Deutschsein für Anfänger - Emitis Pohl - E-Book

Deutschsein für Anfänger E-Book

Emitis Pohl

4,8

Beschreibung

Integration ist kein Zuckerschlecken, aber machbar, wenn man es will. Emitis Pohl wollte es – und hat es geschafft. Heute ist die gebürtige Iranerin Inhaberin einer erfolgreichen Werbeagentur, verheiratet und Mutter von zwei Töchtern. «Die deutsche Grammatik ist immer noch mein Feind», lacht sie, «aber Deutschland ist meine zweite Heimat geworden.» (Emitis Pohl) Allerdings: Die Silvesternacht in Köln, die Übergriffe auf Frauen durch Migranten – Emitis Pohl war mit ihren Töchtern und Familie hautnah mittendrin. Es hat sie entsetzt. Als Perserin sagt sie: «Wir brauchen mehr Druck auf Zuwanderer. Ohne klare Regeln geht es nicht!»

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Emitis Pohl Deutschsein für Anfänger

«Ich möchte kein Buch über Religion schreiben; ich beteilige mich nicht an den Debatten über die Frage, welche Sure jetzt wie zu lesen ist, weil das eine zweitrangige Debatte ist. Es geht mir um Menschen, um unsere Gesellschaft und wie wir alle friedlich zusammenleben können – und nicht um die Frage, wer an welchen Gott glaubt.»

Emitis Pohl

Emitis Pohl

Deutschsein für Anfänger

Integration ist meine Pflicht

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2016 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Fotos Umschlag: Peter Boettcher Photography Foto Kölner Bahnhof auf Umschlag: Thomas Stallkamp/pixelio.de Fotos Innenteil: Privatarchiv Emitis Pohl und Peter Boettcher Photography E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-780-7

Inhalt

Vorwort von Wolfgang Bosbach

Prolog: Schock in der Kölner Silvesternacht

Kapitel 1: Noch einmal Papas Prinzessin

Kapitel 2: Zwingen sie dich zu lernen? – Nein, ich will!

Kapitel 3: Ich heirate niemals einen Iraner

Kapitel 4: Direkt nach Gott kommt Oma

Kapitel 5: Erfolg statt Hartz IV

Kapitel 6: Deutsch, deutscher, Mülltrennung

Kapitel 7: Persische Sehnsucht nach zu Hause

Kapitel 8: Gleiches Recht für alle

Kapitel 9: Verlangt ihr denn gar nichts? – Also ich schon!

Bildteil

Vorwort von Wolfgang Bosbach

Wer das herzliche Lachen der Autorin sieht, wird auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sich Emitis Pohl in ihrem Buch sehr intensiv mit einem ebenso wichtigen wie ernsten Thema befasst, das gerade jetzt, vor dem Hintergrund der globalen Flüchtlingsbewegungen, von besonderer Bedeutung und Aktualität ist – Integration. Der Untertitel: «Integration ist meine Pflicht» wird bei nicht wenigen für Stirnrunzeln sorgen. Insbesondere bei allen, die (bislang?) der Überzeugung waren, dass es doch eigentlich die Pflicht des Staates sei, Migrantinnen und Migranten in die Aufnahmegesellschaft zu integrieren.

Emitis Pohl weiß, wovon sie schreibt. Als Teenager aus dem Iran gekommen, hatte sie nie die Erwartung, dass sich fortan staatliche Instanzen um ihre Integration zu kümmern hätten – sie wollte es selber schaffen! Mit Fleiß, Ehrgeiz und einem fröhlichen Temperament, das sie in ihr neues Heimatland mitgebracht hatte.

Keine Sorge: Deutschsein für Anfänger ist kein trockenes Sachbuch, kein ultimativer Ratgeber, keine perfekte Gebrauchsanweisung für jedermann, sondern ein sympathisches Mutmach-Buch. Seine zentrale Botschaft: Wer es wirklich schaffen will, der schafft es auch!

Wenn Integration gelingen soll, dann brauchen wir natürlich vielfältige Hilfen im individuellen Integrationsprozess – gerade deshalb war die bundesweite Einführung von Sprach- und Integrationskursen vor gut zehn Jahren ein Meilenstein der Integrationsarbeit. Aber ohne eigene Integrationsbereitschaft, ohne Integrationsfähigkeit können alle staatlichen Anstrengungen nicht den erhofften Erfolg haben.

Emitis Pohl argumentiert nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit ihren eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen. Mal heiter, mal ernst. Mal mit Augenzwinkern, mal nachdenklich, aber immer unterhaltsam und spannend.

Aber es geht nicht nur um Integration. Eigentlich geht es um alle Facetten unseres Lebens: um Hoffnungen und Enttäuschungen, Erfolge und Rückschläge.

Viele von uns werden sich in diesem Buch wiederfinden, mit ihren ganz eigenen Gedanken, ihren ganz eigenen Erinnerungen an das eigene Leben. Und das gilt keineswegs nur für Mitbürgerinnen und Mitbürger mit einer Zuwanderungsgeschichte. Dieses Buch beschreibt nicht nur das Leben von Emitis Pohl, es beschreibt unser Land, unsere Kultur, unsere gesellschaftlichen Verhältnisse aus einer ganz eigenen, sehr persönlichen Perspektive. Gerade das macht es so lesenswert.

