Die abenteuerliche Geschichte vom falschen Dimitry - Johannes Scherr - E-Book

Die abenteuerliche Geschichte vom falschen Dimitry E-Book

Johannes Scherr

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Beschreibung

In "Die abenteuerliche Geschichte vom falschen Dimitry" entführt Johannes Scherr die Leser in die durch Intrigen, Machtspiele und Identitätsverwechslungen geprägte Zeit des 17. Jahrhunderts in Russland. Scherr, ein Meister des spannungsgeladenen Erzählstils, kombiniert historische Fakten mit fiktiven Elementen, um das Leben eines Mannes zu schildern, der sich als Zar ausgibt. Die narrative Struktur ist dynamisch und lebendig, mit lebhaften Beschreibungen und einer facettenreichen Charakterentwicklung, die den Leser in die politischen und sozialen Konflikte jener Zeit eintauchen lässt. Der Text reflektiert die Unsicherheiten des Zeitalters und die Bedeutung von Wahrheit und Identität in einem politischen Chaos. Johannes Scherr, ein deutscher Schriftsteller und Historiker des 19. Jahrhunderts, ließ sich in seiner Erzählkunst von den turbulenten historischen Ereignissen inspirieren, die Europa prägten. Durch seine gründlichen Recherchen und sein profundes Geschichtswissen gelingt es ihm, die komplexen gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit einzufangen. Scherr, der auch als Journalisten tätig war, nutzt seinen scharfen Verstand und seine gründliche Analyse, um die Zerrissenheit des Russischen Imperiums darzustellen, die die Gesellschaft sowohl politisch als auch moralisch herausfordert. Für alle Liebhaber historischer Romane sowie für jene, die sich für die Dynamik von Identität und Macht interessieren, ist "Die abenteuerliche Geschichte vom falschen Dimitry" ein unverzichtbares Werk. Es bietet nicht nur spannende Unterhaltung, sondern regt auch zum Nachdenken über die Relationen von Wahrheit, Macht und der Konstruktion von Identität an. Scherrs Erzählkunst führt den Leser gekonnt durch einen faszinierenden historischen Kontext, der sowohl lehrreich als auch fesselnd ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Johannes Scherr

Die abenteuerliche Geschichte vom falschen Dimitry

Identitätstäuschung und politische Intrigen im 17. Jahrhundert Russlands
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547838326

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text
1. Warum und wieso der Schwindel möglich war.

Eines Winterabends im Jahre 1584 trat Iwan der Vierte (Wassiljewitsch), Zar aller Reußen, genannt „der Henker“ oder „der Schreckliche“, auf die „rothe“ Treppe des Kremlin zu Moskau hinaus, um lange zum Firmament emporzustarren, allwo zwischen den Kuppeln und Thürmen der Kirche Iwans des Großen und der Kirche der Verkündigung ein Komet sichtbar war mit kreuzformartigem Feuerschweif. Der Zar wandte sich endlich ab, bekreuzte sich und murmelte vor sich hin: „Das bedeutet meinen Tod.“

Bald darauf erkrankte er schwer. Aus Lappland herbeigeholte Schamanen-Zauberer vermochten dem Uebel nicht Einhalt zu thun. Am 10. März von 1585 berief er den Bojarenrath und ließ sein Testament aufsetzen, kraft dessen er die Thronfolge seinem Sohne Feodor zutheilte und inbetracht der Blödsinnigkeit desselben einen Regentschaftsrath bestellte, bestehend aus den beiden Knäsen (Fürsten) Iwan Schuisky und Iwan Mstislawsky, sowie den drei Bojaren (Großbarone) Bogdan Bielsky, Nikita Juryew und Boris Godunow. Am 18. März starb „der Schreckliche“ und säuberte mittels seines Todes den Erdball vom größten Scheusal, welches zu tragen dieser jemals verdammt war. Denn überblickt man das Wüsten und Wüthen dieses Dämons, ja fasst man auch nur die von ihm veranstalteten „Opaly“ (Durchwurfelungen oder Ausmerzungen des Volkes) ins Auge, mit deren Gräueln verglichen die Schrecken der französischen Revolotion harmlose Kinderspiele waren, so könnte man unschwer zu dem Glauben kommen, die „allgütige Mutter“ Natur hätte in ihrer grausamsten Laune dieses Unthier geschaffen, um eine fürchterliche Probe anzustellen, was alles die Menschen sich gefallen ließen und bis zu welcher bodenlosen Tiefe der Niedertracht die sklavische Feigheit der Völker hinabreichen könnte.

