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Im Jahr 1995 schrieb meine Mutter ihre Erinnerungen auf - für ihre Kinder, Enkel und inzwischen sogar Urenkel. Es ist eine wahre Geschichte über eine glückliche Kindheit und Jugend in Breslau, Abschied und Flucht im zweiten Weltkrieg, die Mühen der Nachkriegszeit in Leipzig und Markkleeberg und schließlich über den Neubeginn im Westen, in Ulm. Ereignisse, die unzählige Menschen ähnlich erlebt haben. Ein kurzweiliges und interessantes Stück Zeitgeschichte und zugleich auch die Geschichte meiner Vorfahren und meiner Familie. Mittlerweile fast 89jährig wartet meine Mutter nun gespannt darauf, ihre Lebensgeschichte gedruckt und in Buchform zu lesen. Beim liebevollen Bearbeiten habe ich selbstverständlich darauf geachtet, dass ihr lebhafter schlesischer Erzählstil erhalten geblieben ist (na ja, liebe Mutti, ein paar Ausrufezeichen mussten schon auch dran glauben ...). Elke Mayer
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für unsere liebe Mutti, die Breslauer Lerge!
Elke und Wolfgang Mayer
Januar 2017
Lerge
Das Wort oder auch der Ausruf Lerge ist ein typisch niederschlesischer Begriff.
„Lerge“ wurde, je nach Stimmungslage, als Beschimpfung, als Ausdruck des Erstaunens oder sogar als Kosewort benutzt.
Letztendlich wurde es zum Spitznamen für die Bewohner Breslaus.
Du Lerge!
In jeder Stadt, an jedem Ort
da gibt es zweifellos ein Wort,
an dem man, wenn man’s einmal nennt,
den „Eingeborenen“ erkennt.
In Breslau um a Gabeljerge 1
da gab es die berühmte „Lerge“:
„Du tälsche Lerge“ das hat seinen Sinn,
„Mensch Lerge!“ – da liegt Musike drin.
„Du arme Lerge“ bei Kummer und Schmerzen,
„Du feezige Lerge“ beim Lachen und Scherzen.
Und sind die Kinder noch klein wie Zwerge,
das Erste und Letzte ist immer „du Lerge“!
Beim Kascheln, beim Schippeln, beim Fangen, beim Titschern,
überall hört man’s „du Lerge“ zwitschern.
Ob labrig, ob feezig, das ist ganz egal –
die Breslauer Lerge ist universal!
Günter Foth
1 Gabeljerge (schlesisch für Gabeljürgen) wurde der barocke Neptunsbrunnen auf dem Neumarkt von Breslau genannt.
Vorwort
In der schlesischen Heimat
Die Kindheit
Die Jugend
Die Nachkriegsjahre in Leipzig und Sachsen 1945 – 1955
Wieder ein neuer Anfang
Lange, sehr lange habe ich überlegt, wie ich es am besten anfange, meine Lebenserinnerungen aufzuschreiben.
Wo sollte ich beginnen? Es ist alles so lange her – und doch, wenn ich’s mir so recht überlege, gibt es an bestimmte Stationen im Leben Erinnerungen, die unvergesslich lebendig geblieben sind.
Mit 67 Jahren schaut man schon ein ganzes Stück weit zurück!
Wir schreiben das Jahr 1995. In diesem Jahr jährt sich nicht nur für mich sondern für unendlich viele Menschen zum 50. Mal das, was wir damals – als der furchtbare zweite Weltkrieg zuende ging – erlebt hatten: die Vertreibung aus der Heimat!
Es ist vielleicht jetzt genau der richtige Zeitpunkt um Rückblick zu halten.
Ich kann nur von meiner Familie und mir erzählen. Sicher könnte ein jeder, der diese Zeiten durchlebt hat, seinen eigenen Roman schreiben.
Für meine Kinder und Enkelkinder möchte ich sogar noch etwas weiter in mein Erinnerungskästchen zurückgreifen. Ich will versuchen, ihnen etwas von meiner Kindheit und Jugendzeit zu erzählen, die ich in einem liebevollen Elternhaus verleben durfte. Und was macht ein Kind besonders froh und glücklich? Wenn dazu noch Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinchen gehören!
In so einer schönen Geborgenheit bin ich aufgewachsen und bin heute unendlich dankbar dafür. Die Spruchweisheiten, die ich hin und wieder in meine Aufzeichnungen einstreuen werde, sind mir irgendwann auf meinem Lebensweg begegnet und haben mich beeindruckt. Es steckt so viel Wahres in ihnen und manchmal kann man sich sogar an ihnen festhalten oder auf diese Weise Trost finden.
