Die böse Mutter - Catherine Herriger - E-Book

Die böse Mutter E-Book

Catherine Herriger

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Beschreibung

Wie falsch verstandene mütterliche Liebe zu Ess-Sucht führen kann Frauen mit massivem Übergewicht leiden nicht nur unter ihren Pfunden, und den Reaktionen ihrer Umwelt, sondern auch unter mangelndem Selbstvertrauen und sexuellen Schwierigkeiten. Eine ganz spezifische und fatale Mutter-Tochter-Bindung – so die erfahrene Psychotherapeutin Catherine Herriger – bildet meistens die Ursache für das Entstehen der Ess-Sucht. Endlich ein Buch, das diese verheerenden Zusammenhänge aufschlüsselt! Mit zahlreichen Fallbeispielen.

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EPUB
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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über das Buch:

Wie falsch verstandene mütterliche Liebe zu Ess-Sucht führen kann

Frauen mit massivem Übergewicht leiden nicht nur unter ihren Pfunden, und den Reaktionen ihrer Umwelt, sondern auch unter mangelndem Selbstvertrauen und sexuellen Schwierigkeiten. Eine ganz spezifische und fatale Mutter-Tochter-Bindung – so die erfahrene Psychotherapeutin Catherine Herriger – bildet meistens die Ursache für das Entstehen der Ess-Sucht. Endlich ein Buch, das diese verheerenden Zusammenhänge aufschlüsselt! Mit zahlreichen Fallbeispielen. 

Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2016 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2009 by Catherine Herriger

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Covergestaltung: Designomicon

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-794-3

facebook.com/edel.ebooks

Table of Contents
Cover Page
Kurzbeschreibung
Titelseite
Impressum
ZUM GELEIT
VORWORT
ESSSUCHT – WAS IST DAS?
ESSSUCHT, EIN VERDECKTES LEBENSPROGRAMM OHNE LOBBY
ESSSUCHT UND DEREN TATSÄCHLICHE WURZEL
DIE BÖSEN BOTSCHAFTEN
FALLGESCHICHTE: CÉLINE
DAS KASTRATIONSPROGRAMM – SO WIRKT ES
»DIE BÖSE MUTTER« IM MÄRCHEN
Aschenbrödel - oder ein mütterlicher Kastrationsversuch
WO BITTE BLEIBT DER VATER UND SEINE VERANTWORTUNG?
MUTTER-BILD UND MUTTER-MACHT
FALLGESCHICHTE: ELIANE
1. Die Jahre mit dem Vater
2. Die Jahre bis zur Bekanntschaft mit dem Freund
3. Die Beziehung zum Freund und späteren Mann
4. Die Geburt der Tochter und das eigene Familienleben
PARTNERWAHL - DAS PROGRAMM SCHLÄGT AUCH HIER ZU!
SEX – GIBT’S DEN ÜBERHAUPT BEI ESSSUCHT?
»MÄDCHEN, BLEIB JA BEI MUTTERN!«
FALLGESCHICHTE: BEATRICE
THERAPIE: DER WEG DER KLEINEN SCHRITTE
BLUEPRINT-GRUPPEN, PSYCHO-ACTING
1. Sequenz: Verwandtenbesuch (auf Wunsch von Anna)
2. Sequenz: Auseinandersetzung (auf Wunsch von Uschi)
FALLGESCHICHTE: BARBARA
NOCH IMMER EIN RANDTHEMA: ESSSUCHT BEIM MANN
AN EINE MUTTER
LITERATUR

Zwei Definitionen von Esssucht

In westlichen Kulturen liegt der Anteil der Adipösen bei 20 bis 25 Prozent, Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Die Häufigkeit von starkem Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist seit Jahren im Steigen begriffen, sodass ein weiteres Ansteigen der Gesamtmorbidität zu befürchten ist.

Adipositas führt zu sehr ernsten Folgekrankheiten. Ihr Überhandnehmen ist deshalb – über das Leiden der einzelnen Betroffenen hinaus – eine ernste Sorge im Hinblick auf die Volksgesundheit. (...)

(Quelle: Schweizerische Gesellschaft für Verhaltens- und Kognitive Therapie, www.sgvt-sstcc.ch Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Jovita Maier, lic. phil., Psychotherapeutin FSP)

Esssüchtige essen zwanghaft und denken dauernd an »Essen« und an die Folgen für ihren Körper. Sie essen entweder zu viel, oder sie kontrollieren ihr Gewicht mit komplizierten Systemen von Essen, Diäten, Fasten und Bewegung.

