Der Talisman - Stephen King - E-Book

Der Talisman E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Die perfekte Mischung aus Fantasy und Horror. Im Vorläufer zu King/Straubs Bestseller "Das Schwarze Haus" begibt sich der zwölfjährige Jack Sawyer auf eine weite, abenteuerliche Reise, in der Idylle und Entsetzen nahe beieinander liegen. Meisterregisseur Steven Spielberg hat sich die Verfilmungsrechte an "Der Talisman" für "DreamWorks" gesichert.

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Seitenzahl: 1344

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Das Buch

Der zwölfjährige Jack Sawyer hat eine weite, abenteuerliche Reise vor sich. Er begibt sich auf die Suche nach dem Talisman, der allein durch seine magische Kraft Jacks todkranke Mutter retten kann. Um ihn zu erreichen, muss Jack nicht nur die Vereinigten Staaten vom Atlantik bis zur Pazifikküste durchqueren, sondern auch ihre geheimnisvolle, fantastische Gegenwelt, die Territoren. Die Territoren, so wirklich und zugleich unwirklich wie Atlantis oder Avalon und an das Mittelalter der Menschheit gemahnend, sind eine Welt magischer Spiegelungen. In beiden Welten hat Jack auf seiner Suche nach dem Talisman Abenteuer zu bestehen, Mut zu beweisen und Gefahren zu überwinden, aus denen ihn oft nur das »Flippen« rettet, der Sprung in die jeweils andere Welt. Doch hier wie dort liegen Idyll und Entsetzen nahe beieinander.

Horror und Fantasy durchdringen sich in einer Geschichte von faszinierendem Bilderreichtum und atemberaubender Spannung.

Der Autor

Stephen King gilt weltweit als der Meister der modernen Horrorliteratur. Seine Bücher haben eine Weltauflage von 100 Millionen weit überschritten. Seine Romane wurden von den besten Regisseuren verfilmt. Geboren 1947 in Portland /Maine, lebt er mit seiner Frau, der Schriftstellerin Tabitha King, und drei Kindern in Bangor/Maine. Schon während seines Studiums schrieb und veröffentlichte er Science-Fiction-Stories. 1973 gelang ihm mit Carrie der internationale Durchbruch. Alle folgenden Bücher wurden Bestseller, die meisten davon liegen im Wilhelm Heyne Verlag vor.

Peter Straub gilt als einer der bedeutendsten Erneuerer der fantastischen Literatur und erhielt für sein Werk zahlreiche Preise. Er lebt in New York City.

Für Ruth King und Elvena Straub

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer AutorWidmungERSTER TEIL - JACK BRICHT AUF
Erstes Kapitel - DAS ALHAMBRA INN AND GARDENS
123456
Zweites Kapitel - DER TRICHTER ÖFFNET SICH
123456
Drittes Kapitel - SPEEDY PARKER
1 2 3 4
Viertes Kapitel - JACK ÜBERSCHREITET DIE GRENZE
1 2 3 4 5
Fünftes Kapitel - JACK UND LILY
1 2 3 4
Zwischenspiel - SLOAT IN DIESER WELT (I)
ZWEITER TEIL - DIE STRASES DER PRÜFUNGEN
Sechstes Kapitel - DER PAVILLON DER KÖNIGIN
1 2
Siebtes Kapitel - FARREN
1 2 3 4 5 6 7 8 9
Achtes Kapitel - DER OATLEY-TUNNEL
1 2 3 4 5
Neuntes Kapitel - IN DER KANNENPFLANZE
1 2 3 4 5 6 7
Zehntes Kapitel - ELROY
1 2 3 4 5
Elftes Kapitel - DER TOD VON JERRY BLEDSOE
1 2 3 4 5
Zwölftes Kapitel - JACK GEHT AUF DEN MARKT
1 2 3
Dreizehntes Kapitel - DIE MÄNNER AM HIMMEL
1 2 3 4 5 6 7
Vierzehntes Kapitel - BUDDY PARKINS
1 2 3 4
Fünfzehntes Kapitel - SNOWBALL SINGT
1 2 3
Sechzehntes Kapitel - WOLF
1 2 3 4
Zwischenspiel - SLOAT IN DIESER WELT (II) Siebzehntes Kapitel - WOLF UND DIE HERDE
1 2 3
Achtzehntes Kapitel - WOLF GEHT INS KINO
1 2 3 4 5 6 7 8
Neunzehntes Kapitel - WOLF RENNT MIT DEM MOND
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
DRITTER TEIL - WELTEN IM WIDERSTREIT
Zwanzigstes Kapitel - IM NAMEN DES GESETZES
1 2 3
Einundzwanzigstes Kapitel - DAS SUNLIGHT-HEIM
1 2 3
Zweiundzwanzigstes Kapitel - DIE PREDIGT
1 2 3 4 5 6
Dreiundzwanzigstes Kapitel - FERD JANKLOW
1 2 3 4 5
Vierundzwanzigstes Kapitel - JACK BENENNT DIE PLANETEN
1 2 3 4
Fünfundzwanzigstes Kapitel - JACK UND WOLF IN DER HÖLLE
1 2 3 4 5
Sechsundzwanzigstes Kapitel - WOLF IN DER BOX
1 2 3 4 5 6 7 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19
Siebenundzwanzigstes Kapitel - JACK MACHT SICH DAVON
1 2
Achtundzwanzigstes Kapitel - JACKS TRAUM
1 2 3
Neunundzwanzigstes Kapitel - RICHARD IN THAYER
1 2 3 4 5
Dreißigstes Kapitel - THAYER WIRD UNHEIMLICH
1 2 3
Einunddreißigstes Kapitel - THAYER GEHT ZUM TEUFEL
1 2
Zweiunddreißigstes Kapitel - »SCHICK DEINEN PASSAGIER RAUS!«
1 2 3 4 5 6 7 8
Dreiunddreißigstes Kapitel - RICHARD IM DUNKELN
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Zwischenspiel - SLOAT IN DIESER WELT/ ORRIS IN DEN TERRITORIEN (III)
VIERTER TEIL - DER TALISMAN
Vierunddreißigstes Kapitel - ANDERS
1 2 3 4 5 6 7 8
Zwischenspiel - SLOAT IN DIESER WELT (IV) Fünfunddreißigstes Kapitel - DAS VERHEERTE LAND
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Sechsunddreißigstes Kapitel - JACK UND RICHARD ZIEHEN IN DEN KRIEG
1 2 3 4 5 6 7 8 9
Siebenunddreißigstes Kapitel - RICHARD ERINNERT SICH
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13
Achtunddreißigstes Kapitel - DAS ENDE DER STRASES
1 2 3 4 5
Neununddreißigstes Kapitel - POINT VENUTI
1 2 3 4 5
Vierzigstes Kapitel - SPEEDY AM STRAND
1 2 3 4 5 6
Zwischenspiel - SLOAT IN DIESER WELT (V) Einundvierzigstes Kapitel - DAS SCHWARZE HOTEL
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Zweiundvierzigstes Kapitel - DER TALISMAN
1 2 3 4 5 6 7 8 9
Dreiundvierzigstes Kapitel - NACHRICHTEN AUS ALLER WELT
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Vierundvierzigstes Kapitel - DAS ERDBEBEN
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Fünfundvierzigstes Kapitel - ENTSCHEIDUNGEN AM STRAND
1 2 3 4 5 6 7 8
Sechsundvierzigstes Kapitel - NOCH EINE FAHRT
1 2 3 4 5 6 7 8
Siebenundvierzigstes Kapitel - DAS ENDE DER REISE
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
EPILOG SCHLUSSCopyright

ERSTER TEIL

JACK BRICHT AUF

Nun, als Tom und ich oben auf dem Hügel angelangt waren, blickten wir hinunter in das Dorf und sahen dort drei oder vier Lichter blinken, wo vielleicht Leute krank waren; und die Sterne über uns funkelten so herrlich; und drunten beim Dorf war der Fluss, eine volle Meile breit und ungeheuer still und großartig.

Mark Twain, Huckleberry Finn

Meine neuen Sachen waren völlig verdreckt und lehmver- krustet, und ich war hundemüde.

Mark Twain, Huckleberry Finn

Erstes Kapitel

DAS ALHAMBRA INN AND GARDENS

1

Am 15. September 1981 stand ein Junge namens Jack Sawyer da, wo Wasser und Land zusammentreffen, die Hände in den Taschen seiner Jeans, und blickte hinaus auf die Weite des Atlantiks. Er war zwölf Jahre alt und groß für sein Alter. Der Seewind wehte ihm das braune, ein wenig zu lange Haar aus der klaren Stirn. Er stand da mit den verworrenen und schmerzlichen Gefühlen, mit denen er seit drei Monaten lebte – seit dem Tag, an dem seine Mutter ihr Haus am Rodeo Drive in Los Angeles geschlossen und in einem Wirbel von Möbeln, Schecks und Maklern eine Mietwohnung am Central Park West in New York bezogen hatte. Aus dieser Wohnung waren sie in den stillen Badeort an der Küste von New Hampshire geflüchtet. Ordnung und Regelmäßigkeit waren aus Jacks Leben verschwunden. Sein Leben kam ihm so unstet vor wie das wogende Wasser vor ihm. Seine Mutter trieb ihn durch die Welt, schleppte ihn von einem Ort zum anderen, aber was trieb seine Mutter?

