Die 718. Braut - Dory Stobbe - E-Book

Die 718. Braut E-Book

Dory Stobbe

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Beschreibung

1970, die sechzehnjährige Dory beginnt in West-Berlin fernab von zu Hause ihre Ausbildung. Unerfahren und leichtgläubig gerät sie in die Fänge der Vereinigungskirche – eine religiöse Sekte des Koreaners Sun Myung Moon. Wie alle Mitglieder ist auch Dory schnell nur eine Marionette in den Händen der Sektenführer. Ihr Eifer führt sie als Missionarin sogar in exotische Länder. Als Belohnung verkuppelt der Sektenboss sie mit einem ihr unbekannten Mann. Auf ihrer Massenhochzeit mit 2000 Paaren 1982 in New York verspricht Sun Myung Moon seinen Anhängern den Himmel auf Erden. Dory glaubt ihm. Kann er sein Versprechen halten? "Ich zweifelte nicht daran, dass der Messias mir den richtigen Mann aussuchen würde."

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Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die 718. Braut

Kein Himmel auf Erden

Mein Leben in der Moonsekte

Von Dory Stobbe

Dory Stobbe

Die 718. Braut

Kein Himmel auf Erden

Mein Leben in der Moonsekte

Foto Umschlagvorderseite: Julia Sellmann

Foto Umschlagrückseite: Frank Kremer

Gestaltung des Covers: Joel Wealer

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Alle Rechte vorbehalten!

© Frühjahr 2022

Impressum

ratio-books • 53797 Lohmar • Danziger Str. 30

[email protected] (bevorzugt)

Tel.: (0 22 46) 94 92 61

Fax: (0 22 46) 94 92 24

www.ratio-books.de

E-Book: ISBN 978-3-96136-147-2

Print-ISBN 978-3-96136-146-5

published by

Inhalt

Vorwort

1. 1970 – Von Buchholz nach Berlin

2. 1971 – Begegnung mit dem Schicksal

3. 1971 – Kannst du das glauben?

4. 1971 – Die neue Familie …

5. 1971 – … und die neue Lehre

6. 1971 – Ganz oder gar nicht

7. 1971 – Fehltritt

8. 1972 – Besuch des Meisters

9. 1972 – Rauswurf

10. 1973 – Eine-Welt-Feldzug

11. 1974 – Quer durch Deutschland

12. 1975 – In alle Welt

13. 1975 – Nassau, Bahamas

14. 1975 – Konflikte, Konflikte

15. 1976 – Amerikanisches Intermezzo

16. 1976 – Washington D.C.

17. 1976 – Panama

18. 1977 – Streit und Versöhnung

19. 1978 – Verlobung in London

20. 1979 – Tiefpunkt

21. 1979 – Hin und her

22. 1979 – Zweiter Anlauf: Panama

23. 1980 – Zerreißprobe

24. 1982 – Washington: Aufruhr in Amerika

25. 1982 – Vorfreude

26. 1982 – Hochzeit der Superlative

27. 1982 – Neue Pläne, meine Pläne

28. 1983 – Achterbahn

29. 1983/89 – Kirche und Kinder in Hamburg

30. 1989 … – Luxemburg

31. Ab 1998 – Scheiden tut weh, aber …

32. 1998 – „Wach endlich auf!“

33. 2020 – Hinterher ist man schlauer

34. 2021 – Hier und heute

Nachwort

Danksagungen

Quellenangaben

Bildanhang

Vorwort

Wissen Sie was ein Moonie ist? Vermutlich nur, wenn Sie, wie ich, vor 1970 geboren wurden. Ich kenne dieses Wort genau, weil ich fast dreißig Jahre – mein halbes Leben lang – ein Moonie war.

In diesem Buch stelle ich Ihnen eine junge Frau vor, die dem koreanischen Prediger Sun Myung Moon quer durch die Welt gefolgt ist. Diese Frau bin ich. Ganz bewusst habe ich meine Höhenflüge und Abstürze so festgehalten, wie ich sie damals erlebt, empfunden und interpretiert habe: unkritisch, hingebungsvoll, leidenschaftlich. Ich will weder beschönigen noch dramatisieren, nur verständlich machen, was in einem jungen Menschen vorgeht, der sich selbst aufgibt.

Erst am Ende des Buches blicke ich mit meinem heutigen Verständnis auf mein Leben zurück. Der Traum vom Himmel auf Erden platzte. Das tat lange Zeit weh, sehr lange. Zwanzig Jahre nach der Loslösung von der Sekte habe ich endlich – mit gesundem emotionalen Abstand – verstanden, was mir angetan wurde.

Trotzdem liegt mir eine verbitterte Abrechnung mit meinem Schicksal fern. Kein Groll. Immerhin kann ich sagen, dass ich einen spannenden Weg hinter mir habe. Auf diesen Weg möchte ich Sie mitnehmen, auf meine Suche nach dem Himmel auf Erden.

1. Kapitel

1970 – Von Buchholz nach Berlin

Glück gehabt! Am Kiosk um die Ecke hatte ich die letzte BRAVO mit den fehlenden Teilen des „Starschnitts“ von Roy Black und Uschi Glas ergattert. Zwei Monate lang hatte ich mein gesamtes Taschengeld für die BRAVO geopfert. Sorgfältig zusammengeklebt hingen die beiden Stars seitdem über meinem Bett und lächelten mich an. Ich platzte vor Stolz – nicht einmal meine beste Freundin hatte so etwas Tolles!

Ausgestreckt auf der Bettcouch, ein Buch in der Hand, schaute ich abwechselnd auf den BRAVO-Starschnitt und mein selbstgemaltes „Make love, not war“-Bild mit dem Peace-Zeichen der Hippies. Ich bewunderte die Hippies. Wenn ich schlechte Laune hatte, blieb mein Blick an dem schwarzroten Poster von Che Guevara hängen, der auf der linken Seite Roy Black provokative Konkurrenz machte. Wer Che Guevara war? Keine Ahnung. Für mich war er nur ein Symbol der Rebellion, zu der mir den Mut fehlte.

Meine stille Rebellion galt meinem Vater. In Gedanken, nur im Stillen, warf ich ihm alle Schimpfworte an den Kopf, die ich kannte. Niemand durfte wissen, wie sehr ich ihn hasste. Um mich zu beruhigen, schaute ich auf das kleine Kreuz, das rechts neben Uschi Glas hing. Ein schlichtes Holzkreuz, das Konfirmationsgeschenk unseres Pastors. Es bedeutete mir viel. War Jesus nicht auch ein Rebell gewesen? Aber in der Bibel, die versteckt unter meinem Kopfkissen lag, und in der ich jeden Tag las, klang das anders. „Du sollst Vater und Mutter ehren“? Meinen doch sicher nicht! Warum musste man immer nur gehorsam sein?

Ich war sechzehn – ein aufmüpfiger Teenager.

Am liebsten wäre ich dem elterlichen Nest entflohen, einem Zuhause, das mir weder Geborgenheit noch Sicherheit gab. Ich wollte weg von der Angst, die mir die Luft zum Atmen nahm. Weg vom Vater, vor dem ich mich höllisch in Acht nehmen musste. Jeden Tag auf der Hut, nur kein falsches Wort sagen, ihn nicht schief ansehen, damit er nicht explodierte wie ein Vulkan. Ich hasste den Alkohol, oder vielmehr das, was er aus meinem Vater machte. Wie konnten ein paar Promille im Blut aus einem stillen Mann einen solchen Tyrannen machen? Ich verstand es nicht.

Und weg von der Mutter, die zu schwach war, um mich zu beschützen, weil sie ihn fast noch mehr fürchtete als ich. Nachmittags um fünf Uhr stand sie am Stubenfenster: Kam der Vater direkt vom Büro nach Hause oder war er wieder in seiner Stammkneipe hängengeblieben? Wenn er um Viertel nach fünf nicht um die Ecke bog, hörte ich einen tiefen Seufzer. Die Stirn in Falten gelegt, warf meine Mutter mir einen verzweifelten Blick zu. Wir wussten beide, was uns am Abend bevorstand: ein stockbetrunkener, schlechtgelaunter Mann. Wie hielt sie das nur mit ihm aus?

Mein Elternhaus stand in Buchholz in der Nordheide, einer Kleinstadt südlich von Hamburg. Eigentlich ein perfektes Städtchen, um behütet aufzuwachsen. In seinen weitläufigen Wäldern stromerte ich jeden Tag herum, frei und doch geborgen. Geheime Verstecke in der Heide, meine Lieblingsplätze, luden zum Verkriechen ein. Geschützt von Ginsterbüschen rechts, hohen alten Erikasträucher links, verschlang ich Abenteuerbücher aus fernen Ländern und reiste in meiner Fantasie durch die ganze Welt. Draußen konnte ich meinen Träumen freien Lauf lassen, ohne dass jemand an mir herummäkelte.

Meine Mutter versorgte mich mit anspruchsvoller Jugendliteratur. Bücher wie Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ und H.B. Stowes „Onkel Toms Hütte“ waren mehr als nur abenteuerliche Geschichten. Sie nährten die Sehnsucht nach einem anderen Leben, weit weg von Buchholz. Wenn ich nachmittags allein zuhause war, durchstöberte ich die gut bestückten Bücherschränke meiner Eltern und nahm mir Romane mit auf mein Zimmer, die sie mir nicht uneingeschränkt erlaubt hätten. Mit Leidenschaft verschlang ich Leon Uris „Exodus“. Kein anderes Buch hat mich je tiefer beeindruckt. Ein Kibbuz in Israel, in einer Gemeinschaft leben und für eine gute Sache kämpfen – das klang fantastisch!

