Der wahre Schimanski - Heinz Sprenger - E-Book

Der wahre Schimanski E-Book

Heinz Sprenger

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

L E D E R J A C K E . S C H N A U Z E R . M O R D S K E R L . Heinz Sprenger ist der »Schimanski« unter den deutschen Kriminalhauptkommissaren. Nicht nur weil er mit diesem die Initialen und die Wirkungsstätte teilt, sondern auch weil er seinen Beruf mit derselben Leidenschaft ausgeübt hat wie der legendäre »Tatort«-Kommissar. Eines unterscheidet die beiden jedoch voneinander: Sprenger folgte nie einem Drehbuch, er leitete die Mordkommission in Duisburg im realen Leben. In seiner über vierzig Jahre währenden Einsatzzeit war Heinz Sprenger einer der erfolgreichsten Ermittler Deutschlands. Er war es, der die Mafiamorde von Duisburg aufgeklärt hat, bei denen im Jahr 2007 sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant erschossen wurden. Er war es auch, der erfolgreich einen Mord ohne Leiche vor Gericht brachte und einen wichtigen Etappensieg im Duisburger Rockerkrieg erzielen konnte. Seine Fälle haben ihn bis in die Niederlande, die Schweiz, nach Frankreich, Italien und Spanien geführt. Und einmal musste er sich sogar als Obdachloser getarnt neben eine Telefonzelle legen, um einen Täter zu fassen. In diesem Buch berichtet »der wahre Schimanski« von Fällen, die ein »Tatort« nicht spannender erzählen könnte. Er führt hinab in menschliche Abgründe und stellt auf erschütternde Weise klar, dass Menschen zu allem fähig sind.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



HEINZ SPRENGER

DER WAHRE

SCHIMANSKI

HEINZ SPRENGER

DER WAHRE

SCHIMANSKI

Meine spektakulärsten Fälle als Duisburger Chefermittler

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Die in diesem Buch geschilderten Fälle entsprechen den Tatsachen. Die Namen der genannten Personen wurden anonymisiert. Etwaige Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten wären rein zufällig.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2017

© 2017 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Sabine Franke

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, München

Satz: Carsten Klein, München

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

eBook: ePubMATIC.com

ISBN Print 978-3-7423-0106-2

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-520-1

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-519-5

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

INHALT

Vorwort

Die Mafiamorde von Duisburg – Teil 1: Die Tat

Die Anfänge: Der Kannibale von Duisburg

Der Serienmörder, der zu früh starb

Alte DNA, ungelöste Fälle und ein NSU-Verdacht

Ein Mord ohne Leiche – mit Leiche

Mordmotiv: schöne Lederjacke

Ein toter Zuhälter und eine filmreife Flucht

Die Mafiamorde von Duisburg – Teil 2: Die Hintergründe

Ein (fast) perfekter Mord

Der Tod kam während der Hausaufgaben

Der tragische Fall der Türel Y. – und ein Staranwalt namens Bossi

Leichensachen: Der Tote im Getreidesilo

Der Mordermittler am Müllwagen

Bitte nicht stören – Mord wegen Telefonsex

Vom Umgang mit einem Kind, das vier Menschen getötet hat

Else K., 72 Jahre alt – missbraucht und erwürgt

Der Mörder, der erschossen wurde

Wer anderen eine Grube gräbt

Ein politischer Auftragsmord mitten im Ruhrgebiet

Wie ein Stromausfall einen Mord ans Licht brachte

Die Mafiamorde von Duisburg – Teil 3: Die Aufklärung

Der Polizist als Penner – eine etwas andere Ermittlung

Mit CSI zum fast perfekten Mord

Ein trauriger Rekord: fünf getötete Kinder in einem Jahr

Sie nennen es Ehrenmord: Menschen geschächtet wie Tiere

Schlussbemerkung

Über den Autor

VORWORT

Götz George hat in der Rolle des Horst Schimanski einen Ermittler der Kriminalpolizei dargestellt, der seine Arbeit mit Leib und Seele machte. Einen Mann, der vollkommen darauf fokussiert war, seine Fälle zu klären. Eine Person, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnete, dass sie einen absoluten Gerechtigkeitssinn besaß, und die sich infolgedessen auch über zahlreiche Dienstvorschriften hinwegsetzte.

