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"Denken ist eine umständliche Art zu furzen." Diese und weitere Weisheiten lernt Nubdur auf seiner Reise. Nach bewegenden Ereignissen zerlegt er sein Selbst, das dann scheinbar in die Präsenz von was Allmächtigen einsickert. Seine Gespräche mit dem Allmächtigen machen ihn irre. In seinem Verhalten spukt unheilvoll seine Vergangenheit. Sein empfindsames Gemüt reibt sich wund am alltäglichen Unrecht und verrückten Gesinnungen. Bravheit macht ihn zum Opfer. Erlittenes schändet seinen inneren Frieden. Ihm erwächst schauerliche Abscheu gegen sich und die Menschenwelt. Nubdur wähnt sich schicksalhaft als Rächer auserwählt ... Nubdur erkennt die Beweise, wonach es kein Allmächtiges gibt und er gelangt nach seinem emotionalen Niedergang zu einem triumphal heilenden Nihilismus.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Prolog
Teil eins
Teil zwei
Teil drei
Epilog
„Aus dem Buch der ewigen Erzählungen:
Dicke Säfte sickerten aus den lehmigen, seitlichen Schrägen einer Mulde und sammelten sich in ihr. Von der Wärme der Sonne angeregt, begann dieser Sumpf ganz sachte zu brodeln, wie das Innere von einem Ei, das ausgebrütet wird. Manche Säfte vereinten sich zu feste Grenzen wenn sie aufeinander trafen. Flüssig gebliebene Säfte begannen zu zirkulieren. Die Sonne hatte etwas belebt. Es war ein kugeliges Wesen geworden, das zum Überleben weiterhin die Wärme der Sonne aufnahm. Vormittags lag die eine Hälfte seines Körpers nach oben in der Vormittagssonne und mittags wendete es sich eine halbe Drehung, und dann lag die andere Hälfte des Wesens nach oben in der Nachmittagssonne.
Obwohl das Wesen rundherum unterschiedslos war, hatte es sich in zwei Hälften eingeteilt, in eine Hälfte die vormittags in der Sonne lag und in eine, die nachmittags in der Sonne lag.
Eines Tages hatte es den ganzen Vormittag geregnet und deshalb wollte am Mittag die Vormittagsseite oben bleiben um sich zu sonnen. Aber die Nachmittagsseite wollte jetzt, wie gewohnt nach oben. Dieses Wesen wurde mit sich selbst uneins darüber, welche Seite nun das Sonnenlicht abbekommen soll und wendete sich hin und her. Es wurde dabei immer zorniger und wälzte aus der Mulde heraus und rollte dann weiter kreuz und quer durch die hügelige Landschaft. Völlig aufgebracht zogen die beiden Körpertageshälften den Körper in die Länge und dann verdrehten sich die beiden entstandenen Enden so lange in gegensätzliche Richtung bis sich das Wesen in seiner Mitte in zwei Hälften abdrehte. Wegen des Streites mochten sich die beiden abgetrennten Hälften fortan nicht mehr leiden, und das, obwohl sie einmal ein einziges Wesen waren. Die Wunden der zwei Hälften heilten und es gab von nun an zwei dieser Wesen. Bald verknappte wieder ein Regen das Sonnenlicht und dann gerieten auch diese beiden Wesen mit sich in Streit um das Sonnenlicht, was ihre Teilung zur Folge hatte. So waren es nun vier Wesen.
Das Streiten und Trennen setzte sich fort.
Die ehemaligen Vormittagsseiten und die ehemaligen Nachmittagsseiten blieben unter sich. Sie konnten ihren Groll, den sie den anderen Seiten entgegenbrachten, nicht überwinden.
So entstanden die bösen Gefühle.“, beendete der Vorleser die Geschichte, legte die Schriftrolle zur Seite und schaute zu seinen jungen Zuhörern, die in ihren Schülergewändern vor ihm im Halbkreis auf Strohmatten unter Bäumen auf dem Boden saßen. Dann fragte er: „Was lernen wir aus dieser Geschichte?“
„Knappheit führt zu Streit.“, antwortete ein Schüler.
„Ja, aber noch mehr, nämlich, dass die Natur keinen Wert auf Frieden legt. Heuschreckenplage, Dürre, Missernten und noch mehr derartige Unglücke verursachen Knappheit. Fruchtbares Land ist knapp, Wasserquellen sind knapp. Und weil alles knapp ist, muss darum gekämpft werden. Die Natur erzieht uns Menschen zu Kämpfern. Diesem Willen der Natur müssen wir Folge leisten. Wer nicht kämpft hat keine Ziele. Das Ziel heißt, überleben durch siegen. Wenn wir kämpfen, dann können Werte wie Kameradschaft und Opferbereitschaft gelebt werden. Rinnsale von Schweiß und Blut sollen unsere Leidensfähigkeit in unsere Gesichter zeichnen.“
„Wozu?“, wurde ganz leise gewispert.
„Wer war das?!“, fragte der Vorleser empört.
Ein Junge unter ihnen, der immer in sich zurückgezogen am Rand der Vorlesungen saß und in all den Monaten des Unterrichts nie etwas sagte, weil es ihm unangenehm sein würde, wenn andere seine Stimme hörten, wurde von Gedanken überwältigt, die ausgesprochen werden wollten: „Die Geschichte will zeigen, wie es nicht laufen soll. Dem Wesen mangelte nicht an Sonnenlicht sondern an erhellenden Gedanken. Das Wesen hätte sich den halben Nachmittag so auf eine Seite legen können, dass ein Teil der Vormittagsseite und ein Teil der Nachmittagsseite oben gewesen wäre. Dann wären beide Seiten halb beschienen worden und in der zweiten Hälfte des Nachmittags hätte sich das Wesen um die halbe Achse drehen können und dann wären die beiden anderen Hälften der Vormittagsseite und Nachmittagsseite beschienen worden. Dann wäre es auch rundherum beschienen worden, wenn auch nur einen halben Tag lang. Aber selbstsüchtige Gier unterdrückte bedachtes und umsichtiges Handeln. Denkfaule wählen das Mittel des Kampfes. Probleme können durch Überlegungen und Achtsamkeit bewältigt oder vermieden werden. Kämpfe und Siege werden dann nicht gebraucht.“
Während all dies über seine schmalen Lippen wippte, wagte er nicht jemanden anzuschauen. Mit gesenktem Blick sprach er weiter: „Vieles auf der Welt ist knapp und es reicht nur dann, wenn keiner gierig ist. Ohne Gier gäbe es keinen Mangel. Überleben ist schwer, aber genau deshalb ist es ein schädlicher Luxus, auch noch gegeneinander zu arbeiten.“
„Nur jemand mit geringer Lebenskraft kommt auf so was. Deine Theorie ist was für schwache Menschen wie dich, Nubdur!“, hielt ihm der Vorleser vor.
Nubdur schrumpfte wieder in sich zurück und äußerte nichts dazu, weil das stimmte, denn seit seiner Kindheit hatte er nur einen kümmerlichen Willen und deshalb lastet Lustlosigkeit zum Kämpfen in ihm. Sein schwacher Wille hatte ihn auf Gedanken gebracht, die krass unterschiedlich waren zu den Ansichten des Lehrers. Das rief bei ihm ein Gefühl des entzweit seins mit der Welt hervor. Bedrückt dachte er: Seine Erwiderung gegen meine Betrachtungsweise bestätigen mir, dass ich ein Außenseiter bin. Das war das erste und letzte Mal, dass ich hier was sage. Wie kam ich überhaupt dazu, einfach anzufangen zu sprechen?
In den folgenden Jahren blieb Nubdur im Unterricht stumm.
Auf dem Kamm der langen Hügelkette über dem Kjandartal verteilten sich Krieger. Weiter unten im Tal blickte eine zweite Armee von Krieger entsetzt die Hügelkette entlang. Der Gegner war viel zahlreicher als erwartet. Das Herz des Anführers unten im Tal drückte Zorn in seinen Kopf hoch. Der Anführer fuhr mit seinem Streitwagen ein Stück an seinen Kriegern entlang und bei seinem Späher angekommen, schleuderte er unvermittelt seinen ausgestreckten Arm in einer Kreisbewegung gegen dessen Hals. Ein metallisches Schimmern blitzte unter dem Kinn des Spähers vorüber und dann pumpte fett und schwungvoll ein langer Strahl Blut aus dessen Hals. Mit pressgespanntem Gesicht dachte der Anführer: Der hat uns über die Größe der gegnerischen Streitmacht belogen und uns in die Gefahr laufen lassen. Dieser Verräter hat sich ganz sicher vom Gegner kaufen lassen. Warum er noch mitkam, ist mir jetzt allerdings unverständlich.