In der Provinz zu versauern war nichts für mich. Bloß kein langweiliges Leben in vorgegebenen Bahnen! Ich wollte raus aus der kleinkarierten Buchholzer Welt und weit weg von der Trinkerei meines Vaters. Ich schwor mir, niemals einen Tropfen anzurühren; mein Leben würde der Alkohol nicht zerstören.

Es war an der Zeit aufzubrechen, endlich. Die Mittlere Reife hatte ich geschafft. Keine stolze Leistung, aber es musste genügen. Meine sechs Monate Praktikum im Kinderheim näherten sich dem Ende. Und danach, was sollte ich mit meinem Leben anfangen? Israel war weit weg …

Hippie zu werden klang traumhaft, in einer Kommune ohne Zwänge, ohne Vorschriften. In bunten Blumenröcken, mit langen Haaren, diskutieren, protestieren, anders sein, nur Love and Peace. Mein Vater hatte nur einen zornigen Blick für meine Flausen übrig.

„Hippie? Spinnst du? Lern erst mal was Vernünftiges!“

Er bestand auf einer soliden Berufsausbildung. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich protestiert. Aber sich gegen einen Tyrannen zu erheben, ist gefährlich. Ich war nicht Che Guevara. Und in der Bibel stand nichts über Rebellion, nur über Gehorsam.

Ein Beruf also. Aber bitte keinen, der mir nur den Lebensunterhalt sicherte, sondern etwas Sinnvolles, Wertvolles. Wenn schon nicht in einem Kibbuz, dann eben in der Entwicklungshilfe. Ohne Ausbildung war das unmöglich; eine Nachfrage beim Arbeitsamt zerschlug alle Hoffnungen. Insgeheim erwog ich Berufe, die mir Türen in unkonventionelle Bereiche öffnen könnten. Etwa in der Landwirtschaft? Oder Krankenschwester? Vielleicht Erzieherin?

Meiner Mutter gefiel die Vorstellung von der Arbeit mit Kindern für meine Zukunft. „Du kannst doch gut mit Kindern umgehen – wäre das nichts für dich?“ Bevor ich auf dumme Gedanken kommen konnte, suchte sie nach einem Ausbildungsplatz für mich. Dass es mich nach Berlin verschlagen würde, hatte sie nicht erwartet.

„Ausgerechnet Berlin?! So eine große Stadt, das ist doch weit weg – und hinter dem Eisernen Vorhang! Muss das sein?“, zeterte sie.

Unbedingt! Es musste sein, weil nur in Berlin die Ausbildung schon ab sechzehn möglich war. In Hamburg hätte ich anderthalb Jahre warten müssen. Noch länger bei meinen Eltern wohnen bleiben, zuhause bei dem Säufer? Nein danke! Ich bettelte meine Mutter an, mit mir Bewerbungen für verschiedene Erzieherschulen aufzusetzen. Widerstrebend ließ sie sich überreden. Als ich ihr ein paar Wochen später freudestrahlend die Bestätigung der Berliner Schule zeigte, die mich angenommen hatte, war sie alles andere als glücklich. Nur zögernd stimmte sie zu, mich in der Pestalozzi-Fröbel-Schule antreten zu lassen.

In mütterlicher Begleitung fuhr ich im September 1970 vollbepackt mit Koffern und Taschen mit dem Zug durch die trostlose, fast deprimierende DDR. Berlin war zum Glück anders: bunt, laut, lebendig. Genauer gesagt West-Berlin, denn zu der Zeit war Berlin noch eine geteilte Stadt, eine Insel in feindseliger Umgebung. In Lichterfelde bezog ich ein winziges möbliertes Dachzimmer, das meine Eltern für mich gemietet hatten. Die Ermahnungen meiner Mutter, vorsichtig zu sein und gut auf mich aufzupassen, waren vergessen, sobald sie ihre Rückreise angetreten hatte.

Mit fliegenden Fahnen verließ ich die elterliche Heimat. Nach meinen eigenen Regeln leben zu können, ohne meinen unberechenbaren Vater – ich konnte mir nichts Besseres vorstellen. Zwar fehlten die mütterliche Fürsorge, meine Freunde und die Sicherheit der gewohnten Umgebung; aber die Freiheit war den Preis wert. Meine Mutter ließ mich in einen fremden Großstadtdschungel ziehen; sie hatte keine Ahnung, auf welch heißes Pflaster sie mich schickte. War das mutig oder leichtsinnig? Egal, Hauptsache, ich hatte es gewagt, mein Nest zu verlassen. Ich wollte mutig sein, stark und vor allem frei: Vogel, flieg oder stirb! Gestorben bin ich nicht, aber weit geflogen auch nicht.

Die Erzieherschule forderte mich heraus. Die Berliner Schüler aus dem Pestalozzi-Fröbel-Haus waren älter als ich und viele von ihnen politisch aktiv. Ich bewunderte ihr souveränes Auftreten, aber ich passte nicht zu ihnen. Sie übersahen mich schlichtweg. Anschluss bei meinen Berliner Klassenkameraden zu suchen kostete mehr Mut, als ich aufbringen konnte. Enttäuscht verbrachte ich den ersten Herbst in der Großstadt fast immer allein.

Nach Berlin zu kommen glich einem Sprung ins kalte Wasser. Anfang der siebziger Jahre waren die Nachwehen der Studentenunruhen noch deutlich zu spüren. An allen freien Wänden klebten Plakate mit politischen Parolen und Aufrufen zu Demos. Wer Rudi Dutschke war, lernte ich nach drei Tagen. Hausbesetzer wetterten gegen die Ausbeutung durch den Kapitalismus, Demonstranten zogen über den Kurfürstendamm, mutig, aufrührerisch, zornig. Meine Mutter hatte recht gehabt: Berlin war eine bedrohliche Stadt. Sie erschreckte mich mit einer Aggressivität, die mir fremd war. Love and Peace? Nicht in Berlin! Aber der Widerstandsgeist der Studenten imponierte mir, ihr Aufschrei gegen eine Obrigkeit, deren Fehler man nicht blind gutheißen durfte. Die Rebellion, die in Buchholz undenkbar gewesen wäre, war hier erlaubt – und wurde sogar erwartet.

In den Weihnachtsferien 1970 kehrte ich nach Buchholz zurück. Für ein paar Tage spielten wir heile Familie, ein trügerischer Schein. Das Schönste an Weihnachten war das Wiedersehen mit meinen Geschwistern. Acht, zehn und zwölf Jahre älter als ich, hatten sie das Elternhaus schon lange verlassen und lebten zusammen in einer Wohngemeinschaft in Kiel. Sie diskutierten mutig, rebellisch, hatten eigene Ideen. Wie beneidete ich sie darum! Ich war immer das Nesthäkchen gewesen, die „Lütte“, die nichts zu sagen hatte.

An Silvester kippte die gute Stimmung: Meine erste Liebe zerbrach. Jürgen wollte keine Beziehung mit dreihundert Kilometern zwischen uns und einem Wiedersehen alle paar Monate. Am Neujahrstag lag ich verheult im Bett und wollte vor lauter Liebeskummer nie mehr aufstehen. Ich beichtete meiner Mutter, dass Jürgen mit mir Schluss gemacht hatte.

Als kleinen Trost steckte sie mir heimlich hundert

D-Mark zu, von denen mein Vater nichts wissen musste.

„Hier, wenn du wieder in Berlin bist, kaufst du dir was Schönes zum Anziehen. Das mit Jürgen wird vergehen.“

Anders wusste sie mir nicht zu helfen. Es brachte den Freund nicht zurück, aber es würde ablenken. Einkaufen war in den Augen meiner Mutter ein gutes Rezept gegen Herzschmerz.

Nach den Weihnachtsferien saß ich mit Liebeskummer im Zug von Hamburg nach West-Berlin; der Unterricht in der Erzieherschule rief mich zurück.

Im Januar 1971 erstarrte Berlin unter eisigen Minustemperaturen. Mit gesenkten Köpfen, Mützen tief ins Gesicht gezogen, hasteten die Menschen aneinander vorbei. Niemand würdigte den anderen eines Blickes, kein Wetter für einen Einkaufsbummel. Ich hatte den ostdeutschen Winter unterschätzt und brauchte dringend wärmere Winterkleidung, eine dicke Jacke, ein paar Winterstiefel. Die hundert D-Mark meiner Mutter waren mir wie ein Vermögen vorgekommen, aber für meine Einkaufsliste war es eine lächerlich kleine Summe.

„Geh mal ins KaDeWe“, hatte sie mir geraten, aber offensichtlich hatte meine Mutter keine Ahnung, welch teuren Laden sie mir empfohlen hatte. Ich zog auf der Tauentzienstraße von Schaufenster zu Schaufenster und suchte in den Geschäften nach preisgünstigen Angeboten. Nur schnell einkaufen und dann ab nach Hause.

Im Spiegelbild der Schaufenster fiel mir auf, dass eine fremde Frau diskret mit ein paar Metern Abstand hinter mir herging. Wenn ich vor einem Geschäft stehenblieb, wartete sie. Mit Unbehagen spürte ich, dass sie mich beobachtete und ich warf einen schnellen Blick auf die Person. Eine biedere junge Frau – sie wirkte harmlos, aber was wollte sie von mir? Ihr schien der eiskalte Winter nichts auszumachen. Dick eingemummt in einen braunen Wollmantel, mit Mütze, Schal und Handschuhen trotzte sie der beißenden Kälte, aber der brave, knielange Rock und die wollene Strumpfhose konnten sie unmöglich warmhalten. Es schien, als ob sie verstohlen, aber wachsam, jede einzelne Person aus dem ihr entgegenkommenden Menschenstrom musterte.

