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Im Südwesten von Paderborn liegt die Wewelsburg – hier Axe-Burg genannt. Und im Nordosten von Paderborn liegen die Externsteine – hier Grals-Steine genannt. Dazwischen befindet sich der Paderborner Dom mit den Paderquellen. Markus wächst in der Axe-Burg – und Jolinde bei den Grals-Steinen auf. Zwischen beiden Orten, in Paderborn, werden die Kinder gemeinsam eingeschult. Sie sind unzertrennlich, besuchen sich gegenseitig und erleben eigenartige Dinge in ihrer Umgebung. Während eines Besuches bei Markus in der Axe-Burg, sieht sich Jolinde im Hexenkeller der Burg einem geistigen Kind gegenüber, das sie um Hilfe anfleht. Und sie ahnt, dass ihr eigenes Schicksal mit diesem Kind verbunden sein wird. Dann erfahren die Kinder in der Schule von ihrem Lehrer, dass Karl der Großen im Jahre 775 an den Grals-Steinen die Irminsul zerstört haben soll, und das der, der sie besitze Wunder bewirken könne. Die Kinder suchen nach ihr.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Siegfried Ahlborn
IRMINSUL
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Axe-Burg und die Grals-Steine
Auf der Suche nach der Irminsul
Der Garten des Gewesenen
Die Entmachtung der Ringe
Eingesperrt
Im Bann der Paderquellen
Das Marienbild unter dem Paderborner Dom
Irminsul
Impressum neobooks
Die Axe-Burg war eine stattliche, aber auch dunkle Burg im Südwesten von Paderborn – und mit ihren drei Türmen einzigartig in Europa. Ein großer, runder Turm im Norden und zwei kleinere Türme im Süden umschlossen einen dreieckigen Innenhof. Über dem Eingangstor, das nur durch eine schmale Brücke zu erreichen war, war ein Wappen angebracht mit den Buchstaben AB, was so viel hieß wie „Axe-Burg“. Axe war der Familienname von Markus.
Markus wurde in dieser Burg geboren und lernte von seinem Vater, dass die Herrschaft der Welt unter seinen Füßen lag.
Jolinde hingegen wurde im Nordosten von Paderborn – nicht weit der Grals-Steine – im Hause einer Glaubensgemeinschaft geboren. Sie lernte von ihrer Mutter, dass die Herrschaft der Welt im Himmel lag. Denn die Glaubensgemeinschaft, der die Familie Schmidt angehörte, besuchte die Grals-Steine regelmäßig und glaubte an ihre göttlichen Offenbarungen. Die Grals-Steine waren eine senkrecht sich erhebende Steinformation im Teutoburger Wald, die mit ihren über vierzig Meter hohen Steinen das Bild einer Felsenburg boten und schon von Urzeiten her als Heiligtum genutzt wurden.
Aus diesen zwei Welten kommend, begegneten sich die Kinder zum ersten Mal bei ihrer Einschulung in der Grundschule von Paderborn.
Der Lehrer Stockmann war liebenswert und im Gegensatz zu seinem Namen durchaus sensibel und pädagogisch beweglich. Ihm fielen die beiden Kinder in ihrer Gegensätzlichkeit auf und so setzte er sie nebeneinander in die erste Bank.
„Wie heißt du?“ fragte Jolinde neugierig und schaute Markus groß an – so, wie kleine Mädchen das tun. „Ich heiße Markus und wohne in einer richtigen Burg“, antwortete er – so, wie kleine Jungen, die in einer Burg wohnen, das tun. „Ich wohne in keiner Burg“, sagte Jolinde und schaute etwas verlegen zu Boden. „Dann darfst Du mich mal besuchen.“
Markus war stolz und froh, jemandem, der scheinbar keine Ahnung von einer Burg hatte, die Burg zeigen zu können.
Dann fragte er sie, wo sie wohne. Aber das war nicht so einfach zu beantworten, denn in der Gemeinschaft, in der sie wohnte, war sie mal bei dem einen und mal bei dem anderen Ehepaar untergebracht. Ein einzelnes Familienleben gab es dort nicht. Alles gehörte allen und das einzig Wichtige war der Dienst an den Göttern. Deshalb sagte sie zu Markus: „Ich wohne in der Gemeinschaft.“ Das machte den kleinen Markus ratlos, weil er sich unter einer „Gemeinschaft“ nichts vorstellen konnte.
