Der weite Weg zum Markt - Gertrud Müllen - E-Book

Der weite Weg zum Markt E-Book

Gertrud Müllen

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Beschreibung

»Kleine« Erzählungen sind immer Bestandteil einer »großen« Geschichte. Die hier gesammelten und mit erläuternden Passagen ihres Enkelsohnes Wolfgang Weil ergänzten Berichte von Gertrud Müllen schildern den harten bäuerlichen Alltag in den beiden am südlichen Rand der Vulkaneifel gelegenen Dörfern Filz und Lutzerath, von den 1910ern bis in die 1960er Jahre hinein. Sie wurden weitgehend wörtlich aus dem Dialekt ins Hochdeutsche übersetzt und zeigen das ungeschminkte Bild des dörflichen Lebens in jener Zeit: Manchmal ausgelassene Lebensfreude, aber vorwiegend Mühsal, Arbeit und Not. Gertrud Müllens Erinnerungen zeugen von gewaltigen Umbrüchen im Leben der »einfachen« Landbevölkerung in der Eifel im zwanzigsten Jahrhundert, in dessen Verlauf die feudale Ordnung bereits weitgehend zerstört, die neue bürgerliche Marktordnung sich aber noch nicht gänzlich und in jedem Winkel durchgesetzt hatte. Dieser weite Weg zum Markt ist die »große« Geschichte, die sich in vergleichbar einfacher Sprache, aber größter Anschaulichkeit entfaltet.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Gertrud Müllen

Der weite Weg zum Markt

Eine Eifeler Bäuerin erzählt aus ihrem Leben

Gertrud Müllen

Der Weite

Weg zum

Markt

Eine Eifeler Bäuerin

berichtet aus ihrem Leben

Hrsg. von Wolfgang Weil und Hans Werner Otto

Eifeler Literaturverlag 2022

Impressum

1. Auflage 2022

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Umschlaggestaltung:

Dietrich Betcher

Lektorat:

Christoph Swiontek

Abbildungsnachweis:

Alle Abbildungen stammen aus dem Privatarchiv von Wolfgang Weil.

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96123-038-2

ISBN-13: 978-3-96123-038-9

E-Book:

ISBN-10: 3-96123-059-5

ISBN-13: 978-3-96123-059-4

»… wir waren so aufgeregt – und so erging es uns immer wieder, wenn wir später auf unserem weiten Weg zum Markt oder zu den Geschäften wanderten. Wenn man auf der alten Straße den Cochemer Berg runtergeht, da kommt man an diese Kurve, wo man das ganze Moseltal sehen kann. Ganz oft wäre ich am liebsten von dort gar nicht mehr weggegangen. Anfangs kamen mir dort immer vor Freude die Tränen. Die Strapazen des vor allem im Winter doch recht weiten Weges zum Markt waren vergessen. Ich sah die breite Mosel, die Stadt mit den vielen Häusern und die Burg und ich dachte, ich hätte alles, die ganze Welt …«

Gertrud Müllen

Kleine und große

Geschichte

Vorwort von Wolfgang Weil

Die Berichte meiner Großmutter Gertrud Müllen schildern den bäuerlichen Alltag in den beiden am südlichen Rand der Vulkaneifel gelegenen Dörfern Filz und Lutzerath, von den 1910er bis in die 1960er Jahre hinein. Sie wurden weitgehend wörtlich aus dem Dialekt ins Hochdeutsche übersetzt und zeigen das ungeschminkte Bild des dörflichen Lebens in jener Zeit: Manchmal ausgelassene Lebensfreude, aber vorwiegend Mühsal, Arbeit und Not. Von den packenden Erzählungen konnten leider nur die Worte eingefangen werden. Ihre Gestik und Mimik während der Gespräche, ihr Schreien und Flüstern, ihre Freude und ihre Tränen machten die vielen Sitzungen zu einem unvergesslichen Erlebnis.

