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Es ist der dreistete Coup der 2010er-Jahre! Zwei Männer verkleiden sich als Kuriere eines Werttransportunternehmens, betreten kaltblütig ein Geschäftsgebäude und entwenden die Weihnachtseinnahmen – in Höhe von 1,8 Millionen Euro. Nur durch einen Zufall bekommt die Polizei die Gangster zu fassen. Nun erzählt Ex-Bandenchef Asier Rodriguez-Santos, wie sie mit einer spektakulären Raubserie in nur zwei Jahren knapp drei Millionen Euro erbeuteten. Die Gangster nutzten die Strukturen arabischer Clans für ihre Raubzüge und setzten für ihre ausgeklügelten Coups Insiderwissen und akribische Planung ein. Zudem bauten sie auf PS-starke Boliden als Fluchtwagen und fuhren auch privat Luxuskarossen, was ihnen in der Presse ihren Namen einbrachte: die AMG-Bande.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2023
ASIER RODRIGUEZ SANTOS
DIE AMG BANDE
ASIER RODRIGUEZ SANTOS
DIE AMG BANDE
Wie ich als Kopf einer der meistgesuchten Verbrecherbanden mit Überfällen Millionen machte
riva
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Originalausgabe
1. Auflage 2023
© 2023 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
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Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung: shutterstock.com / tab62
Satz: abavo GmbH, Buchloe
eBook by tool-e-byte
ISBN Print 978-3-7423-2110-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1881-4
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1882-1
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Manch ein Abgrundoffenbart neue Wege.
Anmerkung des Autors:Die meisten der im Buch auftauchenden Personen wurden aufgrund des Schutzes ihrer Persönlichkeit namentlich verfremdet. Einige Personen und Handlungsstränge sind zudem fiktiver oder symbolischer Natur, da in diesen Fällen eine Verfremdung nicht möglich gewesen wäre und ich manches nicht der Realität entsprechend erzählen kann, weil ich sonst andere oder mich selbst belasten könnte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind dann rein zufällig und keineswegs beabsichtigt. Wenn ich von »Bruder« oder »Cousin« spreche, muss es sich hierbei nicht um Familienangehörige handeln. So nennt man dort, wo ich herkomme, schlicht Freunde und Menschen, die einem zur Seite stehen.
Inhalt
Ein böses Erwachen
November 2016 – Zeit für einen Coup
Familie
Safehouse
Das Geld muss wandern
Heimat
Südamerikanische Verhältnisse
Zeit für einen Plan
Action
Zwischenspiel
Zurück nach Deutschland
Katastrophe
Harte Schule
Omertà und die ersten krummen Dinger
Raus in die Freiheit
Geduldige Observation
City of Gold
Dubai Calling
An die Arbeit
Referat über den Traumjob
Zu heiß für die Berliner
Einmalig
Zwischenspiel
Champions League
Keine Ruhe in Sicht
Cash
Das letzte Wort
Nachwort
Über den Autor
Parkhotel Engelsburg, Recklinghausen, 04.12.2018
Das Hoteltelefon auf der Kommode neben dem Kingsize-Bett klingelte.
»Hallo«, flüsterte ich schlaftrunken in die Sprechmuschel.
»Guten Morgen, Herr Rodríguez Santos, ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht in der Turmsuite. Meyers hier von der Rezeption, Sie wollten um fünf Uhr geweckt werden.«
Ich stutzte. Hatte ich das wirklich gewollt? »Daran kann ich mich nicht erinnern!«
»Wünschen Sie Frühstück?«
»Na gut, ich nehme das übliche Frühstück, danke schön.«
Ich stand auf, legte mir den Kaschmir-Morgenmantel von Tom Ford über und schlüpfte in die Valentino-Pantoletten. Im Dunkeln lief ich vorsichtig die Wendeltreppe hinunter zum Badezimmer. Das Engelsburg-Hotel in Recklinghausen ist ein ehemaliges Herrenhaus im Barockstil. Einst gehörte es einem kurfürstlichkölnischen Statthalter und Richter. Die Möbel und die Zimmertüren bestehen aus Kirschholz. Ein edles Detail. Doch der Hauptgrund, warum ich so gern in der Engelsburg übernachtete, war die dreigeschossige Turmsuite. Luxuriös ausgestattet samt Whirlwanne, rundem Wohnzimmer und Blick in alle Himmelsrichtungen. Sogar der Name der ehemaligen Kanzlerin und der von Leonardo DiCaprio stehen im Gästebuch. Die ersten Schritte dieses Dezembertages erfolgten in wunderbarer Stimmung, die jedoch schnell kippen sollte.
Ich stand gerade vor dem Badezimmer, als die Tür zu meiner Suite aufgerissen wurde. Rote Laserstrahlen flogen kreuz und quer durch den Raum, ehe sie genau auf meiner Brust landeten und somit ihr Ziel markierten. Ein Lichtstrahl blendete mein rechtes Auge. Sie trugen kugelsichere Westen, Kettenhemden zum Schutz vor Messerattacken, Sturmmasken und Helme - und natürlich Maschinengewehre mit verdammten Laserzielvorrichtungen. Sie brüllten etwas, das ich erst verstand, als sie mich zu Boden geworfen hatten. »Polizei! Polizei! Bleib liegen, du Schwein!«
»Was wollt ihr von mir?«, brüllte ich zurück, wobei ich mir Dutzende Gründe vorstellen konnte.
»Schnauze!«, schrie mir einer ins Ohr. Eine Augenbinde raubte mir die Sehkraft. Dann wurde es still, ich hörte nur Schritte, die immer näher rückten. Mir schossen massenweise Gedanken durch den Kopf. Warum schicken die ihre Männer fürs Grobe? Vielleicht wissen die was über die geplanten Coups in Stuttgart, Köln und Kamen. War’s das jetzt mit den 60 Millionen? Wie lange werde ich diesmal von meiner Familie getrennt sein? Die Schritte endeten direkt vor mir.
»Herr Rodríguez Santos, Sie sind vorläufig festgenommen.« Mir entging nicht der Klang des Triumphs in seiner Stimme.
»Weswegen? Was wollt ihr von mir? Wozu die Laserstrahlen, ich bin kein Terrorist.«
»Nein, das sind Sie nicht«, sagte der Fremde, »aber ... wo soll ich anfangen? Vielleicht mit dem Geldtransporter in Dortmund?« Er machte eine Pause. »Oder mit der Geschichte in Werne?« Noch eine Pause, jedes Mal fühlte es sich wie eine Ohrfeige an. »Wir wissen auch über K+K Bescheid«, fügte er trocken hinzu.
Sein Tonfall wurde vertraulicher. »Die Jungs vom SEK sind hier, weil wir nicht wissen, ob die Kalaschnikow, die ihr vergangene Woche gekauft habt, bei dir ist, oder die Tokarew TT-33 oder die Schrotflinte. Vielleicht sind die Waffen auch bei Hamza«, er machte wieder seine Pausen, »oder bei Salvatore ... oder bei euren Helfern. Deswegen haben wir euch alle gleichzeitig mit Spezialeinsatzkommandos besucht. Du hast noch Glück gehabt, weil du im Hotel geschlafen hast, deine Haustür wurde nicht gesprengt.« Mein Herz raste.
