Der Turm - Stephen King - E-Book

Der Turm E-Book

Stephen King

4,5
9,99 €

oder
Beschreibung

Kings wichtigstes Werk findet seinen krönenden Abschluss

Der neue große Roman von Stephen King ist gleichzeitig das grandiose Finale seines Zyklus um den Dunklen Turm. Sein Held Roland, der Revolvermann, und seine Gefährten sind am Ende eines langen Weges angekommen.

Über dreißig Jahre hat Stephen King an seinem Opus magnum im Geiste und auf Papier gefeilt und geschrieben. Nun steht sein Held, der Revolvermann Roland, vor dem „Dunklen Turm“, wo seine Suche endet. Mit „Der Turm“ liefert Stephen King das große Finale eines Romanzyklus, der schon jetzt als moderner Klassiker gilt und in einem Atemzug mit „Der Herr der Ringe“ genannt werden muss.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1436

Bewertungen
4,5 (96 Bewertungen)
64
16
16
0
0



Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Der Autor
Lieferbare Titel
Inschrift
TEIL EINS – DER KLEINE ROTE KÖNIG DAN-TETE
Kapitel I – CALLAHAN UND DIE VAMPIRE
1
2
3
4
5
6
7
Kapitel II – VON DER WOGE GETRAGEN
1
2
3
4
5
6
7
8
Kapitel III – EDDIE TRIFFT EINE ENTSCHEIDUNG
1
2
3
4
5
6
7
Kapitel IV – DAN-TETE
1
2
3
4
5
6
7
Kapitel V – IM DSCHUNGEL, DEM MÄCHTIGEN DSCHUNGEL
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
Kapitel VI – IN DER TURTLEBACK LANE
1
2
3
4
5
6
7
8
Kapitel VII – WIEDERVEREINIGUNG
1
2
3
TEIL ZWEI – DER BLAUE HIMMEL DEVAR-TOI
Kapitel I – DAS DEVAR-TETE
1
2
3
4
5
Kapitel II – DER BEOBACHTER
1
2
3
4
5
6
7
Kapitel III – DER GLÄNZENDE DRAHT
1
2
3
4
5
6
Kapitel IV – DIE TÜR NACH DONNERSCHLAG
1
2
3
Kapitel V – STEEK-TETE
1
2
3
4
5
6
Kapitel VI – DER HERR DES BLAUEN HIMMELS
1
2
3
4
5
6
7
8
9
Kapitel VII – KA-SHUME
1
2
3
4
5
Kapitel VIII – ANMERKUNGEN AUS DEM PFEFFERKUCHENHÄUSCHEN
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Kapitel IX – SPUREN AUF DEM PFAD
1
2
3
Kapitel X – DAS LETZTE PALAVER (SHEEMIES TRAUM)
1
2
3
4
5
6
7
Kapitel XI – DER ANGRIFF AUF ALGUL SIENTO
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Kapitel XII – DAS TET ZERBRICHT
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
TEIL DREI – IN DIESEM DUNST AUS GRÜN UND GOLD VES’-KA GAN
Kapitel I – MRS. TASSENBAUM FÄHRT NACH SÜDEN
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Kapitel II – VES’-KA GAN
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
Kapitel III – WIEDER IN NEW YORK (ROLAND WEIST SICH AUS)
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Kapitel IV – FEDIC (ZWEI ANSICHTEN)
1
2
3
4
TEIL VIER – DIE WEISSEN LANDE VON EMPATHICA DANDELO
Kapitel I – DAS LEBEWESEN UNTER DEM SCHLOSS
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
Kapitel II – AUF DER ÖDLAND-PRACHTSTRASSE
1
2
3
4
5
6
7
8
Kapitel III – DAS SCHLOSS DES SCHARLACHROTEN KÖNIGS
1
2
3
4
5
6
7
8
Kapitel IV – FELLE
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
Kapitel V – JOE COLLINS AUS DER ODD’S LANE
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Kapitel VI – PATRICK DANVILLE
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
TEIL FÜNF – DAS SCHARLACHROTE FELD DER CAN’-KA NO REY
Kapitel I – DER ABSZESS UND DIE TÜR (ADIEU, MEINE LIEBE)
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Kapitel II – MORDRED
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
Kapitel III – DER SCHARLACHROTE KÖNIG UND DER DUNKLE TURM
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
Epilog
Koda Gefunden
ANHANG
Anmerkungen des Verfassers
Copyright
Das Buch
Mit Der Turm liefert Stephen King das große Finale seines Romanzyklus Der Dunkle Turm, der schon jetzt als moderner Klassiker gilt und in einem Atemzug mit Der Herr der Ringe genannt werden muss. Roland Deschain, der letzte Revolvermann in einer Welt, die sich weiterbewegt hat, steht endlich vor dem Ziel seiner epischen Reise, dem Turm selbst, dem Zentrum aller Zeiten, der Mitte aller Welten. Die Gruppe seiner Gefährten ist auf schmerzliche Weise kleiner geworden, und Mordred und die bösen Kräfte des scharlachroten Königs unternehmen einen letzten verzweifelten Versuch, Roland aufzuhalten.
»Ein Werk von hypnotischer Kraft, eine faszinierende Mischung aus Spannung und Sentimentalität, eine mitreißende Geschichte voller Dämonen, Monstern, Fluchten und geheimnisvoller Türen.« The New York Times
Der Autor
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.
Lieferbare Titel
Langoliers – Susannah – Das Bild – tot.- Schwarz – Glas – Drei – Wolfsmond – Der Turm – Der Talisman
Wer spricht, ohne aufmerksame Zuhörer zu haben, ist stumm.Deshalb, treuer Leser, ist dieser Abschlussbanddes Dunklen-Turm-Zyklus dir gewidmet.Lange Tage und angenehme Nächte.
Nicht hören? O, laut klang mir’s in die Ohren Wie Glockenschall. Die Namen all der Scharen Vernahm ich, die vor mir des Wegs gefahren, Wie jener kühn war, dieser auserkoren Vom Glück, und der vom Ruhm – hin und verloren Die Helden alle weh! seit langen Jahren!
Sie standen, bleiche Schemen, in der Runde, Des Endes harrend, starrend unverwandt Der Opfer jüngstes an. Im Flammenbrand Sah und erkannt’ ich all’ in dieser Stunde, Doch keck führt’ ich mein Hifthorn hin zum Munde Und blies: »Zum finstern Turm kam Herr Roland!«
ROBERT BROWNING »Herr Roland kam zum finstern Turm.«
I was bornSix-gun in my hand,Behind a gunI’ll make my final stand.
BAD COMPANY
What have I become?My sweetest friendEveryone I knowGoes away in the endYou could have it allMy empire of dirtI will let you downI will make you hurt
TRENT REZNOR
REPRODUKTIONOFFENBARUNGERLÖSUNGWIEDERAUFNAHME
TEIL EINS
DER KLEINE ROTE KÖNIG DAN-TETE
Kapitel I
CALLAHAN UND DIE VAMPIRE