Esssucht führt häufig zu Übergewicht oder Fettleibigkeit (Adipositas), mit den zugehörigen gesundheitlichen und sozialen Problemen. Übergewichtige fühlen sich oft als Versager und Außenseiter: (...)

(Wikipedia, »Essstörung«, Kap. 2.1: »Esssucht«)

ZUM GELEIT

Als mich Catherine Herriger fragte, ob ich nicht eine Einleitung für die Neuauflage ihres Buchs über weibliche Esssucht schreiben möchte, war ich zunächst skeptisch bis abwehrend. Ich bin ein Mann und kenne Binge-Eating-Disorder lediglich aus einer knapp vierjährigen, gescheiterten Beziehung mit Dora, einer esssüchtigen Frau.

»Gerade deswegen« überzeugte mich die Autorin schließlich. »Sie haben eine Erlebnisdistanz, die einen zusätzlich erläuternden Aspekt in diese schwierige Thematik einbringen könnte«, sagte sie.

Fast hätte ich selbst ein Buch geschrieben, so viele Notizen begann ich mir für eine eigentlich nur kurz gedachte Einleitung zu machen. Ich telefonierte einige Male mit Dora und tauschte E-Mails mit ihr aus, um mich zu erkundigen: »Wie genau war das eigentlich damals?« Viele vergessen geglaubte Erinnerungen tauchten wieder auf, darunter auch etliche schöne. Schließlich wurde die Arbeit an dieser Einleitung so etwas wie eine letzte Aufarbeitung einer für mich extrem schwierigen Lebensphase.

Kennengelernt hatten Dora und ich uns auf einer Tagung ihrer Firma, beim Mittagessen. Sie saß oben am Tisch und fiel mir mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem extravaganten Kleiderstil auf. Sie hatte deutlich Rubensche Formen und alles an ihr war beim Reden in Bewegung. Sie schien mir vor Leben und Farben nur so zu strotzen. Lebhaft plauderte sie auf einen Tischnachbarn ein und hatte dazwischen ein lautes und ansteckendes Lachen. Während des ganzen Essens paffte sie ununterbrochen Zigarillos. Ich fand sie ungeheuer sexy.

Als ihr Nachbar aufstand, setzte ich mich auf den freien Platz. Da ich Gastreferent war, wusste sie natürlich, wer ich war, und wir begannen, über unser gemeinsames Arbeitsgebiet zu fachsimpeln. Sie gefiel mir immer besser und ich ihr offensichtlich auch. Am selben Abend noch, am Ende der Tagung, verabredeten wir uns fürs kommende Wochenende.

Dann ging das Ganze sehr schnell und wir wurden ein Paar. Ich hatte die größere Wohnung und ganz selbstverständlich zog Dora bei mir ein, nach nicht mal zwei Monaten Bekanntschaft. Wir mussten allerdings gewisse Kompromisse schließen, denn ich bin Nichtraucher. Auch die Tatsache, dass sie sich ständig um ihr Gewicht sorgte, war kein Problem. Ich gewöhnte mich daran, dass sie immer gerade eine neue Diät aus einer Frauenzeitschrift oder einem Fernsehprogramm ausprobieren musste, um sie früher oder später resigniert abzubrechen. Ich fand es sogar amüsant.

Die Probleme begannen ganz woanders. Als langjähriges Mitglied einer Faschingsgesellschaft hatte ich schon immer recht viele Kollegen und Kolleginnen, die es gewohnt waren, bei mir ein und aus zu gehen, ob wir nun probten oder nicht. Ich bin schon immer ein recht geselliger Mensch gewesen – aber das schien Dora zu stören.

Sie fand meine Freunde laut und besitzergreifend und behauptete, ich würde von ihnen ausgenützt, ich sei ja der Gratis-Vorratsschrank für alle. Wenn wir aber bei ihnen eingeladen waren, wollte sie meistens nicht mitkommen und fand tausend Gründe dafür. Auch behauptete sie, sie sei nicht beliebt in meinen Kreisen, man würde sie ablehnen – die Singlefrauen sowieso. Die seien eifersüchtig auf sie und hätten eigentlich ein Auge auf mich geworfen. All meine gegenteiligen mündlichen Versicherungen nützten da nichts. Also ließ ich Dora meine SMS und meine privaten E-Mails lesen, in der Meinung, dass sie sich vergewissern und so endlich Vertrauen fassen könnte.

Meine Eltern mochte sie auch nicht sehr, doch das beruhte auf Gegenseitigkeit. Meine Mutter fand Dora nun mal »bemüht« und »aufgesetzt«, meinem Vater war sie zu laut. Er mag Frauen nicht, die rauchen und gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Aber das kratzte mich nicht groß, ich dachte, mit dem Einander-besser-Kennen würde sich dies schon geben.