Aber im Laufe der Zeit lernten sie sich immer besser kennen und waren bald in den Unterrichtspausen unzertrennlich. Das merkten auch die Eltern, die sich an den Elternabenden trafen. Und endlich kam es tatsächlich dazu, dass Markus Jolinde in seine Burg einladen durfte.
Jolinde war es sehr unheimlich, als sie sich der Axe-Burg näherten. Sie schmiegte sich an ihre Mutter und hatte dunkle Ahnungen von Hexen und Trollen, die dort lebten.
Aber Herr Axe zerstreute ihre dunklen Gedanken, als er den beiden Besucherinnen mit seinem Sohn Markus am Burgtor entgegen kam.
Herr Axe war ein nicht sehr großer aber muskulöser Mann mit fast schwarz gelocktem Haar. Sein Sohn Markus hatte sein Haar, aber hellere Augen, die wahrscheinlich von der Mutter stammten. Herr Axe war gebildet, höflich und zuvorkommend – ein Burgherr eben.
„Herzlich willkommen, Frau Schmidt!“, begrüßte er die Mutter. „Schön, dass Sie uns besuchen.“ Dann wandte er sich an Jolinde, legte seine Hand auf ihren Kopf und sagte: „Und herzlich willkommen, Jolinde. Markus hat sich schon auf Dich gefreut.“ Und zu beiden gewandt: „Bitte kommt doch herein.“
Frau Schmidt entschuldigte ihren Mann, der aus terminlichen Gründen nicht hatte mitkommen können, und sie folgten ihm in den Innenhof der Burg. Dort schauten sie sich interessiert um und Herr Axe sagte: „Hier können die Kinder nachher spielen. Aber zuvor erwartet uns meine Frau zum Kaffee.“
Jolinde war wie erschlagen von dem dunklen Burghof und fragte sich, indem ihr Blick an den hohen Mauern mit den kleinen Fenstern entlang glitt, warum es Menschen gibt, die sich so schrecklich einmauerten. Ihr kamen die Mauern furchtbar hoch vor und die Fenster mit den Fensterkreuzen so klein, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass es hinter ihnen helle Räume geben könnte.
Aber als sie dann mit den anderen zusammen den großen Rittersaal betrat, war sie von dessen Größe und Vornehmheit doch sehr beeindruckt.
Der ganze Raum war in ein warmes Licht getaucht und gab den purpurrot bezogenen Stühlen und Sesseln eine angenehme Vornehmheit. Ritterschwerte und Schilde, aber auch Bilder und Wappen hingen an den Wänden und zeigten die Vergangenheit und Zugehörigkeit der Burg. Und der gemauerte Kamin an der kurzen Wand des Saales lud zum Erzählen ein.
Auf dem großen, edel gedeckten Tisch in der Mitte des Saales standen neben den Tellern und Tassen, auf denen das Wappen der Burg prangte, Kaffee und Kuchen bereit.
„Boa“, entfuhr es Jolinde und ihre Augen wurden ganz andächtig beim Anblick solcher Fülle.
Da kam aber auch schon Frau Axe auf sie zu und begrüßte sie aufs Herzlichste. „Willkommen in der Axe-Burg“, sagte sie und gab beiden die Hand. Dann lud sie sie zu Tisch und schenkte ihnen Kaffee und Kakao ein.
Frau Axe war blond und hatte schulterlanges Haar. Sie war sehr hübsch und doch sah man, dass sie auch viel Schweres durchgemacht haben musste. Frau Schmidt schätzte sie auf etwa 35 Jahre.
Sie ließen es sich schmecken und Herr Axe kam ins Erzählen.
Er machte eine ausladende Geste und sagte: „Die Burg hier bestand schon im Mittelalter und wurde wegen ihrer Grausamkeit bei den Menschen gefürchtet. Viele Menschen haben unter ihr gelitten. Deshalb wurde sie später von zornigen Bauern zerstört, doch benutzte man sie nach ihrer Wiedererrichtung erneut für Hexenprozesse und auch als Gefangenenlager für Deserteure. Später dann ...“ „Genug, genug“, fiel ihm Frau Schmidt ins Wort. „Das ist ja schrecklich, das will ich gar nicht hören. Haben Sie nichts Schönes zu erzählen?“
Herr Axe überlegte, was er Schönes sagen könnte, da übernahm Frau Axe schnell das Gespräch und bat Frau Schmidt um Entschuldigung für ihren Mann. „Er liebt es, die Besucher mit Horrorgeschichten zu erschrecken“, sagte sie und fügte gleich hinzu: „Es gibt natürlich auch schöne Sachen hier in der Burg. Vor allem seitdem wir sie übernommen haben und sie unseren Namen trägt. Vielleicht darf ich Sie gleich einmal herumführen?“
„Ja, gerne“, gab sich Frau Schmidt bereitwillig, erhob sich und folgte ihr in den nächsten Raum.
