Der Trip namens Leben - Gideon Winter - E-Book

Der Trip namens Leben E-Book

Gideon Winter

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Beschreibung

Alles fing so unbeschwert an: ein schnelles Leben in musikalischen Sphären mit jeder Menge Funsport und besten Karriere-Chancen. Die Jahre drehten sich angenehm, ferne Länder rückten näher und es gab immer Action. Aber dann wird plötzlich alles anders, denn Gideon Winter bekommt ein heimtückisches, psychisches Handicap ohne Chance auf Heilung. Doch obwohl ihn alle abschreiben, kämpft er sich zurück ins Leben. Der Trip namens Leben ist das christliche und autobiografische Indie-Buch: eine wahre Geschichte aus Hessen mit Reisen nach Afrika. Leseprobe: ,,Akazien, Hochebenen, große Berge, das Rift Valley: Die Tiefe und Stille der Landschaft und die Ruhe, die sie ausstrahlt, sollten mich fortan noch öfters in den Bann ziehen. Wohl jeder Afrika-Reisende kennt das Gefühl der Geborgenheit in diesem grandiosen Szenario. Das Zirpen der Grillen und das hohe, ungemähte Gras, das sich im Wind wiegt. Den rot-gelblich flimmernden Sonnenuntergang. Die Silhouetten der Bäume davor. Die Galaxien und den fulminant leuchtenden Mond über der Steppe, der über Afrika viel größer ist als in Europa. Und die Menschen in dieser Landschaft, die einen wie wissende Wächter anblicken. Abends sah ich ihre Feuer am gegenüberliegenden Hang des Rift Valley unter dem Sternenhimmel. Da überkam mich zum ersten Mal in meinem Leben ein tiefer Friede. Und ich wusste wieder, dass Gott unser Universum erschaffen hatte und die Natur auch ein Teil von ihm ist.''

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gewidmet meiner Familie

Inhaltsverzeichnis

Der Hügel

Die Baumwerdung

Das blasse Licht

Klangwelten

Besuch aus Israel

Ein See

Unten

Kulturschock

Hiob

Als Jesus zurückkam

Neue Weltordnung

Äthiopien – das Dach Afrikas

Das Lachen

Ewiger Praktikant

Die Hölle

Schrauben sortieren?

Die Erbarmung

Die Lücke im Lebenslauf

Das Phänomen

Hochzeit in Äthiopien

Interkontinental

Das Wunder der Geburt

Kinder in der Apokalypse

Göttliche Komödie

Jesus Christus: die ultimative Erfahrung

Der Vibe

Der Hügel

Beinahe obdachlos, deswegen (peinlich) Wiedereinzug bei den Eltern, vier bis fünf Jahre (noch peinlicher) arbeitslos wider Willen, sechs Wochen (total peinlich) Klapsmühle, anschließend Antrag beim Sozialamt auf medizinische und berufliche Rehabilitation: Tiefer konnte man kaum noch sinken.

Dabei fing das Leben zunächst so vielversprechend und mühelos an. Ich wuchs in einer ländlichen Idylle in einer circa 80 Jahre alten Villa auf. Mein Elternhaus lag auf einem plateauartigen Hügelabschnitt über einer hessischen Kleinstadt, umgeben von Grünflächen, an einem sackgassenartigen Platz, an den auch die Grundschule, der Kindergarten, die Kirche und der alte Friedhof angrenzten. Das ganze Areal war beinahe vollständig von einer relativ hohen, mittelalterlichen Stadtmauer umgeben, ein mediävaler Turm sowie der hohe Kirchturm komplettierten den Anachronismus. Das perfekte Paradies, ein Name-der-Rose-Szenario mit Luxus.