Am Anfang unserer Beziehung war Dora noch eine feurige Liebhaberin. Mit der Zeit aber kühlte unsere Intimität ab, denn häufig war Dora nicht in der Lage, mit mir zu schlafen, weil sie wegen mir traurig oder sonst wie verstimmt war. Wir führten dann lange Gespräche über meine mangelnde Sensibilität ihr gegenüber und ich gelobte jeweils Besserung, wusste aber gar nicht, was meinerseits überhaupt noch möglich war. Ab und zu hörte ich auch, wie Dora in einem Telefongespräch mit ihrer Mutter wegen mir weinte. Überhaupt ihre Mutter, diese allgegenwärtige Mutter!

Mit dem Vater verstand ich mich gut, er war ein eher distanzierter Mensch. Die Mutter aber kreuzte zu allen möglichen und unmöglichen Zeitpunkten bei uns auf, um Dora irgendetwas Dringendes zu bringen oder zu sagen. Wenn nicht, dann telefonierte sie endlos mit ihr. Wenn ich mal protestierte, meinte Dora nur bissig, dass es ihr mit meinem Freundeskreis ebenso ergehen würde, nie seien wir wirklich für uns.

Ich spürte, wie sich allmählich etwas in mir verhärtete. Ihre Tränen und Aggressionen rührten mich längst nicht mehr so, wie noch am Anfang unserer Beziehung. Ich wurde gereizt, kurz angebunden und »vergaß« immer häufiger, rechtzeitig anzurufen, wenn ich mich verspätete. Meistens hatte Dora dann schon gegessen, wenn ich nach Hause kam. Ich lernte, ihre Wutanfälle etwas einzudämmen, indem ich mich scheinbar zerknirscht bei ihr entschuldigte.

Einen engeren Freundeskreis wie ich besaß sie nicht, sie hatte einfach ihre Leute aus der Firma und von diversen Veranstaltungen her. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass ihr kaum jemand gut genug war, sie konnte sehr hämisch und abschätzig über Menschen sprechen. Hingegen konnte sie kurzfristig total von jemandem begeistert sein, der ihren Rat suchte oder sie für etwas lobte.

Als ich ihr gegenüber kritischer wurde, merkte ich, wie schnell sie sich von harmlosen Bemerkungen verletzt und vor den Kopf gestoßen fühlte. Es war, als würde Dora das Gefühl haben, ständig auf einem großen Präsentierteller zu sitzen, und dass alle rundum sich ein Vergnügen machen, sie anzugreifen. Ein Freund von mir sagte ihr einmal, sie sei ja paranoid. Dora hatte von ihm eine ausdrückliche Entschuldigung verlangt, weil er sie angeblich bei mir »schlechtgemacht« habe mit einer Bemerkung über ihre üppigen Formen.

Dora war nie schlank, wurde aber während unserer Beziehung richtiggehend dick. Sie beschuldigte mich deswegen und bezeichnete meine Gefühle für sie als »flau«. Deswegen sei sie ständig frustriert und suche Trost beim Essen. Dies gab mir sehr zu denken – ich wollte mich wieder mal bessern und Dora all das geben, was sie derart offensichtlich bei mir vermisste. Ich suchte diesbezüglich sogar Rat bei ihrer Mutter, die sich entzückt zeigte, mich gleichermaßen mit Tipps und Schuldzuweisungen zu überschütten. Als Dora davon erfuhr, fühlte sie sich hintergangen. Sie schäumte vor Wut und warf mir vor, mich mit ihrer Mutter gegen sie zu verbandeln.

Es wurde immer schlimmer. Eines Tages sagte mir ein Freund, dass mich Dora wahrscheinlich beschatten ließe, er kenne den Privatdetektiv. Dies wurde der Anlass zum ersten von mir losgetretenen Streit. Ich war schlicht fassungslos und wollte die sofortige Trennung. Doras Reaktion war derart heftig, ihre Liebesbeteuerungen und Entschuldigungen so berührend, dass ich mich wieder mit ihr versöhnte. Sie versprach mir, etwas gegen ihre grundlose Eifersucht und ihre Wutanfälle zu unternehmen, eventuell sogar eine Therapie.

Der Rest unserer gemeinsamen Geschichte ist blanker Beziehungshorror. Wir gingen unendlich vorsichtig miteinander um, feilten an jedem Wort herum, geizten nicht mit Liebesbeweisen, lasen Ratgeber, erwogen eine Paartherapie − und Dora fraß und fraß, offensichtlich ohne jegliches Sättigungsgefühl. Eine lange Weile war sie derart diskret gewesen, dass ich ihre Fressorgien gar nicht bemerkt hatte, nur ihre rabiate Gewichtszunahme. Dies änderte sich nun, sie aß ständig irgendwelches Junkfood, auch in meiner Gegenwart, dazwischen rauchte sie wie ein Fabrikschlot.

