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Richterin Paula Erdmann liest in der Akte, die gerade auf ihrem Schreibtisch abgelegt wurde. Und während sie liest, entsteht vor ihrem inneren Auge eine Geschichte, die so erschreckend berührend ist, dass sie selbst ein Teil dieser Geschichte wird. Sie liest von einem Mord in einem tristen Mehrfamilienhaus, und dass es sich bei dem im Treppenhaus Erstochenen, um den Herzchirurgen Prof. Dr. Herbert Kirch handelt. Dieser befand sich, so ermitteln die Kommissare schließlich, auf dem Wege zu einer Patientin – Frau Ziemann –, die er für Geld überredet hatte, sich ein neues Herz einsetzen zu lassen, ungeachtet der Tatsache, dass es bei ihr nicht wirklich notwendig war.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Siegfried Ahlborn
Des anderen Herz
Kurzkrimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Des anderen Herz
Impressum neobooks
Als die Richterin Paula Erdmann an diesem Morgen ihr Büro betritt, fällt ihr Blick auf eine Akte – vom Sekretär auf ihrem Schreibtisch zur Beurteilung abgelegt –, die sie aufmerken lässt. Sie schlägt sie auf, überfliegt den Inhalt, und beginnt dann zu lesen. Und von Wort zu Wort, und mehr und mehr, gestaltet sich der Inhalt der Akte zu einem Roman, der sie mitreißt und zu einem Teil ihrer eigenen Seele wird. Sie liest:
Es geschah an einem Mittwoch am helllichten Tage, dass dem gut gekleideten Herrn, der eben von der Straße kommend in das triste Mehrfamilienhaus getreten war, ein Messer von hinten ins Herz gestoßen wurde, und dass sich gleich darauf trippelnd-schlurfende Schritte eilig entfernten.
Das geschah wie gesagt am helllichten Tage, im schmucklosen Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses, gerade um die Mittagszeit, wo sich die Bewohner des Hauses bei der Arbeit befanden oder in der Küche beschäftigt waren.
Doch gerade einmal eine halbe Stunde später stolperte, im wahrsten Sinne des Wortes, Frau Kuhnast auf dem Weg in den Keller über den Herrn, der in einer Blutlache vor ihrer Türe am Fuße der Treppe lag. Vor Entsetzen stieß sie einen hellen Schrei aus, woraufhin sich eine Tür weiter oben im Treppenhaus öffnete und ein Student herausschaute.
»Markus!«, rief Frau Kuhnast atemlos, »kommen Sie schnell, ich glaube der Herr hier ist gestürzt.«
Markus kam die Treppe herab, um dem Fremden zu helfen, schreckte aber zurück, als er das viele Blut sah. Er bückte sich vorsichtig und berührte ihn: »Hallo!«, rief er. »Hallo, sind Sie gestürzt?«
Der Mann rührte sich nicht und das Ganze sah sehr unheimlich aus. »Schnell!«, sagte er dann zu Frau Kuhnast, indem er sich wieder aufrichtete, »rufen Sie einen Krankenwagen, und am besten auch gleich die Polizei, da stimmt was nicht.«
Frau Kuhnast eilte in ihre Wohnung zurück, froh, etwas tun zu können und zu wissen, dass sie die Verantwortung für diese Situation abgeben konnte.
Markus blieb bei dem gestürzten Fremden und harrte aus. Er setzte sich auf die Stufen der Treppe, die nach oben ging und betrachtete den leblosen Körper. Dieser lag mit dem Bauch nach unten und man konnte gut sehen, dass das Blut nicht aus einer Kopfverletzung kam, sondern durch die Jacke am Rücken nach unten gelaufen war.
Was war geschehen? Ein Mord? Aber warum? Und warum hier?
Da kam ihm plötzlich ein furchtbarer Verdacht. Hatte die Dame in der Wohnung ihm gegenüber nicht gestern gesagt, dass ein Herzspezialist kommen wolle, um sie zu beraten wegen ihres Herzens, welches schon lange so schlecht sei, dass sie wohl ein neues brauche, und dass dieser Spezialist kommen wolle, um sie dahingehend zu überreden. – Ja, so hatte sie gesagt: “Überreden“. Fast scherzhaft hatte es geklungen. Könnte der Tote da dieser Spezialist sein? Wollte jemand diese Unterredung oder “Überredung“ verhindern – durch einen Mord?