Seine Mutter flüchtete, flüchtete.

Jack drehte sich um und blickte den leeren Strand entlang, zuerst nach links, dann nach rechts. Links lag Arcadia Funworld, ein Vergnügungspark, in dem vom Memorial Day Ende Mai bis zum Labor Day Anfang September Lärm und Trubel herrschten. Jetzt war er leer und still, ein Herz zwischen zwei Schlägen. Die Achterbahn war ein Gerippe vor diesem monotonen, bedeckten Himmel, die Pfosten und Querträger wie Holzkohlenstriche. Dort drüben arbeitete Speedy Parker, sein neuer Freund, aber der Junge konnte jetzt nicht an Speedy Parker denken. Rechts stand das Alhambra Inn and Gardens, und die Gedanken des Jungen führten ihn unerbittlich dorthin. Am Tag ihrer Ankunft hatte Jack einen Augenblick lang geglaubt, er sähe einen Regenbogen über den Giebeln seines verwinkelten Daches. Eine Art Zeichen, die Verheißung besserer Dinge. Aber da war kein Regenbogen gewesen. Eine Wetterfahne schwenkte, vom Seitenwind erfasst, von links nach rechts und von rechts nach links. Er war aus dem Mietwagen ausgestiegen, hatte die unausgesprochene Bitte seiner Mutter, sich ums Gepäck zu kümmern, ignoriert und nach oben geschaut. Über dem Messinghahn der Wetterfahne hing nur ein leerer Himmel.

»Mach den Kofferraum auf und hol die Tüten heraus, Sonnyboy«, hatte seine Mutter ihm zugerufen. »Eine völlig erledigte alte Schauspielerin muss sich jetzt anmelden und dann nach einem Drink fahnden.«

»Einem elementaren Martini«, hatte Jack gesagt.

»So alt bist du gar nicht, hättest du sagen sollen.« Sie stemmte sich mühsam vom Wagensitz hoch.

»So alt bist du gar nicht.«

Sie lächelte ihn an – etwas von der alten, unbekümmerten Lily Cavanaugh Sawyer, über zwei Jahrzehnte hinweg die Königin der B-Movies, kam zum Vorschein. Sie streckte ihren Rücken. »Hier sind wir gut aufgehoben, Jacky«, hatte sie gesagt. »Hier kommt alles wieder in Ordnung. Es ist ein guter Ort.«

Eine Möwe glitt über das Dach des Hotels, und für einen Moment hatte Jack das beunruhigende Gefühl, der Wetterhahn hätte sich in die Luft geschwungen.

»Für eine Weile sind wir dem Telefon entkommen, stimmt’s?«

»Stimmt«, hatte Jack gesagt. Sie wollte sich vor Onkel Morgan verstecken, sie wollte sich nicht mehr mit dem Geschäftspartner ihres toten Mannes herumschlagen, sie wollte mit einem elementaren Martini ins Bett kriechen und die Decke über den Kopf ziehen …

Mom, was stimmt nicht mit dir?

Es gab zu viel Tod, der Tod hatte die Welt halb verrückt gemacht. Über ihnen schrie die Möwe.

»Und nun beweg dich, Junge, beweg dich«, hatte seine Mutter gesagt. »Sehen wir zu, dass wir in dieses fantastische Haus hineinkommen.«

Dann hatte Jack gedacht: Wenigstens ist da immer noch Onkel Tommy, der uns hilft, wenn wir zu tief in der Patsche sitzen.

Aber auch Onkel Tommy war tot; die Nachricht steckte lediglich noch am anderen Ende zahlloser Telefondrähte.

2

Das Alhambra ragte über dem Wasser, ein großer, viktorianischer Kasten auf riesigen Granitblöcken, die fast nahtlos mit der flachen Landzunge zu verschmelzen schienen – ein vorstehendes Schlüsselbein aus Granit auf dem nur wenige Meilen langen Küstenstreifen von New Hampshire. Von da, wo Jack am Strand stand, waren die landwärts gelegenen Gärten kaum zu sehen – ein dunkelgrüner Streifen Hecke, das war alles. Der Messinghahn stand schwarz vor dem Himmel, nach West-Nordwest gerichtet. Eine Plakette in der Halle verkündete, dass hier die Northern Methodist Conference im Jahre 1838 die erste ihrer großen Kundgebungen für die Abschaffung der Sklaverei in Neuengland abgehalten hatte. Daniel Webster hatte eine zündende Rede gehalten. Der Plakette zufolge hatte er gesagt: »Wisset von diesem Tage an, dass die Sklaverei als amerikanische Institution zu kränkeln begonnen hat und in all unseren Staaten und Territorien bald sterben muss.«

3

So waren sie angekommen an jenem Tag der vergangenen Woche, an dem die Unruhe der letzten Monate in New York geendet hatte. In Arcadia Beach gab es keine von Morgan Sloat beauftragten Anwälte, die aus Autos sprangen und Papiere schwenkten, die unterschrieben und zu den Akten gelegt werden mussten, Mrs. Sawyer. In Arcadia Beach läutete das Telefon nicht von mittags bis drei Uhr morgens (Onkel Morgan schien vergessen zu haben, dass die Uhren der Bewohner von Central Park West eine andere Zeit anzeigten als die von Kalifornien). In Arcadia Beach läutete das Telefon überhaupt nicht.

Als sie den kleinen Badeort erreicht hatten und seine Mutter sich so aufs Fahren konzentrierte, dass sie fast schielte, hatte Jack nur einen Menschen auf den Straßen gesehen – einen verrückten alten Mann, der einen leeren Einkaufswagen ziellos auf dem Gehsteig vor sich herschob. Über ihnen ein leerer grauer Himmel, ein unerfreulicher Himmel. In krassem Gegensatz zu New York gab es hier nur das stetige Geräusch des Windes, der durch verlassene Straßen heulte, die das Fehlen jeglichen Verkehrs viel zu breit erscheinen ließ. Hier gab es leere Läden mit Schildern in den Schaufenstern, auf denen stand NUR AM WOCHENENDE GEÖFFNET oder, schlimmer noch, AUF WIEDERSEHEN IM JUNI! Es gab hundert leere Parkplätze auf der Straße vor dem Alhambra, leere Tische im Arcadia Tea and Jam Shoppe nebenan.

Und schäbige, verrückte alte Männer schoben Einkaufswagen durch verlassene Straßen.

»In diesem komischen kleinen Nest habe ich die glücklichsten drei Wochen meines Lebens verbracht«, erklärte ihm Lily, als sie an dem alten Mann vorüberfuhr (der sich, wie Jack bemerkte, umdrehte, um ihnen bestürzt und argwöhnisch nachzublicken ; er murmelte etwas, aber Jack konnte nicht verstehen, was er sagte) und dann den Wagen auf die Auffahrt lenkte, die sich durch den Vorgarten des Hotels wand.

Deshalb also hatten sie alles, was sie zum Leben brauchten, in Koffer, Taschen und Einkaufsbeutel gestopft und den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür umgedreht (ohne sich um das schrille Läuten des Telefons zu kümmern, das durch eben dieses Schlüsselloch hindurchzudringen und sie bis in die Halle zu verfolgen schien); deshalb hatten sie den Kofferraum und den Fond des Mietwagens mit überquellenden Tüten und Taschen gefüllt und waren stundenlang auf dem Henry Hudson Parkway nordwärts gekrochen und anschließend weitere Stunden die Interstate 95 entlanggerollt: Lily Cavanaugh Sawyer war hier einmal glücklich gewesen. 1968, ein Jahr vor Jacks Geburt, war Lily für ihre Rolle in einem Film mit dem Titel Blaze für den Oscar vorgeschlagen worden. Blaze war besser gewesen als die meisten anderen Filme; in ihm hatte Lily ein wesentlich größeres Talent zur Schau stellen können, als die schlimmen Mädchen, die sie gewöhnlich spielte, vermuten ließen. Niemand rechnete damit, dass sie einen Oscar bekam, am wenigsten Lily selbst. Aber Lily nahm das oft beanspruchte Klischee der bloßen Ehre einer Nominierung für bare Münze – sie fühlte sich wirklich und zutiefst geehrt, und um diesen Augenblick beruflicher Anerkennung zu feiern, war Phil Sawyer in weiser Voraussicht für drei Wochen mit ihr ins Alhambra Inn and Gardens gefahren, an die andere Seite des Kontinents, wo sie, im Bett Champagner trinkend, der Oscarverleihung im Fernsehen zugeschaut hatten. (Wenn Jack älter gewesen wäre und es ihn interessiert hätte, dann hätte er errechnen können, dass das Alhambra der Ort war, an dem sein eigentliches Dasein begonnen hatte.)