Der Anführer hatte seinem Zorn den Späher als Opfergabe dargebracht, aber die Last des Tages blieb dem Anführer in Sichtweite. Von der Hügelkette her erschallte Geschrei. Der Gegner ergoss sich ins Tal.
Unten im Kjandartal bat der Anführer, mit zum Himmel gerichtetem Blick, seinen Gott um Beistand. Dann sah er dort oben Vögel in pfeilförmiger Formation fliegen. Er befahl seinen Kriegern ihre breite Aufstellung aufzulösen und sich in mehrere, zum Gegner hin spitz zulaufende Gruppen aufzuteilen. Unerwartet plötzlich für die mittlerweile nahen Angreifer, brachen also seine Krieger ihre Reihen an mehreren Stellen auf, sodass viele der breit verteilt angreifenden Krieger, nicht auf kämpfenden Widerstand trafen und zwischen sie hindurch rannten. Als die Gegner über sie hinweg waren, fielen sie die hinterrücks an, bevor die ihre Kehrtwende vollzogen. Doch diese Taktik nutzte sich schnell ab und vergebens bat der Anführer seinen Gott um eine weitere Idee. Die gegnerische Armee siegte wegen ihrer Überzahl.
Später berichteten die Chronisten von nur wenigen Überlebenden der Krieger aus dem Kjandartal. Die hatten sich lange nicht dem überlegenen Gegner ergeben wollen, weil ihr Anführer zu lange darauf hoffte, dass ihm noch eine zum Sieg verhelfende Taktik eingegeben wird.
Eine Schlacht wurde gewonnen und verloren.
Abseits solcher geschichtsträchtigen aber verzichtbaren Ereignisse, bestand ein bescheidenes Herrschaftsgebiet, das nur wenige verstreute Ansiedlungen umfasste. Es wurde von Miltmeru regiert, dessen unauffällige Politik bei den Geschichtsschreibern keine Beachtung fand. Große Geschehnisse schüchterten ihn nur ein und er wollte nicht in sie hineingezogen werden. Die Spiele im Welttheater waren ihm schon immer zuwider.
Ein bedeutungsloses Anhängsel an Miltmerus Regierung hetzte in seinen Strohsandalen einige in Felsen gehauene Steinstufen hoch und gelangte dann in eine weiträumige Grotte, die Miltmeru für öffentliche Empfänge und Versammlungen diente. Der Mann durchquerte die Grotte bis zu ihrem mit Fackeln beleuchteten hinteren Ende. Dort saß Miltmeru schlafend auf seinem mit Stroh und Schafshaaren komfortabel ausgepolsterten Herrschersessel, der den Schlafenden mit Armlehnen und Kopflehne bequem stützte.
Miltmeru hatte Nubdur zu sich rufen lassen. Der stand nun vor ihm und begutachtete den weichwellig atmenden Herrscher. Die Zeit, die der auf Nubdur gewartet hatte, war an den immer zahlreicher gewordenen kleinen haarigen Windhosen abzulesen, die sein Zeigefinger und Daumen jedes Mal in seinen langen Bart zwirbelten, wenn er aus seinem schläfrigen Zustand kurz aufstöhnte, bevor er dann wieder brummelnd weggedöste war.
Nubdur traute sich nicht ihn zu wecken und spazierte stattdessen umher und betrachtete dabei die Malereien auf den Felswänden. Davon abgelenkt rutschte er aus. Das Geräusch dazu stupste Miltmerus zurückgezogene Aufmerksamkeit an. Miltmerus munter gewordene Augenlider gaben den Blick auf Nubdur frei. Er bat Nubdur näher zu kommen, was dieser sofort befolgte.
In Nubdurs schmalem Gesicht, mit der steilen Stirn, dem ungepflegten Kopfhaar und den von vielem Grübeln gekräuselten Brauen unter den oft in leere Ferne schauenden Augen, regte sich meist nur eine träge Mimik mit Lippen in schlaffer Haltung.
„Nubdur, wir haben uns lange nicht gesehen.“, begann Miltmeru, „Geht es dir gut?“
„Schwierige Frage. Ich weiß nicht genau. Ich glaube eher nicht gut. Aber vielleicht mir bestmöglich. Ich kann nichts finden, das mich erfreut. Zu anstrengend für m...“
Miltmeru schob das bei Seite: „Danke. Wir gehen zu meiner eigentlichen Frage über.“
Miltmeru richtete räkelnd seinen Rücken auf, schwang seine Handflächen nach vorne und eröffnete sein Ansinnen: „An mir nagt diese große Frage, ob etwas über die Welt herrscht, ihr übergeordnet ist. Eine vielleicht allumfassende, alles bewegende und bestimmende, allwissende Macht?
Was kannst du mir dazu sagen?“
Miltmeru beugte sich nach vorne um Nubdurs Antwort genauestens zu vernehmen. Nubdur fand die Frage niedlich blöd. Das hatte seine Augenlider erschlaffen lassen, dem er nun mit lustlos hochgezogenen Augenbrauen entgegenwirkte. Dann gab er, gehorsam sein Desinteresse verbergend, brav zur Antwort: „Du fragst nach etwas, das allem Geburt und Antrieb gibt. So was könnte sein.“
„Meine Frage war weiter gehender gemeint. Nämlich ob etwas hinter allem wacht, einen Willen hat, irdische Abläufe lenkt, vielleicht Ziele mit uns und der Welt verfolgt“
„Nein, so etwas, denke ich, gibt es nicht.“, antwortete Nubdur und zuckte ein nerviges Jucken zwischen seinen Schulterblättern weg.
Miltmerus Miene verdorrte vor Enttäuschung, da ihm eine bejahende Antwort lieber gewesen wäre. Er saß noch nach vorne zu Nubdur hin gebeugt auf der Kante seines erhöhten Sitzes. Nun aber ließ er sich langsam und schwer wie ein gefällter Baum nach hinten kippen, rutschte in sich zusammen und nahm dabei eine verkrümmte Haltung ein. Sein Kopf sackte zwischen seinen Schultern ab und seine Tränensäcke sanken auf einen neuen Tiefststand. Sein langer Bart hatte Miltmeru eben noch mächtig wirken lassen aber jetzt sah er damit nur noch ungepflegt aus.
Er atmete einen Brummton aus und sagte: „Dann bist du wahrscheinlich nicht dazu geeignet nach Hinweisen auf die Existenz oder vielleicht doch Nichtexistenz einer solchen allmächtigen Wesenheit zu suchen, da du schon ein Urteil darüber gefällt hast.“
„Ein Urteil habe ich darüber nicht gefällt. Ich kann mir so eine Existenz nur nicht vorstellen.“, milderte Nubdur seine Antwort für Miltmeru ab. Miltmeru lebte wieder auf und meinte vorschnell: „Dann kann ich dich doch damit beauftragen, etwas darüber herauszufinden.“
„Dann werde ich los gehen um Schriftrollen darüber zu studieren.“, gehorchte Nubdur.
„Moment. Du sollst nicht in Schriftrollen nach dem Allmächtigen suchen und dann nachplapperst was andere niedergeschrieben haben, sondern ich will, dass du draußen selbst nach ihm suchst.“
„Wo draußen? Vor der Grotte?“
„Ich meinte natürlich überall draußen. Vielleicht musst du weit reisen um an Erkenntnisse über was Allmächtiges zu gelangen.“
„Ich soll reisen?“
„Es täte dir gut wenn du dich mal in der richtigen Welt bewegst und nicht nur in der schriftlichen.“
„Für das Reisen bin ich wirklich nicht geeignet.“
„So urteilen wir erst, wenn sich das erwiesen hat.“
„Wird jemand mitkommen?“
„Nein, ich kann sonst niemand dafür erübrigen.“
„Wann muss ich los?“
„Gleich morgen wäre mir lieb.“
Nubdur stöhnte. Dann erwiderte er gefällig: „Ich klammere mich an das Vertrauen, das du in mich hast und mache das.“
„Das freut mich. Lass uns jetzt essen gehen. Ich habe gerade einen Riesenhunger bekommen.“
Beide liefen hinaus, vorbei an einem Haufen unbrauchbarer Bestandteile von Heuwagen, die jemand neben dem Eingang der herrschaftlichen Grotte abgelegt hatte. Miltmeru bemerkte das Gerümpel, vergab aber keine Gedanken dafür.
