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Ein Buch, das Mut macht, seinen Gefühlen zu folgen, seine Ideen nicht aus den Augen zu verlieren und zu ihnen zu stehen. Rückschläge zu verkraften und trotzdem weiter immer nach vorne zu schauen
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2024
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01. Kapitel Aufbruch in mein neues Leben
02. Kapitel „Es ist nicht leicht ein Clown zu sein“
03. Kapitel Rückblick
04. Kapitel Transsexualität – erklärbar?
05. Kapitel Lesbisch oder nicht? Mein Mann
06. Kapitel Stationen meiner Wandlung
07. Kapitel Wenn aus Liebe Krieg wird
08. Kapitel Weitere Operationen
09. Kapitel Wann ist ein Mann ein Mann?
10. Kapitel Rückblick
11. Kapitel Fußball und Rückblick
12. Kapitel Sport und Unfälle
13. Kapitel Mein Großvater August
14. Kapitel Musik
15. Kapitel Mein Bruder
16. Kapitel Mein Vater
17. Kapitel Musik – mit Zwischengedanken
18. Kapitel Die goldene Regel
19. Kapitel Meine erste Freundin
20. Kapitel Wo bleibt mein Schallplattenvertrag?
21. Kapitel Das Ende meiner ersten Liebe
22. Kapitel Mit 17 hat man noch Träume
23. Kapitel Auch so geht es mit einem Mann
24. Kapitel Meine erste „lesbische“ Beziehung
25. Kapitel Meine erste Beziehung als Mann
26. Kapitel So ging es weiter
27. Kapitel Und wieder mal ein „Bauknecht“
28. Kapitel Meine erste Ehefrau
29. Kapitel Unser neues Haus
30. Kapitel Kerzen – Abschied
31. Kapitel WOW – was für eine Frau!
32. Kapitel Nächster Versuch!
33. Kapitel Gedanken zum Anderssein
34. Kapitel Weitere Operationen
35. Kapitel Zusammenfassung
Anhang
Ich hatte einen Traum. Dass ich mich an einen Traum erinnern kann, ist schon höchst merkwürdig, da ich eigentlich der Meinung bin, nicht zu träumen. Deshalb ist dieser Traum für mich auch so bedeutungsvoll:
Ich weiß nicht, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, weiß aber ganz genau, dass ich das bin. Ich stehe in einer großen Küche. Rechts von mir, auf einer Eckbank, sitzt meine Mutter, wie sie es, seit sie nach ihrem Schlaganfall bei mir wohnt, immer tut. Sie sitzt dort, liest und scheint ihre Umwelt nicht wahrzunehmen.
Links von mir, weiter hinten im Raum, steht eine weitere Person und beobachtet die Szenerie. Vor mir, auf einem Stuhl sitzend, eine weitere Person. Ich kenne diese beiden Personen nicht, sehe nur, dass die stehende, hinten im Raum, eine Frau ist.
Ein Mann läuft mit drohenden Gebärden und mit vor Wut rollenden Augen permanent durch die Küche und schreit mich dabei, mit sich fast überschlagender Stimme, ständig an, ich solle endlich etwas mit der vor mir sitzenden Person tun. Es war mir nicht klar, was ich tun sollte, aber zweifellos sollte es etwas Schlimmes sein, etwas Böses, ich sollte dieser Person irgendetwas antun.
Der Mann hat Ähnlichkeit mit Jack Nicholson, dem Schauspieler, der oft so perfide, sadistische Rollen spielt.
Genauso perfide grinsend fordert er mich immer wieder auf, endlich das zu tun, was er will. Die Konsequenzen meiner eventuellen Weigerung macht er mir überdeutlich, indem er mir in allen Einzelheiten ausmalt, was er stattdessen mit mir tun will.