Ich hielt es nicht mehr aus, ich wurde immer nervöser und angespannter, schlief schlecht und produzierte eine schmerzhafte Gürtelrose. Meine Ärztin, meine Eltern und mein gesamter Freundeskreis rieten mir dringend zu einer Trennung, aber ich hatte Angst um Dora, auch fürchtete ich mich vor ihren möglichen, allzu impulsiven Reaktionen. Meine Beziehung, mein Leben – alles war ein einziges Schlamassel geworden.

Es war dann Dora, die sich aufraffte und die Trennung durchzog, obwohl ich mich plötzlich doch wieder dagegen sperrte. Aber sie hatte inzwischen eine Therapie begonnen und ihr gestörtes Essverhalten als Krankheit erkannt, als Sucht.

»Weißt du«, erklärte sie mir später, »du hättest mich gar nie genug lieben können, das kann niemand. Ich bin emotional nun mal ein Fass ohne Boden, da kann reingestopft werden, so viel man will, es bleibt nichts drin. Darum fresse ich ja auch wie wild. Dort, wo andere Menschen Selbstsicherheit und Selbstvertrauen besitzen, ist in mir drin nur ein tiefer, gieriger Schlund. Ich werde vorerst mal alleine bleiben und an diesem Loch arbeiten müssen. Aber wir zwei dürfen uns deswegen nicht mehr länger kaputtmachen. Dafür habe ich dich einfach zu lieb.«

Ich war es dann, der laut weinte, als Dora definitiv auszog. Es brauchte Zeit, aber inzwischen sind wir gute Freunde geworden, die sich recht offen miteinander austauschen können. Auch weiß ich nun eine Menge über Esssucht und konnte so einiges an aufgestauten Wut- und Schuldgefühlen gegenüber Dora abbauen, also auch mich wiederfinden.

»Es waren und sind nach wie vor nur klitzekleine Schritte, aber ich spüre mich täglich mehr. Es ist ein gutes Gefühl«, mailte mir Dora kürzlich.

Marc, im Frühling 2009

VORWORT

Stetig ansteigendes, massives Übergewicht, regelmäßige und entwürdigende Fressattacken, unkontrollierbar gierige Nahrungsaufnahme mit darauffolgenden Scham- und Schuldgefühlen weisen auf eine Sucht hin – auf Esssucht.

Es ist eine den Körper verunstaltende Sucht, welche gerade bei einem Mädchen oder einer Frau in unserer westlichen, überaus mode- und gesundheitsbewussten Gesellschaft einer Kastration gleichkommt.

Schlimm ist zudem, dass diese psychisch bedingte Fettleibigkeit keinerlei Lobby hat. Sie ist in der Öffentlichkeit stumm, weil nach wie vor als Sucht unerkannt. Esssucht ist nicht salonfähig, die durch sie verunstalteten Menschen gelten einfach als unschön und ihr Erscheinungsbild wirkt allgemein peinlich.

Es gibt weder in der Presse aufklärende Kampagnen zum Thema Esssucht noch breit gestreute, informative Aufrufe, die für mehr Aufmerksamkeit und proaktive Zuwendung für die vielen Betroffenen wirbt – wie seit Langem und völlig selbstverständlich bei sonstigen Suchterkrankungen.

So haben Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Esssüchtige nach wie vor den Status von Insidertipps. Erzieherische und schulische Präventionsmaßnahmen sind – wiederum mangels gezielter Informationen – nicht existent. Im Kollektiv, in der öffentlichen Wahrnehmung, gibt es Esssucht schlichtweg nicht.

Der Bumerangeffekt ist verheerend: Esssüchtige Menschen können/dürfen sich selbst nicht als krank erkennen, sondern fühlen sich fälschlicherweise zugehörig zu den Heerscharen der »Dicken«. Sie verhalten sich und ihrem Körper gegenüber entsprechend, also falsch und kontraproduktiv. Zu ihrer Sucht gesellt sich im Allgemeinen eine weitere hinzu: die wachsende Abhängigkeit von Ratgebern und verschiedensten Diäten.

Zwischen Dicksein (oder regelmäßig einige oder mehrere Kilos zu viel auf die Waage zu bringen) und Esssucht liegen Welten. Das eine mag eine persönliche Wahl sein oder ist medizinisch bedingt – bei dem anderen handelt es sich um eine seelische Erkrankung, durchaus analog der Abhängigkeit von Drogen und Alkohol.