Im Freien nahmen die beiden an einem Essensstand ihr Mahl zu sich.
Nubdur richtete seinen Kopf über seiner Suppe auf und schlackerte mit seinem Holzlöffel vor Miltmerus Gesicht herum. „Vor kurzem habe ich gelesen, dass manche der Lichtpunkte am Nachthimmel deshalb kleiner aussehen als andere, weil sie weiter weg sind. Manche Gelehrte denken deshalb, es gibt einen unvorstellbar großen Raum über...“
Miltmeru drückte mit seinen Handflächen die lauwarme Luft vor Nubdur langsam nach unten, als Signal, er solle seine Ausführungen unterbrechen: „Davon habe ich von den Philosophen auf den Straßen auch schon gehört. Eine völlige Belanglosigkeit dieser unendliche Raum.“
Miltmeru blies kurz durch die Nase. Nubdur besänftigte ihn: „Entschuldige meine Abschweifung. Du willst wissen, ob etwas Allmächtiges die Welt und die nächtlichen Lichtpunkte erschaffen hat.“
„Nein, auch dieser Frage zwickt mich nicht. Wenn man ein wenig theoretisiert, dann werden einem einige nette Geschichten dazu einfallen. Ginge es mir nur um die Entstehung der Welt, dann würde ich mich mit der Erklärung begnügen, dass natürliche Gesetze und anonyme Kräfte alles in Gang gesetzt haben. Mich juckt vielmehr die Frage, ob irgendetwas wollte, dass diese Welt und wir entstanden, und wenn ja, warum? Wenn es etwas gäbe, das trotz all dem zwecklosen, leidigen Getue in der Menschenwelt, unserem Leben einen Sinn eingehaucht hat oder einhauchen kann – dann wäre das wahrlich was Allmächtiges.“
Der Gesichtsausdruck von Miltmeru wurde furchteinflößend ernst bevor er weiter sprach: „Im Kjandartal gab es kürzlich ein Gemetzel ohne zwingenden Grund. Die wollten sich gegenseitig beweisen, dass sie mit ihren jeweiligen Werten überlegen sind.
Manche Völker pflegen eine Zornkultur, weshalb sie weit zurückliegendes und beendetes Unrecht in der heutigen Gegenwart nachträglich rächen. Das ist dann ein Angriff aber keine Ausgleich für das Unrecht. Weil welche einen anderen Glauben oder eine spaßigere Lebensweise oder eine andere Abstammung haben, wird angriffslustiger Hass wachgerüttelt. Überflüssig. Passiert aber.
Kriegsmaschinen entwickeln und bauen genießt höheres Ansehen als faul dasitzen. Geld einnehmen mit Verkauf von Waffen geht vor Frieden.
Siehe dort die zierreiche Tisch, die Muster der Gewänder, der kunstvolle Schmuck und höre den Gesang. Das zeigt mir, der Mensch besitzt innere Schönheit. Deshalb glaube ich, die Menschheit könnte würdevoller leben.“
Nubdur lauschte dem Gesang: Das schräge Getriller hat nichts würdevoll an sich.
„Vielleicht soll erst Schreckliches geschehen um das Gute wachzurütteln.“, phantasierte Miltmeru hilflos und fragte fast flehentlich: „Meinst du, man kann Wissen darüber erlangen, dass es allmächtige Abläufe zum Besseren gibt? Eine derartige Hoffnung könnte mein aufgewühltes Gemüt wieder ausnüchtern.“
Miltmeru verkrallte seine Hand in Nubdurs Unterarm und Miltmerus fahrige Ratlosigkeit übertrug sich auf ihn. Nubdur stutze: Miltmeru ist doch so ein Gemütlicher, der oft lässig scherzt. Diese verzweifelte Seite kenne ich nicht von ihm. Das muss mir bislang entgangen sein.
Oberflächlich hingenommener Eindruck kann trügen.
Nubdur blickte in die Umgebung, die sich zu einem einzigen bewegten Mosaik aus Farben und Schatten vereinte, hinter dem Verborgenes zu wirken schien. Von der Aufgabe ging ein ferner Ruf aus, der Nubdur lockte: „Ich werde das angehen.“
„Prächtig.“
Nubdur traf ein paar wenige Vorkehrungen für seine Reise. Er verbrachte allerdings ziemlich viele Tage damit, bis er dann unsicher vor Miltmeru zaghaft gestand: „Ich weiß nicht ob ich was herausfinden kann.“
„Nur Mut. Vertraue auf dein Können.“
„Welches Können?“, fragte Nubdur verdutzt. Miltmeru beachtet die Frage nicht und Nubdur fehlte der Mut sich weiter gegen den Wunsch von Miltmeru aufzulehnen. Der gab ihm ein paar kleine Münzen: „Nicht zum Amüsieren verschwenden.“
Nubdur sah auf einmal beleidigt aus.
„Entschuldigung, du machst so was nicht.“
Nubdur schaute auf die wenigen Münzen: „Wenn die aufgebraucht sind, darf ich dann zurück kommen?“
„Gehe los und finde was heraus!“
Nubdur trottete aus der Siedlung.
Ich habe nicht die geringste Ahnung wie ich vorgehen soll, nörgelte Nubdur und Gereiztheit wühlte durch ihn: Warum habe ich ihm nicht ausgeredet, mich loszuschicken? Weil es mir gefallen hat, dass Miltmeru mir was zutraute und ermutigte zu reisen? Nun kann ich vom echten Leben lernen. Die meiste Zeit habe ich über den Inhalt von Schriftrollen philosophiert und bin dabei eingestaubt. Doch diese abgehobene, weltfremde Suche erscheint mir jetzt kein großer Unterschied zur Träumerei zwischen den Schriftrollen zu sein.
Begehrliche Gedanken hechelten in Nubdur: Ich hätte gern greifbarere Aufgaben. Lieber würde ich breitbeinig und sturmfest inmitten von weitreichenden Geschehnissen stehen und bei einflussreichen politischen Entscheidungen beteiligt sein - bei mächtigeren Herrschern.
Nubdur schüttelte sich: Das sind größenwahnsinnige Tagträume einer frustrierten Randfigur. Ich fände mich dann in einem Strudel aus Gerangel um höhere Posten im Machtgefüge wieder und im Streit darum, nach wessen Auffassungen entschieden wird. Ich könnte mich in solchen Szenen nicht behaupten.
Seine überbordenden Wunschvorstellungen bei Seite geschoben, konnte sich Nubdur nun gedanklich um seine Aufgabe kümmern: Wie könnte etwas Allmächtiges beschaffen sein? Körperlos aber mächtig wie die Zeit? Ein vergessener Traum dessen Wirkung nicht verblasst?
Gedankenversunken trottete Nubdur den ganzen Tag einen Trampelpfad entlang und traf dann in einer Siedlung ein.
Geschrei verwirbelte seine Gedanken. Händler priesen lauthals ihre Waren an, ein Unheilverkünder verbreitete aufwiegelnde Lügengeschichten, Leute spendeten ihm Geld damit er weitererzählt, weil sie ihren mitgebrachten Unmut auf die Figuren der Lügengeschichten ableiten wollten. Weiter hinten, in einer Arbeitsstätte, die Öl aus Oliven presste, wurde mit einem jungen Arbeiter geschimpft, der während dem und noch danach auf den Boden schaute. Sein Gesicht hing die meiste Zeit nach unten im Schatten. Seine Gesichtsmuskeln pappten schlaff am Schädelknochen. Er bewegte sich mit zaghaften Schritten und mit seinen Armen nahe am Körper um möglichst wenig Platz zu brauchen. Seine Zurückhaltung war eigentümlich auffallend.
Dieser Arbeiter kannte seine Eltern nicht und weil er keinen eigenen Namen wusste, nannte man ihn `ohne Eltern`. Aber noch öfter wurde er mit einem Schimpfnamen gerufen.
Schmutz im Öl, übergelaufenes Öl, unauffindbare Werkzeuge, schlecht gelaunter Chef - immer wurde ihm die Schuld dafür zugeschoben. Obwohl er nichts davon verschuldete, verteidigte er sich nie dagegen. Er war ohne die Zuneigung von Eltern aufgewachsen, hatte nie zu spüren bekommen, geschätzt zu werden. Ohne das Gefühl von eigenem Wert, ließ er sich mit Vorwürfen besudeln. Oft wurde er Opfer von unlustigen Streichen, aber er wehrte sich nicht dagegen und ohne eigenen Stolz berührten ihn Beleidigungen nicht. Er war nur überrascht, dass seine Wenigkeit so oft im Mittelpunkt stand.