Ich weiß jedoch nicht mehr, was das hätte sein sollen. Nur, dass die Beschreibung sehr lange gedauert hat. Anfänglich habe ich wahnsinniges Herzklopfen, Angst, weiß nicht, was ich tun soll. Stehe nur da mit gebeugten Schultern, traue mich kaum, ihn anzuschauen. Meine Gedanken purzeln durcheinander, drehen sich im Kreis, suchen nach einem Ausweg. Als der Mann gerade mal Luft zu holen scheint, dabei abwartend lauert, schießt mir plötzlich in den Kopf: „Was will dieser Mann eigentlich hier? Mit welchem Recht verlangt er diese Dinge von mir? Ich kenne ihn doch gar nicht und er mich auch nicht. Das ist doch eine bodenlose Unverschämtheit. Muss ich mir das gefallen lassen?“ Bisher war der Mann nur in der Küche herumgelaufen und hatte gebrüllt, ich stand einfach nur da, sagte und tat nichts. Nun jedoch richte ich mich auf, schaue ihm direkt ins Gesicht und sage mit leiser, aber fester Stimme: ‚Ich möchte, dass sie jetzt sofort meine Küche verlassen!‘ Sein Grinsen verschwindet und auch seine bisher teuflischen Augen verändern sich sofort. Ob er tatsächlich ging? Genau an dieser Stelle weckte mich das Klingeln meines Handys.
Jedes Ding hat seine Zeit“
– hat einmal ein bedeutungsvoller Jemand gesagt.
Ich weiß, dass meine Zeit jetzt gekommen ist.
Die richtige Zeit für mich.
Die richtige Zeit, dieses zu schreiben.
1978
„Ich bin ein sehr ästhetischer Mensch“, sagte sie zu mir, während wir im Bett lagen und, wie so oft, nach einem liebevollen Miteinander noch ein wenig plauderten. Ich fragte, was sie mir damit sagen wollte. Es passte meines Erachtens nicht zu unserem momentanen Gespräch. Sie druckste ein wenig herum. Noch einmal sagte sie: „Ich bin ein ästhetischer Mensch und ich mag das Schöne, das Ebenmäßige. Die glatte Haut.“ Ich verstand immer noch nicht. „Deine glatte Haut.“ Langsam dämmerte mir etwas. „Ich kann mit Narben nicht gut umgehen.“
Jetzt war es raus.
Das war das Ende einer Liebe, von der ich meinte, sie gelte mir. Mir als Mensch.
Nein – sie galt „nur“ mir als Frau.
Sie galt der Frau, die ich äußerlich noch war.
Doch der Mann, der in mir und meinem Kopf steckte, war nicht gemeint. Denn der würde unweigerlich etliche körperliche Narben bekommen, wenn es endlich losging:
Meine äußerliche und gesellschaftliche Wandlung von einer Frau zum Mann.
Zweieinhalb Jahre später war es so weit:
Ich erhielt, durch Beschluss des Amtsgerichts, meine neue Identität als „geborener“ Mann. Denn auch aus der Abstammungsurkunde durfte nicht ersichtlich sein, dass ich 26 Jahre zuvor als weiblicher Mensch geboren worden war. Ich war unendlich stolz und glücklich, es geschafft zu haben.
Geschafft, den Ärzten, Psychologen und Behörden deutlich machen zu können, wie es in mir aussah – als Mann.
Denn so einfach war das gar nicht:
Für mich stand es zwar felsenfest, dass sich die Natur mit meinem Körper nur vertan haben konnte.
Den Psychologen musste ich es jedoch zwei Jahre lang immer wieder in unendlichen Gesprächen beweisen. Sie befragten mich, ließen mich Situationen durchdenken, Einzelgespräche, veranstalteten Rollenspiele, Gruppengespräche, Therapie. Versuchten mich zu überreden, dass ein Leben als Frau doch gar nicht so schlecht sei, gaben mir diesbezügliche Ratschläge, diskutierten mit mir über Gott und die Welt, über gesellschaftliche Normen und Erwartungen. Sie befragten so ziemlich alle Menschen, die mich meinten zu kennen – meine Mutter, Freunde, Bekannte, Kollegen und sogar Frauen, mit denen ich zusammen gelebt hatte.
