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Keine gute Zeit für den Traum vom Fliegen des polnischen Jungen Masz! Von Kind an fasziniert von Flugzeugen und der Fliegerei trat er im Januar 1939, zur Ausbildung zum Piloten, der polnischen Luftwaffe bei. Am 1. September 1939 brach der 2. Weltkriegs aus. Er floh im Herbst mit seiner Einheit aus Polen. Die turbulente Flucht führte sie über die Grenze nach Rumänien und weiter ans Schwarze Meer. Dort in Baltschik charterten die militärischen Vorgesetzten ein Schiff, welches die Einheit vorbei an der Türkei und Malta, nach Frankreich übersetzte. Im Frühling 1940 holte die Royal Air Force die Pilotenschüler von Lyon nach England, wo sie zu Kampfpiloten ausgebildet wurden. Masz war auf verschiedenen Basen stationiert und flog Einsätze in einem der legendären polnischen Geschwader der RAF. Im Mai 1943 über Holland abgeschossen, kam er in deutsche Gefangenschaft. Die Geschichte basiert auf Aufzeichnungen eines polnischen Piloten.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2023
Tomasz Jan Legowski
Johanna Gerber
Der verlorene Traum
Erinnerungen an Tomasz Jan Legowski, der im 2. Weltkrieg bei der Royal Air Force kämpfte.
Mein grosser Dank geht an die Familie, die mir erlaubte, seine Aufzeichnungen als Romanvorlage zu verwenden.
Impressum
© Neuauflage 2023 Johanna Gerber
Lektorat: Verena Stössinger & Barbara Traber
Satz & Layout: Petra Buchter. Parts
Hintergrundfoto Cover: istockphoto.com
ISBN Softcover: 978-3-347-95910-1
ISBN E-Book: 978-3-347-95911-8
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, D-22359 Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, D-22359 Hamburg.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Prolog
Teil I
Januar 1939
März 1939
1. September 1939 Kriegsausbruch
Rumänien
1930
Frankreich
1940
Royal Air Force
1941
1942
Polnisches Fluggeschwader
1943
Mai 1943
Teil II
Dulag Luft (Durchgangslager)
Stalag Luft3 (Stationslager)
1944
1945
POW (prison of war)
Epilog
Zum Buch
Flugbasen
Flugzeugtypen
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Prolog
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Prolog
Lieber Lalo,
keine gute Zeit für unsere Träume, mein treuer Freund aus Kindertagen. Was hatten wir für Spass zusammen! Fliegen mit den verrücktesten Fliegern, aus Papier gefaltet und geklebt, oder zusammengeklopften Holzkisten, oder anderem flugtauglichen Material, das uns in die Hände kam. Die Flugversuche vom Kirchhügel hinunter zum Rynek, ein Genuss! Mit zerschlagenen Knien und löchrigen Hosen sind wir heimgehumpelt. Ich liebte das Abenteuer, brauchte Luft um die Ohren und zog dich mit in den Bann des Fliegens. Du hast mit roten Ohren, die Zunge zwischen den Zähnen, Papierflieger gefaltet und mir stolz hingestreckt. Alles hast du getan, nur um mein Freund zu sein, sogar den Flug mit der Efeuranke übers Wasser. Du hast diesen Flug nicht überlebt. Seither ist die Welt Kopf gestanden. Nur verrückt konnte ich dies überstehen. Ich muss mir von der Seele schreiben, was ich erlebt habe.
Teil I
Januar 1939
Ein klirrend kalter Tag! In Reih und Glied stand ich mit den anderen Flugschülern auf dem Flugfeld der Militärbasis von Deblin, hundert Kilometer südlich von Warschau. Hier begann meine Ausbildung. Stolz und gespannt warteten wir Aspiranten auf das, was uns erwartete. Oberkommandant Wilkowski begrüsste uns.