Der Betreiber der Ölmühle nutzte ihn aus, denn alle außer ihm wurden entlohnt. Er bekam nur zu Essen. `Ohne Eltern` kam nicht auf die Idee etwas für sich einzufordern. Es war ihm egal wie und für was er sein Leben hinter sich brachte, denn er wusste nichts mit sich anzufangen. Widerstandslos ließ er sich von den anderen Arbeitern einen Teil ihrer Arbeit zusätzlich zu seiner eigenen aufbürden.
Er empfand sein Leben als eine Strafe, die er glaubte verdient zu haben, allerdings ohne benennen zu können wofür. Er schämte sich seiner Gegenwart.
An diesem heißen Tag arbeiteten alle im Schatten einer Bedachung. Nur `ohne Eltern` stand knapp außerhalb in der Sonne. Die anderen hatten ihn rausgedrängt. Er zerdrückte in einem Mörser Oliven um sie dann entsteinen zu können, bevor die Oliven dann ausgepresst wurden. Aus einer wohlwollenden Laune heraus nahm der Chef der Ölmühle seinen Strohhut ab und streckte ihn `Ohne Eltern` entgegen: „Für dich.“
`Ohne Eltern` schaute verdutzt auf den Hut. „Zu blöd zum Zugreifen.“, machte der Chef ihn an, setzt ihm den Hut auf und verschwand wieder. Der Hut wollte `Ohne Eltern` nicht stehen, als würde der Hut ihn auch nicht leiden. Einer der Arbeiter nahm den Hut vom Kopf von `Ohne Eltern`. `Ohne Eltern` kümmerte das nicht und er unterbrach dafür auch nicht seine Arbeit. Dem Kollegen gefiel der Hut doch nicht, aber anstatt ihn zurückzugeben, schleuderte er ihn weit die Straße hinunter und blickte dann zu `Ohne Eltern`: „Hole ihn wieder!“
`Ohne Eltern` holte den Hut und brachte ihn dem Mitarbeiter. Der warf den wieder auf die Straße. Ein Passant nahm sich den Hut. Das erlöste `Ohne Eltern` von dem Spiel.
Den ganzen Tag über brachte `Ohne Eltern` zwischendurch für die Mitarbeiter Wasser vom Brunnen. Keiner von ihnen übernahm das auch mal.
Ein Lieferant von Tongefäßen, in die das Öl abgefüllt wurde, hielt mit seinem Eselgespann vor der Betriebsstätte an. Er und sein neuer Helfer, der sich Timteru nannte - ein junger Mann mit entspanntem, rundlichem Gesicht und nach allen Seiten abstehende Haaren - gaben nacheinander einen der zehn bestellten Vorratskrüge, die schrittgroß und schwer waren, vom Karren herab, auf die Schulter jeweils eines Arbeiters zum Wegtragen.
Der Lieferant gab auch `Ohne Eltern` einen Ölkrug zum Wegtragen. Einer der Kollegen stellte `Ohne Eltern` beim Vorbeigehen ein Bein, und zwar so schnell, dass es für fast niemand geschehen war. `Ohne Eltern` stürzte und dabei zerschellte der Krug auf dem Boden. Aufgeschreckt von dem dumpfen Klirren, stürzte der Chef heran, sah wie sich `Ohne Eltern` träge aus den Scherben aufrichtete und beschimpfte ihn: „Was ist los mit dir? Hast du zu viel Sonne abbekommen? Wo ist mein Hut, den ich dir gab?“
Die Mitarbeiter erfreute die Darbietung, während `Ohne Eltern` wünschte, er wäre nicht so viel Aufsehen ausgesetzt.
Timteru hatte mit schnellem Blick das kurz ausgestreckte Bein gesehen und setzte an, dies zu verraten: „Ich möchte etwas dazu sagen...“ Weiter kam er aber nicht, denn schnell legte der Lieferanten eine Hand vor Timterus Mund und zischelte: „Das geht dich nichts an!“
„Wenn schon, dann geht es uns nichts an.“, erwiderte Timteru seinem Chef, mit Betonung auf uns. Timteru fand verdächtig, dass es nur ihn nichts angehen soll.
Kurze Zeit später ergab sich, dass `Ohne Eltern` vor Timteru stand, um einen Krug zu übernehmen. Den Krug, den Timteru übergeben wollte, wurde ihm vom Lieferanten weggenommen und der reichte ihm ein anderen Krug, welchen `Ohne Eltern` wegtragen sollte. Als Timteru diesen Krug auf eine Schulter von `Ohne Eltern` setzte, bemerkte Timteru Risse im Krug, die durch zu schnelles Abkühlen im Ton entstanden waren. Wieder schnellte dieser bestimmte Fuß nach vorne und gleich darauf lag `Ohne Eltern` wieder zusammen mit Scherben am Boden.
Der Chef der Ölmühle bezahlte die Krüge, auch die zwei, die durch die Stürze von `Ohne Eltern` zerbrachen. Alle ruhten sich aus, nur der Mitarbeiter mit dem Streckfuß drückte sich in der Nähe des Wagens herum und heimlich steckte der Lieferant ihm ein paar Münzen zu. Timteru hatte das gesehen, weil er den mit dem Streckfuß im Auge behalten hatte.
Timteru wollte sein Beobachtungen loswerden. Er zeigte mal auf diese und jene Gestalt und klärte die Anwesenden über den Betrug auf: „Er bekommt beschädigte Krüge zum wegtragen, dann bringt er ihn zu Fall und euer Chef bezahlt die zerbrochene Ausschussware und dafür bekommt der Fußsteller vom Lieferanten eine Belohnung.“
Der Chef der Ölmühle forderte vom Lieferant: „Hey Betrüger, gebe mir mein Geld für die zwei Krüge zurück!“
„Beweise mir erst, ob es so war wie er sagt!“, wehrte sich der Lieferant und deutet dabei auf Timteru.
„Die Tatsache bleibt, dass ich für Scherben Geld bezahlt habe und das hole ich mir von irgendjemand zurück.“, entschied der Chef und schaute dabei in die Runde seiner Arbeiter. Heftiger Widerspruch schallte: „`Ohne Eltern` hat die Krüge fallen lassen! Ziehe es von seinem Lohn ab!“
„Dem kann ich nichts vom Lohn abziehen.“, klärte der Chef auf und nahm sich den Beinsteller vor: „Von deinem Lohn ziehe ich was ab, denn du hast ihm das Bein gestellt.“
„Habe ich nicht!“, log der Beinsteller und packte dann `Ohne Eltern` am Hals und fragte ihn grimmig: „Habe ich dir ein Bein gestellt?“
Sein Drang, sich aus allem rauszuhalten, ließ `Ohne Eltern` sagen: „Weiß nicht.“
„Dann muss ich euch allen was vom Lohn abziehen!“, beschloss der Chef.
Um seinen Lohn besorgt, meinte nun einer: „Ich habe auch gesehen wie er ihm ein Bein gestellt hast.“
„Ich auch.“, logen einige andere spontan, damit ihnen nichts vom Lohn abgezogen wird.
„Der Lieferant hat mich zu dem Plan verführt!“, gestand plötzlich der Beinsteller.
Der Lieferant verteidigte sich erbärmlich: „Weil er mir erzählt hat, wie lasch hier die Krüge kontrolliert werden, hat er mich darauf gebracht. Eigentlich dazu überredet.“
Der Chef blieb voll auf seiner Linie: „Gebe mir mein Geld zurück! Meine Mitarbeiter werden mir gerne dabei helfen es von dir zu holen, damit ihre Lohn gesichert ist.“
Sofort umkreisten die Arbeiter den Wagen und hielten den Esel an seinem Geschirr fest, damit der Lieferant nicht flüchten konnte. Dem Lieferanten wurden auch die Zügel aus seinen Händen genommen. Der Lieferant zahlte seinen Anteil am Betrug. Dann ließen die Mitarbeiter von ihm ab und der Chef der Ölmühle verabschiedeten ihn mit: „Von dir kaufe ich keine Krüge mehr. Sicher hast du noch weitere Betrügereien in der Hinterhand.“
Timteru wollte zurück auf den Wagen, aber der Lieferant verwehrte ihm das: „Du steigst hier nicht mehr auf. Ich hatte dir gesagt, dass du dich raushalten sollst. Wegen dir habe ich jetzt meinen besten Kunden verloren.“
„Nicht wegen mir, sondern wegen deiner Betrügerei. Nicht durcheinander bringen!“, berichtigte Timteru.