Die Behörden verlangten, dass ich mindestens ein Jahr als Mann lebte. Wohlgemerkt, ohne offiziell einer zu sein und ohne irgendeine ärztliche Behandlung bekommen zu haben.
Zugegebenermaßen ist das für einen weiblichen Menschen wesentlich einfacher als für einen Mann, der als Frau leben soll, ohne z.B. entsprechende Hormone.
Trotzdem gab es auch immer wieder Situationen, die es meiner Umgebung nicht so leicht machten, mich als Mann zu akzeptieren: Z.B. versperrten mir meine männlichen Kollegen anfangs die Tür zur Herrentoilette und weigerten sich entschieden mich durchzulassen. Obwohl sie mich doch eigentlich als ihren Kumpel betrachteten und so auch mit mir umgingen und sprachen, da ich ja schon immer einen burschikosen Eindruck hinterlassen hatte. Aber diese letzte männliche Domäne – ihre Toilette – nein, das war zu viel für sie! Nach langen, lautstarken Diskussionen und einem Machtwort des verständnisvollen Chefs haben sie die Tür dann doch endlich freigegeben. Nur wurde unser Verhältnis eigentlich, bis auf wenige Ausnahmen, nie wieder, wie es war. Sie fingen an, sich lustig zu machen, indem sie mich anzüglich aufforderten, doch am Pinkelbecken stehen zu bleiben, so wie sie. Rissen ihre Witze über Männer mit „zu Kurzen in der Hose“. Ich lächelte und ging weiterhin in die abschließbare Kabine. Wusste ich doch, dass die Spötteleien meiner Kollegen nur verletzte Eitelkeit waren. Sie hatten Angst, weil eine „Frau“ auf einmal so sein wollte wie sie.
Das ging nun aber mal gar nicht. Schließlich waren sie doch als Männer die glorreichste Erfindung des Universums. Dachten sie. Ich ließ sie in dem Glauben.
Und zu guter Letzt verlangten die Behörden eine irreversible, also eine nicht-rückgängig-zu-machende geschlechtsangleichende Operation.
Nichts lieber als das!
1980
Die Psychologen gaben ihr Okay und die Behörden verlangten es. Nun brauchte ich nur noch einen Arzt zu finden, der mir endlich – endlich meine Brüste entfernte.
Denn dass dies die allererste Maßnahme auf meinem langen Weg durch viele Kliniken sein sollte, war für mich absolut klar. Seit meinem neunten Lebensjahr war ich gezwungen, einen BH zu tragen, da ich sehr früh ziemlich üppig ausgestattet war. Und von da an betete ich jeden Abend, doch bitte morgens ohne diese beiden Dinger aufzuwachen. Doch der weise Mann dort oben wollte wohl, dass ich meinen späteren Weg auch wirklich gehe und so ließ er sie einfach dran, bis sie die Größe „D“ erreicht hatten.
Genau das war dann zu diesem Zeitpunkt eins der Probleme. Denn welcher Arzt erklärte sich damals einfach so bereit, gesunde üppige Brüste zu amputieren? Und das auch noch so ästhetisch wie möglich? Schließlich hatte ich nicht vor, als Frankenstein zu enden.
Doch das jahrelange Abbinden meiner Brust mit Mullbinden oder später mit einem Motorradgurt hatte auch Spuren hinterlassen, sodass einem Arzt die Karzinomgefahr durch den ständigen Druck dann doch zu groß war und er sich bereit erklärte, eine Mammae-Amputation (Entfernung beider Brüste) durchzuführen.
Als ich aus der Narkose erwachte und meinen nun flachen Brustkorb vorsichtig betastete, fing ich an zu weinen, konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Die Krankenschwester, die mein Aufwachen beobachten sollte, bekam einen fürchterlichen Schreck. Sie erzählte mir später, dass sie gedacht hatte, ich hätte es in diesem Moment bereut.
Aber nein: Ich war einfach nur glücklich. Ich weinte vor Glück, weil an diesem Tag 17 Jahre voller Verstecken, voller negativer Gefühle, voller Verzweiflung zu Ende waren.