Auch die Kinder waren aufgesprungen und hatten begonnen, den Saal zu erkunden. Markus hatte einen Ball ergriffen, den er vorher schon bereitgelegt hatte, und lief mit Jolinde in den Burghof, um zu spielen.
Dort stellte er sich in ein schnell hergerichtetes Tor und Jolinde musste versuchen, den Ball an ihm vorbei zu schießen. Das machte viel Spaß und nach einiger Zeit wollte auch Jolinde einmal ins Tor. Doch sie konnte den Ball nicht halten, und er rollte an ihr vorbei direkt auf eine Treppe zu, die in einen dunklen Keller führte.
„Nicht da runter!“ rief Markus entsetzt, als Jolinde dem Ball hinterher lief. Aber Jolinde war schon verschwunden und Markus eilte ihr nach bis an die Treppe, die nach unten führte. Dort blieb er stehen. Er hatte Angst hinunterzugehen. Zu viele schreckliche Geschichten hatte er schon von diesem Keller gehört. Deshalb rief er nur verzweifelt nach unten: „Jolinde, Jolinde, komm zurück!“
Aber es blieb still. Sie war nicht mehr zu sehen. Er rief und rief, blieb aber selbst an der Treppe stehen. Da herunter mochte er nicht gehen.
Zum Glück kam sein Vater in diesem Moment durch den Hof auf ihn zu. Er wollte die Kinder bei ihrem Spiel besuchen und gleichzeitig die zwei Frauen bei ihrem Rundgang durch die Burg von seiner Gegenwart entlasten. – So hatte er es ihnen scherzhaft gesagt.
Als Markus ihm jetzt aber aufgeregt erzählte, dass Jolinde da unten im „Hexenkeller“ den Ball suche, wurde er blass, lief die Treppe herunter und machte das Licht an.
Da stand Jolinde, den Ball in den Händen, geistesabwesend, leichenblass und wie gebannt auf eine Wand blickend, in der eine Reihe Eisenringe eingelassen waren. Das war der Ort, an dem im Mittelalter die mutmaßlichen Hexen angekettet auf ihren Prozess gewartet hatten. – Damals in völliger Dunkelheit und ohne Nahrung und Wasser. Und in welchem später auch die jüdischen Frauen gefoltert wurden.
Herr Axe wusste das und ging selber nicht gerne dahin. Aber jetzt wurde es ihm besonders unheimlich. Das Gesicht dieses Kindes im Anblick der Ringe würde er nie mehr vergessen. Was nahm sie wahr? Was sah sie da? Hörte sie das Wehklagen der gequälten Frauen? Spürte sie, was hier geschehen war?
Der Raum war fensterlos, kalt und muffig und ohne Licht nicht eine Minute zu ertragen. Hatte der Keller Jolinde in seiner Gewalt?
Schnell griff er sie am Arm und führte sie aus dem Keller heraus. Aber das Spiel war vorbei. Jolinde blieb wie abwesend und wollte auch nicht über das Erlebte sprechen.
Erst am Abend, als sie schon wieder zu Hause war, löste sich die Spannung und sie weinte bitterlich in ihre Kissen hinein. Und dann sagte sie zu ihrer Mutter, die sie an diesem Abend bei sich behielt: „Da waren so viele Schreie und ein Kind saß da, das sah so traurig aus. Aber als es mir seinen Namen sagen wollte, hat mich der Papa von Markus weggeholt.“
Als die Mutter daraufhin, zu Tode erschrocken, mehr erfahren wollte, blieb Jolinde aber still und wollte nicht weiter darüber sprechen.
„Nie mehr gehen wir in diese Burg“, sagte die Mutter endlich und betete mit ihr für die Erlösung der Menschheit und für einen guten Schlaf. Dann verließ sie das Zimmer und sagte noch mehrere Male vor sich hin: „Nie mehr gehen wir in diese Burg. Nie mehr.“
Am nächsten Tag in der Schule versuchte Jolinde von Markus zu erfahren, ob er dieses Kind auch schon einmal gesehen habe. Aber er schüttelte nur den Kopf und schaute sie an, als zweifele er an ihrem Verstand. Also schwieg Jolinde und versuchte das Erlebte zu vergessen.