Es kann hier nicht deutlich genug betont werden: Die Begriffe Adipositas (Fettleibigkeit) und Esssucht sind nicht deckungsgleich, obwohl sie sich in ihrer körperlichen Manifestation überschneiden. Esssucht ist das Symptom, der Ausdruck eines psychisch bedingten »Mechanismus«, der wiederholt und anfallartig zur übermäßigen und unkontrollierbaren Nahrungsmittelaufnahme drängt.

Mit der vorliegenden, überarbeiteten und ergänzten Neuauflage des Buches »Die Böse Mutter« hoffe ich, auch weiterhin zu mehr Einsicht und Verständnis gegenüber einer Sucht beitragen zu können, die sich mangels rechtzeitiger und differenzierter Information immer mehr zu einer wahren Zivilisationskrankheit ausweitet.

Catherine HerrigerDiplompsychologin IAP/SBAPBeziehungstherapeutin/Notfallpsychologin

www.ch50.ch

ESSSUCHT – WAS IST DAS?

Warum essen bereits massiv übergewichtige Frauen auch weiterhin viel zu viel, bis Kleidergrößen unaufhaltsam in die Höhe klettern und ihre Füße schmerzhaft aus zu eng und klein gewordenen Schuhen herausquellen? Bis Kurzatmigkeit, Schweißausbrüche, Rückenschäden, Krampfadern, Gelenkschmerzen, Kreislaufstörungen und Herzbeschwerden sich einstellen? Warum tun sie sich dies an?

Sie fressen ohne jedes Sättigungsgefühl, bis unerträgliche Schamgefühle und depressive Verstimmungen Platz greifen und der eigene Körper längst zu einem ungeliebten Objekt, ja sogar zum gefürchteten Gegner degradiert wurde. Bis langjährige Arbeitsstellen aus gesundheitlichen Gründen verlassen werden müssen und Beziehungen wie ganze Familien terrorisiert werden durch die endlosen und vergeblichen Versuche einer Esskontrolle. Warum nur?

Welcher innere Dämon treibt diese Frauen an? Warum sind sie derart autoaggressiv? Warum versagen bei ihnen früher oder später sämtliche guten Vorsätze, motivierend gemeinte Ratschläge, medizinisch verordnete Kuren und Diäten, gezielte Ess- und Bewegungsprogramme? Wo überhaupt bleibt bei ihnen ein respekt- und liebevolles Ich-Gefühl?

Zudem: Warum gibt es nach wie vor wesentlich weniger Männer mit derartigen Essstörungen? Nur weil das gängige Modediktat und das Rollenbild der Männer noch nicht so absolut und häufig absurd auf Schlank-um-jeden-Preis zielt?

Eine wenig plausible, unbefriedigende Erklärung ...

Wohl ist ein dicker Mann in unserer Leistungsgesellschaft nach wie vor weniger dem gesellschaftlichen Druck und der Kritik ausgesetzt als eine übergewichtige Frau. Bei Männern gelten teilweise noch immer »alte« Rollenbilder, die ihnen nach wie vor Wohlstands- und Bierbäuche zubilligen. Solche Klischees können aber schwerlich der Hauptgrund sein, warum unaufhaltsame Fettleibigkeit hauptsächlich Frauen betrifft.

Eine nachvollziehbare, psychische Prädisposition zu einer späteren Essproblematik kann durchaus ihre Wurzeln im Säuglingsalter haben. Nämlich dann, wenn ein weinendes oder zorniges Kleinkind mit Essen oder Trinken getröstet, besänftigt oder belohnt wird, statt dass seine Bezugspersonen sich um seine tatsächlichen Gefühle und Bedürfnisse kümmern.

So kann eine spätere Fehlschaltung »programmiert« werden. Das heißt Essen und/oder Trinken statt Erkennen und Verarbeiten eines ungestillten Anliegens oder eines schmerzhaften Konfliktes; Essen als Trost und Ersatzhandlung, um sich doch noch »etwas Gutes« zu tun.

Aber: Es gibt viele Frauen (und Männer), die mit dieser Art Esskonditionierung aufwuchsen und später trotzdem keinerlei Probleme mit der Nahrungsaufnahme entwickelten.

Seit Jahren bieten Fachstellen und Selbsthilfegruppen wie auch die psychologische Sachliteratur die verschiedensten Erklärungsmodelle an für eine unkontrollierbare Gier nach zu viel Essen.