»Kleine« Erzählungen sind immer Bestandteil einer »großen« Geschichte. Diese Zusammenhänge habe ich mit grafisch vom Erzähltext abgesetzten Erläuterungen zu beschreiben versucht – ohne wissenschaftlichen Anspruch. In weiten Teilen der Eifel (wie in manch anderen Mittelgebirgsregionen) setzte sich die bürgerliche Marktwirtschaft erst in den 1950er und 1960er Jahren durch – und damit gut hundert Jahre nach dem Zeitraum, den dazu die Geschichtsbücher pauschal für unser Land angeben. In diesen Jahren, in denen die feudale Ordnung bereits weitgehend zerstört, die neue Marktordnung jedoch noch auf sich warten ließ, nutzten die Bauern ihre Freiheit und kreierten eine ganz eigene Wirtschaftsweise. Das als rückständig zu bezeichnen, trifft nur die halbe Wahrheit. Dieser weite Weg zum Markt ist die »große« Geschichte, die hier in diesem Büchlein erzählt wird.

Dies alles wurde bereits 1985 zusammengestellt, im Selbstverlag kopiert, gebunden und an Familie und Freunde verteilt. Erst im Jahr 2020 hat der Schriftsteller Hans Werner Otto das Projekt wiederbelebt. Der Interview-Text wurde digitalisiert, alle Kommentare neu verfasst. Damit die genannten Personen nicht zugeordnet werden können, wurden statt Nachnamen typische Hausnamen1 verwendet, jedoch nicht immer in der korrekten Kombination.

Alle Fotos stammen aus privaten Archiven, wurden bisher nicht veröffentlicht, sind mehr als fünfzig Jahre alt und zeigen nicht mehr lebende Personen aus Filz, Lutzerath und den umliegenden Dörfern.

Je länger ich mich mit dem hier geschilderten Landleben beschäftigte, desto tiefer wuchsen Achtung und Respekt vor den handelnden Personen – vor ihrer Wirtschaftsweise, der oft die Bindung an das Land wichtiger war als Fragen der Effizienz – Achtung und Respekt vor allem aber für meine Großmutter, mit der ich mich als Heranwachsender oft erbittert gestritten und die ich so sehr geliebt habe.

Wuppertal, im Frühjahr 2021

Wolfgang Weil

Eine kleine

mühselige Welt

Vorwort von Hans Werner Otto

Als Wolfgang Weil mir seine Zusammenstellung der Erinnerungen seiner Großmutter mitsamt seinen Kommentaren zu lesen gab, waren schon fünfunddreißig Jahre vergangen, seit er sie niedergeschrieben hatte. Bei der Lektüre fühlte ich mich – als Wuppertaler – erinnert an »Die kleine, mühselige Welt des jungen Hermann Enters«. In Briefen, die der Auswanderer – geboren 1846 – an seine Familie in Barmen geschickt hatte, schilderte er seinen Arbeitsalltag als Heranwachsender in der Zeit, als Heimweber zu Fabrikarbeitern wurden und im Tal der Wupper etwas einsetzte, was wir später als »Frühindustrialisierung« bezeichneten. Bei ihrer Veröffentlichung im Jahre 1970 erregten sie beträchtliches Aufsehen, wurde hier doch die Situation des Industrieproletariats in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einem selbst Betroffenen in aller Ausführlichkeit geschildert; am Einzelschicksal konnten die Folgen dieser Zeit des Umbruchs nachvollzogen werden. Die einfache Sprache bot schon jüngeren Schülern Zugang: Generationen wurden und werden Auszüge im Geschichtsunterricht als wertvolle Quelle angeboten.

Wolfgang Weils Großmutter Gertrud Müllen wurde nahezu sechzig Jahre später als Hermann Enters geboren, und auch sie wuchs in einer Phase der Frühindustrialisierung auf: nämlich der, die mit einer Verspätung von zwei Generationen in der Eifel erfolgte. Im Verlauf ihres Lebens fand auch auf dem Land ein gewaltiger Umbruch statt, und ihre Erinnerungen bieten – in vergleichbar einfacher Sprache, in vergleichbarer Anschaulichkeit – so etwas wie ein Pendant zu Hermann Enters‘ Briefen, hier eben aus der Perspektive der Landbevölkerung. Ihre Darstellungen des bäuerlichen Alltags mit seinen Mühen und vielfältigen Belastungen – insbesondere der Frauen – , den oft archaisch anmutenden Bräuchen, der strengen sozialen Ordnung und den spärlichen Freuden wechseln ab mit beispielhaften, oft heiteren, dann auch traurigen Episoden, in denen sie von Geburten, Heiraten und Tod erzählt, von den Auswirkungen der beiden Weltkriege, die sie miterleben musste, wie vom Einzug der ersten, dann fortwährend perfektionierten landwirtschaftlichen Maschinen. Dabei tritt immer wieder auch eine selbstverständliche Frömmigkeit zutage, die sich aber mit ihrem Glauben an die Kräfte von Hexern und Heiligenaltären gleichermaßen aus einer Naturreligion wie aus den Lehren der Amtskirche zu speisen scheint.