»Soldaten! Ihr seid zur Ausbildung zum Militärpiloten in der polnischen Armee angetreten. Ihr habt alle Vorprüfungen bestanden, den Fallschirmlehrgang in den Karpaten geschafft, sowie den Vorkurs und das Basistraining des Infanterieregiments 67 absolviert. Damit könnt ihr mit Stolz sagen: ab jetzt sind wir Aspiranten der polnischen Luftwaffe.«
Ich reckte den Kopf in die Luft und blickte in das kalte, klare Blau des Himmels. Den Fallschirmlehrgang hatte ich mit Auszeichnung bestanden. Meine Gedanken schweiften ab, während Kommandant Wilkowski seine Begrüssung weiterführte. Ich versuchte mich zu konzentrieren, doch das Zittern wegen der Kälte hielt mich davon ab. Links und rechts schlotterten alle, doch jeder starrte geradeaus. Vielleicht hilft das, dachte ich, dann ist die Begrüssung schneller durch.
Mein Nachbar links stupfte mich an: »Ich bin Miki!« »Masz«, antwortete ich durch die zusammengebissenen Zähne.
»Affenkälte«, sagte er leise; ich nickte.
»Auch die medizinischen Tests,« fuhr Kommandant Wilkowski fort, »und die Aufnahmeprüfung, habt ihr hinter euch. Ab jetzt, Soldaten, gehört ihr der Armee Polens an und werdet zu Kampfpiloten ausgebildet. Gehorsam, Fleiss und Dienst am Vaterland wird von euch verlangt. Zu meiner Rechten steht Leutnant Nowak, er wird eine Kostprobe eures künftigen Lernziels vorführen.«
Leutnant Nowak grüsste, indem er die Hand an die Mütze legte. Ein sportlicher Offizier mit sympathischem Gesicht. In seinem bodenlangen Filzmantel fror er wohl nicht so wie wir. Wir grüssten zurück, was Kommandant Wilkowski ein Schmunzeln entlockte. Mit forschem Schritt ging Nowak zur Startbahn und zur bereitgestellten RWD8, dem Kampfflugzeug der polnischen Armee.
»Ein hartes Training erwartet euch. Wir erwarten von euch Begeisterung, Willen und Fleiss«, fuhr Kommandant Wilkowski fort und blickte in die Runde, während Leutnant Nowak sich in die Maschine schwang, »vor allem aber Disziplin und Einsatz. Bis zum Frühjahr wird der militärische Teil der Ausbildung abgeschlossen sein. Parallel dazu erfolgt der theoretische Teil der Fliegerei bereits ab morgen. Erst nach dem erfolgreichen Abschluss aller theoretischen Fächer dürft ihr in die Maschinen steigen.« Nowak startete die Maschine. »Bis dahin ist noch ein langer Weg.« Wilkowskis Stimme schwoll an, um den Lärm zu übertönen. »Fliegen und körperliche Ertüchtigung haben oberste Priorität.« Er schrie jetzt fast. Doch alle guckten zu Nowak, uns interessierte nur eines, Nowak in seiner Maschine! Er rollte an uns vorbei, drehte ab. Vierzig Augenpaare folgten ihm. Der mörderische Lärm, als er Schub gab und an uns vorbeiraste, spürte ich als Vibration in meinem Bauch. Dann hob er ab, leicht und elegant. Das war es also! Ein richtiges Kampfflugzeug! Jetzt hielt mich nichts mehr, auch nicht die Sorgenfalten meines Vaters, als ich mich verabschiedet hatte. Den militärischen Drill würde ich schon durchstehen und bereits im Herbst meine Runden fliegen, ein richtiger Pilot sein. Nichts hatte ich mir sehnlicher gewünscht seit meiner Kindheit. Das Büffeln von Flugtheorie, Wetterkunde, Windeinfluss, Himmelsrichtungen hatte sich gelohnt. Nun ging es los, das Kennenlernen der Maschinen, der Instrumente: Höhenmesser überwachen, künstlichen Horizont ablesen, Steuerknüppel bewegen, Fliehkräfte verstehen, die Vibration der Maschine spüren, ihre Reaktion auf Luftwiderstand und Windböen. Später würden Bewaffnung und Schiessen dazukommen. Englisch stand zuoberst auf dem Stundenplan. Da musste ich noch zulegen. In meinem Kopf wirbelten Szenarien durch, ich sah mich im Cockpit mit Fliegermütze und Brille. Die Kälte war vergessen.