„Immer, wenn Du meinst es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her,
dass du es noch einmal zwingst,
von Sonnenschein und Freude singst,
leichter trägst des Alltags Last,
wieder Kraft und Mut und Glauben hast!“
Ich wurde am 7. März 1928 in Breslau geboren. Mein schöner Frühlingsgeburtstag hat mir eigentlich immer gut gefallen aber das Datum meiner Geburt ist nur die logische Folge zu dem Datum des Hochzeitstages meiner lieben Eltern – 2. Juni 1927! Das haben sie mir viel später einmal erzählt, doch da war ich schon längst selber drauf gekommen. So schwer war die Rechenaufgabe ja wirklich nicht … Leider blieb ich ohne Geschwister – um die ich später meine Spielkameradinnen immer beneidete. Denn sie konnten im Falle der „Gefahr“ (z.B. im Sandkasten) nach ihrem großen Bruder rufen. Den großen Bruder habe ich eigentlich ein Leben lang vermisst.
Aber ich hatte dafür immer irgendeinen kleinen Freund, der mich im Notfall beim Spielen beschützte. Woran das wiederum lag weiß ich nicht. Aber es blieb in meinem ganzen Leben so. Außer meinen Mädchenfreundschaften hatte ich auch immer einen treuen Kavalier oder Beschützer in der Nähe – und das ist bis heute so geblieben.
Bis zu meinem 10. Geburtstag – 1938, dem Jahr als ich in eine höhere Schule umgeschult werden sollte, wohnte ich mit meinen Eltern in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung in der Boberstraße 12. Das war ganz in der Nähe des Breslauer Flughafens.
Zu unserer Familie zählte noch ein wunderschöner Vierbeiner. Das war der schneeweiße Angorakater Peter. Meine Eltern waren sehr tierlieb und das habe ich als ganz kleines Kind schon voll mitbekommen.
Meine Großeltern Hildebrandt (Muttis Eltern)wohnten gleich um die Ecke von uns in der Frankfurter Straße. Zu unseren Häuserblocks gehörte ein riesengroßer Hof, der praktisch von der dritten Seite noch einmal durch einen Häuserblock und auf der vierten Seite durch eine Mauer begrenzt war. Jedenfalls konnten die Eltern ihre Kinder im Hof jederzeit beim Spielen beobachten. Es gab u. a. zwei riesige Sandkästen mit herrlichem weiß-gelbem Sand, in denen wir Kinder ganze Wohnungen – Tische, Hocker und Kochherde – bauen konnten und dann darin schön spielen konnten. Eingerahmt war der Hof mit vielen großen Bäumen, die Schatten spendeten. Unter den Bäumen, rings um die großen Sandkästen, standen reihenweise Bänke, auf denen wir auch besonders schön „puppeln“ konnten.
Am Nachmittag saßen oft ein paar Mütter in unserer Nähe und machten Handarbeiten. Der ganze Weg um den großen Hof zwischen den Bäumen und den Hauseingängen war mit glattem Pflaster belegt, so dass die Kinder auch mit ihren Rollern oder Dreirädern (die hießen damals „Selbstfahrer“) herumrasen konnten. So waren wir nie den Gefahren der Straße ausgesetzt.
Nur – auf den Verkehrsstraßen damals, da fuhren ja längst nicht so viele Autos wie heute! Da hatten nur höhergestellte Persönlichkeiten, Kaufleute oder Ärzte, ein Auto. Der Normalbürger fuhr mit der Straßenbahn. In unserer Familie hatte nur mein Onkel Willi, der Fleischermeister, einen Goliath. Das war ein dreirädriges Vehikel mit dem er seine Ware vom Schlachthof holte.
So lebte ich also behütet von meinen Eltern und Großeltern fröhlich in den Tag hinein. Jeden Sonntagmorgen gingen mein Vati und mein Opa mit mir zum Morgenschoppen. Sehr genau weiß ich das noch.
Der Morgenschoppen fand nämlich in einer Parkgaststätte im Westpark, nicht weit von uns weg, statt. Im Sommer saß man draußen im Garten des Restaurants. Der Anziehungspunkt für mich war eine große bunte Blechhenne, die auf einem Sockel thronte. Wenn man ein Zehnerle hineinsteckte, dann gackerte die Henne ganz laut und legte ein buntes Blech-Ei. Darin waren feine Drops.
So hatten die Herren ihren Spaß beim Bierchen und ich mit meinem Ei und manchmal auch einem Malzbier mit Himbeersaft.
Mein Opa war ein fröhlicher Mensch und hat immer seinen Spaß mit mir getrieben. Ich war ja auch sein erstes Enkelkind und da drehte sich sowieso alles um Klein-Uschi. Vor allen Dingen habe ich meinem lieben Opa alles, was er mir erzählte, geglaubt.
1930
Wenn er rief:” Uschi, schnell, guck mal, dort läuft der Osterhase!“, dann habe ich den Hasen auch wirklich gesehen! Opa konnte mir alles glaubhaft machen. Mit ihm zusammen habe ich auch einmal in einer Klinik, in der eine Tante gerade meinen Cousin Dieter zur Welt gebracht hatte, den Storch wegrennen sehen! Was haben mich später meine Angehörigen damit geneckt, dass ich dem Opa alles bedingungslos geglaubt habe.