»Warum so sprachlos, Herr Rodríguez Santos? Eure Tour nach Stuttgart, Köln und Kamen ist abgesagt, jetzt geht es für dich ins Kittchen.« Er lachte. Ich sagte nichts mehr. Ich dachte nur: Schachmatt. Woher hat er die ganzen Informationen?
»Abführen.«
Ich durfte aufstehen und wurde durch das Hotel gezerrt, an der Rezeption vorbei, wo dieser Herr Meyers stehen musste, der mich am Telefon hereingelegt hatte. Von wegen Frühstück! Mehrere Hände umklammerten meine Arme, meine Schultern und meinen Nacken. Es war vorbei, ich konnte nichts mehr tun, mir konnten nur noch Gott und vielleicht meine Anwälte helfen.
Wir mussten draußen angekommen sein, die Kälte erfasste meine Füße. Der Mantel wärmte zumindest den Rest meines Körpers.
»Stehen bleiben.«
Ich hörte, wie Autotüren geöffnet wurden. Jemand zog mir die Augenbinde ab. Dann drückten sie meinen Kopf runter und zwangen mich in den Zivilwagen der Polizei. Drei maskierte Beamte stiegen mit ein: zwei vorne, einer saß neben mir auf der Rückbank. Ein Gefühl der Ohnmacht breitete sich in mir aus. Mein Körper war wie gelähmt. In diesem Moment hätte ich niemals gedacht, dass ich schon wenige Stunden nach der Aktion wieder frei sein würde ...
***
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Sohn.«
»Danke, Mami!«
»Zieh es an, mi amor«, sagte meine Mutter mit ihrem lateinamerikanischen Akzent. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Noch bevor sie meine Benjamin-Blümchen-Geburtstagstorte angeschnitten hatte, trug ich das Fußballtrikot meines Lieblingsvereins Real Madrid. Es sah genauso aus wie das Trikot meines Favoriten Raúl, mit nur einem Unterschied: Hinten stand mein Name, Rodríguez Santos!
»Du siehst aus wie ein Fußballstar.« Meine Mutter umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
»Danke, Mami. Wenn ich eines Tages ein richtiger Fußballstar bin, kaufe ich dir ein Haus. Mami, ich werde dann berühmt sein. Alle werden meinen Namen kennen und du wirst stolz auf mich sein!«
Welcher Zehnjährige in Deutschland träumt nicht davon, eines Tages Profifußballer zu werden? Nur leider werden diese Träume nicht immer wahr. Allzu oft enden diese Vorstellungen vergessen und zerstört am Boden. In meinem Fall auf dem Boden einer Gefängniszelle. Ich wurde nicht Asier Rodríguez Santos, der »Torschützenkönig«. Heute blicke ich in die Vergangenheit und beschäftige mich mit meinem Lebensweg und mit meiner Gier nach dem Unmöglichen. Mein Name wird nicht in einem Zug mit meinem Lieblingsverein genannt, sondern mit spektakulären Coups in Millionenhöhe. Es gibt keinen Zeitungsartikel, der mich als Fußballer lobt. Zeitungsberichte und Artikel betiteln mich als »Kopf der AMG-Bande«, wie in FOCUS online. Die Bild schrieb: »Größenwahn! Kopf der Geldtransporter-Bande wollte Milliardär werden.« Ist doch klar, oder? Nach den Millionen kommt die Milliarde! Viele Menschen, die von meiner Geschichte gehört haben, fragen mich: »Hat es sich für dich gelohnt?« Oder: »Wie hast du das geschafft? Und wieso haben die arabischen Großfamilien dich als Nichtaraber in ihren Reihen akzeptiert? Warum hast du nach der ersten Million nicht aufgehört?« Dieses Buch gibt Antworten darauf.
Es bleibt keine Zeit für ein letztes Gebet, sobald ein .357er-Magnum-Geschoss unter Feuerkraft den Revolverlauf verlässt. Trifft dich das Projektil, wird die Energie übertragen und verursacht immense Schäden. Die Durchschlagskraft hinterlässt an der Austrittsstelle ein weit aufklaffendes blutiges Loch.
Geld schützen - und wenn nötig, schießen. Dies wird den Sicherheitsleuten bei ihren Seminaren eingebläut. Sicherheitskräfte der Geld- und Wertbranche in Deutschland, die ihren Waffensachkundeschein erlangt haben, tragen zumeist Revolver. Unsere größte Sorge war, dass sie auf uns schießen würden, Fleisch, Adern und Sehnen zerfetzen und den grauen Asphalt in Dortmund rot färben. Die Gäste im italienischen Restaurant würden sich an ihrer Pasta oder ihrem Getränk verschlucken und die Polizei wäre innerhalb von 30 Sekunden am Friedensplatz/Ecke Olpe in der Dortmunder Innenstadt. Dieses Szenario mussten wir verhindern. Ich warf einen Blick auf meine G-Shock-Uhr im Militärstil.
»In fünf Minuten müsste die Beute ankommen«, sagte ich meinem Partner über das Wegwerfhandy.
»Alles klar«, sagte Hamza, »ich kann es nicht mehr abwarten, die beschissene Weste auszuziehen.« Wir trugen unter der Kleidung kugelsichere Kevlar-Westen, die laut Hersteller sogar .44er-Magnum-Geschossen standhalten sollten. Mit einem warmen Kakao in der Rechten stand ich an der Kleppingstraße und hielt Ausschau. Auf der anderen Straßenseite hatte mein Partner es sich bequem gemacht. Mit einer Zeitung in der Hand saß er im Audi RS6 Performance, der uns noch nie im Stich gelassen hatte. Allradantrieb und 605 Pferdestärken unter der Haube machten ihn zum idealen Fluchtwagen. Wir hatten die RS6-Embleme abgemacht, sodass der Audi RS6 auf den ersten Blick aussah wie ein A6 Avant. Nur Kenner würden diesen Gepard im Schafspelz enttarnen. Plötzlich blockierte ein Polizeiauto meine Sicht auf den Audi. Der Streifenwagen hielt als zweites Auto in der Reihe an der Ampel. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als der Polizist mich ansah. Ich trank einen Schluck, um den Augenkontakt zu unterbrechen, wischte mit der Zunge den Kakaoschaum von meiner Oberlippe und warf einen Blick in den Becher. Ich versuchte, glücklich zu wirken, als hätte ich gerade einen Schluck aus dem Jungbrunnen genossen. Als der Wagen losfuhr, verlor der Polizist augenscheinlich das Interesse an mir.
