Erkauft und Erkämpft - Johannes Scherr - E-Book

Erkauft und Erkämpft E-Book

Johannes Scherr

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Beschreibung

In "Erkauft und Erkämpft" entfaltet Johannes Scherr ein facettenreiches Bild der menschlichen Existenz, in dem die Themen Macht, Unabhängigkeit und moralische Dilemmata im Vordergrund stehen. Der Roman, der im Kontext des 19. Jahrhunderts verankert ist, verbindet historische Elemente mit einer tiefgründigen Charakterzeichnung und einem analytischen Blick auf gesellschaftliche Strukturen. Scherr, bekannt für seinen präzisen Sprachstil und seine psychologische Einsicht, gelingt es, die Leserschaft in die komplexe Welt seiner Protagonisten zu entführen, wodurch er sowohl ein zeitgenössisches als auch zeitloses Werk schafft. Johannes Scherr, ein bedeutender Schriftsteller und Literaturwissenschaftler seiner Zeit, hat mit "Erkauft und Erkämpft" persönliche und gesellschaftliche Herausforderungen verarbeitet, die ihn in seiner eigenen Biografie beschäftigt haben. Durch seine umfassenden Studien der deutschen Literatur sowie seine kritische Auseinandersetzung mit sozialen Themen erhielt er wertvolle Perspektiven, die in dieser Erzählung reflektiert werden. Scherrs geschultes Auge für das Alltägliche und seine sensiblen Beobachtungen ermöglichen eine eindringliche Darstellung menschlichen Verhaltens und ethischer Fragestellungen. Dieses Buch richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für historische Romane interessieren und die über den bloßen Unterhaltungswert hinaus tiefer in die komplexen Facetten des Menschseins eintauchen möchten. "Erkauft und Erkämpft" bietet nicht nur spannende Lektüre, sondern regt auch zur Reflexion über wichtige gesellschaftliche Werte und individuelle Entscheidungen an.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Johannes Scherr

Erkauft und Erkämpft

Eine Analyse sozialer Ungleichheit und politischer Konflikte im 19. Jahrhundert
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547848141

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Erkauft und Erkämpft

Inhaltsverzeichnis
Erkauft und Erkämpft.
Von Johannes Scherr.
Sie konnten zusammen nicht kommen,Das Wasser war viel zu tief.Alter Singsang.
1.0Brunhild.

Die Ränder des kleinen See’s liegen im Schattendüster ihrer Weidenumbüschung, aber gegen die Mitte des kaum merkbar gekräuselten Wasserspiegels zu glüht eine rothgoldene Lichtmasse, von der höher und höher über die östlichen Berge emporsteigenden Morgensonne dorthin geworfen. Auf dieser lichten Stelle haftet, kaum weniger strahlend, ein großes, dunkles Mädchenaugenpaar, welches unter einer prachtvoll gebauten Stirn träumerisch hervor- und auf auf den See niederblickt.

Sie ist fast zu bedeutend, zu gedankenmächtig modellirt, diese Stirn. Sie würde das Haupt eines Mannes zieren, während sie die Harmonie der Schönheit ihrer Besitzerin mehr stört als erhöht. Ueberhaupt ist diese Schönheit eine durch Contraste wirkende. Das germanische Haar mit seinem Goldschimmer stimmt nicht zu den dunkeln Brauen von orientalisch kühner Schweifung, welche sich mitunter an der Nasenwurzel zu einem Ausdruck des Stolzes und Trotzes zusammenziehen, der mit dem anmuthigen Lächeln des reizend geschnittenen Mundes gar nicht zu reimen ist. Auch die schwarzen Augen mit ihrem intensiven Sammetglanz müssen fast wie Fremdlinge erscheinen in einem Antlitz, auf dessen durchsichtiger Weiße das Incarnat frischester Jugendblüthe liegt wie das Morgenroth auf Firnschnee. Und doch, trotz alledem, muß die Erscheinung der jungen Schönen, wie sie so dasitzt auf der Bank am Fuße des halbzerfallenen Wartthurms der Burgruine, mit von den Schultern geglittener Mantille, die Hände über dem auf ihren Knieen ruhenden Strohhut leicht gefaltet, ja, sie muß auf den Betrachter einen fast unwiderstehlichen Zauber üben.