Während ich mit Vati und Opa zum Morgenschoppen wanderte (davon gibt es übrigens noch Fotos), kochte Mutti immer ein herrliches Sonntagsessen. Braten, Klöße, Kompott – das war Tradition. Ebenso war es Tradition, dass zu meinen Eltern jeden Sonntagmittag ein Bettler kam, dem die Mutti so ein Essen schenkte. Zwar saß der Bettler vor unserer Wohnungstür im großen Treppenhaus, aber das machte ihm bestimmt nichts aus. Ich muss dazu sagen, dass unsere Stufen und Böden im Treppenhaus aus blank gebohnerten Hölzern bestanden. Auch das Treppengeländer war gediegen aus Holz gearbeitet Auf dem konnte man herrlich hinunterrutschen (1. Stock – von unserer Wohnung – bis Parterre) Nur Mutti durfte mich dabei nicht erwischen! Unsere Zimmer waren damals immer mit Parkettboden belegt. In Korridor und Küche waren andere Holzfußböden. Man legte darüber Linoleumteppiche oder im Wohnzimmer einen echten Teppich. Wir konnten wegen der Stolpergefahr für Vati keine losen Teppiche auf den Boden legen.
Im Jahr 1934 kam ich in die Schule und schon 1 Jahr später im September 1935 trat das Ereignis ein, an das ich mich stets erinnern werde. Mein Onkel Hugo kam in die Schule und bat meinen Lehrer, mich heute vom Unterricht zu befreien. Dann brachte er mir vorsichtig bei, dass sein Papa – mein lieber Opa – gestorben war. Da war ich gerade 7½ Jahre alt und meine glückliche Kinderwelt war auf einmal trauriger geworden. An die riesige Beerdigung kann ich mich noch gut erinnern. Opa hatte als Vereinsvorstand viele Feste ausgerichtet und war sehr bekannt. Über sein Grab hat man Salut geschossen und auf einem Samtkissen trug jemand irgendwelche Orden von ihm dem Sarg voraus. Meine liebe Oma wurde dermaßen unglücklich, dass meine Mutti mit ihr – und mit mir an der Hand – jeden Tag zum Friedhof gefahren ist. Das ging mindestens so lange, bis wir wegen meiner Umschulung in die Mittelschule in einen anderen Stadtteil zogen. Von dort war es dann zu weit, um täglich auf den Friedhof zu gehen. Auch die Oma war mit Hilfe meiner Eltern in eine kleinere Wohnung wieder in unsere Nähe gezogen.
Weihnachten 1933
Die anderen Großeltern
Nun will ich einmal weiter erzählen, warum ich denn so tierlieb geworden bin. Meine Vorfahren väterlicherseits und zum Teil auch mütterlicherseits kommen aus Bauernwirtschaften. Und zwar sämtlich aus der damaligen Provinz Posen.
Jedes Jahr mindestens einmal, manchmal auch öfter, fuhren meine Eltern mit mir aufs Land zu meinen anderen Großeltern (den Missals) nach Sarbia. Vatis Eltern waren Bauern mit einem kleinen blitzsauberen Anwesen (Wohnhaus, Scheune, Stallungen mit Kühen, Ziegen und Schweinen – vom Federvieh ganz zu schweigen). Natürlich gab es auch den Hofhund und diverse Katzen.
Mein Opa war neben seiner Landwirtschaft noch beruflich als Landbriefträger tätig. Meiner Oma zur Seite stand eine tüchtige polnische Magd – die Jolca. Wenn Erntezeit war, dann half meine andere Verwandtschaft aus dem Dorf der Oma und dem Opa mit ihren Knechten aus. Ich kann mich nicht erinnern in all den Jahren, wo ich meine Ferien in Sarbia verbrachte, je irgendwelche Streitereien zwischen Deutschen und Polen erlebt zu haben.
Wie gesagt, außer meinen Großeltern lebten in Sarbia noch mehr Verwandte. Da war der Bruder meiner Oma mit seiner großen Familie. Die Eltern und fünf Kinder und es lebte bei ihnen noch meine Urgroßmutter väterlicherseits. Diese große Familie Missal hatte auch eine ansehnliche Landwirtschaft und ich bin in fast allen Schulferien nach Sarbia gefahren. Gewohnt habe ich bei den Großeltern, aber fast den ganzen Tag war ich mit meinen Cousins und Cousinen zusammen. Ich war vom Landleben begeistert!
In jedem Stall war ich zuhause, konnte die Kühe melken, die Ziegen melken, den Schweinen Futter geben, das Federvieh füttern und was noch alles. Ich konnte Kühe hüten, auf ungesattelten Pferden reiten, bei der Getreideernte helfen und hoch oben auf dem Erntewagen sitzend nachhause kutschen in die Scheune. Im Herbst saß ich prompt mit meinen Cousinen an irgendeinem Feldrand und habe die Rüben gehackt usw. Kurzum – bei mir stand fest: ich werde Bäuerin! Na ja, den Gedanken habe ich so ungefähr mit 15 Jahren wieder fallen lassen. Doch davon etwas später.