Hier einige der bekanntesten Beispiele:

Der gesellschaftliche Protest: Übergewicht als demonstratives Nein-Sagen gegen das in unserer westlichen Gesellschaft vorherrschende Konsum- und Modediktat, dass ein Mensch angeblich nur dann als wirklich attraktiv gilt, wenn er dem Zeitgeist angepasst schlank und fit ist.

Die Abgrenzung zur Mutter: Übergewicht als Protesthaltung gegenüber einer übermächtigen Mutter. Ein manifestiertes Nein zu etwaigen mütterlichen Plänen, ein unbewusster Versuch einer (zumindest körperlichen) Abgrenzung.

Die Frust-Schicht: Übergewicht als Hinweis auf sexuelle Frustration und mangelnde Zuwendung. Übermäßige Nahrungsaufnahme als Ersatz für vermisste körperliche und seelische Streicheleinheiten.

Das Vermeidungs- oder Verlagerungsverhalten: Übergewicht als Hinweis, dass unangenehme Empfindungen wie Stress, Langeweile, Wut, Trauer und Ärger mittels Essen unterdrückt beziehungsweise die negativen Gefühle zumindest »thematisch« verlagert werden.

Die Verführung zum Konsum: Übergewicht als ein Zeichen mangelhaft vermittelter Information und somit fehlender persönlicher Abgrenzung gegenüber einem Überangebot an offensiv und attraktiv angebotenen Nahrungsmitteln.

Meiner langjährigen therapeutischen Erfahrung nach stimmen diese Erklärungsmodelle bei Esssüchtigen nur mehr oder weniger partiell, da sie allzu leicht falsch interpretierbar sind. Auch treffen sie im Ansatz sowohl für fettleibige Frauen als auch für Männer zu.

Keines davon aber beleuchtet hinreichend, warum es vorwiegend Frauen sind, die im Laufe der Jahre sich nicht nur eine massive Körperpanzerung angefuttert haben, sondern auch weiterhin drauf und dran sind, sich allen medizinischen Indikationen zum Trotz praktisch zu Tode zu fressen. Essgestörte Männer sind da nach wie vor in einer deutlichen Minderheit (siehe »Noch immer ein Randthema: Esssucht beim Mann«, S. 191 ff.).

1984 begann ich mich erstmals mit dem Thema Essstörungen zu beschäftigen und spezialisierte mich dann therapeutisch auf Adipositas bei Frauen.

Für mich waren und sind diese angeblich so gemütlichen, stets kraftvoll auftretenden, dabei hochsensiblen »Nanas« eine Randgruppe der besonderen Art, auch dadurch gekennzeichnet, dass sie, sollten sie sich im sozialen Kontext exponieren, wegen ihrer Körperlichkeit schnell auf Verständnislosigkeit, absolute Intoleranz und Geringschätzung stoßen.

Bei der Analyse von rund 700 Biografien aus meiner nunmehr über 25-jährigen therapeutischen Arbeit mit Frauen, welche ohne medizinisch begründbare Ursachen (keine hormonellen Störungen, Schilddrüsenunterfunktion etc.) fettleibig, also adipös wurden, wie auch in der Auswertung von Daten aus rund 2000 anonymisierten Fragebogen (»Standortbestimmung«) stellte ich analoge Lebensmuster und signifikante Übereinstimmungen fest, die ich – wenn auch mit einer geringeren Datenmenge – bereits 1988 in der ersten Auflage dieses Buches (»Die Böse Mutter«) publizierte.

Die folgenden diagnostischen Aussagen haben somit nichts an Aktualität und Relevanz verloren, sondern sich im Gegenteil im Laufe der Jahre noch erhärtet und weiter differenziert:

Aus psychischen Gründen adipöse Frauen unterwerfen sich dem ununterbrochenen, aber vergeblichen Versuch, ihre Nahrungsaufnahme zu kontrollieren. Der Stressfaktor ist entsprechend enorm. Wohl hegen sie insgeheim die Überzeugung, dass ihnen »etwas« fehlen könnte – interpretieren es aber mit schwachem Willen und löchriger Disziplin. Hierfür dienen ihnen ihre unzähligen abgebrochenen, beziehungsweise erfolglosen Diäten und Kuren als frustrierende Beweisführung.

Sie haben eine getrübte Wahrnehmung ihrer selbst und meinen, genau zu wissen, warum sie wann und zu viel essen. Gerne führen sie es auf genetische Bedingungen, äußere Umstände wie Stress und Hektik, negative Gefühle, Zurückweisungen, Überangebote in Lebensmittelgeschäften etc. zurück. Diese Erklärungen geben ihnen zwar das Gefühl, letzten Endes doch »alles im Griff zu haben«, sind aber für sie trügerisch, da nur oberflächlich zutreffend.