1

Pere Don Callahan war einst der katholische Geistliche einer Kleinstadt gewesen – Jerusalem’s Lot hatte sie geheißen -, die auf keiner Landkarte mehr existierte. Das kümmerte ihn jetzt nicht mehr viel. Begriffe wie Realität hatten aufgehört, für ihn eine Rolle zu spielen.
Dieser ehemalige Priester hielt jetzt einen heidnischen Gegenstand in der Hand, eine fein aus Elfenbein geschnitzte kleine Schildkröte. Ihr Maul war durch einen winzigen Spalt entstellt, und ihr Panzer wies einen Kratzer in Form eines Fragezeichens auf, aber sonst war sie ein schönes Stück.
Schön und machtvoll. Er konnte ihre Kraft wie elektrische Spannung in den Händen spüren.
»Wie schön sie ist!«, flüsterte er dem neben ihm stehenden Jungen zu. »Ist sie die Schildkröte Maturin? Das ist sie, nicht wahr?«
Der Junge hieß Jake Chambers, und er war einen weiten Weg gegangen, um fast wieder zu seinem Ausgangspunkt hier in Manhattan zurückzukehren. »Weiß ich nicht«, sagte er. »Vermutlich. Susannah nennt sie Sköldpadda, und sie kann uns vielleicht helfen, aber sie kann die Killer, die uns dort drinnen erwarten, nicht töten.« Er nickte zum Dixie Pig hinüber und fragte sich, ob er statt Susannah nicht Mia meinte. Früher hätte er behauptet, das spiele keine Rolle, weil die beiden Frauen so eng miteinander verwoben seien. Inzwischen glaubte er jedoch, dass es wichtig war – oder es bald sein würde.
»Bist du bereit dazu?«, fragte Jake den Pere und meinte damit: Wirst du standhalten? Wirst du kämpfen? Wirst du töten?
»O ja«, sagte Callahan ruhig. Er steckte die Elfenbeinschildkröte mit den weisen Augen und dem zerkratzten Panzer wieder in seine Brusttasche mit den Reservepatronen für die Pistole, mit der er bewaffnet war, und klopfte dann auf das kunstvoll geschnitzte Ding, um sich zu vergewissern, dass es dort sicher aufgehoben war. »Ich schieße, bis die letzte Patrone verschossen ist oder ich tot bin. Und ist die Munition verschossen, bevor sie mich töten, schlage ich mit dem … Pistolengriff auf sie ein.«
Die Pause war so kurz, dass Jake sie nicht einmal wahrnahm. Aber in dieser Pause sprach das Weiße zu Father Callahan. Es war eine Macht, die er schon immer, sogar schon in seiner Kindheit gekannt hatte, obwohl es zwischendurch ein paar Jahre gegeben hatte, in denen er vom Glauben abgefallen war, in denen sein Wissen um diese Elementargewalt erst verblasst und dann ganz verloren gegangen war. Aber diese Zeit war vorüber, das Weiße war wieder sein, und er sagte Gott seinen Dank dafür.
Jake nickte, dann sagte er etwas, was Callahan kaum hörte. Und was Jake sagte, war nicht wichtig. Was jene andere Stimme sagte – die Stimme eines Wesens
(Gan)
das vielleicht zu groß war, um Gott genannt zu werden -, das war wichtig.
Der Junge muss weitermachen, erklärte ihm die Stimme. Was hier auch geschieht, wie immer es ausgeht, der Junge muss weitermachen. Deine Rolle in dieser Geschichte ist fast zu Ende. Seine nicht.
Sie gingen an einem Schild auf einem verchromten Ständer vorbei (WEGEN PRIVATVERANSTALTUNG GESCHLOSSEN). Jakes spezieller Freund Oy trottete mit erhobenem Kopf und grinsend hochgezogenen Lefzen zwischen ihnen einher. Auf der obersten Stufe griff Jake in die Schilftasche, die Susannah-Mio aus Calla Bryn Sturgis mitgebracht hatte, und zog zwei der Teller -’Rizas – heraus. Er schlug sie kurz aneinander, nickte, als sie dumpf dröhnten, und sagte dann: »Zeig mir deine Waffe.«
Callahan hob die Ruger, die Jake aus Calla New York mitgebracht und nun wieder dorthin zurückgebracht hatte; das Leben ist ein Rad, und wir alle sagen unseren Dank. Einen Augenblick lang hielt der Pere die Ruger wie ein Duellant neben der rechten Wange hoch. Dann berührte er seine Brusttasche, die von den Patronen und der Schildkröte ausgebeult war. Von der Sköldpadda.
Jake nickte. »Sobald wir drin sind, bleiben wir zusammen. Immer zusammen, immer mit Oy zwischen uns. Auf drei geht’s los. Und wenn wir anfangen, hören wir nicht mehr auf, bevor wir tot sind.«
»Nicht vorher.«
»Genau. Bist du bereit?«
»Ja. Gottes Liebe ruht auf dir, Junge.«
»Und auf dir, Pere. Eins … zwei … drei.« Jake öffnete die Tür, und gemeinsam traten sie in gedämpftes Licht und den süßlichen, würzigen Geruch von bratendem Fleisch.

2

Jake ging seinem vermeintlich sicheren Tod entgegen, indem er sich an zwei Dinge erinnerte, die Roland Deschain, sein wahrer Vater, gesagt hatte: Aus Kämpfen, die fünf Minuten dauern, entstehen Legenden, die tausend Jahre lang leben. Und: Man braucht nicht glücklich zu sterben, wenn’s so weit ist, aber man muss zufrieden sterben, denn man hat sein Leben von Anfang bis zum Ende gelebt, und Ka wird mit allem gedient.
Jake Chambers betrachtete das Dixie Pig zufriedenen Gemüts.

3

Auch mit kristallener Klarheit. Seine Sinne waren so geschärft, dass er nicht nur bratendes Fleisch, sondern auch den Rosmarin roch, mit dem es eingerieben worden war; er konnte nicht nur den stetigen Rhythmus seiner Atmung, sondern auch das murmelnde Fluten seines Bluts hören, das auf einer Halsseite zum Gehirn aufstieg und auf der anderen zum Herzen hinabsank.
Er erinnerte sich auch daran, dass Roland einmal gesagt hatte, selbst der kürzeste Kampf, vom ersten Schuss bis zur letzten zusammenbrechenden Gestalt, erscheine den Kämpfenden endlos lang. Die Zeit werde elastisch; dehne sich bis fast zum Verschwinden. Jake hatte genickt, als hätte er das alles verstanden, obwohl er nichts begriffen hatte.
Jetzt verstand er’s.
Sein erster Gedanke war, dass die Gegner zu zahlreich waren – bei weitem zu zahlreich. Er schätzte ihre Zahl auf nahezu hundert, von denen die meisten bestimmt zu Father Callahans »niederen Männern« gehörten. (Einige waren niedere Frauen, aber Jake zweifelte nicht daran, dass das vom Prinzip her egal war.) Zwischen ihnen verteilt – alle weniger fleischig als die niederen Folken, manche sogar schlank wie Florette; mit aschfahlem Teint und einer schwachen bläulichen Aura, die ihre Körper umgab -, befanden sich welche, die Vampire sein mussten.
Oy, dessen schmales, füchsisches Gesicht ernst wirkte, verharrte bei Fuß und ließ ein leises Winseln hören.
Der im Raum hängende Bratenduft stammte nicht von Schweinefleisch.

4

Ständig drei Meter zwischen uns, wenn drei Meter möglich sind, Pere – das hatte Jake draußen auf dem Gehsteig noch gesagt, und als sie sich dem kleinen Pult des Oberkellners näherten, ließ Callahan sich etwas nach rechts treiben, um diesen Abstand herzustellen.
Jake hatte ihn außerdem angewiesen, so laut und so lange zu kreischen, wie er nur konnte, und Callahan öffnete gerade den Mund, um eben das zu tun, als er wieder die Stimme des Weißen in seinem Kopf hörte. Sie sagte nur ein Wort, aber das genügte.
Sköldpadda, sagte sie.
Callahan hielt die Ruger noch immer neben seiner rechten Wange hoch. Jetzt griff er mit der Linken in die Brusttasche. Seine Wahrnehmung der Szene vor ihm war nicht so hypersensibilisiert wie die seines jungen Begleiters, aber er sah trotzdem sehr viel: die orangekarmesinroten Flambeaus an den Wänden, die Kerzen auf allen Tischen, die in Glasbehältern in einem helleren, an Halloween erinnernden Orange eingeschlossen waren, die leuchtend weiße Tischwäsche. Die linke Wand des Speisesaals verschwand hinter einem prächtigen Gobelin, auf dem Ritter mit ihren Fräulein an einem langen Tisch tafelten. Irgendetwas – Callahan wusste nicht genau, was diesen Eindruck hervorrief, die verschiedenen Anzeichen und Stimuli waren zu schwach ausgeprägt – sprach hier von Leuten, die nach einer kleinen Aufregung eben wieder zur Ruhe kamen: sagen wir nach einem kleinen Küchenbrand oder einem Verkehrsunfall auf der Straße.
Oder eine Lady, die ein Baby bekommt, dachte Callahan, während er die Hand um die Schildkröte schloss. Das ist immer für eine kleine Pause zwischen Vorspeise und Hauptgericht gut.
»Da kommen Gileads Ka-Mais!«, rief jemand mit einer aufgeregten, nervösen Stimme. Das war keine menschliche Stimme, dessen war Callahan sich halbwegs sicher. Sie klang zu summend, um menschlich zu sein. Am anderen Ende des Raums sah Callahan etwas stehen, was eine monströse Kreuzung aus Mensch und Vogel zu sein schien. Es trug Jeans mit gerade geschnittenen Beinen und ein einfaches weißes Hemd. Der aus diesem Hemdkragen ragende Kopf war mit glatten Federn in einem dunklen Gelb besetzt. Seine Augen glichen Tropfen flüssigen Teers.
»Auf sie!«, kreischte dieses schreckliche, lächerliche Wesen und fegte eine Serviette beiseite. Darunter lag irgendeine Art Waffe. Callahan vermutete, dass es eine Schusswaffe war, auch wenn sie wie etwas aussah, was aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise stammen konnte. Wie hatten die Dinger noch geheißen? Phaser? Lähmer?
Unwichtig. Callahan, der eine weit bessere Waffe hatte, wollte dafür sorgen, dass alle sie sahen. Er wischte die Gedecke und den Glasbehälter mit der Kerze vom Tisch, der ihm am nächsten war, und riss dann die Tischdecke wie ein Magier herunter, der einen Zaubertrick vorführte. Auf keinen Fall wollte er im entscheidenden Augenblick über liegen gebliebene Tischwäsche stolpern. Dann stieg er mit einer Gewandtheit, die er sich noch eine Woche zuvor niemals zugetraut hätte, auf einen der Stühle und von dort auf die Tischplatte. Sobald er auf dem Tisch stand, hielt er die Sköldpadda zwischen Daumen und Zeigefinger gefasst so hoch, dass alle sie gut sehen konnten.
Ich könnte mit schmachtender Stimme dazu singen, dachte er. Vielleicht »Moonlight Becomes You« oder »I Left My Heart in San Francisco«.
In diesem Augenblick war er seit genau vierunddreißig Sekunden im Dixie Pig.

