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Beigetreten war sie dem Kreis, weil sich vor genau fünfundzwanzig Jahren ein Schüler ihrer Klasse, mit dem sie ein kurzes Liebesverhältnis eingegangen war, das Leben genommen hatte. Daraufhin hatte sie das Kind, das sie von ihm unter dem Herzen trug, abgetrieben. Aber nun will sie nicht länger auf ein Zeichen Gottes warten und stellt ihn sogar infrage, da sie glaubt, dass er – wenn es ihn überhaupt gibt – weder hilft noch helfen will. Da begegnet ihr auf einem einsamen Wiesenweg eine Blumengärtnerin, die ihr von einem Weg zu Gott durch die Natur hindurch spricht.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Siegfried Ahlborn
Veronika
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Zweifel
Im Blumengarten
Die Entstehung der Welt
Der Stein der Weisen
Ein gottgefälliges Leben
Die Frucht der Sehnsucht
Auf dem Heimatstern
Zurück im Leben
Das zweite Ich
Gott und die Welt
Ende und Anfang
Impressum neobooks
„Liebe Freunde, warum haben die Menschen Sehnsucht nach etwas Höherem? Warum sehnen sie sich nach Gott oder überhaupt einer höheren Macht?
Weil den Menschen Geburt und Tod als Grenzen ihres Lebens undurchschaubar geworden sind. Sie empfinden die Beschränktheit ihres Daseins innerhalb dieser Grenzen und wenden sich an eine höhere Macht. Und das ist auch berechtigt, liebe Freunde, denn hinter diesen Grenzen von Geburt und Tod steht die Macht Gottes, die uns ins Leben führt und uns behütet, wenn wir das Leben wieder verlassen.
Aber nicht nur hinter diesen Grenzen finden wir Gott, sondern wir finden ihn in allen Dingen, die uns tagtäglich umgeben. Deshalb haben wir uns hier versammelt, um Gott in uns aufzunehmen, bis über den Tod hinaus. Hier finden wir die Kraft, die wir brauchen, um unser Leben so zu führen, dass es Gott gefällt.“
So begann der Leiter des Glaubenskreises seine Ausführungen an jenem Vormittag, an dem sich für Veronika alles ändern sollte. Er war gerade einmal sechsunddreißig Jahre alt und hatte die Leitung dieses Kreises vor kurzem erst übernommen. Die Zuhörer nickten und er fuhr mit tiefer Überzeugung fort:
„Und ein gottgefälliges Leben zu führen, liebe Freunde, ist die Voraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben. Und ein gesundes und glückliches Leben stärkt wiederum unseren Glauben und unsere Zuneigung zu Gott.
Warum kann ich das so sicher sagen? Weil wir die Früchte sehen. Wir sehen sie an den vielen Heilungen, die wir in diesem Kreise schon erfahren haben und an der geistigen Kraft, die wir durch unseren Glauben jeden Tag aufs Neue bekommen.“
Er machte eine Pause und schaute fragend in die Runde: „Was können wir dafür tun? Wir dürfen an Gott nicht zweifeln, liebe Freunde. Der Zweifel ist eine Kraft, die unsere Seele dem Bösen in die Hände gibt. Denn der Zweifel zerreißt die Einheit der Seele und zerstört die positive Kraft, die ihr durch den Glauben gegeben ist. Durch den Zweifel geht uns diese Kraft verloren. Wer allen Zweifel aus seiner Seele entfernt, der ist reif für die Heilung, der befindet sich in Gott und führt somit auch ein gottgefälliges Leben.“
Seine Augen wanderten aufmunternd durch die Reihen der Zuhörer und blieben auf Veronika haften. Veronika, eine sechzigjährige Lehrerin für Deutsch und Religion, hatte den Kopf gesenkt und schien mit einem Zweifel zu kämpfen. Sie war seit fünfundzwanzig Jahren Mitglied dieses Kreises.