Ich hatte vorhin schon erwähnt, dass meine Urgroßmutter noch bei meinem Onkel Wilhelm im Haus lebte. Sie hatte dort ihr eigenes Stübchen. Mein jüngerer Cousin Willi (etwa 3 Jahre jünger als ich) hat oft mit mir in Großmutters Stube auf ihrem Kanonenofen zum Spaß Pudding gekocht. Milch gab es ja jede Menge – und wir Kinder kochten Unmassen Pudding, den kein Mensch aufessen konnte, nur so zum Spaß. Die Urgroßmutter war aber auch noch oft draußen auf dem Feld und hat die Kühe gehütet. Gleich neben Onkel Wilhelms Feldern war ein Waldstück, welches auch zu seinem Anwesen gehörte. Dort gab es so viel schöne Pilze, wie ich sie nirgendwo wieder habe stehen sehen. Meine Cousine Lolli war Meisterin im Pilze suchen und finden. Die brachten wir dann der Urgroßmutter zu ihrem Hüteplatz. Sie hat die Pilze noch an Ort und Stelle geputzt und zuhause am Abend wurden sie nur noch gewaschen und ab in die Speckpfanne. Herrlich! Nie wieder habe ich mit solchem Genuss Pilze gegessen.
Als unsere Urahne starb, da war ich zufällig auch in Sarbia. Mit meinem Cousin Willi durfte ich in die Kirche laufen und die Totenglocke läuten. Wir haben am Seil gehangen und sind hochgezogen worden, so wie man es manchmal in Filmen zu sehen bekommt. In Sarbia gab es so manchen alten Brauch, den ich später noch miterleben durfte.
Breslau, Webskystraße 12 – das neue Zuhause
Nun will ich einmal von meinem neuen Lebensabschnitt erzählen, der mit der Umschulung und dem damit verbundenen Umzug in eine andere Wohnung begann.
Das war im Jahre 1938. Da lagen die Kinderfreundschaften, mit denen man im Sandkasten gespielt hatte und mit denen man groß geworden war plötzlich ein Stück hinter mir. Die vertraute Umgebung war weg und man musste sich an die neuen Menschen und Straßen gewöhnen. Aber noch ging ja alles an der Hand der Eltern und ein Kind macht sich wohl nicht so viel Gedanken, sondern schaut gebannt auf alles Neue.
Wir hatten nun eine größere 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stockwerk bezogen. Sie lag in einem sehr schönen gepflegten Mehrfamilienhaus, in dessen Eingangsstufen das Jahr 1908 eingelassen war. Heute würde man es als „Jugendstil“ bezeichnen. Es gab eine dicke Windfangtür im Hausflur und das Treppenhaus hatte bunte Butzenscheiben. Die Treppenstufen waren mit rotem Linoleum ausgelegt, an den Kanten hatten sie Messingleisten.
Unser Hauswirt, der im Erdgeschoss ein Geschäft für sanitäre Anlagen betrieb, wohnte mit uns als Nachbar im 2. Stockwerk.
Wir hatten sofort sehr freundlichen Kontakt mit den Leuten und da sie als Geschäftsleute ein Auto und auch ein Telefon besaßen, kam beides auch uns manches Mal zugute.
Ich glaube, dass es meine Eltern auch deshalb in diese Wohngegend gezogen hat, weil wenige Meter von unserem Haus Nr. 12 der Websky-Platz war. Auf dieser Anlage stand das kleine „Websky-Schlössel“, das schon immer als Standesamt diente. Und auf diesem Standesamt sind auch meine Eltern getraut worden.
Meine liebe Oma Hildebrandt, die mit uns im selben Jahr umgezogen war, wohnte nur 10 Minuten von uns entfernt in der Tauentzienstraße. So hatten wir die Oma wieder ganz in der Nähe und ich wurde ihr „großes Trösterle“ – wie sie immer sagte – in ihrem Witwendasein. Auch meine Patentante Friedel (Schmidt), Muttis Schwester, zog – inzwischen verheiratet mit einem Zahnarzt – in die Nähe und zwar auf den Mauritiusplatz. So wohnten alle Menschen, die mir am nächsten standen, in einem Dreieck von Straßen und waren in jeweils 10 Minuten Fußweg zu erreichen. Meiner Schule am nächsten wohnte aber meine Oma. Was für ein Glück – für sie und für mich!
In Landeck, 1934
Ich war sehr oft tage- und wochenlang bei ihr. Nicht nur wegen des nahen Schulweges zu meiner „Margaretenschule“. Erstens war ich ihr Halt nach Opas Tod (was ich damals natürlich noch nicht begriff, höchstens fühlte) und zweitens sind meine Eltern wegen Vatis Verwundung jedes zweite Jahr wochenlang zu einer Kur in die Glatzer Bäder gefahren. Nach Kudowa, Reinerz, Landeck oder Altheide. Mein Vater hat im ersten Weltkrieg im Jahre 1917 in Frankreich beide Beine unterhalb der Knie durch einen Granatsplitter verloren. Daher musste er später so viele Kuren bekommen. Meist begleitete ihn nur Mutti, aber manches Mal nahmen sie mich auch zu so einem Kuraufenthalt mit. Während Vati seine Anwendungen erhielt, wanderte ich mit Mutti durch die Wälder und wir pflückten und sammelten Beeren und Kräuter, die es dort massenhaft gab. Wenn ich aber in Breslau blieb, dann war ich eben bei Oma gut aufgehoben.
