Die Andere Seite Des Bürgersteigs - Jembiter Liber - E-Book

Die Andere Seite Des Bürgersteigs E-Book

Jembiter Liber

0,0

Beschreibung

Was bedeutet es, in einem Land geboren zu sein - und sich dennoch täglich rechtfertigen zu müssen? Die andere Seite des Bürgersteigs (Unsichtbar Deutsch) erzählt von einem Leben zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen juristischer Klarheit und menschlicher Kälte. In fünf eindrucksvollen Tatsachenberichten schildert Arber Shabanaj - bekannt unter seinem Künstlernamen Jembiter Liber - Begegnungen mit systemischer Ausgrenzung, sprachlicher Ohnmacht und einer Gesellschaft, die nicht immer bereit ist, ihre eigenen Widersprüche zu hinterfragen. Mit scharfem Blick und poetischer Tiefe dokumentiert dieses Buch die Lebensrealität vieler Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund - eine Realität, die häufig übersehen oder bewusst ignoriert wird. Ein aufrüttelndes Plädoyer für Gerechtigkeit, Würde und das Zuhören - besonders, wenn es unbequem wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die größte Sünde der Welt besteht darin,

sich auf die Seite dessen zu stellen,

der Unrecht hat,

und zum Feind dessen zu werden,

der im Recht ist.

JEMBITER LIBER

Biografien & Memoiren Jembiter Liber

1. Auflage November 2025

Verfasser / Urheber:

Jembiter Liber

[email protected]

Tel.:+49 151 58 332 502

www.jembiter-liber.de

Inhaltsverzeichnis

Weitere Informationen

Vorwort

Anmerkung zum Anhang

Drei Narben Und Kein Recht

Die Andere Seite Des Bürgersteigs

Das Porträt

Die Unterlassene Hilfeleistung

Zerrissene Einladung

Hinweis des Autors

Hinweise

Botime të autorit

Die Bibliografie /Publikationen

Autorenvita

Vorwort

Als ich im August 1991 als Vertriebener nach Deutschland kam, ließ ich politische Anfeindungen, Ungerechtigkeiten und Demütigungen, die ich in meiner Heimat hatte erfahren müssen, hinter mir.

Direkt bei meiner Ankunft in der Bunderepublik begegneten mir als Jurist und Dichter zwei Wörter, die mir seither in Erinnerung geblieben sind: „Tagesschau” und „Lindau”. Das waren zugleich die ersten beiden deutschen Ausdrücke, die ich in dieser Zeit lernte. Man könnte sich fragen: Warum gerade diese beiden Begriffe? Ganz einfach - weil sie sich so faszinierend reimten.

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Umgang mancher weniger befugten Körperschaften (darunter Beamte, Kommissare, Gesetzeshüter, wohl auch „hoch angesehene” Rechtsanwälte und andere), mit denen ich in meiner Ankunftszeit -, als ich in ständigem Kontakt mit Ämtern und Institutionen stand - zu tun hatte. Oft bekam ich zur Antwort: „Ich verstehe kein Französisch”, wenn ich versuchte, mich auf Englisch, der hier gebräuchlichen Fremdsprache, zu verständigen. Logischerweise konnte ich die deutsche Sprache zwei bis drei Monate nach meiner Ankunft noch nicht für eine barrierefreie Kommunikation nutzen.

Ich war in einen Rechtsstaat gekommen, in dem die „Würde des Menschen” als unantastbar gilt, wie es Artikel 1 des Grundgesetzes aussagt, und in dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sein sollten. Hier, in meiner „neuen Heimat”, würde es mir besser ergehen - so dachte ich.

Damals war ich von dieser Vorstellung überzeugt. Doch im Verlauf meines Lebens in diesem Land kamen mir in einigen Fällen starke Zweifel, und ich wurde mitunter sehr enttäuscht. Die Erlebnisse, die diese Zweifel und Enttäuschungen verursacht hatten, habe ich in fünf Tatsachenberichten festgehalten, die in diesem Band zusammengestellt wurden.