„Veronika“, sagte er, „möchtest du vielleicht etwas sagen?“
Sie reagierte nicht. „Veronika“, wiederholte er, „du hast lange nichts gesagt. Du hast bestimmt Gott in dir erfahren. Bitte erzähle uns doch davon.“
Veronika erhob sich etwas zögernd und gedankenverloren. Sie war immer eine gute Rednerin gewesen, zumal sie schon durch ihren Beruf in Glaubensfragen sehr bewandert war, und es war ungewöhnlich, sie jetzt so zu sehen.
Doch noch ungewöhnlicher war das, was sie dann sagte. Sie schritt zum Mikrofon auf die Bühne vor die Freunde, die mit offenen Herzen und erwartungsvollen Blicken im Saale saßen und sagte: „Ein gottgefälliges Leben führen? Wer ist Gott?“
Alle schauten aufmerksam, lehnten sich zurück oder nach vorne und erwarteten eine seelenerwärmende Ausführung über die Wesenheit Gottes und die Absicht seinem Willen zu folgen, denn sie wusste immer so schöne Sachen zu sagen.
Aber was dann kam, war unerwartet. Veronika holte tief Atem und sagte mit einer Stimme, die man sonst nicht an ihr kannte:
„Ich habe nachgedacht und habe die Frage, ob es Gott überhaupt gibt oder ob er nur eine Einbildung unserer Wünsche ist.“
Noch blieb die positive Spannung bei den Zuhörern bestehen, denn jeder wusste, dass jetzt die erlebte Begründung der Existenz Gottes käme. Aber dem war nicht so. Sie holte noch einmal tief Atem und sagte dann:
„Ich habe Gott nicht gefunden – während der ganzen Jahre, die ich bei euch war. Ich habe nur aus Angst gehandelt. Aus Angst, krank und unglücklich zu werden, bin ich euch gefolgt. Einzelne sind gesund geworden – durch Gott, wie Ihr sagt. Und auch ich bin einmal besonders schnell von einer Grippe genesen. Aber war das Gott? Warum kann er mich gesund machen, wenn er andere Menschen krank sein lässt. Straft er sie, wenn sie nicht an ihn glauben? Ist Gott dann beleidigt?“
„Was ist denn mit dir passiert?“ flüsterte Edeltraut, ihre Freundin, die in der ersten Reihe saß und die Welt nicht mehr verstand. Veronika hörte es und wusste auch wohl, was mit ihr passiert war, aber sie konnte es nicht sagen. Sie begann zu schwitzen und fuhr fort:
„Wir glauben an Gott und fühlen uns gut. Aber es gibt Menschen, die glauben nicht an Gott und denen geht es trotzdem gut. Sie sind gesund und glücklich. – Ich würde sogar sagen, sie sind frei, denn sie befinden sich nicht in der ständigen Selbstbeobachtung eines gottgefälligen Lebens. Sie sind aber auch nicht böse, sondern liebevoll, rücksichtsvoll und freundlich. – Wie gesagt: ohne Gott.“
Sie hielt inne und sah aus den Augenwinkeln, dass sich der Leiter des Kreises von seinem Sitz erhoben hatte und im Begriff war, einzugreifen. Auch die Zuhörer wurden jetzt unruhig und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihr das Wort entzögen. Also holte sie emotional zum letzten Schlage aus:
„Ich glaubte ja bisher an Gott, aber der Glaube reicht mir nicht mehr. Ich möchte wissen, ob es Gott wirklich gibt. – Wir sollen immer nur glauben und glauben, sollen vertrauen und dürfen nicht zweifeln, weil uns dann der Teufel holt und wir aus der Wahrheit fallen. Aber ist der Zweifel nicht die Voraussetzung, um weiter zu suchen und weiter zu kommen? Was ist, wenn wir gar nicht in der Wahrheit sind, wenn man uns hinters Licht führt? Wo ist Gott, wenn wir ihn wirklich brauchen …?“
Das war genug und im Saal wurde es laut. Da legte der Leiter des Kreises seinen Arm um sie und sagte mit einer den Saal beruhigenden Stimme:
„Liebe Freunde, das war jetzt einmal eine ganz andere Art von Beitrag. Aber wir wissen ja, dass wir auch gegen solche Gedanken gewappnet sein müssen. Unsere Freundin hier ist in einer Krise und wir wollen für sie bitten. Wir wissen, dass wir uns in der Wahrheit Gottes befinden und dass wir nichts zu befürchten brauchen, wenn wir ihn als Führer haben und sein Wille unser Wille ist. Lassen wir Gott handeln. Bitten wir für Veronika und singen wir jetzt gemeinsam: Gott ist allmächtig.“
Sofort begann der Klavierspieler mit den ersten Akkorden und der Leiter entließ Veronika auf ihren Platz.