Eigentlich also beste Voraussetzungen für eine steile Karriere, gutes Gelingen und ein schönes Leben. Mir hatte es dort wirklich an nichts gefehlt. Ein Fußball-Club, Skateboarding, Snowboarding, Windsurfing, eine Katze namens Piccola, ein Qualitäts-Piano, ein Gitarren-Set, ein Proberaum im Keller, ein Computer, alsbald auch ein eigenes Auto, zwei Urlaubsreisen pro Jahr, ein jüngerer Bruder, eine ältere Schwester, zeitweise auch ein nettes Kindermädchen aus Kanada – Emma – sowie eine freundliche, französischstämmige Haushaltsgehilfin (Frau Lefevre, die immer ihren Croissant in den Café tunkte, dabei von den Trucker-Restaurants entlang französischer Nationalstraßen schwärmte und später traurigerweise einem Krebsleiden erlag).

Ich selbst jobbte natürlich auch manchmal hart, zum Beispiel in Tankstellen, parallel zur Schule oder in den Ferien, für meinen Lebensstandard. So war ich später am Gymnasium einer der Schüler mit den besseren Budgets und eigenem Auto, auch wenn ich dies meistens geschickt verbarg.

An meinen allerersten Schultag erinnere ich mich noch genau. Ich setzte mich, und als ein Lehrkörper im Klassenzimmer erschien, versteckte ich mich unter dem Tisch. Dafür gab es erstmal einen Rüffel, den meine Eltern auch mitbekamen, weil man mir zunächst mangelnde Schulreife attestierte. Manchmal kletterte ich morgens aus dem Garten meines Elternhauses über einen mittelalterlich gewölbten Türbogen auf der Mauer über den Eingang eines Nachbargartens durchs Fenster in das Klassenzimmer herein, um den Schulweg abzukürzen. Die Mitschüler fanden es witzig, und so konnte ich meine Nase dann im Laufe meiner weiteren Grundschul-Karriere in den ein oder anderen Haushalt reinstecken und lernte einige Gleichaltrige in dieser verschlafenen Kleinstadt kennen. Was für ein riesiges Glück ich zu Hause hatte, das war mir leider dennoch nie so richtig bewusst. Man hatte dort oben auf dem Plateau kaum etwas zu befürchten. Von der Stadtmauer hatte ich einen prima Ausblick auf das idyllische Nest und die Autos, die unter mir durch die Straßen krochen. Ich brauchte das mittelalterlich anmutende Areal eigentlich nie zu verlassen, denn mit der richtigen Portion Phantasie – ich verschlang schon als Kind internationale Literatur en masse –, war dies das reinste El Dorado. Mit einem Fahrrad eroberte ich dann die Kleinstadt unter mir. Und die ausgedehnten Wälder ringsum. Manchmal auch zusammen mit anderen.

„Lasst uns über den Graben springen.“ Ich fuhr zuerst, und während ich so auf den Graben zusteuerte, mussten wir plötzlich alle lachen, weil sich auf dem Feld in der Nähe gerade zwei Kühe komisch zankten. Ich war an diesem Tag schlecht, der Sprung war schwach, das Vorderrad blieb an der Gegenseite hängen und Patsch, landete ich mit dem Gesicht zuerst auf dem schotterigen Feldweg. Die Oberlippe war aufgerissen bis zur Nase, sodass alle Zähne rausguckten, es gab zahlreiche kleine Steine im Gesicht und Nähbedarf überall. Ich blutete ohne Ende und sah aus wie ein Monster. Alle starrten mich entsetzt an. Einer behielt die Nerven und holte Hilfe. Ein freundlicher Mann eilte mit seinem VW Passat herbei, kümmerte sich nicht darum, dass seine Sitze mit Blut zuschmierten, und fuhr mich auf dem Feldweg entlang der Telefonleitungsmasten im Sonnenuntergang nach Hause.

Dort wartete mein Vater und legte mich in seinen Wagen. Im 20 Kilometer entfernten Krankenhaus hatte ich mal wieder Glück: Mein Dad bemühte den Oberarzt persönlich für alle Nähvorgänge herbei. Nach einigen Tagen rappelte ich mich zuhause aus dem Bett hoch, ging ins Badezimmer und blickte in den Spiegel. Alles verkrustet. Überall Fäden. Fresse kaputt. Mit der Visage durfte ich auch zunächst nicht in die Schule. Ich muss da so circa elf Jahre alt gewesen sein. Würde ich wohl je eine Freundin finden oder wieder zur Schule gehen dürfen?