Beruhig dich, Asier, sagte ich zu mir selbst. Alles wird gut. Einen Job durchzuziehen, bringt einen ins Schwitzen. Sicher ist so etwas nie, und schon gar nicht, wenn bereits gegen einen ermittelt wird. Polizisten hatten ein paar Monate zuvor meine Wohnung durchsucht, doch ohne Haftbefehl konnten sie mich nicht einbuchten. Sie verdächtigten mich, Gold geraubt zu haben, und waren mir seitdem auf den Fersen. Trotzdem stand ich damals in Dortmund. Ich hatte mein Bestes gegeben, um mich ihrer Observation zu entziehen. Sein Bestes geben heißt aber nicht, sicher zu sein - nicht im 21. Jahrhundert, mit all den Kameras an jeder beschissenen Ecke.
»Ich sehe ihn«, sagte ich, »mach dich bereit.«
»Verstanden!«
Der Geldtransporter samt Beute hielt bei Rot genau vor mir an der Kreuzung. Ich nahm den nächsten Schluck und spähte dabei in den gepanzerten VW T5. Der Fahrer, Jürgen Klotz, 64 Jahre alt, war ehemaliger Bundeswehrsoldat, circa 1,85 Meter groß, für sein Alter sportlich gebaut, hatte blaue Augen und stahlsilbernes Haar. Der Beifahrer, in der Branche auch Läufer genannt: Christian Kobalt, 42 Jahre alt, seit 20 Jahren als Securitymann dabei, etwa 1,75 Meter groß, massig gebaut, Sportschütze und Judomeister.
»Das sind unsere Jungs«, sagte ich.
»Perfekt«, antwortete Hamza.
Ich wartete gemeinsam mit anderen Fußgängern darauf, dass unsere Ampel Grün zeigte. Die Ampel für die Fahrzeuge sprang zuerst auf Grün. Der Wagen mit unserer Beute samt Besatzung fuhr weiter und ließ mich an der Ampel stehen. Unzählige Geldtransporter, gepanzert, gesichert und GPS-überwacht, fahren tagtäglich zu Tausenden über deutsche Straßen und befördern Millionen, ja Milliarden Euro in Scheinen und Münzen. Die Sicherheit und Liquidität der gesamten Bundesrepublik Deutschland hängt davon ab, dass dieser Kreislauf nicht ins Stocken gerät. Sie sind wie Ameisen, die ihre Kolonie aufrechterhalten. An Geldtransporter wagen sich nur echte Profis und selbst davon scheitern einige.
Keine Sorge, Baby, gleich bin ich bei dir, dachte ich mir. Meine Augen folgten dem Fahrzeug, das wie immer ein Stückchen weiter die Kleppingstraße hinunterfuhr, ehe es links in die Viktoriastraße einbog, über die Betenstraße rollte und in der Olpe parkte. Hamza stieg aus dem Audi, ich ging bei Grün über die Ampel, zerdrückte den leeren Pappbecher, steckte ihn in meine Jackentasche und zog sicherheitshalber den Reißverschluss zu. Wir trafen uns an der Ecke des Rathauses. Hamza trug eine leere Sporttasche und ich einen fast leeren Rucksack.
»Hier«, sagte er und reichte mir ein nagelneues Paar schwarzer Handwerkerhandschuhe.
»Danke«, sagte ich, »beobachtet uns jemand?«
Er ließ seine Augen schweifen. »Nein, gerade nicht.«
Die Sonne schien, doch es war kalt, die Handschuhe, die ich mir eilig überstreifte, würden daher nicht auffallen. Hamza hatte sich seine bereits im Fahrzeug angezogen. Unsere Kleidung sah der Ausstattung der Sicherheitskräfte ähnlich, auch die trugen wir das erste Mal. Somit war es unwahrscheinlicher, DNA-Spuren am Tatort zu hinterlassen. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte ich meinen Joker im Rucksack. Ich nickte, und wir bewegten uns gemeinsam auf die Olpe zu, in Richtung Geldtransporter.
Alles war wie immer, die Menschen interessierten sich nur für ihre Angelegenheiten. Wir näherten uns dem Transporter. Er war allein und unbewacht. Doch in diesem Moment hielt hinter ihm ein Lkw. Zwei Männer stiegen aus, stellten sich knappe zwei Meter neben den Transporter und zündeten sich Zigaretten an.
»Verdammt«, sagte Hamza, »die stehen direkt daneben.«
Mit verschwörerischer Stimme antwortete ich: »Cool bleiben, so wie wir aussehen, denken die, es ist Schichtwechsel.«
Er grinste. Wir näherten uns dem Ziel, beinahe Schulter an Schulter. Meine Augen erfassten unser Jagdgebiet. Die zwei Lkw-Fahrer führten ein Gespräch und pusteten wechselseitig den Rauch in die Luft. Der Propeller eines Helikopters war aus der Ferne zu hören. Der Geruch von Abgasen zog in meine Nase. Eine Mutter schob ihren Kinderwagen vor uns auf dem Bürgersteig, wir gingen auseinander und machten ihr Platz, sie bedankte sich mit einem Lächeln, das ich erwiderte. Dann sah ich rechts von mir auf der anderen Straßenseite die Warnsignalfarbe - nicht Rot, sondern Blau. Diesmal setzte mein Herz gefühlte zwei Schläge aus, eine Schweißperle kullerte an meiner Schläfe herunter. Ein Polizist stieg von seinem Motorrad. Paranoia breitete sich in meinem Hirn aus. Das ist doch kein Zufall. Waren die Lkw-Fahrer von der Kripo und warteten nur darauf, uns zu überwältigen? Widerstandslos würden wir uns niemals ergeben.
Ich sah, wie der Polizist Strafzettel verteilte, und atmete tief aus. Hamzas Blick war auf den Transporter fixiert, wahrscheinlich hatte er den Polizisten nicht einmal wahrgenommen. Es gibt kein Zurück mehr, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Zu viel Zeit hatten wir investiert, zu viel Zeit, die ich lieber bei Frau und Tochter verbracht hätte. So kurz vor dem Ziel kam Aufgeben nicht in Betracht. Ich grüßte die Lkw-Fahrer mit einem »Moin«. Beide grüßten zurück. Entschlossen auftreten, routiniert, als wenn dies unser täglich Brot wäre, war die Devise. Ich ging zur Beifahrertür des gepanzerten Fahrzeugs und mein Partner zur Fahrertür. »Wer uns sieht, muss denken, wir sind die Sicherheitskräfte«, hatte ich in der Vorbereitungsphase immer und immer wieder gesagt, zu ihm und mir selbst, vor dem Spiegel. Jetzt würden wir sehen, wie zuverlässig der Insider Ibo war.
Bis hierhin stimmte alles. Der Geldtransporter, der in der Olpe jeden Donnerstag um die gleiche Uhrzeit parkte, wurde für etwa sieben Minuten von den Sicherheitsleuten Christian und Jürgen verlassen, während sie einen Münzautomaten im Rathaus füllten. »Sie steigen zu zweit aus. Damit das geht, geben die der Zentrale Bescheid«, hatte mir der Insider erzählt, »die Zentrale schaltet den Alarm ab.« Das verstieß gegen die Vorschriften. Im öffentlichen Bereich muss der Alarm des Geldtransporters immer scharf geschaltet sein und das Fahrzeug darf nicht allein gelassen werden. Um jedoch Zeit zu sparen und aus Personalmangel, sagte der Insider, blieb der Alarm für ein kurzes Zeitfenster unscharf - und der Transporter allein.