Er überlegte, ob er bei seiner Nachbarin klingen solle, da diese nichts gehört zu haben schien. Doch da kam in diesem Moment Frau Kuhnast zurück, blieb in ihrer Tür stehen, als habe sie Angst näher zu kommen und sagte: »Rettungsdienst und Polizei kommen sofort.«
Markus nickte und sie fragte nach einer kleinen Pause: »Ist er ermordet worden?«
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Markus zurück.
»Ich weiß nicht“, sagte sie leise, »vielleicht sehe ich zu viele Krimis.«
»Kann sein«, antwortete er »Aber ich glaube auch, dass er ermordet wurde. Vielleicht ist es der Herzspezialist, der Frau Ziemann besuchen wollte.«
»Frau Ziemann?», fragte Frau Kuhnast ungläubig. «Warum denn Frau Ziemann? – Ach ja, wie dumm von mir, wegen des Herzens. Wollte der denn heute kommen?«
»Ja«, sagte Markus, während sich ein Martinshorn näherte, und gleich darauf mehrere Autos vor der Tür hielten.
Markus stieg vorsichtig über den reglosen Körper und öffnete die Tür den anstürmenden Sanitätern und der ihnen folgenden Polizei.
Und während sich der mitgekommene Notarzt über den am Boden Liegenden beugte, fragten die Polizisten, die aber erst einmal in der Tür stehen geblieben waren: »Ist das jemand aus diesem Hause?«
»Nein«, antworteten Markus und Frau Kuhnast wie aus einem Munde.
Da schaute der Notarzt auf, schüttelte den Kopf und sagte zu den Polizisten: »Da kann ich nichts mehr tun. Ein Unfall war es aber nicht. Er ist erstochen worden.«
Markus und Frau Kuhnast zuckten zusammen, und einer der Polizisten meinte ganz ruhig: »Dann müssen die Kollegen vom Mord kommen.« Und zu den Bewohnern gewandt: »Gehen Sie bitte in Ihre Wohnungen zurück. Man wird sich bei Ihnen melden.«
»Und uns anhören wollen Sie nicht?«, fragte Frau Kuhnast ganz enttäuscht.
»Es reicht, wenn Sie uns Ihre Namen nennen«, antwortete er und sein Kollege ergänzte: »Die Kollegen vom Mord werden sich später um Sie kümmern.«
Also gaben sie bereitwillig ihre Namen zu Protokoll, und gingen dann in ihre Wohnungen zurück.
Gleich darauf und gemeinsam mit dem Pathologen und der Spurensicherung, trafen die Kommissare ein. Es waren der Kommissar Stern und sein Assistent Olaf Kindel. Zwei vollkommen unterschiedliche Typen, die sich aber derart aufeinander eingespielt hatten, dass man sie in ihren Kreisen, wenn sie gemeinsam auftraten, nur den „Kindel-Stern“ nannte.
Ach, denkt Richterin Paula Erdmann, diese Herren kenne ich, und liest gespannt weiter:
Der Kommissar war ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit kurzen Haaren, Dreitagebart und wachen, ruhigen Augen. Olaf hingegen, war jung, schlank, lebhaft mit hellen, schnellen Augen und blonden Haaren, welche die Ohren wellig bis zur Hälfte bedeckten. Er war im Gegensatz zu dem Kommissar, der freundlich, nüchtern und realitätsbewusst war, ein Schnelldenker mit der Neigung zum Übersinnlichen.
Sie besprachen sich kurz mit den Polizisten, bekamen die Namen der Augenzeugen, betrachteten den Ermordeten, hörten sich an, was der Pathologe zu sagen hatte und machten sich ihre Gedanken und Notizen. Dann schauten sie nach, ob er etwas bei sich hatte. Das waren: Brieftasche mit Ausweis und Visitenkarte, Portemonnaie und ein Handy. Und im Ausweis stand: Herbert Kirch, geboren am 12. Dezember 1969.