Als die Nominierungen für die weiblichen Nebenrollen verlesen wurden, hatte Lily, der Familienlegende zufolge, Phil angefaucht: »Wenn ich dieses Ding bekomme und nicht dabei bin, dann tanze ich mit Pfennigabsätzen auf deinem Brustkorb Boogie.«

Aber als Ruth Gordon den Oscar erhielt, hatte Lily gesagt: »Sie verdient ihn, sie ist ein prächtiges Mädchen.« Und gleich danach hatte sie ihrem Mann einen Rippenstoß versetzt und gesagt: »Sieh gefälligst zu, dass du mir bald wieder eine solche Rolle beschaffst, du großes Tier von einem Agenten.«

Es hatte keine solchen Rollen mehr gegeben. Lilys letzte Rolle, zwei Jahre nach Phils Tod, war die einer zynischen Ex-Prostituierten in einem Film mit dem Titel Motorcycle Maniacs gewesen.

Jack wusste, dass Lily jetzt an diese Zeit zurückdachte, als er das Gepäck aus dem Kofferraum und dem Fond zerrte. Ein d’Agostino-Beutel war bis auf das große D’AG hinunter aufgerissen und hatte einen Wust von aufgerollten Socken, losen Fotos, Schachfiguren, Schachbrett und Comics über alles andere im Kofferraum entleert. Jack gelang es, den größten Teil dieser Sachen in anderen Beuteln zu verstauen. Lily stieg langsam die Vordertreppe hinauf und zog sich dabei am Geländer hoch wie eine alte Dame. »Ich schicke den Pagen«, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Jack richtete sich von den voll gestopften Beuteln auf und blickte wieder zum Himmel empor, wo er einen Regenbogen gesehen zu haben glaubte. Es war kein Regenbogen da, nur der unerfreuliche, wechselhafte Himmel.

Und dann:

»Komm zu mir«, sagte hinter ihm jemand mit leiser und deutlich hörbarer Stimme.

»Wie?«, fragte er und fuhr herum. Vor ihm der leere Garten und die Auffahrt.

»Ja?«, sagte seine Mutter. Auf die Klinke der großen Holztür gestützt sah sie aus, als hätte sie einen krummen Rücken.

»Irrtum«, sagte er. Da war keine Stimme gewesen, kein Regenbogen. Er vergaß beides und blickte zu seiner Mutter hinauf, die sich mit der riesigen Tür abmühte. »Warte, ich helfe dir«, rief er und trabte die Stufen hinauf, beladen mit einem großen Koffer und einer bis zum Platzen mit Pullovern voll gestopften Papiertüte.

4

Bevor er Speedy Parker begegnete, hatte sich Jack durch die Tage im Hotel bewegt, ohne sich des Vergehens der Zeit deutlicher bewusst zu sein als ein schlafender Hund. In diesen Tagen voller Schatten und unerklärlicher Übergänge kam ihm sein ganzes Leben fast wie ein Traum vor. Selbst die entsetzliche Nachricht über Onkel Tommy, die am Abend zuvor eingetroffen war, hatte ihn, so bestürzend sie war, nicht vollständig aufgeweckt. Wäre Jack ein Mystiker gewesen, hätte er vielleicht gedacht, dass andere Kräfte von ihm Besitz ergriffen hatten und das Leben seiner Mutter und sein eigenes manipulierten. Mit seinen zwölf Jahren war Jack Sawyer gewohnt, etwas zu tun, und die stumme Untätigkeit dieser Tage im Gefolge des Trubels von Manhattan hatte ihn zutiefst verwirrt und aus der Fassung gebracht.

Jack hatte sich am Strand wiedergefunden, ohne Erinnerung daran, dass er hergekommen war, ohne Vorstellung davon, was er hier wollte. Vermutlich trauerte er um Onkel Tommy, aber ihm war, als wäre sein Verstand schlafen gegangen und hätte seinen Körper sich selbst überlassen. Er konnte sich nicht lange genug konzentrieren, um der Handlung der Situationskomödien zu folgen, die er und Lily im Fernsehen sahen, oder Einzelheiten seiner Bücher im Kopf zu behalten.

»Du bist müde von all dieser Herumzieherei«, hatte seine Mutter gesagt, während sie einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette tat und ihn durch den Rauch hindurch anblinzelte. »Aber du brauchst nichts zu tun, Jacko. Dies ist ein guter Ort. Genießen wir ihn, so lange wir können.«

Auf dem leicht rotstichigen Fernsehbild betrachtete Bob Newhart nachdenklich einen Schuh, den er in der rechten Hand hielt.

»Genau das tue ich, Jacky.« Sie lächelte ihn an. »Ich ruhe mich aus und genieße es.«

Er sah auf die Uhr. Zwei Stunden hatten sie vor dem Fernseher gesessen, und er konnte sich an nichts erinnern, was dieser Sendung voraufgegangen war.

Jack wollte gerade zu Bett gehen, als das Telefon läutete. Der gute alte Onkel Morgan Sloat hatte sie aufgespürt. Onkel Morgans Neuigkeiten waren nie sehr erfreulich, aber wie es schien, war dies sogar nach Onkel Morgans Maßstäben eine Bombe. Jack stand mitten im Zimmer und sah, wie das Gesicht seiner Mutter blasser, blasser, blasser wurde. Ihre Hand glitt an ihre Kehle, an der in den letzten paar Monaten neue Falten erschienen waren, und presste sich leicht dagegen. Sie hatte kaum ein Wort gesagt, nur zum Schluss hatte sie »Danke, Morgan« geflüstert und dann den Hörer aufgelegt. Dann hatte sie sich zu Jack umgedreht und dabei älter und kränker ausgesehen als je zuvor.

»Du musst jetzt ganz tapfer sein, Jacky, ja?«

Er war sich überhaupt nicht tapfer vorgekommen.

Sie hatte seine Hand ergriffen und es ihm gesagt:

»Onkel Tommy ist heute Nachmittag bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht umgekommen, Jack.«

Er keuchte; ihm war, als wäre ihm die Luft aus den Lungen gerissen worden.

»Er überquerte den La Cienega Boulevard, und ein Lieferwagen fuhr ihn an. Es gibt einen Zeugen, der ausgesagt hat, er wäre schwarz gewesen und hätte die Aufschrift WILD CHILD getragen, aber das war – das war alles.«

Lily begann zu weinen. Einen Augenblick später begann Jack, fast überrascht, gleichfalls zu weinen. All das war vor drei Tagen passiert, und Jack kamen diese drei Tage vor wie eine Ewigkeit.

5

Am 15. September 1981 stand ein Junge namens Jack Sawyer auf einem unmarkierten Stück Strand vor einem Hotel, das aussah wie eine Burg aus einem Roman von Walter Scott, und blickte auf das stetige Meer hinaus. Er wollte weinen, konnte aber seinen Tränen keinen Lauf lassen. Er war vom Tod umgeben, die halbe Welt bestand aus Tod, es gab keine Regenbogen. Der WILD CHILD-Lieferwagen hatte Onkel Tommy aus der Welt befördert. Onkel Tommy, tot in Los Angeles, zu weit von der Ostküste entfernt, wo er, wie selbst ein Junge wie Jack wusste, von Rechts wegen hingehörte. Ein Mann, der sich eine Krawatte umbinden musste, bevor er zu Arby’s ging und sich ein Roastbeef-Sandwich holte, hatte an der Westküste nicht das Mindeste zu suchen.

Sein Vater war tot. Onkel Tommy war tot. Auch seine Mutter würde vielleicht sterben. Er spürte den Tod auch hier, in Arcadia Beach, wo er mit Onkel Morgans Stimme durchs Telefon sprach. Nichts war so wohlfeil und offenkundig wie die Melancholie, die von einem Badeort außerhalb der Saison ausging, in dem man ständig über die Gespenster vergangener Sommer stolperte; es schien in der Anordnung der Dinge zu stecken, ein Geruch in der Meeresbrise zu sein. Er hatte Angst – er hatte seit langer Zeit Angst. Hier zu sein, wo alles so still war, hatte ihm nur geholfen, sich darüber klar zu werden; es hatte ihm geholfen, zu begreifen, dass vielleicht der Tod die ganze Strecke auf der Interstate 95 von New York mitgefahren war, durch Zigarettenrauch geblinzelt und ihn gebeten hatte, im Autoradio ein bisschen Bebop zu suchen.

Er erinnerte sich – ganz vage –, dass sein Vater einmal gesagt hatte, er wäre mit einem alten Kopf geboren worden, aber jetzt kam ihm sein Kopf nicht alt vor. Im Augenblick kam er ihm sogar sehr jung vor. Angst, dachte er. Ich habe entsetzliche Angst. Hier kommt das Ende der Welt.

Möwen kreisten am grauen Himmel über ihm. Die Stille war so grau wie die Luft – so tödlich wie die dunkler werdenden Ringe unter ihren Augen.

6

Seit er nach einer Reihe von Tagen benommenen Driftens durch die Zeit in die Funworld gewandert und Lester Speedy Parker begegnet war, hatte ihn dieses passive Gefühl des Gefangenseins irgendwie verlassen. Lester Parker war ein Schwarzer mit krausem grauem Haar und faltigen Wangen. Er war nicht im Mindesten bemerkenswert, obwohl er in seinem früheren Leben als wandernder Bluesmusiker einiges geleistet haben mochte. Er hatte auch nichts sonderlich Bemerkenswertes gesagt. Und dennoch hatte Jack, der ziellos in die Spielarkade von Funworld hineingewandert war und in Speedys blasse Augen geblickt hatte, gespürt, wie die ganze Benommenheit von ihm wich. Er war wieder er selbst geworden. Es war, als wäre eine magische Strömung von dem alten Mann auf Jack übergegangen. Speedy hatte gelächelt und gesagt: »Sieht aus, als bekäme ich jetzt ein bisschen Gesellschaft. Der kleine Wanderer ist da.«

Es stimmte, er war nicht mehr gefangen; noch eine Sekunde zuvor hatte er das Gefühl gehabt, in nasse Wolle und Zuckerwatte eingehüllt zu sein, und nun war er frei. Einen Augenblick lang schien ein silberner Nimbus den alten Mann zu umspielen, eine Aureole aus Licht, die verschwand, sobald Jack blinzelte. Zum ersten Mal bemerkte Jack, dass der Mann den Stiel eines breiten, schweren Besens hielt.