Wenn die Schularbeiten gemacht waren habe ich oft stundenlang mit Oma Spiele gespielt. Ganz besonders „Mensch ärgere dich nicht“. Gewonnen habe wohl meistens ich, denn Oma war mit ihren Gedanken wenig dabei. Sie hat viele, viele Jahre um ihren geliebten Otto – meinen Opa – getrauert. Heute verstehe ich ihre Worte so schmerzlich aus eigener Erfahrung: „Ohne meinen Otto ist alles nichts!“
Für uns Kinder gab es Sonntagmittag um 14 Uhr die besonderen Kino-Kindervorstellungen. Nahe bei Omas Wohnung gab es das „Ascania-Kino“. Unser großer Schwarm waren damals die kleine süße Shirley Temple und die ulkigen beiden Pat und Patachon. Da durfte ich mit meinen Schulfreundinnen immer hingehen.
Als wir älter wurden, da wandelten sich natürlich die Bilder unserer Idole. Im Backfischalter schwärmten wir für Norbert Rohringer, einen hübschen blonden Jungen. Und noch etwas später gab es wieder andere Stars wie Viktor Stahl und Rudolf Prack, die uns Herzklopfen bereiteten. Wenn ich heute zurückdenke – wie wunderschön und unbeschwert konnte doch die Jugendzeit sein!
Und doch schwebte über uns allen schon die drohende Kriegsgefahr- von der wir Kinder uns sowieso keine Vorstellung machen konnten.
Übrigens war unser Kater Peter nicht mit in die neue Wohnung in der Webskystraße gekommen. Mutti durfte wegen ihres chronischen Bronchialhustens das Tier nicht mehr um sich haben. Er verlor ja immer büschelweise lange Haare – daran kann ich mich noch gut erinnern. Jede Woche wurde er seinerzeit von meinen Eltern in einer Zinkwanne gebadet, dann in Tücher gewickelt und mit dem Fön trockengeblasen. Unsere damalige Waschfrau hat ihn zu sich aufs Land genommen.
Zu uns kam dagegen nun ein neuer Hausgenosse: ein grünes Peterle mit Flügeln – ein nestjunger Wellensittich! Und da meine Mutti ein großes Talent dazu hatte, dem Peterle das Sprechen beizubringen, wurde „Peter der 1.“ bald ein richtiger Spaßvogel. Er sprach mit der Zeit unendlich viele kleine Sätze und Worte, z.B. „wo ist die Ursel?“ „wo ist das Bällchen?“ „pass auf, der Papi kommt“ „mein hübsches gutes Peterchen bist duja, das bist du“. Noch vieles mehr an putzigen Aussprüchen konnte er sehr deutlich plappern. Ich höre es direkt noch, wie süß das gelang!
Der kleine Kerl wusste auch genau die Zeit, wann Vati aus dem Büro kam. Dann flog er schon aufgeregt hin und her und rief „der Papi kommt, der Papi kommt“; und wenn der Vati dann zur Türe hereinkam, dann flog ihm das Peterle entgegen, klammerte sich am Revers fest und tönte:“ Spiegel her, Spiegel her!“ Er wusste genau, dass Vati für ihn dann aus der Brusttasche den Taschenspiegel ziehen würde. Ich glaube, von allen unseren späteren Vögeln, die alle sprechen lernten, war dieser der gelehrigste Bursche.
Ein besonderer Spaß war es auch für Peterle, wenn er auf dem Klavier über die Tasten stolpern konnte oder sich auf meinen Händen beim Klavierspielen mittragen ließ. Als ich später noch das Geigenspielen lernte, ließ sich Peterle auf dem Geigenstock hin und her fahren und dazu schimpfte er auch noch „das geht doch aber nicht!“ Ja, es war ein zu niedliches Tier und ich bewunderte Mutti immer, wie sie diesen und alle unsere späteren Wellensittiche zum Sprechen gebracht hat – wo gerade sie doch sonst so ein nervöser Mensch war. Aber vielleicht war ja gerade der Umgang mit dem kleinen Burschen auf dem Finger eine beruhigende Beschäftigung für Mutti.