Überträgt man diese Grundmuster nun auf die Realität, dann wird man zu der Erkenntnis kommen, dass es in Deutschland zahlreiche Ermittler wie einen Horst Schimanski gibt. Diese Ermittler sind Leute, die mit ihren Fällen aufstehen und die mit diesen Fällen dann auch wieder in ihr Bett gehen. Denke ich selbst an die Zeit, in der ich Mordkommissionen geleitet habe, dann denke ich damit an eine Zeit, in der ich abends oft nur zum Schlafen nach Hause gekommen bin. Neben meinem Bett auf dem Nachttisch lag dann immer ein Blatt Papier nebst Kugelschreiber, weil ich wusste, ich würde nachts wach werden und an Fakten denken, die ich womöglich tagsüber außer Acht gelassen hatte. Damit diese nächtlichen Gedanken nicht in Vergessenheit gerieten, habe ich sie also direkt aufgeschrieben und konnte dann am nächsten Morgen sofort entsprechend die Arbeit wieder aufnehmen.

Damit will ich vor allem ausdrücken, dass man einer Ermittlung alles andere unterordnet, und wenn ich »alles« sage, dann gilt das nicht zuletzt für soziale Kontakte – es gilt sogar für die eigene Familie. All das wiederum wird im Leben der fiktiven Figur des Horst Schimanski ebenfalls sehr deutlich, und genau das macht ihn für viele Kriminalisten so sympathisch und glaubwürdig – weil es eben eine gewisse Deckungsgleichheit zwischen Fiktion und Realität gibt.

Dass der Name Schimanski Teil des Titels dieses Buches ist, hängt also vor allem damit zusammen, dass sich hinter der Figur Schimanski ein sehr großer Teil Wahrheit verbirgt. Schaut man sich die verschiedenen Schimanski-Verfilmungen einmal an, dann sind darin viele Parallelen zu dem zu finden, was ein Mordermittler tatsächlich erlebt. Ich denke dabei unter anderem an jene Fälle, deren Hintergrund das Rotlichtoder das Rockermilieu bilden. Hinzu kommen die verschiedenen Ermittlungsbereiche, die in das umliegende Ausland führen. Schimanski war für seine Fälle bekanntlich häufig in den Niederlanden tätig, ich selbst erinnere mich wiederum an mindestens zehn Mordsachen, in denen ich ebenfalls in den Niederlanden ermittelt habe – und dann gab es nicht zuletzt noch jenen Fall, in dem die Kriminalität aus dem europäischen Ausland zu uns nach Deutschland kam. Alles in allem habe ich während meiner 45-jährigen Laufbahn in einer Vielzahl unterschiedlichster Kriminalfälle ermittelt – manche waren spektakulär und machten Schlagzeilen, andere waren einfach nur erschütternd, ohne an die große Öffentlichkeit zu gelangen. Von einigen dieser Fälle möchte ich in diesem Buch erzählen.

DIE MAFIAMORDE VON DUISBURG – TEIL 1: DIE TAT

Wenn ich von Parallelen zwischen den Fällen des Horst Schimanski und meiner beruflichen Realität spreche, dann trifft das in gewissem Maße auch auf den sicherlich aufwändigsten Fall zu, den ich zu bearbeiten hatte. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an die 1990 ausgestrahlte Folge »Schimanskis Waffe«. Darin ging es grob gesagt um einen Schusswechsel in einem italienischen Restaurant und um Mafiakiller. Genau mit dieser Kombination sollte ich es fast zwanzig Jahre später ebenfalls zu tun bekommen.

Der reale Fall wurde später unter dem Oberbegriff »Mafiamorde von Duisburg« bekannt und er nahm seinen Anfang in den frühen Morgenstunden des 15. August 2007. Genau in jener Woche hatte ich den Bereitschaftsdienst bei der Mordkommission in Duisburg übernommen – und ich erhielt nun in der Nacht einen Anruf von einem Kollegen des Kriminaldauerdienstes. Es war etwa halb drei am Morgen, als mir dieser Kollege von einer Schießerei in Duisburg berichtete. Die Schüsse sollten im Bereich der Mülheimer Straße gefallen sein, an einem als Klöckner-Hochhaus bekannten Gebäude. Der Anrufer berichtete mir weiter, man habe inzwischen bereits fünf tote Personen gezählt, eine sechste Person werde derzeit noch reanimiert, habe allerdings kaum Überlebenschancen.

