Der verschwundene Zeuge - Matthias Weichelt - E-Book

Der verschwundene Zeuge E-Book

Matthias Weichelt

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Felix Hartlaub 1945 in den letzten Kriegstagen im umkämpften Berlin spurlos verschwindet, ist der promovierte Historiker, Autor und Zeichner gerade 31 Jahre alt. Nach dem Besuch der Odenwaldschule studierte er in Berlin. Dort freundete er sich mit Klaus Gysi an, dem späteren DDR-Kulturminister und Aufbau-Verleger – und verliebte sich in dessen Mutter Erna. Im Krieg wurde Hartlaub als Mitarbeiter des Auswärtigen Amts nach Paris beordert und führte später mit anderen das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht im Führerhauptquartier in Rastenburg, Winniza und Berchtesgaden.

Hartlaub hat die Brutalität seiner Zeit, die »Menschenfressergesichter« in den Großstädten, die »ratlose Männlichkeit« seiner Kameraden, die Sentimentalität und Unbarmherzigkeit des militärischen Jargons mit einzigartiger Sensibilität und Klarheit beschrieben. Seine Briefe, Aufzeichnungen und literarischen Texte blieben erhalten. Darunter ein Romanversuch über das Attentat vom 20. Juli 1944, das er aus nächster Nähe – an seinem Arbeitsplatz im Sperrkreis II der »Wolfsschanze« – miterlebte.

»Die Frage nach der Genese, nach dem ›Wie war es möglich‹, wird wohl die einzige sein, die noch an uns gerichtet, zu der vielleicht noch etwas zu sagen sein wird«, schrieb Felix Hartlaub. Matthias Weichelts Biographie spürt dem dramatischen Verlauf seines Lebens nach und rückt die bestürzende Dichte und Präsenz seines vorläufig und unvollendet gebliebenen Werks in ein neues Licht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Matthias Weichelt

Der verschwundene Zeuge

Das kurze Leben des Felix Hartlaub

Mit Abbildungen

Suhrkamp

Für David und Jakob,

für Moritz und Paula

Übersicht

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Der verschwundene Zeuge

Kapitel 1 Das Ende

Durchhalten und Übrigbleiben

Die letzten Tage

Kapitel 2 Der Genius im Kinde

Kriegsgeschichten

Erziehung zur Kunst

Gemeinschaftsglück

Kapitel 3 Im neuen Deutschland

Mannheimer Unruhen

Italienische Reisen

Sodom und Gomorra

Kapitel 4 Stadt der Menschenfressergesichter

Berliner Satiren

Erniedrigung und Beschämung

Symptome einer ganz großen Liebe

Der Historiker und die Seeschlacht

Wie lange wird es noch dauern?

Kapitel 5 Cabinet du Sinistre

Das Miterlebenmüssen der Weltgeschichte

Der Bewohner der Hochburg

Nachrichten aus dem Besatzerleben

Der schief gewickelte Siegerstolz

Weltwende im Puff

Kapitel 6 Im Sperrkreis

Kriegsgeschichte für den Führer

Das Büro in der Wolfsschanze

Gefährdete Freunde

Heidelberger Teestunden

Kriegschronisten auf Reisen

Im Dickicht der Notate

Der Zug in den Abgrund

Kapitel 7 Nach dem Ende

Nachleben

Projektionen und Widersprüche

Anhang

Zeittafel

Felix Hartlaub im Suhrkamp Verlag

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildnachweise

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Der verschwundene Zeuge

Abb. 1: Felix Hartlaub 1939.

Kapitel 1

Das Ende

Durchhalten und Übrigbleiben

Frühjahr 1945. Wie lange man noch aushalten muß, kann niemand sagen. Doch daß der Krieg seinem Ende zugeht, ist allen klar. Für das Großdeutsche, das angeblich Tausendjährige Reich ist die Lage trotz aller Durchhalteparolen hoffnungslos. Die Front ist längst in Deutschland angekommen, im Westen überschreiten die Alliierten den Rhein, im Osten rücken die Russen unaufhaltsam auf Berlin vor. Mit seiner Einnahme wird alles vorbei sein. Schon jetzt sind große Teile der Stadt eine Ruinenlandschaft, von immer neuen Bombenangriffen getroffen und zerstört. Einer der schwersten hat am 3. Februar noch einmal Tausende das Leben gekostet. Der baldige Zusammenbruch setzt gewaltige Menschenmengen in Bewegung, Ströme von Flüchtlingen laufen auf die Stadt zu und führen über die wenigen noch intakten Straßen und Brücken aus ihr hinaus. In Oranienburg, nördlich von Berlin, treten die entkräfteten Häftlinge des Konzentrationslagers zum Todesmarsch an, in den Rüstungsfabriken sehnen die Zwangsarbeiter die Ankunft der Alliierten herbei, die letzten untergetauchten Juden erwarten das Ende des Regimes. Hektisch wird die Stadt zur Festung ausgebaut. Als der Kampf immer näher rückt, soll ein aus Alten und Kindern bestehender »Volkssturm« aufhalten, was nicht mehr aufzuhalten ist. Anspannung und Nervosität erreichen in diesen Tagen der Entscheidung ihren Höhepunkt. Wer es bis hierhin geschafft, bis jetzt überlebt hat, will auch den endgültigen Zusammenbruch überstehen. »Bleiben Sie übrig« ist der Berliner Gruß der Stunde.

Für den »Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes« ist das Übrigbleiben keine Option mehr. Im Februar hat er ein letztes Mal die Ostfront besucht und die verbliebenen Reste seiner Truppen auf den Endsieg eingeschworen. Die folgenden Tage verbringt der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht im Bunker unter der Reichskanzlei, im Zentrum des Reichstrümmerfelds, wie die verwüstete Stadt von ihren Bewohnern inzwischen genannt wird. Von den über ganz Europa verteilten Führerhauptquartieren, den Wolfsschanzen, Adlerhorsten und Bärenhöhlen, ist nur dieser Fuchsbau geblieben, aus dem Hitler immer hilflosere Befehle zum Gegenangriff erteilt. Doch sein Versteck ist längst umstellt.

