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In "Eine Verschwörung" entfaltet Johannes Scherr eine komplexe Erzählung, die sich mit den Themen Macht, Intrige und gesellschaftlichen Umwälzungen auseinandersetzt. Durch seine prägnante Sprache und einen lebendigen, atmosphärischen Stil gelingt es Scherr, die Leser in eine Welt zu entführen, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Handlung, die sich um eine geheime Verschwörung dreht, reflektiert das zeitgenössische gesellschaftliche Klima des 19. Jahrhunderts, in dem politische Umbrüche und revolutionäre Gedanken grassierten. Scherr nutzt historische Elemente, um die Relevanz seiner Erzählung zu unterstreichen und die Spannung bis zur letzten Seite aufrechtzuerhalten. Johannes Scherr, ein bedeutender Schriftsteller und Literaturwissenschaftler seiner Zeit, war bekannt für seine tiefgreifenden Analysen über die menschliche Natur und die sozialen Strukturen seiner Epoche. Seine persönlichen Erfahrungen und sein Interesse an politischen Bewegungen flossen in seine Werke ein und verhalfen ihm zu einem klaren Verständnis der damaligen Realität. In "Eine Verschwörung" verbindet er Fiktion mit historischen Tatsachen und bietet so einen einzigartigen Blick auf die Herausforderungen und Ängste seiner Zeitgenossen. Dieses Buch ist für Leser geeignet, die sich für spannende historisch-politische Erzählungen interessieren und zugleich eine tiefere Einsicht in die menschliche Psyche und die Dynamiken von Macht und Einfluss gewinnen möchten. Scherrs Werk fordert dazu auf, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und regt zum Nachdenken über gegenwärtige gesellschaftliche Strömungen an. Wer die Schattenseiten der Geschichte und die Vielschichtigkeit menschlichen Handelns erforschen möchte, findet in "Eine Verschwörung" eine reichhaltige und fesselnde Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Rabenmutter Revolution hatte, wie Vergniaud es trauervoll vorhergesagt, viele ihrer besten und auch manche ihrer schlechtesten Söhne verschlungen. Allerschlechteste, wie die Barère, Fouché und Talleyrand, hatte sie verschont, weil ja im öffentlichen Leben, wie im privatlichen, grundsatzlose Streber und abgefeimte Schufte das meiste Glück haben. Die Rabenmutter hatte sich aber in ihrer wahnwitzig-terroristischen Verschlingungsgier den Magen so mit Blut überladen, daß sie schließlich zerbarst – am 9. Thermidor (27. Juli) von 1794.
Der robespierre’schen Diktatur des Schreckens folgte die thermidorische Anarchie und dieser das direktoriale Regiment der Lüderlichkeit. Dann schmiegte sich Voltaire’s „Tiger-Affe“, durch die eigenen wüthenden Leidenschaften müdegehetzt, als eine richtige Schmeichelkatze dem korsischen Abenteurer zu Füßen, welcher es verstand, einem vom „Tollrausch“ der „Freiheit“ kläglich ernüchterten Volke die Tyrannei des Säbels als einzige Rettung aus gränzenlosem Elend aufzuschwindeln.
Von einer gerechten Würdigung der französischen Staatsumwälzung konnte zunächst keine Rede sein. Namentlich in Frankreich nicht. Die ungeheuren Geschehnisse standen den Menschen noch so nahe, daß sie ihrem ganzen Umfange, ihrer ganzen Bedeutung und Wirkung nach gar nicht zu überblicken und zu schätzen waren, sondern vielmehr mit ihrer Wucht die Unbefangenheit des Urtheils geradezu erdrückten. Darum erschien die Vergangenheit schon im verschönernden Lichte der Ferne. Alle die namenlosen Leiden, welche zur Zeit des Ancien Régime der Despotismus über das französische Volk gebracht hatte, galten jetzt, auf der Schwelle zum 19. Jahrhundert, für nichts, verglichen mit den in frischester Erinnerung stehenden Nöthen, womit die terroristische Blutraserei und die alle socialen Bande lösende Anarchie Frankreich geschlagen. Nicht die selbstlosen Idealisten und ehrlichen Enthusiasten, welche die Revolution begonnen hatten, lebten im Gedächtnisse der Franzosen vom Jahre 1800, sondern nur die hirnlosen Phantasten, welche die Bewegung fortgesetzt und überspannt, sowie die steinherzigen Fanatiker, welche dieselbe besudelt, und die selbstsüchtigen Schurken, welche sie zu Grunde gerichtet hatten.