Irgendetwas an mir musste ihre Aufmerksamkeit erregt haben. In der Nähe der Gedächtniskirche blieb ich vor einem Schuhgeschäft stehen. Im Spiegelbild sah ich, dass die junge Frau mich lange ansah und den Kopf neigte, als würde sie nachdenken. Sie gab sich einen kaum bemerkbaren Ruck und kam bedächtig auf mich zu. Eine erwartungsvolle Stimme riss mich aus der Begutachtung der ausgestellten Schuhe.

„Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“

In der Annahme, sie wolle nur eine Auskunft, drehte ich mich zu ihr um. Wieder neigte sie den Kopf leicht zur Seite, sah mich aufmerksam an und fragte mich nach dem Sinn des Lebens.

Beim Einkaufen der Sinn des Lebens? Berlin war eine verrückte Stadt! Im Moment hatte ich andere Sorgen und brachte keinen vernünftigen Satz über die Lippen. Sie blieb hartnäckig; eindringlich wiederholte sie ihre Frage: „Worin sehen Sie denn den Sinn des Lebens?“

Seltsame Frage, wenn ich das wüsste! Wie sollte ich den schon gefunden haben? Ich hatte nur vage Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Aber wer interessierte sich dafür, was eine Sechzehnjährige über den Sinn des Lebens dachte? Ich hatte keine Lust auf eine Diskussion mit einer Zeugin Jehovas. Sie wartete geduldig auf meine Antwort. Ihr Blick hielt mich fest.

Auf der Straße Passanten anzusprechen, hätte in Buchholz niemand gewagt. Wieso sollte ich einer wildfremden Frau meine geheimsten Gedanken anvertrauen? Gingen sie meine Träume von Kibbuz, Entwicklungshilfe, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit etwas an? Nein. Mehr als ein „Ich weiß nicht“ wollte ich ihr nicht verraten. Die Tauentzienstraße war nicht der richtige Ort für tiefsinnige Gespräche, erst recht nicht bei dieser Kälte.

Die junge Frau klärte mich kurz darüber auf, dass sie einer Gruppe angehörte, die logische Antworten auf fundamentale Fragen hatte. Ob ich denn an Gott glauben würde, hakte sie nach. Oh ja, mein Glaube war mir wichtig; immerhin engagierte ich mich seit Jahren in der evangelischen Kirche. Jesus war mein Heiland, mein persönlicher Beistand. Ein leichtes Lächeln huschte daraufhin über das Gesicht der jungen Frau; ohne Zögern forderte sie mich heraus.

„Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie viele religiöse Dogmen nicht verstehen, aber immer nur hören, man müsse alles blind glauben? Dabei suchen wir doch nach vernünftigen Erklärungen zu Gott, zur Bibel und zu unserem Leben?“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte und traute mich kaum, sie anzusehen. Sie redete weiter und deutete an, dass sie Fragen nach Gott in einer Kombination von Religion und Wissenschaft beantworten konnte. Logische Erklärungen über Gott? Ich horchte auf: das interessierte mich mehr. Es verwirrte mich, dass diese fremde Person zu ahnen schien, was mir schon lange im Kopf herumspukte. Das konnte sie nicht wissen und doch hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen.

Wie oft hatte ich unseren alten Herrn Pastor zur Verzweiflung getrieben, weil ich begreifbare Antworten auf meine Fragen forderte. Und ich hatte viele Fragen! Meistens war er mir ausgewichen. Aber ich wollte nicht blind glauben, ich wollte verstehen. Ausgerechnet hier auf der Straße sollte eine unscheinbare Person das wissen, was mir ein studierter Theologe nicht erklären konnte?

Nur wenigen meiner Freunde in Buchholz brannten die Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum des Lebens so auf der Seele wie mir. Mein Freund Jürgen hatte mich oft grüblerisch genannt.

„Zerbrech dir doch nicht dein schönes Köpfchen! Diese Dinge verstehen wir nie“, hatte er mir hundertmal gesagt. Mode, Musik, Popstars, alles was junge Leute sonst begeistert, fand ich ganz nett, aber nicht wichtig. In der evangelischen Kirche hatte ich zum Glauben an Gott gefunden, aber Religion warf auch viele Fragen auf.

Zum ersten Mal sah ich der Frau ins Gesicht. Sie suchte meinen Blick und lud mich ein, mehr zu erfahren. Meine Neugier hatte sie geweckt, aber ich zögerte. Vielleicht war es genau diese Situation, die meiner Mutter Angst machte. „Nimm dich vor fremden Leuten in Acht“, hatte sie oft genug wiederholt.

Auf dem Bürgersteig wollte die Unbekannte mir ihre Erkenntnisse nicht verraten. Sie fragte, ob ich denn ein Stündchen Zeit hätte, dann könnten wir uns in ein Café setzen. Sie hieße Karen und würde mich gern auf einen Kaffee einladen. Dabei lächelte sie erwartungsvoll. Jetzt? Mir war ganz und gar nicht nach tiefsinnigen Gesprächen zumute. „Ach nein, lieber nicht. Ich will noch einkaufen und dann nach Hause; es ist doch eiskalt!“, antwortete ich hastig.

Das Lächeln der jungen Frau verschwand, ihr Gesicht konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Höflich lud sie mich in ihr Zentrum ein; dort gäbe es jeden Abend Vorträge, die alles erklärten. Sie drückte mir ein unscheinbares Visitenkärtchen in die Hand: Gesellschaft zur Vereinigung des Weltchristentums, kurz GVW, las ich.1

Davon hatte ich noch nie gehört.

Ich hatte bisher nicht gelernt, im richtigen Moment Nein zu sagen. Karen machte einen gutmütigen Eindruck; so eine biedere Frau konnte nichts Böses im Schilde führen. Ihr Interesse an mir, ihr freundliches Lächeln ließen kein Misstrauen aufkommen. Ach Mutti – was soll mir bei ihr passieren? Die ist harmlos!

Karen schlug ein Treffen an einer U-Bahnstation vor, damit ich ihr Zentrum auch wirklich finden würde. Ich sagte zu. Sie ließ mich stehen, zog weiter und ich erledigte endlich meine Einkäufe. Es war schon dunkel, als ich mit einer neuen dicken Jacke, warmen Stiefeln und einer kribbelnden Neugier zurück nach Lichterfelde fuhr.

1Alle Titel und spezifische Bezeichnungen, umgangssprachliche Begriffe aus der Vereinigungs-Bewegung, wie „Brüder und Schwestern“ etc., sind kursiv markiert

2. Kapitel

1971 – Begegnung mit dem Schicksal

U-Bahn-Station Sigmaringer Platz, 20.00 Uhr. Als ich die Treppen nach oben stieg, tauchte das Bild meiner Mutter vor mir auf. Mitten auf der Treppe blieb ich stehen, zögerte. Wenn sie gewusst hätte, dass ich dabei war, mit einer wildfremden Person mitzugehen, hätte sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Davor hatte sie mich gewarnt.

Oben, am Ende der Treppe, hatte Karen mich schon entdeckt. Sie winkte mir zu und strahlte. Für ein Umkehren war es zu spät. Ohne Umschweife wechselte sie auf das vertrauliche „Du“ und wir machten uns auf den Weg.

„Komm mit, ich bring dich in unser Zentrum; es ist nicht weit“, sagte sie. Sie freute sich offensichtlich und plapperte munter über Belanglosigkeiten. Wir bogen in eine Seitenstraße ein und blieben vor einem grauen Wohnhaus stehen. Einem unauffälligen, düsteren Vorkriegsbau. Eine Gesellschaft – hier? Kein Schild neben der Eingangstür, nur die Schrift auf der Klingel wies darauf hin, dass die GVW hier eine Niederlassung hatte. Mir wurde mulmig. Oh Mutti, schoss es mir durch den Kopf, ich hoffe, du hast unrecht. Das kommt mir nicht geheuer vor.

Aber neugierig war ich doch.

Karen führte mich durch den dunklen Hausflur zu einer Parterrewohnung und forderte mich auf, einzutreten. Sie öffnete die Tür zu einer Art Wohnzimmer. Der kleine Raum war piefig eingerichtet. Vier schwere, altmodische Sessel aus verblasstem Plüsch und ehemals rot gemustertem Stoff thronten rund um einen kleinen Tisch. Ein Vertiko aus dunklem Holz stand in einer Ecke und in der anderen bullerte ein uralter Ofen aus Großmutters Zeiten leise vor sich hin. Verlegen blickte ich mich um; einen Vortragsraum hatte ich mir anders vorgestellt. Eine wohlhabende Gruppe schien das nicht zu sein, alles wirkte sehr bescheiden, fast schäbig. Es sah nicht nach einer Gesellschaft aus. Was war das bloß für ein komischer Verein?

Poster mit weisen Sprüchen an den Wänden und Kerzen auf dem Tisch erinnerten mich an die häuslichen Bibelstunden bei unserem Pastor in Buchholz. Ich konnte das Bild dieses seltsamen Raumes nicht einordnen; es wirkte vertraut und gleichzeitig befremdlich. Mit leichtem Unbehagen versank ich in einem der Plüschsessel. Eine weitere junge Frau kam herein, eine zierliche Person, ebenfalls bieder gekleidet, vielleicht Ende zwanzig. Sie lachte, strahlte mich an und drückte lange meine Hand.

„Schön, dass du gekommen bist! Ich bin Siegrun, und du?“

„Hallo Siegrun, ich heiße Dory. Bin ich euer einziger Gast?“, wollte ich wissen.