Eine vergangene Welt erschließt sich hier. Es lohnt, ihr nachzuspüren.

Hans Werner Otto

Kindheit und

Jugend

»Wenn einer zu einem Mädchen freien kam, da war der erste Blick immer der Misthaufen. Wenn der groß genug war, dann waren auch viele Kühe im Stall. Wenn der aber klein war, dann konnte es um das Vermögen der Leute nicht weit her sein. Und oft genug war das Verhältnis dann aus. Das ist Tatsache!«

»... und unsere Möbel standen draußen«

Hineingeboren in ein Eifeler Dorf

Ich war ein Siebenmonatskind. Meine Mutter hat die Schweine gefüttert und über die Tür und das Gatter rüber den Schweinen das Futter in den Trog geschüttet. Ein Schwein verfing sich im Eimer und zog daran – meine Mutter am anderen Ende. Dadurch, dass sie mit dem Bauch auf der Tür lag, hat dieser den ganzen Druck abgekriegt. Das war am 23. November 1905. Ich war also eine Frühgeburt. Daraufhin habe ich zu Hause zwei Monate in Watte gelegen. Das mit dem Schwein ist in »Schimmich«2 passiert, wo Mutter bei ihrem Vater das Haus sauber machte. Mein Opa hat die vier Kinder alleine großgezogen, und so kam es, dass meine Mutter öfters zu ihm ging, um nach dem Rechten zu sehen – natürlich zu Fuß. Und das war ein Weg, bestimmt zehn Kilometer. Geboren wurde ich hier in Filz im Haus von Scholze. Dort wohnten meine Eltern mit dem Bruder meines Vaters, dem »Ihm Pitter«3. Es war das zweitälteste Haus in Filz nach dem Haus von »Innermertes«, dann kam die Kapelle und dann das Backhaus. Ich kann mich erinnern, dass damals noch drei Häuser mit Stroh gedeckt waren.

Als der Ihm Pitter dann seine Frau kennen lernte, gab es Streitigkeiten. Daraufhin hat man ums Haus gelost, und mein Vater ist neben das Haus gefallen. Bei schlechtestem Wetter und allem Dreck hat man uns rausgeschmissen, und unsere Möbel standen draußen.

Mein Vater hatte kurz vorher schon damit angefangen, ein neues Haus zu bauen. Aber als wir auf der Straße lagen, hatte er nur den Keller ausgehoben. Den haben wir dann mit Brettern abgedeckt und haben in diesem Loch gewohnt. Unsere Möbel standen im Nachbarhaus von Scholze. Es war doch sehr schlimm für meine Eltern, hier zu hausen.

Oh, die Dorfleute haben beim Neubau sehr geholfen. Sonntags waren alle da und haben gemauert. Früher war das immer so gewesen hier aufm Dorf. Unser Haus ist zum Teil aus Bimsstein. Es war das erste Haus in Filz, das teilweise aus Schwemmsteinen gebaut wurde, »mannewäis«4 habe ich Waffeln gebacken für die Leute, die geholfen haben.

Die Bruchsteine für den Sockel wurden in der alten »Stehnkoul«5 auf dem Hinnig, am Weg zur Demerather Mühle, oder am Ulmener Weg gebrochen. Den Sand holten sie mit dem Wagen und den Kühen davor aus der Sandgrube am Ulmener Maar. Alle haben geholfen. Das war früher so. Das Haus war fertig, aber noch nicht verputzt – da sind wir eingezogen. Das war 1914. Inzwischen ging der Krieg los und mein Vater wurde eingezogen. Ein alter Mann aus Gefell, der damals schon siebzig Jahre alt war, hat das Haus dann fertiggestellt. Er war ein Kollege von meinem Vater aus dessen Arbeitskolonne. Mein Vater war selbst Maurer gewesen. Nachts hats gefroren, und die Decken haben teilweise nicht gehalten.