In der offiziellen Chronik des Kriegsverlaufs, im Auftrag des Oberkommandos der Wehrmacht für den Führer persönlich verfaßt, klingt es bis zuletzt so, als wäre man trotz aller Schwierigkeiten Herr des Geschehens. Der Verlauf der Kampfhandlungen an den verschiedenen Frontabschnitten wird sachlich geschildert und zurückhaltend bewertet. Die Informationen laufen offenbar immer noch reibungslos zusammen, auch über die Vorhaben des Gegners zeigt man sich im Bilde. Und was sich derart nüchtern darstellen läßt, kann keinen Anlaß zur Panik bieten. Am 2. März 1945 wird der Stand der Dinge so zusammengefaßt: »Im gesamt ist festzustellen, daß die Stabilisierung der Lage gelang und daß eine Abwehr hergestellt wurde, die allerdings in mehreren Abschnitten nur schwach ist. Durch eine aktive Kampfführung war es besonders in Niederschlesien gelungen, den Feind abzufangen. Hier setzte er dreimal zum Angriff an und wurde jedesmal abgedreht, was als Verdienst der Führung anzusprechen ist. Trotzdem hält der Gegner an der Absicht des Angriffs gegen Berlin fest. Er hat anscheinend jedoch vorerst das Bestreben, seine Flanken freizukämpfen, indem er die eigenen Kräfte in Schlesien auf das Gebirge zurückdrängt und in Pommern zum Meer vorstößt. Um ihm bei Rummelsburg entgegenzutreten, sind Gegenmaßnahmen angelaufen. Es fragt sich, ob es hier noch gelingt, den hier erzielten Überraschungserfolg wieder auszubügeln. Besonderer Nachdruck wird auf die Sicherstellung des Kohlenreviers von Karwin und Mährisch-Ostrau sowie des Industriegebietes von Waldenburg gelegt.«

Die Stabsstelle »Kriegstagebuch«, zuvor mit Hitler durch ganz Europa gereist und in den Hauptquartieren im ukrainischen Winniza, in Rastenburg und Berchtesgaden untergebracht, ist nun im Wehrmachtführungsstab im Lager »Maybach I« in Zossen angekommen, einer Kleinstadt zwanzig Kilometer südlich von Berlin, deren gigantische Bunkeranlagen auch die militärische Nachrichtenzentrale beherbergen. Für die unbeirrt weitergeführten, täglich aus Bergen von Akten und Unterlagen destillierten Einschätzungen der Kriegsschauplätze interessiert sich längst niemand mehr, die unwichtig gewordene Abteilung wird außerhalb der unterirdischen Schutzräume in einer windigen Baracke untergebracht. Hier sitzt der einunddreißigjährige Obergefreite Dr. Felix Hartlaub und arbeitet mit seinem Vorgesetzten, dem Geschichtsprofessor und Major Percy Ernst Schramm, die Nächte durch. Die überall spürbare Anspannung hat nicht nur Gereiztheiten in der Abteilung, zu der noch ein weiterer Historiker und eine Stabshelferin gehören, sondern auch eine hysterische Überproduktion zur Folge, wie Hartlaub am 8. März seinem Vater berichtet: »Bei P[ercy] hat sich die allgemeine malaise in eine zyklopische dienstliche Arbeitswut umgesetzt, die deutlich pathologische Züge trägt. Er fabriziert die ungeheuerlichsten inhaltlich ganz wertlosen, von niemand begehrten geschweige denn gelesenen Manuskripte, die alsbald nach ihrer Fertigstellung ins Ungewisse versendet werden. Alles völlig sinnlos, aber für uns denkbar strapaziös; es zieht sich regelmäßig bis über Mitternacht und in Unterhose und Pyjama hinein. […] [M]eine Tätigkeit umspannt nach wie vor alles zwischen den schwierigsten in Rekordzeit herzustellenden Ausarbeitungen und schwitzender Rollkutschertätigkeit. Nebenbei Ausbildung mit P[an]z[er]-Faust und derartigen Scherzartikeln, die aber vorläufig mehr sinnbildlichen Charakter hat.«

Für den plötzlich erwachten Eifer seines Chefs vermutet Hartlaub dienstliche Gründe. Dieser habe, schreibt er am 17. Februar nach Hause, »wegen mangelhafter Arbeitsleistung bezw. Bevorzugung seiner privaten wissenschaftlichen Belange heftig eins reingewürgt bekommen« und wolle nun »durch verdreifachte Leistung und überstürztes Nachholen Abbitte tun«. Daß die Unrast des Majors noch ganz andere Ursachen hat, kann sein Mitarbeiter nur ahnen. Schramms Schwägerin, Elisabeth von Thadden, ist nach dem 20. Juli 1944 verhaftet und im September in Plötzensee hingerichtet worden, auch seine Frau wird vernommen.

Das Attentat selbst haben die Chronisten des Weltkriegs als Ohrenzeugen miterlebt. Als Stauffenbergs Bombe in der Wolfsschanze neben Hitler explodiert, sitzen Schramm und Hartlaub im Sperrkreis II über ihren Akten und hören die Detonation als nahes Donnergrollen: »Das grosse Ereignis neulich haben wir aus einer ziemlichen Nähe und mit vielen aufregenden Details miterlebt, es füllt mich noch völlig aus. Im Übrigen geht der alte Betrieb ohne jede Einschränkung weiter, es hat sich nichts geändert.« Eine ziemlich lapidare Feststellung für die Aktivitäten, die Gestapo und Sicherheitsdienst nach dem niedergeschlagenen Putsch entfalten. Hunderte werden festgenommen und verhört, viele von ihnen gefoltert und hingerichtet. Jeden kann es treffen, ein bloßer Verdacht reicht aus, man vertraut besser niemandem mehr. Die Vernichtungswut des Regimes, die militärisch keine Ziele mehr hat, richtet sich nun nach innen, das Finale soll apokalyptisch sein. Wer kann, hält sich am Rand. »Was vermochte man da anderes zu tun, als eine Maske aufzusetzen und zu arbeiten, zu arbeiten!« rechtfertigt Percy Ernst Schramm sich nach dem Krieg. Die Schreibtischaufgabe hat ihn und Hartlaub inmitten des Sterbens und Tötens lange davor bewahrt, selbst in die Kämpfe verwickelt zu werden. Aber letzterer weiß seit Februar, daß seine Abkommandierung an die Front bevorsteht und erfolgt, sobald Ersatz gefunden ist. Schutz gibt es ohnehin nicht mehr, schon gar nicht im Bretterverhau des improvisierten Büros. Als Hartlaub und Schramm sich am 15. März nach einer weiteren Nachtschicht mittags zum Schlafen hinlegen und den Alarm überhören, werden sie von heftigen Erschütterungen geweckt und schaffen es nicht mehr in den Bunker. Den Angriff überstehen sie unversehrt in einem nahen Erdloch. Sie haben noch einmal Glück. Wie lange noch?