Wolfgang Bosbach Mitglied des Deutschen Bundestages

Prolog: Schock in der Kölner Silvesternacht

Die Kinder brüllten, sie hatten Panik. Und in mir tobte es genauso. Niemals in meinem ganzen Leben habe ich eine so große Meute von jungen Männern auf der Straße gesehen, die derart aggressiv und obszön war. Ich hatte einen Hosenanzug an, einen Mantel, alles dezent. Es ist ja nicht einmal so, dass ich irgendwie aufreizend gekleidet daherkam. Weder für deutsche noch für iranische Verhältnisse. Sie riefen ekelhafte Dinge, machten obszöne Gesten mit der Zunge. Widerlich.

Mittendrin: Ich, mein Mann, meine beiden halbwüchsigen Töchter und mein Vater, der nur langsam gehen konnte, denn er ist schon 75 Jahre alt. Ich hatte meinen alten Herrn untergehakt, mein Mann nahm die Töchter.

Wir waren auch vorher schon bei Großveranstaltungen in Köln; im Karneval oder bei den Kölner Lichtern war es auch immer eng. Das hier war aber nichts im Vergleich, und ständig schossen Menschen Böller in die Menge.

Dann endlich, nach gefühlten Kilometern durch die enge Masse: die rettende Parkhaustür. Wir mussten in so einem Schacht die Treppe runter. Ständig schmissen Leute Flaschen und Müll hinunter. Also hat mein Mann oben aufgepasst, dass niemand uns bewirft, während wir runterrannten.

Fast da, und dann: Sie war abgeschlossen! Wer denkt sich so was aus? In der Silvesternacht bei diesen Menschenmengen? Wir mussten also noch einmal durch die Meute zu einem anderen Eingang. Wären meine Töchter nicht dabei gewesen, ich wäre längst ausgerastet. So mussten wir uns alle zusammenreißen.

Wir kamen nur langsam voran mit zwei Teenagern und einem alten Mann im Schlepptau, und dann haben wir getauscht. Ich bin mit den beiden Mädchen vorausgerannt, mein Mann kämpfte sich mit seinem Schwiegervater hinterher. Meine Töchter haben nur noch geschrien.

Am nächsten Morgen sagte mein iranischer Vater beim Frühstück: «Da hat eure Frau Merkel ja ihre Flüchtlingspolitik.»

Das saß.

Niemand verlässt freiwillig seine Heimat. Wer aus der Heimat flieht, hat immer einen guten Grund. Mein Grund waren damals die Bomben in Teheran. Ich war dreizehn Jahre alt, ein ganz normales Mädchen aus dem Iran. Aber eines, das bei einem Bombenalarm und der Massenpanik in der Schule fast totgetrampelt wurde, denn wir hatten Krieg.

Früher habe ich mich in Deutschland öffentlich nicht politisch geäußert. Oh ja, meine Freunde und meine Familie, meine Mitarbeiter, die wissen, wo ich stehe, wie ich denke. Was mich ärgert und was ich falsch finde. Mein persisches Temperament findet in der Regel deutliche Worte. Ich bin Unternehmerin, meine Energie habe ich in meine Arbeit gesteckt, in den Aufbau meiner Agentur. Ich bin ein Workaholic und stolz auf das, was ich erreicht habe. Gerade auch als Frau.

Der Grund, warum ich dies alles heute schreibe und nicht mehr schweige, hat einen eindeutigen Auslöser. Dieser Punkt war die Silvesternacht von Köln. Denn danach war ich kurz vorm Platzen und habe mich an die Presse gewandt, um davon zu erzählen. Denn eines war in dieser Nacht als i-Tüpfelchen auch noch klar: Die Polizei konnte uns nicht beschützen, sie hat total versagt.

Ich hab es nicht aus Erzählungen oder aus den beschämend späten Presseberichten, ich war selbst vor Ort mit meinem Mann, meinen Töchtern und meinem persischen Vater. Er war auf Besuch in Deutschland, wir wollten ihn schön ausführen in der Kölner City. Ein bisschen Altstadt, essen gehen, den Dom angucken und um Mitternacht das Feuerwerk am Rhein bestaunen. Was man so macht, wenn man Gäste hat.

Schon gegen 19 Uhr war die Stimmung in der Stadt seltsam. Es waren so viele arabisch aussehende Männer unterwegs rund um den Dom. Woher ich wusste, aus welcher Ecke der Welt diese Männer stammen? Weil ich Araber erkenne. Ich erkenne ihr Aussehen, und ich erkenne ihre Sprache. In der Schule hatte ich damals Arabisch als erste Fremdsprache und Englisch als zweite. Also bleibt mir bitte, bitte weg mit euren Rassismus-Vorwürfen.

Ich fragte die Restaurantbesitzerin, die ich gut kenne, schon am frühen Abend: «Sag mal, ist das immer so hier?» Weil es mir komisch vorkam, weil es anders war als sonst. Sie sagte Nein, so was kenne sie hier auch nicht.