Etwas später lud die Mutter Jolindes die Familie Axe zu sich ein. Und diesmal fühlte sich die Familie Axe unwohl. Aber sie waren höflich und gut erzogen und ließen sich nicht anmerken, dass ihnen das mystische Umfeld der Familien, die sich in der Glaubensgemeinschaft zusammengefunden hatten, äußerst unangenehm war.
Da waren Gebetsräume in den verschiedensten Farben, kleine Altäre, die überall herumstanden, bunte Tücher an den Wänden und geheimnisvoll beleuchtete Edelsteine, die die Blicke auf sich zogen.
In diesem Umfeld war die Familie Schmidt zu Hause. Und man sah es ihnen an. Auch Frau Schmidt war stets etwas mystisch gekleidet und trug zu ihrem kurzen, braunen Haar violette Tücher und wallende Röcke. Herrn Schmidts Füße steckten in Sandalen und seine Kleidung bestand aus einer weiten Freizeithose und einem bauschigen, bunten Hemd. Im Gegensatz zu seiner Frau trug er langes Haar.
Im Gemeinschaftsraum, der für alle Familien zugänglich war, war der Tisch für die Besucher gedeckt. Hier ließ sich die Familie nieder und fand eine große Auswahl an Selbstgebackenem. Dazu gab es biologischen Kaffee und Tee. Alles schmeckte ausgezeichnet – das musste zugegeben werden, aber die Gespräche waren eher kompromittierend. So fragte Herr Schmidt die Familie Axe, wie sie es mit dem Glauben hielte.
Darauf entgegnete Herr Axe kurz: „Wir sind freie Menschen, aber unser Sohn nimmt am katholischen Religionsunterricht teil.“ „Oh wie schön“, sagte Frau Schmitt. „Dann lernt er ja immerhin Gott kennen.“
Herr und Frau Axe schauten sich an und versuchten schnell das Thema zu wechseln. Aber so schnell ging das nicht. Was hätte die Familie Schmidt auch sonst für ein Gesprächsthema gehabt. „Dann beten Sie abends mit Markus?“ Auf diese Frage waren sie nicht vorbereitet: „Öh – ja, manchmal …“ war die Antwort. Frau Schmidt schaute erstaunt: „Also wir beten mit Jolinde jeden Abend. Ich glaube, ohne Gebet könnte das Kind auch gar nicht einschlafen. Aber vor allem wäre sie dann nicht geschützt.“
Die Axes schwiegen und Jolinde fragte Markus: „Wollen wir etwas spielen? Ich habe ein Sternenspiel, da muss man abwechselnd die Charaktereigenschaften und die Sternbilder einander zuordnen. Und wer es zuerst geschafft hat, hat gewonnen. Komm ich zeige es Dir.“
Die beiden Kinder verließen den Raum und Frau Schmidt sagte zu den Axes: „Sie haben uns Ihre Burg gezeigt, nun wollen wir Ihnen unsere Burg zeigen.“ „Sie haben auch eine Burg?“ Oh ja, aber sie gehört nicht uns alleine. Es ist eine Geistesburg.“ Mit diesen Worten erhob sie sich und die anderen folgten ihr.
„Können wir die Kinder hier alleine lassen?“ fragte Herr Axe. „Aber ja“, antwortete Herr Schmidt. „Es ist immer jemand da, der nach ihnen schaut.“
So verließen die vier Erwachsenen das große Gemeinschaftshaus und gingen durch den nahegelegenen Wald zu dem alten Einweihungszentrum der Grals-Steine.
„Sehen Sie, in diesem Zentrum des Geistes – oder wie ich sage, in dieser Geistesburg – sprachen die Menschen einst mit den Göttern“, sagte Frau Schmidt, während sie durch den nahegelegenen Wald in Richtung der Steine gingen.