Später zeigte sich dann, dass der Arzt das top gemacht hatte. Von einer fast unsichtbaren Narbe an der Oberlippe abgesehen, war alles wieder so wie vorher. Wie er wohl heißen mochte? Und überhaupt fühlte ich mich zu Dank verpflichtet. Ich blickte immer wieder in den Spiegel und gefiel mir wieder zunehmend. Echte Männer habe nun mal eine Narbe, dachte ich, und meine Brust schwoll vor Stolz nur so an. Nach einigen Wochen ging ich wieder zur Schule, wo sich einige schon Sorgen gemacht hatten und dann doch irgendwie erleichtert waren, genau wie ich.

Bei vielen meiner Hobbys gehörte ich immer zu denen, die vorne dabei waren oder sogar ganz das Sagen hatten. Das war für mich meistens selbstverständlich. Das fing anfänglich ganz harmlos beim Playmobil- oder Lego-Spielen an. Mit Western- und Piraten-Settings oder auch mit mittelalterlichen Figuren spielte ich Bücher aus zum Beispiel der Reader's Digest Reihe nach. Wie ein Regisseur zeichnete ich mit den Figuren, Gebäuden, Schiffen und sonstigen requisitenartigen Objekten in meinem Kinderzimmer komplexe Schlachten und Abenteuer meiner literarischen Helden nach, und dies geschah vollkommen präzise und oft stundenlang. Manchmal, wenn meine Eltern Gäste hatten und diese ihre eigenen Kinder mitbrachten, passte ich nicht richtig auf, sodass die anderen meine Figuren örtlich verlagerten und das gerade inszenierte Setting durcheinandergeriet. Das war dann für mich immer ein Weltuntergang. Es dauerte oft tagelang, bis ich darüber hinwegkam. In Sachen Literatur und Playmobil betrachtete ich penibelerweise andere Kinder immer als Zerstörer, die ja kaum etwas davon verstanden. So durfte – bis auf ein rund drei Jahre älterer Nachbarsjunge, der darin ähnlich war, aber vermutlich aus einem filmischen Blickwinkel – niemand an mein Playmobil- und Lego-Sortiment ran. An dem Punkt war ich elitär. In fortgeschrittenem Alter sollte ich dann später an einer Universität unter anderem noch viel mehr Literatur studieren: Franz Kafka, Dante Alighieri, Homer und vieles mehr, überwiegend jedoch nur deutschsprachige Literatur, in der ich oft die Bezüge zur anderen Weltliteratur herstellte.

Die Baumwerdung

Die mein Elternhaus umgebende Idylle, die Bücher, der Wald, die Natur: All dies machte meine frühe Kindheit aus. Ich las viel im Bett, meistens abends vor dem Einschlafen. Stundenlang. Das Komische daran war, ich sah mich dabei manchmal von oben auf meinem Bett sitzen, mit dem Buch in beiden Händen, so als ob meine Seele den Körper während des Lesens um einen vertikalen Meter verließ und losflog.

Ich lebte geradezu in meinen Büchern. Irgendwie fand ich schon als kleiner Junge viel Zeit zum Nachdenken, während ich so die Wälder mit dem Fahrrad eroberte und mich die Literatur beflügelte. Mir schien es, als ob ich dort meine Ruhe hätte: vor der Schule, vor der Familie und vor gesellschaftlichen Pflichten. Auf dem Rückweg fiel mir immer auf, dass der Wald und die Natur eigentlich gar nichts mehr mit der Gesellschaft und den Menschen zu tun hatte. Mir kam es so vor, als ob Gesellschaft etwas ganz Subjektives, durchorganisiertes Künstliches wäre, dass darauf programmiert war, sich eben immer weiterzuentwickeln, sich von der Natur zu entfernen oder sich sogar schrittweise in den Wald hineinzufressen. Ein Moloch im Grünen, ein plastisches Gebilde wie ein Fremdkörper in der Natur, aus dem sich die Bewohner kaum heraus zu trauen schienen. Je tiefer ich selbst in die Natur hereinfuhr, umso mehr entfernten sich meine Gedanken von den Menschen. Je mehr ich die Geräusche des Waldes alleine konsumierte, in mich aufsog und keine andere Menschenseele mehr vorfand, desto sicherer fühlte ich mich: das Blubbern und Gluckern der Bäche, das Rauschen, oder noch besser Flüstern der Zweige und Blätter im Wind, der auf das Dach des Waldes prasselnde Regen, das Ächzen und Knorren der Stämme im Sturm, die ewige Stille, wenn Schnee alles bedeckte, der Sing-Sang der Vögel und das Röhren der Hirsche. Wie sehr sollte ich diese grandiose Musik noch vermissen in meinem späteren urbanen Gefängnis namens Großstadt.