»Fünfzig Jahre«, murmelte der Kommissar und las laut, was auf dem Visitenkärtchen stand: »Prof. Dr. Herbert Kirch, Herzchirurg, Paulsklinik.«
»Was will ein Herzchirurg hier?«, fragte er dann seinen Assistenten Olaf – fuhr aber, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: »Das ist das Erste, was wir jetzt herausfinden müssen.«
Olaf nickte, zuckte dann aber mit den Schulter und meinte versonnen: »Das ist aber auch noch nicht alles, was wir herausfinden müssen.«
»Wie, noch nicht alles«, wunderte sich der Kommissar.
»Also«, fuhr Olaf fort, »ich meine, das ist noch nicht alles, was uns interessieren muss. Ich meine ... da ist eine Aura, die passt nicht.«
»Eine Aura...«, wiederholte der Kommissar langsam und gedehnt.
»Ja«, bestätigte Olaf. »Eine Aura der Gier.«
»Aha?«
»Ja, also, ich meine, der wollte etwas hier, was er selbst nicht wollte, aber aus Gier wollen musste.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte der Kommissar geduldig, weil er gelernt hatte seinem Assistenten zuzuhören.
»Ja«, sagte nun dieser etwas kleinlaut. »Erklären kann ich das auch noch nicht.«
»Gut«, meinte der Kommissar, »dann halten wir uns erst einmal an die Fakten. Wir klingeln jetzt an allen Wohnungen und fragen, zu wem er wollte. Die zwei Augenzeugen befragen wir anschließend.«
Das taten sie, und die einzige Wohnung in der sich jemand meldete – abgesehen von Markus Schirmer und Frau Kuhnast, den beiden Augenzeugen –, war die Wohnung von Frau Ziemann. Aber es dauerte lange, bis sie öffnete. Dann standen sie vor einer schwer von Krankheit gezeichneten Frau.
»Haben Sie nichts gehört von dem, was hier im Treppenhaus los war?«, fragte der Kommissar die alte Dame.
Frau Ziemann schüttelte den Kopf und sagte: »Mir geht es nicht so gut. Es will auch gleich jemand kommen, um mir zu helfen.« Dann schwieg sie.
Der Kommissar schaute sie fragend an: »Wer will denn kommen?«
»Ein Professor Kirch wegen meines Herzens,« antwortete sie bereitwillig.
»Dürfen wir reinkommen?«, fragte er, zeigte seinen Ausweis und stellte Olaf als seinen Assistenten vor.
»Natürlich«, antwortete sie und ließ sie passieren.
»Was will denn der Professor von Ihnen«, fragte Olaf noch im Flur der kleinen Wohnung.
»Mich zu einem neuen Herzen überreden«, antwortete die alte Dame etwas atemlos und fuhr fort: »Aber warum fragen Sie. Will er denn nicht mehr kommen?«
»Er kann nicht mehr kommen, Frau Ziemann, es tut mir leid«, sagte der Kommissar. »Professor Kirch hatte einen Unfall im Treppenhaus.«
»Oh je«, rief Frau Ziemann aus. »Ist ihm etwas passiert?« Dabei war sie ihnen mühsam atmend ins Wohnzimmer gefolgt.
»Ja, leider«, sagte Olaf. Es ist ihm etwas passiert. Wir glauben, dass er umgebracht wurde.«
»Was?«, rief sie fassungslos. »Er wollte mir ein neues Herz geben.«
»Und das wollten Sie auch?«, fragte der Kommissar, nachdem er sich interessiert umgeschaut hatte.
»Nein, eigentlich nicht«, sagte sie und fiel müde in ihren Sessel. »Aber er meinte, es sei wichtig. Und ich hoffte schon, dass er mir helfen würde – mit meinem Herzen.«
Das Wohnzimmer der Frau Ziemann war sauber und einfach eingerichtet. So, wie man es in vielen Wohnungen fand. Tisch, Sessel, Fernsehschrank, Blumen am Fenster.