„Ich will dich jedenfalls nicht mehr als Helfer haben.“
„Auch gut. Für dich Unehrlichen will ich nicht arbeiten.“, gab trotzig Timteru zurück.
„Deinen anstehenden Lohn kannst du in den Wind schreiben.“, erwiderte der Lieferant und drosch mit seinem Stecken unnötig hart auf den Esel und sofort stand Timteru im aufgewirbelten Staub der durchdrehenden Wagenräder.
Während der Beinsteller von seinem Chef abkassiert und gerügt wurde, wendete nebenan Timteru seinen Blick auf `Ohne Eltern` und fragte ihn: „Wie ist dein Name?“
`Ohne Eltern` fühlte Sträuben zu antworten. Aber Timteru blieb ihm zugewendet. `Ohne Eltern` konnte sich ihm, der sich gerade auf seine Seite gestellt hatte, nicht lange verschließen. Ardamsu räusperte seine Stimme wach und antwortete widerwillig: „Habe keinen Namen.“
„Deine Eltern müssen dir doch einen Namen gegeben haben.“
`Ohne Eltern` würgte aus: „Kenne keine Eltern...“ Dies auszusprechen, richtete seine Aufmerksamkeit auf ihn selbst, den er in Vergessenheit zurückgelassen hatte. Kein Gedanke sollte sein elendiges Dasein finden. Er wollte sich vor Timterus Worten wegducken aber dessen Worte trafen schnell: „Auch wenn du keine Eltern kanntest, dann ist immer noch die Macht, die uns Menschen erschuf, mit dir. Keinem Mensch kann mehr zukommen.“
`Ohne Eltern` konnte nicht auf sich beziehen was Timteru meinte, aber er spürte tröstende Absicht dahinter und diese Worte wurden nicht wie bisher, wie Dreck auf ihn geworfen, sondern ihm wie ein Geschenk gereicht.
Timteru hatte klargestellt, wer wirklich schuld an den zerbrochenen Krügen war. Er hatte für ihn gesprochen. Das regte in `Ohne Eltern` die vermiedene aber überfällige Frage an, warum er sich nie selbst verteidigte. Diese Frage verfolgte ihn wie ein vorwurfsvoller Blick. Erinnerungen an frühere Demütigungen durchbrachen die dünne Schicht der Selbstmissachtung und gängelten zum Aufbegehren. Seine dunkle Lähmung weichte auf und eigene Gefühle machten sich von einem Moment zum nächsten so dick, dass sie dort, wo sie sich bisher versteckt hatten, nicht zurückgedrängt werden konnten.
Die eigene Geringschätzung, die ihm jeglichen Gedanken über sich unterdrückt hatte, entschwebte. Sein hängender Kopf wippte ganz leicht nach oben und er schaute auf Timteru. Bislang hatte `ohne Eltern` nur zur notdürftigen Orientierung vor sich hin geglotzt, aber diesmal sah er willentlich jemand an. Dann ging er ein paar Schritte mit verwundertem Blick umher, als sei er noch nie hier gewesen.
Seine zuvor matten Augen glänzten jetzt, aber nicht durch Bewegtheit, sondern es war sein befreites Dasein, das in die Welt blickte, deren vielfältige Gelegenheiten auch für ihn sprudelten. Er fühlte sich schuldig, dafür dass er sein Leben lieblos behandelte. Das wollte er ändern. Das stand in seinen Augen.
In Nubdur sprang Anteilnahme auf: Was für eine wundersame Wandlung.
Derweil floh Timteru von der Ölmühle. Er war sich des größten Anteils vom Zorn des aufgeriebenen Beinstellers sicher.
Nubdur war erstaunt über Timterus Einsatz: Das war übermenschlich. Ich sollte ihn kennenlernen. Vielleicht nützt das Miltmerus Auftrag. Früher schon hätte ich gerne manche Menschen kennengelernt, wollte sie aber nicht mit mir belästigen. Aber diesmal darf ich nicht davor zurückscheuen. Für Miltmeru.
Nubdur zögerte dann doch, denn er sah Timteru in Eile: Er scheint schnell weg zu wollen. Ich sollte ihn nicht aufhalten. - Schon wieder! Wie bisher immer, entdeckt meine Zurückhaltung einen Grund, jemanden nicht anzusprechen.
Nubdur fühlte sich von seinen vergangenen Auslassungen unter Druck gesetzt, jetzt zu diesem struppigen Mann zu gehen: „Alles Gute für dich. Mein Name ist Nubdur. Entschuldigung wenn ich dich so unvermittelt anspreche.“
„Ich muss schnell verschwinden.“
„Ich eile mit, wenn es dich nicht stört.“
„Meinetwegen.“
„Du hast diesem Arbeiter geholfen. Warum?“
„Weil ich es für richtig hielt.“
„Aber du hast dir Nachteile eingehandelt.“
„Das hatte ich in dem Moment nicht bedacht. Ich tat was ich für richtig hielt.“
„Hast du hilfreich eingegriffen weil du einem allmächtigen Wesen gefallen wolltest?“
„Könnte sein.“
Ist mein Auftrag hiermit erledigt, fragte sich Nubdur. Nein, seine Antwort gründet auf seinem Glauben. Also kein Beweis für die Existenz eines Allmächtigen. Ich sollte sehen was der noch treibt. Vielleicht handelt was Allmächtiges durch ihn.
„Ich bin unterwegs im Auftrag von Miltmeru. Willst du vielleicht ein bisschen dabei sein? Oder kann ich dich begleiten, wenn ich darf? Mir egal wer wem folgt.“, meinte Nubdur vorsichtig.
„Was für einen Auftrag hast du?“, wollte Timteru wissen.
„Es klingt ziemlich lächerlich: Ich soll herausfinden ob was Allmächtiges existiert.“
„Das ist tatsächlich lächerlich. Denn natürlich gibt es das Allmächtige. Was sonst hat die Welt und uns erschaffen?“
Nubdurs Neigung, was Allmächtiges in Frage zu stellen, fühlte sich herausgefordert: „Woher hätte was Allmächtige das Material für das Geschaffene? Und wie wäre es selbst erschaffen worden?“
„Das Allmächtige gab es schon immer.“
„Ebenso könnte man dann glauben, das Seiende existiert schon ewig. Es gibt Vorstellungen über die Entstehung der Welt, die ohne ein Allmächtiges auskommen.“, betonte Nubdur, „Ich erkläre dir eine: Erstmal ist nichts. Das bedeutet, es gibt noch nicht mal Ausdehnung. Aber wo befindet sich dieses unendlich kleine Nichts? Innerhalb einer Ausdehnung? Müsste so sein, aber für das Vorhandensein von Ausdehnung gibt es keinen Grund. Der unendlich kleine Punkt, das Nichts, kann also nicht sein, weil dann um ihn Ausdehnung wäre, die auch nicht sein kann. Ein unentschiedener Wechsel zwischen der unmöglichen Ausdehnung und dem unmöglichen Nichts passiert, getrieben von deren beider Unmöglichkeit. Die Zeitabstände zwischen den Umkehrungen können gewaltig sein. Dieses Schrumpfen zu nichts und das Auseinanderdehnen verursachen Verwirbelungen, deren Energie sich zu unserer Welt verdichtete.