Siegrun lächelte. „Ja, heute ist es ruhig, aber das macht nichts!“

Ihnen machte es nichts aus, mir allerdings schon. Auch wenn sie überaus freundlich wirkten, behagte es mir nicht, mit den beiden Frauen allein zu sein. Aber es war mir zu peinlich aufzustehen und zu gehen; mir fehlte die Frechheit oder die Freiheit, ihnen den Rücken zu kehren.

Karen brachte uns Tee und ließ sich in den Sessel neben mir fallen. Sollte das ein gemütlicher Abend werden? Ich war zu einem Vortrag gekommen und wartete auf eine Rede über ihre angedeuteten Weisheiten. Lag ihr Vortragsraum nebenan? Nein. Siegrun setzte sich zu mir und erkundigte sich nach meiner Familie und den Grund für meinen Umzug nach Berlin.

„Ausbildung zur Kindergärtnerin? Ach ja, ein schöner Beruf!“ Wie beiläufig fragte sie: „Wie alt bist du denn?“ Ihre Miene verriet ihr Erschrecken, als sie hörte, dass ich noch keine siebzehn Jahre alt war.2 Die beiden Frauen sahen sich an, ihr Blick sprach Bände und Siegrun fragte ungläubig: „Und du wohnst allein in Berlin? Mit sechzehn?“

Wo lag das Problem? Der Umzug in die Großstadt war eine Notwendigkeit, die ich meistern würde. Ich zuckte nur mit den Schultern, wich einer Antwort aus und entgegnete: „Das Pestalozzi-Fröbel-Haus ist eine gute Schule …“ Hoffentlich fragten die beiden nicht noch mehr. Warum ich unbedingt von zuhause fortwollte, ging sie nichts an und der Alkoholismus meines Vaters erst recht nicht.

Karen zog eine Augenbraue hoch. „Und deine Eltern haben dich ohne Weiteres gehen lassen? Ausgerechnet hierher?“

Ich winkte ab, kein Wort über meine Eltern. Genug geplaudert. Wann würden sie mir endlich die Erklärungen verraten, mit denen sie mich angelockt hatten?

Siegrun rückte ihren Sessel dicht neben meinen und begann, mir die grundlegende Philosophie der GVW zu erklären: „Die Göttlichen Prinzipien“. Karen saß still daneben und beobachtete uns aufmerksam. Ich wunderte mich, dass nicht sie, sondern Siegrun mich belehrte.

Eine ungewöhnliche Art von Vortrag, ohne das übliche Podest, ohne leere Stuhlreihen in einem anonymen Saal. Auf verblasstem roten Plüsch, im Kerzenschein, eine Teetasse in der Hand. Vertraut, geradezu intim, als ob sie mich in ein großes Geheimnis einweihen würde. Auf einem Block zeichnete sie einfache Diagramme und erläuterte ihre Sicht von Gott und der Beziehung zwischen Gott und Mensch.3

Sie sprach von Polaritäten, nach dem Vorbild des buddhistischen Yin-Yang, in das alles Leben, vom Atom bis zum Kosmos, unterteilt wurde. Das zentrale Dogma der GVW nannte Siegrun Die drei Segen, abgeleitet vom biblischen „Werdet fruchtbar, mehret euch und machet euch die Erde untertan“. Diese drei Segen erfüllten sich in drei Stufen: Individuelle Vollkommenheit, eine vollkommene Familie und in der dritten Stufe eins werden mit Gott und dem Universum. Schließlich legte sie mir ihre Sicht von Körper und Seele dar, vom Weiterleben nach dem Tod. Die ewige geistige Welt für die Verstorbenen war für Siegrun ein natürlicher Teil des Lebens.

Ich kannte nur die christliche Doktrin meiner evangelischen Kirche und hatte mich noch nie mit anderen Philosophien, schon gar nicht mit fernöstlichen beschäftigt. Buddhismus, Taoismus, Shintoismus – Siegrun musste eine unheimlich kluge Frau sein. Sie wusste viele Dinge, die mir neu waren. Selbstsicher und mit liebenswertem Charme beeindruckte mich die gewandte Rednerin. Gierig sog ich ihre Thesen auf. Andauernd unterbrach ich ihren Vortrag, weil ich jedes Detail genau verstehen wollte. Geduldig ging sie auf jeden meiner Einwände ein. Es wurde spät.

Waren das die Antworten auf meine langgehegten Fragen? Alles schien vernünftig und einleuchtend, ich war fasziniert. So klar hatte noch nie jemand von Gott und geistlichem Leben gesprochen. Nach fast drei Stunden, den Kopf voller neuer Ideen, verabredeten wir uns für die nächste Woche zum zweiten Kapitel.

Wo blieb meine Vorsicht, die Warnungen meiner Mutter? Unsinn, die beiden Frauen wirkten viel zu sympathisch; sie waren nicht gefährlich. Von einer Gesellschaft konnte in der kleinen Wohnung allerdings keine Rede sein. In dem altmodischen Wohnzimmer konnten sie unmöglich größere Gruppen empfangen. Mit ihrer Lehre wollten sie die zerstrittenen Konfessionen vereinen, ein Welt-Christentum schaffen, hatten sie mir erklärt. Und damit alle anderen Gläubigen überzeugen, dass diese neue Lehre besser, richtiger war? Meine evangelischen Glaubensgenossen aus Buchholz wären wahrscheinlich skeptisch und der alte Herr Pastor erst recht.

Und ich? Vielleicht war ich unsicher, aber mir gefiel Siegruns Art, Fragen des Glaubens klar, verständlich und sogar vernünftig zu beantworten. Religion musste nicht zwingend der Vernunft widersprechen; das war fast eine Erleuchtung. Wie ein Blinder, der zum ersten Mal sieht, sog ich ihre abendlichen Vorträge auf. Die beiden Frauen hörten meinen Zweifeln zu; ich fühlte mich ernst genommen. Meine „Lehrerin“ war selbstsicher und überzeugend – und vor allem so nett! Ihre Wärme kam von innen, ohne künstlich aufgesetzte Freundlichkeit. Ich hätte Siegrun niemals schlechte Absichten zugetraut; ihre Liebenswürdigkeit zerstreute meinen Argwohn. Die beiden Frauen strahlten eine Warmherzigkeit aus, die mich restlos gefangen nahm. Auch der letzte Funken Misstrauen verschwand mit jedem weiteren Besuch. Innerhalb des nächsten Monats besuchte ich die beiden Missionarinnen zweimal die Woche und studierte die gesamte Lehre der Göttlichen Prinzipien. Über ihre Auslegung zum Ursprung des Bösen staunte ich. Dass die biblische Geschichte von Adam und Eva mit dem Apfel im Paradies nicht wörtlich genommen werden durfte, war mir klar. Aber ihre Interpretation des Apfels war seltsam: Der Ursprung alles Bösen lag in verbotenem Sex der ersten Menschen – vor dem Erreichen ihrer sogenannten persönlichen Vollkommenheit. Sex war in ihren Augen Sünde. Und der gefallene Erzengel Luzifer, der zum Satan wurde, schien für sie ein mächtiges Wesen zu sein, vor dem man sich schützen musste.

Als sie mich über Jesus belehren wollte, verteidigte ich in einem heißen Streitgespräch meinen evangelischen Glauben. Ich war seit Jahren im Jugendkreis meiner Heimatgemeinde aktiv und las jeden Tag in der Bibel. Siegrun stellte die ungeheuerliche These auf, dass Jesus zu seiner Zeit den Auftrag hatte, ein konkretes Himmelreich auf Erden zu errichten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Wortwörtlich. Ihre Prinzipien interpretierten die Bibel völlig anders, als ich es gewohnt war; sie erforderten ein radikales Umdenken. Jesus war es angeblich nicht vorherbestimmt, am Kreuz zu sterben, wenn die Juden ihn als Messias akzeptiert hätten. Die Kreuzigung wäre ein folgenschwerer Fehler gewesen. Mein alter Pastor hätte mir solch haarsträubende Spekulationen über Jesus als teuflische Flausen ausgetrieben!

Stundenlang wälzten wir Bibelverse, mit der Bibel kannte ich mich schließlich aus. Erst am späten Abend war ich bereit, ihre Ansichten wenigstens als Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Was richtig war, wusste ich nicht, denn die zitierten Bibelverse ließen mehr Deutungen als nur die von Siegrun zu. So logisch, wie sie es mir versprochen hatten, schien diese Lehre dann doch nicht zu sein. Hier hieß es auch nur wieder: glauben oder nicht glauben.

Hätte ich doch jemanden um Rat fragen können! In Berlin kannte ich niemanden, dem ich genügend vertraute. Was würde Pastor Wortmann in Buchholz sagen? Auch wenn er meine Fragen selten klar beantwortet hatte, war er für mich ein Experte in Sachen Religion. Siegruns Interpretation von Jesus hätte er vehement abgelehnt, das wusste ich, ohne ihn gefragt zu haben. Wenn nun doch alles falsch war, befand ich mich dann auf gefährlichen Abwegen? Wer war der Urheber dieser neuen Lehre? Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Siegrun hatte mich immer wieder vertröstet, sie werde das Geheimnis noch lüften. Aber seine Lehre beeindruckte mich, das konnte ich nicht leugnen. Sie gab mir eine Vision für meine Zukunft. Würde sich damit mein Traum von einem sinnvollen Leben erfüllen?

Ich war bereit, Altes über Bord zu werfen, ohne rational abzuwägen, ob das Neue wirklich vernünftiger war. Siegrun fesselte mich, ohne dass ich es merkte. Ihre Begeisterung für die neuen Prinzipien riss mich mit. Endlich Antworten auf meine tausend Fragen, was konnte mir Besseres geschehen?