Die Erkenntniß des Guten und Großen, was die Revolution angeregt, vollbracht und geschaffen, ging erst späteren Geschlechtern auf. Beim Eintritt in das neue Jahrhundert waren aber die Franzosen mit verschwindend wenigen Ausnahmen leidenschaftlich widerrevolutionär gestimmt und sie blickten nur mit den Gefühlen der Erbitterung, des Abscheu’s und der Rachgier auf die Jahre zurück, welche sie unter allen den Schrecknissen, Gefahren und Mühsalen, die ein wüstes Pöbelregiment, eine räuberische und mörderische Sansculotterie mit sich gebracht, hatten durchleiden müssen. Es stand ihnen ja in schmerzlicher Erinnerung, was das verfälschte Evangelium von der „liberté, égalité et fraternité“, in die Wirklichkeit übersetzt, zu bedeuten hätte. Sie wußten jetzt oder glaubten wenigstens zu wissen, daß dieses Symbolum nur eine Maske für leichtfertige Abstraktoren, betrogene Betrüger und herzlose Bösewichte gewesen sei. Auch an dem seit einem Jahrzehnt unaufhörlich schwirrenden parlamentarischen Schwatz hatten die Franzosen schließlich sich verekelt. Die ganze Nation war nachgerade phrasenmüde geworden oder wollte wenigstens, daß die Phrasendrehorgel wieder einmal auf eine andere Tonart gestimmt würde. Vor allem wollten die Leute Ruhe haben, Ruhe, Ruhe, Ruhe um jeden Preis! Ja, sie lechzten nach Ruhe und Ordnung, auf daß sie wieder in Sicherheit den Pflug führen, Gewerbe und Handel treiben, essen, trinken, heiraten, sich amüsiren, schlafen, in ihren Betten sterben und schließlich anständig begraben werden könnten. An den Säbel Bonaparte’s glaubten sie als an einen allmächtigen Zauberstab, welcher ihnen „Brot und Spiele“ schuf und zudem als ein wundersamer Schwertfiedelbogen sich auswies, der dem gallischen Größewahn zum hochwillkommenen Gloiretanz aufspielte.
Daß dieser Säbel eigentlich ein cäsarisches Skepter, das war gleich nach dem 18. Brumaire (9. November) von 1799 für alle denkenden Franzosen eine ausgemachte Sache. „Wir haben einen Herrn, und zwar einen Herrn, der alles weiß, will und wagt“ – sagte sauersüß der Verfassungenfabrikant Sieyès, als er vom ersten Rathschlag der drei Konsuln herauskam, allwo Bonaparte ohne Umstände den Vorsitz genommen und diktatorisch gesprochen hatte. Schon an jenem Tage wurde dem neuen Staatsbau der Stämpel einer absoluten Despotie aufgedrückt. „Ich bin nicht gemacht zu einem konstitutionellen König-Mastschwein à la König von England,“ sagte wachtstüblich-drastisch der neue Gebieter Frankreichs. Die verfassungsstaatlichen Ornamente, womit die Konsularverfassung herausgeputzt wurde – (Gesetzgebender Körper, Senat, Tribunal) – erwiesen sofort ihre kläglich-gipserne Natur und es war nur ein Hohn, so eines Tiberius würdig gewesen wäre, wenn der Erste Konsul solche Statisten wie Roger-Ducos und Sieyès, dann Lebrun und Cambacérès als „Mitkonsuln“ eine Weile um sich duldete und allergnädigst gestattete, daß sein Frankreich noch etliche Jahre lang amtlich eine Republik hieße.
Auf die Walstätten der italischen Feldzüge von 1796–97 hatte Bonaparte mit der Spitze seines Siegerdegens das falsche Testament der Revolution geschrieben, kraft dessen er sich als ihren „legitimen Erben“ Frankreich auflog. Denn an diesem Menschen war alles Lüge, ausgenommen sein Genie und seine Selbstsucht. Diese überragte jenes noch weit. Denn alles zusammengehalten, konnte der Mann, wenigstens innerhalb der Zeit seines aufsteigenden Sterns, den Menschen nur darum so riesengroß erscheinen, weil seine Gegner so zwerghaft klein waren. Es erforderte ja fürwahr keine übermenschliche Kraft, Kunst und Mühe, unter lauter Liliputanern sich als ein Gulliver aufzuspielen. Man hat es bekanntlich dem Göthe verübelt, daß er vor dem Bonaparte so gewaltigen Respekt gehegt. Aber, du lieber Gott, wenn der kosmopolitische Dichter aus dem Schneckenhause seiner krähwinkeligen Ministerschaft heraus mit ansah, wie der französische Machthaber mit dieser armsäligen Gesellschaft von Fürsten, Generalen und Ministern umsprang, die er so zu sagen im Handumdrehen aus Gegnern zu Vasallen und Dienern machte, da mußte er doch wohl vom Bonaparte denken wie Shakspeare’s Cassius vom Cäsar: –
„Fürwahr, er schreitet durch die enge Welt Wie ein Koloß daher, derweil die Zwerge Ihm zwischen den Gigantenbeinen wuseln.“