Der Tatsachenbericht „Drei Narben und kein Recht” von Lexo Liber, einem 12-jähjrigen Jungen aus Südbayern, erzählt eindrucksvoll von einem folgenschweren Vorfall mit einem ungesicherten Hund und den tiefen körperlichen sowie seelischen Spuren, die dieser hinterlassen hat. Dieser Bericht ist die ehrliche, mutige und aufwühlende Stimme eines Kindes, das durch eigene Erfahrung gezwungen wird, sich mit den Themen Verantwortung, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Doppelmoral auseinanderzusetzen. Lexos Geschichte ist ein Appell an Mitgefühl, Zivilcourage und daran, Kindern zuzuhören, wenn sie von Unrecht berichten.

„Die andere Seite des Bürgersteigs” - Was bedeutet es, in einem Land geboren zu sein und sich dennoch erklären zu müssen? In diesem eindrucksvollen Tatsachenbericht erzähle ich mit bewegender Klarheit von den subtilen und offenen Formen der Diskriminierung, denen meine Familie in Deutschland begegnete - als Zugewanderte, als Deutsche, als Menschen. Ich schildere nicht nur persönliche Erlebnisse voller Hoffnung und Enttäuschung, sondern stelle zentrale Fragen über Zugehörigkeit, Herkunft, Systemversagen und Würde. Was bedeutet „Migrationshintergrund” im 21. Jahrhundert, und wie lange bleibt er bestehen, selbst wenn er statistisch längst verschwunden ist?

Im Mittelpunkt des dritten Tatsachenberichts „Das Porträt” stehen die Sorgen und Nöte einer Vertriebenenfamilie, die in Deutschland erleben muss, wie sie durch bürokratische Maßnahmen schikaniert wird - Maßnahmen, die jenen gefallen, die im Herzen ein exklusives Deutschsein für sich reklamieren und andere ausgrenzen wollen.

Im vierten Teil berichte ich von den Zumutungen und Fehlem, denen ich bei der Geburt meines zweiten Sohnes in einer Klinik ausgesetzt war, ohne mich vor Ort dagegen wehren zu können.

Der fünfte Tatsachenbericht „Zerrissene Einladung” (Untertitel: „Déjà-vu mit der vergangenen Zeit”) befasst sich mit dem Leben und Arbeiten von Schriftstellern und trägt autobiografische Züge. So muss etwa ein talentierter Schriftsteller mit „Migrationshintergrund” als Maler und Lackierer arbeiten, während sein einheimischer Kollege als Autor anerkannt ist und zu Parteiversammlungen eingeladen wird. Das ist kein Einzelschicksal: Ein mir bekannter Ingenieur arbeitet als Mauerhelfer, ein ehemaliger Oberbefehlshaber sammelt als Leiharbeiter Baustellenmüll, und ein ausgebildeter Mikrobiologe findet sich auf dem Bau wieder.

Bei genauer Betrachtung muss man leider feststellen, dass nicht die „Stärke des Rechts”, sondern das „Recht des Stärkeren” dominiert. So wird verständlich, warum ich meine Überzeugung, hier in einem Staat zu leben, in dem das Recht eines jeden Menschen uneingeschränkt geachtet wird, zumindest teilweise revidieren musste.

Jembiter Liber

Anmerkung zum Anhang

Der Anhang wurde für den interessierten Leser zusammengestellt, der sich eingehender mit den Hintergründen der dargestellten Problematik befassen möchte.

Er besteht aus Kopien der Dokumente, die im Vorfeld und während des Prozesses eine Rolle gespielt haben: Schreiben der Anwälte, Gutachten, Fotos, Urteile und weitere Nachweise. In den angefügten Kopien wurden aus Datenschutzgründen die Namen der beteiligten Personen verändert, inhaltlich entsprechen sie aber den Originalen.

Daher habe ich hierbei, genau wie im gesamten Buch, nicht die realen, sondern Fantasienamen gewählt. Sollten Sie dennoch Ähnlichkeiten mit Ihnen bekannten Personen feststellen, sind sie rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt.

Es ist das Anliegen des Autors, dem Leser auf diese Art einen umfassenden Eindruck der Gesamtsituation zu vermitteln.

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Albert Einstein (1879–1955)

Dieses Buch widme ich meiner Familie und all denen, die bereit und willens sind, ihre Komfortzone auf dem Weg in eine stabile Zukunft zu verlassen, um Benachteiligte zu unterstützen und dem riesigen Thema Diskriminierung entschieden entgegenzuwirken.