Ich stand vor dem Fenster der Beifahrertür. Auf der anderen Seite sah ich Hamza, der nun den Schlüssel ins Schloss schieben, die Fahrzeugtür aufschließen, einsteigen und mir von innen die Beifahrertür öffnen sollte. So hatten wir es geplant. Wir würden sehen, ob erstens der Schlüssel passte und zweitens der Alarm wirklich deaktiviert war.
***
Der Schlüssel passte, die Tür ging auf. Ich sah meinen Partner einsteigen. Er öffnete mir die Tür, ich stieg hinzu, setzte mich auf den Beifahrersitz.
»Unglaublich«, sagte ich, während ich die Tür zuzog, »wir sind drin!« Ich betätigte den Timer meiner G-Shock. »Ab jetzt fünf Minuten, Bruder.« Er nickte. Es war unfassbar, beinahe surreal. Dutzende Gauner hatten sich an Geldtransportern die Finger verbrannt. Sie waren meistens brachial vorgegangen. Einige stoppten die gepanzerten Fahrzeuge, blockierten sie mit Pkws, zückten ihre AK-47-Sturmgewehre, bedrohten, schossen, benutzten hydraulische Spreizgeräte, Sprengstoff, Trennschleifer und Thermolanzen, um an das Geld zu gelangen. Zumeist ohne Erfolg. Und wir, wir benötigten nur einen etwa zehn Zentimeter langen Schlüssel.
»Ja, wir sind drin.« Hamza blickte mich an. »Aber woran merken wir, dass der Alarm unscharf ist?«
»Wenn wir aussteigen und keiner auf uns schießt«, erwiderte ich trocken. »Es ist ein stiller Alarm.«
Er schluckte seine Spucke hinunter, steckte wie geplant den Autoschlüssel ins Zündschloss und drehte ihn so weit, dass die Knöpfe und die Tempoanzeige leuchteten. »Alles klar, das läuft auch«, sagte er. »Welche Knöpfe waren es noch mal?«
Ich schwieg und drückte den ersten von fünf roten Knöpfen, die sich genau dort befanden, wo normalerweise ein Radio steckt. Die elektronische Schiebetür zwischen uns, die zum Schleusenbereich führte, öffnete sich mit einem Zischen, wie die Türen bei Star Wars. Die Schleuse ist der Bereich zwischen Fahrerkabine und Frachtraum. Wir drehten gleichzeitig den Kopf nach hinten, warfen einen Blick auf die Frachttür und nickten uns lächelnd an.
»Sesam, öffne dich.« Ich drückte auf den roten Knopf mit der Nummer drei. Die Frachttür öffnete sich ebenfalls. Wir prüften vorsichtshalber die Umgebung, schauten in die Rückspiegel.
»Alles sauber«, sagte ich, »noch viereinhalb Minuten.« Ich stand auf und lief durch die Schleuse direkt in den Frachtraum. Hamza folgte mir. Dann ging es los. Er öffnete seine Sporttasche und ich nahm die Sprühflasche aus meinem Rucksack und stellte sie auf den Boden. Links im Frachtraum waren drei übereinander befestigte silberne Regale, voll belegt mit silbernen P-Behältern - Transportbehälter für Geld- und Werttransporte - ohne zusätzliche Farbsicherung oder sonstige Schutzvorrichtungen. Lediglich eine Plastikplombe und zwei Klappverschlüsse trennten uns vom Bargeld. Auf der anderen Seite stapelten sich gelbe Kisten, gefüllt mit Hartgeld und Plastik-Safebags, in denen bunte Scheine lagen.
»Zuerst die P-Behälter«, sagte ich. Wir zogen die silbernen Koffer heraus, rissen die Plomben ab und öffneten die Verschlüsse. Das bunte Cash prasselte in die Sporttasche. Wir fütterten die Tasche wie ein Greifvogel seine Küken. Nachdem wir fast alle Behälter geleert hatten, schien nichts mehr in die Sporttasche zu passen, also stampfte ich mit meinem Fuß das Geld weiter in die Tasche, um Platz zu schaffen, während ich die Griffe der Tasche mit beiden Händen in meine Richtung zog. Hamza reckte seinen Daumen hoch.
»Noch 1:39 Minuten«, sagte ich. Im Fahrzeug war es warm und ich schwitzte, wir würden sicherlich DNASpuren hinterlassen, doch darauf waren wir vorbereitet. Wir plünderten weiter, bis alle P-Behälter leer waren.
Ich schaute auf die Uhr. »Bruder, noch 40 Sekunden.« »Beeilung«, sagte er, »gib Gummi.«
Wir machten uns an den gelben Kisten zu schaffen und leerten sie, bis keine Geldscheine mehr in die Sporttasche passten. Ich versuchte abermals, mit meinem Fuß die Beute in die Tasche zu stampfen.
»Es geht nicht«, schimpfte Hamza, »lass es, in deinem Rucksack ist noch Platz.«
Nur mit vier Händen konnten wir den Reißverschluss der Sporttasche schließen. Plötzlich piepte der Timer meiner G-Shock, die Zeit war rum.
»Scheiße«, fluchte Hamza, »raus hier, komm!«
»Nein, warte mal.«
»Was meinst du mit ›warte mal‹?«, sagte er. »Ich hab keinen Bock auf Knast oder Grab.«
»Warte, ganz kurz noch«, sagte ich, während meine Hände das restliche Bargeld in den Rucksack zwangen. Das Hartgeld mussten wir liegen lassen. Dann setzte ich den Joker ein, die Sprühflasche. Auf die gleiche Art und Weise, wie wir in den Frachtraum, die Schleuse, die Fahrerkabine und den »Panzer« gelangt waren, verließen wir ihn auch wieder. Hamza ging voraus, während ich mit der Sprühflasche noch schnell den Frachtraum, den Schleusenbereich, die Fahrerkabine wie auch Lenkrad, Sitze, Türgriffe und die roten Knöpfe besprühte. Ich hustete aufgrund der austretenden Dämpfe.
»Diesmal gibt’s keine DNA für euch.« Mein Partner war bereits mit der Sporttasche ausgestiegen, ich folgte ihm. Die beiden Lkw-Fahrer sahen uns verdutzt an, sagten aber nichts und rauchten weiter. Wir liefen eilends die Straße hinunter Richtung Fluchtwagen, der um die Ecke an der Kleppingstraße geparkt stand. Noch drehten wir uns nicht um. O Gott, bitte lass keine Kugel uns durchbohren, betete ich innerlich immer wieder. Dass wir kugelsichere Westen trugen, hatte ich bereits vergessen. Aber allein der Druck der Geschosse würde uns wahrscheinlich umhauen - und Kopf, Hals, Arme sowie Beine waren nicht kugelsicher.
An der Ecke des Rathauses wurde Hamza langsamer, mein Partner war außer Atem, die Sporttasche schien wohl schwer zu sein, deswegen nahm ich sie ihm ab.