Es macht mich aggressiv, wenn ich bis heute lesen muss, dass man ja nicht hätte ahnen können, was passiert, dabei hat es sich über Stunden den ganzen Abend lang angebahnt.

Das Feuerwerk fand dann ohne uns statt. Um Mitternacht waren wir nur wenige Minuten draußen vor der Tür, es war bedrohlich. Um ein Uhr wollten wir es wagen, vom Restaurant zum Parkhaus zu laufen. Wir hatten unsere Kinder dabei, wir waren müde, wir wollten einfach nur noch nach Hause. Was ich da erlebt habe, hätte ich mir nicht vorstellen können, im Jahr 2016 – mitten in Deutschland.

Später, nachdem ich meine Erlebnisse in der Silvesternacht in den sozialen Netzwerken aufgeschrieben und in der Presse und im Fernsehen Interviews dazu gegeben hatte, musste ich mir als Iranerin vorwerfen lassen, dass ich rassistisch sei. Dass ich ein Nazi sei. Dass ich ausländerfeindlich sei. Das Übliche eben, sobald sich in Deutschland jemand auch nur ansatzweise kritisch zum Thema Ausländer äußert. Selbst langjährige Freunde teilten sich plötzlich in zwei Lager. Die einen haben mich beschimpft, sich distanziert. Ich sei gegen Ausländer, ich sei gegen Flüchtlinge. Es war so absurd.

Auch jetzt noch, viele Monate später, könnte ich mich erneut in Rage reden. Im Dezember hatte ich erst eine größere Summe Geld an Flüchtlinge gespendet, um zu helfen, jetzt war ich ein Nazi, nur weil ich schilderte, was ich selbst erlebt habe. Für manche reichte auch schon aus, dass ich mir als Mutter Sorgen um meine Töchter machte und nicht nur mich, sondern auch die beiden mit Pfefferspray versorgte. Das war auch schon voll Nazi.

«Es war ätzend, was du gesagt hast», schrieb mir ein wirklich langjähriger Freund, der mir wütend die Freundschaft kündigte.

Er hat gut reden und tolle Ratschläge für mich als Kölnerin. Er wohnt in New York und schickt seine guten Ratschläge aus sicherer Entfernung über den Atlantik. Das mag ich ja am liebsten, die Ferndiagnosen bei einem Latte macchiato am Time Square. Zumindest kann man sagen, dass es die Liste meiner Freunde bereinigt hat, denn es zeigte mir bei manchen erst ihr wahres Gesicht.

«Du hast nur das gesagt, was die Deutschen denken», meinte hingegen ein iranischer Freund. Der Satz fasst am besten die unzähligen Zuschriften zusammen, die ich von Deutschen bekam. Insgesamt überwogen trotz aller pauschalen Beleidigungen im Internet nämlich doch die positiven Reaktionen. Die Briefe derer, die genauso besorgt waren wie ich. Erschrocken und fassungslos angesichts der eigenen Hilflosigkeit in so einer Situation.

Ich bin normalerweise kein ängstlicher Mensch, ich stürze mich gerne in neue Abenteuer und Projekte. Mein ganzes Leben war nie stromlinienförmig oder vorhersehbar. «Na und?», sage ich heute. Die guten Mädchen kommen in den Himmel, aber soll das jetzt mein tägliches Motto sein?

Mein persisches Temperament ist nicht dazu gemacht, die Klappe zu halten. Damit macht man sich nicht nur Freunde. Nach der Silvesternacht in Köln habe ich mir so viele Feinde gemacht in meinem direkten Umfeld. Wenn auf mich mal ein Anschlag verübt wird, dann leg ich einfach die Telefonbücher von Köln und Düsseldorf auf den Tisch und sage: Such dir einen aus, der es war.

Es ändert aber nichts, es musste gesagt werden. Ich habe ein Alter erreicht, in dem man keine Zeit mehr hat, auf den richtigen Zeitpunkt für eine Meinung zu warten. Das Leben ist nämlich unfassbar kurz!

Ich bin einst als Dreizehnjährige nach Deutschland gekommen mit dem Willen, es zu schaffen. Ich wollte und brauchte nicht einmal euer Geld. Mein Vater hatte genug davon, das war nicht das Problem. Ihr Deutschen seid mit Wurst groß geworden, ich mit Kaviar.

Wenn die Menschen «Iran» hören, haben sie gleich Bilder von heute im Kopf. Alle denken nur an verschleierte Frauen, an Terroristen, den sogenannten Islamischen Staat, Armut und Krieg. Ich kenne aber noch das Persien, bevor sich alles veränderte. Ich war ein Teenager, der Popmusik hörte, ich besaß westliche Markenklamotten, an meiner Wand hingen Rockstar-Poster, und zu meiner Einschulung habe ich tatsächlich ein original deutsches Dirndl getragen. Neuerdings trug ich aber Kopftuch auf der Straße. Wir hatten genug zu essen und ein Dach über dem Kopf, das war es nicht, was uns fehlte. Meine Eltern wollten aber, dass ich in Sicherheit leben kann und etwas lerne. Damit aus Daddys kleiner Prinzessin etwas wird, die man schweren Herzens ans andere Ende der Welt geschickt hat, ohne zu wissen, wie das alles endet.