Sie verfügen über wenig echte Sozialkompetenz aufgrund schmerzhafter Nähe-Distanz-Probleme. Sie treten zwar kommunikativ-offen und belastungsfähig auf, sind aber äußerst verletzlich und reagieren auf vermeintliche oder tatsächliche Kritik mit innerem Rückzug oder mit unangepasster Aggressivität. Dabei ist der innere Wunsch nach Anerkennung und Zuwendung überwältigend.

Sie sind praktisch unfähig, Respekt einzufordern, sich abzugrenzen und ihre emotionalen Bedürfnisse beziehungsweise ihre Ansprüche zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen. Schwierigkeiten in Beziehungen, im Alltag überhaupt, sind vorprogrammiert. Ihr sexuelles Erleben ist, falls überhaupt existent, gering und unbefriedigend.

Sie stehen unter dem Eindruck, dass sie ihre mit Krisen und Depressionen durchzogene Lebenssituation irgendwie selbst verschuldet haben, sei es durch zu hohe Ansprüche oder schlicht aus eigenem Unvermögen. So oder so sind die Gefühle eigener Unzulänglichkeit beziehungsweise Minderwertigkeit jeweils gewaltig.

Sie verschweigen beziehungsweise verleugnen konsequent ihr gestörtes Essverhalten und die demütigenden Fressattacken. Der Umwelt (und auch sich selbst) gegenüber »verschlanken« sie ihre gravierende Problematik und betonen gerne, dass sie, trotz einer angeblich geringen Kalorienaufnahme, jeweils »einfach sofort zunehmen« würden, beziehungsweise dass ihnen ihr Gewicht/Aussehen eh gleichgültig sei.

Sie haben eine ausgesprochen starke, wenn auch häufig ambivalente bis feindselige Beziehung zu ihren Müttern. Es ist, als wäre bei ihnen die Nabelschnur nie wirklich durchtrennt worden, unabhängig davon, wie groß die geografische Distanz sein mag oder ob die Mutter inzwischen verstorben ist. Die Mutter beziehungsweise deren Schatten beherrscht im Positiven wie im Negativen das Leben esssüchtiger Frauen.

Es geht hier immer um Frauen, die offensichtlich ihren »inneren Raum«, ihr eigentliches Ich samt seinen ganz persönlichen Bedürfnissen und Anliegen kaum oder gar nie wirklich ausloten und spüren durften. Frauen, die im übertragenen Sinne ein beschnittenes, in seiner Weiblichkeit kastriertes Leben führen.

Zusätzlich erschwerend ist die Tatsache, dass Dicksein in der heutigen, nicht nur mode- sondern zunehmend gesundheitsbewussten Gesellschaft ganz allgemein eine neue Art von physischem und psychischem Leistungszwang beinhaltet.

So kann auch hier Nicht-Genügen zu einer subtilen Form der Ausgrenzung führen – zu einer Zweiklassengesellschaft, die nachweisbaren Erfolg über Kleidergröße, Fitness, Body-Maß-Index, Nahrungsmanagement und Kalorienabbau definiert. Der psychosoziale Druck auf die Randgruppe der Adipösen, und speziell auf die der Frauen, nimmt somit ständig zu.

Krankenkassen bangen um ihr Geld, Unternehmen um die zuverlässige Leistungsfähigkeit übergewichtiger MitarbeiterInnen – die vermeintlich Ach-so-aufgestellten-und-robusten-Dicken werden immer mehr als (finanzielle) Risikofaktoren wahrgenommen, als gesundheitliche Zeitbomben.

Dementsprechend wird inzwischen gezieltes Abnehmen in Kombination mit körperlicher Ertüchtigung quasi als Volkssport betrieben, erweist sich in seiner Vielfalt wiederholt als Kassenschlager, macht Schlagzeilen und gehört sogar in politische Programme −, aber jene Adipositas, welche ausschließlich psychische Wurzeln hat, ist der Öffentlichkeit und dem Gesundheitswesen fremder (und unbequemer) denn je.

Dies, obwohl in den 90er-Jahren der diagnostische Begriff Binge-Eating-Disorder entstand, welcher jene Essstörung kennzeichnet, die bei den Betroffenen periodische Heißhungeranfälle auslöst und mit dem Verlust einer bewussten Esskontrolle einhergeht. Der treffend charakterisierende Name dieser Krankheit leitet sich aus dem englischen »Binge-Eating« her: ein »Fressgelage abhalten«.

