnte etwas unerwartetes, überraschendes passiert sein, kann ich natürlich wegwischen. Es ist tatsächlich nur ein Manöver, also kein blutiger Ernst.

Das Brummen schwillt wieder an. Der nächste Koloss ist in Sicht, rollt bedächtig, fast vorsichtig, heran. Ich kann jetzt in das Gesicht des im Turm stehenden Soldaten sehen. Er muss noch sehr jung sein. Spontan hebe ich den Arm, winke ihm zu, erst etwas schüchtern, dann mutiger.

Ein leises Lächeln huscht über sein Gesicht, dann nickt er fast unmerklich mit dem Kopf.

Achtung, Ricky, … nur ja nicht den Arm zu hoch nach oben strecken. Ein Empfang mit dem ›Hitlergruß‹, das sollte man den amerikanischen Soldaten wirklich nicht zumuten. Das meine ich sogar ernst.

Panzer um Panzer rollt vorbei. ›Wo wollen die denn alle hin, das ist ja fast eine ganze Armee. Das geht jetzt schon über eine halbe Stunde so‹. Aber, alles geht einmal zu Ende.

In diesem Augenblick sind da noch andere Gedanken, die sich jetzt wieder geradezu aufdrängen, einschleichen, oder die sich bereits regelrecht eingebrannt haben.

Ich stelle mir vor, zum wiederholten Mal, wie das gewesen sein könnte, als sich junge Burschen von gerade einmal 16 und 17 Jahren gegen Ende des großen Krieges solchen Ungetümen entgegengestellt haben. Teilweise im freien Feld, mit wenig Aussicht, lebend zu entkommen, wenn eine Aktion nicht erfolgreich war – zusätzlich noch bedroht von sichernden feindlichen Infanteriesoldaten. Und wenn sie noch gleichzeitig den tödlichen Angriffen von Kampfflugzeugen ausgesetzt waren – wie konnten sie das Inferno nur aushalten?

Die meisten haben gewusst, dass sie ihr junges Leben verlieren werden. Sie haben die intensiven Luftangriffe der Engländer und Amerikaner – insbesondere die teilweise flächendeckenden Bombardements auf deutsche Städte und sogar Dörfer als höchst verbrecherische Taten gewertet. Nicht nur als Folge der Propaganda – viele haben dies selbst, aus mehr oder weniger großer Entfernung, erlebt oder wurden zu unfreiwilligen Zeugen. Sie waren der Überzeugung, gegen einen verbrecherischen Gegner zu kämpfen. Mit der Verehrung für den ›Führer Adolf Hitler‹ soll das nur noch wenig zu tun gehabt haben.

So jedenfalls, hat ein kanadischer Offizier nach der Vernehmung der überlebenden jugendlichen Soldaten berichtet. Mich fröstelt.

Und noch einmal stelle ich mir die eine oder andere Situation vor, wie und ob sie vielleicht im Inferno noch an die Mutter, an die Familie gedacht haben. Oder sie haben gebetet, den Finger am Abzug, die Angst im Nacken, das Grauen vor Augen!?

Ich sehe hartgesottene Typen, die wimmernd im Erdloch liegen, während sich unscheinbare ›Milchgesichter‹ hinters gerade frei gewordene Maschinengewehr werfen, um die Lücke wieder zu schließen.

Auch an der Flak stehen sie, oder liegen hinter Panzersperren, während auf breiter Front die stählernen Kolosse auf sie zurollen. Wenn sie dann, vom innerlichen Jubel begleitet, einen dieser Panzer erledigt haben – war ihnen da bewusst, was im selben Moment mit den Männern drinnen in ihrer stählernen, nur scheinbar sicheren ›Schutzkabine‹ geschieht? Deren Mütter warten doch auch auf die Rückkehr ihrer Söhne …

Aber warum beschäftige ich mich wieder so intensiv mit diesem Thema? Warum werde ich wieder damit sozusagen konfrontiert? Weil ich das frühe Sterben junger Menschen im Krieg ungeheuer traurig finde, vor allem auch für deren Familien.

Es ist mir bewusst, dass eine Diskussion darüber tabu ist. Aber, die Gedanken sind frei: Warum haben wir, wenigstens für diese ganz jungen Männer – noch kaum dem Kindesalter entwachsen – keine Gedenkstätte übrig? Keine pompöse, nein, wenigstens eine kleine, ihrem Alter entsprechend, kaum der Rede wert.