„Götter?“ Wiederholte Frau Axe ungläubig. „In unserer Religion gibt es nur einen Gott.“ „Sie meinen eine Dreiheit“, korrigierte sie Herr Schmidt. Und versuchte sich dann in einer etwas umständlichen Erklärung, für die er von seiner Frau ein zustimmendes Lächeln bekam. „Es ist so“, sagte er. „Die Götter von damals, die benennen wir heute mit den Namen unserer Naturgewalten. Wir sagen Donner und Blitz, die Menschen damals sagten Thor. Wir sagen Wind und Wetter und die Menschen damals sagten Odin. Wir sagen heute Feuer und Rauch und damals nannte man es Loki. So war das Leben hinter den Naturgesetzmäßigkeiten beherrscht von den Göttern. Nun kann man sich natürlich streiten, welcher Name besser ist: der Name Odin oder der Name Wind.“
Und Frau Schmidt ergänzte: „Die Menschen damals sahen noch die göttliche Individualität des Windes und konnten sie mit dem Namen Odin benennen. Wir sehen nur mehr ihren Leichnam und nennen ihn Luft oder Wind.“
„Das ist die Erklärung“, übernahm wieder Herr Schmidt das Wort. „So hatten die damaligen Eingeweihten an den Grals-Steinen verschiedene Orte und Einrichtungen, um mit ihren Göttern in Erde, Wasser und Luft in Verbindung zu treten. Von ihnen erfuhren sie die Geheimnisse des Lebens, die sie dann zu den anderen Menschen brachten und so die Kultur Europas förderten.“
Er hielt inne und sie gingen eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, bis sie die hoch aufragenden Steine erreichten. Es war eine fast fünfzig Meter hohe Wand aus verschiedenen Steinen, die mit Höhlen und Zeichnungen bestückt waren.
Am Fuße der Steine stellten sie sich vor ein Felsengrab, in welchem die Priester der damaligen Zeit in einem dreieinhalb Tage währenden Einweihungsschlaf die Geheimnisse der Sternenwelten erkundeten.
Dieses Grab befand sich in einem riesigen Felsbrocken, der wie eigenständig zu Füßen der hohen Steine lag und in den ein Bett aus Stein geschlagen war. In dieses Steinbett konnte man sich legen und hatte gerade genug Platz für Kopf und Körper.
„Was ist denn das?“ fragte Frau Axe. „Das ist das Gegenstück zu Ihrem Hexenkeller“, antwortete Frau Schmidt. „Das Gegenstück zu was?“ Frau Axe wusste nicht, ob das jetzt ernst gemeint war oder vielleicht doch ein Scherz sein sollte.
„Ja, ja“, bekräftigte Frau Schmidt. „In Ihrem Hexenkeller wurden die Menschen gemartert und hier marterten sie sich selbst.“
Das verstanden auch die beiden Männer nicht und schauten Frau Schmidt fragend an.
„Na ja“, fuhr sie fort. „Um in die himmlische Welt zu kommen, muss man vieles entbehren. Aber das ist ein Wohlgefühl für die Seele. Durch diese gewollten und opfervollen Entbehrungen löst sich die Seele im positiven Sinne vom Körper. – Entbehrt man aber ungewollt, ohne die Absicht einer Einweihung im Geiste, ist das eine unerträgliche Qual. Hier in diesem Grab war die Seele des Einzuweihenden durch seine gewollten Entbehrungen so stark geworden, dass sie sich in einem inneren Wohlgefühl vom Körper löste und sich mit ihren Göttern verband. Die Frucht daraus war die Geburt eines neuen, übersinnlichen Menschen. – Im Hexenkeller aber entstand aus den ungewollten Qualen ein Gegengeist, ein untersinnliches Gespenst, ein Phantom.“
Sie machte eine Pause, um das Gesagte wirken zu lassen, und betonte dann noch einmal: „Im Hexenkeller, da konnte sich kein Geist befreien. Da wurde ein Stück des Geistes durch die unerträglichen und ungewollten Qualen an die Erde gefesselt. Und daraus entstand dann ein untersinnlicher und verzauberter Geist.“
Alle waren sprachlos und nicht in der Lage zu antworten. Aber Frau Schmidt hatte das Gefühl, in diesem Moment über sich hinausgewachsen zu sein.
Sicherheitshalber übernahm Herr Schmidt jetzt die weitere Führung. Nicht, weil er seine Frau kompromittieren wollte, sondern weil er Sorge hatte, die Besucher durch zu viel Geistigkeit zu verschrecken.
Er zeigte ihnen die übrigen Steine mit ihren Höhlen, den Zeichnungen, dem alten Taufbecken und mit dem Sonnenloch im oberen Heiligtum des mittleren Steines.