Ich fragte, ob man schon wisse, aus welcher Richtung die Tat gekommen sei, ob also schon eventuelle Hintergründe bekannt seien, was der Anrufer jedoch verneinte. Mein nächster Gedanke war dann einer, der sich schon bald als falsch herausstellen sollte: Ich dachte mir nämlich, ich hätte hier ein Tötungsdelikt eines Einzelnen vorliegen und es sei im Grunde für die Ermittlungsarbeit zweitrangig, ob ich es mit einem oder eben mit mehreren Getöteten zu tun habe. Von den Ermittlungen her macht es keinen Unterschied, sagte ich mir also in meiner anfänglichen Naivität.

Erhält man als Leiter einer Mordkommission eine Nachricht wie in jener Nacht, dann sind ohnehin erst einmal viele verschiedene Einzelheiten zu berücksichtigen, die unabhängig von Faktoren wie der Zahl der Getöteten sind. Ich hatte zu überlegen, welche Leute ich brauchte, welche Kollegen den Tatort abarbeiten sollten, wie viele Kollegen ich für Hausbefragungen benötigte. Ich musste mich mit Fragen beschäftigen wie der, ob es Zeugen des Geschehens gab. Existierten außerdem vielleicht Aufnahmen von Überwachungskameras? Befanden sich in der Nähe Tankstellen, die uns ihr Videomaterial zu Verfügung stellen konnten? Bei diesen möglichen Materialien handelte es sich schließlich um vergängliche Daten, von denen wir wussten, sie würden in der Regel nach gewisser Zeit überspielt oder gelöscht. Also wird meist versucht, möglichst schnell an diese Dinge zu denken, und vor allem das Material dann in die Hände zu bekommen. Das Gleiche gilt für den Bereich der Telekommunikation, die Auswertung der Funkzellen. Dahinter verbirgt sich natürlich die Frage, wer sich zum Tatzeitpunkt mit seinem Handy in der Nähe des Tatortes aufgehalten hat und unter Umständen ein Zeuge sein könnte. All das ging mir sofort durch den Kopf, während ich auf der anderen Seite darüber nachdachte, wen ich nun noch zu benachrichtigen hatte, wer möglichst umgehend von der Tat erfahren musste. Also die Staatsanwaltschaft und die Behördenleitung.

Während ich diese Gedanken dachte, war ich allerdings noch nicht einmal am eigentlichen Tatort. Den sollte ich nach rund acht Minuten Autofahrt erreichen. Vor Ort sah ich zunächst vor allem ein Blaulichtgewirr, außerdem erschien bereits ein von der Feuerwehr angeforderter sogenannter LiMaKw – also Lichtmast-Kraftwagen –, der die gesamte großräumig abgesperrte Szenerie noch einmal deutlich heller ausleuchtete. Außerdem war schon damit begonnen worden, über den Körpern der Toten Pavillons zu errichten. Es war zwar eine sehr warme Augustnacht, doch es war nicht vollkommen klar, wie sich das Wetter entwickeln würde. Natürlich war der Tatort weiträumig mit Flatterband abgesperrt, und zwar aus gutem Grund: Unmittelbar nach mir tauchten bereits die ersten Medienvertreter auf, die über den Polizeifunk von den Geschehnissen erfahren hatten und sich eine große Schlagzeile für den kommenden Tag versprachen. Kurz darauf stellten sie bereits unzählige Fragen, die zu diesem frühen Zeitpunkt allerdings niemand beantworten konnte. Für mich ging es zunächst vor allem darum, die aktuelle Sachlage festzustellen. Inzwischen war die sechste Person trotz aller Reanimierungsbemühungen verstorben.

Darauf folgten nun zunächst einmal Absprachen, wohin wir die Leichen bringen konnten, welche Rechtsmedizin hinzugezogen werden sollte. Als nächster Punkt stand eine Besprechung im Polizeipräsidium Duisburg an, bei der über das weitere Vorgehen in dem Fall beraten werden sollte – dieses Präsidium befindet sich übrigens nur rund tausend Meter Luftlinie entfernt vom Tatort.

Inzwischen hatte ich erfahren, dass die Getöteten auf dem Weg zu ihren Fahrzeugen waren, als das Feuer auf sie eröffnet wurde. Ein erster Gedanke an die Mafia kam bei mir auf, als der Name des italienischen Restaurants »Da Bruno« ins Spiel kam, das im Erdgeschoss des besagten Klöckner-Hochhauses untergebracht war.