So war es also bei mir zuhause. Gemütlich und harmonisch, aber auch irgendwie nach bestimmten Regeln verliefen die Tage. Zum Beispiel mussten nach dem Mittagessen unweigerlich die Schularbeiten gemacht werden und anschließend mindestens eine halbe Stunde Klavier geübt werden. Dann durfte ich spielen – drinnen oder draußen. Wenn Vati zuhause war gab es noch ein ganz besonderes Gebot für mich, und das hieß: leise sein! Das hat sich sehr bei mir eingeprägt. Natürlich lag der Grund in Vatis Verwundung, durch die er oft unter furchtbarem Nervenschneiden litt. Sein langer Büroalltag (als Stadtinspektor im Gewerbesteueramt) hat ihn wahrscheinlich sehr viel Kraft gekostet. Und er übte seinen Beruf schließlich genauso aus wie ein gesunder Mensch. Eigentlich wäre er 100% erwerbsunfähig gewesen mit seiner schweren Verwundung. Um aber einem Beruf nachgehen zu können hat er sich extra auf nur 90% schreiben lassen. Vati, der ja als Bauernjunge direkt vom Felde geholt wurde zu den Soldaten, und der dann in Frankreich mit 19 Jahren die schwere Verwundung erlitt, musste nämlich 3 Jahre in Lazaretten und Krankenhäusern zubringen, bis er endlich zusammengeflickt war. In diesen langen Klinikaufenthalten hat er aus eigener Kraft und mit großer Willensstärke unentwegt gelernt, um die Mittlere Reife ablegen zu können.
Nur damit hatte er die Möglichkeit, sich um die Beamtenlaufbahn zu bewerben. Und er hat es geschafft. Ganz stolz hat er mir immer in Breslau am Rathaus das Erkerzimmer von außen gezeigt, in dem er vor der Prüfungskommission die Mittlere Reife abgelegt hat und die Aufnahmeprüfung als Beamtenanwärter bestanden hat. Ich möchte noch erklärend hinzufügen, dass mein Vater außer der beiden Beinamputationen noch viele andere „kleine” Verwundungen hatte (faustgroße Fleischwunden in den Oberarmen und im Gesäß).
Meine neue Schule, die „Margarete”
Es war eine reine Mädchenschule. In der 1. Klasse waren wir über 60 Kinder – das war natürlich für die Lehrer und für uns ein unhaltbarer Zustand. So teilte man uns bald in 2 Klassen, die a und die b. Ich durchlief die Schule also zufällig als Mitglied der a-Klasse unter der ständigen Klassenlehrerin Frl. Reichel.
Es war bestimmt ein Vorteil, dass wir 6 Jahre denselben Klassenlehrer hatten. Sie kannte im Laufe der Zeit ihre Pappenheimer ziemlich genau. Unser übriges Lehrerkollegium war bis auf wenige Ausnahmen bei uns ebenso beliebt wie unser altes Fräulein Reichel. Unsere Klasse bildete eigentlich schnell eine schöne Gemeinschaft. Ich kann mich jedenfalls an keinerlei Streitereien erinnern. Nur zwischen der Klasse a und b gab es vielleicht eine Art Leistungswettkampf. Einige meiner Schulkameradinnen hatten mit mir den gleichen Heimweg, den wir 6 Jahre lang gemeinsam brav getrottet sind. Eine meiner Mitschülerinnen war Marianne G., mit der ich mich auch außerhalb der Schulzeit zum Spielen mit Puppen traf. Vielleicht sind wir auch gemeinsam ins Kino gegangen – das weiß ich nicht mehr ganz genau. Aber Marianne hatte noch eine Schwester die ein Jahr jünger war als wir und die in die Handelsschule ging. Das war Vera. Und die ist viel zu gerne dabei gewesen, wenn wir uns zum Spielen getroffen haben und so nach und nach ergab sich zwischen uns eine schöne Freundschaft. Ganz besonders gerne spielten wir drei auch mit den Stammbuchbildern – stundenlang.
Marianne und Vera wohnten nur 5 Minuten von uns entfernt auf der Klosterstraße. Dort hatte ihr Vater eine Malerwerkstatt. Ich war auch oft bei den zwei Mädels zum Spielen. Die Wohnung ihrer Eltern war noch viel größer als unsere Wohnung. Da hing für uns Kinder eine Schaukel im Durchgang von Korridor zum Badezimmer – herrlich! Und man konnte prima verstecken spielen in den Räumen.
Was mich aber ganz besonders beeindruckte, das war der präparierte Panzer einer Riesenschildkröte unter dem Schreibtisch im Herrenzimmer. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich 30 Jahre später selber eine lebendige Schildkröte haben würde.
Es gibt Freundschaften, die überdauern Jahrzehnte – so wie die zwischen Veralein und mir. Das Kriegsende und die Nachkriegsjahre haben uns zwar getrennt, aber irgendwann fanden wir uns wieder – da waren wir inzwischen beide verheiratet und hatten schon Kinder. Das Schöne für uns war, dass sich auch unsere Ehemänner auf Anhieb gut verstanden und ebenfalls Freunde wurden. Veras Schwester Marianne ist leider ledig geblieben. Aber auch mit ihr habe ich wieder Kontakt – wenn auch nur brieflich.
Der Krieg bricht aus
Eines Tages – ich war gerade wieder einmal bei meiner Oma über Nacht, geschah etwas, an das ich mich noch ganz genau erinnern kann! Meine Oma stand gerade neben mir und flocht meine Zöpfe bevor ich in die Schule gehen sollte. Da stürzte meine Mutti aufgeregt zur Wohnungstür herein und rief: ”Mutter, Mutter, der Krieg ist ausgebrochen! Deutsche Truppen sind in Polen einmarschiert! Die Kinder brauchen heute nicht zur Schule gehen!”