Da näherte sich Nowak in der RWD8 wieder von hinten. Wir drehten die Köpfe in die Richtung. Sekunden später fegte er über uns hinweg, donnerte über unsere Köpfe, flog eine Volte und verschwand. Die Vibration hinterliess ein Kribbeln im Bauch. Er tauchte erneut auf, stieg steil hoch, liess sich nach links abfallen und sauste im Steilflug Richtung Boden. Vor uns, fast auf Augenhöhe, fing er das Flugzeug wieder auf. Mir blieb das Herz stehen. Der Kerl beherrschte seine Sache! Aus dem Stoff sind Helden gemacht! dachte ich. Ich blickte zu meinem Nachbarn rechts, nickte kurz: »Ich bin Masz.«
»Lip« antwortete dieser, »Wahnsinn, was die können!« Gänsehaut fuhr mir über den Rücken, doch diesmal nicht der Kälte wegen, die durch die Kleider biss. Ich hörte Nowak landen, er rollte aus und kam vor uns zum Stehen. Als er ausstieg, klatschten wir Beifall. Dies gab etwas Wärme in die durchgefrorenen Finger, welche sich mit stechendem Schmerz meldeten. Ich kehrte zur strammen Haltung zurück, wollte nicht auffallen. In mir zufrieden, schlotterte nun nicht nur Kälte durch mich, sondern vor allem Begeisterung. Der Kälte trotzend, stand ich kerzengerade in der Reihe. Keiner sollte sagen, ich könne nicht einstecken. Ich wusste, worauf ich mich einliess mit dieser Ausbildung. Die Anforderungen des Trainings waren hoch. Schon bald würde ich selber Runden drehen, Kunststücke fliegen, Mut beweisen müssen. Im Cockpit mit Fliegerbrille und Ohrenmütze würde der Traum meiner Kindheit Realität. Ich sah mich über weite Felder, Flüsse bis zum Meer zu fliegen. Neben mir zischte Miki: »Lange halte ich diese Kälte nicht mehr aus.«
»Denk an was Schönes, das heizt.«
Als ob Kommandant Wilkowski uns gehört hätte, brüllte er: »Ruhen! Ab zum Fassen in die Kabina.« Die Fanfare ertönte. Strammen Schrittes und erhobenen Hauptes machten wir uns auf zum Mannschaftsraum. Das Scharren der achtzig Stiefel übertönte das Geraune von uns vierzig Neuankömmlingen. Drinnen stampfte ich zuerst auf, so eingefroren fühlten sich meine Füsse an. Ich war nicht allein! Einige schlugen sich mit den Armen um die Schultern. Endlich hatten wir Zeit, uns etwas kennenzulernen.
»Mensch, wie eng Nowak die Volte geflogen ist«, meinte einer auf dem Weg zur Kabina. »So nah über die Köpfe zu fliegen braucht Mut!«
»Der hat Übung, das will ich auch können! Hey, ich bin Masz!«
»Zeblik«, gab er zur Antwort.
»Dein Vorname?«
»Nein, aber nenn mich so!«
Drinnen in der Kabina türmten sich Uniformen, Mützen, Schuhe und Gamaschen, sowie Essgeschirr und Wolldecken auf den Holztischen. Wir standen Schlange. Die Korporale unterzogen jeden einem geübten Blick, dann griffen sie in den Uniformenstapel, zogen eine Hose und eine Jacke hervor und legten sie einem über den Arm. Den meisten passte sie einigermassen. Ich mit meinen nur 1,68 Meter Körperlänge musste Hose und Jacke nochmals ausziehen, zwecks Anpassung. Der Schneider kürzte flink und hielt mir die Hose gleich wieder hin.