Viele, sehr viele haben damals ihre Kinder in einen Flieger nach Europa oder in die USA gesetzt. Alle, die es sich leisten konnten. Habt ihr eine Vorstellung davon, was es bedeutet, sein einziges Kind vielleicht für immer zu verabschieden? Oder was es bedeutet, als Kind in diesem Flieger nach Deutschland zu sitzen? Alleine?

Und so landete ich in Hamburg, voller Energie und Tatendrang. Aber komischerweise war niemand zufrieden, dass ich es alleine schaffen wollte. Niemand war dankbar, dass wir euer Geld gar nicht brauchten, sondern nur einen sicheren Ort für eine Dreizehnjährige suchten. Seid doch froh, dass wir es selbst bezahlen, hab ich immer gedacht. Zum Dank drohte man mir jahrelang mit Ausweisung. Ich habe noch die Stempel in meinen alten Ausweisen. «Vorläufige Aufenthaltsgenehmigung …» Hätte ich hingegen Asyl beantragt und euer Geld gefordert, dann wären alle glücklich gewesen.

Ich war gerade erst vierzehn geworden in Deutschland, als mir das erste Mal die Abschiebung drohte. Was ist das nur für ein komisches System, habe ich schon damals immer gedacht.

Ich hab es trotzdem hinbekommen. Heute ist Deutschland meine zweite Heimat. Ich lebe hier, ich habe meinen Mann und meine Töchter, meine Freunde hier, auch wenn mein Herz immer noch und immer wieder nach der persischen Heimat ruft. Ja, die Heimat, sie lässt sich nicht einfach abschütteln und ersetzen. Dann höre ich lautstark meine persische Musik und treibe meine Teenager-Töchter damit in den Wahnsinn.

«Mama, du bist so persisch!», rufen sie – und mein deutscher Mann auch, der bei dieser Musik Kopfschmerzen bekommt. Wenn ich aber im Iran bin, sagen meine persischen Freunde: «Emi, du bist so deutsch.»

Und beide haben sie recht. Ich bin persisch und deutsch. Inzwischen besitze ich die doppelte Staatsbürgerschaft, nehme von beidem das Beste und habe es damit bislang überallhin geschafft.

So wie mir geht es vielen, die in diesem Land neu angefangen haben – oder neu anfangen mussten. Wir haben so viele gut integrierte Zuwanderer, ich bin ja nicht die Einzige. Deutschland ist ein Einwanderungsland, und wir müssen damit umgehen. Nur scheint es so, als gäbe es dafür kein echtes Konzept.

Die einen diskutieren noch darüber, ob wir denn auch wirklich ein Einwanderungsland sind, die anderen, ob wir es überhaupt sein wollen oder doch besser nicht. In der Zwischenzeit werden unsere Grenzen gestürmt, und faktisch sind allein im vergangenen Jahr über eine Million Menschen eingewandert. Aus vielen Ländern, nicht nur wie ich aus dem Iran. Wir sind da, wir bleiben; lebt damit.

Also, am besten sollten wir mal darüber reden, wie das Ganze funktionieren kann. Denn wir gehen gar nicht mehr. Wir sind gerne hier. Gekommen, um zu bleiben, weil Deutschland doch eines der liberalsten Länder der Welt ist. Es gibt ja wahrlich schlimmere Länder, in die man einwandern oder flüchten kann.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass das System, wie wir es in Deutschland kultiviert haben, in die Jahre gekommen ist – oder nie durchdacht war. Die Gesetze zur Zuwanderung, zu Asyl, zu Flüchtlingen waren nie darauf ausgelegt, dass innerhalb kurzer Zeit fast zwei Millionen Menschen kommen und wir nicht einmal genau wissen, woher. Habt ihr überhaupt ein System? Und wenn ja, warum ist es so ungerecht? Ja, ungerecht. Es belohnt nicht die, die sich anstrengen. Und es bestraft nicht diejenigen, die es ausnutzen.

Ich habe mich integriert in Deutschland, obwohl es nie jemand wirklich von mir verlangt hat. Jedenfalls niemand von euch. Mein Vater im Iran war der Einzige, der das immer wieder eingefordert hat.

«Schau, dass du gute Noten schreibst, Abitur machst und was Vernünftiges studierst, sonst hol ich dich zurück», hat er immer gedroht.

Das hat funktioniert. Und natürlich wollte ich Deutsch lernen. Ich war dreizehn, ich wollte Freunde haben, ich wollte mich mit ihnen unterhalten. Ich wollte beim Metzger ein Huhn kaufen können, ohne dafür gackern zu müssen, wie ich es tatsächlich beim ersten Mal getan habe, damit die Frau hinter der Theke versteht, was ich will. Ich wollte mich verlieben, arbeiten und einfach leben.