Man merkt, es ist da ein Eigenartiges, eine auf sich gestellte Natur. Es geht von dieser vornehm eleganten, nicht allein in Betreff der Toilette vornehm eleganten, Mädchengestalt ein Ton und Duft stolzer und herber Jungfräulichkeit aus, etwas Abweisendes, um nicht zu sagen Abstoßendes, das aber auf wahlverwandte Seelen nur um so anhebender wirken wird. Ein über die Jahre der Empfänglichkeit oder wenigstens der Entzündbarkeit hinausgekommener Beobachter dürfte sagen: Eine ungewöhnliche, eine merkwürdige Erscheinung! Vielleicht eine Schönheit ersten Ranges, vielleicht einer jener weiblichen Dämonen, welche geschaffen sind, die Männer rasend zu machen; jedenfalls aber ein verzogenes Glückskind, welches „nie sein Brod mit Thränen aß“ und demnach „die himmlischen Mächte nicht kennt.“

Daran mag Etwas sein. Nicht allein insofern, als das Freifräulein Brunhild von Hohenauf wirklich ein verzogenes Glückskind ist, sondern auch in dem Betracht, daß, wenn sie im Triumphalpomp ihrer Schönheit durch die Gesellschaftssäle der Residenz schreitet, auf ihrer stolz erhobenen Stirne für sehende Augen in Fracturschrift das Credo hoch- und übermüthigen Selbstbewußtseins zu lesen ist: „Ich glaube an mich!“

In Wahrheit, sie glaubte an sich und nur an sich. Ihr Vater, ein Geburtsbaron und zugleich – rara avis! – ein Geldbaron, hatte es durch äffische Zärtlichkeit einerseits und durch Lässigkeit andererseits glücklich dahin gebracht, daß in der schönen Person seiner Tochter, die sein einziges Kind, der Hochmuth des Feudalismus mit dem des Brozenthums vollständig sich verschmolz. So war aus Brunhild beim Mangel mütterlicher Erziehung – denn sie hatte ihre Mutter frühzeitig durch den Tod verloren – eine vollkommene Dame der großen Welt geworden, ein Stück von einer Künstlerin, ein Stück von einer „Emancipirten“, ein Stück auch – behaupteten wenigstens häßliche alte Jungfern – von einer Kokette, ein Wesen, welches, hoch dahinschwebend über der „gemeinen Wirklichkeit“ der Dinge, über des Lebens Arbeit, Noth und Sorge, sich einbildete, das Dasein wie einen genialen Scherz nehmen und mit so souveräner Virtuosität durchspielen zu können, wie irgend ein modisches Brillantbravourclavierstück.

Und doch hatte dieses Mädchen ursprünglich eine Seele voll Zartheit, Keuschheit und Hoheit besessen, ein Herz voll tiefen Gefühls und inniger Gluth. Es lag in ihr, auch jetzt noch, ein Keim der edelsten Weiblichkeit, ein Etwas, das sie gleichsehr befähigte, unter Umständen erhaben-heldisch in die Geschichte hinein zuschreiten wie Jeanne d’Arc, oder aber einem geliebten Manne sein Haus zum Himmel zu machen. Sie hatte Stunden, oder wenigstens Augenblicke enthusiastischer Träumerei, wie nicht minder einer schwermüthigen Nachdenklichkeit, wo die primitive Innigkeit, frische und Kraft ihrer Empfindung sich Bahn brachen durch alle die an- und eingebildeten Schranken einer grenzenlosen Ueberhebung und alle die gleißenden Phantasmen eines maßlosen Stolzes. In solchen Momenten empfand Brunhild eine Herzensöde, welche ihr das Gefühl aufzwang, als müßte sie sehnsuchtsvoll die Arme ausstrecken nach der Welt und nach den Menschen, welche sie verachten zu dürfen, verachten zu müssen glaubte. Es war ihr unselig Geschick, daß diese Stimmung immer wieder zurücktreten mußte vor den Eingebungen eines Hochmuths, welchen die Schmeichler Brunhild’s den Stolz einer Amazone, einer Heroine nannten, der aber im Grunde doch eben nur die Ueberhebung verwöhnter Glückspilzigkeit war.