Als mein Vater aus dem Krieg kam, hatte meine Mutter noch ein Rind im Stall stehen. Dies ist dann verkauft worden, und damit war das ganze Haus bezahlt. So haben die damals gespart. Mein Vater hat den Wehrsold immer nach Hause geschickt. Allerdings hat früher so ein Haus nur so zweitausend Mark gekostet, je nachdem, wie groß es war.

Filz – ein Dorf verändert sich

Filz liegt auf 450 Metern Höhe am Rand der Vulkaneifel, etwa zwanzig Kilometer nördlich der Mosel und zwanzig Kilometer südlich vom Nürburgring. Nach Westen hin fällt die Gemeindegrenze steil ab und erreicht am Üßbach nur noch eine Höhe von 340 Meter. Auch heute noch ist Filz eines der kleinsten Dörfer der Eifel und des Kreises Cochem-Zell. Die Einwohnerzahl hat die einhundert nie überschritten. Die Bevölkerung ist mehrheitlich katholisch. Filz hat einen eigenen Gemeinderat und einen ehrenamtlichen Ortsbürgermeister. In den Zeiten, von denen diese Geschichte berichtet, war der Boden für Kulturpflanzen nur wenig ertragreich, das Klima oft rau und unwirtlich, Spätfroste waren noch Ende Mai keine Seltenheit. Das gesamte Kulturland von ungefähr 120 Hektar, das sich noch bis in die 1960er Jahre sechzehn kleine Bauernhöfe teilten, wird heute von einem einzigen Bauern im Haupterwerb bearbeitet. Pendler nehmen Fahrten bis nach Bonn in Kauf. Einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Umgebung ist der Militärflughafen Büchel; dort werden dem Vernehmen nach noch US-Atomwaffen gelagert.

Wesentlich größer und bedeutsamer war und ist die Gemeinde Lutzerath mit heute rund 1400 Einwohnern. Hier waren Bäcker, Metzger, Handwerker, Poststation, Gaststätte, Arzt, Einzelhandel, Amtsverwaltung und Pfarrei ansässig – nichts von dieser Infrastruktur war und ist in der Gemeinde Filz anzutreffen. In der alten Zeit war Lutzerath Pferdewechselstation der Thurn- und Taxis-Postlinie Koblenz–Trier. Beide Orte gehören zur rheinland-pfälzischen Verbandsgemeinde Ulmen, wo auch der Sitz der Verwaltung ist.

Die Schilderungen von Gertrud Müllen leben aus der Kraft des unmittelbar Erlebten und nicht aus den gut gemeinten Projektionen der meist doch verständnislosen Fremden, die eigentlich Freunde sein wollen. Denen sei gesagt: Die Eifel, ihre Landschaft, ihre Geschichte und ihre Menschen haben nichts Besonderes an sich, weder im Positiven, noch im Negativen. Die Eifler sind nicht rückständiger als andere Menschen in ähnlicher Situation, aber auch nicht progressiver. Unterdrückte Klassen haben es nur selten vermocht, für sich eine eigene Kultur und Ästhetik zu entwickeln. Die Befriedigung der unmittelbaren Bedürftigkeit stand hier fast immer im Vordergrund. Auch da unterscheiden sich die Bewohner der Eifel wohl nicht von den Menschen anderer Landstriche. Das können wir bedauern – darf für uns jedoch kein Vorwand sein, ihnen unsere Solidarität zu verweigern.