»Danke, das ging aber schnell!«
»Ist ja auch keine Hexerei! Die Jacke braucht etwas länger, die kannst du nach dem Essen holen.« »Wenigstens ist es warm hier drinnen!«
»Wirst deine Knochen schon noch abfrieren!« Er lachte mich an. »Geh zum Schlafsaal.«
Als ich den Schlafsaal mit meinem Bündel betrat, blickte ich mit Schrecken auf die enggestellten Pritschen und schluckte kurz, liess mir aber nichts anmerken. Kahle Wände aus Backstein mit vorhanglosen Fenstern. Miki hatte bereits die Pritsche neben sich für mich besetzt. Es beruhigte mich, obwohl ich ihn noch kaum kannte. Aber uns beide bewegte sofort dasselbe Thema: Flugzeugtypen, technische Neuheiten, Fluggeschwindigkeit, Ausrüstung. Flugzeugverrückt waren wir beide.
»Hast du gesehen, mit wie wenig Schub die Maschine abhob?« Miki war nicht zu bremsen.
»Auf dieser Maschine fliegen wir aber erst später. Am Anfang lassen sie uns nur an die alten Kisten, die P.7.« »Hauptsache Luft, Hauptsache fliegen, allein am Himmel kreisen. Alles andere ist mir egal«, sagte Miki ungeduldig. »Klar, die RWD8 erfordert mehr Wissen, mehr Können, aber im Sommer fliegen wir die bereits, wirst sehen.«
»So schnell, denkst du?« Zeblik, der zu uns getreten war, rollte mit den Augen. »Die RWD8 zu fliegen ist mein Traum.«
»Da gehören wir dann wirklich dazu!« Miki lachte. Sein Lachen war ansteckend. Er überragte mich fast um einen Kopf und aus seinen Augen blickte Schalk. Er schien ein Lebenskünstler zu sein. Das beruhigte mich.
»Ich habe mir die Ausbildung hundertfach vorgestellt, meinen Kameraden vorgeschwärmt. Das ist ein Abenteuer, habe ich gesagt.«
»Unsere Begeisterung fürs Fliegen ist kein Geist, sie ist Wirklichkeit.« Zeblik fixierte mich mit seinen auffallend blauen Augen. »Ich liege grad hinter euch«, sagte er und deutete zu seiner Pritsche. Ich nickte nur und stellte meinen Sack mit den persönlichen Effekten, den gefassten Kleidern und Utensilien auf das eiserne Bettgestell. Ich faltete die raue Wolldecke, legte sie wie vorgeschrieben ans untere Ende der grauen Matratze, meine Schuhe schob ich unter die Pritsche.
So kühn mein Mut mich diese besondere Laufbahn hatte einschlagen lassen, mischte sich nun doch etwas Furcht dazu. Bei der Ankunft in Brodnica hatte uns eine Regimentsmusik empfangen. Das war mir eingefahren! Stolz waren wir hinter der Blasmusik durch die Strassen marschiert, gesäumt von Schaulustigen. Auf Lastwagen ging es nachher zum Flugplatz Deblin. Hier beim Regiment zog nun die Realität ein; Knastfrisur, Uniformen, acht Wochen exerzieren und büffeln. Nachdem sich das eiserne Gittertor scheppernd hinter uns geschlossen hatte, wusste ich, es galt ernst. Keine Willkommensband, kein Marsch durch Schaulustige, dafür gebrüllte Befehle der Offiziere, ernst dreinschauende Kommandanten, strenge Leutnants und laute Korporale.
Beim Essen in der Kantina warfen die kahlen Wände die Gesprächsfetzen hin und her. Es ging laut zu und her, jeder wollte erzählen. Miki behielt oft die Oberhand, ich hielt mich zurück, lauschte fasziniert. In der ersten Nacht im Schlafsaal fand ich keinen Schlaf. Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen, dachte an mein schönes Zimmer daheim. Ein Gedanke, der mich beschäftigte: Würde ich das harte Training auf dem Weg zu meinem Wunschberuf aushalten? Der erste Tag hatte mir gezeigt, diese Ausbildung war kein Zuckerschlecken, es brauchte Durchhaltekraft und Mut. Miki konnte auch nicht schlafen. Er lehnte halb aus seiner Pritsche zu mir rüber.
»Bins nicht gewohnt mit neununddreissig anderen zusammen im Schlag«, gab ich zur Antwort, als er fragte, ob ich auch nicht schlafen könne.