Ja, das war alles anstrengend, aber ich würde es heute wieder genauso machen. So viele Menschen haben dazu beigetragen, dass ich heute erfolgreich und integriert bin. Lehrer, Freunde, Familien – die mir gezeigt haben, was es heißt, deutsch zu sein. Wie Schule funktioniert, wie das Arbeitsleben klappt. Wie deutsche Familien so sind. Ich hatte so viele Unterstützer, die das gerne gemacht haben. Nicht, weil sie dafür bezahlt wurden, nicht, weil es ihr Job war, sondern weil sie freundlich und offen waren und mir Mut machen wollten. Ja, es gibt sehr viele freundliche Menschen in Deutschland.

Wir müssen dennoch in diesem Land darüber reden, was Integration eigentlich bedeutet, denn es funktioniert ja nicht bei allen. Und noch während ich an diesem Buch schrieb nach der Silvesternacht in Köln, spitzte sich die Lage in Deutschland und in ganz Europa dramatisch zu. Anschläge erschütterten Frankreich und Belgien. In Nizza überrollte ein Islamist sogar Kinder und erschoss wahllos Menschen.

Und dann kam es auch in Deutschland an, das Angstgefühl. Ein Attentäter schlägt bei Würzburg in einer Bahn mit einer Axt auf Menschen ein. In Ansbach zündet ein abgelehnter Asylbewerber eine Bombe in seinem Rucksack. In Reutlingen wird eine Mutter mit einer Machete ermordet.

Wenige Tage darauf dann wieder ein Schock in Frankreich. Ein alter Priester wird während der katholischen Messe von islamistischen Tätern ermordet. Man schnitt ihm die Kehle durch. Einem alten Mann. Das ist nicht mal mehr Terror, das ist Barbarei.

Die Nachrichten überschlugen sich, geblieben ist eine wachsende Nervosität, eine neue Vorsicht und ein dramatisch gestiegenes Misstrauen gegenüber allen Fremden.

Integration ist nicht einfach eine Spritze, die man jemandem verordnen kann, und danach ist er integriert. Integration ist schwer, manchmal mühsam und manchmal nervig. Trotzdem muss sie sein. Mir fällt aber auf, dass ihr Deutschen oft die falschen Diskussionen führt. Ständig wird davon geredet, was die Deutschen noch mehr für die Integration tun müssen. Das ist einerseits richtig, denn auch ich kann viele Geschichten darüber erzählen, wie Diskriminierung von Ausländern durch Deutsche bis heute stattfindet. Und da sind die Bemerkungen darüber, dass die «Frau Pohl ja gar nicht deutsch aussieht», noch die harmlose Variante.

Niemals wird aber darüber offen diskutiert, was ihr von denen erwartet, die ins Land kommen. Erwartet ihr denn nichts? Also ich schon. Gerade deswegen, weil ich selbst als Fremde in dieses Land gekommen bin, selbst viel investiert habe und heute brav meine Steuern in diesem Land bezahle, wenn auch nicht gerne – damit bin ich allerdings sehr deutsch. Ich erwarte auch von all denen, die nach mir gekommen sind und täglich noch kommen, dass sie sich genauso anstrengen.

Der Fehler im System ist, dass es nicht honoriert wird, wenn man sich anstrengt. Stattdessen können zu viele ohne Anstrengung und ohne Integration hier leben. Ich wohne in Köln mit meiner Familie, wir haben hier Straßenzüge, in denen man sein ganzes Leben verbringen kann, ohne jemals ein Wort Deutsch sprechen zu müssen. Diese Straßen gibt es inzwischen in allen Großstädten Deutschlands.

Und die Sprache ist erst der Anfang. Ja, Deutsch lernen ist wichtig. Es ist der erste Schritt. Ich selbst kämpfe heute noch gegen die deutsche Grammatik! Ohne Deutsch brauchen wir aber gar nicht zu diskutieren beginnen. Sprache ist nicht alles, sie ist nur das Mittel zum Zweck, damit wir die deutsche Kultur und ihre Regeln erklären. Diese dann aber auch einfordern, so wie wir unsere Kinder erziehen und ihnen erklären, was man macht und was nicht, was man darf und was nicht. Da sind sich Perser und Deutsche übrigens ziemlich einig.

Warum ich also dieses Buch schreibe? Jetzt? Weil etwas geschehen muss. Weil die Silvesternacht nicht alles war, weil die Lage sich zuspitzt, weil keine Besserung in Sicht ist, ganz im Gegenteil, und weil wir endlich anfangen müssen.

Wie so viele in Deutschland habe ich gespendet, geholfen, mich eingesetzt für Flüchtlinge. Ich fühle mich aber ständig so, als würde man uns eher Steine in den Weg legen, wenn es konkret wird. Weil alle von Integration reden, ich aber den Flüchtlingsjungen, dem ich eine Chance geben wollte, in meiner Agentur nicht anstellen darf, weil ich laut Gesetz zuerst mal einen Deutschen suchen muss.

Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die solche Geschichten zu erzählen hat. Wer will das noch verstehen? Weil ich als Nazi beschimpft wurde, einfach nur, weil ich geschildert habe, was mir selbst, meinen Töchtern und meiner Familie widerfahren ist. Wie soll man denn über Flüchtlingspolitik reden, wenn man die Fakten nicht mehr aussprechen darf?