In den Briefen, die Hartlaub bis zum März 1945 auf dem immer noch funktionierenden Postweg verschickt, gilt seine Sorge nicht nur dem Wohlergehen von Verwandten und Freunden. Ebenso wichtig ist ihm das Schicksal der Manuskripte, die er bei ihnen deponiert hat. Denn was der promovierte Historiker im Sperrbezirk zu Papier bringt, beschränkt sich nicht auf die offizielle Darstellung der Kriegsgeschichte. Bis zuletzt sitzt er, trotz Schlafmangel und Überarbeitung, an eigenen literarischen Aufzeichnungen, die er nach draußen in Sicherheit bringt. Veröffentlicht hat er, abgesehen von ein paar Kindererzählungen, noch nichts, nur seine Dissertation über ein anderes militärisches Großereignis, »Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto«, ist 1940 als Buch erschienen. Dabei hat er früh mit dem Schreiben begonnen, schon als Schüler Theaterstücke, Novellen und Reisetagebücher verfaßt; Briefe sind ihm lebenslang eine tägliche Notwendigkeit. Aber er hat Pläne mit dem, was in Kisten und Koffern aufbewahrt und aus guten Gründen versteckt wird. Er will, was er als Student in der Reichshauptstadt, beim Auswärtigen Amt im besetzten Paris, als Soldat in Rumänien und seit 1941 als Kriegshistoriker im Führerhauptquartier beobachtet und notiert, für später festhalten. Darunter Entwürfe eines Ende 1944 konzipierten Romans, der im Wehrmachtsführungsstab spielt und auch die Ereignisse rund um das Attentat in der Wolfsschanze aufgreift.

Daß er die Vernichtung Europas aus nächster Nähe miterlebt, ist Hartlaub seit Kriegsausbruch bewußt, die historische Dimension seiner literarischen Aufzeichnungen wird ihm immer klarer. Wer sich in solchen Zeiten aufs Schreiben einläßt, muß zu dem, was um ihn herum vor sich geht, Stellung beziehen. Zeuge sein. Das weiß auch Hartlaub, der 1944 aus dem Führerhauptquartier in Berchtesgaden schreibt: »Die Frage nach der Genese, nach dem ›Wie war es möglich‹, wird wohl die einzige sein, die noch an uns gerichtet, zu der vielleicht noch etwas zu sagen sein wird.« Das Urteil werden andere fällen, die später kommen. Darin liege die »tiefe Berechtigung der Geschichtsschreibung«, die dem Historiker der Seeschlacht von 1571 und Berichterstatter des Weltkriegs erst unter diesen Umständen bewußt wird: »Niemand weiß und begreift weniger von der eigenen Zeit als die Zeitgenossen. Mir selbst geht es wenigstens so; man bleibt in einer so beschämenden Weise in den eigenen Umriß gebannt. Man müßte viel aufschreiben, denn andere als privat persönliche Quellen werden später kaum vorhanden sein und gelten.« Allenfalls tastende, sich den Ereignissen Schritt für Schritt nähernde Versuche erscheinen angesichts der eigenen Unfähigkeit, das Ungeheuerliche von außen in den Blick zu nehmen, noch angemessen: »Man wird mit ganz kleinen Geschichten anfangen müssen, ohne alle Hilfsmittel und Ansprüche, allein aus dem Erleben dieser letzten Jahre heraus.« Wer an diesem Neuanfang teilhaben will, muß aber erst einmal durchkommen und das Inferno überstehen: »Man muß hoffen, doch noch Zeiten zu erleben, in denen das ganze unermeßliche Leid einmal […] zum Bewußtsein, zur Sprache und Gestaltung […] kommt.« Anders als der »Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes« bereitet sich Felix Hartlaub nicht auf den Untergang vor. Er will übrigbleiben.

Die letzten Tage

Und das ist schwer genug. Nach Beschwerden des Generalstabs, der aus Bewertungen im Kriegstagebuch Kritik an der Obersten Führung herausgelesen hat, erhalten Schramm und seine Mitarbeiter nach dem Scheitern der Ardennen-Offensive Ende Januar kaum noch aktuelle Informationen. Aber was Hartlaub sieht und hört und etwa über die Bombardierung Dresdens erfährt, genügt ihm. Am 9. Februar hat er dem Vater geschrieben: »Ich habe mir soviel vorgestellt und alles ziemlich zutreffend – bin aber trotzdem bereits ziemlich außer Puste und verstört.« Gustav Friedrich Hartlaub bleibt bis zuletzt der wichtigste Briefpartner seines Sohnes. Der frühere Direktor der Mannheimer Kunsthalle war im März 1933 wegen »Kulturbolschewismus« aus dem Amt entlassen worden und 1939 mit seiner zweiten Frau nach Heidelberg gezogen, wo er sich mit dem Verfassen von Artikeln und Rezensionen beschäftigt und in einem Refugium der Erinnerung an bessere Zeiten einrichtet. Der gesellige Verkehr im Kreis um Marianne Weber läßt ihm das Arrangement mit dem Staat, der seine Karriere beendet hat, erträglich erscheinen, Opposition oder Widerstand hält er nicht für angeraten. Überhaupt gelten alle Ambitionen nun dem ältesten Sohn. Dessen Begabung hat Gustav Friedrich Hartlaub früh erkannt und nach Kräften gefördert. Der Anspruch, noch für den Erwachsenen erster Ratgeber und Mentor zu sein, belastet aber die eigenständige Entwicklung des Sohnes. Auch nach dem Studienbeginn in Berlin stimmt Felix jede wichtigere Entscheidung mit dem Vater ab und bleibt auch finanziell von ihm abhängig. Ein bemerkenswert offenes und enges, aber auch schwieriges Verhältnis, in dem Konflikte ebenso unterdrückt wie schonungslos ausgetragen werden. Selbst Auskünfte über Intimes, Erotisches haben in diesen Familienbriefen ihren Platz.