Es war der Aufbruch in mein neues Leben.
Etwas getrübt wurde dieses Glücksgefühl durch die Tatsache, dass meine Brustwarzen nicht wieder anwachsen wollten. Es folgten in den darauffolgenden Jahren noch mehrere operative Versuche, aber geklappt hat es bis heute nicht.
Mit der Krankenschwester, die ich mit meinen Freudentränen so erschreckt hatte, war ich danach ein halbes Jahr zusammen. Sie war neugierig und ich war glücklich im Moment. Sie war die erste Frau, mit der ich zusammen war, nachdem ich die Anpassung meines Körpers begonnen hatte. Sie war eine „normale“ Hetero-Frau, ohne bis dahin irgendwelche Erfahrungen mit Frauen gemacht zu haben. Sie sagte mir, dass sie die Zeit mit mir als wunderschön empfunden hätte, aber jetzt doch lieber wieder mit ihrem früheren Freund zusammen sein wollte.
Übrigens waren fast alle Frauen, mit denen ich zusammen war, noch als Frau und später sowieso, hetero, teilweise auch verheiratet. Wir haben lange Gespräche geführt. Meist über ihre Probleme, z.B. mit ihren Ehemännern. Ich konnte schon immer gut zuhören, war auch in der Schule immer der seelische Mülleimer meiner Klassenkameradinnen.
Die Ehemänner meiner Freundinnen hatten jedoch oft nur ihren Beruf im Kopf. Haben zwar auch manchmal Blumen mitgebracht, hatten durch ihren Drang, die Familie versorgen zu müssen, jedoch kaum Zeit für ihre Frauen, deren persönliche Wünsche und Träume. Und auch im Bett ging es dann meist nur um die ehelichen Pflichten.
Ich hatte die Zeit ihnen zuzuhören, mit ihnen Schaufensterbummel zu machen, Kaffee zu trinken, einfach nur Blödsinn zu quatschen und zu lachen. Und auch im Bett war die Zeit das Wichtigste. Ich wollte nie etwas für mich, das habe ich, wenn überhaupt, zu Hause allein erledigt. Aber meinen Freundinnen konnte ich Zeit geben, Zärtlichkeit, Ruhe, Befriedigung, Selbstbewusstsein.
Das Selbstbewusstsein, mit dem sie sich dann endlich auch getraut haben, ihren Ehemännern einmal zu sagen, zu zeigen, was sie gerne möchten, wonach sie sich sehnten. Dass nicht die Arbeit oder das Geld die wichtigste Rolle im Leben spielt, sondern der Mensch. Und die Männer mussten wieder lernen und haben begriffen, dass doch ihre Ehefrauen ihr Lebensinhalt waren. Dass sie nichts als selbstverständlich einfach erwarten können, sondern auch eine ganze Menge dafür tun müssen. Jeden Tag, immer wieder aufs Neue. Für das Ergebnis – eine liebevolle, glückliche Beziehung – lohnt es sich allemal.
Der Mensch mit seinen Wünschen und Träumen, mit seinen Hoffnungen und Gefühlen. Man muss auf und in sich selbst und den Anderen hören. Es sind meist nur ganz leise Töne, die im Alltag, in der Arbeit oft nicht mehr gehört werden können. Aber manchmal hilft schon das Hinhören, dem Anderen zuhören.
Leider geht das in der Hetze des Alltags, im Lauten, im Gebrüll unserer schnellen Welt verloren. Wir müssen wieder langsamer werden, leiser.
Aber das fällt uns Männern ziemlich schwer. Obwohl man doch immer sagt, wir seien noch genauso gepolt wie in der Steinzeit: Sich leise anschleichen, das sich bewegende Wild genau beobachten, abwarten und im richtigen Moment zuschlagen, damit es etwas zu essen gibt. Deshalb reden wir auch so wenig.
Darum sehen wir ja angeblich auch die schmutzige Wäsche, die da rumliegt oder die Butter ganz hinten im Kühlschrank einfach nicht – denn sie bewegt sich nicht.