»Hätte er sie denn überreden können?«, fragte Olaf.
Sie zögerte und sagte dann: »Er hatte es ja eigentlich schon. – Sie sehen ja, das ist so kein Leben. Ich sollte nur noch unterschreiben. Und dann hätte alles sehr schnell gehen sollen. Wie er sagte, war ja schon alles vorbereitet.«
»Was hat Ihnen der Professor denn gesagt, um Sie zu “überreden“?«
»Nun, er sagte, dass es für mich notwendig sei, weil ein Herz, wenn es einmal geschädigt ist, keine Chance mehr hat wieder zu genesen. Die heutige Medizin aber habe die Möglichkeit mit einer Transplantation ein Herz zu schaffen, dass sicherer und besser ist als das eigene, weil es durch die Hände des erfahrenen Chirurgen gegangen ist, und so alle Fehler ausgemerzt sind. Das hat mich überzeugt. Er konnte ja auch so überzeugend sein, der Professor.«
»Und das haben Sie ihm so geglaubt?«, fragte der Kommissar verwundert.
»Ja, natürlich«, antwortete sie erstaunt. »Hätten Sie das nicht? Dieser Herr ist ein Professor, junger Mann, der weiß mehr als wir zwei.«
Da wechselte er das Thema und fragte: »Sind Sie allein?»
»Ja«, sagte sie. »Mein Mann ist vor zwei Jahren verstorben.«
»Das tut mir leid«, sagten Olaf und der Kommissar fast gleichzeitig. Und nach einer Pause fuhr der Kommissar fort: »Und warum wollte der Professor hierher kommen? Warum haben Sie sich nicht in seiner Praxis getroffen?«
»Weil ich mich nicht so gut fühle. Das sagte ich doch schon.«
»Ja sicher,« entgegnete der Kommissar. »Aber Sie hätten ja auch mit einem Taxi zu ihm fahren können.«
»Er wollte das so.«
»Ja genau, wegen der Gier«, vermochte Olaf sich nicht zurückzuhalten. Der Kommissar schaute ihn strafend an, und Frau Ziemann hatte ihn zum Glück nicht verstanden.
»In welchem Krankenhaus arbeitet der Professor denn?«, fragte der Kommissar weiter.
»In der Paulsklinik“, war die Antwort.
»Gut, danke, dann wollen wir Sie erst einmal nicht weiter stören. Aber wir melden uns wieder bei Ihnen«, sagte er und zeigte damit, dass er sich nun verabschieden wollte.
Da rief sie schnell: »Aber was wird denn dann jetzt aus mir?«
»Wer ist denn Ihr Hausarzt?«, fragte Olaf.
»Dr. Müller.«
»Dann melden Sie sich doch bitte bei ihm«. Sagte der Kommissar. »Er weiß bestimmt, was jetzt zu tun ist. Der Professor wird nicht mehr kommen können.«
»Ja, ich schlafe ja auch immer so schlecht«, wandte sie sich noch einmal an Olaf, der ihr gerade zum Abschied die Hand geben wollte und sah sehr leidend aus. »Die Schwester, die einmal am Tag kommt, ist die Einzige mit der ich reden kann.«
»Haben Sie Kinder?«, fragte Olaf.
»Nein«, antwortete sie.
»Eine Pflegestufe?«, fragte er weiter.
»Die Erste«, sagte sie und fuhr schnell fort: »Hören Sie, ich hatte viele Freundinnen hier im Ort, aber seit ich nicht mehr so kann, komme ich ja auch nicht mehr raus. Ich war viel unterwegs, ja, ja, damals noch mit meinem Mann. Wir waren im Park, im Theater – ja viel im Theater …«
»Es tut mir leid, Frau Ziemann, wir müssen jetzt leider gehen. Aber wir kommen bald noch einmal wieder«, unterbrach sie der Kommissar höflich.
»Aber«, wandte sich Olaf noch einmal an sie. »Können Sie sich vorstellen, warum er ermordet wurde? Und gerade hier, kurz vor Ihrer Türe?«
»Ich weiß wohl, dass er in der Klinik hier und da angegriffen wurde, aber hier .... Ich weiß nicht, wirklich nicht«, sagte sie verzweifelt.