Meine lieben Söhne,

meine wertvollen Kinder,

manche werden euch niemals mögen, weil eure inneren Geister ihre Dämonen stören.

DREI NARBEN UND KEIN RECHT

(Wie ein Kind lernt, mit Ungerechtigkeit zu leben)

Hallo,

mein Name ist Lexo, ich bin 12 Jahre alt und komme aus einer Stadt in Südbayern. Ich bin Schüler an einem Gymnasium.

Am 08.09.2024, gegen 15:00 Uhr, bin ich kurz hinausgegangen, um mein neues Fahrrad zu testen. Meine Eltern hatten es mir als Geschenk gekauft, weil ich das Schuljahr mit gutem Ergebnis abgeschlossen hatte.

Ich fuhr mit meinem Fahrrad eine Straße hinunter und hatte großen Spaß. Doch an einer verzweigten Straße rannte plötzlich ein weißer, relativ großer, herrenloser Hund ohne Leine aus einem Haus hinaus auf die Straße und blieb direkt vor meinem Fahrrad stehen. Im Schock versuchte ich auszuweichen und stürzte dabei mit meinem Fahrrad.

Nachdem mein Bruder mir zur Hilfe kam und der Hund schnell weggelaufen war, stand ich wieder auf und sah drei tiefe Schnittwunden an meiner linken Wade. In dem Moment tat mein Bein nicht stark weh, aber mir war schwindlig, und ich hatte panische Angst wegen des Aussehens der Wunden.

Gemeinsam mit meinem Bruder ging ich - so schnell ich konnte - nach Hause. Meine Mutter war natürlich völlig schockiert, als sie meine Verletzung sah. Mit einer Desinfektionswatte versuchte sie sofort, die Wunden zu reinigen.

Als mein Vater davon erfuhr, machte er sich sofort auf den Weg zum nächstgelegenen Krankenhaus.

Im Krankenhaus angekommen, wurden mein Vater und ich von den Arzthelferinnen empfangen und in ein Krankenzimmer gebracht. Kurz darauf betrat eine Frau den Raum, die - vermutlich - mit russischem Akzent und sehr holprigem Deutsch sprach. Mit Gesten erklärte sie mir, dass ich mich auf das Bett legen solle, mit dem Bauch nach unten. Sie desinfizierte mein linkes Bein und sagte: „Der Chefarzt kommt in ein paar Minuten und näht die Wunden.“ Danach ließ sie uns allein im Zimmer - ich lag auf dem Bauch, mein Vater stand daneben - und wir mussten warten. Und warten.

Nach etwa 90 Minuten (1,5 Stunden ) kam schließlich ein Mann ins Zimmer, der sich als Arzt ausgab, und sagte: „Gleich geht es los!“ Anschließend verschwand er wieder. Aus „gleich“ wurden zwei volle Stunden Wartezeit, bis derselbe Arzt endlich zurückkam. Ich fand es sehr unangemessen, dass sie mich so lange warten ließen. Außerdem war aus dem angekündigten „Chefarzt“ nur ein Assistenzarzt geworden.

Der junge Assistenzarzt sprach nur sehr schlecht Deutsch, sodass ich mich im wahrsten Sinne bemühen musste, ihn zu verstehen. Er fragte mich: „Wie geht es dir?!“ Ich antwortete: „Gut“, obwohl ich die Frage eigentlich gar nicht verstand - denn in Wahrheit ging es mir sehr schlecht. Ich war verletzt, lag im Krankenhaus und hatte stundenlang gewartet.

Der Arzt erklärte uns, dass er die Wunden lieber ohne Betäubung nähen würde. Ich sagte daraufhin: „OK!“ Und mein Vater meinte: „Sie sind der Arzt, Sie wissen es besser.“ Auf Nachfrage meines Vaters, wo denn der angekündigte Chefarzt sei, antwortete der Assistenzarzt, dieser sei mit einer 86-jährigen Patientin beschäftigt!

Und ich fragte mich - mit dem Verstand eines Kindes -, was wohl hier Priorität hat? Ich hatte einen Notfall. Meine Wunden an der linken Wade bluteten, wenn auch nur leicht, und trotzdem ließ man uns so lange warten und schickte nur einen Assistenzarzt, der kaum Deutsch sprach.