5

Von Highschool-Lehrern, die in der Aula oder im Studiersaal mit großen Schülergruppen zu tun haben, kann man hören, dass Teenager, auch wenn sie frisch geduscht und frisch gekleidet sind, nach den Hormonen riechen, die ihre Körper so eifrig produzieren. Jede beliebige Personengruppe sondert unter Stress einen ähnlichen Gestank ab, und Jake, dessen Sinne aufs Höchste geschärft waren, roch ihn hier drinnen. Als sie am Pult des Oberkellners und Platzanweisers vorbeikamen (Erpresserzentrale, so hatte sein Dad solche Posten gern genannt), war der Geruch der im Dixie Pig versammelten Gäste noch schwach gewesen – der Geruch von Leuten, die sich nach irgendeiner kleinen Aufregung gerade wieder beruhigten. Aber als der Vogelmensch im hinteren Teil des Raums kreischte, nahm Jake den Geruch der Gäste schlagartig stärker wahr. Es war ein metallisches Aroma, das genügend Ähnlichkeit mit Blutgeruch hatte, um seine Gereiztheit und seine Gefühle in Wallung zu bringen. Ja, er sah Tweety die Serviette vom Tisch fegen; ja, er sah die Waffe darunter; ja, er begriff, dass Callahan, so offen wie er auf dem Tisch stand, ein leichtes Ziel bot. Trotzdem kümmerte ihn das alles weniger als die Waffe, mit der die Meute mobilisiert wurde – Tweetys Stimme. Jake zog gerade den rechten Arm zurück, um den ersten seiner neunzehn Teller zu werfen und damit den Kopf zu amputieren, aus dem diese Stimme drang, als Callahan die Schildkröte hochhielt.
Das funktioniert nicht, nicht hier drinnen, dachte Jake, aber noch bevor sein Gehirn diesen Gedanken ganz formuliert hatte, begriff er, dass es in Wirklichkeit doch funktionierte. Er merkte es am Geruch der anderen. Die Aggressivität entwich. Und die wenigen Gegner, die von ihren Tischen aufzustehen begonnen hatten – wobei die roten Löcher in den Stirnen der niederen Menschen zu klaffen, die blauen Auren der Vampire sich zusammenzuziehen und zu intensivieren schienen -, sackten wieder zurück, und das so heftig, als hätten sie plötzlich die Gewalt über ihre Muskeln verloren.
»Auf sie, das sind die, vor denen Sayre …« Dann verstummte Tweety. Die linke Hand – wenn man eine so hässliche Klaue als Hand bezeichnen konnte – berührte noch kurz den Griff seiner Hightech-Waffe, dann sank sie kraftlos herab. Seine Augen schienen glanzlos zu werden. »Sie sind die, vor denen Sayre … S-S-Sayre …« Wieder eine Pause. Dann sagte das Vogelding: »O Sai, was ist dieses herrliche Ding, das Ihr da in der Hand haltet?«
»Ihr wisst, was es ist«, antwortete Callahan. Jake bewegte sich, und Callahan, der sich daran erinnerte, was der junge Revolvermann ihm draußen gesagt hatte – Sorg dafür, dass ich jedes Mal, wenn ich nach rechts sehe, dein Profil neben mir habe -, stieg wieder vom Tisch, um mit ihm Schritt zu halten, wobei er weiterhin die Schildkröte hochhielt. Die Stille im Raum war fast mit Händen zu greifen, nur …
Nur dass es noch einen weiteren Raum gab. Raues Lachen und heiseres, bezechtes Gegröle – dem Klang nach eine Gesellschaft, die ganz in der Nähe feierte. Links von ihnen. Hinter dem Gobelin, auf dem die Ritter und ihre Fräulein tafelten. Irgendwas geht dahinter vor, dachte Callahan, und wahrscheinlich kein Pokerabend der Elks-Bruderschaft.
Er hörte Oy trotz dessen ständigen Grinsens schnell und leise keuchend atmen: ein perfekter kleiner Motor. Und noch etwas anderes hörte er. Ein scharfes Klappern, das mit einem raschen Klicken unterlegt war. Die Kombination der beiden Geräusche machte Callahan nervös und ließ ihm einen kalten Schauder über den Rücken laufen. Unter den Tischen verbarg sich irgendetwas.
Oy sah die vorrückenden Insekten als Erster und erstarrte wie ein Vorstehhund: eine Pfote erhoben, die Schnauze vorgereckt. Einen Augenblick lang bewegten sich nur seine dunklen, samtartig weichen Lefzen, die erst nach oben zuckten, um die zusammengebissenen Nadeln seiner Reißzähne sehen zu lassen, und dann wieder herabzuckten, um sie wieder zu verdecken.
Die Käfer rückten vor. Was immer sie sein mochten – die von der Hand des Peres hochgehaltene Schildkröte Maturin bedeutete ihnen nichts. Ein fetter Kerl in einem Smoking mit kariertem Revers sprach das Vogelding mit schwacher, fast klagender Stimme an: »Sie sollten nicht weiter als bis hierher gelangen, Meiman, auch nicht entkommen. Man hat uns gesagt, sie …«
Oy sprang nach vorn, wobei er mit zusammengebissenen Zähnen ein Knurren ausstieß. Dieser ganz entschieden nicht zu Oy passende Laut erinnerte Callahan an eine Comicsprechblase: Arrrrrr!
»Nein!«, rief Jake erschrocken. »Nein, Oy!«
Beim Klang der Stimme des Jungen verstummten das Lachen und Gegröle hinter dem Wandteppich so abrupt, als hätten die Folken dort hinten plötzlich gemerkt, dass sich im vorderen Raum etwas verändert hatte.
Oy achtete nicht auf Jakes Warnruf. Er zerbiss nacheinander drei der Käfer, wobei das Knacken ihrer zersplitternden Panzer in der neuerlichen Stille grausig laut zu hören war. Er machte keine Anstalten, sie zu fressen, sondern schleuderte die Kadaver der etwa mausgroßen Insekten mit einer ruckartigen Halsbewegung, bei der er zum Abschluss grinsend das Maul öffnete, nur hoch in die Luft.
Die anderen wichen sofort unter die Tische zurück.
Er ist wie dafür geschaffen, dachte Callahan. Vielleicht waren das einst alle Bumbler. Dafür geschaffen, wie manche Terrierrassen dafür gezüchtet werden …
Ein heiserer Schrei, der hinter dem Gobelin erklang, unterbrach diese Überlegung: »Humes!«, rief eine Stimme, und eine zweite ergänzte: »Ka-Humes!«
Callahan spürte den absurden Drang, »Gesundheit!« zurückzurufen.
Bevor er aber das oder sonst etwas rufen konnte, füllte plötzlich Rolands Stimme seinen Kopf.