Ich werde nachträglich wieder leise für sie beten. … Heimlich, weil nicht mehr zeitgemäß, aber auch weil ich nicht weiß, wie viel Zeit ich noch habe!

Das Thema scheint noch nicht abgeschlossen zu sein.

Ich bemerke wieder eine alte Frau, die ihren gebrechlichen Mann beim ortsansässigen Friseur abholt. Ich erinnere mich wieder genau, ich war zufällig selbst Zeuge, als sie sich zu diesem Thema geäußert hat: »Wir hatten zwei Söhne, beide sind im Krieg gefallen. Bei seinem letzten Heimaturlaub hat der ältere die Bemerkung gemacht: ›Lieber bin ich tot, als unser Vaterland, unsere Leute, meine Kameraden zu verraten.‹

Ja, auch ich, die Mutter, bin stolz auf meine Söhne.«

Nach einer kurzen, betretenen Pause übt sie heftige Kritik an den ›Kriegsgewinnlern‹, den ehrenwerten, umerzogenen und heuchlerischen Bürgern.

Hastig wendet der Friseur sich an die alte Dame: »Nicht weiter, bitte, Sie reden sich ja um Kopf und Kragen!«

Hilft diese Einstellung auch einer Mutter – über den ›Heldentod‹ als Brücke – den Verlust ihrer Söhne leichter zu ertragen? Ich weiß es nicht. Aber, … und wenn es ihr persönlich hilft?

Es ist noch immer nicht Schluss.

Volkstrauertag.

Ohne wesentliche Zeitverzögerung finde ich mich wieder auf einer späteren Gedenkfeier in meinem Heimatdorf.

›Ich hat‘ einen Kameraden‹, spielt ein Solist auf der Trompete zum Abschluss der Feier. Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. Wieder muss ich an die vielen gefallenen Soldaten denken. Ja, es hatten sogar noch einige Leute Tränen in den Augen, nach so langer Zeit.

Mutter ergänzt gedankenverloren: »Die ›Kronewirtin‹ neben mir hatte nicht nur feuchte Augen, nein, sie hat richtig um ihren ältesten Sohn geweint, der im Krieg gefallen ist.

Die Zeit heilt diese Wunden nicht.

Heute ist Samstag. Zusammen mit zwei älteren Jungs schaue ich mir noch einmal die Spuren an, die von den Ketten der Panzerfahrzeuge hinterlassen wurden.

Aber plötzlich – wieder ist ein dumpfes Brummen zu hören, noch ganz fern.

Geht das etwa wieder weiter, in dem mir bekannten Ablauf?

Es sind keine Panzer, die jetzt angerollt kommen. Es sind ›nur‹ Militärlastwagen. Sie sind offensichtlich größtenteils mit Proviant und Benzinkanistern beladen. Das kann man sehen, denn viele fahren mit rückseitig offener Plane.

Wahrscheinlich wird hier Proviant, Sprit und sonstiges Material transportiert, auch für die Panzer von heute Morgen.

Die Kurve vor oder besser gesagt zwischen den beiden Gasthöfen Adler und Krone ist für Großfahrzeuge ziemlich eng. Für Panzer, die auf der Stelle drehen können, kein allzu großes Problem. Für größere Lastwagen aber schon …

Mit Schrittgeschwindigkeit durchfahren sie diesen Engpass. Und jetzt passiert es …

Plötzlich tauchen zwei, nein drei Jugendliche hinter dem Fahrzeug auf. Einer von ihnen springt auf die Laderampe. Er fällt fast herunter, kämpft verzweifelt und schafft es dann doch mit Stützhilfe der beiden Anderen.

Unglaublich! In wenigen Sekunden werden zunächst zwei volle Benzinkanister über die Ladekante geschoben und von den beiden ›Mitläufern‹ abgenommen. Von irgendwoher kommt ein kurzer Zuruf: … »noch Zeit!« Noch ein weiterer Kanister landet auf der Straße. Der Aufprall ist nicht sehr stark. Die helfenden Arme und Hände der Mitbeteiligten verhindern es!

Die Strategie, auch für den weiteren Ablauf, ist verblüffend. Die Person im Laderaum springt wieder ab und bleibt noch für einen kurzen Moment bei den Helfern in der Straßenmitte stehen.