Im Zentrum studierte ich angebliche Parallelen in der Geschichte. Historische Fakten wurden in einem spirituellen Licht interpretiert. Das Ziel der Menschheitsgeschichte war nicht ein Weltuntergang, sondern ein ewiges Himmelreich auf Erden – und das sollte jetzt verwirklicht werden.

Die Spannung stieg von Abend zu Abend. Der letzte Vortrag drehte sich um das Ende der Welt, ein schwieriges Thema. Für einen Christen ist die Wiederkunft Christi ein wichtiges Dogma: Irgendwann wird Jesus am Himmel erscheinen, seine treuen Schäfchen zu sich rufen und die Ungläubigen bestrafen.

Siegrun schlussfolgerte anhand ihrer Parallelen zwischen der zweitausendjährigen jüdischen Geschichte vor Christus und den fast zweitausend Jahren abendländischer christlicher Geschichte, dass die Zeit reif sei für den wiederkehrenden Messias. Etwa zu meinen Lebzeiten? Jesus würde jetzt wiederkommen? Ich starrte sie mit offenem Mund an.

Aber damit nicht genug; sie schockierte mich mit einer neuen These: Jesus würde nicht auf den Wolken herabschweben, wie ich es bei den Protestanten gelernt hatte, sondern erneut als Mensch auf der Erde geboren werden – wie vor zweitausend Jahren.

Das war unfassbar. Wie konnte sie das behaupten? Jesus sollte wieder menschliche Gestalt annehmen – praktisch eine Art Reinkarnation? Noch einmal alles wie beim ersten Mal, und dann gab es doch kein letztes Weltgericht?

Nein, das wollte ich ganz und gar nicht akzeptieren! So stand das nicht in der Bibel. Wie kam Siegrun nur auf diese verrückte Idee? Sie lächelte nur über meine heftige Reaktion.

In aller Gelassenheit erklärte sie mir: „Aber nein, nicht doch! Nicht Jesus persönlich; er bleibt auf ewig Gottes Sohn in der geistigen Welt. Keine Seele kann zweimal in einem irdischen Körper wohnen.“

Reinkarnation gehörte nicht zu ihren Thesen. Ich war mir nicht sicher über die Wiedergeburtslehre und ließ ihre Behauptung im Raum stehen. Siegrun schwieg, sah mich lange an und ließ ihre Worte wirken.

Es brauchte einen Moment, bis ich deren vollen Umfang verstand: Nicht Jesus sollte zurückkommen, sondern ein Anderer sollte an seiner Stelle geboren werden.

Noch ein Sohn Gottes, alles wieder von vorne?

Diese Vorstellung war völlig absurd; der Gedanke an einen neuen, fremden Messias war geradezu ketzerisch. Siegruns Aussage erschütterte die Grundfesten meines Glaubens. Ich wusste, dass ich mich auf einen gefährlichen Pfad begab. Meine protestantische Erziehung lehnte sich gegen diese Vorstellung auf; eine dumpfe Warnung Pastor Wortmanns vor dem Antichristen klang mir in den Ohren.

In diesem Moment wusste ich nichts zu sagen. Oder traute ich mich nicht? Vielleicht wollte ich nur hören, was Siegrun mir als Nächstes erzählen würde. Sie musste mir meine Fassungslosigkeit angesehen haben, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen.

„Tragen nicht alle Menschen den göttlichen Samen der Vollkommenheit in sich? Ja, ein anderer Mann wird Jesu Nachfolge antreten.“

Wie konnte sie so sicher sein? Ihre Behauptung verschlug mir die Sprache. Die Bibelverse, die Siegrun heranzog, um ihre These zu belegen, ließen sich auch anders deuten. Wissenschaft? Vernunft? Nein, da hatte ich etwas anderes erwartet. Von meinem Standpunkt aus hatte das mit Logik nichts mehr zu tun. Sie präsentierte mir eigenwillige Interpretationen, um diese Aussagen zu untermauern. Ich war nahe daran, aufzustehen, meine Jacke zu nehmen und die beiden Frauen mit ihren fragwürdigen Theorien sitzen zu lassen. Im Geiste hörte ich Pastor Wortmann rufen: „Geh jetzt, das darfst du dir nicht länger anhören!“

Aber Verbotenes ist besonders anziehend.

Und was, wenn doch ein Funken Wahrheit darin läge? Und ich würde einen neuen Messias verpassen, wenn ich jetzt ginge?

Ich war viel zu neugierig und blieb sitzen.

Gebannt wartete ich auf die nächste Offenbarung. Siegrun zögerte. Sie schockierte mich damit, dass Israel versagt hatte und der neue Messias deswegen aus einem anderen Land kommen musste. Anhand von Bibelversen wurde mir erklärt, dass er aus dem Osten, vom Aufgang der Sonne, kommen müsse. Aus dem Osten – hieß das aus Asien? Eine gewagte Behauptung, aber Siegruns Sicherheit war beeindruckend. Fast reglos vor Spannung hockte ich in meinem Sessel und ließ ihre lange Rede über mich ergehen. Ihre Worte waren rebellisch – und verlockend.

Ausschweifend erklärte sie mir, warum nur ein einziges Land im Osten auserwählt sein konnte: Korea.

Ausgerechnet Korea? Ich versuchte, ihren Gedankengängen zu folgen, ihre Argumente ließen sich nur schwer nachvollziehen. Lass sie reden, warte ab, was noch kommt, sagte ich mir insgeheim. Über Korea wusste ich, dass es ein geteiltes Land war und einen erbitterten Krieg hinter sich hatte. Ein neuer Messias aus Korea … ich schloss die Augen und versuchte, einen koreanischen Jesus zu visualisieren. Eine absonderliche Vorstellung.

Nach den Göttlichen Prinzipien, der offiziellen Lehre der Gesellschaft des Weltchristentums, war ab 1920 die Zeit für die Geburt des neuen Messias gekommen. Wie, um Abstand zu nehmen, drückte ich mich zurück in den Sessel und fragte: „Wieso 1920? Das ist ja schon fünfzig Jahre her!“

Ich konnte mit dieser Ankündigung nichts anfangen. Siegrun erklärte es mir noch einmal. Hatte es irgendwo auf der Welt derartige Nachrichten gegeben? Über einen großen Prediger, einen Propheten? Buchholz war zwar ein Provinznest – aber solche Nachrichten hätte man doch sicherlich auch dort gehört.

Karen saß mir gegenüber und beobachtete mich. Die Stirn in Falten gelegt, als wollte sie meine Gedanken lesen. Ich fühlte mich unbehaglich. Etwas Wichtiges stand im Raum, fordernd, fast bedrohlich. Im Sessel hin- und her rutschend, wollte ich diese Spannung abschütteln; es gelang mir nicht.

Siegrun beugte sich zu mir. Leise, vorsichtig, fragte sie mich: „Dory, kannst du dir vorstellen, wer der neue Messias sein könnte?“

Ihr erwartungsvoller Blick machte mich nervös. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und im Zimmer herumgelaufen, aber Siegruns Augen hielten mich fest. Achselzuckend sah ich von Karen zu Siegrun. Der neue Messias – seltsame Frage.

„Nein, ich hab keine Ahnung, woher soll ich denn das wissen?“

Das enttäuschte meine beiden Lehrerinnen.

Siegrun hakte nach: „Hast du dich noch nie gefragt, von wem diese Weisheiten der Göttlichen Prinzipien kommen?“

Natürlich hatte ich mich das gefragt, aber nie eine Antwort bekommen: „Tut mir leid, ihr wolltet nie darüber sprechen. Das war euer Geheimnis.“

Ich sah sie fragend an; beide schwiegen.

Die unheimliche Stille im Raum war beinahe unerträglich. Mir kroch eine Gänsehaut über den Rücken. Zwei fordernde Blicke waren auf mich gerichtet. Ich spürte, dass sie eine bestimmte Reaktion von mir erwarteten. Wir saßen lange, ohne dass ein Wort fiel; es kam mir endlos vor. Bis ich mit einem Schlag hellwach war, wie elektrisiert, als hätte ein Blitz eingeschlagen: Ich verstand, was sie mir sagen wollten.

Nein! Das konnte nicht sein!

Wollten sie wirklich andeuten, diese Göttlichen Prinzipien würden von dem neuen Abgesandten Gottes persönlich stammen? Ich traute mich nicht, Siegrun anzusehen. Sollte ich aussprechen, was sie mir in den Mund legte?

Ich flüsterte nur: „Du meinst, er lebt bereits auf der Erde? Und ihr kennt ihn? Es ist der Mann, von dem eure Prinzipien sind?“ Ich ließ mich zurück in den Sessel fallen und hielt mir mit beiden Händen die Augen zu.

Das war eine ungeheuerliche Aussage.

Siegrun nickte wortlos. Ich wagte nicht aufzublicken. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit. Ohne zu wissen warum, standen mir Tränen in den Augen. Im Hintergrund legte Karen eine Schallplatte mit dem „Halleluja“ aus Händels Messias auf, heilige Untermalung für den Höhepunkt des Abends.

Siegrun rückte noch näher heran, fasste meine beiden Hände und fragte mich geradezu zärtlich: „Dory, könnte der Mann, der diese wunderbaren Offenbarungen erhalten hat, nicht der Auserwählte sein? Braucht es für diese außergewöhnliche Botschaft nicht einen besonderen Menschen; könntest du dir das vorstellen?“

Ich konnte mir überhaupt nichts mehr vorstellen. Mein Kopf schien zu platzen, ich konnte kaum atmen. Ein Koreaner als neuer Messias, als Sohn Gottes – wie Jesus?

Was für ein verrückter Gedanke, ein normaler Mensch wie wir, der bereits auf der Erde lebte? Das war derart außerhalb meiner evangelisch geprägten Vorstellungskraft, dass ich nichts mehr zu sagen wusste. Schockiert schwieg ich mit aufgerissenen Augen. Aber ich wehrte mich nicht; ich nahm ihre Aussage ernst.