6

»Jake, geh!«
Der Junge wandte sich verwirrt Pere Callahan zu. Er ging mit vor der Brust gekreuzten Armen, war bereit, die’Rizas nach dem ersten niederen Menschen zu werfen, der sich bewegte. Oy war auf seinen Platz bei Fuß zurückgekehrt, sah aber unaufhörlich von einer Seite zur anderen und hatte wegen der Aussicht auf weitere Beute glänzende Augen.
»Wir gehen gemeinsam«, sagte Jake. »Sie sind eingeschüchtert, Pere! Und wir sind dicht dran! Man hat sie hier durchgeschleppt … durch diesen Raum … und anschließend durch die Küche hinaus …«
Callahan achtete nicht auf ihn. Während er weiter die Schildkröte hochhielt (als hielte er in einer tiefen Höhle eine Laterne hoch), hatte er sich dem Gobelin zugewandt. Das Schweigen dahinter war weit schrecklicher als das Gegröle und das fieberhafte, gurgelnde Lachen zuvor. Dieses Schweigen glich einer auf sie gerichteten Waffe. Der Junge stand weiterhin auf der Stelle.
»Geh, solange du noch kannst«, sagte Callahan mit um Ruhe bemühter Stimme. »Hol sie ein, falls das geht. Das ist der Befehl deines Dinhs. Und das ist auch der Wille des Weißen.«
»Aber du kannst nicht …«
»Geh, Jake!«
Die niederen Männer und Frauen im Dixie Pig, ob im Bann der Sköldpadda oder nicht, murmelten beim Klang dieses Befehls unbehaglich, was nur angebracht war, da es auf einmal nicht Callahans Stimme war, die aus dessen Mund kam.
»Du hast nur diese eine Chance, und die musst du nutzen! Finde sie! Das befehle ich dir als dein Dinh!«
Jake riss die Augen auf, als er Rolands Stimme aus Callahans Kehle kommen hörte. Sein Mund stand offen. Er sah sich wie benommen um.
In der Sekunde, bevor der Gobelin links von ihnen weggerissen wurde, erkannte Callahan den schwarzen Humor der Darstellung, der auf den ersten flüchtigen Blick leicht zu übersehen gewesen war: der als Hauptgericht auf der Tafel stehende Braten hatte Menschengestalt; die Ritter und ihre Fräulein aßen Menschenfleisch und tranken Menschenblut. Was der Wandteppich zeigte, war ein Kannibalenmahl.
Dann rissen die Altvorderen, die bei ihrer eigenen Mahlzeit gesessen hatten, den obszönen Wandteppich beiseite, kamen dahinter hervorgestürmt und kreischten durch die gewaltigen Hauer, die ihr deformiertes Maul ständig offen hielten. Ihre Augen waren schwarz wie das Dunkel der Blindheit, die Haut ihrer Wangen und Stirn – selbst die ihrer Handrücken – mit wild wuchernden Zähnen besetzt. Wie die Vampire im Speisesaal waren sie von Auren umgeben, aber ihre leuchteten in einem giftigen Violett, das so dunkel war, dass es fast schwarz wirkte. Irgendeine eitrige Absonderung tropfte ihnen aus Augen- und Mundwinkeln. Sie schnatterten, und einige von ihnen lachten, aber sie schienen diese Laute nicht selbst zu erzeugen, sondern vielmehr aus der Luft zu schnappen, als wären diese etwas, was sich lebend reißen ließe.
Callahan erkannte sie. Natürlich tat er das. War er nicht einst selbst das Opfer eines dieser Ungeheuer geworden? Sie waren die wahren Vampire, die des Typs eins. Bislang im Verborgenen gehalten, wurden sie jetzt auf die Eindringlinge gehetzt.
Die Schildkröte hielt sie in keiner Weise auf.
Callahan sah, wie Jake sie anstarrte: blass, mit vor Entsetzen glänzenden, fast aus ihren Höhlen quellenden Augen, alle Zielbewusstheit beim Anblick dieser Missgeburten vergessen.
Ohne zu wissen, was aus seinem Mund kommen würde, bis er es selbst hörte, rief Callahan: »Sie werden Oy als Ersten töten! Sie werden ihn vor deinen Augen töten und sein Blut trinken!«
Oy kläffte, als er seinen Namen hörte. Jakes Blick schien bei diesem Laut wieder klar zu werden, aber Callahan hatte keine Zeit, das Schicksal des Jungen weiter zu verfolgen.
Die Schildkröte kann sie nicht aufhalten, aber sie hält zumindest die anderen zurück. Kugeln können sie nicht aufhalten, aber …
Wie bei einem Déjà-vu-Erlebnis – und warum auch nicht, schließlich hatte er das alles schon einmal im Haus eines Jungen namens Mark Petrie erlebt – griff Callahan vorn in sein Hemd und zog sein Brustkreuz heraus. Es klickte gegen den Griff der Ruger und baumelte dann an seiner Kette unter ihr. Das Kruzifix leuchtete in gleißend hellem, bläulich weißem Glanz. Die beiden Altvorderen in der ersten Reihe hatten eben nach ihm greifen, ihn in ihre Mitte zerren wollen. Jetzt wichen sie stattdessen vor Schmerzen aufschreiend zurück. Callahan sah ihre Hautoberfläche erst verschmoren, dann flüssig werden. Der Anblick erfüllte ihn mit wilder Freude.
»Weicht zurück!«, donnerte er. »Die Macht Gottes befiehlt es euch! Die Macht Christi befiehlt es euch! Das Ka von Mittwelt befiehlt es euch! Die Macht des Weißen befiehlt es euch!«
Einer stürzte sich trotzdem auf ihn: ein deformiertes Skelett in einem uralten, mit Moos bewachsenen Smoking. Um den Hals hatte es irgendeinen historischen Orden hängen – vielleicht das Malteserkreuz? Eine seiner Hände krallte mit langen Fingernägeln nach dem Kruzifix, das Callahan hochreckte. Er zog es im letzten Augenblick zurück, und die Klaue des Vampirs ging um Fingerbreite darüber hinweg. Callahan griff nun seinerseits an, ohne darüber nachzudenken, und bohrte die Spitze des Kreuzes in die gelbe, pergamentene Stirn des Wesens. Das goldene Kruzifix drang darein ein wie ein rot glühender Schürhaken in ein Stück Butter. Das Ding in dem bemoosten Smoking stieß gurgelnd einen verzweifelten Schmerzensschrei aus und taumelte rückwärts. Callahan riss sein Kreuz heraus. Bevor das alte Ungeheuer seine Klauen vor die Stirn schlug, sah er einen Augenblick lang das Loch, das sein Kreuz hinterlassen hatte. Dann begann eine dickflüssige gelbe Masse durch die Finger des Altvorderen zu quellen. Seine Knie gaben nach, und er brach zwischen zwei Tischen zusammen. Seine Genossen wichen vor ihm zurück und kreischten dabei vor ohnmächtiger Wut. Unter den verdrehten Händen des Wesens fiel dessen Gesicht bereits in sich zusammen. Dann erlosch seine Aura wie eine Kerze und ließ nichts zurück als gelbes, sich verflüssigendes Fleisch, das wie Erbrochenes aus seinen Jackenärmeln und Hosenbeinen quoll.
Callahan trat forsch auf die anderen zu. Seine Angst hatte sich verflüchtigt. Auch die Scham, die wie ein Schatten über ihm gehangen hatte, seit Barlow ihm sein Kruzifix weggenommen und es zerbrochen hatte, war verflogen.
Endlich frei, dachte er. Endlich frei, allmächtiger Gott, ich bin endlich frei. Dann: Ich glaube, das ist die Erlösung. Und sie fühlt sich gut an, nicht? Sogar ziemlich gut.
»Wirf ihn beiseite!«, rief einer der Vampire, während er sich beide Hände schützend vors Gesicht hielt. »Erbärmlicher Tand des’chafgottes, wirf ihn beiseite, wenn du’s wagst!«
Erbärmlicher Tand des’chafgottes, findest du? Weshalb schreckt ihr dann davor zurück?
Gegenüber Barlow hatte er es nicht gewagt, sich dieser Herausforderung zu stellen, und das war sein Untergang gewesen. Im Dixie Pig wandte Callahan das Kruzifix dem Wesen zu, das zu sprechen gewagt hatte.
»Ich brauche meinen Glauben nicht dafür aufs Spiel zu setzen, dass ein Ding wie Ihr mich herausfordert, Sai«, sagte er mit klar durch den Raum hallender Stimme. Er hatte die Altvorderen bis fast zu dem Durchgang zurückgetrieben, durch den sie gekommen waren. Auf den Händen und Gesichtern der Vampire in der vordersten Reihe hatten sich große dunkle Geschwüre gebildet, die sich wie Säure in ihre pergamentartige Haut hineinfraßen. »Und ich würde einen so alten Freund ohnehin niemals beiseite werfen. Aber ihn wegstecken? Aye, wenn Ihr das wünscht.« Daraufhin versenkte er das Brustkreuz wieder in seinem Hemd.
Mehrere Vampire stürmten augenblicklich vor, wobei ihre von Zähnen überquellenden Münder wie zu einem Grinsen verzogen waren. Callahan streckte ihnen die Hände entgegen. Seine Finger (und der Lauf der Ruger) leuchteten wie in bläuliches Feuer getaucht. Auch die Augen der Schildkröte waren jetzt von Licht erfüllt; ihr Panzer leuchtete ebenfalls.
»Rührt mich nicht an!«, rief Callahan laut. »Die Macht Gottes und des Weißen befiehlt es euch!«