»Danke«, sagte der Kommissar und wandte sich zur Tür. »Leben Sie wohl.« Olaf gab ihr die Hand und folgte ihm.
Dann schauten sie bei Markus Schirmer und Frau Kuhnast vorbei, die aber auch nicht mehr sagen konnten, als das, was sie gesehen hatten, und was die Kommissare schon wussten und verließen das Haus. Der Leichnam war schon abgeholt worden, und die Spurensicherung war noch beschäftigt.
Im Auto sagte Olaf zu seinem Chef: »Warum wird einer, der helfen will, ermordet?«
»Wir haben es doch gehört«, antwortete dieser. »Er wollte eine Unterschrift für die Operation.«
»Gut, ja«, sagte Olaf. »Aber wenn ein Herzchirurg dafür in eine Privatwohnung kommt, ist etwas faul. Ich denke, da ist Korruption im Spiel – und Geld.«
»Das wollte ich hören«, lächelte der Kommissar. »Ich denke, dieser Chirurg war auf einer Arbeits-Beschaffungs-Tour.«
»Ja genau – die Gier«, sagte Olaf, »Aber wird man dafür gleich ermordet?«
»Wir schauen mal, was die Obduktion sagt«, entschleunigte der Kommissar die Hypothesen-Bildung und fügte hinzu: »Jetzt fahren wir erst einmal zu dem Professor nach Hause. Frag mal, ob er verheiratet ist.«
Olaf nickte, telefonierte kurz mit dem Büro und sagte dann: »Ja, ist er. Er ist verheiratet.«
»Gut«, sagte der Kommissar, »Dann wollen wir mal seine Frau besuchen. Das ist immer wieder ein schwerer Gang.«
Das Haus des Professors lag etwas außerhalb und hinter Hecken versteckt. Olaf kannte die Gegend, weil er lange Spaziergänge liebte. Das Haus des Professors Kirch aber kannte er nicht. Plötzlich sagte der Kommissar, nachdem er kurz ins Handy gehört hatte: »Sie haben das Messer gefunden im Container direkt vor dem Haus.«
»Wie dumm«, staunte Olaf. »Das war kein Profi.«
»Gewiss nicht«, bestätigte der Kommissar, während sie sich der Hecke näherten hinter der das Haus des Professors lag.
»Vielleicht eine Verzweiflungstat«, vermutete Olaf. »Etwas ganz Spontanes, denn ein Raubmord war es ja wohl nicht. – Es sei denn, er hatte noch etwas anderes dabei, als Handy, Brieftasche und Portemonnaie.«
Der Kommissar nickte und meinte: »Ja, irgendetwas Schriftliches, was Frau Ziemann hätte unterschreiben sollen.«
Dann klingelte er an dem Tor, das zwischen zwei Thujahecken den Weg zum Haus versperrte. Eine weibliche Stimme fragte: »Wer ist da?«
»Wir sind von der Polizei«, sagte der Kommissar, »und würden Sie gerne einmal sprechen.«
Der Summer ging, und sie traten auf den Kiesweg, der geradewegs zum Haus führte. Es sah alles sehr nach Reichtum aus und Olaf meinte: »Auch hier, die Gier.«
Der Kommissar schwieg und schaute sich um, ob er den Eindruck seines Assistenten bestätigt finden konnte. Das konnte er, denn da waren schön gepflegte und durch weiße Kieswege getrennte Beete die jetzt, im Juli auch üppig blühten. Da standen kleine griechische Figuren zwischen ihnen und auch um einen lieblichen Springbrunnen herum. Und hinter dem Haus ahnte man einen Park und bestimmt auch einen Pool mit Liegestühlen und einer kleinen Bar.
Sie klingelten an der weißen, vornehmen Tür und eine etwa vierzigjährige gut gekleidete Dame erschien.