Ich erahne den Grund: Sie wollen nicht zu früh in den Blickbereich des Rückspiegels kommen, wenn die Kanister von der Straße auf die Seite geschafft werden. Im Halbdunkel der gerade untergehenden Sonne könnten sie von den Fahrern noch gesehen werden. Wichtig ist natürlich, dass die Beute verschwunden ist, bis der nächste Laster um die Ecke biegt.

Eine Zeit lang geht alles gut. Folgt aber ein Laster dem Voranfahrenden in einem sehr kurzen Abstand, wird ein Zeichen gegeben und … nichts passiert. Wo der mitwirkende Beobachter steht, kann ich auf die Schnelle nicht herausfinden.

Welch eine raffinierte Strategie.

Alles läuft wie geschmiert, als hätte man das Ganze vorher ausgiebig trainiert. Es ist atemberaubend, was den jungen Burschen noch so alles einfällt – jedenfalls für mich!

Es sind vorwiegend die Benzinkanister, auf die man es abgesehen hat.

Plötzlich läuft ein weiterer Helfer mit einer Stange in den Händen hinter dem Fahrzeug her. An einem Ende ist ein Haken angebracht. Raffiniert: Die Stange wird an den Tragegriffen eines Kanisters eingehakt, zur Heckklappe gezogen. Helfende Arme ziehen ihn dann herunter. Die neue Strategie ist erkennbar: Der Sprung auf die Laderampe wird überflüssig.

Das nächste Transportfahrzeug lässt etwas länger auf sich warten. Oder ist etwa schon Schluss?

Nein, ein weiterer Laster taucht auf, bereits angekündigt durch ein dumpfes Brummen. Irgendwie seltsam – ich bin, wie beim ursprünglichen Originalablauf, nervös, obwohl ich an der Aktion nicht direkt beteiligt war, bzw. jetzt wieder bin.

Das ziemlich aufwendige ›Unternehmen‹ ist nicht ohne Risiko. Aber bisher ging alles gut, eigentlich viel zu glatt.

Der Laster biegt um die Ecke, langsam, auch etwas zögerlicher als die anderen zuvor. Seine extrem geringe Geschwindigkeit wirkt geradezu wie eine Einladung. Ein kurzer Blick in den Laderaum – alles o.k. Die Aktion ›Benzinklau‹ kann weitergehen.

Schon liegt der erste Kanister auf der Straße. Der zweite wird gerade zur Laderampe gezogen.

Urplötzlich stoppt das schwere Fahrzeug ohne erkennbaren Grund. Den Zuschauern, die verstreut herumstehen, scheint der Atem zu stocken. Vielleicht nicht allen, aber den meisten, glaube ich. Selbstverständlich sind auch einige mit dem illegalen, fast schon organisierten Treiben nicht einverstanden.

Was ist los? Hat der Fahrer oder Beifahrer etwas bemerkt?

Zunächst passiert nichts. Die ›Piraten‹ bleiben wie angewurzelt hinter dem Laster stehen. Was sollen sie tun? Müssen sie improvisieren? Oder haben sie hierfür einen Plan ›B‹ – etwa weglaufen, einfach flüchten?

Wo ist eigentlich ihr Beobachter?

Unsicher, fast unbewusst gehe ich in die Kurve hinein. Einer der Jungs schaut zu mir, fragend. Mit der Hand deutet er in die Richtung, aus der der nächste Laster kommen wird.

Ich verstehe! Möglichst unauffällig halte ich meinen Daumen nach oben. Es bleibt noch etwas Zeit.

Mit einem leichten Kopfnicken signalisiere ich, dass ich Zeichen geben werde, wenn das nächste Fahrzeug in die Nähe kommt.

»Mach gefälligst, dass du von der Straße kommst!«, höre ich jetzt jemand rufen. Es ist mein Bruder. Betont langsam, im Bewusstsein meiner neuen, wichtigen Aufgabe, tue ich dann schließlich, was er sagt. Aber ich halte Blickkontakt, weiterhin bereit, das wichtige Handzeichen zu geben.

Der Fahrer hat inzwischen das Seitenfenster heruntergekurbelt. Er spricht mit einem unbeteiligt herumstehenden Burschen. ›Um was es auch immer gehen mag, hoffentlich verlässt er sein Fahrzeug nicht‹, geht es mir durch den Kopf.

Es scheint doch noch alles gut zu gehen. Warten, aufatmen. Nach kurzer Verzögerung kann die Beute übernommen werden.