7

Als der schreckliche Schamane sich den Großvätern zuwandte, fühlte Meiman von den Taheen, wie der furchtbare, herrliche Glanz der Schildkröte sich etwas abschwächte. Er sah, dass der Junge fort war, was ihn mit Schrecken erfüllte, aber wenigstens war er weiter hineingegangen, statt das Dixie Pig zu verlassen, sodass sich vielleicht noch alles zum Guten wendete. Falls der Junge jedoch die Tür nach Fedic fand und sie auch benutzte, konnte Meimans Lage wirklich höchst unangenehm werden. Sayre unterstand nämlich Walter o’ Dim, und Walter wiederum unterstand direkt dem Scharlachroten König.
Unwichtig. Immer eines nach dem anderen. Erst war dieser Schamane dran. Die Großväter auf ihn hetzen. Dann die Verfolgung des Jungen aufnehmen, ihm vielleicht nachrufen, sein Freund brauche ihn doch, das konnte funktionieren …
Meiman (für Mia der Kanarienmann, für Jake dagegen Tweety der Vogel) schlich vorwärts, packte Andrew – den fetten Kerl in dem Smoking mit kariertem Revers – mit einer Hand und Andrews noch dickere Liebste mit der anderen. Dann nickte er zu Callahan hinüber, der ihnen den Rücken zukehrte.
Tirana schüttelte vehement den Kopf. Meiman öffnete den Schnabel und zischte sie an. Sie wich erschrocken vor ihm zurück. Die Menschenmaske, die Tirana trug, hatte Detta Walker bereits in die Finger bekommen, sodass sie ihr in Fetzen um Kinn und Hals hing. In der Mitte ihrer Stirn öffnete und schloss sich eine rote Wunde wie die Kiemen eines verendenden Fischs.
Meiman wandte sich Andrew zu und ließ ihn gerade so lang los, um auf den Schamanen zu zeigen und sich mit der Klaue, die ihm als Hand diente, in einer grimmig ausdrucksvollen Geste quer über den gefiederten Hals zu fahren. Andrew nickte und schob die pummeligen Hände seiner Liebsten weg, die ihn aufzuhalten versuchte. Die Menschenmaske saß gut genug, um erkennen zu lassen, dass der niedere Mann in dem geschmacklosen Smoking sichtbar allen Mut zusammennahm. Dann sprang er mit einem erstickten Schrei vor, bekam Callahan zu fassen und schlang ihm seine fetten Unterarme um den Hals. Im selben Augenblick stürzte sein Feinsliebchen vor und schlug dem Pere die Elfenbeinschildkröte aus der Hand, wobei sie laut kreischte. Die Sköldpadda fiel auf den roten Teppich, hüpfte unter einen der Tische und verabschiedete sich damit (wie ein bestimmtes Papierschiffchen, an das manche sich andernorts erinnern werden) endgültig aus dieser Geschichte.
Die Großväter hielten sich wie die Vampire des Typs drei, die im Hauptspeisesaal gegessen hatten, weiterhin zurück, aber die niederen Männer und Frauen spürten des Gegners Schwäche und gingen zum Angriff über, erst noch zögernd, dann zunehmend selbstbewusst. Sie umzingelten Callahan, nahmen all ihren Mut zusammen und fielen dann gemeinsam über ihn her.
»Im Namen Gottes, rührt mich nicht an!«, rief Callahan, was natürlich nichts nutzte. Im Gegensatz zu den Vampiren reagierten die Ungeheuer mit der roten Wunde in der Stirnmitte nicht auf den Namen von Callahans Gott. Er konnte nur hoffen, dass Jake nicht stehen bleiben und erst recht nicht umkehren würde; dass er und Oy wie der Wind zu Susannah eilen würden. Um sie nach Möglichkeit zu retten. Um andernfalls mit ihr zu sterben. Und um ihr Baby zu töten, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot. Gott sei ihm gnädig, aber in diesem Punkt hatte er sich geirrt. Sie hätten dem Leben des Ungeborenen bereits in der Calla ein Ende setzen sollen, als sie die Gelegenheit dazu noch gehabt hatten.
Etwas biss ihn tief in den Hals. Kruzifix oder nicht, nun würden die Vampire kommen. Wie die Haie würden sie über ihn herfallen, sobald sie seinen Lebenssaft erst einmal witterten. Hilf mir, Gott, gib mir Kraft, dachte Callahan und fühlte, wie neue Kraft in ihn strömte. Als Krallen nach ihm schlugen und ihm das Hemd zerfetzten, wälzte er sich nach links. Für einen Augenblick war seine rechte Hand frei, in der er weiter die Ruger hielt. Er richtete sie auf das erregte, verschwitzte, von Hass verzerrte Gesicht des fetten Kerls namens Andrew und setzte die Mündung der Pistole (die Jakes nicht wenig paranoider Vater, ein Fernsehmensch in leitender Stellung, in weit zurückliegender Vergangenheit zum Schutz seines Heims gekauft hatte) auf die weiche rote Wunde in der Stirnmitte des niederen Mannes.
»Nei-iiin, das wagst du nicht!«, rief Tirana, und als sie nach der Waffe griff, platzte das Oberteil ihres Abendkleids endgültig auf und setzte ihre gewaltigen Brüste frei. Sie waren mit struppigem Fell bedeckt.
Callahan drückte ab. In dem geschlossenen Raum klang der Schussknall der Ruger ohrenbetäubend laut. Andrews Kopf explodierte wie ein mit Blut gefüllter Kürbis und bespritzte die Wesen, die hinter ihm herandrängten. Sie ließen entsetzte, ungläubige Schreie hören. Callahan hatte noch Zeit zu denken: So war’s nicht gemeint, stimmt’s? Und: Genügt das, um in den Club aufgenommen zu werden? Bin ich schon ein Revolvermann?
Möglicherweise nicht. Aber da war noch der Vogelmensch, der zwischen zwei Tischen vor ihm stand und den Schnabel öffnete und schloss, während sein Hals vor Aufregung deutlich sichtbar pulsierte.
Während aus seinem zerfetzten Hals Blut auf den Teppich gepumpt wurde, stützte Callahan sich lächelnd auf den Ellbogen und zielte mit Jakes Ruger.
»Nein!«, rief Meiman und hob seine missgestalteten Hände in einer völlig wertlosen beschützenden Geste vors Gesicht. »Nein, Ihr KÖNNT NICHT …«
Kann ich doch, dachte Callahan mit kindlicher Freude und drückte wieder ab. Meiman machte zwei Stolperschritte rückwärts, dann noch einen dritten. Er prallte gegen einen der Tische und brach darauf zusammen. Drei gelbe Federn hingen zunächst über ihm in der Luft und segelten dann träge zu Boden.
Callahan hörte wildes Geheul, nicht vor Zorn oder Angst, sondern vor Hunger. Der Blutgeruch war schließlich in die verwöhnten Nasen der Altvorderen gestiegen, und sie würden sich jetzt von nichts mehr aufhalten lassen. Nun, wenn er nicht so werden wollte wie sie …
Pere Callahan, einst Father Callahan aus Jerusalem’s Lot, richtete die Mündung der Ruger auf sich selbst. Er verlor keine Zeit damit, in der Dunkelheit des Pistolenlaufs die Ewigkeit zu suchen, sondern drückte sie tief gegen die Unterseite seines Kinns.
»Heil, Roland!«, sagte er und wusste
(die Woge, sie werden von der Woge getragen)
dass er gehört wurde. »Heil, Revolvermann!«
Als die alten Ungeheuer über ihn herfielen verstärkte er den Druck auf den Abzug. Callahan wurde unter dem Gestank ihres kalten, blutlosen Atems begraben, aber nicht davon entmutigt. Er hatte sich noch nie so stark gefühlt. In seinem ganzen Leben war er am glücklichsten gewesen, als er ein einfacher Vagabund gewesen war, kein Geistlicher, sondern nur der Callahan der Landstraße, und er spürte, dass er bald wieder befreit sein würde, um jenes Leben fortzuführen und zu wandern, wohin es ihm gefiel, nachdem nun seine Pflicht getan war, und das war gut so.
»Mögest du deinen Turm finden, Roland, und ihn erstürmen, mögest du ihn bis ganz oben erklimmen!«
Die Zähne seiner alten Feinde, dieser uralten Brüder und Schwestern jenes Ungeheuers, das sich Kurt Barlow genannt hatte, gruben sich wie Stacheln in ihn. Callahan spürte sie nicht. Er lächelte, als er den Abzug betätigte und ihnen für immer entrann.
Kapitel II
VON DER WOGE GETRAGEN