Trotzdem hindert uns unser Testosteron und die daraus resultierende Aggressivität daran hinzuhören, den Menschen zuzuhören, Gefühle zu spüren und auszudrücken, Träume zuzulassen.
Ja, ich habe es erlebt: Seit ich Testosteron gespritzt bekomme, eine Spritze monatlich, bin ich zunehmend aggressiver geworden. Ich muss manchmal geradezu dagegen ankämpfen. Muss mich zwingen ruhig zu sein, Gefühle zuzulassen, geduldig zu sein, Zeit zu haben und auch zu geben. All die Dinge, die für mich damals als Frau ohne Testosteron noch ganz selbstverständlich waren. Auf der anderen Seite muss ich mich auf jeden Fall auch daran erinnern nicht zu ruhig zu sein, nicht zu gefühlsduselig, nicht zu weich, nicht zu sensibel. Denn dann sagt meine Frau: „Du benimmst dich wie ein Mädchen!“
Dustin Hoffman hat in dem Film „Tootsie“ gegen Ende des Films festgestellt:
„Ich war als Frau ein besserer Mann, als ich es dir als Mann jemals sein kann.“
Dem ist m.E. absolut nichts hinzu zu fügen.
Natürlich hängt es absolut auch mit den Erwartungen der Gesellschaft an einen Mann zusammen. Ein Mann muss stark sein, er muss arbeiten, geradezu ackern, um seine Familie zu versorgen, ein Haus zu bauen, am Besten noch ganz allein. Er muss sich durchsetzen in jeder Situation, immer an vorderster Front seinen Mann stehen, immer wissen, was er will oder soll. Er ist laut, beweist ständig seine Männlichkeit durch seine Bestimmtheit in allen Bereichen. Es gibt keine Zweifel: Was getan werden muss, wird getan.
Abweichungen von diesem Erwartungsbild kann unsere Gesellschaft noch immer nicht akzeptieren. Warum sonst muss es immer wieder diese großen Outings geben? Warum kann es nicht auch einfach Männer geben, die nicht diesen gesellschaftlichen Vorgaben entsprechen? Die auch weich sind, weinen können, den Haushalt schmeißen mit waschen, kochen, bügeln? Warum muss sich ein Homosexueller, speziell als Mann, großartig outen? Kann es nicht einfach völlig egal sein, wie sich ein Mensch gibt, wie er sich verhält, mit wem ein Mensch sein Leben teilen möchte? Ohne dass irgendjemand davon besondere Notiz nehmen muss?
Warum gibt es ständig Fernsehsendungen über Transsexuelle? Die werden jahrelang vom Fernsehteam begleitet, in allen Einzelheiten wird ihre Wandlung gezeigt. Und doch bleiben die Geschichten aus meiner Erfahrung heraus sehr oberflächlich. Aber es scheint für viele Menschen doch sehr interessant zu sein, es ist halt etwas Besonderes.
Warum eigentlich?
Es gibt so viele Menschen, die etwas Besonderes erleben, verarbeiten müssen:
Durch einen Unfall plötzlich querschnittgelähmt, eine Lebenssituation, die man erst einmal verarbeiten und meistern muss. Krankheiten wie Krebs, Amputationen, Amnesie, Verlust eines Kindes oder langjährigen Partners, Hunger, Leben auf der Straße – durch Scheidung, Alkohol, Jobverlust. Und noch so Vieles mehr. Diese Auflistung ließe sich beliebig verlängern. Jedes Einzelschicksal ist etwas Besonderes. Aber wenn ein Mensch sein Geschlecht seinen Gefühlen anpassen will, dann redet man darüber, zeigt es reißerisch aufgemacht im Fernsehen. Und ein neues Outing ist immer eine Riesenschlagzeile in der „Bild“. Meist sind es jedoch Männer, die zu einer Frau werden. Das ist, operativ gesehen, sehr viel einfacher (wegschneiden ist nun mal einfacher als ranbasteln), menschlich gesehen doch um Einiges schwerer, denn aus einer tiefen Stimme wird nicht einfach eine hohe, aus einer Schuhgröße 46 kann man keine 40 mehr machen und eine Größe von 1,93 m ist auch nicht unbedingt weiblich. Und auch der Bartwuchs ist eine große Aufgabe.