»Daran gewöhnst du dich. Ist doch auch toll, läuft immer was!«
»Hast recht, ich muss einfach durchhalten, muss mein Ziel im Auge behalten. Der militärische Drill wird mir zu schaffen machen.«
»Das ist bei mir nicht anders. Doch nur so kommen wir in die Luft. Fliegen ist unser Traum! Das musst du dir immer wieder sagen. Wir halten zusammen durch!«
Als verschiedene Pscht rundum zu hören waren, drehte ich mich auf die Seite. »Gute Nacht, Miki.« »Gute Nacht, Masz.«
Doch bei mir wollte der Schlaf trotz meiner inneren Beschwichtigungen nicht kommen. Die fast fiebrige Erwartung legte sich erst gegen Morgen.
Mit dem ersten Sonnenstrahl begann für mich, nach einer fast durchwachten ersten Nacht, die Ausbildung zum Militärpiloten. Die drei Fanfarenstösse zur Tagwacht kamen mir gelegen. Endlich aufstehen! Vor dem Frühstück wurde ein Lauf angeordnet. Im Eilschritt ging es um die Schulungsgebäude, seitlich dem Flugfeld entlang, und zurück. Der Befehl: zehn Runden in der Gruppe, keinen abhängen, zusammen ankommen, nicht über 30 Minuten. Eine schwierige Aufgabe, nicht jeder war ein Ass in Laufen und mit leerem Magen. Die Langsamen packten wir unter den Armen, um die vorgegebene Zeit einzuhalten. Ausgepustet kamen wir in der Kabina an. Die Kälte hatte sich in Hitze verwandelt. Heiss und kalt ist relativ!
Wir löffelten den Haferbrei zum Frühstück. Keiner muckte auf. Danach der Gang zum Schulungsgebäude. Wir setzten uns in die Holzbänke und warteten gespannt auf die erste Lektion. Leutnant Nowak zeichnete uns kurz den Aufbau der theoretischen Ausbildung auf.
»Wir legen ohne Verzug los«, sagte er. »Fächer wie Navigation, Morsen, Positionsbestimmung, Meteorologie, Geographie, Wetter und Klima stellen den essentiellsten Teil der Ausbildung dar. Danach CockpitKunde. Jeden Knopf, jeden Schalter zuordnen, Messgeräte ablesen, den künstlichen Horizont einstellen, Höhenmesser, Orientierung, Himmelsrichtung ablesen, und nicht zuletzt Englisch, um die Befehle vom Tower zu verstehen. Es braucht viel Fleiss. Der Unterricht findet in Gruppen statt.«
Ich kämpfte nach der durchwachten Nacht gegen den Schlaf, nur der Blick rüber zu Miki hielt mich wach. Dieser hatte immer einen Spruch, eine Grimasse auf Lager, die aufmunterte. Ich hingegen konnte kaum die Augen offenhalten. »Nächste Nacht wirst du schlafen«, tröstete er mich, während wir fürs Essen anstanden, und klopfte mir auf die Schulter.
»Das will ich doch hoffen, sonst bin ich nicht mehr zu gebrauchen.« Lip vor mir drehte sich um. »Hab auch nicht gut schlafen, aber das stellt sich noch ein, hoffe ich.«
Tags darauf stand nach der Theorie morgens am Nachmittag Exerzieren an. Ich verzog mein Gesicht. Wie Miki vorausgesagt hatte, bestand das Exerzieren aus Marschieren, Aufstellen, Marschieren, verteilt über den ganzen Flugplatz. Gut, hatte ich besser geschlafen.
»Da kommen wir die nächsten Wochen nicht drum rum«, verkündete er etwas grossspurig, während wir zum x-ten Mal die Aufstellung nach Westen übten. Er machte gute Stimmung und wir marschierten wieder in Viererreihen zur nächsten Aufstellung. Manchmal hörte ich ihn, denn ich stand zuhinterst, er hingegen, einen Kopf grösser als ich, einiges weiter vorne.
»Lauftraining in der Kälte hält die Füsse warm. Zwanzig Mal Aufstellung der Grösse nach, auch so lassen sich die Füsse wärmen« lachte er.