In unseren Tagen ist es bekanntlich zur „wissenschaftlichen“ Mode geworden, den Unterschied von gut und böse, Recht und Unrecht, Tugend und Laster, Verdienst und Verschuldung zu verwischen und einem grundsatzlosen Geschlechte das ohnehin schon sehr geschwächte Gefühl der Verantwortlichkeit vollends aus der schlaffen Seele zu schmeicheln mittels der materialistischen Theorie, daß die Gefühle, Gedanken und Thaten des Menschen schlechterdings nur Produkte seiner physischen Anlagen und Eigenschaften wären. Laster, Frevel und Verbrechen müßten daher für unumgängliche Schlußfolgerungen aus natürlichen Prämissen angesehen werden, für Abnormitäten, und demnach Lasterhafte, Frevler und Verbrecher nur für mitleidswerthe Kranke, für Gestörte, für Wahnsinnige. Es ist recht verwunderlich, daß diese modische Theorie, welche sich ja auch schon spürbar genug in die Strafgesetzgebung und Strafrechtspflege eingeschlichen hat und, wenn erst in ihrem ganzen Umfange verwirklicht, die menschliche Gesellschaft unfehlbar in den aller Verantwortlichkeit baren Zustand der Bestialilät zurückentwickeln wird – ja, es ist recht verwunderlich, daß diese schöne Theorie nicht auch schon von irgendeinem „wissenschaftlichen“ Modisten auf Iwan den Schrecklichen angewandt und also an dem „grausen“ Zaren, wie er beim Lermontow heißt, eine der jetzt so beliebten „Rettungen“ verübt wurde. Freilich, ein leichtes Stück Arbeit würde der „Retter“ nicht haben. Denn wenn ihm der Nachweis, daß Iwan der Henker von Haus aus ein Wahnsinniger gewesen, nicht allzu schwer werden dürfte, so vermöchte doch keine Trübung der Quellen und keine sophistische Dialektik die Thatsache aus der Welt zu schaffen, daß in dem Wahnsinn des Zaren Methode gewesen ist und der „Grause“ seiner Absichten und Zwecke sich sehr wohl bewußt war.

Wie ein rother Faden, nein, wie ein rother Blutstrom windet oder wälzt sich durch Iwans Gräuelherrschaft der Staatsgedanke, mittels Gründung der zarischen Autokratie, des zarischen Absolutismus höchster Potenz die moskowitische Reichseinheit her- und festzustellen, welche bislang durch die Machtstellung des Bojarenthums stark beeinträchtigt worden war. Allerdings ist der Zar häufig genug Henker um der Henkerlust willen gewesen, allerdings trieb er die grässliche Wollust der Grausamkeit bis zum raffinirtesten Kitzel; aber den angegebenen Grundzug seiner Politik hat er selbst in den wildesten Orgien der Entmenschung so wenig vergessen, als er desselben in den tollen Uebertreibungen der „gottesdienstlichen“ Uebung seiner „Frömmigkeit“ jemals vergaß. Denn selbstverständlich war der vierte Iwan sehr „fromm“, das heißt allem Aberglauben der orientalisch-russischen Kirche leidenschaftlich zugethan, ganz wie Ludwig der Elfte von Frankreich „fromm“, das heißt allem Aberglauben der occidentalisch-römischen Kirche fanatisch ergeben war. Man könnte überhaupt Iwan den Vierten den aus dem Französischen ins Russische übersetzten Ludwig den Elften nennen. Denn im ganzen und großen spielte der Zar im 16. Jahrhundert in Russland die Rolle, welche der König im 15. Jahrhundert in Frankreich durchgeführt hatte. Beide haben, jeder in seinem besonderen Stil, die Adelsherrschaft gebrochen und die absolute Monarchie begründet.

Kein Zweifel, das russische Volk erkannte in dieser Gründung eine Wohlthat, wenigstens instinktmäßig. Daraus mag sich das Unglaubliche und doch fraglos Wahre erklären, daß die Russen diesem Wüthrich, der die Grausamkeit bis zu unerhörten Thaten wilder Wuth oder auch bis zur raffinirtesten Qualenaustiftelung getrieben, seine eigene Familie in empörendster Weise gepeinigt, seinen zweitältesten Sohn eigenhändig umgebracht, in mongolisch wüster Vernichtungsraserei die Bewohnerschaften ganzer Städte und Landschaften ausgetilgt, daneben im Schlamme ekelhafter Ausschweifungen sich gewälzt hatte, geradezu leidenschaftlich unterwürfig und zugethan waren – so leidenschaftlich, daß beim Tode des Scheusals von Zar die allgemeinste, aufrichtigste, wildeste Wehklage losbrach. Man hätte, so man dies Gebaren der Moskowiten ansah, meinen können, ein Gott, ihr Gott wäre ihnen gestorben. Und im Grunde war es ja so, denn die zarische Macht und Gewalt war eine abgöttisch geglaubte und verehrte.