Siegrun nickte sanft, aber sie betonte eindringlich: „Ich weiß, es klingt unorthodox und revolutionär. Aber ist es denn völlig abwegig, nach allem, was du gehört hast? Die Juden damals hatten sich ihren Messias auch anders vorgestellt. Und welchen gravierenden Fehler haben sie begangen, den Gottgesandten nicht zu erkennen. Das darf uns heute nicht passieren!“

Ihre mahnende Stimme verfehlte ihre Wirkung nicht. Natürlich wollte ich nichts falsch machen und auf keinen Fall einen Messias verleugnen – wenn er es denn war. Aber wie konnte ich ihr glauben; wie kann man überhaupt eine derart anmaßende Aussage über einen welterlösenden Retter blind glauben? Nach vorne gebeugt, die Ellbogen auf den Knien abgestützt, das Kinn in den Händen, hockte ich im Sessel und blickte Siegrun hilfesuchend an. Sie war doch eine kluge Frau, was mutete sie mir zu? Ich wusste weder, was ich denken, und noch viel weniger, was ich sagen sollte.

Siegrun gab Karen einen Wink. Karen stand auf und ging in den Nebenraum. Vorsichtig trug sie auf beiden Händen ein in ein weißes Tuch gewickeltes Paket ins Zimmer. Wie eine Kostbarkeit öffnete sie es und zeigte mir das eingerahmte Foto eines jungen asiatischen Mannes. Zum ersten Mal sprach sie den Namen des geheimnisvollen Offenbarers aus: Sun Myung Moon – der Meister. Das war die sogenannte Endaussage der Göttlichen Prinzipien: Dies ist der Christus unserer Zeit.

Ich hielt das Foto in der Hand, hin- und hergerissen zwischen Faszination und Unglauben. Ein auf den ersten Blick gewohntes asiatisches Gesicht mit tiefgründigen Augen. Ernst, ohne ein Lächeln, ein nachdenklicher junger Mann. Seine Prinzipien hatten mich beeindruckt, das musste ich zugeben. Das Meiste hatte ich weitestgehend nachvollziehen können.

Aber hier wurde ein Akt blinden Glaubens gefordert. Wie konnte ich eine göttliche Berufung prüfen; beurteilen, ob ein Mensch glaubwürdig ist – oder etwa doch nicht? Ich fühlte mich überfordert. Sollte ich weinen oder schreien: Hey, ich bin sechzehn – ich weiß doch nicht, was richtig oder gelogen ist!?

Siegrun fragte mich, ob ich mehr von ihrem Meister wissen wolle. Vielleicht würde das helfen, ich nickte ihr zaghaft zu: „Ja, natürlich! Kannst du mir von ihm erzählen?“

Aus einer kleinen Broschüre las sie mir aus seinem Lebenslauf vor. Ich hörte von der spirituellen Suche eines jungen Mannes nach Wahrheit. Mit sechzehn Jahren sei ihm Jesus erschienen und habe ihn persönlich gebeten, seine vor zweitausend Jahren begonnene messianische Mission zu Ende zu führen. Sun Myung Moon ging in der Zeit der kommunistischen Revolution nach Nordkorea. Er predigte und wurde deswegen als Aufrührer zu fünf Jahren Straflager verurteilt. Siegrun las von seiner Befreiung durch die Amerikaner am Tag vor seiner geplanten Hinrichtung – natürlich eine göttliche Intervention.

Ich fühlte mich entrückt in eine andere Welt. Immer wieder sah mir Siegrun tief in die Augen, um zu prüfen, wie sehr mich ihre Worte beeindruckt hatten. Alle Erlebnisse im Lebenslauf betonten die Liebe des Meisters zu Gott und dessen schützende Hand über ihn. 1960 bildete die Hochzeit mit seiner Frau Hak Ja Han den Höhepunkt seiner Mission: Sun Myung Moon, der „Meister“ und die „Wahre Mutter“.

Für die Weltchristen war es selbstverständlich; aber mich entsetzte die Vorstellung, dass der neue Christus verheiratet war. Die Hochzeit des Lammes aus der Bibel kannte ich nur als Allegorie für Christi Vereinigung mit den Menschen. Ein Jesus mit Frau und Kindern?

Alles wurde immer absurder! Ich war völlig durcheinander und wusste weder ein noch aus. Mein Kopf glühte und eine Stimme dröhnte: „Das ist alles völlig verrückt, das kann nicht sein; glaube ihnen kein Wort. Lauf weg und vergiss, was du hier gehört hast!“

Aber tief in mir wünschte ich mir nichts mehr, als dass jedes Wort wahr sei. Ich wollte Siegruns Vision so gerne glauben: Wahre Eltern, die vollkommene Liebe verkörperten, eine wunderbare Vorstellung. Mein Leben lang hatte ich mich nach der Liebe eines Vaters gesehnt – die meiner mir verweigert hatte. Und jetzt sollte dieser Meister mir das geben, was ich mir am sehnlichsten wünschte? Ein verlockenderes Versprechen hätte mir niemand bieten können. Karens Blick hielt mich fest; ich saß unbeweglich, wie erstarrt. Als Siegrun das Heft zuklappte, schwiegen wir. Die Spannung im Raum war unerträglich, fast körperlich greifbar. Siegrun beugte sich zu mir. Sie hielt meine Hand, blickte mich hoffnungsvoll an und wiederholte ihre Frage:

„Dory, kannst du akzeptieren, dass Sun Myung Moon der neue Messias ist? Dass er und seine Frau die von Gott gesandten Wahren Eltern der Menschheit sind?

Kannst du das annehmen?“

21971 war man erst mit 21 Jahren volljährig.

3Ein Beispiel, das mich damals besonders beeindruckt hat, ist die Polarität von Subjekt und Objekt: Mann – Frau, Eltern – Kinder, Mensch – Natur, Proton – Elektron usw. Nach ihrer Vorstellung ist Gott das höchste gebende Subjekt und der Mensch soll sein erwiderndes Objekt sein. Nur ein ausgewogenes Geben und Nehmen zwischen allen Polaritäten, egal welcher Art, erzeugt Energie, Leben, Freude. Unausgeglichenheit zerstört. Gott braucht die Erwiderung, die Hingabe des Menschen, gleichermaßen wie wir ihn als Ursprungskraft brauchen. Das hatte ich in der evangelischen Kirche nie gehört. Ich war sofort begeistert.

3. Kapitel

1971 – Kannst du das glauben?

Wir saßen stumm in unseren Sesseln; im Hintergrund spielte leise die Musik aus Händels Messias. Jeder hing seinen Gedanken nach, und ich versuchte, meine zu sortieren.

Was sollte ich Siegrun antworten?

Sie sah mich erwartungsvoll an. Ich wich ihrem Blick aus, weil mein Kopf mir etwas anderes sagte als mein Gefühl. Logischerweise hätte ich ihrer Aussage widersprechen müssen, weil es keine vollkommenen Menschen, keine Wahren Eltern gibt. Mein Verstand wagte zu zweifeln: Das ist völliger Blödsinn, das kann nicht wahr sein, pass auf was du sagst! Siegrun bindet dir ein Märchen auf. Ein neuer Messias, der als Einziger die absolute Wahrheit kennt und damit die Welt retten will – was für ein Unsinn. Heute, als gewöhnlicher Mann unter uns, mit Frau und Kindern. Gab es irgendeinen Beweis dafür? Nein, keinen einzigen!

Siegruns Botschaft zu akzeptieren bedeutete, meine gesamte christliche Erziehung über den Haufen zu werfen. Eine totale Kehrtwende – alles, was ich vorher geglaubt hatte, wäre falsch. Wirklich alles. Jetzt sollte ich blind jemandem vertrauen, von dem mir eine ungeheuerliche Geschichte erzählt wurde. Hatte Siegrun nun recht oder nicht?

Ich wusste es nicht.

Aber einfach Nein sagen, aufstehen und nach Hause gehen, als ob nichts wäre, brachte ich nicht über mich. Dafür hatte mich die neue Lehre zu sehr mitgerissen. Ich konnte Siegrun nicht widersprechen – oder ich wagte es nicht. Sollte ich ihr etwa klipp und klar sagen, dass sie dabei war, mir eine verführerische Lüge aufzutischen? Unmöglich. Siegrun würde mich niemals belügen. Sie glaubte doch selbst daran!

Es musste wahr sein.

Ich war eine romantische Schwärmerin, die davon träumte, die Welt zu verbessern. Dafür hätte ich alles gegeben, um teil zu haben an einer wunderbaren Vision. Und ich sehnte mich nach nichts mehr als nach einer heilen Familie. Die Weltchristen versprachen mir die Erfüllung meiner Träume.

In gewisser Weise faszinierte mich der Gedanke an den neuen Messias, weil er mich zu etwas Besonderem machte. Siegrun strahlte mich an, als hätte sie mir gerade die schönste Nachricht der Welt überbracht. Mir, die ihr wichtig war, schenkte sie das Kostbarste, das sie geben konnte. Sie ließ mich an einem Wunder teilhaben. Nie zuvor hatte mich jemand so tief bewegt.

Sie hielt noch immer meine Hand und wiederholte ihre Frage: „Dory, kannst du glauben, dass Sun Myung Moon der von Gott erwählte Messias für unsere Zeit ist?“

Wie hätte ich der Dramatik eines solchen Augenblicks widerstehen können? Einfach Nein sagen, oder auch nur ein zögerliches Ich weiß nicht? Siegrun überrollte meine Gegenargumente nicht durch Logik, sondern mit ihrer Leidenschaft, mit ihrer Hingabe an die neue Botschaft. Als ich nickte und mir ein leises Ja auf den Lippen lag, nur ein kleines, dahingehauchtes Ja, umarmte sie mich.