»Für mich leicht, einfach der Hinterste« witzelte ich. Doch vor den kleinen gemeinen Tricks, welche ein militärischer Drill offenbar umfasste, konnten wir uns nicht retten. So auch, als wir einmal den ganzen Morgen Theorie gebüffelt hatten und uns hungrig auf die Mittagspause freuten. Lip strahlte hinter mir, so hungrig war er, als im Lautsprecher der Befehl zum 10 km-Marsch mit Vollpackung angekündigt wurde. Besammlung in zehn Minuten vor der Kabina. Lips lautes Aufstöhnen brachte uns zwar zum Lachen und liess die Hoffnung keimen, durch Aufmucken der ganzen Truppe den Marsch verhindern zu können. Doch die unmissverständliche Wiederholung des Befehls, unter Androhung einer drakonischen Strafe, liess uns verstummen. So packten wir den Rucksack und los ging es. Das Gelände war flach, wenigstens dies. Der Wind pfiff scharf über die Winterlandschaft, die vor uns lag. Der kratzende Lärm der Schuhe war das einzige Geräusch, das ich wahrnahm. Kaum einer mochte ein Wort sagen, nur Mikis Mundwerk, er lief hinter mir, setzte nie aus. Er erzählte was von seinem Schwager, der sei Pilot und seinen beiden attraktiven Schwestern Danuta und Danka … Ich hörte nur mit einem Ohr hin. Miki hielt die Truppe in Schwung. Das Lauftempo war horrend, hungrig sehnte sich jeder zurück an die Wärme. Als es noch zu schneien begann, wurden wir langsamer. Da nützte kein gebrüllter Befehl mehr. Er verhallte vor unseren eingepackten Ohren.
»Gut findet jede Marter ein Ende«, rief Miki, als die Kabina auftauchte, zur Aufmunterung in die kalte Luft. Nur ein Raunen kam ihm noch entgegen. Endlich zurück, sassen wir halb schlafend auf den harten Bänken, stützten unsere Köpfe auf und kauten schweigend unser Mittagsmahl. Am Nachmittag stand Kantonnement putzen auf dem Programm, was wir als leicht ansahen, doch eines anderen belehrt wurden. Pingelig wurde kontrolliert, bis jedes Stäubchen, jeder Fleck verschwunden und wir uns, in Reih und Glied geordnet, wieder abgemeldet hatten. Nach dem Abendessen lagen neununddreissig Schläfer auf ihren Pritschen und schnarchten, was das Zeug hielt. Man hörte den Atem aus Lungen und Nasen pfeifen. Nur ich konnte, trotz der Anstrengung, nicht einschlafen. In mir kreisten die Gedanken. Hatte Miki das Zeug für einen Freund? Er schien ein Heisssporn zu sein, war ein Jahr älter als ich. Gut, hatte ich es in dieselbe Gruppe geschafft. Ein Kamerad war er sicher! Aber ein Freund?
Ich dachte an dich, Lalo, wie du mir treu gefolgt bist.
Der schöne See ging mir durch den Kopf. Lange bin ich diesem Gewässer ferngeblieben. Fast neun Jahre liegt die Geschichte nun zurück. Ich glaubte, den See zu riechen, das Glitzern des Wassers zu sehen. Das Bild aus meiner Heimat erfüllt mich mit Wärme, mit Freude, mit Sonne, mit Düften, bis du im dunklen Wasser treibend auftauchst, dann fühle ich Schuld. Du hast alle Kindertorheiten von mir mitgemacht, Lalo, nur, um mein Freund zu bleiben. Die letzte hast du mit dem Leben bezahlt. Ich wusste, dass du nicht schwimmen konntest. Doch eigentlich hättest du beim Flug über das Wasser nie mit diesem in Berührung kommen sollen. Die Efeuranke war dick und gut am Baum festgewachsen. Warum nur hast du sie beim äussersten Schwung losgelassen?
März 1939
Im März entzündete sich mein Blinddarm und musste operiert werden. Dies brachte mir einen Vorteil. Ich durfte nach dem Eingriff zur Erholung nach Hause. Mein Vater freute sich sehr, konnte ich doch meinen neunzehnten Geburtstag Ende März mit ihm zusammen feiern. Die Freude über meinen Besuch überwältigte ihn.