Die unwirkliche Endzeitstimmung im Winter 1945 läßt ohnehin alles durcheinanderrauschen. Mit einer Frankfurter Bekannten werden eheliche Zukunftspläne erwogen, während eigentlich alles in Frage steht, »reichlich wesenlos« ist angesichts der »neuen mil[itärischen] Lage«. Als Sehnsuchtsbild bleibt die familiäre Eintracht, das unzerstörte Elternhaus, die heile Heimat. Daran muß man sich klammern, wenn ringsum alles zusammenbricht: »Ich kann Euch garnicht sagen, wie dankbar ich für die Heidelberger Tage bin, sie haben das Gefühl völliger Harmonie in mir hinterlassen. Die Erinnerung wird sicher oft darauf zurückgreifen. Der Eindruck der unversehrten Stadt, des unversehrten Hauses und des noch funktionierenden menschlichen Austausches waren regelrechte Seelenspeise.« Gustav Friedrich Hartlaub, noch 1939 in einem Brief des Sohnes an eine Freundin als »Urjammerbild eines Vaters, eines Lebenslosen«, als »Mann ohne Arbeit« verspottet, der »journalistische Tagesbesogne zu Inhalten, Impressiönchen zu Gesamtimpulsen« steigere, wird im Angesicht des Infernos zum bewunderten Vorbild souveräner Lebensführung. Die düstere Gegenwart taucht alles Vergangene in milden Glanz. »Für mich war Deine Teilnahme und dauernde briefliche Gegenwart in diesen letzten Zeiten natürlich eine ganz entscheidende Tatsache, die meiner Isoliertheit und Eingesperrtheit viel von ihrer Schwere genommen hat. Ich sehe uns auch alle eines Tages wieder beieinander; was mich persönlich betrifft, erweckt zwar die körperliche Insuffizienz immer wieder Bedenken. Ich tröste mich aber immer mit der Hoffnung, möglichst viel von der Beständigkeit und Kursfestigkeit mitbekommen zu haben, die Du in den letzten Jahren bewiesen hast.«

Wie alle Familien hat der Krieg auch die Hartlaubs auseinandergerissen. Seine Schwester Genoveva, genannt Geno, die ebenfalls schreibt und dem Bruder eine 1941 veröffentlichte Erzählung (»Die Entführung«) voraushat, hat Felix seit Jahren nicht mehr gesehen. Als Wehrmachthelferin wird sie in Frankreich und Norwegen eingesetzt und gerät dort in Gefangenschaft. Den jüngeren Bruder Michael, zuletzt in Niederschlesien an der Front, führt das schrumpfende Kampfgebiet noch einmal mit Felix zusammen, nachdem sie zuvor Tausende Kilometer voneinander entfernt gewesen waren. »Laut Brief vom 28. I. befindet sich das Michele, nach anscheinend wieder ziemlich hanebüchenen Rückzugserlebnissen, hier ganz in meiner Nähe, bei den Funkmessern in Döberitz. Leider ist es mir wegen Zeitknappheit und gestörter Verbindungen noch nicht gelungen, mit ihm in Verbindung zu treten. Ich hoffe, dass ich zum Wochenende einmal hinausfahren kann – anders ist anscheinend keine Verbindungsaufnahme möglich. Ich habe gewisse Befürchtungen, ob er noch da und nicht den letzten wilden Frontraffungsmassnahmen zum Opfer gefallen ist. Es wäre einzigartig schön, wenn ich ihn jetzt hier noch sehen könnte.« Das unwahrscheinliche Zusammentreffen kommt wenig später tatsächlich zustande. Die Gefechte auf dem Rückzug nach Berlin hätten alles bis dahin Erlebte weit hinter sich gelassen, erzählt ihm der Bruder, sie sind eine Vorahnung dessen, was ihnen im Kampf um die Hauptstadt bevorsteht: »Wir waren beide reichlich bedrückt, sehr unheimlich berührt von der Tatsache unseres bisherigen Erhaltenbleibens und darum nur umso unruhiger gegenüber dem Kommenden, für das wir uns beide nicht so recht geaicht fühlten.« Aber nicht nur räumlich hat der Krieg die Geschwister voneinander entfernt. Auch ideologisch hat sich eine Kluft aufgetan. Die Jahre der Indoktrination haben ihre Spuren hinterlassen, bis in die Familie hinein, wie Felix den Eltern am 8. März 1945 schreibt: »Das Michele natürlich letzten Endes, wenn auch mit deutlicher persönlicher Nuancierung, in der eingetrichterten Vorstellungswelt befangen, das erschwerte etwas die Verständigung. Bei längerem Zusammensein hätte sich das sicher rasch gelöst. Dazu kam die gewisse Gefühlslähmung, die sich allgemein bemerkbar macht – nur bei meinem Aufenthalt in H[eidelberg] bei Euch habe ich sie eigentlich nicht gespürt.« Das erhoffte zweite Treffen mit dem Bruder kommt nicht mehr zustande. Michael Hartlaub hat Glück. Seine Einheit wird nach Westen verlegt, der Berliner Häuserkampf bleibt ihm erspart.