Oben, in den höheren Lagen dieser mittelgebirgsartigen Landschaft, gab es Fichten, Waldkiefern und selten sogar auch Pinien, oder bildete ich mir dies ein? Die Fichten und Waldkiefern waren mir am liebsten, denn sie hatten etwas Globales an sich, kommen sie doch auf unserem Planeten fast überall vor: in Europa, Asien, Nord-Amerika und sogar auch in den kalten, südlichen Gegenden Südamerikas. Das fand ich irgendwie faszinierend: Egal wohin man auf dem Planeten reisen würde, überall begleiteten sie einen, sodass die Grenzen zwischen den Ländern verschwammen. Auch die Pinien kannten keine Hindernisse oder nationalen Grenzen und waren in der Lage, sich am Mittelmeer auszubreiten und überall zu wachsen, wo es etwas wärmer war. Verfügt man selbst erstmal über genügend Reiseerfahrung, so überkommt einen der Reiz der Fremde immer dann, wenn man eine Pinie, Waldkiefer oder Fichte auch zuhause sieht. Das fand ich total faszinierend, dass diese Bäume im Grunde gar keine Patrioten waren und sind. Ich wusste bereits, manche Bäume können hunderte von Jahren alt werden, auch in Laubwäldern, wie zum Beispiel Eichen. Ob sie mich wohl auch wahrnahmen? Manchmal stellte ich mir auch vor, wie es wohl wäre, selbst ein Baum zu sein. Von der Baumwerdung eines Menschen hatte ich bis dahin aber noch nie gehört. Je länger ich mich im Wald aufhielt, umso mehr stellte ich die Menschen grundsätzlich in Frage. Bis ich an den Punkt kam, mir vorzustellen, wie eine Welt gänzlich ohne umweltverschmutzende Autos aussähe, ohne Fabriken, ja ohne alles, was der Natur zuwiderliefe. In diesem Moment erschrak ich vor mir selbst. Mir wurde klar, ich müsste eine Entscheidung treffen: Entweder die Natur oder die Menschen, denn in den 1980ern gab es noch keinen ausgeprägten Umweltschutz. Ich entschied mich für die Menschen, schließlich wollte ich ja auch mal ein eigenes Auto sowie Spaß haben.

Dennoch war mir fortan immer klar, dass in der ganzen Welt etwas grundsätzlich falsch läuft. Dass die Menschen ja eigentlich selbst ein Teil der Natur sind, ihr aber zuwiderhandeln und somit auch gegen sich selbst agieren. Ich erkannte, aus der ursprünglichen Einheit zwischen Mensch und Natur war ein Gegensatz, ja gewissermaßen eine Feindschaft entstanden. So als ob die Menschen in einer Art „Sündenfall“ ihren Ursprung verraten hätten.

In der Bibel steht zwar, dass sich der Mensch die Erde zum Untertan machen soll (1. Buch Mose 1, Vers 26; Luther 2002): „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Aber dies kann kaum so gemeint sein, dass man alles kaputt macht, oder der ganze Planet gar verwüstet wird, worauf es schon irgendwie hinauszulaufen schien.