»Shit!« In der Tasche hätten genauso gut Steine stecken können. Ich warf einen Blick nach hinten in Richtung Transporter. O verdammt! Die Geldtransporterfahrer Jürgen und Christian kamen um die Ecke und näherten sich dem geplünderten Fahrzeug. Ihre silbernen Revolver glänzten im Holster, als die Sonne ihre Strahlen darauf warf. In meinem Brustkorb breitete sich Hitze aus. Ich griff die Sporttasche fester und rannte um das Rathaus, bloß raus aus der Schusslinie. Hamza lief dicht hinter mir.
»Bruder, beeil dich, die sind gleich da!«
Scheiße! Er zückte den Audi-Schlüssel, ließ ihn fallen, hob ihn schnell wieder auf und öffnete das Fahrzeug. Ich riss die Hintertür auf, warf Sporttasche und Rucksack auf den Rücksitz und stieg hinzu. Hamza sprang auf den Fahrersitz und startete den Motor.
»Warte! Hamza, fahr unauffällig.«
Er atmete aus. »Das habe ich auch vor.« Dann fuhr er vorsichtig auf die Kleppingstraße, nachdem er vorbildlich einen Schulterblick gemacht und den Blinker gesetzt hatte.
Ich duckte mich. »Unauffällig, aber zügig«, sagte ich, »die Polizei wird gleich aus allen Löchern kriechen.« Plötzlich hörte ich in der Ferne ein Martinshorn aufheulen. Ich erstarrte. Unsere Augen kreuzten sich im Rückspiegel.
***
Ein Streifenwagen schoss an uns vorbei und bog an der Kreuzung ab. Der war nicht hinter uns her. Doch das hieß noch lange nicht, dass wir sicher waren. Wir standen an der Kreuzung, die Ampel zeigte Rot. Christian und Jürgen müssten mittlerweile den Transporter geöffnet haben und hatten bestimmt schon den Notruf gewählt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Cops die Autobahnauffahrten absperrten und eine Ringfahndung anordneten. Ich lag auf der Rückbank, neben mir lagen die Beute und zwei Feuerlöscher.
Der beste Weg, einen Polizeiwagen abzuschütteln, ist der Klassiker: Geschwindigkeit. Deswegen nahmen wir am liebsten hochmotorisierte Fahrzeuge als Fluchtwagen. Doch was tun, wenn du durch den Stadtverkehr fliehen musst, um die Autobahn zu erreichen, und du nicht alles aus dem V8- oder V12-Motor herausholen kannst? Dann gab es die Möglichkeit, mit einer scharfen Waffe auf die Reifen oder die Motorhaube seiner Verfolger zu schießen - ein AK-47-Sturmgewehr verfügt über schlagfertige Argumente. Wir wählten aber lieber sanftere Methoden. Deswegen lagen zwei Feuerlöscher griffbereit: Der Schaum nimmt Verfolgern die Sicht.
Wir mussten auf die Autobahn kommen, um uns so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone zu entfernen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.
»Wie sieht’s aus, Hamza?«
»Bis jetzt alles sauber.«
Er hielt sich an die Verkehrsregeln, und keiner hatte unseren Fluchtwagen gesehen, also wussten die Polizisten nicht, welches Fahrzeug sie anhalten mussten. Die Zeugen würden ihnen lediglich den Hinweis liefern, dass zwei südländische Typen in den gleichen Klamotten wie die Securitymänner mit leeren Taschen gekommen waren, die dann in den Geldtransporter stiegen und mit vollen Taschen wieder gingen. Wohin? Richtung Kleppingstraße. Die Cops würden also nach zwei Personen suchen, im Audi saß augenscheinlich nur einer. Hamza fuhr, das konnte er gut. Schon mit 14 Jahren hatte er seine Ex-Freundin überredet, die Autoschlüssel ihrer Eltern zu stehlen, damit wir nächtliche Spritztouren unternehmen konnten. So entwickelten sich unsere ersten Verfolgungsjagden. Anhalten und Führerschein zeigen war nicht drin, die einzige Fahrkarte, die wir damals hatten, war unser Schülerticket.
Da waren wir mal wieder, ich auf dem Rücksitz, neben mir mindestens eine halbe Million Bares, Hamza am Steuer. Und der Kick, der zur Gewohnheit wurde, die vertraute Angst - ich genoss sie. Wenn man erwachsen ist, hat man viel um die Ohren: Geschäfte, Familie, Ziele, Sorgen und Ängste. Jeder kennt das, und jeder hat Momente, in denen er in die Jugend zurückkatapultiert wird. Der Hackbraten bei Oma, die Plätzchen zu Weihnachten, der Geruch von Zimt, eine Reise zum Haus am See, wo man mit Opa das erste Mal angeln war. Nun, mein Erlebnis, das mich sofort in meine Kindheit zurückversetzte, waren diese Coups. Bei Räuber und Gendarm wollte ich als Kind immer auf der Seite der Flüchtigen sein. Die Schritte des Gegners vorausahnen, ihn überlisten, Verluste einstecken, fallen, aufstehen, weitermachen.
Plötzlich schlichen sich Dämpfe in meine Lunge, ich hustete, bekam schlecht Luft. Hamza hustete ebenfalls.
»Was ist das?«, fragte er. »Warum muss ich so husten?« Das Erste, was mir in den Sinn kam, war ein Fall, von dem ich mal gehört hatte. Die Cops hatten in einem Fluchtwagen von Bankräubern eine CS-Gas-Anlage einbauen lassen. Sie warteten, bis die Räuber ihren nächsten Job durchzogen, und als diese in den Fluchtwagen einsteigen wollten, um zu entkommen, mussten die Polizisten nur noch einen Knopf drücken.
»Oh shit«, sagte ich, packte die Sprühflasche, die unter dem Sitz lag, stopfte sie schnell in eine Plastiktüte und knotete sie zu. »Das war die Flasche mit der Säure«, erklärte ich Hamza und fuhr das Fenster auf meiner Seite ein Stück runter. Ich verschwieg, dass ein paar Tropfen ein Loch in die Fußmatte geätzt hatten.
»Wir sind fast auf der Autobahn, bleib unten«, sagte Hamza, »ich sehe keine Absperrung, aber an der Auffahrt ist ein wenig Stau.«
Ich musterte die Decke des Audis und erkannte ein Brandloch, jemand musste hier drin geraucht haben, aber wie konnte das sein? Wir nutzten den Wagen doch nur für die Arbeit und keiner von uns rauchte. »Hamza! Hier ist ein Brandloch in der Decke.«
»Nicht jetzt.«
»Aber ...«
»Erkläre ich dir später. Ich bin jetzt auf der Autobahn, bleib noch ein wenig unten.«
»Okay!« Kein Vertrauen, kein Erfolg. Solange wir unseren Regeln und Prinzipien treu blieben, würden wir unbesiegbar sein.
Nach jedem erfolgreichen Coup gönnte ich mir Urlaub, das war eine meiner Regeln.