Relativ schnell war uns in diesem Fall auch klar, dass es eine Verbindung zu diesem Restaurant gab. Wir haben daher noch in der Nacht Kollegen verständigt, die bei uns im Bereich der organisierten Kriminalität ermitteln. Diese Kollegen wiederum konnten mir sehr schnell bestätigen, dass es sich bei dem Restaurant »Da Bruno« um ein Etablissement handelte, das zur kalabrischen Mafia ’Ndrangheta gehörte – oder vielmehr, dass es Personen gehörte, die der Mafia zuzurechnen waren. Auch wussten wir so recht bald, dass die Opfer möglicherweise ebenfalls diesem Umfeld zuzuordnen waren. Zunächst allerdings handelte es sich bei alldem allein um Hypothesen, die es nun sauber abzuklären galt.

Ich dachte also an tote Italiener, und ich dachte dabei in der Nacht schon an die Mafia – nur hatte ich mich bis zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise intensiv mit ebendieser Mafia und speziell der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta beschäftigt. Es herrschte bei mir also in diesem Zusammenhang ein wirkliches Informationsdefizit, das ich jedoch in den kommenden Wochen in der Form abbauen sollte, dass ich alles las, was ich zu dem Themenkomplex in die Finger bekommen konnte – nicht zuletzt Berichte von Kollegen, die sich mit der Thematik sehr gut auskannten. Ich habe also versucht, meine Informationslücken so schnell es ging und so gut es ging zu schließen.

Noch ein paar Anmerkungen zum Tatort und dessen Umfeld: Neben dem Restaurant »Da Bruno« befindet sich ein weiteres Gebäude, das sogenannte »Fernmeldehaus«. Zu diesem Haus gehört eine größere Durchfahrt, in der die zwei Fahrzeuge geparkt waren, in denen die Opfer gesessen hatten. Bei dem einen Fahrzeug handelte es sich um einen Lieferwagen der Marke Opel, der dem »Da Bruno« zuzuordnen war, denn er gehörte Sebastiano S., dem Wirt des »Da Bruno«. Ebenfalls in der Durchfahrt stand ein schwarzer VW Golf mit Pforzheimer Kennzeichen. Dieser Golf war ein Mietwagen, der von einem der Erschossenen, einem Mann namens Marco M., angemietet worden war.

Was tatsächlich in dieser Nacht an diesem Ort geschehen war, das wussten wir so kurz nach der eigentlichen Tat natürlich noch nicht, doch wir konnten diese Tat schließlich sehr genau rekonstruieren: Die späteren Opfer haben in der Nacht um 2.20 Uhr gemeinsam das Lokal »Da Bruno« verlassen, sie haben das Restaurant auch noch abgeschlossen. Dann sind diese insgesamt sechs Männer zu den zwei abgestellten Fahrzeugen gegangen.

Die Identität der Getöteten konnte bald ermittelt werden. Wir hatten Sebastiano S., den Besitzer und Wirt des »Da Bruno«. Bei zwei weiteren Opfern, zwei Brüdern, handelte es sich um Beschäftigte aus dem »Da Bruno«. Das vierte Opfer war der schon erwähnte Marco M., ein sehr korpulenter Mann, der in Italien den Ruf eines Auftragsmörders innehatte. Neben diesen vier Männern zählten zu den Toten zwei Personen, die sich am besten als Randfiguren beschreiben lassen: der erst 16-jährige Francesco G. sowie der 18-jährige Tommaso Francesco V.

Wie sich bald herausstellen sollte, handelte es sich bei Francesco G. um das Patenkind des »Da Bruno«-Inhabers Sebastiano S. Wie schon früher half er in diesem Sommer während der Ferien im Betrieb seines Onkels. Francesco G. lässt sich aufgrund seines Alters sicherlich nicht dem festen Kern der ’Ndrangheta zuordnen. Anders sah es bei dem getöteten Tommaso Francesco V. aus, der spätestens an seinem Todestag auf dem besten Weg dahin gewesen war. Denn dieser Tag war gleichzeitig sein Geburtstag, an dem er in die ’Ndrangheta aufgenommen werden sollte – wofür wir später noch Beweise finden würden.