Aber Veronika konnte sich nicht mehr zu den anderen setzten. Sie verließ den Saal.
„Ein gottgefälliges Leben“, murmelte sie vor sich hin. „Ein gottgefälliges Leben... und warum hilft er mir nicht?“
Sie stieg in ihr Auto, legte den Kopf auf das Lenkrad und dachte nach. Sie hatte alles verloren, was sie in ihrem Glauben gehalten hatte und konnte in diesen Kreis auch nicht mehr zurück, es sei denn, sie würde öffentlich bereuen und mit ergreifenden Worten schildern, wie ihr Gott die Wahrheit wieder offenbart habe.
Aber sie wusste, dass sie das nicht tun würde. Etwas in ihr war zerbrochen und das hatte einen ganz besonderen Grund:
Alles, was sie an Schuld in sich geheilt haben wollte, war nicht geheilt worden und nun wollte sie nicht länger warten.
Sie wollte nicht mehr nur glauben und hoffen. Sie wollte wissen, ob es Gott gab, ob er den Menschen half, und was sie falsch machte, dass er ihr nicht half.
Sie startete den Motor und fuhr geradewegs irgendwo ins Feld hinein. Sie wollte von den anderen nicht mehr gesehen werden, wenn diese den Saal verließen. Sie schaltete auch das Handy aus, um nicht gestört zu werden. Dann hielt sie mitten im Feld an, stieg aus und ging ein paar Schritte, um sich zu beruhigen.
Es wurde auch tatsächlich ruhiger in ihrer Seele, aber ihre Gedanken kreisten weiter. Gab es nun einen Gott, oder gab es ihn nicht? Warum half er ihr nicht?
Dabei war sie über sich selbst erstaunt und fast ein wenig erschrocken, denn als Religionslehrerin, die schon so manche Klasse geführt hatte, hatte sie sich über viele Jahre mit dieser Frage beschäftigt und es war ihr durchaus klar gewesen, dass es einen Gott gab. Aber warum zweifelte sie jetzt an ihm? Nur weil sie schwere Schuld auf sich geladen hatte – vor Jahren und darüber nicht zur Ruhe kommen konnte?
Sie schaute auf die grünen Felder, die Wälder und über die hügelige Landschaft, die so wunderbar in der Sonne lag und dachte daran, dass ihr dieser Eindruck seit jeher Friede und Ruhe geschenkt hatte. Aber diesmal war es anders, diesmal konnte er es nicht.
Da blieb sie plötzlich stehen. Vor ihr schaute aus einer grünen Bauminsel ein einzelner abgestorbener Baum hervor und unwillkürlich flüsterte sie ihm zu:
„Hast auch du kein gottgefälliges Leben geführt? Wurdest auch du dafür mit dem Tode bestraft?“
Dann lächelte sie etwas traurig, denn irgendwie war dieser Gedanke doch seltsam, und sie war ja auch noch nicht tot. Aber sie blieb lange stehen und schaute auf dieses Bild. Sie hatte das Gefühl, dass ihr der Baum etwas sagen wollte, aber sie konnte es nicht greifen.