Wer heute – egal wo in Deutschland – mit dem Auto durch ein nicht touristisch geprägtes Dorf fährt, der könnte zur Ansicht kommen, dass dort niemand mehr lebt. Die Straßen und Höfe sind oft menschenleer. Auch der Anblick der meisten Häuser weckt nicht unser Interesse – wir kennen diese Art bereits aus den Vororten unserer Städte. Viele Dörfer haben »Persönlichkeit« und »Charakter« verloren. Doch wer genauer hinsieht, der entdeckt noch die alten Trierer Langhäuser – meist stammen sie aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Entstanden sind sie wahrscheinlich auf der Grundlage kurfürstlicher Bauvorschriften aus dem 18. Jahrhundert. Im früher von Trier beeinflussten Kulturraum (Eifel, Saarland, Lothringen) finden sich überall noch diese Häuser, in denen Wohnbereich, Kuhstall, Scheune und Schweinestall auf einer Linie nebeneinander angeordnet und unter einem Dach verbunden sind. Da so Wohn- und Wirtschaftsbereich in ein festes Verhältnis zueinander gesetzt werden, passt diese Bauweise in Bauerndörfer mit ähnlich großen Höfen: Sieben bis acht Menschen – fünf Hektar Land, drei bis vier Kühe, ein paar Schweine, einen Haufen Hühner und ein Stück Wald. Die Langhäuser wurden aus einheimischem Bruchstein erbaut, die Fenster und Türen mit roten Sandsteinblöcken eingefasst. Um sie herum angeordnet waren jeweils Hühnerauslaufwiese, Nutzgarten, Holzplatz, Schweinesuhle und Innen- beziehungsweise Eingangshof. Das war die gängige Betriebsgröße in den meisten Eifelorten – das Existenzminimum. Kleiner konnten und durften die Höfe nicht werden.

Ganz anders die ab 1960 gebauten Häuser: Kein Wirtschaftsbereich, fremde Baustoffe, große Fensterflächen, individuelle Bauweise – wegen knapper Kassen dann aber doch wieder recht uniform. Das eine sind Bauernhöfe, das andere Wohnhäuser für Menschen in Lohnarbeit – so wie in den Vorstädten. Krasser könnte der Gegensatz kaum sein. Was also ist in der Eifel in den 1950er und 1960er Jahren geschehen?

»So blieb die ganze Arbeit für mich«

Kinderarbeit und allgemeine Armut

Wir drei Kinder, Peter, Katharina und ich, mussten jeden Tag zweimal nach Wollmerath zur Schule – vormittags und nachmittags –, und immer zu Fuß. Fahrräder haben wir damals noch keine gekannt. Im Winter war das besonders schlimm. Da mussten wir die drei Kilometer durch oft hohen Schnee. Da waren wir schon kaputt, wenn wir ankamen. Die Schule habe ich fünf Jahre besucht. Ab dann wurde ich den Sommer, also von Ostern bis Allerheiligen, beurlaubt, um die Landwirtschaft zu übernehmen. Während mein Vater als Maurer unterwegs war, musste ich die ganze Landwirtschaft alleine machen, und ich war damals gerade zwölf Jahre alt. Meine Mutter konnte mir nur selten helfen. Im Sommer bei den Erntearbeiten war mein Vater natürlich zu Hause. Was ich alles machen musste: Den schweren Pflug bin ich gefahren und dabei habe ich noch aufgepasst, dass die Kühe richtig gehen. Mit dem Wagen Futter holen, mit der Egge aufs Feld, das Vieh füttern und melken, die Ställe misten. Am gefährlichsten war das An- und Ausspannen der Kühe. Meine Schwester war immer krank, und mein Bruder war viel zu klein. So blieb die ganze Arbeit für mich.

Ich weiß noch gut, wie ich damals das erste Korn gesät habe, hinten auf der »Äwertskoul«. Das Feld war damals ein Simmersät6 groß. Mein Vater hatte mir vorher gesagt, wie viel Korn ich nehmen sollte. Nun, da bin ich mit meinem Säsack übers Feld gegangen und habe gesät, bis das Korn alle war. Immer auf den linken Fuß musste man das Korn werfen. Später gingen meine Eltern mal gucken, als das Korn schon aufgegangen war. Bis auf einen Streifen war alles einwandfrei, das weiß ich noch. Ich hatte es gut gemacht.