Ich selbst wollte auf den Komfort der postmodernen Zivilisation auch kaum verzichten. Um zum Beispiel Musik zu machen, brauchte man ja oft auch Strom. Somit beschloss ich, einfach mitzumachen. Aber ob mich die Menschen wohl noch mitmachen lassen würden, nachdem ich sie in Gedanken verraten hatte? Würden sie mir mein existentielles Misstrauen wohl anmerken?

Das blasse Licht

Dies war der Beginn einer Ode an das Leben. Es kam mir vor, als ob ich, der kindliche Literat und Denker, plötzlich Mensch wurde mit allem, was so zu einem richtigen Leben dazugehört. Es war der Anfang eines zunächst unglaublich schönen Rausches, der sich selbst immer mehr übertraf. Auch wenn ich dachte, schöner kann es nicht mehr werden, ging es immer noch weiter.

So ab zwölf Jahren zog mich die Straße magisch an, weil ich den Skateboarding-Sport oder -Life-Style für mich zu entdecken begann. Ich war immer total konsequent mit meinen Interessen oder meinem Lebensstil: Besonders beim Skateboarding habe ich etwas für mein ganzes Leben gelernt. Es ist egal, was man für eine Hautfarbe hat, wie alt man ist, aus welcher sozialen Schicht man kommt, welchen Bildungsgrad man hat. Es geht weder immer ausschließlich nur um das Gewinnen, noch darum, immer unbedingt der Beste zu sein. Um gut zu werden, braucht man viel Geduld, Entspannung, Meditation, Zeit und einen martialischen Willen. Und: Es ist mehrschichtig geleimtes Ahornholz aus Kanada, das ein richtiges Profi-Board ausmacht.

Einmal fuhr ich mit der Bahn nach Stuttgart, einen Freund besuchen, dessen Eltern gute Freunde von meinen waren. Das sollte ich noch öfters machen in den Ferien. So konnte ich zum Beispiel auch dort manchmal auf der Straße Skateboard fahren und beobachten, wie alle immer morgens auf dem Bürgersteig zur Schule, Arbeit, Ausbildungsstelle oder Universität rannten. Ein ewiger Rhythmus, eine ewige Mechanik, die geprägt war durch die Fahrpläne der S-Bahnen und Intervalle der Auto-Verkehrsampeln. Besonders fiel mir auf, dass man in einer so großen Stadt auf dem Bürgersteig quasi nur in zwei Richtungen laufen kann und zwischen den Häusermeeren und Blocks wie eingesperrt um das nackte Überleben kämpft. Von morgens bis abends, tagein, tagaus, wovon ich später noch ein Lied zu singen wusste. Da erst lernte ich das Skaten so richtig schätzen. Konnte ich doch damit eine völlige Freiheit im urbanen Gefängnis erreichen.

Die zwei Richtungen des Bürgersteigs bildeten für mich keine motorische Grenze, sondern ich konnte mit dem Skateboard sogar von Telefonzellen herabspringen, von Treppen, Mauern und natürlich auch von Bürgersteigen auf die Straße, downhill zwischen den Autos herumfahren, später auch technische Tricks lernen und machen, was ich wollte, während alle anderen mit Rucksäcken, Taschen und Aktenkoffern geradezu auf dem Bürgersteig immer nur hin- und herflitzten. Da fühlte ich mich in meinem Leben zum ersten Mal in einer Großstadt erhaben und frei. Natürlich musste ich auch außerhalb der Ferien morgens zur Schule gehen. Doch ich tat dies entspannt und fragte mich immer: Warum marschieren die morgens bloß immer alle so zackig, wie beim Militär? Warum stecken die sich damit gegenseitig an, sodass es aus der Dynamik scheinbar kein Entrinnen gibt?

Wie sehr mir diese Freiheit im richtigen Leben helfen sollte, davon hatte ich als Kind noch keine Ahnung. Ich begann, mein ganzes Leben auf diesen Life-Style auszurichten. Es war immer mein Traum, ein guter Skater zu werden, und dafür betete ich zum Beispiel. Auch dieses Gebet wurde erhört. Ich bin in meinem Skater-Leben zwar nur einen Contest mitgefahren, aber ich durfte im Umkreis von 70 Kilometern öfters mit den besten Skatern Sessions teilen.