»Na, Junge, wie geht’s?« Der alte Mann legte eine Hand ins Kreuz und streckte sich nach hinten. »Ist die Welt gerade schlechter geworden oder vielleicht besser?«

»Oh, besser«, sagte Jack.

»Dann bist du an der richtigen Stelle, würde ich sagen. Wie heißt du?«

Kleiner Wanderer, hatte Speedy an jenem ersten Tag gesagt, Travelling Jack. Er hatte seinen hoch gewachsenen, kantigen Körper gegen den Skee-Ball-Automaten gelehnt und die Arme um den Besenstiel geschlungen, als wäre er ein Mädchen beim Tanz. Der Mann, den du hier vor dir siehst, ist Lester Speedy Parker, ein Mann, der früher selbst gewandert ist, Junge – oh ja, Speedy kannte die Straße, er kannte alle Straßen, damals in der alten Zeit, Hatte eine Band, Travelling Jack, spielte den Blues, Gitarrenblues, machte sogar ein paar Platten, will dich aber nicht mit der Frage in Verlegenheit bringen, ob du je eine davon gehört hast. Jede Silbe hatte ihre eigene Melodie und ihren eigenen Rhythmus, jeder Satz seine eigene Kadenz; Speedy Parker hielt keine Gitarre in der Hand, sondern einen Besen, aber ein Musiker war er trotzdem noch. Schon nach fünf Sekunden wusste Jack, dass sein jazzbegeisterter Vater das Zusammensein mit diesem Mann genossen hätte.

Er hatte sich an Speedy angehängt und war ihm drei oder vier Stunden gefolgt, hatte ihm bei der Arbeit zugesehen und geholfen, wenn er konnte. Speedy ließ ihn Nägel einschlagen, ein oder zwei Zaunpfähle abschleifen, die gestrichen werden mussten; diese simplen Arbeiten, die er nach Speedys Anweisungen ausführte, waren der einzige Unterricht, den er erhielt, aber sie bewirkten, dass er sich wohler fühlte. Er empfand seine ersten Tage in Arcadia Beach jetzt als eine Periode ungemilderten Elends, von der sein neuer Freund ihn erlöst hatte. Denn Speedy Parker war ein Freund, das war gewiss  – so gewiss, dass irgendein Geheimnis dahinter stecken musste. In den paar Tagen, seit Jack seine Benommenheit abgeschüttelt hatte (oder seit Speedy ihn mit einem Blick aus seinen hellen Augen davon befreit hatte), fühlte er sich Speedy Parker enger verbunden als jedem anderen Freund – ausgenommen vielleicht Richard Sloat, den er fast von der Wiege auf kannte. Und jetzt spürte er – wie ein Heilmittel gegen sein Entsetzen über Onkel Tommys Tod und seine Angst, dass auch seine Mutter sterben musste – die Anziehungskraft von Speedys Wärme und Weisheit von jenseits der Straße.

Wieder überkam Jack das unbehagliche Gefühl, gelenkt zu werden, manipuliert zu werden; es war, als hätte ein langer, unsichtbarer Draht ihn und seine Mutter zu diesem verlassenen Ort am Meer gezogen.

Sie wollten ihn hier haben, wer immer sie sein mochten.

Oder war das nur eine verrückte Idee? Vor seinem inneren Auge sah er einen krummrückigen alten Mann, der eindeutig den Verstand verloren hatte und Selbstgespräche führte, während er einen leeren Einkaufswagen über den Gehsteig schob.

Eine Möwe kreischte in der Luft, und Jack nahm sich fest vor, sich zu überwinden und über einige seiner Gefühle mit Speedy Parker zu sprechen. Selbst wenn Speedy ihn für übergeschnappt hielt; selbst wenn Speedy ihn auslachte. Aber im Innern wusste Jack, dass Speedy nicht lachen würde. Sie waren alte Freunde, denn wenn Jack etwas begriff, so war es die Tatsache, dass er Speedy fast alles erzählen konnte.

Aber noch war er dazu nicht bereit. Alles war zu verrückt, er verstand es selbst noch nicht. Fast zögernd kehrte Jack dem Vergnügungspark den Rücken und trabte durch den Sand auf das Hotel zu.

Zweites Kapitel

DER TRICHTER ÖFFNET SICH

1

Es war einen Tag später, aber Jack war nicht klüger geworden. Allerdings hatte er in der Nacht zuvor einen der schlimmsten Albträume aller Zeiten gehabt. In ihm war ein grauenhaftes Geschöpf erschienen, um seine Mutter zu holen – ein zwergenhaftes Ungeheuer mit schiefen Augen und faulender, käsiger Haut. Deine Mutter ist schon fast tot, Jack, bekomme ich ein Halleluja?, hatte dieses Ungeheuer gekrächzt, und Jack wusste – wie man im Traum Dinge weiß –, dass es radioaktiv war und dass auch er sterben würde, wenn es ihn berührte. Er war schweißüberströmt aufgewacht, nahe daran, einen bitteren Schrei auszustoßen. Nur das Tosen der Brandung brachte ihn dahin zurück, wo er sich wirklich befand, und es dauerte Stunden, bis er wieder einschlafen konnte.

Er hatte vorgehabt, seiner Mutter am Morgen von dem Traum zu erzählen, aber Lily war verdrossen und nicht zu Gesprächen aufgelegt gewesen und hatte sich in einer Wolke von Zigarettenrauch eingenebelt. Erst als er den Frühstücksraum des Hotels unter irgendeinem Vorwand verlassen wollte, lächelte sie ein wenig.

»Überleg dir, was du heute Abend essen möchtest.«

»Ja?«

»Ja. Irgendetwas, aber nichts vom Schnellimbiss. Ich bin nicht von L.A. nach New Hampshire gereist, um mich mit Hot Dogs zu vergiften.«

»Wir könnten es mit einem dieser Fischrestaurants in Hampton Beach versuchen«, sagte Jack.

»Gut. Und nun geh und spiele.«

Geh und spiele, dachte Jack mit einer Bitterkeit, die ihm sonst völlig fremd war. O ja, Mom, das ist ein großes Wort. Ganz lässig. Geh und spiele. Mit wem? Mom, warum bist du hier? Warum sind wir hier? Wie krank bist du? Und warum willst du nicht über Onkel Tommy reden? Was führt Onkel Morgan im Schilde? Was …

Fragen, Fragen. Und keine war einen Pfifferling wert, weil es auf keine eine Antwort gab.

Es sei denn, Speedy …

Aber das war lächerlich; wie konnte ein alter Schwarzer, den er gerade kennen gelernt hatte, irgendeines seiner Probleme lösen?

Dennoch tanzte der Gedanke an Speedy Parker am Rande von Jacks Bewusstsein, als er über den Gehsteig zum deprimierend leeren Strand hinunterwanderte.

2

Hier kommt das Ende der Welt, dachte Jack abermals.

Möwen kreisten über ihm durch die graue Luft. Dem Kalender nach war es noch Sommer, doch hier in Arcadia Beach endete der Sommer am Labor Day. Die Stille war so grau wie die Luft.

Er warf einen Blick auf seine Turnschuhe und sah, dass eine teerige Masse an ihnen klebte. Stranddreck, dachte er. Eine Art Ölpest. Er hatte keine Ahnung, wo er das aufgelesen hatte, und trat unbehaglich einen Schritt vom Wasser zurück.

Die Möwen in der Luft, herabstoßend und schreiend. Eine von ihnen kreischte genau über ihm, und er hörte ein dumpfes, fast metallisches Knacken. Er drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie sie ungeschickt flatternd auf einem Felsbrocken landete. Die Möwe drehte mit schnellen, fast roboterhaften Bewegungen den Kopf, wie um sich zu vergewissern, dass sie allein war; dann hüpfte sie herunter, dorthin, wo die Muschel, die sie fallen gelassen hatte, auf dem glatten, verdichteten Sand lag. Die Muschel war aufgeplatzt wie ein Ei, und Jack sah das rohe Fleisch im Innern; noch zuckend – aber vielleicht war das auch nur Einbildung.

Ich will das nicht sehen.

Aber bevor er sich abwenden konnte, zerrte der gelbe, gekrümmte Schnabel der Möwe bereits an dem Fleisch, dehnte es wie ein Gummiband, und ihm war, als balle sich sein Magen zu einer Faust zusammen. In Gedanken konnte er das gedehnte Gewebe schreien hören – nichts Verständliches, nur geistloses Fleisch, das vor Schmerz aufschrie.