Gut zweieinhalb Millionen sowjetische Soldaten, mehr als sechstausend Panzer und siebeneinhalbtausend Flugzeuge machen sich inzwischen für den Angriff bereit, ihnen stehen etwa eine Million Verteidiger auf deutscher Seite gegenüber, zusammengestellt aus Überresten von Wehrmacht und Waffen-SS, aus improvisierten Polizei- und Volkssturmverbänden. Am 16. April beginnt die Rote Armee, die Stadt in einer Zangenbewegung einzuschließen. Und mit ihr die Menschen, die dort ausharren. Zu ihnen gehören die Freunde, die Hartlaub unbedingt wiedersehen will, bevor er sich in der Spandauer Seeckt-Kaserne zur Infanterie melden muß. Im April hat er die längst erwartete Abkommandierung an die Front erhalten, die Panzerfaust ist nun auch für ihn kein Scherzartikel mehr. Daß er inmitten des Zusammenbruchs noch zwei Wochen Urlaub erhält, gehört zur bizarren Logik der militärischen Bürokratie. Die unverhofft geschenkte Zeit, ein letzter Aufschub vor dem unausweichlichen Finale, verbringt er in jener Stadt, die ihm fremd geblieben und doch Lebensmittelpunkt geworden ist. Im Dezember 1943 hat er aus der Wolfsschanze an Melita Laenebach geschrieben: »Ich war mit Berlin nicht besonders verwachsen und habe sehr wenig davon mir wirklich zu eigen machen können. Aber alles Entscheidende knüpft sich für mich doch in irgendeiner Form an diese Stadt.« Auf dem Dachboden ihrer Wohnung in der Schlesischen Straße in Kreuzberg verwahrt seine Freundin auch einen Teil seiner Aufzeichnungen. Beide sind seit 1943 ein Paar, doch ihr Zusammensein habe, sagt sie nach dem Krieg, wegen Hartlaubs ständiger Dienstverpflichtungen gerade einmal dreißig Tage gedauert. Die Beziehung ist mittlerweile »in den letzten Zügen«, die »beiderseitige Schwunglosigkeit und Stumpfheit kaum zu überbieten«, erfahren Hartlaubs Vater und Stiefmutter in gewohnter Offenheit. Kennengelernt hat er die junge Frau bei Klaus Gysi und Irene Lessing, mit denen ihn seit Beginn seiner Berliner Jahre eine enge Freundschaft verbindet. Klaus’ Mutter, Erna Gysi, wurde seine große Liebe, mit der zwanzig Jahre älteren, belesenen, selbstbewußten Frau führt er eine leidenschaftliche Beziehung, die auch die Emigration der jüdischen Freundin 1938 nach Frankreich übersteht. Die an sie gerichteten berührenden Briefe werden von Hartlaubs Vater, dem die Verbindung mißfällt, später verharmlosend gekürzt in die Auswahlausgaben aufgenommen.

Sohn Klaus kennt er bereits aus der Odenwaldschule. Seit dem Umzug nach Berlin gehört Hartlaub zur Familie, die in Zehlendorf am Teltower Damm ein offenes Haus führt, er wohnt eine Zeitlang bei der Großmutter und später auch in der Villa der Lessings Am Schlachtensee 130. Auch von Zossen aus kommt er hierher, sooft sich die Gelegenheit bietet. Anfang März berichtet er dem Vater von den abenteuerlichen Fahrten nach Kreuzberg und Nikolassee: »Ich muss froh sein, wenn ich einmal in der Woche, neuerdings auch seltener, in die von Mal zu Mal übler zerfledderte Stadt entwischen kann, um nach oft stundenlanger Stehfrierfahrt nebst Fussmarsch mit gegen Ende heftig crescierender Bangigkeit vor den – bisjetzt noch immer – unversehrten befreundeten Heimen anzulangen. Dort liegt dann der Hauptakzent auf dem, was ich zu essen mitgebracht habe, meistens nur meine eigene, für zivile Begriffe immer noch erstaunliche Abendration, dazu vielleicht ein Kochgeschirr voll entwendeter Feldküche. Das wird dann im Dunkeln, die Kerzen sind meist alle, verzehrt, Ablegen des Mantels entfällt. Das Aufleuchten der electricité ist dann das Zeichen für den allabendlichen Moskitoalarm (die Sirenen brauchen den Strom). Dieser ist meistens kurz, aber eigentlich immer mit zerbrochenen Scheiben, herausgesprungenen Verd[unkelungs]pappen und dergl. verbunden. Die verbleibende Nacht ist nicht mehr sehr üppig bemessen, da ich mich um 5½ Uhr spätestens auf die Rückreise begeben muss. Bei Mel[ita] beträgt die Temp. im Gros der Wohnung um 0 Grad, sie hat sich mit einigen Möbelstücken in die Küche zurückgezogen, die sie bis kurzem mit Hilfe des Gas-Backofens und aller möglichen el. Sonnen noch auf einer einigermassen menschlichen Celsiushöhe halten konnte – jetzt ist aber beides ausgefallen.«

Die Besuche der weitgehend zerstörten, sich auf den Endkampf vorbereitenden Stadt versorgen den Historiker Hartlaub mit einer konkreten Anschauung dessen, was sich in der von ihm mitverfaßten Chronik hinter militärstrategischem Jargon wie »aktiver Kampfführung«, »Gegenmaßnahmen« und »Überraschungserfolgen« verbirgt. Die Wirklichkeit des Krieges, schreibt er am 8. März 1945 aus Zossen an den Vater, ist eine andere: »Trotzdem ist alles eisern zum Bleiben entschlossen – es bleibt auch von Obrigkeitswegen garnichts anderes übrig. Ich selbst bin alles in allem dankbar dafür, dass ich aus einiger Nähe an dem Schicksal dieser Stadt teilnehm und den gänzlich verlorengegangenen Anschluss an die Realität dieser Tage wieder schüchtern anknüpfen kann.«

Denn über das Grauen kann nur sprechen oder gar schreiben, wer es selbst erlebt hat. Für Hartlaub sind Realität, Wirklichkeit, Erfahrung seit seiner Jugend Chiffren für etwas, was sich ihm immer wieder entzieht. Nun werden sie zur Maxime für ein menschliches und schriftstellerisches Ethos, das die Grundlage des Schreibens nach der Katastrophe bilden soll: »Nur muss die Anreicherung mit wirklicher Erfahrung noch einen grösseren Umfang annehmen – in dieser Beziehung haben mir die letzten Jahre, die mich nur mit dem farblosesten und fadesten Büromenschentum zusammengebracht haben, sehr wenig weitergeholfen.« Und die Trümmer- und Leichenberge der Nazijahre bilden eine Wand, hinter der alles verschwindet, was an humanistischem Bildungsgut und propagandistischer Unterhaltung noch vorhanden sein mag. Die Welt von gestern hat abgedankt: »Alles was ich sonst zu sagen hätte in diesem Zusammenhang, ist so abgegriffen und würde so nach einer schiefen höheren Warte klingen. Man muss dies wirklich selbst mitgemacht haben oder möglichst den Mund halten. Wenigstens sehe ich schwarz für die Restbestände von Heldensagen und Abenteurergeschichten in den Buchhandlungen, falls sie noch nicht sämtlich verbrannt sind. Sie werden kaum noch einen Käufer finden, wo jeder von den Grossstädtern die akute Todesgefahr und Todesangst nun tagtäglich ins Haus geliefert bekommt. Dass sich der Zusammenbruch der bürgerlichen Welt unter so infernalischen Umständen vollzieht, wäre nicht unbedingt erforderlich gewesen, ausserdem geht ja auch einiges mit kaputt, was durchaus noch nicht reif dafür war.«