Warum war er gestorben unter all den anderen lebenden Nachbarn? Hatte Gott wieder einmal nicht aufgepasst, oder hatte er vielleicht gar nichts damit zu tun?
Aber er lebte doch in der Natur. Das hatte sie auf jeden Fall bisher geglaubt, und auch der Leiter des Glaubenskreises hatte es immer und immer wieder betont: Gott hat die Natur geschaffen, Gott lebt in der Natur und Gott ist der Herr der Natur.
Hatte Gott dem Baum den Tod gegeben, um mehr Platz für die anderen Bäume zu haben? War ihr eigenes Ausscheiden aus der Glaubensgemeinschaft ebenso gut für die anderen, wie hier der Tod des Baumes für seine Baumgemeinschaft? Hatte Gott ihr den Widerspruch ins Herz gegeben, um auch sie zu töten?
Diese Gedanken waren nun nicht mehr nur komisch, sondern sie litt auch unter ihnen. Deshalb ließ sie ab von dem Baum, wandte sich um – und erschrak. Vor ihr stand eine alte Frau mitten auf dem Weg und hatte links und rechts jeweils einen Knaben an der Hand.
Wo waren sie hergekommen, so schnell, so plötzlich, ohne dass sie etwas gehört hatte?
„Entschuldigen Sie“, sagte die Alte. „Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber Sie waren so tief in eine Betrachtung versunken, dass Sie uns wohl nicht haben kommen hören. Sie müssen sehr in Gedanken gewesen sein.“
Dabei schaute sie Veronika mit einem freundlichen Blick an. Sie war gewiss schon sehr alt, gebückt, mit grauem Haar und vielen sympathischen Falten im Gesicht.
Die beiden Knaben – die ihre Enkel sein mussten – verhielten sich still, abwartend, und waren vielleicht zwölf und acht Jahre alt. Sie waren schön, diese Knaben, aber ganz unterschiedlich anzusehen.
Der Knabe, den sie an der rechten Hand hielt, war wohl der ältere von beiden und hatte ein blasses, aber markantes Gesicht mit dunklem, kurz geschnittenem Haar. Der jüngere an der linken Hand, hatte langes, helles Haar und hatte ein viel weicher gezeichnetes Antlitz. Er war nicht nur schön, sondern fast hoheitsvoll zu nennen.
„Was machen Sie denn hier?“ fragte die Alte interessiert.
Veronika überlegte kurz und sagte dann sehr freundlich: „Nun, ich hatte das Bedürfnis, etwas spazieren zu gehen.“ Die Alte nickte und die Knaben lächelten höflich.
„Hier oben ist es schön, nicht wahr?“ sagte sie. „Wir wohnen ganz in der Nähe und haben einen wunderschönen Blumengarten. Kommen Sie doch mit uns mit, ich zeige ihnen gerne, was wir haben.“
Dabei schaute sie Veronika fragend an und diese hatte nicht die Kraft und vielleicht auch nicht die Absicht sich, zu wehren.
So ging sie hinter der Alten her in ein nahe gelegenes Tal, in dem deren Häuschen stand. Die Knaben lösten sich von ihrer Hand und liefen voraus.