Da hatte ich es ein wenig einfacher. Meine Körpergröße von 1,70 m ist zwar etwas kurz geraten, aber gerade noch akzeptabel für einen Mann. Meine Stimme ist, durch das Testosteron, zu einem Bariton gewachsen, wobei ich als Frau ein Mezzosopran war. Durch mein klassisches Gesangsstudium konnte ich auch meine Singstimme gut erhalten. Leider ist meine Fähigkeit der Kopfstimme verloren gegangen, sodass mein Stimmumfang heute nicht mehr über drei Oktaven geht. Doch der Stimmumfang bei Männern ist meist sowieso geringer. Letztendlich hinterlässt meine Baritonstimme jedoch immer noch einen guten Eindruck.
Auch der Bartwuchs war kein Problem, er kam nach Beginn der Testosterongaben relativ schnell. Zuerst natürlich zögerlich, sodass ich mit nunmehr 27 Jahren immer noch aussah wie ein 16-jähriger junger Mann, aber nach und nach sprießten die Haare, auch am ganzen Körper. Als der Friseur mir zum ersten Mal den Nacken ausrasieren musste, machte auch das mich sehr glücklich.
Etwas Probleme bereitet meine Schuhgröße 39. Herrenschuhe fangen erst bei minimal 40 an. Also muss ich meist in der Damenabteilung nach männlich aussehenden Schuhen schauen oder ich gehe in der Konfirmationszeit zum Schuhe kaufen. Da besteht die Chance, Lederschuhe in meiner Größe zu bekommen.
Obwohl heutzutage auch 14-jährige Jungen meist schon größere Füße haben. Na ja, manchmal klappt es. Dann kaufe ich gleich zwei Paar. Ansonsten trage ich meine Schuhe halt so lange, bis sie wirklich kaputt sind.
Also: Niemand merkt es. Ich bin ein Mann. Und niemand in meiner Umgebung merkt, dass ich als Frau geboren wurde. Niemand weiß es. Die erwachsenen Kinder meiner Frau, mit der ich seit zwölf Jahren verheiratet bin, wissen es jetzt erst seit knapp einem Jahr, weil ich mal wieder versucht habe, operativ etwas für mich zu tun und meine Frau nicht so recht wusste, was sie den Kindern sonst erzählen sollte. Mich kostet das alles sehr viel Kraft. Täglich. Aber auch das merkt niemand.
Wenn andere Transsexuelle, die als Frau geboren wurden und als Erwachsene zum Mann werden, behaupten, es gäbe keine Probleme, dann bin ich der Meinung, dass sie sich selbst belügen. Natürlich sind wir als Mädchen groß geworden. Natürlich haben uns unsere Eltern als Mädchen erzogen. Und natürlich sind wir dadurch auch geprägt worden. Und diese frühkindliche Prägung haben wir quasi bereits mit der Muttermilch eingesogen. Die kann man nicht so einfach abstreifen, vergessen. Auch wenn ich als Kleinkind lieber mit Lego als mit Puppen gespielt habe, lieber den Ball an die Wand schlug als einen blöden Puppenwagen durch die Gegend zu schieben – trotzdem hat man auch weibliche Emotionen, Vorstellungen, Erwartungen verinnerlicht. Das lässt sich gar nicht vermeiden.
Das machte ja auch meinen „Erfolg“ bei Frauen aus: Ich wusste, was eine Frau erwartet, was sie braucht, was sie sich wünscht. Ich war der „Bauknecht. Denn Bauknecht weiß, was Frauen wünschen“ :-) Das war ein Verkaufs-Slogan der damaligen Zeit.