Der bei aller Bitterkeit ironische Ton des Briefs vom 25. März 1944 aus Berchtesgaden richtet sich an die Freunde Irene und Klaus. Das Verhältnis zu ihnen ist so offen und eng wie sonst nur zum Vater. Mit ihnen spricht Hartlaub über alles, was ihn bewegt, über Bücher, Filme, Theater, über Geschichte und Kunst, auch über die eigenen literarischen Versuche. Die Villa am Schlachtensee ist auch während des Krieges noch eine geschützte Zone, ein Rückzugsort. Man geht zum Schwimmen in den See und sonnt sich auf der Terrasse. Die ungezwungene Atmosphäre teilt sich auch auf Fotos vom August 1943 mit, auf denen beide Paare in Badesachen in der Sonne liegen. Bedrohung und Terror scheinen hier fern zu sein. Man kann sie zumindest vergessen.

Aber die Idylle war schon vor dem Näherrücken des Krieges nur eine scheinbare, hier, im beschaulichen Südwesten Berlins, ist die Gefahr sogar näher als gedacht. Denn der charismatische, energische Freund, in der DDR später Aufbau-Verleger, Kulturminister und Staatssekretär für Kirchenfragen, hat sich wie seine Freundin im kommunistischen Widerstand engagiert; beide werden während eines Besuchs bei Erna Gysi in Paris vom Kriegsausbruch überrascht und interniert, kehren dann aber im Auftrag der KPD nach Deutschland zurück, um angeblich Informationen für die Komintern zu beschaffen. In den neunziger Jahren wird Klaus Gysi der Hartlaub-Biographin Monika Marose Andeutungen über gemeinsame Aktivitäten machen, weitere Auskünfte verhindert ein Schlaganfall. Worin genau ihre angebliche Kundschaftertätigkeit bestand, was Felix davon wußte und welche Informationen aus dem Oberkommando der Wehrmacht er ihnen weitergab, ist ein großes Geheimnis. Wie brisant die Freundschaft des Militärhistorikers aus dem Führerhauptquartier mit dem kommunistisch-jüdischen Liebespaar ist, ist allen Beteiligten klar. Zumal Klaus Gysi sich der Einberufung zum Volkssturm nur entziehen kann, weil er mit Hilfe gefälschter Abstriche eine Diphtherieerkrankung vortäuscht. Eine Gemeinschaft der Gefährdeten.

Vor allem der Obergefreite Hartlaub macht sich keine Illusionen. Alle Versuche der Freunde, ihn davon abzubringen, dem Stellungsbefehl Folge zu leisten, wehrt er ab. Hätte man einen Deserteur im Haus aufgegriffen, hätte das für alle den Tod bedeutet. Tatsächlich wird die Villa am Schlachtensee noch in den letzten Kriegstagen von einer jener Patrouillen durchsucht, die jeden aufgreift, der sich dem Heldentod zu entziehen versucht.

Irene Lessing bleibt nichts anderes übrig, als den Freund wohl am 20. April zur S-Bahn-Station Nikolassee zu bringen, wo er sich mit dem Schwejk-Zitat »bis nach dem Krieg um sechs« von ihr verabschiedet. Der sowjetische Angriff auf Berlin hat da längst begonnen, die ersten Vororte sind bereits eingenommen. Über die beiden Havel-Brücken, die für den Fall, daß der Führer doch noch entkommen will, nicht gesprengt worden sind, treten hunderttausend Menschen die Flucht nach Westen an. Für viele ist es ein Lauf in den Tod, sie sterben im Kugelhagel der letzten Gefechte. Ihre Leichen schwimmen im Fluß oder liegen am Rand der Straßen. Sie werden nach Ende der Kämpfe in Massengräbern bestattet, manche später in Friedhöfe umgebettet. Um wen es sich handelt, ist oft nicht mehr festzustellen. Die Kapitulation am 2. Mai kommt für sie zu spät. Auch Felix Hartlaub kommt in der Spandauer Kaserne nie an. Er verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. 1955 wird er für tot erklärt.

Kapitel 2

Der Genius im Kinde

Kriegsgeschichten

1914, als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist Felix Hartlaub gerade ein Jahr alt. Daß aus dem Attentat im fernen Sarajevo ein solcher Weltkrieg entsteht, können sich seine Eltern nicht vorstellen, kann sich niemand vorstellen, man weiß nicht einmal, was das überhaupt ist. Und keiner ahnt, daß bald darauf ein weiterer, noch schrecklicherer folgen wird, ein ganzes Jahrhundert im Zeichen des Mars bevorsteht, mit Millionen von Toten, Verwundeten, Vertriebenen. Als Deutschland mit Österreich-Ungarn ins Feld zieht, gibt man sich noch siegessicher, der Erzfeind soll geschlagen und Paris eingenommen werden, der Kaiser kennt keine Parteien mehr, nur noch deutsche Brüder. Am Ende des jahrelangen Schlachtens ist er im Exil, die Monarchie Vergangenheit. Die deutschen Brüder und Schwestern erwartet eine ungewisse Zukunft in einer neuen Republik, die Höhe der Schulden und das Ausmaß der Schuld sind vertraglich geregelt. Einen »Sprung ins Dunkle« hat Reichskanzler Bethmann Hollweg die deutsche Politik zu Kriegsbeginn genannt. Der Fall ist tief und der Aufprall hart. Die Entbehrungen und Ängste wird man nicht vergessen, das Reden von der »Schmach« und der »Welt von Feinden« auch nicht.