Der Kommissar zeigte seinen Ausweis und stellte Olaf als seinen Assistenten vor. Die Dame erschrak: »Mordkommission?«, fragte sie erstaunt. »Was kann ich für Sie tun?«
»Sind Sie Frau Kirch?«, fragte der Kommissar höflich.
»Ja.«
»Dürfen wir hereinkommen?«
»Ja bitte«, sagte sie und wich einen Schritt zurück. »Bei solch einer Bitte ahnt man nichts Gutes«, sagte sie dabei. »Was ist denn geschehen? Kommen Sie bitte, kommen Sie.«
Sie traten ein und erschraken fast ein wenig über den ungewohnten Anblick. Denn das, was sie da sahen, hatten sie nicht erwartet – nicht hier in Europa.
Da lagen schon in der Eingangshalle Löwen- und Leopardenfelle auf der Erde, und im großen Raum, der mit echten Ledersesseln und feudalen handgeschnitzten Möbeln ausgestattet war, schmückten ausgestopfte Antilopenköpfe und seltene Vögel die Wände. Außerdem standen überall wunderschöne afrikanische Ebenholz- und Elfenbeinfiguren.
Frau Kirch, die die erstaunten Blicke sah, sagte: »Mein Mann ist leidenschaftlicher Großwildjäger und wir sind oft in Afrika. Außerdem ist er ein glühender Anhänger des südafrikanischen Herzchirurgen Christiaan Barnard, der in Kapstadt 1967 erstmals erfolgreich ein Herz transplantierte.«
Die beiden Männer schwiegen eine Weile und schauten sich um. Dann sagte der Kommissar: »Wir müssen Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen. Ihr Mann wurde vorhin in der Stadt ermordet aufgefunden.»
Frau Kirch wurde blass und setzte sich auf einen Stuhl: »Ermordet?«, hauchte sie fassungslos. »Er wurde ermordet?«
»Ja, es tut uns leid«, sagte der Kommissar mitfühlend. »Wir haben Ihren Mann in einem Treppenhaus in der Stadt erstochen aufgefunden. Er wollte wohl zu einer Patientin. Wissen Sie etwas darüber?«
»Zu einer Patientin?«, fragte sie erstaunt. »Er hat noch nie Hausbesuche gemacht.«
»Wie es scheint, doch«, sagte Olaf und fuhr fort: »Hatte Ihr Mann nur mit Herzpatienten zu tun?«
»Ja, er war Herzchirurg, wie Barnard.«
»Und Chefarzt an seiner Klinik?«
»Ja.«
»Kein Hausarzt?«
»Nein, kein Hausarzt.«
»Aber warum wollte er dann bei Frau Ziemann einen Hausbesuch machen?«
»Er wird doch seinen Grund gehabt haben«, gab sie verzweifelt zurück. »Er war ein Menschenfreund. Und vielleicht konnte diese Frau Ziemann nicht zu ihm kommen. Ich weiß es doch nicht. Wer hat ihn denn erstochen?«
»Das wissen wir noch nicht«, sagte der Kommissar. »Können Sie sich jemanden vorstellen, der das gewesen sein könnte?«
Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Er kam immer mit allen gut aus, hatte nie Feinde oder Neider. Nur mit Dr. Wagner lag er im Streit. Das war so ein Gegner. Aber der ist ja nun schon eine Weile nicht mehr da.«
»Ein Gegner der Organspende?«
»Ja.«
»Und was heißt, nicht mehr da?«, fragte Olaf.
»Weg«, war die kurze Antwort. »Er ist weggezogen. Schon seit einer Weile. Seitdem ist Ruhe.«
»Und andere Gegner hatte er nicht? Freunde von Wagner vielleicht?«
»Feinde hat man in solch einem Beruf immer«, sagte sie etwas resigniert, »aber keine schlimmen. Nicht so wie der Dr. Wagner.«
»Und wer war dieser Dr. Wagner?« , fragte Olaf weiter.
»Nun ja, ein Arzt«, antwortete sie. »Aber er war, glaube ich, irgendein alternativer Arzt. Habe mich selber aber nie weiter darum gekümmert. Das war die Sache meines Mannes. Und der kam damit ganz gut zurecht.«