»Ich freue mich auf die Karibik«, sagte ich, »da feiere ich meinen 23. Geburtstag.«
»Freu dich nicht zu früh, Bruder«, sagte Hamza, seine Stimme wirkte nervös. Ich richtete mich auf und sah Stau, ohne Aussicht auf freie Fahrt.
»Das ist ein Problem«, sagte ich, »die werden ihre Fahndung auf mindestens 50 Kilometer ausweiten.« Wie auf Kommando erklang alles auf einmal: Mehrere Sirenen kamen näher, zudem hörte ich erneut den Helikopter. Die Jagd war in vollem Gange und wir waren die Beute.
Im Zuge jeder Observation fuhren wir die Fluchtroute ab. Um diese Uhrzeit gab es selten Stau, doch ausgerechnet am D-Day wurde uns der Fluchtweg versperrt.
»Was machen wir jetzt, Hamza? Wenn wir nicht wegkommen, schnappen sie uns.«
»Ich habe auch einen Joker«, sagte Hamza, »das Brandloch hat der Mechaniker hinterlassen«, sagte er, »beim Einbauen.«
»Beim Einbauen wovon?«
Hamza kramte aus einer Tüte ein Blaulicht hervor, steckte das Kabel in den Zigarettenanzünder, fuhr sein Fenster herunter und befestigte die Leuchte am Autodach. Klick, der Magnet dockte an.
»Bist du verrückt, das wird niemals gut gehen, hol das Ding wieder rein, damit erregen wir nur unnötig Aufmerksamkeit!«
»Vertrau mir.«
»Hamza, lass uns zuerst überlegen, was ...« Doch er wartete nicht, schaltete das Blaulicht ein und es blitzte auf. Er drehte sich kurz nach hinten und grinste wie ein kleiner Junge, der nur auf die richtige Gelegenheit gewartet hatte, um sein Spielzeug zu demonstrieren. Dann drückte er auf einen Knopf, der mir neu war. Die Sirene heulte los. Ich streckte meinen Kopf hoch und warf einen Blick auf die Autobahn. Die Autos vor uns machten Platz. Der Audi RS6 legte seinen Schafspelz ab und wurde zum Raubtier, der V8-Motor brüllte auf, die Kraft der 605 Pferdestärken drückte mich in die Rückbank. Den Stau hatten wir schnell hinter uns gelassen.
Vor meiner Tür hielt ich wie immer kurz inne, die Augen klappten zu, die Lungenflügel füllten sich mit Luft. Ich entspannte, um mich auf den Übergang in mein eigentliches Leben vorzubereiten. Ich schloss auf, trat durch die Tür, zog meine Schuhe aus. Der Duft von leicht angebranntem Reis und knusprig gegrilltem Hähnchen schwebte in der Luft. Ich legte meine Umhängetasche auf die Kommode, in der befanden sich die Lernunterlagen für meine Umschulung. Noch bevor ich meine Jacke aufhängen konnte, umklammerten zwei kleine watteweiche Arme mein rechtes Bein. Ich schaute hinunter und sah in die honigbraunen Knopfaugen meiner kleinen Tochter. Sie lächelte mich an.
»Hallo, mein Schatz.« Sie lächelte noch mehr und streckte ihre Arme in die Luft. Ich hob sie hoch und küsste sie auf ihre Wange. »Na, mein kleiner Teddybär, wo ist deine Mami?« Sie zeigte in Richtung Esszimmer. Mit ihr auf dem Arm ging ich durch die Diele. Meine Frau deckte den Tisch. Wir begrüßten uns, sie fragte nach meinem Tag und ich nach ihrem. Mutter war auch da, wir setzten uns an den Tisch und aßen gemeinsam zu Abend.
Ich hatte meiner Familie versprochen, nie wieder kriminell zu werden. Nach meiner letzten Haft hatte ich mich auch daran gehalten. Ich absolvierte eine Umschulung zum Immobilienkaufmann, und die war auch gut angelaufen. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem meine Perspektive zermalmt wurde. Die Polizei platzte in das Immobilienbüro, in dem ich arbeitete, schleifte mich auf das Revier, um mich mit Fragen zu löchern, auf die ich ihnen keine Antwort gab. Sie fragten nach Hamzas Cousin Abu aus Berlin. Es ging um einen ziemlich eindrucksvollen Raub. Abu stand unter Verdacht, weil er ein enger Freund von einem der Räuber war. Die Spezialkommandos sprengten Abus Wohnungstür in Berlin, gleichzeitig hatten sie sich vom Dach abgeseilt und brachen durch die Fenster in die Wohnung ein. Als er uns das erzählte, dachte ich, ich wäre im falschen Film. Es war ein Schock für seine drei Kinder.
Für meinen Chef war es ein Schock, dass die Polizei in das Immobilienbüro reinplatzte und mich mitnahm. Auf dem Revier fingen sie dann mit der üblichen Scheiße an.
»Ihr seid alles Diebe, Verbrecher, Abschaum«, sagte der Polizist, »wir wissen, dass ihr euch alle untereinander kennt, wie eine kleine beschissene Familie. Und wir wissen, dass Abu H. nach NRW kommt und ihr mit ihm krumme Dinger dreht.«
»Ihr seid sehr erfinderisch«, sagte ich, »warum schreibt ihr keine Romane?« Tatsächlich gab es da eine Kooperation mit den Jungs aus dem Wedding, sie hatten meine Karriere als Dieb gefördert. Die Kooperation lag jedoch schon lange zurück. Der Officer war wohl nicht auf dem neuesten Stand.
»Dir wird dein Humor noch vergehen, Rodríguez. Wir wissen von euren Schwanzvergleichen. Wer dreht das größere Ding.« Dann haute er mit der Faust auf den Tisch. »Abartig! Also, was kannst du über den Raub in Berlin sagen, Rodríguez? Wir wissen, es waren Araber.«
»Sind es nicht immer die Araber?«, fragte ich schelmisch. Ich hörte seine Zähne knirschen. Dann übernahm sein Kollege.
»Du bist auf Bewährung, Rodríguez, gerade raus aus dem Jugendvollzug. Das wissen wir. Und so einfach«, er schnippte mit den Fingern, »gehst du wieder rein. Und diesmal in den Erwachsenenknast, dann ist Schluss mit lustig. Also, Rodríguez! Was weißt du?«
»Wir wissen, dass du was weißt!«
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Ihr wisst doch angeblich alles«, sagte ich, »warum fragt ihr dann mich?«
»Da ist die Tür. Verschwinde!« Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und ging.
Sie taten so, als hätte ich mich selbst eingeladen. Abu H. aus dem Wedding hatte nichts mit dem besagten Raub in Berlin zu tun und ich hatte nichts zu sagen. Trotzdem verlor ich meinen Umschulungsplatz.