Diese sechs Personen gingen in der Tatnacht also zu den zwei abgestellten Fahrzeugen. In dem Moment allerdings, als sie die Motoren starten wollten, traten die Täter von der linken Seite an die Fahrzeuge heran und eröffneten das Feuer. Sie erschossen alle Personen, die in den beiden Autos Platz genommen hatten. Jedes der Opfer wies neben Körpertreffern Kopfschüsse auf – keiner der Männer hatte eine Überlebenschance. Wir konnten zudem ermitteln, dass für die Tat zwei italienische Beretta-Pistolen zum Einsatz gekommen waren – dabei handelte es sich um Pistolen des Modells 93R. Das R steht im Italienischen für Raffica, übersetzt also »Feuerstoß« oder »Garbe«. Von diesem Waffenmodell sind Zigtausende Exemplare produziert und in die ganze Welt verkauft worden. Ein wichtiges Merkmal dieser Pistole besteht darin, dass sie mit Großraummagazinen ausgestattet werden kann, die dreißig Schuss umfassen. Diese Magazine können wie bei einer Maschinenpistole im Dauerfeuer verschossen werden.

Wir konnten weiterhin ermitteln, dass einige der Täter mit einem Fahrzeug des Typs Renault Clio zum Tatort gefahren und mit diesem dann wieder in Richtung eines großen Kinokomplexes geflüchtet waren. Noch in der Tatnacht durchgeführte Befragungen von Passanten und Zeugen ergaben, dass weitere Täter mit einem anderen Wagen in Richtung des Autobahnkreuzes Kaiserberg gefahren waren.

Noch etwas ist zu erwähnen: Unmittelbar nach der Tat ging ein erster Anruf bei der Polizei ein. Dieser Anruf stammte von einer jungen Frau, die auf der anderen Straßenseite unterwegs gewesen war und der dann auf der Höhe des Tatortes plötzlich zwei Gestalten entgegenkamen. Diese beiden Personen hatten rund zehn Meter vor ihr die Straßenseite in Richtung Tatort gewechselt, die junge Frau setzte ihren ursprünglichen Weg fort. Kurze Zeit später hörte sie Geräusche, die sie an das Knattern von Silvesterböllern erinnerten, die sie aber zunächst gar nicht als Schüsse identifizierte. Trotzdem wechselte die Frau daraufhin die Straßenseite und schaute nach. Sie entdeckte die Autos, die mit zerschossenen Scheiben auf ihren Parkplätzen standen.

Sie rief sofort die Polizei, und umgehend wurden die Einsatzkräfte in Richtung des Tatortes entsandt. Alle verfügbaren Fahrzeuge haben sich also zum Tatort bewegt, nur hat man in dieser angespannten und überraschenden Situation eine Sache unterschätzt: dass nämlich so unmittelbar nach der Tat noch Fahrzeuge unterwegs sein könnten, die sich vom Tatort wegbewegen – also den Einsatzwagen entgegen. Natürlich ist es im Nachhinein immer leicht, zu sagen, in jener Nacht hätte einiges anders laufen können oder müssen. Und es ist auch leicht, den in der Nacht eingesetzten Beamten irgendwie geartete Versäumnisse vorzuwerfen. All das will ich nicht tun, ich möchte nur völlig wertfrei einen Fakt erwähnen: Während sich der schon erwähnte Renault Clio mit einigen der Täter vom Tatort entfernte, preschte an ebendiesem Auto ein Streifenwagen mit Blaulicht vorbei, dessen Besatzung zu dieser Zeit und in dieser Situation keinerlei Verdacht schöpfte. Alle Kräfte der Schutzpolizei bewegten sich im Grunde sternförmig zum Tatort. Manche wollten womöglich einfach einmal einen Tatort mit derart vielen Leichen sehen – nur waren sie eben davon so abgelenkt, dass sie gar nicht mehr auf wegfahrende Fahrzeuge achteten. Ein Kollege konnte sich hinterher nur an den Kopf fassen, weil er zu der Streifenwagenbesatzung gehörte, die den besagten Clio in der Nacht gesehen hatte. Man kann dieses Versäumnis aber natürlich noch ganz anders sehen: Vielleicht war es in jener Nacht einfach Glück für die Beamten, dass sie so handelten, wie sie gehandelt haben – sonst hätten wir womöglich neben den sechs Toten aus dem »Da Bruno« noch erschossene Polizisten zu beklagen gehabt.