Er versuchte abermals, den Blick von der Möwe abzuwenden, und konnte es nicht. Der Möwenschnabel öffnete sich, erlaubte ihm einen kurzen Blick in den schmutzig-rosa Schlund. Die Muschel schnellte in ihre zerbrochene Schale zurück, und einen Moment lang sah die Möwe ihn an – mit tödlich schwarzen Augen, die es ihm unwiderlegbar bestätigten: Väter sterben, Mütter sterben, Onkel sterben, selbst wenn sie in Yale studiert haben und in ihren dreiteiligen Savile Row-Anzügen so solide aussehen wie Bankmauern. Vielleicht sterben Kinder auch – und letzten Endes gibt es womöglich nichts mehr außer dem geistlosen, gedankenlosen Aufschrei lebenden Fleisches.

»He«, sagte Jack laut; er wusste nicht, dass er etwas anderes tat, als den Gedanken in seinem Kopf nachzuhängen. »He, Moment mal.«

Die Möwe hockte über ihrer Beute und betrachtete ihn mit ihren glänzenden schwarzen Augen. Dann begann sie wieder in dem Fleisch zu wühlen. Willst du etwas abhaben, Jack? Es zuckt noch! Bei Gott, es ist so frisch, dass es noch kaum weiß, dass es tot ist!

Der kräftige gelbe Schnabel hakte sich wieder ins Fleisch und zerrte.

Es riss. Der Möwenkopf hob sich in den grauen Septemberhimmel, und der Schlund arbeitete. Wieder schien die Möwe ihn anzusehen, so wie Personen auf manchen Gemälden einen immer anzusehen scheinen, an welcher Stelle im Zimmer man sich auch befindet. Und die Augen – er kannte diese Augen.

Plötzlich sehnte er sich nach seiner Mutter – nach ihren dunkelblauen Augen. Er konnte sich nicht erinnern, sich je so verzweifelt nach ihr gesehnt zu haben, seit er sehr, sehr klein gewesen war. La-la, hörte er sie in Gedanken singen, und ihre Stimme war die Stimme des Windes, jetzt hier, bald irgendwo anders. La-la, schlaf jetzt, Jacky, schlaf, Kindchen, schlaf, dein Vater hit’ die Schaf’. Und dergleichen mehr. Die Erinnerung daran, gewiegt zu werden, während seine Mutter eine Herbert Tareyton nach der anderen rauchte, vielleicht ein Skript durchblätterte – blaue Blätter nannte sie ihre Skripts immer, daran erinnerte er sich: blaue Blätter. La-la, Jacky, alles ist in bester Ordnung. Ich liebe dich, Jacky. Psst ...schlaf jetzt, la-la.

Die Möwe sah ihn an. Mit plötzlichem Grauen, das ihm in die Kehle fuhr wie heißes Salzwasser, bemerkte er, dass sie ihn tatsächlich ansah. Diese schwarzen Augen (wessen Augen?) sahen ihn an. Und er kannte diesen Blick.

Aus dem Schnabel der Möwe hing noch ein Fetzen rohes Fleisch. Während er hinblickte, sog die Möwe ihn ein. Ihr Schnabel öffnete sich zu einem gespenstischen, aber unmissverständlichen Grinsen.

Da machte er kehrt und rannte, mit gesenktem Kopf, die Augen gegen die heißen, salzigen Tränen verschlossen; die Turnschuhe gruben sich in den Sand, und wenn man hätte aufsteigen können, immer höher und hoher, bis zum Blickpunkt eines Möwenauges, dann hätte man an diesem ganzen grauen Tag nur ihn gesehen, nur seine Spuren; Jack Sawyer, zwölf und allein, der zum Hotel zurückrannte, der Speedy Parker vergessen hatte, dessen Stimme fast verloren war in Tränen und Wind, als er immer wieder seinen Einspruch herausschrie: nein und nein und nein.

3

An der Oberkante des Strandes hielt er inne, außer Atem. Ein heißes Stechen zog sich von der Rippenmitte bis zur tiefsten Stelle seiner Achselhöhle hinauf. Er ließ sich auf einer der Bänke nieder, die die Stadt für alte Leute aufgestellt hatte, und wischte sich das Haar aus den Augen.

Du musst einen klaren Kopf behalten. Wer soll denn die Kommandotrupps anführen, wenn Sergeant Fury wegen Unzurechnungsfähigkeit aus der Armee entlassen wird?

Er lächelte und fühlte sich tatsächlich ein wenig wohler. Von hier aus, fünfzehn Meter oberhalb des Wassers, sah alles schon ein bisschen besser aus. Was mit Onkel Tommy passiert war, war grauenhaft, aber wahrscheinlich würde er darüber hinwegkommen, sich an den Gedanken gewöhnen. Das jedenfalls hatte seine Mutter gesagt. Onkel Morgan war in letzter Zeit besonders ekelhaft gewesen, aber schließlich hatte er schon immer etwas von einem Ekel an sich gehabt.

Und was seine Mutter anging – ja, das war das große Problem …

Vielleicht, dachte er, als er da auf der Bank saß und mit dem Fuß im Sand neben der Strandpromenade grub, vielleicht ging es seiner Mutter doch nicht so schlecht. Sie konnte sich wieder erholen; es war sicher mglich. Schließlich hatte niemand gesagt, dass es sich um Krebs handelte, oder? Nein. Wenn sie Krebs hatte, dann hätte sie ihn nicht hierher gebracht, oder? Dann wären sie wahrscheinlich in der Schweiz, damit seine Mutter in kaltem Mineralwasser baden und Ziegendrüsen oder sonst etwas schlucken konnte. Und sie würde es auch tun.

Also vielleicht …

Ein leises, trockenes Wispern drang in sein Bewusstsein ein. Er blickte hinunter, und seine Augen weiteten sich. Neben dem Spann seines linken Schuhs hatte der Sand begonnen, sich zu bewegen. Die feinen weißen Körnchen beschrieben einen kleinen Kreis, der vielleicht den Durchmesser einer Fingerlänge hatte. Dann brach der Sand in der Mitte des Kreises plötzlich ein, so dass eine kleine Grube entstand. Sie war vielleicht fünf Zentimeter tief. Auch die Wände dieser kleinen Grube waren in Bewegung; sie wirbelten und wirbelten, drehten sich rapide gegen den Uhrzeigersinn.

Nicht in Wirklichkeit, erklärte er sich unverzüglich, aber sein Herz begann wieder schneller zu schlagen, und auch sein Atem begann wieder schneller zu gehen. Nicht in Wirklichkeit, es ist einer der Tagträume, sonst nichts, oder vielleicht ist es auch ein Krebs oder so etwas …

Aber es war kein Krebs, und es war auch keiner der Tagträume  – dies war nicht die andere Gegend, von der er träumte, wenn er sich langweilte oder vielleicht ein bisschen fürchtete; und es war ganz bestimmt kein Krebs.

Der Sand wirbelte schneller herum, mit einem dürren, trockenen Geräusch, das ihn an statische Elektrizität erinnerte, an ein Experiment, das sie im vergangenen Schuljahr mit einer Leidener Flasche gemacht hatten. Aber darüber hinaus hatte das winzige Geräusch etwas vom langen Seufzer eines Irren, vom letzten Atemzug eines Sterbenden.

Mehr Sand brach ein und begann herumzuwirbeln. Jetzt war es keine kleine Grube mehr; es war ein Trichter im Sand, ein umgekehrter Saugwirbel. Das leuchtende Gelb eines Kaugummipapiers tauchte auf, verschwand wieder, tauchte auf, verschwand – so oft es zum Vorschein kam und je größer der Trichter wurde, konnte Jack mehr von der Beschriftung lesen: JU, dann JUI, dann JUICY F. Der Trichter wuchs, und der Sand wurde wieder von dem Papier weggerissen. Er war so schnell und grob wie eine unfreundliche Hand, die die Tagesdecke von einem gemachten Bett herunterreißt. JUICY FRUIT las er, und dann flatterte das Papier nach oben.

Der Sand drehte sich immer schneller; das Geräusch, das er dabei machte, glich einem wütenden Zischen. Jack starrte hinunter, zuerst fasziniert, dann entsetzt. Der Sand öffnete sich wie ein großes, dunkles Auge; es war das Auge der Möwe, die die Muschel auf den Stein geschmettert und dann das lebendige Fleisch herausgezerrt hatte wie ein Gummiband.

Der Sandstrudel verhöhnte ihn mit seiner toten, trockenen Stimme. Diese Stimme war keine Einbildung. So sehr sich Jack auch wünschte, sie existierte nur in seinem Kopf – diese Stimme war wirklich. Seine falschen Zähne flogen heraus, als der WILD CHILD-Wagen ihn traf, Jack, in hohem Bogen! Yale oder nicht Yale, wenn der alte WILD CHILD-Wagen kommt und dir die falschenZöhne aus dem Mundschlägt, dann bist du dran. Und deine Mutter …

Da rannte er wieder, blindlings, ohne zurückzublicken, mit aus der Stirn gewehtem Haar und entsetzt geweiteten Augen.