»Imageschaden. So etwas können wir nicht gebrauchen«, sagte mein Chef, »tut mir leid.«
Meiner Frau gegenüber schämte ich mich und verheimlichte es. Seitdem ging ich morgens aus dem Haus, um angeblich die Umschulung zu beenden. Tatsache war, ab diesem Moment war ich wieder im Geschäft und plante Coups. Der Bulle hatte recht, je spektakulärer, desto besser. Als das Geld wieder reinschneite, musste die nächste Lüge her. Während der Umschulung arbeitete ich angeblich bereits als Makler. Wie sollte ich meiner Familie denn sonst das ganze Geld und den Luxus erklären? Ihnen sagen, dass ich heute Mittag einen Geldtransporter geplündert hatte? Dass ich anschließend alle Beweise im Kamin unseres Safehouses verbrannt hatte und dass Hamza und ich trotz zweier Zählmaschinen drei Stunden benötigt hatten, um die gestohlenen 560 000 zu zählen? Ich konnte meiner Familie nicht erzählen, dass ich mal wieder mit meinem Leben russisches Roulette gespielt hatte. Für sie war ich Asier, Papa, Sohn, Ehemann, in der Immobilienbranche tätig und alles andere als kriminell. Denn das erste Gebot, das ich mir auferlegt hatte, hieß: Bring niemand anderen mit deiner Scheiße in Gefahr. Deswegen trennte ich Familie und Geschäft so scharf voneinander wie eine Guillotine die Köpfe der Verurteilten von ihren Körpern. Wenn hier ein Kopf rollen musste, dann bitte meiner.
Abends joggte ich zum Hauptbahnhof. Ich lief ins Internetcafé, legte dem Afghanen einen Euro auf die Theke und setzte mich an einen Rechner. Mein Insider musste noch seinen Anteil bekommen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, anonym zu kommunizieren. Mein Insider und ich teilten uns eine E-Mail-Adresse, wir hinterließen einander lediglich Zeit und Ort im Entwurfsspeicher. Auf diese Weise gelangte kein einziges Wort ins Netz, wo es entdeckt oder abgefangen werden könnte. Die Bestätigung erfolgte durch das Löschen der Wörter im Entwurf, oder man machte einen Gegenvorschlag. Um auf Nummer sicher zu gehen, loggte ich mich über den Tor-Browser in den E-Mail-Account ein. Tor ist ein Overlay-Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten. Tor schützt seine Nutzer vor der Analyse des Datenverkehrs.
Ich öffnete den Entwurfsordner und las:
12.11.2016, 20:30 Halde. Warnung! Sei vorsichtig, keine Verfolger!
Anschließend löschte ich die Nachricht. So etwas hatte er noch nie geschrieben. Ich atmete tief aus, massierte mit den Fingern meine Schläfen. Was zum Teufel war hier los?
***
Gebot Nummer zwei hieß: Zieh keine voreiligen Schlüsse. Angst lähmt, dies führt zu Unachtsamkeit.
Das Ruhrgebiet ist bekannt für seine spektakulären Halden. Die Halde Hoheward in Recklinghausen lag einige Kilometer von meinem Zuhause und dem des Insiders entfernt. Ibo war Mitte 50 und hatte sein ganzes Leben lang hart geschuftet. Ich kannte ihn schon seit meiner Jugend, Ibo war früher Bäcker gewesen. In der Geld- und Wertbranche arbeitete er seit ein paar Jahren. Gegen eine Spitzenbezahlung besorgte er mir wertvolle Informationen. Die Arbeitsbedingungen seien schlecht, sagte Ibo, er fühle sich diskriminiert. Salvatore, mein Partner und ebenfalls Insider, erzählte mir Ähnliches.
»Die haben das verdient«, wiederholte Ibo immer wieder.
Jeder muss selbst wissen, wie er sein Handeln begründet und rechtfertigt, mir war es nur recht. Ich hatte Ibo über alles aufgeklärt, was schiefgehen könnte. Ich hatte mit ihm das Was-wäre-wenn-Spielchen gespielt. Ibo garantierte mir seine Loyalität.
»Egal, was passiert, niemals pack ich aus«, gab er mir sein Wort.
»So können wir arbeiten«, sagte ich.
Die Sonne war bereits untergegangen. Über Feld- und Waldwege zu einem Treffen zu gelangen, war mir am liebsten, sie boten Schutz. Ich inhalierte die saubere Luft des Waldes, nur ein fanatischer Polizist würde von seiner Sitzheizung springen, aus dem Wagen stürmen und mir hinterherjoggen, die meisten haben es lieber bequem. Ibos Anteil hatte ich in 100-, 200- und 500-Euro-Scheine gewechselt, somit war ich flexibler. Geld ist schwerer, als man denken mag. Ich fragte mich, warum Ibo diese alarmierende Nachricht geschrieben hatte. Hoffentlich behielt er die Kontrolle! Fehler passieren, wenn man paranoid ist, sich zu viel Druck macht - oder Druck machen lässt. Damals war sein Durchhaltevermögen schwer einzuschätzen. Wo lagen seine Grenzen?
Der höchste Punkt der Halde mit ihren stufenartigen Ebenen ist 152 Meter hoch. Ich hätte über die Drachenbrücke laufen können, bevorzugte jedoch die 529 Stufen auf der anderen Seite, eine steile Treppe hinauf geht es schneller.
Ganz oben angekommen, peitschte mir ein feuchter, kühler Wind ins Gesicht, der mir die Kapuze vom Kopf blies. Um mich herum der Panoramablick übers Ruhrgebiet, aber kein Ibo. Eine Stunde wartete ich dort, doch niemand kam. Komisch.
Zeit zu verschwinden, dachte ich. Die Treppen hinunter ging es schneller, doch meine Beine wurden taub, also pausierte ich auf einer Bank. Penetrante Windböen schlugen hin und her, die Büsche raschelten, die Äste knirschten. Meine Haare sträubten sich. Weiter geht’s! Die Hälfte der Stufen hatte ich geschafft. Mein rechter Fuß schwebte bereits in der Luft, um zwei Stufen auf einmal hinabzusteigen. Doch dann hörte ich knirschenden Kies und schnelle Schritte. Ich sprang hinunter, fuhr mit meinem Körper herum, setzte das rechte Bein als Stütze hinter das linke und zog blitzartig mit der rechten Hand ein Messer aus meiner Hosentasche. Ich sah irgendeinen Typen aus den Büschen stürmen, die dunkle Kapuze bedeckte sein halbes Gesicht. Ein Killer wie aus Assassin’s Creed!
»Wer bist du?«, brüllte ich.
Es sind Millisekunden, in denen sich alles ändern kann. Dumme Entscheidungen oder Nachlässigkeit können Lawinen des Unheils auslösen. Der falsche Schritt hat schon viele Bergsteiger das Leben gekostet. Kämpft man beim Autofahren gegen die Müdigkeit an, statt sich auszuruhen, kann es passieren, dass man frontal in ein anderes Auto kracht oder Fußgänger umfährt. Meinen Vater kannte ich erst seit einem Jahr, davor gab es ihn in meinem Leben nicht. Aber er brachte mir einiges bei und erteilte mir Ratschläge. »Por la boca muere el pez - der Fisch stirbt durch sein Maul«, sagte er. Ein falsches Wort zur falschen Zeit am falschen Ort raubt dir die Freiheit, deine Gesundheit oder gar das Leben. »Denke, bevor du handelst!«
Den schwarzen hölzernen Griff meines Messers hielt ich fest in meiner Faust. Die scharfe Damastklinge durchdringt Fleisch wie Butter. Eine Millisekunde, vielleicht waren es auch zwei, wartete ich ab - bereit, dem Lebensmüden die kalte Klinge ins warme Gewebe zu stechen. Dann erkannte ich ihn.
