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In "Aus den letzten Stunden einer Monarchie" entführt Johannes Scherr die Leser in die dramatischen Momente des Übergangs von einer monarchischen zu einer republikanischen Staatsform in Deutschland. Der Autor verwendet einen klaren und präzisen literarischen Stil, der sowohl Historie als auch persönliche Erlebnisse miteinander verwebt. Scherr schildert eindringlich die Verzweiflung und Unsicherheit der Menschen in dieser aufwühlenden Zeit und beleuchtet die sozialen und politischen Konflikte, die den Verfall einer jahrhundertelangen Tradition begleiteten. Durch seine lebendige Prosa gelingt es ihm, das erstarrte Bild der Monarchie aufzulockern und einen tiefen Einblick in die Psychologie der damaligen Zeit zu gewähren. Johannes Scherr, ein bedeutender Schriftsteller und Historiker des 19. Jahrhunderts, war selbst Zeitzeuge dieser Umbruchsphase und ließ sich von historischen Ereignissen und gesellschaftlichen Strömungen beeinflussen. Er wurde 1825 in der Region Schwaben geboren und war bekannt für sein Engagement in der Kulturgeschichte. Seine vielfältigen Erfahrungen als Schriftsteller und Journalist zeugen von einem tiefen Verständnis für die Herausforderungen seiner Epoche, die ihn prägten und motivierten, die Komplexität des Wandels in seinen Werken zu ergründen. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für historisch interessierte Leser und jene, die das vielschichtige Zusammenspiel von Macht, Identität und Wandel verstehen möchten. Scherr liefert dazu nicht nur historische Fakten, sondern auch ein eindrucksvolles Bild der menschlichen Emotionen und sozialen Dynamiken in Zeiten des Wandels.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Uhr des zu den Tuilerien gehörenden Pavillon de l’Horloge schlägt ein Uhr, die erste Stunde des 24. Februar 1848. Die Nacht ist frostig und finster, aber der Widerschein ihrer Myriaden von Gaslichtern macht die über der Riesenstadt hängende Dunstmasse weißlich schimmern. Der alte Königspalast, welcher schon so viele Schicksalswechsel gesehen, diese Tuilerien, in denen Marie Antoinette intriguirt, der Convent vulcanisirt und Napoleon despotisirt hatte, sie zeigen auch zu dieser Stunde in ihrem Innern, wie in ihrer Umgebung, jenes unbeschreibliche Ungewöhnliche, Unruhige, Hastvolle und Bängliche, welches Katastrophen von Herrschern und Staaten vorauszugehen pflegt, wie der Staubwirbel aufwühlende Windstrom dem Gewitter voranwallt. Die Wachtposten sind überall verdoppelt, verdreifacht. Das Gitter des großen Hofes ist geschlossen. Die ganze Vorder- und Hinterfront des Schlosses entlang ist in allen Stockwerken eine Masse von Fenstern erhellt, und man sieht in den Corridoren des Erdgeschosses, wie droben in den Mansardengängen eilende Lichter kommen, verschwinden und wiederkommen. Auf den Treppen, in den Vorhallen und Vorzimmern ein summendes Getöse, nur noch mühselig gedämpft durch den aufgehobenen Finger der Aja Etikette, ein Kommen und Gehen von Staatsmännern und Generalen, Hofherren und Hofdamen, Lakaien und Zofen. Ueberall in’s Längliche oder auch schon in’s Lange gezogene Gesichter, aufgeregte Mienen, Frageblicke, Geflüster und Gewisper. Ein Unheimliches schreitet durch das ungeheure, prächtige Haus. Noch ist dieses Schreiten nur ein Schlürfen, aber binnen etlichen Stunden wird es ein Dröhnen sein.
Kriegerische Zurüstungen ringsher um den Palast. Längs der Rue Rivoli eine Colonne Infanterie unter den Waffen. In den Zwischenräumen reitende Artillerie mit ihren Stücken. Starke Cavalleriepikets in die Rue St. Honoré und bis zum Palais Royal vorgeschoben. Der Quai entlang der Seine, soweit die Tuilerien- und Louvrebauten reichen, ebenfalls wohlbesetzt. Auch hier zwischen dem Fußvolk Artillerie, besonders an den Punkten, wo sich die drei Brücken, Pont Royal, Pont du Carrousel und Pont des Arts, auf das linke Stromufer hinüberlegen. Bei näherem Zusehen wäre in der Haltung der Truppen eine gewisse Schlaffheit und Verdrossenheit bemerkbar geworden: sie hatten schon seit nahezu zweimal 24 Stunden in Wind und Wetter ermüdenden und unliebsamen Dienst gethan. Aber drinnen auf dem Carrouselplatz geht es laut und lebhaft her. Lodernde Pechpfannenfeuer werfen ihren rothen Schein über den weiten Raum, der nach allen vier Seiten mit Truppen sämmtlicher Waffengattungen garnirt ist. In der Mitte ein dichtstehender Halbkreis von Stabs- und Subalternofficieren. Vor der Fronte desselben eine Gruppe von Generalen. Auf der Sehne des Bogens ein Mann von martialischer Figur, Haltung und Gebehrde. Sein von den breiten Schultern zurückgeschlagener Mantel läßt eine reich gestickte Uniform sehen, und auf dem Kopfe trägt er den an den aufgeklappten Rändern mit weißem Federnbesatz eingefaßten Hut eines Marschalls von Frankreich. Ihm zur Seite hält sich ein schlanker Mann in der Uniform eines Generallieutenants, dessen aristokratisch feine, kühle und etwas hochmüthige, aber feste und gescheidte Züge den Herzog von Nemours, Zweitältesten Sohn Louis Philipp’s, erkennen lassen. Hinter dem Marschall erblickt man zwei in Mäntel und Pelze sattsam eingewickelte Civilmänner, zwei soeben, man weiß nicht recht, halb oder ganz entministerte Säulen des „Systems der Corruption“, Guizot und Duchâtel. Der Zweite mag immerhin das Gesicht in den Pelzkragen verstecken: es lohnt sich nicht der Mühe, ihn anzusehen. Schade aber, daß man von Herrn François Guizot nicht mehr zu sehen bekommt. Denn der Mann verdiente wohl näher betrachtet zu werden, als der zu Fleisch und Blut gewordene Doctrinarismus des constitutionellen Systems, als die Verkörperung des zur höchsten Potenz erhobenen Schulmeisterthums der parlamentarischen Fiction.
„Messieurs“, sagt der Marschall Bugeaud mit knapper Hutlüftung kurz und barsch, „der König hat mich mit dem Oberbefehl über die gesammte bewaffnete Macht von Paris, Linie und Nationalgarde, betraut. Man muß ein Ende machen mit den Rebellen. Ihr wißt, wenn ich mich mit ihnen schlug, bin ich niemals geschlagen worden. Habt Acht, daß Ihr mich diesmal meine Jungferschaft nicht verlieren macht.“