Wir müssen reden, weil ich dieses Land gern habe. Ich mag die deutsche Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit, ich profitiere davon. Ich habe einen Deutschen geheiratet, und wir können ein Lied davon singen, wie deutsche Gelassenheit und persisches Temperament zusammenpassen.

Und ich will Mut machen, dass Integration gelingen kann. Ich will aus meinen Erfahrungen berichten, weil ich vielleicht helfen kann. Integrationswillige haben Hunderte von Möglichkeiten in diesem Land. Sie können sogar Spaß haben und Freunde finden. Es ist wirklich auch eine Willenssache. Entweder ich sterbe in meiner Heimat, oder ich kriege meinen Hintern hoch und lerne was. Und das auch noch kostenlos. Und wenn die Deutschen nicht mehr genau wissen, was eigentlich so großartig ist an ihrem eigenen Land, dann braucht es jetzt vielleicht eine Perserin, die es ihnen erklärt.

Kapitel 1 Noch einmal Papas Prinzessin

Es war diese Zeit, als Raider noch nicht Twix hieß. Es waren die 80er, ich war zwölf, wir hörten Michael Jackson und Madonna, waren das erste Mal verliebt, und an meine Füße kamen nur Nikes oder Chucks.

Wenn man mich heute fragen würde: «Emitis, was willst du noch erleben?», dann wäre meine Antwort klar: Noch einen Tag Kindheit im Iran. Damals, als es noch unbeschwert war, als Papas Prinzessin. Damals, bevor alles anders wurde und mein Alltag plötzlich von Bombenalarm, Toten und Taschenkontrollen bestimmt wurde.

Wenn ich heute erzähle, ich stamme aus dem Iran, dann haben die meisten Menschen sofort Bilder von Krieg im Kopf. Sie denken automatisch an verschleierte Frauen, an Unterdrückung, Terroristen und Atomprogramme. Das ist auch nicht verwunderlich angesichts der täglichen Nachrichten und dem wenigen Wissen, das auch in deutschen Schulen über die Zeiten vermittelt wird, als Persien noch Persien war, so wie ich es liebte.

Meine frühen Erinnerungen sind sehr romantisch, vermutlich auch beschönigt aus der Perspektive eines verwöhnten Einzelkindes reicher Eltern. Aber was ich sagen will: Es gab einen Iran, von dem man schwärmen kann. Einen Iran, in dem die Frauen sich rausputzten, High-Heels und Nagellack auf offener Straße trugen. Niemals wäre meine Mutter ungeschminkt aus dem Haus gegangen – oder unfrisiert. Mama hatte immer hellblond gefärbte lange Haare, sie war immer edel, immer chic.

Es ist tatsächlich so, dass mich bis heute immer wieder Freunde von damals, die inzwischen in Australien oder den USA leben, oder auch aus dem Iran anschreiben. Teilweise haben wir uns erst nach Jahren wiedergefunden, tatsächlich über Facebook. Manchmal sind sie nicht sicher, ob ich es bin, ich habe ja heute einen anderen Nachnamen als damals. Sie schreiben mich an mit der Frage: «Bist du nicht die Emitis mit der blonden Mama, die immer sehr gut gekleidet war?» Es war sozusagen ihr Markenzeichen, unglaublich elegant, gutaussehend und blond zu sein mitten in Teheran. Eine stolze Perserin eben.

Es war ein Iran, in dem ich in einen französischen privaten Kindergarten ging und im Teenageralter die gleiche Popmusik hörte wie die Gleichaltrigen zu der Zeit in Europa oder den USA. Von diesem Iran will ich erzählen, von meiner Heimat, die mich immer noch mit ein bisschen Wehmut begleitet.

Ich fürchte, ich war ein verzogenes, schreckliches Einzelkind. Die Deutschen sind mit Wurst groß geworden, ich mit Kaviar im Iran. Wir hatten ihn immer ganz selbstverständlich im Kühlschrank, so wie heute für meine Töchter das Nutella auf dem Tisch steht. Erst später in Deutschland, als ich einmal in einem Laden den Preis von so einer Dose Kaviar sah, habe ich begriffen, wie teuer das ist.

Mein Vater bringt mir bis heute noch manchmal Kaviar aus dem Iran mit. Ich esse ihn dann zum Frühstück, während mein Mann und die Kinder dabei den Kopf schütteln und behaupten, dass ich dekadent sei. Dabei bin ich dann nur die kleine Emitis von damals in den 70ern und 80ern. Meine Familie war wohlhabend, mein Vater ist Geschäftsmann und Verbandsfunktionär und war zu jener Zeit einer der größten Zahnmedizin-Importeure.

Wir waren immer wohlhabend, aber keine Neureichen, wie man so schön sagt. Solche gab es auch im Iran, und heute gibt es sogar noch mehr davon. Diejenigen, die durch politische Beziehungen plötzlich zu Geld gekommen waren und über Nacht sehr wohlhabend wurden. Die hatten teilweise keine Manieren. Mein Vater hatte sein ganzes Geld selbst erarbeitet. Sein Vater starb, als mein Papa sieben Jahre alt war. Seitdem musste er sich um seine Mutter und um seine Brüder kümmern. Er war immer gewohnt zu arbeiten und hat sich sein Vermögen selbst geschaffen.