Beim Wechsel zwischen Nichts und Ausdehnung gibt es einen unendlich kleinen Moment des Stillstands, kurz vor der Umkehrung, in welchem die gegensätzlichen Bewegungen ausgeglichen sind. Wie bei zwei Kugeln, die angestoßen werden damit sie aufeinander zurollen. Wenn sie aufeinander treffen, dann sind für einen unendlich kleinen Moment die Kräfte des Entgegenrollens und des sich wieder Abstoßens ausgeglichen. Nun stellt man sich diesen Moment ohne Kugeln vor, dann sind da nur noch Kräfte, die sich für einen Moment gegenseitig ausbalancieren, ein Moment der Ruhe, in dem nichts passiert, nichts ist. Dann prallt das Nichts auseinander und teilt sich in auseinander strebende Kräfte.“
Timteru wollte das Allmächtige gegen die Theorien verteidigen und das gab seinen Gedanken einen heftigen Schubs: „Diese Theorie ist nur albernes Gedankenspiel. Wenn ich aus einem unendlich langen Brot ein Stück herausschneide und die entstandenen Enden wieder zusammenschiebe, dann habe ich ein Stück von dem Brot genommen aber es wurde nicht kürzer weil etwas unendlich langes nicht kürzer werden kann. Folglich kann es nie dazu kommen, dass eine unendliche Ausdehnung sich soweit zusammenzieht bis nichts bleibt.“
„Die Ausdehnung in dieser Theorie war doch gar nicht unendlich gewesen, denn ab dem Augenblick des Beginns des Zurückschrumpfens war sie endlich groß gewesen.“
„Um diese endliche Ausdehnung herum müsste dann wieder eine unendliche Ausdehnung sein, die unmöglich ist.“
„Zugegeben - die Theorien darüber, warum alles zur Existenz kam, sind versponnener Unsinn. Aber sich ein Allmächtiges als Erschaffendes vorzustellen, muss nicht richtig sein nur weil wir Menschen zu beschränkt sind herauszufinden, woher alles Existierende kommt. Wenn wir die Antwort nicht wissen, dann wissen wir sie eben nicht. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist aber, dass Gläubige, Philosophen, Wissenschaftler und Besserwisser um ihr Nichtwissen streiten. Vieles wird uns Menschen unbegreiflich blieben. Käfer ist noch viel Weniger begreiflich als uns Menschen, aber die phantasieren nicht wenn ihnen was unbegreiflich bleibt und gründen keine Religionen, die Unkenntnis pflegen.“
„Du machst mich wütend mit dem was du über Religionen sagst.“, gab Timteru barsch kund und erschreckte damit Nubdur. Beide schwiegen betreten wegen ihrer auseinander klaffenden Anschauungen. Nubdur machte das nervös und er lenkte auf ein weniger heikles Gesprächsthema: „Wie es wohl dem Typen geht, dem du beigestanden hast?“
„Der Typ hat einen Namen: Ardamsu. Den gab ich ihm. Ardamsu geht es jetzt gewiss besser.“
Noch an diesem Tag bestand Ardamsu auf eine regelmäßige Lohnzahlung für sich. „Dann bleibt den anderen weniger.“, wollte der Chef die anderen gegen Ardamsu aufbringen. Aber Ardamsu bestand auf seiner Forderung bis sie erfüllt wurden.
In der Folgezeit kam es öfter zu Streitereien in der Ölmühle als früher, weil Ardamsu sich gegen derbe Scherze und gegen unberechtigte Anschuldigungen wehrte.
Früher besaß er kein Geld, aber nun wo er welches hatte, schien es ihm nicht auszureichen. Als Ardamsu wollte er nun gut essen, gut wohnen, gut angezogen sein, gut aussehen, Spaß und Sex haben.
Er rang immer wieder mit dem Chef um mehr Lohn und feilschte um den Preis von Waren. Wegen dieser andauernden Verhandlungen, schlug sein Herz wie gehetzt und das riss ihm den Ausblick auf, sich fortwährend im Leben behaupten zu müssen. Dem hechelten bislang ungekannte Gefühle hinterher, nämlich die Sorge um seine Zukunft und Angst vor bösen Überraschungen auf dem Lebensweg. Er befürchtete bestohlen zu werden, sorgte sich zu verletzten und dann die Wunde, anstatt zu verheilen, grässlich wird. Die Fragilität der Lebensgunst ängstigte ihn. Das trieb ihn jeden Abend nach der Arbeit durch die Siedlung, auf der Suche nach Timteru, weil er auf hilfreiche Worte von ihm hoffte. Aber eines Nachts wurde ihm klar, Timteru wohnt nicht hier und er befürchtete ihn nie wieder zu treffen. Ardamsu blieb stehen. Vollmondlicht schien ihm auf den Rücken. Er sah den Schatten seines Körpers auf dem Boden, auf dessen Unebenheit grotesk deformiert. Dieser Anblick schreckte verschwommene Vorahnungen von abgründigen Gefühlen auf und dabei wurde ihm ganz bange.
Timteru musterte Nubdur: Ob der zum Glauben an ein Allmächtiges findet? Darauf bin ich neugierig. Ich werde ihn begleiten.
Timteru schlug vor: „Versuche doch mal das Allmächtige in der Einsamkeit der erstaunlichen Natur zu entdecken.“
„Das versuche ich und werde mir dabei Mühe geben.“, sagte Nubdur brav gegenüber Timteru.
Nubdur wich vom Weg ab in den Wald hinein. Timteru ließ Nubdur alleine ziehen.
Die Sonne erklomm ihren höchsten Stand und die Schatten schrumpften zu den Baumstämmen hin. Eine Eidechse flüchtete in ein Versteck, genau in dem Augenblick, als Nubdur zu ihr hinschaute.
Nubdur betrat eine Lichtung. Die heimelige Stimmung dort verlangsamte seine Schritte bis er stehen blieb. Ein großer, flacher Felsen bot sich als leicht erhöhte Aussichtsebene an. Nubdur stieg darauf und streckte sich aus.
Einige Felsen lungerten im Gras in der Nähe herum. Über das steinerne Antlitz des größten Felsen unter ihnen verlief quer ein breiter Riss mit leicht nach unten gebogenem Schwung, gleich einem verzogenen Mund, als hätte er vom Gras gekostet und es ihm zu bitter geschmeckt.
Schmetterlinge über dem Felsen verzierten mit ihren schnörkeligen Flugbewegungen die Luft.
Der große Felsen murmelte von alten Geschichten. Vor ihm lauschten junge Blumen mit winzigen Blüten.
Nubdur wurde döste ein.
Eine Stechmücke kam ganz nahe an sein Ohr. Seine Augen flogen auf. Helligkeit blendete ihn, die von einem schwarzen Blitz zersplitterte war. Der Blitz blieb bewegungslos als dunkler Ast.
Nubdur richtete sich auf.
Die Sonne neigte sich in den frühen Nachmittag und die Schatten krochen wieder unter dem schattigen Dach aus Ästen unter jedem Baum hervor.
Der große Felsen versuchte mit seinen rissigen Lippen angestrengt Worte zu formen. Nubdur war nicht interessiert. Das verstimmte den Felsen und er versank noch lange beleidigt hinter dem höher wachsenden Gras. Nubdur entzog der Szenerie seine Fühlung und ging weg.
Später fragte Timteru knapp: „Und?“
„Etwas Allmächtiges konnte ich in der Natur nicht entdecken, aber ich habe die Idee bekommen, meine Natureindrücke in kleinen Gedichten zu formulieren. Besonders die langsamen Schatten haben es mir angetan.“
Die Schatten der Bäume auf dem Boden
strecken sich lang
aus ihrer Mittagsmüdigkeit heraus
„Ich glaube nicht, dass das für deine Suche nützlich ist.“, urteilte Timteru, „Ich bin enttäuscht von dir, dass du in der Natur nicht das Werk des Allmächtigen siehst.“
Sie kamen an einen Bach. Nubdur dichtete:
Ein langer heißer Tag
Erfrischendes Wasser lockt
Ich zögere noch ein wenig
„Ich zögere nicht.“, sagte Timteru und trank sofort.
Die anliegende Ortschaft trug Narben eines Kampfes.
Neugier ist nötig für meine Aufgabe, dachte Nubdur und suchte mit Timteru den örtlichen Chronisten auf. Der erzähle gerne lebhaft: „Hier war früher das Volk der Kelpas ansässig. Sie glaubten an einen Gott mit dem Namen Pyux. Ein Heeresführer namens Duhmpaff wollte, dass die Priester bestätigen, dass Pyux ihn als Herrscher vorgesehen hat. Als Belohnung versprach er ihnen, andere Priester mit samt ihren Göttern aus der Gegend fernzuhalten.
Die Priester veranstalteten vor dem versammelten Volk eine religiöse Zeremonie. Sie ließen geweihte Hühner aus großer Höhe auf ein Laken kacken. Die Priester beäugten von allen Seiten die Spritzer auf dem Laken, bis sie den Namen des Herrschers herauslesen konnten. Die Priester machten das Volk glauben, dass der unfehlbare Pyux auf diese Weise Duhmpaff als Herrscher herausdeutete. Duhmpaff feierte öffentlich die religiöse Zuweisung der Regierungsgewalt.