Bei uns zu Hause herrschte an sich keine Armut. Dadurch, dass mein Vater als Maurer unterwegs war und ich die Landwirtschaft betrieb, hatten wir immer etwas Geld und zugleich genug zu essen. Aber im Dorf war die Armut teilweise sehr groß. Da war eine Familie, da konnte der Mann nicht arbeiten gehen, weil die keinen hatten, der die Landwirtschaft weiter gemacht hat. Einmal bin ich da am Sonntagmorgen vorbeigegangen und hab das Mädchen rausgerufen zum Kirchgang. »Oh je«, sagte da die Frau, »lass sie schlafen. Wenn sie nicht wach wird, braucht sie auch nichts zu essen. Ich hab‘ kein Stück Brot zu Hause.«

Die Leute aus Auderath waren im Februar, März und April so hungrig, dass sie sich von den Filzern Brot und Kartoffeln erbetteln mussten. Auderath war ein ganz armes Dorf. Wenn früher einer keine Arbeit hatte – damals war doch keiner krankenversichert –, da mussten wir alles selbst bezahlen. Ein Arztbesuch von Ulmen hat drei Mark gekostet. Das war sehr viel! Dafür konnte man drei bis vier Pfund Fleisch kaufen. Ein Ferkel haben wir damals, wenn es gut ging, für achtundzwanzig bis dreißig Mark verkauft. Wenn der Wurf groß war, haben wir einiges gehabt. Aber wenn er klein war, dann haben wir die Futterkosten nicht rausgekriegt. Und von dem Geld mussten noch Schuhe, Kleider und so gekauft werden.

Da war der Ihm Pitter, der hatte eine kranke Frau. Da musste immer regelmäßig der Arzt aus Ulmen kommen. Das kostete viel Geld, mehr als unser Ihm Pitter hatte, und so musste er noch viele Felder verkaufen. Aber die Leute hatten früher sowieso zu wenig. Wenn einer da noch was verkaufen musste, der hat wirklich Hunger gelitten. Aber das hat mein Ihm Pitter und seine Familie gern getragen. Aber die Steuern! Da hat ein Mann redlich von morgens früh bis abends spät geschuftet, leidet Hunger für seine Frau und wird dann noch von den hohen Herren verfolgt. Eines Tages wollten sie ihm den ganzen Hof versteigern. Da saßen mein Vater und meine Mutter und wir Kinder abends am Tisch und waren am Essen. Da ruft auf einmal mein Ihm Pitter den Hausflur rein: »Also macht es gut!« Wir wussten gar nicht, was das sollte, und haben weiter gegessen. Da guckt mein Bruder zum Fenster raus und sieht den Ihm Pitter unten in den Wald reingehen. Wir alle aufgesprungen und ihm nach. Als wir in den Wald kamen, da hatte er schon einen Strick am Baum festgemacht und wollte sich gerade aufhängen.

Was haben die Menschen früher gelitten! Hier was kaputt am Pflug, da fehlte was an der Egge – immer brauchte man Geld. Wenn da aus einer Familie keiner arbeiten konnte, das war sehr schlimm. Und wehe, wenn man die Steuern nicht pünktlich zahlen konnte, das war sehr schlimm. Da war sofort der Spitz7 da und hat gepfändet. Und wenn im Haus nichts mehr war, dann wurde das Vieh gepfändet und versteigert, oder der Bauer musste sich Geld leihen bei den Wittlicher Juden. Das Vieh war dann deren Besitz, aber die Bauern durften weiter damit arbeiten. Nur die Kälber, die gehörten dem Juden. Das waren dann die Zinsen für das geliehene Geld.

Auch beim Dreschen der Frucht mussten wir mithelfen. Die Garben wurden in der Scheune auf den Boden gelegt. Sie mussten immer parallel liegen, in zwei Reihen mit den Ähren gegenüber. Mit Dreschflegeln wurde dann mit mehreren Leuten im Takt darauf eingedroschen – eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Danach kam alles auf den Rödel. Das war ein Tisch mit einem Lochblech oben. Wenn das dann bewegt wurde, fielen Körner und Spreu durch, auf ein anderes Blech. Das Stroh blieb oben darauf liegen. Die Körner mit der Spreu warf man in die »Fohchmill«8. Die Spreu flog dann hinten raus. Und das staubte immer!