Mir liefen Tränen über das Gesicht. Es war seltsam; ich war unbeschreiblich glücklich, wie in einem Höhenrausch. Ich konnte mir nicht erklären, warum mich ein derart unbeschreibliches Glücksgefühl überfiel. Kein Millionen-Lotto-Gewinn hätte mich in den Himmel heben können wie diese unglaubliche Nachricht. Der neuzeitliche „Jesus“ hatte mich gefunden; ich war gerettet.

Wir schwebten auf einer Wolke der Euphorie. War das bereits ein Beweis für diesen Messias, etwa unser Hochgefühl ein göttliches Zeichen? Nein, natürlich nicht! Ich wollte es glauben. Zweifel, Kritik, Angst, alles, was dem widersprochen hätte, schob ich beiseite.

Ja, ich würde das Wagnis eingehen, was konnte mir passieren? Ich nahm den neuen Meister an, voller Inbrunst und Begeisterung. Ganz egal, was mein Kopf sagte, meine Gefühle hatte Siegrun überzeugt.

Es wurde eine lange Nacht. Dieser 2. Februar 1971 wurde zu meinem geistigen Geburtstag erklärt, neu geboren in den Schoß der Wahren Eltern. Ab jetzt sollte ich nur noch diesen Tag feiern.

Karen betonte mein großes Privileg: „Du gehörst zu den wenigen Auserwählten, die diese Botschaft jetzt schon kennen. Der Meister war auch sechzehn, als er von Gott gerufen wurde, wie du jetzt. Ihm zu folgen ist eine Ehre, bedeutet aber auch Verantwortung. Wir wollen Gott nicht enttäuschen.“

Der Gedanke, auserwählt zu sein, war verlockend. War ich mit meinen sechzehn Jahren so wichtig, dass Gott unter der Million Einwohner West-Berlins, ausgerechnet mich rief? Noch nie im Leben hatte mir jemand das Gefühl gegeben, wertvoll zu sein. Weit nach Mitternacht holte mich ein Blick auf die Uhr in die Realität zurück. Wenn ich noch einen Bus nach Lichterfelde erwischen wollte, war es allerhöchste Zeit, mich auf den Weg zu machen.

Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, fragte mich Karen: „Warum willst du nach Hause fahren? Hier ist ab heute dein Zuhause. Wir haben gemeinsame Wahre Eltern; wir sind deine Schwestern!“

So verbrachte ich meine erste Nacht im Zentrum.

Messias hin oder her, am nächsten Morgen musste ich zur Schule ins Pestalozzi-Fröbel-Haus in Schöneberg. Meine Gedanken schweiften ab zu dem Erlebnis des Vorabends. Ich war Gott wichtig, war ihm wertvoll; der Messias hatte mich gefunden. Mich, nicht die anderen Mädchen! Nicht einmal sich zu verlieben, konnte schöner sein.

In der Schule kam ich mir fehl am Platz vor: vom Himmel herab hart auf der Erde aufgeschlagen. Viele Berliner Schüler waren politisch engagiert; eine provokative, nahezu aggressive Stimmung brodelte in den Klassenzimmern. Nur nicht brav und konform sein, man musste quasi protestieren! Ich passte nicht in diese Szene. Im Soziologie-Unterricht starrte ich gedankenverloren den Lehrer an und hörte kein Wort von seinem Vortrag. Zum Glück merkte er es nicht. Was hätte ich ihm sagen sollen? Dass ich an einen geheimnisvollen spirituellen Meister aus Korea dachte? Er hätte meine Faszination mit Leichtigkeit durch kluge Argumente zunichtemachen können. Das wollte ich nicht.

Nachmittags kehrte ich nach Lichterfelde ins Zimmer zurück, das meine Eltern für mich gemietet hatten. Ich ließ mich aufs Bett fallen; mein Blick schweifte durch die winzige Dachbude, mein erstes eigenes Reich. Wie würde es jetzt weitergehen?

Sollte ich meine Mutter anrufen und ihr von den beiden Frauen erzählen? Im Geiste hörte ich ihre besorgte Stimme: „Kind, worauf lässt du dich da ein? Du kennst die beiden doch überhaupt nicht, sei bloß vorsichtig!“ Nein, in meinem Freudentaumel wollte ich ihre Ermahnungen nicht hören. Was wusste sie von der Wiederkunft Christi? Es konnte nicht falsch sein, diesen fremden Meister zu akzeptieren. Über eine Lüge hätte ich doch nicht glücklich sein können!

Abends um acht Uhr stand ich bei Karen und Siegrun vor der Tür. Keine neuen Gäste an diesem Abend; die Aufmerksamkeit meiner Schwestern gehörte mir. Die alten Plüschsessel warteten auf uns. Ich ließ mich hineinfallen. Erschöpft hoffte ich auf einen ruhigen Abend. Oder hatten sie noch mehr Überraschungen auf Lager? Karen brachte Tee; ich lehnte mich zurück und wollte entspannen, einen klaren Kopf bekommen. Siegrun erzählte, wie sie vor einigen Jahren zur Bewegung gefunden hatte, zur Familie, wie sie es nannte. Die anderen Mitglieder in Westdeutschland nannte sie ihre Geschwister. Familie, Geschwister, wahre Eltern – ein neues Zuhause. Diese warme Gemeinschaft zog mich magisch an. Siegrun strahlte; sie war glücklich, dass ich da war. Und ich war es auch.

4. Kapitel

1971 – Die neue Familie

Bei meiner Entscheidung, Sun Myung Moon als Messias zu akzeptieren, folgte ich spontan meinem Bauchgefühl. Die Gemeinschaft im Zentrum entsprach annähernd meiner Vision vom Kibbuz. Das war verlockend. Siegrun, Karen und ihre Botschaft fühlten sich gut an; ich konnte ihnen vertrauen. Schon nach weniger als einem Monat sprang ich blind in unbekanntes Gewässer, ohne zu wissen, wo ich aufschlug. Der Traum von Entwicklungshilfe, von Israel, mein Wunsch, auszubrechen aus festgelegten Bahnen, erloschen über Nacht. Schnee von gestern. Ich hatte etwas Besseres gefunden, das Beste!

Ich schäumte über vor Glück …

Mit niemandem sprach ich über meine Entscheidung; kein Mensch wusste, auf was ich mich einließ. Wen hätte ich fragen können? Meine Mutter, den evangelischen Pastor der Gemeinde in Buchholz, einen Lehrer im Pestalozzi-Fröbel Haus? Ich wollte mich keinem von ihnen anvertrauen, weil ich mir ihre Reaktionen vorstellen konnte: Alle würden mich warnen. Höchstens meine älteste Schwester Helga, aber sie war weit weg. Und sie hatte doch keine Ahnung von all dem, was ich jetzt wusste; wie sollte sie mir weiterhelfen? Nein, ich musste es mit mir allein ausmachen.

Siegrun betonte, ich sei nur für den Messias nach Berlin geführt worden; Gott hätte mich geführt.

Ich hatte ihr von meinem Sturz mit dem Fahrrad im Wald erzählt: Ein Zusammenstoß mit einem Baum hatte mir eine Gehirnerschütterung eingebracht. Das veranlasste meine Mutter, mich zur Erholung auf eine Kinderfreizeit der evangelischen Kirche zu schicken. Unter normalen Umständen wäre sie niemals auf diese Idee gekommen. Dort, mit jungen Christen im Schullandheim im Weserbergland, erlebte ich eine tiefe Bekehrung. Jesus und die Bibel waren ab dem Tag meine täglichen Begleiter, der Himmlische Vater immer an meiner Seite. Die anschließenden Jahre war ich vermutlich das begeistertste Mitglied der Kirchengemeinde in Buchholz. Ich hatte alles mitgemacht: Gottesdienste, Bibelabende, Jugendfreizeiten, Zeltmissionen. Feuer und Flamme für meinen Glauben.

Siegrun lachte: „Der liebe Gott musste dir einen Schlag auf den Kopf verpassen, sonst hättest du nicht zum Glauben gefunden! Du bist unter einer Million Menschen auserwählt worden; das ist bei deiner Geschichte völlig klar! Und darum bist du wertvoll – für Gott und für uns.“

War ich so besonders? Wenn mein Vater nüchtern war, hatte er mich ignoriert. Für ihn war ich ein lästiges Anhängsel, das er ohne schlechtes Gewissen übersehen durfte. Wenn ich ihm etwas bedeutete, wusste er es gründlich zu verbergen. Nur, wenn er betrunken und ausnahmsweise guter Laune war, dröhnte er: „Komm, meene Lütte, ich will doch nur dein Bestes!“

Ich hasste seine Liebesbezeugungen! Wer lässt sich gerne von einem Mann küssen, der nach billigem Schnaps stinkt, unzusammenhängenden Stuss lallt und dessen Laune von einer Minute auf die andere umschlagen kann? Nein, das war keine Liebe. Da konnte das fünfte Gebot hundertmal sagen, ich soll Vater und Mutter ehren! Meinen Vater? Nein, meine Gefühle für ihn waren eine verwirrende Mischung aus Sehnsucht und Enttäuschung – und ja, auch Hass und Verachtung. War das Sünde? Ich schämte mich dafür.

Bei Siegrun und Karen war das anders. Ich konnte nicht fassen, wie sehr sie mich schätzten. Einfach nur, weil ich da war. Als ihr erstes neugeworbenes Mitglied stand ich im Mittelpunkt – und ich genoss es.