In der Nachbarschaft zu den Kelpas lebten die Juwunge. Sie glaubten nicht an Pyux. Dieser Unglaube bereitete den Kelpas Sorgen. Entlaufene Ziegen wurden als von den Juwungen aufgefressen phantasiert, Kelpafrauen, die Juwunge heirateten, als von denen verwünscht geglaubt.
Was den Juwungen unterstellt wurde, nahm bald so große Ausmaße an, dass die Kelpas in ihnen eine wachsende Bedrohung sahen, weshalb die Kelpas als vorbeugende Gegenwehr die Juwunge angriffen, die wenig entgegensetzen konnten. Die Armee von Duhmpaff siegte schnell.
Duhmpaff verkündete: „Pyux verhalf mir zu diesem Sieg.“
Er verlangte von den Juwungen, dass sie sich zum Glauben an Pyux bekennen, damit er sie dann mit den Geboten und Regeln seiner Religion lenken kann. Die Juwunge nahmen den Glauben an, weil es der Glaube der Sieger war. Duhmpaff ließ für die Juwunge die Zeremonie mit der Hühnerkacke wiederholen.
Duhmpaff versklavte die Juwunge. Seine Bereicherung an den Juwungen rechtfertigte er in einer Rede an sie: „Ihr müsst uns diese Opfer bringen, dafür dass ihr, dank uns, auch in die Liebe von Pyux aufgenommen seid.“
Es schien, als würden die Juwunge dies einsehen. Doch bald und unerwartet erhoben sich die Juwunge gegen Duhmpaff und sein Volk. Duhmpaff betete um einen Sieg über die Juwunge. Doch die Gebete nutzen nichts gegen die gründliche Planung der Juwunge. Die hatten sich eine schlaue Taktik aus umfangreichen Hinterhalten ausgedacht. Die Juwunge besiegten Duhmpaffs Krieger.
Die Juwunge tanzten auf den Straßen und sangen Jubellieder auf Pyux. Davon aufgeputscht, drangen sie mit unverdrossener Kühnheit in den Palast von Duhmpaff ein. Mit Freude eröffneten sie Duhmpaff: „Pyux hat uns Mut und Kraft dazu gegeben, über euch zu siegen.“
Die Elitewachen von Duhmpaff brachten ihn nach einem kurzen und heftigen Kampf in die erstbeste Sicherheit.
Im Tempel nahmen die Juwunge das Tuch mit der Hühnerkacke von der Wand und legten es auf den Platz vor dem Palast. Einem mit Symbolen des Pyux bemalter Esel wurden Kräuterelixiere eingeflößt, die bei ihm Durchfall verursachten. Seine dünnflüssige Darmentleerung überschrieb die Hühnerkacke und aus Spritzern am Rand der Lache wurde der Name eines Juwunge herausgedeutet, der die Herrschaft von Duhmpaff übernehmen will. Diese Weissagung empfingen die Juwunge mit rasendem Jubel.
In seinem Versteck schrieb Duhmpaff in sein Erinnerungsbuch erschüttert über seine Niederlage: Pyux ist nicht mehr mit mir! Es war ein Fehler, die Juwunge gezwungen zu haben an Pyux zu glauben, denn der ist nun auf deren Seite. Den Fehler kann ich mir nicht verzeihen.
Duhmpaff konnte sich nur als Herrscher ertragen. Aber er wagte ohne das Vertrauen auf Hilfe von Pyux keine Rückeroberung. Seine Gefolgsleute verließen ihn. Nur einer blieb und der berichtete, wie Duhmpaff tagelang mit blassem Gesicht, als würde er sich gleich übergeben, vor sich hinstarrte. Ihm war als sei ihm sein Rückgrat herausgetrennt worden und das verbogene Teil blutverschmiert vor die Füße geworfen. Eine flaue Verzweiflung erbrach sich in seine innere Leere. Ein Leben ohne Macht war ihm wertlos. Wie eine innen hohlgefaulte Nussschale sah man eines Tages seine Leiche in einem Fluss auftauchen und dann wieder in die Tiefe absinken.“
Nubdur bedankte sich beim Chronisten für die lebendige Schilderung.
Später meinte Timteru: „Pyux gab beiden Völkern Kraft und Zuversicht. Siehst du in Pyux das Allmächtige Wesen?“
„Nein. Erst hätte dieser Pyux Duhmpaff dabei geholfen den Juwungen Unrecht anzutun und dann denen zur Rache verholfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Allmächtige solches Tun sichert. Das waren typisch menschliche Begehren. Kein übermenschliches Einwirken ist daran zu erkennen.“, sagte Nubdur kurzweg mit Bestimmtheit, doch dann beschlich ihn erdrückende Ungewissheit über das Objekt seiner Suche.
Er eilte hinter der Siedlung in den Abend hinein und umrundete unruhig bis in die Nacht hinein einen nahe gelegenen See.
Der nächtliche See
Auf kleinen Wellen schaukeln Mondsplitter
Vergebens puzzeln die Wellen den Mond zusammen
Tags darauf überschritten sie eine Anhöhe und sahen dann eine lange Reihe von erschöpften Menschen, die sich zu Fuß durch eine Steppenlandschaft schleppten. Ein bleicher Nebel aus Sonnen beschienenem Staub umgab sie. Die müden Gestalten trugen schwer an zahlreichen, mit Flüssigkeit gefüllten Schläuchen aus Tierhäuten und hatten auch Pfeil und Bogen mit sich. Sie zogen ihre Schatten am Boden hinter sich her als würde das ihnen zusätzlich Mühe abverlangen.
Ein Mann stellte sich seitlich zur Vorwärtsbewegung der Menschenkette schwergewichtig hin. Er war die einzige Person aus der Karawane, die keine Last trug.
Seine Stimme donnerte plötzlich wie das Getrampel der Hufe einer rasenden Tierherde gegen die umstehende Menge: „Haltet die Mühen durch und erinnert euch an die edle Absicht, der ihr dient!“
Mit einem Ruck standen die Schatten still. Die Angestrengten legten ihre Lasten ab und schrien: „Wir wollen es noch mal hören!“
Der Redner kreischte seine Sprüche in die Menge: „Ich bin der Retter eurer Freiheit. Wir werden alles umgestalten. Nie wieder wird es so sein wie jetzt. Wir reinigen die Welt von verlogenen und bösen Menschen. Dann werde ich eine beständige Ordnung errichten, die nichts zulässt, was Angst machen könnte! Denkt daran: Ich tue das für euch!
Wer mir folgt, hat sich vom Verderbten der Welt abgesondert. Lasst uns alle Freunde sein, indem wir gemeinsam das tun was ich euch befehle! Wie Sturm den Samen weit trägt, so werden wir unser Reich des Friedens in alle Enden der Welt tragen!“
Die Augen des Anführers waren weit aufgerissen und kullerten wie angetippte rohe Eier in den Augenhöhlen. Ruckartig veränderte er seine Blickrichtung beim Versuch jedem in die Augen zu schauen.
„Unter meiner Führung werdet ihr stark sein!“
Die Zuhörer atmeten dies mit verhärteten Gesichtsmuskeln und erhobener Brust ein.
„Ich habe euch zu Auserwählten für mein Reich erhoben. Mein Reich wird wie ein Garten sein, in welchem ich euch hege, damit euer Schaffen reiche Früchte trägt. So sicher wie der Adler seine Beute greift wird jeder sein Glück finden.“
Nubdur erkannte: Die undeutlichen, bilderreichen Sprüche lassen seine Anhänger glauben, all ihre unterschiedlichen Sehnsüchte und Wünsche seien beachtet.
„Wir richten über die Welt.“, setzt der Redner fort, „Ich habe euer Leben mit Nutzen beschenkt, weil ihr mir helfen dürft die Welt zu roden für ein kommendes Reich. Wir hetzen die verschiedenen Gruppen, Völker, Stämme, Gemeinschaften, letztendlich die ganze Menschheit gegeneinander auf. Ein weltweiter Krieg wird folgen. Nur die mit der Hoffnung, dass das Allmächtige das Chaos beendet, werden nicht verzweifeln. Ihr unerschütterlicher Glaube öffnet die Welt für das Allmächtige. Dann kann sich sein Reich des Friedens herabsenken. Es gibt eine Prophezeiung, die das voraussagt. Die ist meine Führung. Ich bereite den Acker für das Reich des Allmächtigen, über das ich dann als Herrscher dem Allmächtigen diene. Ich bin der oberste unterwürfige Diener des Allmächtigen.