4

Jack durchquerte die Hotelhalle, so schnell er konnte. Die Atmosphäre des Raums verbot ihm das Rennen; er war so still wie eine Bibliothek, und das graue Licht, das durch die hohen Sprossenfenster einfiel, ließ die ohnehin verblichenen Teppiche noch blasser und verschwommener erscheinen. Jack fiel in Trab, als er die Rezeption passierte, und der krummrückige, aschengesichtige Tagesportier wählte genau diesen Augenblick, um aus einem holzverkleideten Bogengang hervorzutreten. Der Portier sagte nichts, aber in seinem stets missmutigen Gesicht verzogen sich die Mundwinkel einen weiteren Zentimeter nach unten. Jack war, als wäre er beim Rennen in der Kirche ertappt worden. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und zwang sich, den Rest des Weges bis zum Fahrstuhl in normaler Gangart zurückzulegen. Er drückte auf den Knopf; der finstere Blick des Portiers schien sich zwischen seinen Schulterblättern einzubrennen. Das einzige Lächeln, das Jack in dieser Woche auf dem Gesicht des Portiers gesehen hatte, war erschienen, als der Mann seine Mutter erkannt hatte. Lily hatte mit ihrem Mindestmaß an Huld darauf reagiert.

»So alt muss man wohl sein, um sich an Lily Cavanaugh zu erinnern«, hatte sie zu Jack gesagt, als sie in ihren Zimmern allein waren. Es hatte eine Zeit gegeben – und sie lag gar nicht so lange zurück –, in der das Erkanntwerden nach einem der rund fünfzig Filme, die sie in den Fünfziger und Sechzigerjahren gedreht hatte (»Königin des B-Movies« hatte man sie genannt; ihre eigene Version »Liebling der Drivein-Kinos«) – ob durch einen Taxifahrer oder die Dame, die bei Saks am Wilshire Boulevard Blusen verkaufte – sie für Stunden in Hochstimmung versetzt hatte. Jetzt war sogar diese simple Freude versiegt.

Jack trat vor den geschlossenen Fahrstuhltüren von einem Bein aufs andere; er hörte eine unmögliche, vertraute Stimme aus dem wirbelnden Sandtrichter aufsteigen. Einen Augenblick lang sah er Thomas Woodbine, den soliden, beruhigenden Onkel Tommy Woodbine, der sein Vormund hatte sein sollen – ein starkes Bollwerk gegen alle Sorgen und Probleme –, zerschlagen und tot auf dem La Cienega Boulevard, seine Zähne wie Popcorn sechs Meter entfernt in der Gosse. Er drückte wieder auf den Knopf.

Mach zu!

Dann sah er noch Schlimmeres – seine Mutter, die von zwei mitleidslosen Männern in einen wartenden Wagen gezerrt wurde. Plötzlich spürte Jack seine Blase. Er legte die ganze Handfläche auf den Knopf, und der gebeugte graue Mann hinter dem Pult gab einen missbilligenden Laut von sich. Jack presste die Kante seiner anderen Hand auf die magische Stelle unterhalb des Magens, die den Druck auf seine Blase verringerte. Jetzt konnte er das leise Schwirren des herunterkommenden Fahrstuhls hören. Er schloss die Augen, presste die Beine aneinander. Seine Mutter sah verunsichert aus, hilflos und verwirrt, und die Männer zerrten sie so mühelos in den Wagen, als wäre sie ein erschöpfter Collie. Doch das geschah nicht wirklich, das wusste er; es war eine Erinnerung  – ein Teil davon musste zu einem der Tagträume gehören  –, und es war nicht seiner Mutter widerfahren, sondern ihm selbst.

Als die Mahagonitüren des Fahrstuhls den Blick auf das verschattete Innere freigaben und ihm aus einem fleckigen und rissigen Spiegel das eigene Gesicht entgegenschaute, hüllte ihn diese Szene aus seinem achten Lebensjahr abermals ein, und er sah, wie sich die Augen des Mannes gelb verfärbten, fühlte, wie die Hand des anderen zupackte, hart und unmenschlich … Er sprang in den Fahrstuhl, als wäre er mit einer Gabel gestochen worden.

Es war nicht möglich; die Tagträume waren nicht möglich, er hatte nicht gesehen, wie sich die Augen des Mannes von Blau zu Gelb verfärbten, und seiner Mutter ging es gut, es gab nichts, wovor man Angst haben musste, und Gefahr war das, was eine Möwe für eine Muschel bedeutete. Er schloss die Augen, und der Fahrstuhl ächzte aufwärts.

Das Ding im Sand hatte ihn ausgelacht.

Jack quetschte sich durch die Öffnung, sobald die Türen auseinander zu gleiten begannen. Er trabte an den geschlossenen Mäulern anderer Fahrstühle vorüber, bog rechts in den getäfelten Korridor ein und rannte an Wandleuchtern und Bildern vorbei zu ihren Zimmern. Sie hatten 407 und 408 – zwei Schlafräume, eine kleine Küche und ein Wohnzimmer mit Blick auf die lange, glatte Küste und den unendlichen Ozean. Seine Mutter hatte von irgendwoher Blumen beschafft, sie in Vasen arrangiert und ihre kleine Sammlung gerahmter Fotos daneben aufgestellt. Jack mit fünf, Jack mit elf, Jack als Baby auf dem Arm seines Vaters. Sein Vater, Phil Sawyer, am Steuer des alten DeSoto, in dem er mit Morgan Sloat nach Kalifornien gefahren war – in jener nicht mehr vorstellbaren Zeit, in der sie so arm waren, dass sie oft im Wagen geschlafen hatten.

Als Jack die Tür zu 4o8, dem Wohnzimmer, aufriss, rief er: »Mom? Mom?«

Er sah die Blumen, die Fotos lächelten; er bekam keine Antwort. »Mom!« Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Jack spürte Kälte im Magen. Er stürzte durch das Wohnzimmer in das große Schlafzimmer zur Rechten. »Mom!« Noch eine Vase mit bunten Blumen. Das leere Bett sah aus wie gestärkt und gebügelt, so steif, dass eine Münze von der Bettdecke abprallen würde. Auf dem Nachttisch stand eine Batterie brauner Fläschchen mit Vitamin- und anderen Tabletten. Durchs Fenster sah er schwarze Wellen, die eine nach der anderen auf ihn zurollten.

Zwei Männer, die aus einem undefinierbaren Wagen ausstiegen, selbst undefinierbar waren, und nach ihr griffen …

»Mom !«, schrie er.

»Ich höre dich, Jack«, drang die Stimme seiner Mutter durch die Badezimmertür. »Was in aller Welt …?«

»Oh«, sagte er und spürte, wie sich all seine Muskeln entkrampften. »Entschuldige, ich wusste nur nicht, wo du steckst.«

»Ich bade«, sagte sie. »Bereite mich auf das Dinner vor. Oder darf ich das etwa nicht?«

Jack hatte nicht mehr das Gefühl, auf die Toilette gehen zu müssen. Er ließ sich in einen der gepolsterten Sessel fallen und schloss erleichtert die Augen. Sie war noch okay …

Vorläufig noch okay, flüsterte eine dunkle Stimme, und in Gedanken sah er, dass sich der Sandtrichter wieder öffnete, herumwirbelte.

5

Zehn oder zwölf Kilometer die Küstenstraße hinauf, unmittelbar am Stadtrand von Hampton, fanden sie ein Restaurant, das The Lobster Chateau hieß. Jack hatte einen sehr skizzenhaften Bericht über seinen Tag erstattet – schon jetzt wich er vor dem Entsetzen zurück, das ihn am Strand ergriffen hatte, ließ zu, dass seine Erinnerung es abschwächte. Ein Kellner in einem roten Jackett mit einem gelben Hummer auf dem Rücken wies ihnen einen Tisch neben einem breiten, streifigen Fenster an.

»Wünschen Sie einen Drink, Madam?« Der Kellner hatte ein der abgelaufenen Saison entsprechend steinkaltes Neuengland-Gesicht, und als Jack es ansah und hinter seinen wässrigen blauen Augen den Hass auf sein Ralph Lauren-Sportjackett und das lässig getragene Halston-Nachmittagskleid seiner Mutter spürte, überkam ihn eine vertrautere Form des Entsetzens – simples Heimweh. Mom, wenn du nicht wirklich krank bist, was zum Teufel tun wir dann hier? Dieser Laden ist leer! Herrgott, er ist unheimlich!

»Bringen Sie mir einen elementaren Martini«, sagte sie.

Der Kellner hob die Brauen. »Madam?«

»Eis in ein Glas«, sagte sie. »Eine Olive auf das Eis. Tanquaray-Gin auf die Olive. Und dann – können Sie mir folgen?«

Mom, um Gottes willen, siehst du denn seine Augen nicht? Du glaubst, du wärest charmant – er glaubt, du machst dich über ihn lustig! Siehst du denn seine Augen nicht?

Nein. Sie sah sie nicht. Und dieses Versagen ihres Einfühlungsvermögens, wo sie doch immer genau gespürt hatte, was andere Leute empfanden, war ein weiterer Stein auf seinem Herzen. Sie zog sich zurück – in jeder Hinsicht.

»Ja, Madam?«

»Dann«, sagte sie, »nehmen Sie eine Flasche Wermut, irgendeinen, und halten sie an das Glas. Dann stellen Sie den Wermut wieder ins Regal und bringen mir das Glas. Okay?«

»Ja, Madam.« Wässrig-kalte Neuengland-Augen, die seine Mutter ohne eine Spur von Zuneigung anstarrten. Wir sind die einzigen Gäste hier, dachte Jack, der es erst jetzt begriff. Die einzigen. »Junger Mann?«

»Ich möchte eine Cola«, sagte Jack unglücklich.