Später, so im Alter von 14 Jahren, es war 1989, kam dann noch das Snowboarding hinzu. Das war ein schöner Tag! Ein Bekannter, er hieß Niklas, lud mich zu einer ersten Session am nahegelegenen Lift im Rothaargebirge ein und gab mir sein altes Board. Zuerst machte ich mir Sorgen. Ob ich das wohl jemals lernen würde oder mich gar blamieren würde? Auf dem kleinen Berg oder großen Hügel angekommen, stellte ich mich zum ersten Mal auf ein Snowboard. Niklas gab mir noch einige Instruktionen, wie man die Richtung verändert, dann fuhr ich los und beherrschte das reine Fahren an sich sofort. Einige Minuten später machte ich meinen ersten Ollie-Air. Müde und überglücklich kam ich abends wieder nach Hause. Das alte Snowboard bekam ich dann geschenkt.

Mein Traum war es später immer, ein richtiger Big-Mountain-Rider zu werden und in Alaska den King of the Hill Contest mitzumachen oder zumindest dort zu leben. Ich wusste immer, dass dieses Ziel utopisch war. Dennoch klammerte ich mich manchmal daran. So verfolgte ich dieses Unterfangen schon irgendwie mit Ernst. Wie sehr mir auch dieser Sport später noch das Leben retten sollte und was für spannende Geschichten ich damit noch erleben sollte, davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Ahnung.

Das war dann als Jugendlicher mein Leben: Skateboarding sowie Snowboarding. Und Musik. Darüber hatte ich auch als Nebeneffekt viele interessante Menschen kennengelernt und Länder bereist. Windsurfen probierte ich auch mal eine Weile. Aber das wurde als dritter Sport einfach zu stressig und zu kostspielig. Dennoch hatte ich es über alles geliebt. Mit dreizehn Jahren nahm mich einer meiner Onkels zum ersten Mal an einen Baggersee mit. Irgendwann lag dann ein Buch von Robby Naish auf dem Geburtstagstisch. Mit Fotosequenzen erklärte es vieles, vom Wasserstart über die Halse bis hin zum Table Top. Ich blätterte das Buch immer wieder durch, wie ein Besessener. So wie Robby Naish surfen zu wollen, war natürlich Wunschdenken. Das Tolle daran war, dass ich mir die Abläufe durch das ständige Lesen und Blättern genau psychologisch im Kopf einprägte. Später schenkte mir der Sohn von einem Freund meines Vaters aus der Kirchengemeinde, er hieß Klaus, ein altes, großes und behäbiges Board, womit ich meine ersten Versuche unternahm. Weil ich das Buch auswendig gelernt hatte, ging dann alles recht schnell. Schon bald darauf vermachte dieser Klaus mir auch einen Semi-Sinker zum Spottpreis, mit dem ich dann zwischen meinen ersten Wellen surfen konnte, obwohl es ein Race-Board war. Das war an der Costa Brava, wo mein Dad mit der ganzen Familie und mir öfters mal hinfuhr.

Waren die Bedingungen gut für mich, saß ich abends immer auf dem Campingplatz und wollte vor Glück sterben: Das Brodeln der Brandung hinter der Düne, die Palmen und Pinien, die sich dem Wind beugten, der Anblick der Dünung, wenn nächtliches Schwarz das Meer überfiel und der Mond sein sanftes Licht über das Wasser goss – da fiel mein Blick oft auf mein Board und das Rigg neben dem Zelt und ich dachte, was für ein vollkommene Sache dieses Windsurfen doch ist.