Ihr dürft an großen Umwälzungen teilhaft sein.“
Mit flacher Hand schlugen sich seine Gefolgsleute aus Begeisterung seitlich an ihre Köpfe und johlten dabei entzückt. Eine Wendung im Fortlauf der Menschheitsgeschichte herbeizuführen, war ein so gigantisches Vorhaben, dass eine Beteiligung daran eine glorreiche Gelegenheit zur Erhebung aus der eigenen Bedeutungslosigkeit bot. Sie wollten Teil von was Großem sein. Und je größer das Vorhaben ist, desto mehr Begeisterung und Tatendrang erweckte es, und zwar so viel davon, dass dann die Frage, ob das gut enden kann, nicht dagegen aufbegehren kann.
Sie hofften auch, als die Schöpfer der neuen Welt, eine mächtige Position in der neuen Hierarchie einzunehmen.
Auch Nubdurs Größenwahn schnupperte hungrig: Ihm könnte gelingen ein großer Herrscher zu werden. Ich sollte für so einen arbeiten und nicht für Miltmeru.
Doch dann besann er sich darauf, dass der Plan einer religiösen Prophezeiung entwuchs und das weckte in Nubdur heftige Besserwisserei. Er meinte zu Timteru: „Wir sollten ihm das ausreden, meinst du nicht auch?“
„Meine ich auch. Dann mal los!“, spornte ihn Timteru an.
Mit Timteru im Rücken trat Nubdur vor den Redner: „Wenn ihr nach eurer Weltvernichtung durch die blutgetränkte Zerstörung stapft, werden eure Herzen sich verhärten müssen um dies ertragen zu können. Und weil du deinen Auserwählten einredest, das war notwendig, werden sie dafür noch nicht mal Schuld empfinden. Mit dieser Brut schaffst du kein Reich des Friedens.“
„Hast du eine besseren Vorschlag?“, fragte der Anführer zum Spielen angeregt.
„Es sollten Worte ausgesät werden, die das schüchterne Gute in uns nährt und gedeihen lässt.“
„Klingt poetisch schön, aber deshalb muss dies nicht gelingen. Menschen sind durch Worte nicht zu bessern. Alle Menschen werden einem friedvollen Zusammenleben zustimmen. Aber alle, auch jene, die sich für beherrschte, besonnene Bessermenschen halten, werden Frieden erst zulassen, wenn ihre Anliegen zu ihrer Zufriedenheit durchgebracht sind. Frieden wird es nur geben, wenn sich alle meiner Führung unterwerfen.“
Der Anführer streckte den Beiden seine Hände wie alten Bekannten entgegen: „Lasst auch ihr euch durch mich in Frieden halten. Ich werde für alle denken und alle streng überwachen. Das erlöst die Menschen von Sorgen und Angst und dann werden sie friedlich. Freiheit lässt Raum für Gier und Recht des Stärkeren. Die Gegenmaßnahme ist ein streng gelenktes Leben. Ich zwinge alle gleich zu leben, dann sind wir vor Chaos sicher. Mit Regeln und Ritualen, die alle strikt befolgen müssen, füge ich eine geschlossene Gemeinschaft zusammen. Das sättigt euer Leben mit Zugehörigkeit und dem Gefühl jemand zu sein.“
Nubdur widersprach: „Unsere einzige Zugehörigkeit ist Bewohner dieser Welt zu sein. Deine Anhänger sind haltlos weil ohne Lebensweisheit, leer und unfähig für eigene Zeile. Nur solche lassen sich mit so einem unsinnigen Plan wie dem deinigen abfüllen. Wird es dir Spaß machen, über einheitlich wandelnde Leichen und gefügige Langweiler zu herrschen?“
„Ich mag anhängliche Wesen, die zu mir aufblicken. Von der unberechenbar bösen Restmasse reinige ich die Welt.“
„Die Welt ist deshalb voller Unheil weil es so Gestalten wie dich und deine Anhänger gibt, die sich gerne für grausame Vorhaben vereinnahmen lassen. Die sind nicht besser als die Opfer deines Vorhabens. Du willst der Welt Gutes tun? Dann bewahre sie vor eurem grauenvollen Unfug.“
Der Anführer wurde wütend: „Du wagst es, gegen die Prophezeiung zu reden, die den Plan des Allmächtigen für diese Welt offenbart. Nicht mein Wille, sondern den des Allmächtigen erfülle ich.“, enthob sich der Anführer jeglicher Verantwortung.
Timteru bekundete plötzlich: „Ich will unbedingt mithelfen und ihn werde ich überreden auch mit dabei zu sein.
Der meint sein Gerede nicht ernst. Das ist nur so eine Krankheit von ihm erst mal zu widersprechen. Wir wollen gerne unser Leben von dir verplant bekommen. Was könnten wir besseres mit uns anfangen?“
„Gut. Gesellt euch zu den anderen. Lasst euch was zum Schleppen abgeben.“
„Los komme mit!“, meinte Timteru zu Nubdur und zwinkerte dem listig zu. Unter den anderen eingereiht, fragte Timteru: „Was ist in den Tierschläuchen? Was haben wir vor?“
„Die Tierschläuche enthalten giftige Pflanzensäfte. Wir tragen die auf den Berg dort, töten dort die Wachen einer Wasserquelle und schütten die Säfte ins Wasser, das in einem Kanal zur Stadt Sapuka geleitet wird. Dann erzählen wir den Sapukanern, die Marakumen hätten ihr Wasser vergiftet.“
„Werden die Sapukaner das glauben?“, fragte Nubdur.
„Ja. Die Sapukaner trauen den Marakumen alles zu, weil die einen anderen Glauben haben. Der sicher folgende Kampf wird sich ausweiten, denn sowohl Sapukaner als auch Marakumen haben ihre eigenen Bündnisse mit anderen Stämmen, die mit in die Kämpfe gezogen werden. Weitere werden mitmischen, um bei der Gelegenheit alte Fehden kriegerisch auszutragen.“
Nubdur erklärte Timteru: „Die nutzen die Feindseligkeiten unter den Religionen. Und sie nutzen das verbreitete Empfinden, dass es ein gerechter Ausgleich sei, eigene unschuldige Opfer zu rächen, durch Tötung von auch Unschuldigen der anderen Volksgruppen.“
„Genug theoretisiert. Wir müssen ihren Plan vereiteln.“, ermahnte Timteru.
Während einer Ruhepause wollten sich die beiden davonstehlen. Aber die Wachen hielten sie auf: „Wo wollt ihr hin?“
„Er muss pinkeln und ich begleite ihn damit er nicht abhaut. Man kann ihm nicht trauen.“, erklärte Timteru listig.
„Dann passe gut auf ihn auf, denn Abtrünnige werden bei uns erschlagen.“
Sie durften sich entfernen. Timteru wusste: „Wenn man sich nicht frühzeitig von Verrückten trennt, erleidet man Unheil.“
Dann drängte Timteru: „Wir müssen den Kanal unterbrechen bevor das Gift in der Stadt ankommt.“
Sie schritten den Kanal in Richtung der Stadt entlang aber der war durchgehend dick gemauerter und mit schweren Steinplatten bedeckt.
„Wir werden nicht schaffen den Kanal zu unterbrechen. Was sollen wir nun tun? Das vergiftete Wasser wird bald durchfließen.“
Weiter voraus war ein Kontrollposten. Mit Lanzen bewaffnet standen Krieger herum. Neben ihnen saß steif, mit durchgedrücktem Rücken ihr Vorgesetzter an einem Tisch, auf dem der immer wieder Schriftrollen neu sortierte. Weiter hinten war ein Pferd mit einem Streitwagen geparkt.
Timteru kam eilig als erster beim Kontrollposten an. Die Krieger schwenkten ihre Lanzen gegen Timteru. Er sprach in die Runde: „Giftwasser fließt in eure Stadt. Das Wasser muss für eine Weile weggeschüttet werden. Sagt das den Bewohnern.“
Der Oberwächter unter ihnen meldete sich: „Uns ist verboten unseren Posten zu verlassen.“
„Dann müssen ich und der andere da hinten in die Stadt und die Leute dort schnellstens warnen. Wir müssen auch verhindern, dass die Täter Lügen in der Stadt verbreiten und dann ein Rachefeldzug beginnt und weitere mitmischen. Das könnte sich zu einer weltweiten Katastrophe ausweiten.“