Schon damals, als ich ein kleines Mädchen war, flog er auf seinen Geschäftsreisen in die ganze Welt, in die USA, nach Europa. Er war jedes Jahr mindestens acht bis zehn Mal weg: Italien, Frankreich, Deutschland, in der Schweiz und den USA, überall.

Lange vor meiner endgültigen Ausreise nach Deutschland habe ich dieses Land schon mehrfach als Touristin im Urlaub besucht. Fast jedes Jahr machten wir hier Ferien. Im Iran gab es drei Monate Sommerferien, und so waren meine Mutter und ich damals jeden Sommer in verschiedenen Ländern Europas und den USA auf Reisen. Schon damals sei ich so neugierig gewesen, sagt meine Mutter. Im Park in Deutschland habe ich versucht, mit deutschen Kindern zu kommunizieren. Versucht, die Sprache zu lernen, wenigstens ein paar Brocken, und hab mich mit Händen und Füßen verständigt.

Als dann später der Krieg ausbrach, war mein erster Gedanke: nach Deutschland. Gebettelt habe ich bei meinen Eltern darum. Ich hatte dieses Land schon als Kind in guter Erinnerung, obwohl ich ja auch in anderen Ländern Europas gewesen war.

In Teheran besaß unsere Familie ein großes Haus, in dem die ganze Großfamilie unterkam. Es lag an einer großen Straße, die mir heute vermutlich kleiner vorkommen würde, aber als Kind erscheint einem alles riesig. Mittags brachte mich der private Schulbus nach Hause, wir wurden jeden Tag an der Haustür abgeholt und später auch wieder heimgebracht.

Bevor ich eingeschult wurde und bevor die Revolution kam, war ich damals in einem privaten französischen Kindergarten. Wir mussten alle Uniform tragen, das war so üblich, ein bisschen wie in den englischen Schulen. Im ersten Jahr hatten wir rotkarierte Kleidchen an, im zweiten Jahr dann grünkarierte mit weißen Krägen, das sah richtig niedlich aus. Wir hatten katholische Nonnen als Betreuerinnen, mitten in Teheran! Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen, damals war das überhaupt kein Problem.

Wir haben schon im Kindergarten Französisch und Italienisch gelernt. Sogar Weihnachten mussten wir mit den Nonnen feiern und englische Weihnachtslieder dabei singen. Nach der Revolution wurden der Kindergarten und auch die Schule dann geschlossen, und wir mussten alle auf die staatlichen Schulen wechseln.

Kam ich heim, stürmte ich die Treppe hoch. Vorbei an dem schmiedeeisernen Tor, den langen Flur nach hinten an der Garage vorbei ins Haus. In der ersten Etage wohnte die Mutter meines Vaters zusammen mit dem jüngeren Bruder von Papa. Eine Etage höher mein älterer Onkel mit seiner Frau und meinen beiden Cousinen, ganz oben dann ich mit meinem Vater und meiner Mutter. Ich rannte also vorbei an der Tür zum Garten, bei dessen Anblick der Ausstatter eines Kinderspielplatzes vor Neid erblassen würde.

Und meine Cousinen taten dies regelmäßig, denn alles dort gehörte mir. Nur mir. Die Tischtennisplatte, die vielen Fahrräder, der Basketballkorb. Mein Vater hatte es alles für mich gekauft. Zwar durften meine Cousinen es mitbenutzen, sie hassten mich aber dafür, dass ich alles bekam und sie immer teilen mussten. Und ich war eine verzogene Göre, die das auch noch genossen hat. Die die importierten Schokoriegel, die mein Vater mir von seinen Reisen mitbrachte, lieber angebissen in den Mülleimer warf, als auch nur einen einzigen mit den «blöden Cousinen» zu teilen.

Mein Gott, ich muss manchmal unausstehlich gewesen sein. Das bestätigen mir übrigens auch meine persischen Freundinnen bis heute. «Emi, weißt du noch, du hast uns nicht in dein Zimmer gelassen. Wir durften nur von der Türschwelle auf deine Barbie-Sammlung schauen.» Oh ja, ich hab doch nicht jeden in mein Zimmer gelassen, in mein Reich mit meinen Sachen. Nachher fassen die das auch noch alles an! Das ging ja gar nicht!

Heute können wir darüber lachen. Heute, fast dreißig Jahre später und mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe in dieser Zeit, bin ich auch eine andere geworden, und so haben manche dieser Freundschaften von damals erstaunlicherweise bis heute gehalten. Obwohl sie meine Barbies nicht anfassen durften. Aber ja, es stimmt, ich war ein verwöhntes Einzelkind und wohnte in einem riesigen Spielzeugparadies.

Wenn ich aus der Schule kam, rannte ich also die Treppe hoch und blieb oft schon vor unserer Türe auf einer Stufe sitzen, um meine Hausaufgaben zu machen. Schnell musste es gehen, denn einmal oben angekommen, wollte ich mit meinen Sachen spielen.