1

Auf der Rückfahrt entlang der unbefestigten Straße, auf der sie zum Haus des Schriftstellers in der Kleinstadt Bridgton gelangt waren, kamen Eddie und Roland an einem orangeroten Pick-up mit dem
Schriftzug CENTRAL MAINE POWER MAINTENANCE auf den Türen vorbei. In der Nähe war ein Mann mit gelbem Schutzhelm und orangeroter Sicherheitsweste dabei, Äste abzusägen, die der tief hängenden Stromleitung gefährlich werden konnten. Und spürte Eddie in diesem Augenblick etwas, irgendeine sich sammelnde Kraft? Vielleicht einen Vorläufer der Woge, die dem Pfad des Balkens folgend auf sie zubrandete? Später glaubte er, dass dem so gewesen war, ohne es allerdings mit Bestimmtheit sagen zu können. Er war weiß Gott bereits in eigenartiger Stimmung gewesen – und konnte man ihm das verübeln? Wie viele Leute lernten schon jemals ihren Schöpfer kennen? Nun … Stephen King hatte Eddie Dean, einen jungen Mann, dessen Co-Op City zufällig nicht in der Bronx, sondern in Brooklyn lag – eigentlich nicht geschaffen … jedenfalls noch nicht, in diesem Jahr 1977 noch nicht, aber Eddie war davon überzeugt, dass King es irgendwann tun würde. Wie hätte Eddie sonst hier sein können?
Eddie hielt schräg vor dem Pick-up des Versorgungsunternehmens, stieg aus und fragte den schwitzenden Mann mit der Kettensäge nach dem Weg zur Turtleback Lane in der Gemeinde Lovell. Der Arbeiter von Central Maine Power gab bereitwillig Auskunft und fügte dann noch hinzu: »Wenn Sie heute wirklich nach Lovell wollen, müssen Sie die Route 93 nehmen. Die Schlammpiste, wie manche Leute sie nennen.«
Er hob eine Hand und schüttelte den Kopf wie jemand, der Widerspruch zuvorkommen wollte, obwohl Eddie seit seiner ursprünglichen Frage eigentlich kein Wort mehr gesagt hatte.
»Ich weiß, sie ist sieben Meilen länger und verdammt holperig, aber in East Stoneham ist heute kein Durchkommen. Die Cops haben alles abgeriegelt. Verkehrspolizei, die hiesigen Bullen, sogar die vom Oxford County Sheriff’s Department.«
»Ohne Scheiß?«, sagte Eddie. Das erschien ihm als unverfängliche Reaktion.
Der Mann nickte grimmig. »Niemand scheint genau zu wissen, was passiert ist, aber es hat eine Schießerei – möglicherweise mit Schnellfeuerwaffen – und Explosionen gegeben.« Er schlug mit der Hand auf das abgewetzte, mit Sägemehl bedeckte Sprechfunkgerät, das er am Gürtel trug. »Ich hab heute Nachmittag sogar ein- oder zweimal das T-Wort gehört. Hat mich nicht mal überrascht.«
Eddie hatte keine Ahnung, was dieses T-Wort sein könnte, aber er wusste, dass Roland es eilig hatte. Er konnte die Ungeduld des Revolvermanns geradezu im Kopf spüren; er konnte fast die ungeduldig kreisende Bewegung von Rolands Hand sehen, die Los, los! bedeutete.
»Ich rede von Terrorismus«, sagte der Mann und senkte dann die Stimme. »Die Leute denken, dass solcher Scheiß in Amerika nicht passieren kann, aber glauben Sie mir, das kann er doch. Wenn nicht heute, dann früher oder später. Irgendwer wird die Freiheitsstatue oder das Empire State Building in die Luft jagen, das glaub ich – die Rechtsextremisten, die Linksradikalen oder die gottverdammten A-Raber. Es gibt einfach zu viele verrückte Leute.«
Eddie, der oberflächliche Kenntnis von zehn Jahren mehr US-Geschichte hatte als dieser Kerl, nickte. »Wahrscheinlich haben Sie Recht. Jedenfalls vielen Dank für den Hinweis.«
»Wollte Ihnen nur Zeit sparen.« Und als Eddie die Fahrertür von John Cullums Ford-Limousine öffnete: »Haben Sie sich mit jemandem geprügelt, Mister? Sie sehen reichlich zerbeult aus. Sie hinken ja.«
Eigentlich hatte Eddie sogar eine Schießerei überlebt, bei der er einen Streifschuss am Oberarm und eine Kugel in die rechte Wade abbekommen hatte. Da keine dieser Wunden lebensgefährlich war, hatte er sie angesichts der sich überschlagenden Ereignisse praktisch vergessen. Jetzt taten sie auf einmal wieder verdammt weh. Weshalb in drei Teufels Namen war er bloß so dämlich gewesen, die Percocet-Tabletten zurückzuweisen, die Aaron Deepneau ihm angeboten hatte!
»Yeah«, sagte er, »darum fahre ich ja nach Lovell. Der Hund von so’nem Typen hat mich gebissen. Darüber müssen er und ich uns jetzt mal unterhalten.« Eine absonderliche Geschichte, die nicht gerade viel Handlung zu bieten hatte, aber er war ja auch kein Schriftsteller. Das war Kings Job. Jedenfalls verschaffte die Geschichte ihm die Gelegenheit, sich wieder ans Steuer von Cullums Ford Galaxie zu setzen, bevor der Mann von der Elektrizitätsgesellschaft weiterfragen konnte, womit sie aus Eddies Sicht ein Erfolg war. Er fuhr schnell davon.
»Weißt du, wie wir fahren müssen?«, fragte Roland.
»Yeah.«
»Gut. Alles entscheidet sich fast gleichzeitig, Eddie. Wir müssen so schnell wie möglich zu Susannah. Auch zu Jake und Pere Callahan. Und das Baby kommt, was immer es sein mag. Ist vielleicht schon angekommen.«
An der Kansas Road biegen Sie rechts ab, hatte der Mann von der Elektrizitätsgesellschaft Eddie angewiesen (Kansas wie in Dorothy, Toto und Tante Em, alles entscheidet sich fast gleichzeitig), und das tat er nun. So fuhren sie nach Norden weiter. Die Sonne stand zu ihrer Linken hinter Bäumen, deren Schatten über beide Fahrspuren der Asphaltstraße fiel. Eddie hatte das fast greifbare Gefühl, die Zeit würde ihm wie irgendein kostbares Gewebe, das zu glatt war, um sich festhalten zu lassen, durch die Finger gleiten. Er gab mehr Gas, und Cullums alter Ford, dessen Ventile nicht wenig klapperten, wurde etwas schneller. Eddie brachte ihn auf fünfundfünfzig Meilen die Stunde und beließ es dabei. Er hätte vielleicht noch schneller fahren können, aber die Kansas Road war kurvenreich und in schlechtem Zustand.
Aus seiner Hemdtasche hatte Roland ein Blatt Schreibpapier gezogen, das er jetzt auseinander faltete und studierte (obwohl Eddie bezweifelte, dass der Revolvermann den handschriftlichen Vertrag wirklich lesen konnte; die geschriebenen Worte dieser Welt würden für ihn immer weitgehend rätselhaft bleiben). Am oberen Blattrand, über Aaron Deepneaus ziemlich zittriger, aber dennoch sehr leserlichen Handschrift (und Calvin Towers entscheidend wichtiger Unterschrift) war neben der Legende VERDAMMT WICHTIGE DINGE, DIE ZU ERLEDIGEN SIND ein lachender Cartoon-Biber abgebildet. Ein dämlicheres Wortspiel gab es ja wohl kaum.
Ich mag keine dämlichen Fragen, ich spiele keine dämlichen Spiele, dachte Eddie und musste plötzlich grinsen. Das war ein Standpunkt, auf dem Roland garantiert weiterhin beharrte, obwohl ihr Leben auf ihrer Fahrt mit Blaine dem Mono nur durch ein paar dämliche Fragen zur rechten Zeit gerettet worden war. Eddie öffnete den Mund, um darauf hinzuweisen, dass diese Urkunde, die sich womöglich als wichtigstes Dokument der Weltgeschichte erweisen konnte – wichtiger als die Magna Charta oder die amerikanische Unabhängigkeitserklärung oder Albert Einsteins Relativitätstheorie -, mit einem dämlichen Wortspiel begann. Bevor er aber auch nur ein einziges Wort sagen konnte, brach die Woge über sie herein.