Beim Haus angekommen staunte Veronika über die vielen Blumen, die rings um das Häuschen wuchsen. „Sind Sie eine Blumengärtnerin?“ fragte sie. „Handeln Sie vielleicht sogar damit?“
„Die Blumen sind schön, nicht wahr? Aber sie sind mir nicht das Wichtigste“, antwortete die Alte. „Viel wichtiger ist mir die Idee, aus der sie herausgefallen sind.“
Das kam so plötzlich, dass Veronika erst einmal nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie hatte etwas ganz anderes erwartet. Dann aber fragte sie:
„Herausgefallen, aus einer Idee?“
„Ja“, sagte die Alte und neigte vielsagend den Kopf. „Die Sehnsucht nach Gott ist die unsichtbare Idee der Pflanzen und die Blüten sind der Schmerz ihrer Sehnsucht.“
Dann schaute sie von der Seite her auf Veronika und sagte langsam: „Diese Sehnsucht nach Gott habe ich auch, wenn ich auf die Blumen schaue. Deswegen sage ich, sie sind herausgefallen.“
Das traf Veronika ins Herz, obgleich sie nicht sagen konnte, dass sie es jetzt schon wirklich verstanden hatte. Aber sie ahnte die Tiefe dieser Aussage und fühlte sich im Innersten erschüttert. Denn auch sie hatte ja schließlich in ihrer Seele die Sehnsucht nach Gott und fühlte sich aus ihm herausgefallen. Trotzdem hielt sie der Alten entgegen:
„Für mich sind die Blumen von Gott und nicht aus der Sehnsucht nach Gott. Ist das nicht Gotteslästerung, wenn man sagt, die Blumen seien nicht von Gott, sondern nur aus der Sehnsucht nach Gott?“
„Habe ich das gesagt?“ lächelte die Alte. „Dann habe ich es auch so gemeint, Sie werden sehen…“
In diesem Moment kam der jüngere der Knaben mit einem Strauß Blumen in der Hand, die er in seinem eigenen Gärtchen gepflückt hatte, und reichte ihn Veronika.
„Die sind meine eigene Züchtung“, sagte er begeistert und erwartete ein Staunen.
Veronika freute sich, nahm die Blumen entgegen, bedankte sich und sagte: „Die sind ja ganz wunderschön, so einen großen Rittersporn habe ich noch nie gesehen. Wie hast du die denn gezüchtet?“
„Ich habe Samen von alten Pflanzen genommen und besonders oft gedüngt. – Und ich habe ihnen mit meiner Flöte vorgespielt.“
Das sagte er so unschuldig begeistert, dass Veronika im Herzen gerührt war.
„Dass Musik eine gute Wirkung hat, wusste ich ja schon“; sagte sie bewundernd, „aber dass sie solche Blumen schaffen kann, ist mir neu.“
Der Knabe freute sich, drehte sich um und lief davon.
Das nahm die Alte zur Gelegenheit, noch einmal auf die Blumen und auf Gott einzugehen und sagte:
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie hier gleich mit so komplizierten Themen konfrontiere, aber ich denke ja, dass Sie auf Ihrem Spazierweg nach etwas Höherem suchten, nicht wahr?“
Veronika bestätigte das mit einem Kopfnicken und die Alte fuhr fot:
„Also: Sie sagten Gott sei in den Blumen – aber wäre Gott in den Blumen, könnten wir sie dann pflücken, um sie dem Tode preiszugeben? Würden die Blumen überhaupt sterben können, wenn sie Gott sind? – Oder könnten wir sie, wenn sie Gott sind, beeinflussen und verändern – im positiven oder auch im negativen Sinne?“
Das machte Veronika nachdenklich. Sie konnte nicht sogleich antworten, brauchte es aber auch nicht, denn in diesem Moment kam der ältere der beiden Knaben gelaufen, der im Haus verschwunden gewesen war, und gab ihr ebenfalls ein Geschenk in die Hand. Es war das Bild einer Pflanze, die er gezeichnet hatte.
„Danke!“, sagte Veronika, „wie heißt du?“ Dabei bedauerte sie, dass sie nicht schon viel früher gefragt hatte.
„Angelo!“ sagte der Junge, wandte sich um und verschwand.
Veronika betrachtete das Bild. Es war die schwarz- weiß Zeichnung eines Rosenstrauches. Und so sehr sie auch die Kunstfertigkeit der Zeichnung bewunderte, so vermisste sie doch die Farbe, die bei ihr zu der Blume gehörte.
Die Alte erriet ihre Gedanken und sagte: „Was Ihnen Angelo damit vielleicht sagen will, ist die Tatsache, dass unser Denken auch nicht weiter zur Natur vordringt als dieses Schattenbild der Pflanze.“