Derartige verschrobene Wesen kommen in unseren Tagen keineswegs so selten vor, wie man sich etwa einbilden möchte. Sie sind naturgemäße Producte einer Zeit, welche durchweg den Schein dem Sein vorzieht, vergoldeten Schmutz höher schätzt als unpolirtes Erz und ihre Gedanken- und Grundsatzlosigkeit hinter einer weitbauschigen Phrasendraperie verbirgt. Wenn die Yankees vom „allmächtigen Dollar“ reden, so könnten wir mit noch mehr Berechtigung von der „allmächtigen Phrase“ sprechen. Sie beherrscht, wie alles Uebrige, auch die weibliche Erziehung, und wenn man die Resultate derselben in’s Auge faßt, muß es sehr begreiflich und verzeihlich erscheinen, daß die jungen Männer mehr und mehr schaarenweise in’s cölibatärische Lager übergehen. Es würde lächerlich sein, falls es nicht so traurig wäre, zu sehen, wie auch der Mittelstand allüberall immer mehr von der allmächtigen Phrase sich verleiten läßt, seine Töchter zu müßiggängerischen Damen „ausbilden“ zu lassen. Was sollen daraus für Hausfrauen und was für Mütter werden? Gerechter Himmel! Jagt die französischen Parlirmeister zum Henker; zerschlagt die ewigen Klimperkasten, die nachgerade jedes Haus zu einer Clavierhölle machen; lehrt die jungen Mädchen zeitig den Werth der Zeit und der Arbeit kennen und woher das Brod komme; laßt sie Hände und Finger statt auf den die Denkfähigkeit abstumpfenden Tasten lieber in der Küche rühren; bringt ihnen bei, daß die wahre Heimath der Frauen nicht der Ball-, Concert- und Opernsaal sei, sondern das Haus und die Häuslichkeit; lehrt sie denken, klar und folgerichtig denken, und wär’ es täglich nur eine Viertelstunde, nur zehn Minuten lang; entwickelt in eueren Töchtern statt der Phrase, statt der Sucht, zu scheinen und zu „brilliren“, den Eifer, etwas Besseres zu sein als die Toilettenpuppen an den Schaufenstern der Modenmagazine; gebt ihnen statt elenden Verbildungskrams gesunden Menschenverstand, Genügsamkeit, Arbeitslust und Sparsamkeit zur Aussteuer, und ihr werdet – bei allen Göttern! – endlich wieder eine Generation von Müttern erhalten, welche fähig sind, tüchtige Jungen zu gebären und sie zu Männern zu erziehen, zu Männern, die das Zeug haben, uns von der Tyrannei der Phrase zu erlösen.

Auf Fräulein Brunhild freilich würde diese Philippika kaum anwendbar sein. Sie gehört ja durch Geburt und Reichthum zu den Erdengöttern, welche nicht wissen, daß das Menschenleben „Sorg’ und viel Arbeit“ ist, sondern vielmehr vom Dasein nur die Ambrosia naschen und den Nektar schlürfen. Trotzdem ist mit gutem Grund anzunehmen, daß der Herr Baron von Hohenauf, welcher, sagte man, mittelst seines speculativen Genies Millionen auf Millionen gehäuft hatte, für das Glück seiner Tochter besser gesorgt haben würde, so er sie bedeutend viel weniger zu einer „Göttin“ und bedeutend viel mehr zu einer verständigen Frau hätte erziehen lassen. Das Sprüchwort vom „Müßiggang, welcher alles verkehrten und Schlechten Anfang“, ist freilich eine sehr triviale Wahrheit; aber im Grunde sind ja alle die Wahrheiten, auf welchen die Gesellschaft als auf ihren Fundamenten ruht, Nichts als Trivialitäten. Allerdings hat Einer gesagt: „Den Vornehmen ist der Genuß Arbeit, den Armen die Arbeit Genuß“; aber der das sagte, war notorisch einer der ärgsten Wirr-, Schwirr- und Schwarbelköpfe, die jemals „philosophischen“ Nonsens von sich gaben …