Die beiden Schwestern warben seit vier Monaten in Berlin; sie gingen jeden Tag auf die Straße. Wie viele Personen sprachen sie dabei an, zehn oder zwanzig? Und von den eintausend Kontakten war ich ihr erster Erfolg. Eigentlich eine magere Bilanz, dachte ich mir im Stillen. Wenn es genauso schleppend weiterginge, wäre ich alt und grau, bis der Messias weltbekannt sein würde. Hundert Fragen brannten mir auf der Seele und Siegrun blieb mir noch viele Erklärungen schuldig. Ich verstand nicht, warum sie eine solche Botschaft geheim hielten, wenn sie doch wichtig für die Welt war.

Ich wusste nichts über die beiden Schwestern oder über die Weltchristen und ihren Gründer.

„Ihr nennt euch doch eine Gesellschaft, wo sind denn die anderen? Ihr seid doch nicht etwa die einzigen?“, fragte ich.

Karen winkte ab.

„Natürlich nicht! Nur hier in Berlin sind wir noch allein. In Westdeutschland gibt es noch mehr Zentren; beim nächsten Treffen wirst du die ganze Familie kennenlernen.“

Wie selbstverständlich sprach sie von der Familie, ein großes Wort.

Und meine Familie? Meine Eltern, Geschwister, ihnen müsste ich doch wenigstens andeuten, was ich gefunden hatte. Siegruns Miene verriet Besorgnis, sie riet mir ab. Ich begriff nicht, warum ich meine Eltern nicht einweihen durfte. Mein Engagement in der evangelischen Kirche hatten sie toleriert. Ich war noch minderjährig; sollte ich ins Zentrum einziehen, müsste ich ihnen meine Adressenänderung erklären.

Siegrun zögerte: „Weißt du, vielleicht ist es besser, wenn du deinen Eltern erst mal noch nichts von uns sagst. Das könnte Probleme geben, weil du noch so jung bist.“

Sie fragte vorsichtig, ob ich mit dem Verständnis meiner Eltern rechnen könnte, wenn ich bei ihnen einzöge. Ich überlegte: „Meine Mutter würde es wahrscheinlich dulden; sie wäre wahrscheinlich nur besorgt, dass ich die Schule vernachlässige.“

Karen runzelte die Stirn: „Und dein Vater?“

„Um Himmels willen, nein! Er hält nichts von Kirche und Religion und wäre sicher gegen einen Umzug zu euch. Von ihm darf ich keinerlei Verständnis erwarten. Und wenn ihm eine Sache nicht passt, kann er schrecklich aufbrausend werden. Ich traue ihm zu, dass er zur Polizei geht und Anzeige wegen „Verführung Minderjähriger“ erstattet, um mich hier rauszuholen!“

Karen sah mich erschrocken an und verzog den Mund: „Oje, das klingt nach Ärger!“ Die beiden Frauen sahen sich lange ohne ein Wort an. Fast, als ob sie eine geheime Absprache treffen und über Dinge entscheiden würden, die mir verborgen waren.4

Siegrun wiegte mit dem Kopf; diplomatisch schlug sie vor: „Wie wäre es, wenn du sagtest, du hättest in der Schule eine neue Freundin kennengelernt und wolltest bei ihr in einer Wohngemeinschaft einziehen?“

Das wäre glatt gelogen. Ich verstand nicht, wie man vollkommene Liebe predigen konnte und Lügen dann doch erlaubt waren. Aber ich wollte weder mich noch die Bewegung in Schwierigkeiten bringen. Sollte ich einen Streit mit meinen Eltern riskieren oder ein bisschen schwindeln?

„Na ja, ausnahmsweise ist eine Notlüge vorläufig vernünftig. Ich hab euch zwar nicht in der Schule, sondern auf der Straße kennengelernt, aber das geht schon.“

In einem fröhlichen Brief erzählte ich meinen Eltern also, dass ich neue Freunde gefunden hätte, bei denen ich gerne wohnen würde. Das wäre billiger und auch sicherer. Berlin wäre klasse und alles bestens. Kein Wort von der neuen Gruppe.

Es kam kein Protest zurück. Meine Mutter kündigte mein Dachzimmer; ich packte meine Habseligkeiten und brachte alles ins Zentrum. Damit war mein Beitritt endgültig vollzogen. Nur eine Woche, nachdem ich von dem neuen Messias gehört hatte.

Ich schwebte im siebten, ach was, im achten Himmel …

4Nach der Lehre der „Göttlichen Prinzipien“ ist das Böse eine reelle Kraft, die uns von Gott trennen will. Satan greift uns an, wo wir am verletzlichsten sind: z.B. in emotionalen Beziehungen, wie wir sie innerhalb unserer Familie pflegen. Davor müssen neue Mitglieder unbedingt abgeschirmt werden, bis sie „stark“ genug sind.

5. Kapitel

1971 – … und die neue Lehre

Ich war ein schwärmerischer Teenager, der vom Hippieleben träumte und sich gerade radikal von den Fesseln des Elternhauses befreit hatte. Meinen eigenen Weg suchen, ohne dass mir jemand Vorschriften machte – das war mein Traum vom Leben in Berlin. Höchstens mein Glaube an Gott und die Bibel durften mir sagen, was ich zu tun oder zu lassen hatte. In Buchholz hatte ich versucht, mich im Schoß der evangelischen Kirche an christliche Gebote zu halten … wenigstens ein bisschen. Außer, wenn wir in der alten Clique Dummheiten im Kopf hatten. Ich genoss meine jugendlichen Freiräume und war nicht gewohnt, wie eine Nonne zu leben.

Jetzt wollten Siegrun und Karen mich in die Tradition der Göttlichen Prinzipien einführen. Häppchenweise, vorsichtig – und doch sehr bestimmt. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam. Alles sollte anders werden: Der Meister und seine Frau waren der absolute Standard, an dem wir uns selbst in den banalsten alltäglichen Handlungen messen sollten. Sein Wille, sein Wort war Gottes Wort und allein das zählte. Es forderte eine totale Kehrtwende!

Jeden Tag wurde mir eine neue Regel erklärt, an die ich mich anpassen sollte. Immer freundlich, aber unmissverständlich, ohne Widerspruch zu dulden. Zigaretten, Drogen und Alkohol waren verboten. Kein Problem, ich hatte nie geraucht und von Alkohol wollte ich nie, nie mehr etwas wissen. Siegrun beäugte kritisch meine Garderobe. Sie versuchte, sanft zu klingen und verpasste mir doch den ersten Schock:

„Ich weiß, das klingt ein bisschen hart. Unsere Wahre Mutter trägt keine Hosen – und folglich tun wir das auch nicht. Ich hoffe, du kannst das akzeptieren, auch wenn es für uns westliche Frauen nicht einfach ist.“

„Ach herrje! Was denn – nur Röcke tragen? Sogar jetzt, bei der Eiseskälte? Das ist doch altmodisch! Und ich besitze keinen einzigen Rock!“

Und „Mini“ war natürlich auch nicht erlaubt; die Röcke mussten schön brav bis übers Knie reichen. Rot und schwarz trugen wir nicht, jedenfalls nicht in dieser Kombination, denn das waren die Farben des Bösen, die Farben des Kommunismus. Schade, ich hatte mir mit viel Mühe einen schwarzrot gestreiften Poncho selber gestrickt und einen knallroten Hosenanzug gekauft, den ich liebte. Wir sortierten meinen Kleiderschrank durch und ich räumte schweren Herzens alle unerlaubten Teile weg. „Muss ich mich wirklich davon trennen? Was soll ich denn jetzt damit machen, alles wegwerfen?“

Siegrun blieb hart.

Unsere Zeit war wertvoll und musste Gott gewidmet werden. Morgens um sechs Uhr holten uns zwei entsetzlich rappelnde Wecker unsanft aus dem Schlaf, eine halbe Stunde später trafen wir uns zum Morgengebet. In einer Fensternische stand auf einem weißen Tischchen das Bild unseres Meisters mit einer Kerze. Nach asiatischer Weise verneigten wir uns kniend vor dem Bild, bis die Stirn den Boden berührte. Anschließend betete jede mehr oder weniger laut vor sich hin. Karen schien kein Problem zu haben, eine halbe Stunde lang mit dem Himmlischen Vater zu sprechen. Persönliche Belange waren unwichtig; sie betete für den Erfolg ihrer Mission. Ich fand es schwer, diese Zeit mit Worten zu füllen; was erwartete Gott von mir? Zum Abschluss beendete Siegrun das Gebet „Im Namen der Wahren Eltern“.

Nach dem Frühstück ging jeder seiner weltlichen Beschäftigung nach, Siegrun und Karen zur Arbeit und ich zur Schule. Nachmittags um fünf trafen wir uns vor der Gedächtniskirche und gingen in den Geschäftsstraßen rundum die Kirche ansprechen. Das war unsere heiligste Pflicht: Die Botschaft weiterzugeben. Jeder, der uns begegnete, konnte ein Auserwählter sein und es war unsere Verantwortung, diese Menschen zu finden. Ohne Hemmungen verwickelten sie junge Leute in Gespräche. Meist wurde die ausgewählte Person mit einer direkten Frage nach Gott oder nach dem Sinn des Lebens konfrontiert. Interessierte sich jemand nicht, war dieser Mensch nicht vorbereitet und sie verschwendeten keine unnötige Zeit an ihn. In der Regel bewahrten die beiden ein Minimum an Respekt, aber geschickt lenkten sie jedes Gespräch in ihre gewünschte Richtung. Stets liebenswürdig, mit einem freundlichen Lächeln, überrollten sie trotzdem jeden Widerspruch unnachgiebig wie eine Dampfwalze.