Damit auch die Kinder wissen, in welcher Epoche sie geboren und aufgewachsen sind, schreibt ihre Großmutter Helene Hartlaub genau auf, wie sich das Leben im Krieg verändert, wie alle sich einschränken müssen, am Ende den Frieden herbeisehnen. »So nach und nach«, heißt es zu Beginn des vierten, im August 1917 begonnenen Bandes der »Kriegszeiten«, »haben sich neben Kriegsnachrichten und Erlebnissen allerhand kleine private Mitteilungen mit eingeschlichen. Das macht die lange Dauer des Krieges. Man stumpft ab gegen die täglichen Schreckensnachrichten, vergisst sie auszusprechen, ist überhaupt froh, wenn man keine Zeitungen zu lesen braucht, und das Privat Leben gewinnt die Oberhand. Deshalb wird auch wohl in diesem Band mancherlei stehen was nicht vom Kriege handelt, und wer weiß, vielleicht kann ich gegen Ende vom Frieden reden!« Das für die Enkel gedachte Tagebuch bildet den Grundstein der Hartlaubschen Chronik, die mit dem mehrbändigen »Eselsbuch« fortgesetzt wird, einer zunächst aus Sicht eines Eselchens für die Kinder verfaßten, dann das Zusammenleben und die Zeitumstände protokollierenden Familiengeschichte, an der die Mutter, die Tochter und schließlich der Vater weiterschreiben. Auch die zwischen den Eltern und den Kindern, mit Angehörigen und Freunden gewechselten Briefe gehören zum familiären Archiv, werden herumgereicht und aufgehoben, bilden ein alle verbindendes, alle einschließendes schriftliches Gespräch. Sie werden gesammelt wie die übrigen Dokumente, Aufzeichnungen, Urkunden, der im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrte Nachlaß füllt ein Dutzend Kästen. Was diese Familie ausmacht, soll bleiben, sie versichert sich ihrer selbst in der Lektüre der füreinander und übereinander verfaßten Schreiben, fühlt sich als Teil einer Tradition und gründet eine eigene. Im Zeichen der Überlieferung hat jedes Zeugnis seinen Wert.

Abb. 2: Der Genius im Kinde. Felix Hartlaub 1922.

Der Krieg, in dessen Schatten die junge Familie wächst, ist allgegenwärtig, aber die Front bleibt glücklicherweise fern, eine schwere Arthritis erspart Gustav Friedrich Hartlaub den Einsatz im Schützengraben. Nur die französischen Flugzeuge erreichen zuletzt auch Mannheim, der kleine Gustav Adolf Felix macht das zum Gegenstand einer seiner frühesten Zeichnungen. Die Eltern sind nach seiner Geburt von Bremen in die südwestdeutsche Industriestadt gezogen, 1915 und 1918 kommen hier die Geschwister Genoveva Irene Luise und Michael zur Welt. Der Vater hat 1913 eine Assistentenstelle an der städtischen Kunsthalle angenommen, ein eher ungewöhnlicher Berufsweg für jemanden, der wie seine Frau aus einer alteingesessenen hanseatischen Kaufmannsfamilie stammt. Aber auch der Posten des Museumsdirektors hat in Deutschland inzwischen ein gewisses Renommee, Männer wie Wilhelm von Bode, Hugo von Tschudi, Ludwig Justi oder Max Friedländer sind über ihre Häuser hinaus bekannt. Und Gustav Pauli, der die Kunsthallen in Bremen und Hamburg leitet, ist sogar Sohn eines Bremer Bürgermeisters. Außerdem bricht die Neigung zur Kunst in beiden Familienzweigen immer wieder durch, Gustav Friedrich Hartlaubs Mutter wäre gern Opernsängerin geworden, die Urgroßmutter führte in Bremen einen literarischen Salon. Und seine Frau Félicie, geborene Meyer, darf zwar nicht studieren, macht aber Bildungsreisen in den Süden und läßt sich an einer Gartenbauschule ausbilden. Ihr Mann sieht sie 1902 in der Aufführung eines Traumspiels von Maurice Maeterlinck auf der Bühne, das, mit einem von Rilke geschriebenen Prolog, zur Eröffnung der Bremer Kunsthalle aufgeführt wird. Ihre Leidenschaft gilt der Literatur, sie liest Proust im Original, schreibt für sich und veröffentlicht Essays und Erzählungen, zunächst in der von Gustav Friedrich Hartlaub mitherausgegebenen »Güldenkammer«, dann in angesehenen Zeitschriften wie Velhagen & Klasings »Monatsheften«, Texte mit Titeln wie »Paris und seine Widersprüche«, »Die Schwester« oder »Süßer Kitsch«. Und sie spricht im Rundfunk über »Die Frau als Künstlerin«. Dieses Thema liegt ihr besonders am Herzen, schließlich engagiert sie sich in der Frauenbewegung, ist auf der Suche nach Mitstreiterinnen und findet sie in der GEDOK, der »Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnen-Vereine aller Kunstgattungen«, deren Ortsgruppe Mannheim-Ludwighafen-Heidelberg (»Maluheidu«) sie mitbegründet. Als die GEDOK-Vorsitzende Ida Dehmel, geborene Coblenz, die Witwe Richard Dehmels und Jugendfreundin Stefan Georges, im Januar 1930 ihren sechzigsten Geburtstag feiert, gratuliert Félicie Hartlaub mit einem langen Zeitungsartikel.