Wir wohnten in der obersten Etage mit Ausblick über die Stadt, noch höher gelegen war nur die typische flache Dachterrasse des Hauses. Alle Häuser dort waren ähnlich gebaut. Im Sommer konnte man oben feiern, grillen und in der Sonne liegen, im Winter bauten wir Schneemänner auf dem Dach. Unsere Wohnung war geräumig, wir hatten eine Haushälterin. Meine Mutter war zwar eine typische Hausfrau, trotzdem hatten wir noch eine Hilfe zur Hand, die putzte und kochte und die Wäsche machte, und meine Mutter wischte ihr immer noch einmal hinterher.

Damit bin ich, um das mal vorwegzunehmen, das krasse Gegenteil meiner Mutter geworden. Ich habe nichts von den hausfraulichen Fähigkeiten geerbt. Hausarbeit vermeide ich bis heute, so gut es geht. Andere Gewohnheiten verdanke ich dann aber doch meiner persischen Heimat.

Gastfreundschaft zum Beispiel. In unserem großen Wohnzimmer in Teheran fanden mindestens zweimal die Woche Partys mit Freunden statt. Man hat damals noch gefeiert, man hat auch noch getrunken. Ich erinnere mich an viel Spaß und gute Laune. In meinen Fotoalben finden sich viele Bilder von damals, den Festen und den Freunden meiner Eltern. Ich sehe heute noch die Couch vor mir, die Sessel und in der Mitte des Couchtisches dieses Telefon aus den 70er Jahren.

Mein Zimmer war ungelogen ungefähr fünfzig Quadratmeter groß. Es war riesig – und es war voll. Die Vorliebe für große Kleiderschränke, in denen alles immer passend sein muss, scheine ich aus Teheran mitgebracht zu haben. Ich hatte immer auch die passende Tasche und die passenden Schuhe zu einem Outfit; das habe ich bis heute beibehalten.

Es gab nichts, was ich nicht hatte. Meine Schminkkommode, meine Regale, alles war voll mit den Dingen, die mein Vater mir von seinen Reisen mitbrachte oder die ich mir auf Reisen selbst gekauft hatte. Ich hatte eine Snoopy-Sammlung, Hello Kitty, ich sammelte Radiergummis in verschiedenen Farben und Formen, Heftchen, Stifte, Blöcke. Und in der Mitte des Zimmers waren Barbie und Ken zu Hause. Ich besaß sozusagen die komplette Barbie-Kollektion. Schlösser, Autos, Pferde, was immer man sich vorstellt. Ich glaube, ich hatte wirklich alles, was man sich wünscht als Kind.

Zusätzlich zu den Barbies hatte ich natürlich noch Puppen. Eine davon war meine Lieblingspuppe. Ich habe sie «Katharina» genannt, sie war blond und hatte blaue Augen. Die habe ich auch an meine Tochter weitergereicht. Ich muss aber gestehen, ein paar von den Barbies habe ich immer noch, und bis heute dürfen nicht einmal meine Töchter sie haben. Ich hüte sie gut verpackt als Erinnerungsschatz.

Bis heute erzählt mein Vater die Geschichte, wie er mir damals, als ich zwei Jahre alt war, aus New York ein Kleidchen mitgebracht hatte. Er war in dem berühmten Kaufhaus «Saks» an der 5th Avenue einkaufen gewesen. Das Ding ist so groß und teuer, dass die Schuh-Abteilung eine eigene Postleitzahl besitzt. Dort hatte er mir ein Kleidchen für tausend Dollar erstanden. Heute sagt er: «Du hast es nur einmal angezogen und innerhalb von Minuten deinen Geburtstagskuchen mit den Fingern am Kleid abgewischt und alles vollgeschmiert.» Aber es kam ja nicht darauf an …

Meine Geburtstagsfeste waren genauso übertrieben groß wie alles andere. Fünfzig bis sechzig Kinder waren immer eingeladen, und abends kamen dann noch die Erwachsenen. Das war ein Ritual, es war normal.

Später, als ich größer war, habe ich meinem Papa, bevor er auf Reisen ging, ausführliche Anweisungen geschrieben, was er alles mitzubringen hatte. Ich habe ganze Listen zusammengestellt aus dem Otto-Katalog. Ja, dem Otto-Katalog aus Deutschland. Mein Vater brachte ihn immer von dort mit, denn das Zeug gab es ja im Iran nicht zu kaufen. Und damit er mir ja nicht das Falsche mitbringt, hab ich ihm dann schön fein säuberlich aus dem Katalog ausgeschnitten, was er in Europa besorgen soll.

Ich möchte nicht wissen, was die deutschen Verkäufer immer gedacht haben, wenn dieser Perser in der Spielzeugabteilung von Kaufhof auftauchte mit ausgeschnittenen Otto-Katalog-Bildern.

Insgesamt muss man zusammenfassen: Es war alles sehr, sehr übertrieben. Wenn meine Kinder heute Geburtstag haben, dann müssen sie eine Wunschliste machen, und wir entscheiden dann, was sie davon vielleicht haben können. Keine Sorge, sie leiden nicht, und sie haben mehr, als sie brauchen. Wir sind großzügig, vom Smartphone bis zum Kanada-Aufenthalt. Aber Wünsche werden in der Regel zu bestimmten Anlässen erfüllt.