»Nicht weinen, Vater, es geht mir ja gut«, tröstete ich ihn, als er mich in die Arme schloss. »Bald ist die theoretische Ausbildung überstanden. Im Mai geht es endlich ab in die Luft! Im Juni sollten wir alle allein fliegen können, dann kommt das spezielle Training als Kampfflieger.«
»Die Gerüchte über einen bevorstehenden Krieg verstummen nicht«, sagte er mit Sorgenfalten im Gesicht und drückte meinen Arm. »Dies geht mir unter die Haut. Wenn ich dran denke, dass du Einsätze fliegen musst, steigt in mir Angst hoch. Willst du die Ausbildung nicht abbrechen und dich in eine Bodentruppe versetzen lassen?« Er wirkte bedrückt, sah mich mit intensivem Blick an.
»Auf keinen Fall, Vater. Ich will fliegen, das weisst du doch. Gerüchte sind Gerüchte, die legen sich wieder. Wir schauen voll Vertrauen in unsere Zukunft«, beruhigte ich ihn stolz. »Sollte ein Krieg kommen, sind wir eine kampfstarke Fliegerstaffel, und ich gehöre dazu.«
»Da hast du wohl recht. Nur wollen die Gerüchte nicht verstummen. Im Gegenteil, sie werden immer lauter.« »Wenn wir kämpfen müssen, werden wir das heldenhaft tun, für unser Vaterland. Keiner kriegt einen Knopf von Polen, dieser Spruch geht in der Truppe um.«
Mein Vater nickte nur und fuhr mir durch die Haare, ein Streicheln. Mein Urlaub tat uns gut. Wir verbrachten die meiste Zeit zusammen. Beim Abschied umarmte er mich lange: »Pass auf dich auf!«
»Mach dir keine Sorgen, Vater.« Erst aus dem Zug sah ich, wie er sich über die Augen wischte. Es tat mir in der Seele weh!
Immer noch geschwächt zurück bei der Truppe, erliess man mir anfangs die Märsche. Meine Kameraden beneideten mich darum. Dafür kniete ich mich rein, das Verpasste nachzuholen. Die Ausbildung faszinierte mich zunehmend. Ich paukte Flugabläufe und Berechnen von Flugrouten. Ein Flug hatte einen genauen Ablauf, der eingehalten werden musste. Start, Flugroute in definiertem Flugradius, Windeinfluss, Akrobatikfiguren, jede Figur mit genauer Anfangshöhe und Geschwindigkeit, Beschleunigung, Kurvenlage, sowie exakten Flugparametern. Dann bei der Landung der Anflugwinkel und die Anfluggeschwindigkeit. Man musste die Zeit einhalten, den Vorgaben nach über dem Ziel sein. Noch waren wir im Camp, das mich hart und intensiv forderte, auch ohne Nachtmärsche mit Vollpackung. Es blieb kaum Zeit für Grübeleien. Das Zusammenleben gestaltete sich weniger schwierig als zuerst befürchtet. Miki, die Kraftquelle der Truppe, hob die Stimmung mit den schrägsten Sprüchen. Er war für uns die Nummer eins. Nach Abschluss der theoretischen Fächer war die Ankunft von fünf Schneidern ein Höhepunkt im Camp. Sie nahmen Mass für die Uniformen. Das Abschlussbrevet als Pilot sollten wir nach dem Flugtraining erhalten. Dabei auch den Schwur aufs Vaterland leisten. Immerhin wurden bereits die Uniformen für die Feier genäht, es tat unserer Moral gut.
»Erst die Uniform macht einen richtigen Soldaten oder Piloten aus dir«, meinte Zeblik.
»Wir grüssen mal übungshalber.« Miki legte die Finger an die Mütze und stellte die Brust heraus. Ein Riesengelächter! Nur kurz feierten wir den Abschluss der theoretischen Ausbildung. »Nicht mal was Scharfes zu trinken», maulte Zeblik hinter vorgehaltener Hand.