Wie auch immer – wir konnten im Rahmen unserer Ermittlungen bald einen Zeitungsboten finden, der in der Nacht unterwegs gewesen war. Dieser Zeitungsbote hatte von den Schüssen nichts gehört und teilte gerade Zeitungen in einer Nachbarstraße aus, als er zwei Personen auf ein Fahrzeug zulaufen sah, das in einer Parkbucht am Straßenrand stand. Der Bote schaute sich die beiden Personen an und bekam darauf in gebrochenem Deutsch die Frage zugerufen: »Was guckst du?!« – worauf der Bote erklärte, er verteile nur Zeitungen. Die Männer bestiegen daraufhin zügig das Auto und fuhren mit quietschenden Reifen die Einbahnstraße entgegen der Fahrtrichtung davon. Danach waren und blieben sie verschwunden. Das war für uns ein Indiz dafür, dass wir vermutlich von zwei Fahrzeugen auszugehen hatten, deren Insassen an der Tat beteiligt waren. Nach den Angaben des Zeitungsboten konnte später ein Montage- beziehungsweise Phantombild eines der mutmaßlichen Täter gefertigt werden, das wir für unsere Fahndung nutzten. Doch bis zur vollständigen Lösung dieses aufsehenerregenden Falles sollte noch eine sehr lange Zeit vergehen.

DIE ANFÄNGE: DER KANNIBALE VON DUISBURG

Hätte jemand mir zu Beginn meiner Laufbahn gesagt, ich würde einmal in einem Fall wie den Mafiamorden von Duisburg ermitteln, ich hätte ihn vermutlich für verrückt erklärt. Tatsächlich aber stand schon am Anfang dieser Laufbahn ein aufsehenerregender Fall – allerdings einer, in den ich im Grunde gar nicht selbst involviert war, der mich und vor allem meine Arbeit jedoch trotzdem sehr stark geprägt hat. Es handelt sich um den Fall eines Mannes, der bundesweit als »Kannibale von Duisburg« für Schlagzeilen gesorgt hatte. Dieser Mann trug den bürgerlichen Namen Joachim Kroll. Er hatte in den gut zwanzig Jahren von 1955 bis 1976 mindestens acht Menschen ermordet und sie anschließend teilweise verzehrt. Die genannte Zahl an Morden umfasst jedoch nur jene Fälle, die ihm tatsächlich nachgewiesen werden konnten. Nach Angaben des ehemaligen Kriminalhauptkommissars Bernd Jägers kam Kroll für insgesamt zwanzig bis dreißig Morde als Täter in Frage.

Um sich ein Bild von Joachim Kroll machen zu können, ist es ausreichend, wenn ich über jenen Fall berichte, der schließlich zu seiner Festnahme führte: Im Sommer 1976 wurde die vierjährige Tochter eines Duisburger Ehepaares vermisst. Das Kind wollte nur kurz zum Spielen aus dem Haus, blieb dann aber verschwunden. Eltern und Bekannte suchten stundenlang ergebnislos nach der kleinen Marion, die Polizei setzte Hunde und Hubschrauber ein, fand das blonde Mädchen jedoch ebenfalls nicht.

Bei den Ermittlungen stieß man bald auf einen nur scheinbar nebensächlichen Vorfall in einem Nachbarhaus der Familie. Dort war nämlich seit Tagen eine der Etagentoiletten verstopft. Ein Bewohner des Hauses erzählte Polizeibeamten, sein Nachbar, ein gewisser Joachim Kroll, habe darum gebeten, die Toilette vorerst nicht zu benutzen – er habe nämlich ein Kaninchen geschlachtet und mit dessen Eingeweiden wohl versehentlich das Klo verstopft. Die Beamten suchten zu diesem Zeitpunkt ein vierjähriges Mädchen, das seit einigen Tagen in der Nachbarschaft von Kroll als vermisst gemeldet worden war. Da ihnen das verstopfte Klo verdächtig vorkam und sie die Geschichte mit dem Kaninchen nicht glaubten, beauftragten sie einen Klempner, der die Ursache der Verstopfung herausfinden sollte. Dieser fand tatsächlich Eingeweide, die den Abfluss verstopften – allerdings vermutlich die eines kleinen Menschen.

Darauf angesprochen, bat Kroll die Beamten in seine Wohnung und sagte ihnen, sie sollten doch einmal in seiner Tiefkühltruhe nachschauen. Darin fanden sich, säuberlich verpackt in Plastiktüten, gefrorene Stücke Menschenfleisch. Auf Krolls Herd köchelte derweil eine Brühe mit Möhren und Kartoffeln, in der eine kleine Menschenhand schwamm. Kaum verwunderlich, dass Kroll daraufhin wegen Mordverdachts festgenommen wurde.