Die Axes gaben sich interessiert, sagten aber nach einer Weile: „Wir wollen jetzt doch lieber umkehren. Es ist schon spät und Markus muss noch etwas für die Schule tun.“
Also verließen sie das Heiligtum der Steine und kehrten zum Gemeinschaftshaus zurück.
Als sie zum Gemeinschaftshaus kamen und die Kinder riefen, waren diese verschwunden. Aber Frau Schmidt hatte sofort eine Idee. Sie sagte: „Die werden in der Baumbude sein.“
Und dort waren sie auch. Die Baumbude befand sich in einer hohen alten Eiche im Garten der Gemeinschaft. Hoch oben in den Ästen hatten die Väter den Kindern diese Bude kunstvoll erbaut und sie war zu Jolindes Lieblingsplatz geworden.
Herr Axe war beeindruckt, als er die Bude sah und kletterte – er war ja auch gerade erst einmal vierzig Jahre alt – geschwind den Baum hinauf und überraschte die Kinder bei dem Versuch mit ausgelegten Nüssen ein Eichhörnchen zu locken.
„Jetzt hast Du es verscheucht!“ Beklagte sich Markus. Herrn Axe tat es leid und er entschuldigte sich bei den Kindern. Gleichzeitig staunte er über die Geräumigkeit des kleinen Baumhauses und über seine geschmackvolle Gestaltung. So etwas hatte er sich als Kind auch gewünscht: in luftiger Höhe und fern von dem Zwang des Alltags seinen Gedanken nachhängen zu können.
„In so einer Bude fühlt man sich wie ein König, oder?“ sagte er zu den Kindern. „Da kann man seine Seele so richtig baumeln lassen.“ – Dabei war er über den Ausdruck des Baumelns auf dem Baum selbst begeistert und lächelte verschmitzt.
Aber die Kinder nickten nur und waren weniger begeistert, denn sie wussten, dass sie sich nun trennen mussten.
Markus war glücklich, so hoch oben auf einem Baum sein zu können, und sein dunkles, lockiges Haar war mit Ästen und Blättern bestückt. Und Jolinde war stolz, so einen schönen Ort zu haben und gab dem Baum mit ihrem bunten Kleidchen ein blütenhaftes Aussehen.
„Aber jetzt müssen wir gehen“, sagte Herr Axe streng, als er merkte, dass die Kinder sich nicht trennen mochten. „Es ist schon spät geworden.“
Sie verließen das Baumhaus und kurz danach verließ die Familie Axe auch die Familie Schmidt und fuhr zurück in ihre Burg. Doch Markus dachte noch lange an den Besuch zurück.
Am nächsten Tag trafen sich die Kinder, aus dem Nordosten von der Gemeinschaft her kommend und aus dem Südwesten von der Burg her kommend, wiederum in der Mitte beider Orte, also in der Schule von Paderborn. Dort hatten sie ihren eigenen freien Raum, in dem sie lebten und spielten – unabhängig von der Burg und unabhängig von der Gemeinschaft. Dort gingen sie gemeinsam von Schuljahr zu Schuljahr und waren stets füreinander da beim Lernen, beim Spielen und beim Bewältigen von Kummer und Not.
Bis zu dem Tage, als der Lehrer Stockmann eine Klassenfahrt zur Axe-Burg plante. Da waren die Kinder schon in der sechsten Klasse.
Jolinde wollte nicht mit, durfte aber auch die Klassengemeinschaft nicht stören. Markus hingegen freute sich über seine Berühmtheit, denn es ging ja zu seiner Burg.
Aber Herr Stockmann hatte gesehen, wie erschrocken Jolinde bei der Ankündigung der Fahrt war, und fragte sie deshalb nach dem Grund. Doch Jolinde schüttelte nur den Kopf und der Lehrer nahm sich vor, besonders auf sie zu achten.
Dann ging es los über Borchen und Tudorf zur Axe-Burg. Als der Bus auf dem Parkplatz hielt und die Kinder es kaum erwarten konnten auszusteigen, sagte Herr Stockmann zu ihnen: „Liebe Kinder, wir werden jetzt eine Führung durch die Burg und durch das Museum der NS-Vergangenheit dieser Burg bekommen. Denn zur Zeit der Nationalsozialisten fungierte die Burg auch als Arbeitslager für KZ-Häftlinge, von denen viele hier ums Leben kamen. Also bleibt bitte schön zusammen und hört der Führung aufmerksam zu. Später werden wir einen Aufsatz darüber schreiben.“