»Mir egal! Nächste Woche beginnt das Training im Flugzeug, darauf bin ich heiss«, rief Lip in die Runde. Man klatschte Beifall. Oft lernte ich noch auf meiner Pritsche weiter, während die anderen sich vergnügten. Ich wollte bestehen, wollte gut sein, sogar brillieren. So repetierte und lernte ich, was das Zeug hielt, machte Kraftübungen vor dem Bett, denn ich war den meisten körperlich unterlegen, fand ich.
Am lang ersehnten Tag wurden wir in vier Gruppen aufgeteilt und auf die Abschnitte eingewiesen. Schon von Weitem sahen wir die vier RWD3 stehen. Miki kam in Gruppe zwei, ich in Gruppe drei. Flugtraining, das tönte gut!
Der ungewöhnliche Geruch faszinierte mich. Es roch nach Maschinenöl und von der Frühsommersonne aufgeheiztem Metall. Ich sog den Duft tief ein. Dieser Duft würde mich nun begleiten, den Geruch von Socken und Schweiss im Schlafsaal verdrängen. Als erstes war Cockpitreinigen angesagt. Korporal Orban instruierte den genauen Ablauf: »Alles hat seine Ordnung. Jedes Detail ist wichtig. Es dient der Sicherheit des Piloten. Sie ist oberstes Gebot. Das Reinigen des Cockpits hat immer denselben Ablauf: Reinigen der Sitze und Gurten, der Frontscheibe, Kontrolle, Abreiben aller Instrumente, Kontrolle! Keine Kontrolle heisst: nicht gereinigt. Kontrolle des Fallschirms und dessen Griff! Kontrolle.«
So wischten wir jeden Knopf, jedes Anzeigeglas, jede Ecke, glänzten und polierten, rieben Instrument um Instrument klar, putzten die Frontscheibe, umfuhren das Top, jeden Schalter, jeden Knopf. Kontrollierten Fallschirm und Griff, und alles nochmals von vorne. Wir schwitzten in der Enge des Cockpits, die Sonne brannte auf den Flieger, was intensiv beissenden Geruch von Leder, Blech, Öl auslöste. Sogar das Glas roch. Ich verstand dieses Putzen, das dem Kennenlernen des Cockpits diente. Dann kam der Blindtest! Mit verbundenen Augen im Cockpit sitzend, mussten wir blind auf die jeweiligen Instrumente zeigen, welche der Ausbildner nannte. So prägten sich Knöpfe und Schalter, Gurten und Platz des Fallschirms, den Griff, um ihn aufzuziehen. Alles diente der Sicherheit, dem automatisierten Handeln im Cockpit.
Die Nachkontrolle der Instruktoren war streng: Wer ungenau reinigte, wurde zum Putzen der Unterkunft verknurrt, wo er dann den Abend in den Latrinen und Duschen verbrachte. Miki traf es einmal, er kaufte sich frei, versprach einem Kameraden die Getränke beim nächsten Urlaub. Ich zog es vor, das Cockpit genau zu putzen. So würde ich blind jeden Knopf, jedes Instrument, jeden Schalter finden, was mir bei gefährlichen Umständen helfen würde, das Richtige zu tun. Auch lernte ich, blind den Gesamtüberblick im Cockpit zu behalten, sollte sich im Flugzeug Rauch entwickeln, bei Feuer, bei Treffern durch den Feind, bei drohendem Absturz, bei Stress jeder Art. In Lebensgefahr musste ich die Instrumente noch bedienen können. Wir übten diese Abläufe zehnmal, zwanzigmal. Dem Lösen der Gurte und dem Aussteigen nach dem Öffnen des Tops wurde spezielle Beachtung geschenkt. Es brauchte viel Übung, denn sollte die Maschine abstürzen, rettete dies unser Leben. Rauskletten, wegspringen von der Maschine, den Fallschirmgriff ziehen. Im Ernstfall erforderte dies viel Mut, denn man sprang ins Nichts, in die kalte Luft, ins Unendliche. So stellte ich es mir jedenfalls vor. Nur mit traumwandlerischem Können würden wir im Notfall überleben. Man muss sich das vorstellen: in tausend Metern Höhe einfach losspringen ins Nichts!
Ende Juni kam endlich der lang ersehnte Moment! Wir durften ins Cockpit der RWD3