Jedoch so im Alter von 20 Jahren merkte ich, dass ich über den Wasserstart, eine Halse und einen Semi-Sinker mit Trapez irgendwie nie so richtig hinausgekommen war – und meine sportlichen Ziele damit eigentlich verfehlt hatte. Denn wenn man in der Mitte Europas auf dem Festland wohnt, kann man als Schüler oder Zivi immer nur im Sommer während der Ferien surfen gehen, und man hängt alle Hoffnungen immer an den einzigen Surftrip im Jahr. Dann immer dieses ständige warten auf den Wind. Da sitzt man dann im Urlaub und ärgert sich im Grunde oft, dass er nicht kommt. Manchmal regt sich ein Windchen hinter der Düne, dann rennt man dann zum Strand, aber es gibt immer noch keine Schaumkronen auf dem Wasser und kein richtiges Lüftchen kommt rein. Da liegen sie dann rum: das Rigg und das Board.

Am Ende des Urlaubs hievt man das Ganze wieder auf das Autodach, fährt wieder nach Hause und kommt sich dabei merkwürdig vor, weil es nur einen oder zwei Tage richtigen Wind gab.

Diese kurze Zeit war dann meistens wunderschön, aber wozu eigentlich der ganze Aufwand? Also irgendwann endlich weg mit dem Equipment: Da kam ich mir wie befreit vor, hauptsächlich vom Zugzwang, den das ganze Zeug auf dem Autodach so mit sich bringt.

Irgendwie hatte der Abschied dann doch wehgetan. Denn am Anfang machte es wirklich Spaß. Mein Dad surfte auch, und wir schlossen uns manchmal mit anderen kurz, die auch windsurften. Einmal schenkte mir ein aus meiner Sicht älterer Windsurfer ein kleines Aluminiumgerät als Hilfe zum Aufriggen zum Geburtstag. Ein anderes Mal lernten wir in Frankreich, wo wir auch öfters hinfuhren, einen totalen Surf-Crack aus den Niederlanden kennen, der mit seiner Familie gleich gegenüber auf dem gleichen Campingplatz Urlaub machte.

Ich dachte mir bei meinen ganzen Hobbys während meiner Jugend nichts und wollte einfach nur Spaß haben und suchte manchmal das Adrenalin. Die Schule machte ich natürlich mit links. Mir fiel dies alles einfach so zu, alles gelang immer, es gab nie Widerstände, bei allem, was ich je begann, und dies machte mich zu einem völlig selbstbewussten jungen Mann, den scheinbar niemand aufhalten wollte und konnte.

Klangwelten

Im Alter von sechs Jahren bekam ich zum ersten Mal Klavierunterricht. Klassik. Mozart. Beethoven. Bach. Das ganze Programm. Ich quälte mich durch und fand es sehr anstrengend, oder es war nicht so mein Fall. In einer späteren Phase meines Lebens sollte ich dann aber wieder mit großem Enthusiasmus darauf zurückgreifen. Damals wechselte ich erstmal den Lehrer. Das hatte meine Mutter arrangiert: ein netter Afrika-Deutscher mit leichtem bayerischem Akzent also. Der Mann war mir sofort sympathisch und brachte mir alles Mögliche bei: Pop, Blues, Jazz und auch südamerikanische Stile. Schon bald hatte ich meine ersten Auftritte. Kam öfters mal in die lokale Tagespresse. Einmal begleitete ich eine tolle Jazz-Sängerin in einem renommierten Kultur-Club in Marburg am Flügel. Das hatte der Lehrer eingefädelt und es war irre schön. Den Song habe ich heute immer noch im Ohr.

Mein Leben drehte sich immer schneller. Ich eroberte ganze Klangwelten, brodelnde Meere, tief verschneite Grate und sogar Gipfel, wundersame Landschaften und Länder. Es war, als ob ich wie in einem wunderschönen, surrealen Film mit einem eigenen Soundtrack lebte, mit absoluter Hoheit über meine Ziele, über meinen Körper, über meinen Geist, und egal, was ich mir vornahm, ich machte es einfach und nahm mir alles, was ich mir je erträumt hatte und wonach mir einfach der Sinn stand. Es war die ultimative Freiheit, so zu leben, schien es mir damals.