Der Kellner ging. Lily wühlte in ihrer Handtasche, zog eine Schachtel Herbert Tarrytoons heraus (so hatte sie sie genannt, als Jack noch ein kleiner Junge gewesen war, »bring mir meine Tarrytoons von dem Regal dort drüben«; und so nannte er sie in Gedanken noch heute) und zündete sich eine an. Dann hustete sie den Rauch in drei harten Stößen aus.

Es war ein weiterer Stein auf seinem Herzen. Vor zwei Jahren hatte seine Mutter mit dem Rauchen aufgehört. Jack hatte mit jenem eigenartigen Fatalismus, der die Kehrseite kindlicher Gutgläubigkeit und Unschuld darstellt, auf einen Rückfall gewartet. Seine Mutter hatte immer geraucht, sie würde bald wieder anfangen. Aber sie hatte es nicht getan – bis vor drei Monaten, in New York. Carltons. War in ihrem Wohnzimmer am Central Park West herumgewandert, qualmend wie eine Lokomotive, oder hatte vor dem Plattenschrank gehockt und in ihren alten Rockplatten oder den Jazzplatten ihres toten Mannes gekramt.

»Du rauchst wieder, Mom?«, hatte er sie gefragt.

»Ja. Kohlblätter«, hatte sie geantwortet.

»Ich wollte, du tätest es nicht.«

»Warum stellst du nicht den Fernseher an?« Sie hatte mit ganz ungewohnter Schärfe reagiert und sich mit fest zusammengepressten Lippen zu ihm umgedreht. »Vielleicht erwischst du Jimmy Swaggart oder Reverend Ike. Scher dich mit den Betschwestern in die Halleluja-Ecke.«

»Entschuldige«, hatte er gemurmelt.

Immerhin – es waren nur Carltons gewesen. Kohlblätter. Aber jetzt waren es die Herbert Tarrytoons – die altmodische blau-weiße Packung, die Mundstücke, die wie Filter aussahen, aber keine waren. Er erinnerte sich vage, dass sein Vater einmal gesagt hatte, dass er Winstons rauchte und seine Frau Lungenschwärzer.

»Siehst du Gespenster, Jack?«, fragte sie ihn jetzt, die zu stark glänzenden Augen auf ihn gerichtet, die Zigarette in der üblichen, etwas exzentrischen Position zwischen dem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Forderte ihn heraus, etwas zu sagen. Forderte ihn heraus zu der Bemerkung: »Mom, du rauchst wieder Herbert Tarrytoons – heißt das, dass du meinst, du hättest ohnehin nichts mehr zu verlieren ?«

»Nein«, sagte er. Dieses erbärmliche, bestürzende Heimweh überkam ihn wieder, und ihm war nach Weinen zumute. »Es ist nur dieser Laden hier. Er hat etwas Gespenstisches.«

Sie sah sich um und lächelte. Zwei weitere Kellner, einer dick, der andere dünn, beide in roten Jacken mit gelben Hummern auf dem Rücken, standen an der Schwingtür zur Küche und unterhielten sich leise. Quer vor dem Eingang zu einem großen Speisesaal gegenüber der Nische, in der Jack und seine Mutter saßen, hing eine Samtschnur. Die Stühle in dieser dunklen Höhle waren auf die Tische getürmt. Am hinteren Ende gaben große Fensterwände den Blick auf eine raue Strandlandschaft frei, die Jack an Death’s Darling erinnerte, einen Film, in dem seine Mutter mitgespielt hatte. Sie hatte eine junge Frau mit viel Geld gespielt, die gegen den Willen ihrer Eltern einen dunklen, gut aussehenden Fremden heiratete. Der dunkle, gut aussehende Fremde hatte sie in ein großes Haus am Meer gebracht und versucht, sie in den Wahnsinn zu treiben. Death’s Darling war für Lily Cavanaughs Karriere mehr oder weniger typisch gewesen – sie hatte Hauptrollen in zahlreichen Schwarzweißfilmen gespielt, in denen gut aussehende, aber bald wieder vergessene Schauspieler mit dem Hut auf dem Kopf in Ford-Kabrioletts durch die Landschaft fuhren.

Das Schild, das von der den Eingang versperrenden Samtschnur herabhing, war eine absurde Untertreibung: DIESER RAUM IST GESCHLOSSEN.

»Es ist tatsächlich ein bisschen komisch«, sagte sie.

»Wie im Schattenreich«, entgegnete er, und sie ließ ihr hartes, ansteckendes, liebenswertes Lachen hören.

»Oh, Jacky, Jacky, Jacky«, sagte sie und beugte sich vor, um ihm lächelnd durch das zu lange Haar zu fahren.

Er schob ihre Hand beiseite, gleichfalls lächelnd (aber ihre Finger fühlten sich an wie Knochen. Sie ist so gut wie tot, Jack … ) »Das Berühren der Figuren mit den Pfoten ist verboten.«

»Mach dich nicht mausig.«

»Ziemlich kess für so ein altes Mädchen.«

»Komm nur und versuche, diese Woche Kinogeld herauszuschinden.«

»Aber gern.«

Sie lächelten einander an, und Jack konnte sich nicht erinnern, dass ihm je so stark nach Weinen zumute gewesen wäre, und ebenso wenig, dass er sie so sehr liebte. Es war jetzt eine Art tollkühner Zähigkeit an ihr; dass sie zu den Lungenschwärzern zurückgekehrt war, gehörte dazu.

Ihre Drinks kamen. Sie hob ihr Glas. »Auf uns.«

»Okay.«

Sie tranken. Der Kellner kam mit der Speisekarte.

»Habe ich ihm vorhin ein bisschen zu viel zugemutet, Jacky?«

»Ein bisschen vielleicht«, sagte er.

Sie dachte darüber nach, dann tat sie es mit einem Achselzucken ab. »Was nimmst du?«

»Seezunge, denke ich.«

»Gut. Auch für mich.«

Also bestellte er für sie beide, kam sich dabei ungeschickt und verlegen vor, wusste aber, dass sie es wünschte – und als der Kellner gegangen war, konnte er in ihren Augen lesen, dass er seine Sache nicht allzu schlecht gemacht hatte. Das war zum großen Teil Onkel Tommys Verdienst. Nach einem Besuch bei Hardee’s hatte Onkel Tommy gesagt: »Ich glaube, es besteht noch Hoffnung für dich, Jack, wenn es uns gelingt, dich von dieser widerlichen Gier nach Schmelzkäse zu heilen.«

Das Essen kam. Er schlang seine Seezunge hinunter, die heiß, pikant und gut war. Lily stocherte in ihrer herum, aß ein paar grüne Bohnen und schob dann das Essen auf ihrem Teller hin und her.

»Vor zwei Wochen hat hier die Schule wieder angefangen«, verkündete Jack beim Essen. Beim Anblick der großen gelben Busse mit der Aufschrift ARCADIA DISTRICT SCHOOLS hatte er ein schlechtes Gewissen gespürt – was unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich verrückt war, aber es führte kein Weg daran vorbei. Er schwänzte.

Sie sah ihn fragend an. Sie hatte einen zweiten Drink bestellt und getrunken; jetzt brachte ihr der Kellner den dritten.

Jack zuckte die Achseln. »Es fiel mir nur gerade ein.«

»Möchtest du wieder in die Schule?«

»Wie? Nein! Nicht hier!«

»Das ist gut«, sagte sie. »Weil ich nämlich deinen verdammten Impfpass nicht habe. Ohne Stammbaum lassen sie dich nicht hinein, Kumpel.«

»Nenn mich nicht Kumpel«, sagte Jack, aber Lily reagierte nicht mit einem Lächeln auf den alten Scherz.

Junge, warum bist du nicht in der Schule?

Er blinzelte, als hätte die Stimme hörbar gesprochen und nicht nur in seinen Gedanken.

»Ist etwas?«, fragte sie.

»Nein. Oder doch. – Da ist ein Mann im Vergnügungspark. Funworld. Hausmeister, Mädchen für alles oder so. Ein alter Schwarzer. Er hat mich gefragt, warum ich nicht in der Schule bin.«

Sie beugte sich vor, ohne eine Spur von Belustigung, fast erschreckend ernst. »Was hast du ihm erzählt?«

Jack zuckte die Achseln. »Ich habe gesagt, ich müsste mich von einer Virusangina erholen. Erinnerst du dich an die Zeit, als Richard eine hatte? Der Arzt sagte zu Onkel Morgan, Richard dürfte sechs Wochen lang nicht in die Schule, aber er könnte draußen herumlaufen und tun, wozu er Lust hätte.« Jack lächelte ein wenig. »Ich habe ihn beneidet.«

Lily entspannte sich etwas. »Es gefällt mir nicht, dass du mit Fremden redest, Jack.«

»Aber Mom, er ist doch nur …«

»Es spielt keine Rolle, wer es ist. Ich möchte nicht, dass du mit Fremden redest.«

Jack dachte an den alten Schwarzen, sein Haar wie graue Stahlwolle, das dunkle Gesicht tief zerfurcht, die seltsamen, hellen Augen. Er hatte in der Arkade auf der Pier einen Besen vor sich hergeschoben – die Arkade war der einzige Teil von Arcadia Funworld, der das ganze Jahr offen blieb, aber sie war völlig verlassen gewesen bis auf Jack und den Schwarzen und zwei alte Männer weit im Hintergrund, die in apathischem Schweigen Skee-Ball gespielt hatten.