Noch ein weiteres Militärfahrzeug. Dann ist Schluss.

Ich selbst spiele nicht mehr mit, meine Mithilfe wird nicht mehr gebraucht.

Zu Hause werde ich von Franz empfangen. Er will mich bei der Polizei anzeigen, teilt er mir mit. Ich grinse, ich weiß ja …

Trotzdem frage ich: »Warum?«

»Du bist auf die Straße gelaufen und hast den ›Piraten‹ irgendwelche Zeichen gegeben. Somit bist du nicht nur ein unbeteiligter Mitläufer, sondern auch aktiver Helfer oder sogar Mittäter.«

Selbstverständlich, dass ich von seiner Seite nichts zu befürchten habe. Trotzdem bin ich betroffen – er hat ja teilweise recht. Ich bin gespannt, ob er das Thema noch einmal im engeren Familienkreis anschneidet. Meine Eltern sind da sehr, fast schon übertrieben, empfindlich.

Ich bin noch dabei! …

Die neue Woche beginnt – vielleicht nicht ganz unerwartet, mit einem Paukenschlag.

Ungewöhnlich früh ist heute der Ortsdiener unterwegs. Länger als sonst scheint er seine Glockenschelle zu schwingen, um dann neue Nachrichten zu verkünden.

Vor unserer Schule bleibt er stehen. Schon nach den ersten Sätzen stockt mir – wieder – der Atem. Auch meine Mitschüler lauschen gespannt. Ich weiß nicht, wer von ihnen über die ›Benzinaktion‹ vom Samstag Bescheid weiß. Jetzt wird es öffentlich bekanntgegeben.

Die Stimme des Ortsdieners klingt eindringlich!

»Die Amerikaner haben das ›Abhandenkommen‹ oder besser ›Verschwinden‹ von Benzinkanistern auf dem Transportweg sehr wohl bemerkt. Da es sich um eine relativ große Menge handelt, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden!«

Nach einer kurzen Pause fährt er mit erhobener Stimme fort: »Alle entwendeten Kanister müssen innerhalb von zwei Tagen wieder zur Abholung vor dem Rathaus bereitstehen. Dann will man auf eine polizeiliche Weiterverfolgung verzichten. Das ist die Bedingung, die der für den Transport verantwortliche amerikanische Offizier gestellt hat, ohne wenn und aber.«

Er macht eine kurze Pause, schaut noch einmal in die Runde und ergänzt: »Unser Bürgermeister hat sich persönlich für die Fairness – oder besser Großzügigkeit – bei den Amerikanern bedankt.«

Auch ich bin erleichtert. Schließlich bin ich als ›Zeichengeber‹ auch ›Mittäter‹, wie mein Bruder augenzwinkernd – nicht ganz zu Unrecht – meint.

Selbstverständlich wurde die Anweisung des Bürgermeisters ohne Ausnahme befolgt.

*

Großvater ist schwer gestürzt. Vom Sonnenlicht geblendet, strauchelt er und fällt die Treppe hinunter – in unmittelbarer Nähe der Kirche. Er schafft es nicht. Er stirbt.

Die Männer, die ihn in den Sarg legen sollen, sind da. Etwas früher als üblich. Aber es ist relativ warm, draußen und drinnen. Einen kühlen Raum gibt es im Dorf für diese Fälle nicht – noch nicht.

Mutter erlaubt mir, dabei zu sein. Ich will Großvater noch einmal sehen, aus der Nähe, denn wegen der hohen, sommerlichen Temperaturen wird der Sarg anschließend fest geschlossen.

Ich habe keine Scheu, aber eine gewisse Spannung ist selbstverständlich da.

Einer der Männer, der Totengräber, nimmt das Leintuch an Großvaters Kopfende in beide Hände. Er kennt diese Situation zur Genüge. Nichtsdestotrotz, warum nur zögert er plötzlich? Sein Gesichtsausdruck – warum wirkt er so seltsam angespannt?

Fast hastig zieht er jetzt das Leintuch hoch und wirft es in Richtung Fußende des Toten. Ich sehe, dass Mutter ruckartig einen kleinen Schritt zurück geht.

»Kommen Sie, gute Frau, das ist nichts für Sie«, flüstert einer der Männer, ergreift ihren Arm und zieht sie in Richtung Türe.

Ich bin geschockt, kann mich kaum bewegen. Wie sieht denn Großvater aus? Er ist kaum noch zu erkennen.