Das alles trug sich also im Jahr 1976 zu – damals war ich gerade einmal fünf Jahre bei der Polizei, befand mich also quasi noch in der Ausbildung. Aber natürlich interessiert sich so ein junger Polizeibeamter auch dafür, was aktuell in der Welt geschieht, und ich habe die Geschichte wie unzählige andere Menschen sehr intensiv in der Presse verfolgt. Es sollte noch eine Weile dauern, doch später bekam ich die Gelegenheit, mit jenen Menschen zu arbeiten, die Joachim Kroll vernommen hatten – vor allem eben Bernd Jägers und Gerd Ommer. Mit diesen Kollegen arbeitete ich zusammen in einem Kriminalkommissariat, und gerade als junger Beamter versucht man sich natürlich ein wenig zu orientieren. Das gilt insbesondere, wenn man solche Kollegen um sich weiß, die mit einer absoluten Professionalität an die Vernehmung eines mutmaßlichen Serienmörders herangegangen sind. Diese Männer haben ihre eigenen Gefühle und Befindlichkeiten vollkommen ausblenden können, und sie konnten so einem Joachim Kroll das Gefühl vermitteln, sie würden ihn nicht verurteilen. Sie zeigten, dass sie ihn als Menschen akzeptierten, was dann schließlich dazu führte, dass Kroll umfassende Aussagen machte. Das ging so weit, dass der Täter bereit war, im Rahmen von Rekonstruktionen einige Taten für das Gericht noch einmal darzustellen.

Die Kollegen hatten also große Fähigkeiten hinsichtlich ihrer Vernehmungstechniken, und vor beiden kann man heute noch den Hut ziehen. Ich selbst habe von Bernd Jägers und Gerd Ommer in meiner Anfangszeit bei der Kriminalpolizei sehr stark profitiert. So habe ich in jungen Jahren mit beiden erste Vernehmungen durchführen dürfen – dabei merkte ich dann recht schnell, worauf es bei Vernehmungen ankommt und welche Fehler man nicht machen sollte. Ich lernte außerdem, wirklich die Wahrheit aus den zu vernehmenden Personen herauszuholen – vor allem das, was wir als Polizeibeamte »Täterwissen« nennen. Also jene Fakten, die außer dem tatsächlichen Täter niemand kennen kann und die dann sehr gut eine Beweisführung vor Gericht unterstützen beziehungsweise ergänzen.

Grundsätzlich gilt, dass ein Polizeibeamter immer sehr gut beraten ist, wenn er seine Fälle bis zu besagter Gerichtsverhandlung weiterdenkt. Denn ich muss mir immer überlegen, welche Beweisanträge ein Verteidiger eventuell stellen könnte, um bestimmte Fakten zu widerlegen. Wenn – gerade im Bereich von Tötungsdelikten – unsauber gearbeitet wurde oder wenn unsaubere Vernehmungsmethoden angewendet wurden, dann kann so etwas zu einem sogenannten Verwertungsverbot vor Gericht führen, die Fakten und Erkenntnisse sind also quasi wert- beziehungsweise bedeutungslos. Das aber sind Dinge, die nicht geschehen dürfen und die einem professionellen Ermittler auch nicht passieren.

Auch wenn ich schon früh mit diesen vorbildlichen Ermittlern und ihrer Arbeit in Berührung kam, habe ich damals freilich noch nicht ahnen können, dass ich selbst ein rundes Jahrzehnt später tatsächlich in diesem Bereich arbeiten würde.

DER SERIENMÖRDER, DER ZU FRÜH STARB

Der Fall des Joachim Kroll sollte nicht mein einziger Berührungspunkt mit dem Phänomen des Serientäters bleiben. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang etwa an den Fall eines ermordeten Mädchens, bei dem sich herausstellte, dass der Täter noch acht weitere Mädchen und Frauen vergewaltigt hatte – was jedoch erst nach dem Tod der Elfjährigen ermittelt werden konnte. Es gab aber auch Fälle, in denen sich Parallelen zu Serienmorden fanden und die sich schließlich in der Tat als Teil einer Serie von Morden erweisen sollten. Ich denke dabei an einen Fall aus dem Jahr 1999, als in einem Waldgebiet abgetrennte Körperteile eines Menschen gefunden wurden. Dieser Fall ist aus dem Grund besonders interessant, weil der daraufhin verhaftete Verdächtige während seiner Haftzeit im Schlaf sprach und dabei Hinweise auf weitere Morde gab.