Was zählt hier mehr? Ein Familienname, der ein bisschen deutscher klingt, oder eine ehrliche, unvoreingenommene und angemessene Behandlung für alle Patienten?

Der Assistenzarzt begann sofort damit, meine Wunden zu nähen - ohne Betäubung, nicht einmal eine lokale Anästhesie wurde verwendet. Dabei sagte er Dinge wie:

„Starker Mann, du bist!!!“

Ich hatte starke Schmerzen und konnte kaum stillhalten. Er sagte noch weitere seltsame und unpassende Dinge, die weder mein Vater noch ich verstanden - sie waren einfach nur dumm und hatten nichts mit einem respektvollen Verhalten in einem Krankenhaus zu tun.

Mein Vater schüttelte gelegentlich den Kopf und sah dabei hilflos zu. Um ehrlich zu sein: In diesen Momenten tat mir mein Vater sehr leid. Ich konnte mir gut vorstellen, was in seinem hochintelligenten Kopf alles vorging, während er zusehen musste, wie ich litt.

Nachdem der Arzt fertig war, blieb bei mir das traurige Gefühl zurück, dass in diesem Krankenhaus Personal eingesetzt wird, das weder sprachlich noch fachlich ausreichend vorbereitet ist. Für mich als Kind wirkte das alles ziemlich unprofessionell. Die fachliche Kompetenz der Beteiligten erschien mir - selbst mit meinen kindlichen Augen - an diesem Tag alles andere als überzeugend.

Ich fragte mich: Warum werden Menschen, die in der Müllabfuhr oder in der Hauswirtschaft arbeiten, oft durch sanktionierende Maßnahmen zu hochwertigen Deutschkursen verpflichtet, während im Gesundheitswesen Personen mit erheblichen Sprachbarrieren - ohne Dolmetscher und offenbar ohne ausreichende Fachkenntnisse - mit verletzten Kindern arbeiten dürfen?

Mein Vater zum Bespiel - ein Schriftsteller (Mitglied im Schriftstellerverband Bayern) und Akademiker, der eine exzellente Diplomarbeit mit den Schwerpunkten Biologie und Medizin verfasst hat - durfte in Deutschland niemals in seinem erlernten Beruf arbeiten. Stattdessen musste er Handwerker werden, um seine Familie zu ernähren!

Am Ende erhielten wir einen sogenannten „Behandlungsbericht“, in dem fälschlicherweise vermerkt war, dass mein rechtes Bein verletzt worden sei - obwohl es mein linkes war. Ich dachte in diesem Moment nur still bei mir: Sind die eigentlich zu irgendetwas Konstruktivem fähig - außer Fehler zu machen bei fast allem, was sie tun?

Nachdem mein Vater und ich das Krankenhaus verlassen hatten, fuhren wir zur Polizei, um den Vorfall zu melden. Ich fühlte mich dabei etwas unwohl, weil ich noch nie zuvor bei der Polizei gewesen war. Umso erleichterter war ich, dass mein Vater sich so entschlossen und unermüdlich für mich einsetzte.

Wir wurden rasch aufgerufen, und mein Vater schilderte der diensthabenden Beamtin den Vorfall ausführlich. Sie hörte aufmerksam zu und meinte anschließend, wir sollten den Besitzer des Hundes direkt ansprechen - also denjenigen, aus dessen Haus der Hund entlaufen war. Hunde seinen in der Regel haftpflichtversichert, fügte sie hinzu.

Geleitet von seiner ruhigen, friedlichen und sehr zivilisierten Art und von der Empfehlung der Kommissarin beeindruckt, hielten wir auf dem Nachhauseweg an der verzweigten Straße vor einem Haus, an dessen Eingang neben der Klingel drei Hinweise auf Hunde und verschiedene Sprüche angebracht waren.

Abgesehen von diesen Hundehinweisen wurde in uns sofort die Vermutung geweckt, dass der Hund, der mich verletzt hatte, zu diesem Haus gehören musste.

Mein Vater klingelte an der Haustür und wollte - wie mit der Beamtin besprochen - mit dem Hundebesitzer sprechen.