Mein Vater im Lazarett, 1918
Es war der 1. September 1939!
Beide Frauen waren sehr erregt – kein Wunder, denn sie hatten ja schon einmal einen Krieg (1914 – 1918) hinter sich gebracht. Mein Vater war darin schwer verwundet worden und die Familie meiner Mutter (die Hildebrandts) war damals aus der Provinz Posen nach Schlesien vertrieben worden. Und dann kamen die schweren Nachkriegsjahre mit Geldentwertung (Inflation), Not und Arbeitslosigkeit.
Es war also wahr geworden, was die Erwachsenen längst befürchtet hatten. Von diesem Tage an zog die Sorge in die Familien ein.
Die Angst um die Männer, die zu den Waffen gerufen wurden, betraf ja wohl fast alle Familien.
Für uns Kinder ging indessen der Schulalltag weiter. Aber von den „linientreuen“ Lehrkräften wurden strenge Rituale eingehalten. Oder mussten sie sich so verhalten? Zum Beispiel kam unsere alte Klassenlehrerin in die Klasse zum Unterricht herein – dann mussten wir alle prompt aufstehen und nach ihrem kräftigen „Heil Hitler“ durften wir uns nicht eher setzen, bis sie jeden Arm von uns oben gesehen hat zum „Hitlergruß“!
Während draußen an den Fronten der Krieg tobte, konnten wir in Breslau noch einen ziemlich normalen Alltag leben. Zumindest konnten wir Kinder (ich war gerade 11 Jahre alt) noch nicht ermessen, was dieser Krieg noch für Not über unser Land bringen würde.
Schulalltag in unserer Margaretenschule
Für unsere Schule hat ein früherer Rektor ein wunderschönes Lied geschrieben und vertont, welches wir alle bei besonderen Anlässen immer begeistert gesungen haben. Zum Beispiel zum Ferienanfang gemeinsam im Schulhof oder bei großen Feiern in der Aula.
Als ich mich zum ersten Mal nach über 40 Jahren mit meinen alten Klassenkameradinnen in Köln wiedertraf, da haben wir natürlich auch dieses Lied angestimmt mit der gleichen Begeisterung wie damals. Es hat uns in eine solche Stimmung hineinversetzt, einfach unbeschreiblich, als wären wir noch die Backfische von einst!
Ich möchte gerne den Text unseres „Margaretenliedes“ hier aufschreiben. Die Noten zu der wunderschönen Melodie liegen bei meinen anderen Notenblättern am Klavier.
Margaretenlied
Glücksgläubig schau’n wir in die Welt,
wir hängen nie die Ohren,
wer fröhlich sich uns zugesellt,
hat wahrlich nichts verloren.
Uns sitzt das Herz am rechten Fleck,
wir lachen alle Tränen weg
und ins Gesicht dem Schicksal keck,
wenn es etwa will treten
uns Margareten!
Schneid’ einer der gestrengen Herrn
in unser Maienglücke,
die warme Sonne ist nicht fern,
sie weist ihn schon zurücke.
Was kümmert uns des Tages Streit –
in uns ist Jugend-Fröhlichkeit,
darob die Stürme böser Zeit
ohn’ allen Schaden wehten
uns Margareten!
Bläst drum einmal ein strammer West
um Locken und um Zöpfe,
wir halten unser Herze fest
und steifen nur die Köpfe.
Herr, lege Deine gute Hand
still auf das schöne deutsche Land,
behüt’ die Stadt am Oderstrand
und hilf aus allen Nöten
uns Margareten!
Wir waren in unserer Klasse eine fröhliche Gemeinschaft und wir trieben es mit unseren armen alten Lehrkräften so bunt, wie es wohl Kinder zu allen Zeiten getan haben. Wir hatten aber auch nur betagte (für unsere Begriffe „alte“) Lehrkräfte in der Schule.
Das war kein Wunder, denn die jungen Männer waren längst bei den Soldaten.
Unser Musiklehrer allerdings, der gute Leo Mücke, der war der Schule erhalten geblieben, weil er daheim 7 Kinder hatte. Dadurch war er vom Wehrdienst befreit. Für uns war das ein Glück, denn er hat uns hervorragend in Musik geschult. Wir lernten die Noten vom Blatt weg zu singen, mehrstimmig zu singen und er untermalte den Musikunterricht auch instrumental. Er selbst spielte die Querflöte. Als beste Klavierspielerin der Klasse durfte ich ihn am Flügel begleiten. Darauf war ich damals natürlich sehr stolz. Ja, ja – unser Mücke! Obwohl er verheiratet war und sieben Kinder hatte, verliebten wir uns reihenweise in ihn! Als er sich einmal einen Vollbart stehen ließ, haben wir ihm ein Gedicht geschrieben mit der Bitte, sich doch den „Seeräuberbart“ wieder abzunehmen. Dazu schenkten wir ihm eine Rasierklinge. Es hat genutzt – der Bart kam wieder weg.