Wie ihre Schwiegermutter hält sie die Zeit des Ersten Weltkriegs in Aufzeichnungen fest, allerdings in »Traumprotokollen«, in denen es wesentlich drastischer zugeht als in den für die Enkel bestimmten Großmutter-Tagebüchern; Leichenwagen, Krüppel, Agenten, Verwundete und Gefallene bevölkern die Träume, auch Hindenburg selbst tritt auf, als »innere Gefahr« für den ersehnten Frieden (Harald Tausch). Hier gewinnt der Krieg die Oberhand vor dem »Privat Leben«. Sein Schatten legt sich auf das Leben der Familie, die Bedrohung verdichtet sich in den Bildern der Träume. Indem die Mutter sie aufschreibt, sind sie immerhin fixiert. Nach ihrem Tod wird ihr Mann beim Lesen der Protokolle Trost finden; wer verschwunden ist, lebt in seinen Aufzeichnungen fort: »Wie schön und befreiend ist es für dich, daß du beim Lesen von Mammis Papieren schon die versöhnende Überschau gewonnen hast, ihr gesamtes Leben mit allem Auf und Ab begreifen kannst und nicht mehr nur das Finale im Ohr, die absteigende Linie im Auge hast.« So schreibt der Sohn dem Vater nach ihrem Begräbnis. Das Familienarchiv wird zum Raum der Andacht und Erinnerung, hier hören die Gespräche miteinander nie auf.

Abb. 3: Bildungsbürger in unsicheren Zeiten. Gustav und Félicie Hartlaub ca. 1922.

Die zwanziger Jahre erweisen sich trotz aller wirtschaftlichen Probleme und politischen Unwägbarkeiten als Zeit großer Möglichkeiten. 1923 wird Hartlaub als Nachfolger Fritz Wicherts Direktor der Mannheimer Kunsthalle. Das Museum hat sich seit seiner Gründung 1909 als Anziehungspunkt der neuen Kunst in Deutschland etabliert und gilt weltweit als eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne. Der 1911 ins Leben gerufene »Freie Bund zur Einbürgerung der bildenden Künste in Mannheim« soll möglichst breiten Schichten, »insbesondere der industriellen Arbeiterschaft«, Zugang zu den Sammlungen verschaffen, es gibt »didaktische Ausstellungen« und eine »Akademie für Jedermann«. Auch Plakate, Karikaturen und Industriefotografien werden gezeigt. Vor allem aber bleibt das Museum, trotz aller Verwerfungen des Krieges, ein Ort des internationalen Austauschs. Was etwa in Frankreich an progressiver Kunst entsteht, gehört ebenso dazu wie alles, was hierzulande von sich reden macht: Beckmann, Chagall, Dix, Delaunay, Grosz, Nolde, Munch, Ensor, Schlemmer, Masereel, Hofer und andere werden von Wichert und Hartlaub erworben, 1921 kommt eine Schenkung des jüdischen Sammlers Sally Falk hinzu. Je aktueller und radikaler die Bilder und Skulpturen sind, je heftiger darüber gestritten und diskutiert wird, desto besser. Die von Hartlaub, dem »klassisch gebildeten Avantgardisten und dem Weltgeheimnis offenen Rationalisten« (Norbert Miller), der sich auch mit Alchemie und Magie, Antike, Barockmusik und Renaissance, Giorgione und Doré beschäftigt und mit Aby Warburg und Fritz Saxl im Austausch steht, in seiner Amtszeit gesammelten Bilder könnten sich in jeder Metropole sehen lassen. Ausstellungen wie »Wege und Richtungen der abstrakten Malerei in Europa« (1927) greifen neueste Strömungen auf, die von Hartlaub kuratierte Schau »Die neue Sachlichkeit« (1925) gibt einer ganzen Richtung ihren Namen. »Was wir zeigen, ist allein, daß die Kunst noch da ist«, schreibt er im Geleitwort zum Katalog, »daß sie zu Neuem, Ungesagtem strebt, Neuem, Ungesagtem sein Recht erkämpft. Daß sie lebt – trotz einer kulturellen Situation, die dem Wesen der Kunst so feindlich scheint, wie selten ein Zeitalter es war.« Gerade in der Krise soll sich die Lebensfähigkeit der Kunst erweisen, ihr traut Hartlaub nicht weniger als alles zu. Interessanter als das, was jeden Tag in der Zeitung steht, ist sie allemal.

Beruflich hat er jedenfalls seine Aufgabe gefunden. Und sich im Bürgertum der mittelgroßen Stadt etabliert. Vor der reichen Verwandtschaft im Norden muß man sich nicht mehr verstecken. In der dem Direktor zustehenden Fünf-Zimmer-Dienstwohnung gehen bekannte Künstler, Kollegen und Kritiker ein und aus. Auch die Kinder haben teil an diesem Milieu und erinnern sich, wie Tochter Geno, an Präsenz und Autorität des Vaters: »Raumgreifend, mit schnellen Schritten, geht er durch die Säle der Kunsthalle. Mit Hilfe der Aufseher hängt er Gemälde um, Bilder von ungemischt reinen Farben, Orgien des Lichts, aus denen Fragmente von Gegenständen herausragen. Werke des Expressionismus – auf ihnen wird die Welt noch einmal geschaffen: Gestirne, Wasser, Feuer, Blume, Mensch und Tier. Mein Vater erklärt uns diese neue Welt. Er wirkt mit an der Schöpfung zwischen zwei Katastrophen. Als Pionier zieht er aus zu unentdeckten Kontinenten von Werkstätten und Ateliers, wo die Künstler ihre Visionen auf den engen Raum ungerahmter Leinwände bannen. Er ist dabei, er gibt denen, die keine Worte finden, seine Sprache: er erklärt den Künstlern ihr Werk.«

Erziehung zur Kunst

Und nicht nur den Künstlern. Auch seine Kinder sind von klein auf zum Malen, Zeichnen, Schreiben und Musizieren angehalten, sollen ihre Phantasie und Kreativität zum Ausdruck bringen. Die Kunst als Mittel der Erziehung zum ganzen Menschen steht durch die Reformpädagogik schon länger hoch im Kurs, und das von Ellen Key 1900 ausgerufene »Jahrhundert des Kindes« verwirklicht sich zumindest in Ausstellungen und Büchern wie »Das Kind als Künstler«, »Das zeichnende Kind und sein Verhältnis zur Kunst« oder »Das Leben, die Kunst, das Kind«. Vor allem Zeichnungen gelten als unverfälschte Äußerungen des noch ungeformten Gemüts. Am »Eigenwert kindlichen Gestaltens« hat Gustav Friedrich Hartlaub auch ein professionelles Interesse, er macht es sich zur Aufgabe, »Zeugnis abzulegen für das freie Kind und für das, was wir in bewußter Wiederaufnahme romantischer Vorstellungen seinen ›Genius‹ nennen wollen«.