Meine Eltern hatten nie irgendeinen Zweifel daran gelassen, dass ich ein typisches Mädchen bin. Während mein Bruder Kohlen aus dem Keller holen musste, durfte ich das nicht – es war schließlich Jungenarbeit. Ich musste abwaschen, mit der Nachbar-Oma zur Heißmangel gehen, um die Wäsche zu „zockeln“. Meinem Bruder wurde beigebracht, ein Fahrrad zu reparieren, mir natürlich nicht. Als ich mit zwölf Jahren allein zum Friseur ging um meine Haare jungenmäßig kurz schneiden zu lassen, hat meine Mutter geweint und mich fürchterlich ausgeschimpft. Von meiner „Liebe“ zu unserer Diakonin in der kirchlichen Jungschar wussten meine Eltern natürlich nichts. Zu deren Blockflötenunterricht ging ich bereits mit fünf Jahren!
Meine Eltern 1950
Meine Mutter mit Hans Albers auf dem Schützenfest Hannover
Ich wurde Anfang der 50er Jahre als Mädchen geboren. Einen Bruder hatte ich auch schon, der war zweieinhalb Jahre älter. Die Familienplanung unserer Eltern war demnach abgeschlossen. So gehörte es sich damals: Zwei Kinder – am Besten zuerst den Jungen und dann ein Mädchen. Das war gut so.
Mein Bruder war zu Hause geboren, auch das war damals so. Wegen einer „läppischen“ Geburt ging man doch damals nicht ins Krankenhaus! Noch kurze Zeit vorher wurden die Kinder während der Arbeit auf dem Feld oder sonst wo geboren, da machte man doch kein Drama drum.
Trotzdem machte die Hebamme ein merkwürdiges Gesicht. Während meine Mutter bereits in den Geburtswehen lag, entfernte sie sich, um eine zweite Nabelklemme und andere diverse Dinge zu holen. Denn sie hatte zwei Herztöne gehört, es sollten Zwillinge kommen. Und dann kam mein Bruder – und – und – und – nichts mehr! Er ließ es sich nicht nehmen, allein auf diese Welt zu kommen.
Zweieinhalb Jahre später: Diese Mal erfuhr meine Mutter bereits während der Schwangerschaft: Hurra, es werden Zwillinge! Und deshalb kam man damals dann doch ins Krankenhaus.
Ich sollte ein sehr ruhiges Menschenkind werden. Meine Mutter erzählte später immer, dass ich von 24 Stunden des Tages 20 Stunden geschlafen hätte, selbst beim Trinken an ihrer Brust sei ich eingeschlafen. Deshalb wollte ich ihr wohl schon bei der Geburt auch nicht allzu viel Stress machen. Also ließ ich sie noch bis nachts um eins in Ruhe arbeiten (sie hatte einen kleinen eigenen Laden mit einem Laufmaschenbetrieb – so etwas gab es noch zu der Zeit), aber auf dem Weg nach Hause habe ich mich leise angemeldet. Sie ging deshalb zu einer Nachbarin mit Telefon (wir hatten noch gar keins), informierte meinen Vater, der gerade Nachtdienst bei der Zeitung hatte und seine Kollegen kamen mit einem Auto, um meine Mutter ins Krankenhaus zu fahren.
Mein Vater wurde erst einmal wieder nach Hause geschickt – „das dauert noch“, sagte man ihm. Aber er hatte es vielleicht geahnt. Denn als ich bereits um zwanzig nach drei auf die Welt kam (als astrologischer Zwilling), saß er mit seinen Kollegen noch auf den Stufen des Krankenhauses und feierte mit ihnen und einer Flasche Bier.
Wohlgemerkt, als ICH auf die Welt kam – denn auch ich kam allein. Nichts in Sicht von einem Zwilling.
Und doch – er war da, mein Zwilling. Er war in meinem Kopf. Der Junge, der zu mir gehörte, war in meinem Kopf. Und er hatte dort die Oberhand. Er war ich. Der Körper war ein Mädchen und im Kopf steckte der Junge. Keiner hat‘s gemerkt. Und begriffen habe ich das auch erst sehr viel später.