So durchlebten wir in Breslau verhältnismäßig normal den Schulalltag während des Krieges. Natürlich mussten wir alle der Hitlerjugend angehören. Das äußere Kennzeichen der Mitglieder war die Uniform, die sich aus weißer Bluse, schwarzem Rock, brauner Kletterweste sowie schwarzem Binder und braunem Lederknoten zusammensetzte. Zu allen Heimabenden oder offiziellen Anlässen wurde die Uniform getragen. Und es gab auch schon Lebensmittelkarten. Zu meinem Leidwesen wurde damals das Unterrichtsfach Sport zum Hauptfach erhoben! Und mit Sport hatte ich doch gar nicht viel im Sinn. Nur Schwimmen und Eislaufen, das mochte ich gerne und das konnte ich auch. Zum Erstaunen meiner Turnlehrerin machte ich die Freiprobe und die Fahrtenprobe.
Aber der Krieg ging Jahr um Jahr weiter und so langsam bekamen wir es in der Schule auch zu spüren, dass eben nichts mehr „normal“ war. Es kam die Zeit der Kohleknappheit. Wir mussten im Winter in eine andere Schule ausweichen, die noch beheizbar war. Dort wurde buchstäblich im Schichtbetrieb unterrichtet. Eine Schulbelegschaft hatte vormittags Unterricht und die anderen nachmittags.
Dazu kam, dass immer wieder am Morgen Klassenkameradinnen verweint in die Schule kamen, weil ihr Vater oder der Bruder gefallen war. Das war sehr traurig und bedrückend.
Insofern hatte ich Glück, dass mein Vater nicht mehr an die Front musste. Aber gegen Ende des Krieges, als sie auch noch die Alten und beinahe Kinder zur Verteidigung der Heimat im „totalen Krieg“ brauchten, da wurde auch mein Vater in eine kriegswichtige Dienststelle verpflichtet. Sein Büro lag in einem Haus in der Stadtmitte, zu dessen Eingang hinauf mindestens 6-8 Stufen führten. Diese Stufen stürzte Vati eines Abends nach Dienstschluss hinunter.
Dabei brach er eine von seinen beiden Prothesen ab. Nun war er völlig hilflos! Zum Glück hatte er sich nicht noch körperlich schwer verletzt. Ich weiß noch genau, wie ich mit meiner Mutti dorthin geeilt bin und dass ihn irgendeine gute hilfreiche Person nachhause brachte per Auto. Es war für meine Eltern bestimmt eine schlimme Situation, denn eine Ersatzprothese war ja nicht im Handumdrehen zu beschaffen in diesen Zeiten. Was hat mein Vati in seinem Leben alles erleiden müssen- und wieviel stand ihm und uns allen noch bevor!
Jedenfalls wurde Mutti benachrichtigt und wir sind schnellstens zu ihm geeilt, um ihn nachhause zu holen. Es war der furchtbare Tag, an dem man den Juden-Geschäften die Scheiben eingeschlagen hatte. Wir mussten nämlich über Scherben steigen auf dem Weg zu Vati und sahen von weitem den Feuerschein lodern von der brennenden Synagoge. Die berüchtigte Kristallnacht zog herauf!
Am nächsten Tag erst war das ganze Ausmaß zu erkennen: die jüdischen Geschäfte waren demoliert und die Waren lagen auf der Straße herumgestreut. Meine Mutti, die sich lauthals voller Mitleid auf der Straße empörte und über die armen Menschen jammerte, wurde von einem fremden Passanten ermahnt: „Frau, halten Sie doch Ihren Mund, oder wollen Sie sich selbst unglücklich machen?“
Der Fremde hatte vollkommen Recht. Wenn das ein SA-Mann gehört hätte, wäre es meiner Mutter übel ergangen!
Meine Schulfreundin Helga
Ich hatte in der Klasse noch eine richtige feste Schulfreundin, meine kleine Helga Limprecht. Sie wohnte nur leider in einer anderen Ecke von Breslau als ich. Wir hatten uns in der Klasse auch gegenseitig Spitznamen verliehen. So war Helga, weil sie gar so niedlich klein war, die „Helle Limpi“. Einige hatten sich Tiernamen gegeben. So war ich z. B. das „Fanterle“ – das war die Koseform von Elefant. Warum? Vielleicht, weil ich schon immer von ziemlich kräftiger Statur war. Das wiederum muss damit zusammenhängen, dass meine Vorfahren bäuerlichen Geschlechts waren und einen rustikalen breiten Knochenbau hatten. Aus mir konnte im ganzen Leben keine schlanke Tanne werden. Aber bitte – es stellte sich im Laufe des Lebens heraus, dass mein Typ gerade sehr gefragt war beim anderen Geschlecht! Mir kam später, als ich älter wurde und auch noch mehr Literatur gelesen hatte, ein Wort von Goethe nie mehr aus dem Sinn, denn es trifft ganz genau auch auf mich zu, was er da von seinen Eltern sagte:
Vom Vater hab’ ich die Statur,
des Lebens ernstes Führen.
Vom Mütterchen die Frohnatur
und Lust zum Fabulieren!