Aber beginnen wir mit dem Anfang. Es ist so, dass man als Ermittler in solch einem Fall erst weiterkommt, wenn es einem gelingt, die Person zu identifizieren, zu der die Körperteile gehören. Allein mit Körperteilen, in diesem Fall handelte es sich um Teile einer Hand, kann ein Ermittler im Grunde gar nichts anfangen.

Wir hatten jedoch Glück: Über einen Abgleich der Fingerabdrücke im AFIS-System (Automatisiertes Fingerabdruck-Identifizierungs-System) stellte sich heraus, dass die Hand zu einer Person aus Duisburg gehörte. Diese Person war vorbestraft, was erklärt, warum wir bereits über die Fingerabdrücke verfügten. Daraufhin haben wir uns dann mit den Fragen beschäftigt, wo die besagte Person zuletzt wohnte und ob jemand diese Person vermisst gemeldet hatte. Daraus ergab sich eine Spur zu einem älteren Mann aus Duisburg, der angeblich zuvor mit dem offensichtlich getöteten Mann zusammengelebt hatte. Zusätzlich stellte sich heraus, dass die Hand nach Auskunft der Rechtsmediziner offenbar vital abgetrennt worden war – der Mensch hatte zu diesem Zeitpunkt also noch gelebt.

Bei der Person, die mit dem Vermissten vermutlich zusammengelebt hatte, handelte es sich um einen im Jahr 1932 geborenen Mann. Es stellte sich heraus, dass dieser zum damaligen Zeitpunkt also nicht mehr junge Mann über eine Schubkarre und über eine Baumsäge verfügte. Daneben besaß er ein Auto, an dem sich, wie an der Schubkarre und der Baumsäge, DNA-Spuren des Opfers befanden.

Der Verdächtige war eine recht interessante und auffällige Erscheinung. Die meisten älteren Erwachsenen unter den Lesern werden sich noch an den Schauspieler und Sänger Johannes Heesters erinnern, der 2011 im Alter von sagenhaften 108 Jahren verstarb. Zu Heesters Markenzeichen zählte unter anderem ein Schal, den er eigentlich immer trug und der für eine gewisse Eleganz stand. Ob der Verdächtige sich von Heesters inspirieren ließ, ist zwar nicht bekannt, doch er trug ebenfalls ständig einen solchen Heesters-Schal um den Hals – allerdings ein immer leicht verschmutztes weißes Exemplar. Er war außerdem sehr redegewandt, trat im Grunde auf wie Graf Rotz – und brachte am Ende jeden Vernehmer an den Rand der Verzweiflung.

Im Laufe seines Lebens hatte dieser Mann unter anderem eine Gaststätte betrieben und ein so großes Vermögen angehäuft, dass ihm ein Mehrfamilienhaus gehörte, in dem Wohnungen vermietet waren und in dem er selbst ebenfalls wohnte. Für uns stand fest: Dieser Mann musste etwas mit dem Fall zu tun haben. Die Beweislast und die vorhandenen Indizien waren erdrückend.

Wir haben ihn schließlich als Beschuldigten vernommen – nur sagte er nie etwas zu der eigentlichen Tat. Trotzdem wurde er letztlich wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Interessant war an diesem Fall jedoch nicht zuletzt der Umstand, dass der Beschuldigte, während er sich vor seiner Verurteilung in Untersuchungshaft befand, wie bereits erwähnt laut im Schlaf sprach. Er berichtete in diesen nächtlichen Äußerungen von der Tötung einer weiteren Person. Wir erfuhren davon durch einen Mitgefangenen, der uns über diese Vorfälle informierte – allerdings nicht aus Liebe zur Wahrheit, sondern vor allem, weil er sich davon Vorteile für seine eigene Situation erhoffte.

Wir haben vor dem Hintergrund dieser Informationen weiter ermittelt und dabei festgestellt, dass der in Haft befindliche Mann vor dem Verschwinden seines mutmaßlich letzten Mitbewohners in der Vergangenheit mit weiteren Personen zusammengewohnt hatte, die von einem Tag auf den nächsten spurlos verschwunden waren. Dabei handelte es sich um einen Mann und um eine Frau, die jeweils bei ihrem Verschwinden ihre persönlichen Sachen zurückgelassen hatten.