Doch jetzt, da er mit seiner Mutter in diesem etwas gespenstischen Restaurant saß, war es nicht der Schwarze, der die Frage stellte; er war es selbst.

Warum bist du nicht in der Schule?

Es ist genau, wie sie sagt. Kein Impfpass, kein Stammbaum. Glaubst du etwa, sie hat daran gedacht, deine Geburtsurkunde einzustecken? Glaubst du das etwa? Sie ist auf der Flucht, und du flüchtest mit ihr. Du …

»Hast du in letzter Zeit von Richard gehört?«, unterbrach sie seine Gedanken, und als sie es sagte, überkam es ihn – nein, das war zu schwach. Es prallte gegen ihn. Seine Hände zuckten, sein Glas fiel vom Tisch und zerbarst auf dem Fußboden.

Sie ist so gut wie tot, Jack.

Die Stimme aus dem wirbelnden Sandtrichter. Die Stimme, die er in Gedanken gehört hatte.

Es war Onkel Morgans Stimme gewesen. Nicht vielleicht, nicht fast, nicht ungefähr. Es war eine wirkliche Stimme gewesen. Die Stimme von Richards Vater.

6

Auf der Heimfahrt fragte sie ihn: »Was war da drinnen mit dir los, Jack?«

»Nichts. Mein Herz hat nur versucht, ein kleines Gene Krupa-Riff zu spielen.« Er demonstrierte es durch einen kurzen Wirbel auf dem Armaturenbrett. »Eine leichte Pseudotachykardie, genau wie in General Hospital.«

»Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen, Jacky.« Die Instrumentenbeleuchtung des Armaturenbretts ließ sie blass und abgezehrt erscheinen. Zwischen Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand qualmte eine Zigarette. Sie fuhr sehr langsam – nie mehr als sechzig –, wie immer, wenn sie zu viel getrunken hatte. Sie hatte ihren Sitz ganz nach vorn geschoben und den Rock hochgezogen, so dass ihre mageren Knie beiderseits der Steuersäule aufragten und ihr Kinn über dem Lenkrad zu hängen schien. Einen Augenblick lang hatte sie etwas von einem hässlichen alten Weib, und er sah schnell weg.

»Tu ich auch nicht«, murmelte er.

»Was?«

»Dich für dumm verkaufen«, sagte er. »Es war nur eine Art Zucken. Tut mir Leid.«

»Schon gut«, sagte sie. »Ich dachte, es hinge irgendwie mit Richard Sloat zusammen.«

»Nein.« Sein Vater hat unten am Strand aus einem Loch im Sand zu mir gesprochen, das ist alles. In Gedanken hörte ich ihn reden, wie von der Tonspur eines Films. Er sagte, du wärst so gut wie tot.

»Vermisst du ihn, Jack?«

»Wen, Richard?«

»Spiro Agnew etwa? Natürlich Richard.«

»Manchmal.« Richard Sloat besuchte jetzt eine Schule in Illinois – eine jener Privatschulen, in denen die Teilnahme am Gottesdienst Pflicht war und niemand Akne bekam.

»Irgendwann wirst du ihn wiedersehen.« Sie fuhr ihm durchs Haar.

»Mom, fehlt dir etwas?« Die Worte brachen aus ihm heraus. Er spürte, wie seine Finger sich in seine Schenkel gruben.

»Nein«, sagte sie und zündete sich eine weitere Zigarette an (dabei ging sie auf dreißig herunter; ein verbeulter Kleinlaster überholte sie mit lautem Hupen). »Mir geht es ausgezeichnet.«

»Wie viel hast du abgenommen?«

»Jacky, der Mensch kann nie zu dünn oder zu reich sein.« Sie hielt inne und lächelte ihn dann an. Es war ein müdes, schmerzliches Lächeln, das ihm alles sagte, was er wissen musste.

»Mom …«

»Genug davon«, sagte sie. »Es ist alles in Ordnung, glaub mir. Sieh zu, ob du im Radio irgendwo ein bisschen Bebop findest.«

»Aber …«

»Stell das Radio an und halt den Mund.«

Eine Bostoner Station brachte Jazz – ein Altsaxophon spielte das Thema von »All the Things You Are«. Aber der Ozean lieferte einen steten, sinnlosen Kontrapunkt dazu. Und später konnte er das große Skelett der Achterbahn vor dem Himmel aufragen sehen. Und die weitläufige Anlage des Alhambra Inn. Wenn das ihr Zuhause war, dann waren sie zu Hause.

Drittes Kapitel

SPEEDY PARKER

1

Am nächsten Tag war die Sonne zurückgekehrt – eine harte, helle Sonne, die wie Farbe auf dem flachen Strand und dem schrägen, mit roten Ziegeln gedeckten Dachstreifen lag, den Jack vom Fenster seines Schlafzimmers aus sehen konnte. Eine lange, flache Welle weit draußen im Meer schien im Licht zu erstarren und einen Speer aus Helligkeit direkt in seine Augen zu lenken. Der Sonnenschein kam Jack anders vor als das Licht in Kalifornien – irgendwie dünner, kälter, weniger nahrhaft. Die Welle draußen auf dem dunklen Meer zerschmolz und türmte sich dann wieder auf; ein harter, blendender Goldstreifen sprang über sie hinweg. Jack wandte sich vom Fenster ab. Er hatte schon geduscht und sich angezogen, und seine innere Uhr sagte ihm, dass es an der Zeit war, sich auf den Weg zur Schulbus-Haltestelle zu machen. Viertel nach sieben. Aber natürlich würde er auch heute nicht zur Schule gehen, nichts war mehr normal; er und seine Mutter würden nur wie Gespenster durch weitere zwölf Stunden Tageslicht driften. Kein Stundenplan, keine Verpflichtungen, keine Hausarbeiten – überhaupt keine Ordnung außer der, die durch die Essenszeiten diktiert wurde.

War heute überhaupt ein Schultag? Jack blieb vor seinem Bett stehen, ergriffen von einer leichten Panik, weil seine Welt so gestaltlos geworden war. Er hatte nicht das Gefühl, dass dies ein Samstag war. Jack versuchte sich auf den letzten Tag zu besinnen, den er in seiner Erinnerung mit Sicherheit identifizieren konnte; das war der letzte Sonntag gewesen. Seiner Berechnung nach musste heute Donnerstag sein. Donnerstags hatte er Computer-Unterricht bei Mr. Balgo und frühmorgens Sport. So wenigstens war es gewesen, als sein Leben noch normal verlief, zu einer Zeit, die ihm – obwohl sie erst vor wenigen Monaten geendet hatte – jetzt unwiederbringlich verloren vorkam.

Er wanderte aus seinem Schlafzimmer ins Wohnzimmer. Als er an der Vorhangschnur zog, flutete das harte, helle Licht ins Zimmer und bleichte die Möbel. Dann drückte er den Knopf des Fernsehers und setzte sich auf die steife Couch. Seine Mutter würde frühestens in einer Viertelstunde aufstehen. Wahrscheinlich sogar später: Sie hatte zum Essen am vergangenen Abend drei Drinks gehabt.

Jack warf einen Blick auf die Tür zu ihrem Zimmer.

Zwanzig Minuten später klopfte er leise an. »Mom?« Ein undeutliches Murmeln war die Antwort. Jack stieß die Tür einen Spaltbreit auf und spähte hinein. Sie hob den Kopf vom Kissen und blinzelte durch halb geschlossene Lider.

»Jacky. Morgen. Wie spät ist es?«

»Fast acht.«

»Du lieber Gott. Bist du am Verhungern?«

»Es geht. Aber ich mag nicht mehr herumsitzen. Ich wollte nur fragen, ob du bald aufstehen willst.«

»Nicht wenn es sich vermeiden lässt. Geh in den Speisesaal hinunter und lass dir etwas zu essen geben. Und dann kannst du dich am Strand amüsieren, ja? Du wirst eine bessere Mutter haben, wenn du ihr noch eine Stunde im Bett gönnst.«

»Klar«, sagte er. »Okay. Bis später.«

Ihr Kopf war schon wieder aufs Kissen gesunken.

Jack schaltete den Fernseher aus und verließ das Zimmer, nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Schlüssel in der Tasche seiner Jeans steckte.

ENDE DER LESEPROBE

HEYNE ALLGEMEINE REIHE Band-Nr. 01/13967

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Titel der Originalausgabe THE TALISMAN

(Der Titel erschien bereits in der Allgemeinen Reihe mit den Band-Nrn. 01/7662 und 01/13740.)

Taschenbuchausgabe 04/2004

Copyright © 1999 by Stephen King

Copyright © dieser Ausgabe 2004 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1999 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Umschlagillustration und -gestaltung: Hauptmann und Kampa Werbeagentur, München - Zürich Gesetzt aus der Aldus Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

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