»Verdammt, Ibo! Was ist los mit dir? Warum schleichst du hier so rum?«
Er hob seinen Zeigefinger an die Lippen. »Psst ... nicht so laut!«
»Was ist denn los?«, fragte ich mit gesenkter Stimme.
»Was los ist, das fragst du noch?« Ibo drehte seinen Kopf in alle Richtungen, dann schaute er mich mit aufgerissenen Augen an, die Augäpfel schienen aus den Höhlen zu quellen.
»Bei uns auf der Arbeit ist die Hölle ausgebrochen, das ist los! Die Kriminalpolizei ist hereingeplatzt. Jeder, der schon mal die Dortmund-Tour gefahren ist, wurde verhört.«
»Hmmm.«
»Was heißt denn hier ›hmmm‹? Jeder, der diese Tour gefahren ist - und es ist egal, wie viele Monate oder Jahre es zurückliegt -, wird verdächtigt.«
»Damit mussten wir rechnen.«
»Ich habe damit nicht gerechnet. Scheiße, ich bin die Tour nur dreimal gefahren.« Er hielt mir drei Finger vor die Nase. »Drei Mal - zweimal damals und einmal vor Kurzem, als ich den Schlüssel kopieren ließ.«
»Ibo, beruhige dich.« Ich musterte ihn von oben bis unten. Schweißtropfen liefen an seiner Wange herunter, sein Kiefer zitterte.
»Auf der Arbeit munkelt man, dass der Chef darüber nachdenkt, eine Detektei zu beauftragen. Fuck! Es ist schlimm genug, dass die Bullen heiß auf uns sind. Zehn Riesen bekommt derjenige, der uns verpfeift, Asier ...« Er hielt zehn Finger in die Luft und stockte. »10 000 Euro!« Seine Lippen vibrierten. »Die haben ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt!« Ibo fasste an seinen Hals, als zerquetschte ihm ein Strick die Luftröhre. »Ich habe Angst, verstehst du das?« Er schaute mich fragend an.
»Ich verstehe dich und weiß, wie du dich fühlst. Aber beruhige dich. Du musst deine Gedanken und die Angst zügeln, ansonsten bist du nicht schlauer als einer dieser Typen, die jedes Jahr aufs Neue den Weltuntergang prophezeien.« Meine Hände lagen mittlerweile auf Ibos Schultern. »Bruder, bleib ruhig und achtsam.«
»Achtsam«, wiederholte Ibo und legte seinen Kopf in den Nacken.
»Ja, achtsam. Pass auf, wir atmen jetzt erst mal tief ein und aus.«
»Spinnst du?«
»Nein.« Ich atmete tief ein, meine Brust weitete sich, die Lunge füllte sich mit Sauerstoff. Nach einigen Sekunden ließ ich die Luft wieder raus. »Mach mit.«
Wir atmeten gleichzeitig ein und aus, insgesamt sechs Mal. Ibos Schultern lockerten sich, sie sanken herab und seine Gesichtszüge entspannten sich.
»Pass auf.« Meine rechte Hand ruhte auf seiner Schulter, mit der linken öffnete ich den Reißverschluss meiner Jacke und zog einen dicken Batzen Geld heraus. Die Gummibänder drum herum sorgten dafür, dass ich ihn überhaupt mit einer Hand halten konnte und der Wind uns nicht beraubte. Die grünen, gelben und lila Scheine hielt ich direkt vor Ibos Augen. Dann packte ich seine linke Hand und klatschte das Geld darauf.
»Hier ist dein Anteil, wie versprochen. Ich halte mein Wort. Wir sind bis hierhin gekommen, den Rest schaffen wir auch. Du erzählst mir jetzt erst mal alles bis ins kleinste Detail, dann überlegen wir zusammen, wie es weitergeht. Verstanden?«
Ibos Augen waren auf den Geldhaufen in seiner Hand fixiert. Er schmunzelte.
»Ibo? Verstanden?«
Er räusperte sich. »Ja ... ja, verstanden.«
»Hey, Ibo, ich mein das ernst. Ich lass dich nicht im Stich, alles wird gut. Unser Lauf hat gerade erst begonnen, so leicht stoppt uns niemand.«
Ich legte meinen Arm um seine Schultern und stieg mit ihm die Stufen hinauf. Was Ibo mir dann erzählte, überraschte mich, doch was die Zukunft tatsächlich für uns bereithielt, überragte die höchste Stufe meiner Vorstellungskraft.
»Asier, verstehst du mich jetzt?« Wir saßen auf einer Bank, ganz oben auf der Halde.
»Ja, Ibo, ich verstehe.« Er redete weiter, und ich nickte, doch ich hörte nicht wirklich zu. Er hatte einen Namen genannt, den ich gut kannte. Es war der Name eines Polizisten, der schon einmal dazu beigetragen hatte, dass ich im Gefängnis landete. Meine Gedanken spielten Schach, ich ging die Züge des Gegners durch und plante meine eigenen. Einige Passanten hatten in Dortmund unsere Gesichter gesehen. Auf einem Phantombild würde er uns vielleicht wiedererkennen.
Lässt er uns vorerst weitermachen und observiert? Oder schlagen sie direkt zu?
Der Dortmund-Coup war ein schwerer Diebstahl, fünf bis zehn Jahre Haft würde es dafür geben. Wir müssen das Geld in Sicherheit bringen. Vielleicht geschieht gar nichts.
Sei nicht leichtsinnig, Asier.
Ich werde den Flug vorverlegen. Ich muss in die Dom Rep! Das Grundstück mit der Kakaoplantage und der Villa, dieses Geschäft muss ich machen. Selbst wenn ein Haftbefehl ergeht, dort finden sie mich nicht so leicht.
»Wir müssen Pause machen, verstehst du?« Ibo sah mich eindringlich an.
»Ja, ich weiß.«
»Muss ich mir Sorgen machen?«
»Nein, nein. Pass auf, Fakt ist, dass dich niemand mit dem Tatort in Verbindung bringen kann. Weil du auf einer ganz anderen Route unterwegs warst. Stimmt’s?«
»Ja, stimmt.«
»Die versuchen nur, Panik zu verbreiten. Aber nicht mit uns. Nicht mit dir, Ibo.« Ich verpasste ihm einen Boxschlag auf die Schulter. »Das zieht bei dir nicht. Ibo, zerbrich dir nicht den Kopf! Wir stehen zusammen, wir fallen zusammen - komme, was wolle.« Ibo schielte nach rechts, er schien zu überlegen.