Das, was angebaut wurde, reichte kaum aus, um die Familie zu ernähren. Es konnte also nichts verkauft werden. Nur ganz selten, wenn etwas übrig war oder wenn man etwas dringend brauchte, was man nicht selbst herstellen konnte, fuhr man nach Ulmen und kaufte sich etwas in einem Geschäft, das Korn als Zahlungsmittel annahm – oder man fuhr mit dem Fahrrad nach Cochem zum Markt. Das war ein weiter Weg und es war anfangs doch recht selten.

»Ansonsten hat unser Vater den Gürtel abgeschnallt«

Erziehung durch Eltern, Lehrer und Pastor

Früher waren die Eltern viel strenger als heute – viel, viel strenger! Da wurde nicht lange gefackelt, da gab es sofort Prügel, bei fast jeder Gelegenheit. Ich weiß noch, wenn jemand zu Besuch kam, dann durften wir uns am Tisch nicht rühren. Wir mussten stillsitzen und durften keinen Mucks von uns geben. Ansonsten hat unser Vater den Gürtel abgeschnallt und auf uns eingeschlagen. Wenn jemand Fremdes reinkam, mussten wir Kinder sofort rausgehen. Und wehe, wir taten es nicht!

Einen Winter sind wir Kinder den ganzen Abend Schlitten gefahren. Wir sind gefahren und gefahren, so viel Spaß hat es gemacht. Doch wir mussten abends für die Fütterung »dat Hai rǒppe«9. Das Heu war ja durch die großen Haufen in der Scheune gepresst, und für die Fütterung musste man es unten aus den Haufen rausreißen. Und das hatte ich vergessen, weil es doch so schön war beim Schlittenfahren. Da durfte ich die ganze Woche nicht vor die Tür, nur weil ich »dat Hai rǒppe« vergessen hatte.

Ein anderes Mal sollte ich zu Hause die Erbsen kochen, weil meine Eltern bei Hennese im Hause geholfen haben. Dort waren plötzlich Vater und Mutter gestorben, das ganze Dorf half denen mit. Doch ich habe immer mit den Kindern im Dorf gespielt und darüber das Stochen10 vergessen. Und als es Mittag wurde, waren die Erbsen nicht gar, weil das Feuer ausgegangen war. Da hat meine Mutter geschimpft – die hat geschimpft! So was vergisst man nicht. Wir mussten aufs Wort parieren – von klein an. Und da wurde nicht lange gefackelt, so wie heute. Aber es ist komisch: Wir haben doch wirklich viel Prügel bekommen, aber wir wären trotzdem für unsere Eltern durchs Feuer gegangen.

Unsere Schule fing morgens um acht Uhr in Wollmerath an. Die Schule ging morgens von acht bis zwölf und nachmittags von zwei bis vier. Im Winter haben wir oft einen Essenstopf mitgenommen, der in einem Wollmerather Haus aufgewärmt wurde. Da wäre es zu beschwerlich gewesen, über Mittag noch mal nach Filz zu gehen. Nach der Nachmittagsschule gingen wir – wenn nichts auf den Feldern zu tun war – Kraut ernten mit Sichel, Sack und Hoot11. Wenn ich dann nach Hause kam, musste ich abends noch die Schulaufgaben machen. Ich war so gut in der Schule, dass mein Lehrer absolut wollte, dass ich Lehrerin werden sollte.

Wenn nun in der Schule etwas los war, wie an Kaisers Geburtstag, so musste ich immer das Gedicht vortragen:

Der Kaiser ist ein lieber Mann,

er wohnet in Berlin.

Und wär es nicht so weit von hier,

so ging ich heut noch hin.

Und was ich bei dem Kaiser wollt,

ich gäbe ihm die Hand ...

Weiter weiß ich nicht mehr. An Kaisers Geburtstag gab es einen großen Wähk12, Tanzmusik und Vereinsumzüge, jedenfalls in den großen Dörfern. In Filz gab es für die Kinder nur einen Weckmann. Wenn wir den aufgegessen hatten, sangen wir immer:

Heil dir im Siegerkranz,

wär mäine Wähk noch janz ...

Drei bis vier Wochen vorher haben wir in der Schule geübt für diesen Tag, an dem niemand arbeitete, genau wie an Weihnachten. In der Schule, aufm Amt und in der Post, überall hing ein Bild vom Kaiser – fast genau so oft wie unser Herrgott. Der Kaiser war sehr beliebt und ein feiner Mann.