2

Er rutschte mit dem Fuß vom Gaspedal, was auch gut so war. Wäre er auf dem Pedal geblieben, wären Roland und er bestimmt verletzt, vielleicht sogar getötet worden. Als die Woge kam, verlor der Wunsch, John Cullums Ford Galaxie unter Kontrolle zu behalten, seinen Platz auf Eddie Deans Prioritätenliste. Dieser Augenblick glich dem Moment, in dem die Achterbahn ihren ersten Hügel erklommen hatte, sekundenlang zu zögern schien … kippte … stürzte … sodass man mit einem plötzlichen Schwall heißer Sommerluft im Gesicht in die Tiefe fiel, während man einen Druck auf der Brust verspürte und das Gefühl hatte, der Magen schwebe irgendwo hinter einem.
In diesem Augenblick sah Eddie, dass alles in Cullums Wagen seinen Platz verlassen hatte und in der Luft schwebte: Pfeifenasche, zwei Kugelschreiber und eine Büroklammer vom Instrumentenbrett, Eddies Dinh und natürlich auch der Ka-Mai seines Dinhs, der gute alte Eddie Dean. Kein Wunder, dass er ein komisches Gefühl im Magen hatte! (Er merkte allerdings nicht, dass der Wagen selbst, der am Straßenrand zum Stehen gekommen war, ebenfalls schwebte und sich etwa eine Handbreit über dem Erdboden sanft wiegte – wie ein kleines Boot auf einem unsichtbaren Meer.)
Dann war die von Bäumen gesäumte Landstraße verschwunden. Bridgton war verschwunden. Die Welt war verschwunden. Eddie hörte den Klang des Flitzer-Glockenspiels, so abstoßend und widerwärtig, dass er am liebsten protestierend mit den Zähnen geknirscht hätte … nur waren auch seine Zähne verschwunden.

3

Nicht anders als Eddie hatte auch Roland deutlich das Gefühl, erst hochgehoben und dann wie etwas, was die Verbindung zur irdischen Schwerkraft verloren hatte, schwebend gehalten zu werden. Er hörte das Glockenspiel und fühlte sich durch die Wand der Existenz gehoben, aber er wusste, dass es sich hier nicht um ein richtiges Flitzen handelte – zumindest keines von der Art, die sie bisher kannten. Es war vermutlich das, was Vannay einmal Aven kal genannt hatte, was vom Wind gehoben oder von der Woge getragen bedeutete . Jedoch bezeichnete die Form kal, anstatt des üblicheren kas, eine katastrophale Naturgewalt: keinen Wind, sondern einen Hurrikan; keine Woge, sondern eine Tsunami.
Der Balken selbst spricht zu dir, Plappermaul, sagte Vannay in seinem Kopf – Plappermaul, das war Vannays sarkastischer Spitzname für ihn gewesen, weil er, Steven Deschains Junge, immer so schweigsam war. Erst in dem Jahr, in dem Roland elf wurde, hatte sein hinkender großartiger Lehrer (vermutlich auf Corts Drängen hin) aufgehört, diesen Spitznamen zu benutzen. Wenn er das tut, bist du gut beraten, aufmerksam zuzuhören.
Ich werde sehr wohl zuhören, antwortete Roland – und wurde von den Beinen geholt. Er würgte, schwerelos und kurz davor, sich übergeben zu müssen.
Abermals das Glockenspiel. Dann schwebte er plötzlich wieder, diesmal über einem Saal mit leeren Betten. Ein einziger Blick genügte, um ihm Gewissheit zu verschaffen, dass es sich um den Saal handelte, in den die Wölfe die aus den Callas des Grenzlandes entführten Kinder brachten. Am anderen Ende des Saals …
Eine fremde Hand umklammerte seinen Arm, was Roland im gegenwärtigen Zustand für unmöglich gehalten hätte. Er drehte den Kopf nach links und sah Eddie, der völlig nackt war, neben sich schweben. Sie waren beide nackt; ihre Kleidung war in der Welt des Schriftstellers zurückgeblieben.
Roland hatte das, worauf Eddie jetzt deutete, bereits gesehen. Am anderen Ende des Saals waren zwei Betten zusammengeschoben worden. Auf einem davon lag eine Weiße. Die Beine – zweifellos genau die, die Susannah bei ihrem Flitzerbesuch in New York benutzt hatte – hatte sie weit gespreizt. Eine Frau mit einem Rattenkopf – eine der Taheen, dessen war Roland sich einigermaßen sicher – beugte sich zwischen die Beine.
Neben der Weißen lag eine Schwarze, deren Beine knapp unterhalb der Knie endeten. Auch wenn Roland als Flitzer nackt im Raum schwebte und an Brechreiz litt, war er noch nie in seinem Leben so froh gewesen, jemanden zu sehen. Und Eddie empfand offenbar das Gleiche. Roland hörte ihn mitten in seinem Kopf einen Freudenschrei ausstoßen und streckte eine Hand aus, um den jüngeren Mann zum Schweigen zu bringen. Er musste ihn zum Schweigen bringen, da Susannah zu ihnen aufsah und sie ziemlich sicher erkannt hatte, und wenn sie zu ihnen sprach, musste er jedes Wort hören, das sie sagte. Obwohl die Worte dann aus ihrem Mund kamen, würde es nämlich höchstwahrscheinlich der Balken sein, der hier sprach: die Stimme des Bären oder die der Schildkröte.
Beide Frauen trugen über dem Haarschopf einen metallenen Helm. Ein stählerner Gliederschlauch stellte die Verbindung zwischen ihnen her.
Wie bei so einer Geistesverschmelzung der Vulkanier, sagte Eddie wieder mitten in Rolands Kopf, wobei er alles andere überdeckte. Oder auch …
Still!, unterbrach Roland ihn. Still, Eddie, um deines Vaters willen.
Ein Mann in einem weißen Arztkittel nahm eine grässlich aussehende Geburtszange von einem Tablett und stieß die rattenköpfige Taheen-Krankenschwester beiseite. Er bückte sich, spähte zwischen Mias Beinen nach oben und hielt die Zange dabei über den Kopf erhoben. Ganz in seiner Nähe stand ein Taheen, der ein T-Shirt mit Worten aus Eddies und Susannahs Welt trug. Er hatte einen Habichtkopf.
Er wird uns spüren, dachte Roland. Wenn wir lange genug bleiben, wittert er uns bestimmt und schlägt Alarm.
Aber Susannah, deren Augen unter der Metallhaube wie im Fieber glänzten, blickte weiterhin zu ihnen auf. In ihrem Blick leuchtete Verstehen. Susannah sah sie, aye, sprecht wahrhaftig.
Sie sprach ein einziges Wort, und in einem Augenblick unerklärlicher, aber völlig zuverlässiger Intuition begriff Roland, dass dieses Wort nicht von Susannah, sondern von Mia kam. Trotzdem war dies auch die Stimme des Balkens, einer Kraft, die vielleicht empfindungsfähig genug war, um die ihr drohende große Gefahr zu erkennen und zu versuchen, sich davor zu schützen.
Schrull war das Wort, das Susannah sprach; er hörte es in seinem Kopf, weil sie ka-tet und an-tet waren; er sah auch, wie es sich geräuschlos auf ihren Lippen bildete, als sie zu den Schwebenden aufblickte, die Augenzeugen eines Ereignisses wurden, das sich in genau diesem Augenblick in irgendeinem anderen Wo und Wann abspielte.
Der Taheen mit dem Habichtkopf blickte auf, folgte vielleicht ihrem Blick, hörte vielleicht mit seinen übernatürlich scharfen Ohren das Glockenspiel. Dann senkte der Arzt die Zange und schob sie unter Mias Krankenhausgewand. Sie kreischte. Susannah kreischte mit ihr. Und als ob Rolands im Prinzip körperloses Wesen durch die Gewalt ihrer vereinigten Stimmen wie ein Wolfmilchsamen in böigem Oktoberwind fortgewirbelt werden könnte, fühlte der Revolvermann, wie er rasch wegstieg und dabei den Kontakt zu diesem Ort verlor, ohne aber jenes eine Wort loszulassen. Es brachte klare Erinnerungen an seine Mutter mit sich, wie sie sich über ihn beugte, wenn er in seinem Bett lag. Das war in einem Zimmer mit vielen Farben gewesen, seinem Kinderzimmer, und jetzt verstand er natürlich die Farben, die er als kleiner Junge nur als gegeben hingenommen hatte, wie kaum ihren Windeln entwachsene Kinder eben alles hinnehmen: mit bedingungsloser Verwunderung, mit der unausgesprochenen Annahme, alles sei magisch.
Die Fenster des Kinderzimmers waren natürlich in den Farben des Regenbogens getönt gewesen. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter sich über ihn gebeugt hatte, ihr Gesicht von diesem sanften Farbenspiel gescheckt und ihre Kapuze zurückgeschlagen, damit er die Kurve ihres Nackens mit den Augen eines Kindes
(alles ist magisch)
und der Seele eines Liebhabers verfolgen konnte. Er erinnerte sich daran, sich vorgestellt zu haben, wie er sie umwerben und seinem Vater abspenstig machen würde, falls sie ihn haben wollte; wie sie heiraten und selbst Kinder haben und auf ewig in einem Märchenkönigreich namens Allesglänzt leben würden; wie sie für ihn sang, wie Gabrielle Deschain für ihren kleinen Sohn sang, der mit großen Augen ernst von seinem Kissen zu ihr aufsah und dessen Gesicht bereits von den verschwimmenden Farben seines Wanderlebens geprägt war; wie sie ein kleines Nonsenslied mit folgendem Text sang:
Kleiner Spatz, mach’s mir nicht schwer,Bring dein kleines Körbchen her.Schripp und schrapp und schrull,Und schon ist das Körbchen voll.
Genug, um meinen Korb zu füllen, dachte Roland, während er schwerelos durchs Dunkel und den schrecklichen Klang des Flitzer-Glockenspiels gewirbelt wurde. Die Worte waren nicht völliger Nonsens, sondern alte Zahlen – das hatte seine Mutter ihm später erklärt, als er sie gefragt hatte. Schripp, schrapp, schrull: siebzehn, achtzehn, neunzehn.
Schrull ist neunzehn, dachte er. Natürlich, alles ist neunzehn. Dann kamen Eddie und er wieder ans Licht, in fiebrig-krankes orangerotes Licht, und dort waren Jake und Callahan. Er konnte sogar Oy sehen, der mit gesträubtem Fell und hochgezogenen Lefzen, die seine Reißzähne sehen ließen, neben Jakes linkem Fuß stand.
Schripp, schrapp, schrull, dachte Roland, während er seinen Sohn beobachtete: einen kleinen, im Speisesaal des Dixie Pig zahlenmäßig so schrecklich unterlegenen Jungen. Schrull ist neunzehn. Genug, um meinen Korb zu füllen. Aber welchen Korb? Was bedeutet das alles?