Mit der E-Gitarre bin ich in den 90ern eigentlich am weitesten gekommen als Indie-Pop-Komponist. Als Lead-Sänger setzte ich meine eigenen Songs mit meinem Bruder am Schlagzeug um, begleitet von einem Bassisten. Der hatte uns mal im KFZ in Marburg einen Vorband-Auftritt bei einer landesweit bekannten Indie-Band aus Hamburg organisiert. Denen hatte es jedenfalls gefallen. Die meinten zu meinem Bruder, wir wären ganz okay gewesen oder so ähnlich. Eines Tages sagte unser Bassist, er hatte einen alten Mercedes, dass er einen Vorspiel-Termin – ich glaube es war ein Unterlabel von EMI – in München klarmachen könne. Das wurde mir dann irgendwie alles zu konkret und ich beendete das Projekt, weil mir das ganze Rock´n Roll Business und was so alles dazugehören mag zu heiß wurde. Ein weiterer Grund dafür war: Man sollte Musik niemals verkaufen, weil sie dann unecht wirkt. Deswegen verschenke ich sie noch heute ausschließlich. Wer dabei nie an das große Geld denkt, wirkt immer authentischer. Denn wenn man seine musikalische Seele vor finanziellen Interessen schützt, wird man immer unbefangene und ohne Geld-Druck noch mehr beseelte Musik machen.

Bei einem anderen Projekt, das stilistisch etwas härter war, spielte ich als zweiter Sänger und Gitarrist mit, zum Teil ebenfalls in kleinen, aber durchaus angesagten Indie-Rock-Clubs in Hessen oder auch Open Air, meistens so vor mindestens 200 Zuhörern. Mein Bruder war auch mit dabei als Schlagzeuger. Das war für uns ganz normal, öfters mal auf einem Foto in der lokalen Presse zu sein. Ich glaube, die Zuhörer hatten uns wirklich gemocht. Bei einem weiteren Konzert in Marburg, an das ich mich noch erinnere – der Laden hieß damals Café Trauma –, fuhren die Zuhörer total auf uns ab. Wie in einem Film.

Aber diese Musik, die ich in den 90ern komponierte oder begleitete, hatte nichts mehr mit meinem christlichen Glauben zu tun. Damals war mir das egal. Der Grund, dass ich mich davon distanzierte, war zunächst die Aufnahme meines Studiums, währenddessen ich morgens und abends immer lernte und nachmittags in der Sonne Skateboard fahren sollte, um gut drauf zu bleiben. Später, als ich unten war, sah ich den Piano-Lehrer zufällig mal am Rudolfsplatz in Marburg. Er erkannte mich natürlich nicht, weil ich mich total verändert hatte. Es war unter einer großen Uhr, die sich halb über den Bürgersteig spannte. Da schämte ich mich plötzlich zum ersten Mal für mich, weil ich zu diesem Zeitpunkt total mies draufgekommen war. Die große Uhr, ich wertete sie als ein Omen. Es war natürlich einfach Zufall, aber irgendwie trotzdem ein Zeichen für mich, den Weg wieder zurückzugehen, zumindest erstmal musikalisch.

Das Piano bedeutet mir heute alles. Es ist mein christlicher Altar. Eine Verbindung zu Gott. Etwas Transzendentes, das mir kein Mensch auf der Welt absprechen kann und das ich für kein Geld in dieser Welt verkaufen würde. Dieses Talent schmiss ich damals jedoch zunächst hin und es rostete für lange Jahre ein.

Besuch aus Israel

Schon in meiner späten Kindheit war mir klar, dass ich einen Medienberuf lernen wollte: Auslöser war ein Artikel in der F.A.Z., die mein Dad – er war evangelischer Pfarrer – damals abonniert hatte: Es ging um einen Snowboarder und Big-Mountain-Rider aus Alaska. Da wusste ich bereits als Kind, dass das genau mein Job ist, weil ich gut mit Sprache umgehen kann und zu diesem Zeitpunkt noch auf ganz verschiedene Menschen zugehen konnte und viele Leute kannte. Alternativ spielte ich auch manchmal mit dem Gedanken, Kriminalistik zu studieren, um eine höhere Polizeilaufbahn einzuschlagen, aber ich befürchtete, dass mein damaliger Lebensstil dafür teilweise unpassend war und traute mir das deswegen weniger zu.