4

Neben der Kansas Road in Bridgton wippte John Cullums zwölf Jahre alter Ford träge auf und ab (hundertsechstausend Meilen auf dem Tacho, aber gerade erst »eingefaahn«, wie Cullum den Leuten gern erzählte), sodass die Vorderreifen das weiche Bankett berührten und dann hochstiegen, damit die Hinterreifen den Erdboden berühren konnten. In seinem Inneren machten zwei Männer, die nicht nur bewusstlos, sondern durchsichtig zu sein schienen, die Bewegungen des Autos träge rollend mit – wie Leichen in einem gesunkenen Schiff. Und um sie herum schwebten die Abfälle, die sich in jedem alten Wagen ansammelten, der viel gefahren worden war: Pfeifenasche und Kugelschreiber und Büroklammern und die älteste Erdnuss der Welt und ein Penny vom Rücksitz und Tannennadeln aus den Fußmatten und sogar eine der Fußmatten selbst. Im Dunkel des Handschuhfachs klapperten Gegenstände schüchtern gegen den geschlossenen Deckel.
Ein Vorbeikommender wäre beim Anblick aller dieser Dinge – und von Menschen! Menschen, die tot sein konnten! -, die in einer Limousine wie Abfall in einer Raumkapsel schwebten, zweifellos wie vom Donner gerührt gewesen. Aber es kam niemand vorbei. Die am Long Lake auf diesem Ufer wohnenden Leute starrten fast alle übers Wasser nach East Stoneham hinüber, obwohl es dort praktisch nichts mehr zu sehen gab. Selbst der Rauch hatte sich weitgehend verflüchtigt.
Der Wagen schwebte träge wippend, und in seinem Inneren stieg Roland von Gilead langsam zur Decke auf, wo er mit dem Nacken den schmutzigen Wagenhimmel streifte und den ausgestreckten Beinen kaum mehr die Rückenlehne des Beifahrersitzes berührte. Eddie wurde anfangs noch vom Lenkrad festgehalten, aber dann kam er durch irgendeine Seitwärtsbewegung des Autos frei und schwebte ebenfalls nach oben, sein Gesicht schlaff und traumverloren. Aus dem Mundwinkel trat ein silbriger Speichelfaden aus und schwebte, leuchtend und voller winziger Bläschen, neben der blutverkrusteten Wange.

5

Roland wusste, dass Susannah ihn gesehen, vermutlich auch Eddie gesehen hatte. Deswegen hatte sie sich so angestrengt, um dieses einzige Wort auszusprechen. Jake und Callahan hatten jedoch keinen von ihnen gesehen. Der Junge und der Pere hatten das Dixie Pig betreten, was entweder sehr tapfer oder sehr töricht war, und mussten sich nun notwendigerweise auf das konzentrieren, was sie darin vorfanden.
Auch wenn das vielleicht tollkühn gewesen war, war Roland äußerst stolz auf Jake. Er sah, dass der Junge zwischen Callahan und sich eine Canda wahrte: jenen Abstand (je nach den Erfordernissen der Lage niemals gleich groß), der sicherstellte, dass zwei zahlenmäßig unterlegene Revolvermänner nie mit einem einzigen Schuss erledigt werden konnten. Sie waren beide kampfbereit. Callahan hatte Jakes Pistole … und noch etwas anderes: irgendeine kleine Schnitzerei. Roland war sich fast sicher, dass sie ein Can-tah – einer der kleinen Götter – war. Der Junge hatte Susannahs Schilftasche mitsamt den’Rizas; die Götter mochten wissen, wo er die nur wieder aufgetrieben hatte.
Der Revolvermann erspähte eine dicke Frau, deren Menschlichkeit am Hals endete. Oberhalb ihres Dreifachkinns hing die Maske, die sie getragen hatte, in Fetzen herab. Als Roland den Rattenkopf darunter betrachtete, verstand er plötzlich viele Dinge. Manche hätte er bestimmt schon früher begreifen können, wäre seine Aufmerksamkeit nicht – wie die des Jungen und des Peres in eben diesem Augenblick – anderweitig in Anspruch genommen gewesen.
Zum Beispiel von Callahans niederen Männern. Sie waren nahezu sicher Taheen: Lebewesen, die weder aus der Prim noch der natürlichen Welt stammten, sondern Missgeburten aus irgendeinem Stadium zwischen beiden waren. Und sie gehörten auch nicht zu den Wesen, die Roland als Langsame Mutanten bezeichnete. Die waren nämlich ein Ergebnis unüberlegter Kriege und katastrophaler Experimente des Alten Volkes. Nein, sie waren echte Taheen, die manchmal als Drittes Volk oder Can-Toi bezeichnet wurden – und Roland hätte das alles wissen müssen. Wie viele der Taheen dienten jetzt dem Wesen, das als Scharlachroter König bekannt war? Einige? Viele?
Alle?
Traf die dritte Antwort zu, konnte Roland sich ausrechnen, dass der Weg zum Dunklen Turm in der Tat schwierig sein würde. Aber es war kaum die Art des Revolvermanns, über den Horizont zu blicken, und in diesem Fall war Mangel an Phantasie bestimmt ein Segen.

6

Er sah alles, was er sehen musste. Obwohl die Can-Toi – Callahans niedere Männer – Jake und den Pere ganz eingekreist hatten (die beiden hatten nicht einmal bemerkt, dass hinter ihnen ein Duo, das zuvor den Ausgang zur Sixty-first Street bewacht hatte, in Stellung gegangen war), hatte Callahan sie mit der kleinen Schnitzerei gelähmt, ähnlich wie es Jake früher gelungen war, Leute mit dem Schlüssel, den er auf dem unbebauten Grundstück gefunden hatte, zu fesseln und zu lähmen. Ein gelber Taheen, auf dessen Menschenkörper ein Kanarienvogelkopf saß, hatte eine Art Schusswaffe vor sich liegen, machte aber keine Anstalten, danach zu greifen.
Trotzdem gab es ein weiteres Problem, auf das Rolands Auge, das dafür ausgebildet war, jede mögliche Falle, jeden Hinterhalt zu erkennen, sich sofort konzentrierte. Er sah die blasphemische Parodie des letzten Gemeinschaftsmahls des Eld an der Wand und erkannte ihre vollständige Bedeutung in den wenigen Sekunden, bevor der Gobelin weggerissen wurde. Und den Geruch: nicht einfach nur Fleisch, sondern Menschenfleisch. Auch das hätte er früher verstanden, hätte er mehr Zeit gehabt, darüber nachzudenken … nur hatte das Leben in Calla Bryn Sturgis ihm wenig Zeit zum Nachdenken gelassen. Wie in einem Märchenbuch hatte das Leben in der Calla aus einer verdammten Episode nach der anderen bestanden.

ENDE DER LESEPROBE

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die Originalausgabe THE DARK TOWER VII:
THE DARK TOWER erschien 2004 bei Scribner, New York
Vollständige Deutsche Taschenbuchausgabe 04/2006
Copyright © 2004 by Stephen KingCopyright © der Karten by Robin FurthCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 und dieser Ausgabe 2006 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Satz: Franzis print & media GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, nach einer Originalvorlage von (c) Rhett Podersoo
eISBN 978-3-89480-395-7
http://www.heyne.de

www.randomhouse.de

V002