Die diagnostischen Kriterien zur Erkennung dieser Binge-Eating-Disorder für Frauen wie für Männer wurden von der Psychiatrischen Vereinigung in den USA wie folgt definiert:

Mindestens zwei Essanfälle in der Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten

Kontrollverlust während der Nahrungsaufnahme mit Verlust des Sättigungsgefühles

Sehr hohe Kalorienzufuhr bei einem Essanfall

Extrem hastiges Essen (Schlingen)

Essen bis zu einem starken Völlegefühl

Der Essanfall wird nicht durch starken Hunger ausgelöst.

Nach dem Essanfall treten Schuld- und Schamgefühle auf, teilweise bis zu Depressionen.

Die Betroffenen leiden unter den Essanfällen.

Wiederholte Untersuchungen in den USA ergaben zudem, dass der männliche Anteil bei Adipositas-Erkrankungen nur etwa ein Drittel beträgt. Der Löwenanteil betrifft Mädchen und Frauen. Warum? Mir schien diese Frage schon früher von zentraler Bedeutung und ihr habe ich meine therapeutische Arbeit mit adipösen Frauen gewidmet.

Durch die autoaggressive, scheinbar freiwillig vorgenommene Verunstaltung ihres Körpers mittels übermäßiger Nahrungsaufnahme führt eine Frau (oder ein Mädchen) ein immer stärker eingeschränktes Dasein. Ein Dasein zweiter Klasse – in unserer mode- und gesundheitsbewussten Gesellschaft im Grunde genommen das Leben einer Kastratin. Und dies nicht aufgrund einer ritualisierten und schrecklichen, mehr oder weniger totalen Klitorisbeschneidung, sondern wesentlich »zivilisierter« beziehungsweise mit gänzlich anderen Wurzeln und Motiven ...

Kastration ist uns längst bekannt, vorwiegend aus der Geschichte des Mannes. Ein kastrierter Mann, ein Eunuch, war von jeglicher sexueller Rivalität ausgeschlossen, er war »entmannt«, »entmachtet« und somit, gesellschaftlich gesehen, ein durch seine eingeschränkte Körperlichkeit stigmatisierter Außenseiter.

Nie mehr durfte/konnte er seine »Manneskraft« beweisen, sich damit auszeichnen oder andere Männer herausfordern. Durch die Verstümmelung seines Körpers, das Wissen um dessen Unzulänglichkeit, musste auch der Charakter des Kastraten angepasstere und gefügigere Züge annehmen. Typisch männliches, aggressives Rivalitätsgebaren war ohnehin sinnlos und wurde tunlichst vermieden. Es wäre lediglich lächerlich gewesen.

Die von der Wahrnehmung ihrer Körperlichkeit her »ganzen« Männer sahen in dem Kastraten keinerlei Bedrohung und benützten ihn gerne als Vertrauten und Lustknaben, schenkten ihn der eigenen Frau als Spielgefährten und Begleiter oder setzten ihn als Wächter weiblicher Tugend ein (z.B. in Harems).

Hingegen war es durchaus möglich, dass der Kastrat, je nach seinen Fähigkeiten (Musik, Theater, Kunst etc.), ein hohes Ansehen in bestimmten Kreisen genießen konnte, wie auch den Schutz eines jeweiligen Gönners. Der gewaltsame Eingriff, der sämtliche geschlechtsspezifischen Eigenschaften und Äußerungen für immer ausschloss, konnte durchaus eine goldene Seite haben.

Für unsere Kultur und unsere Begriffe beinhaltete (und beinhaltet) Kastration eindeutig den unmissverständlichen und zutiefst grausamen Ausdruck von Entpersönlichung, Entmachtung und Geringschätzung jeglicher Individualität.

Wie sieht ein Vergleich mit der aus psychischen Gründen fettleibigen Frau aus?

Ihr mit ständigem Binge-Eating geplagter Körper wird zunehmend aufgeschwemmt und damit reizloser. So wirkt auch sie im geschlechtlichen Wettbewerb harmlos. Als fettleibige Frau stellt sie für andere Frauen keine ernstzunehmende Konkurrenz dar – schon gar nicht im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit eines Mannes oder mehrerer Männer.

Ihre Umwelt traut ihr kaum geschlechtliche Triebe und Wünsche zu, geschweige denn eine aktiv gelebte Sexualität. Auch sie ist körperlich stigmatisiert, hätte aber ihrerseits durchaus die (Verdrängungs-)Möglichkeit, gerade wegen ihrer Körperfülle und/oder mittels einer darstellerischen Begabung ihre Sucht im Showbusiness effektvoll zu überspielen oder, mit Rückzug auf sich selbst, ihr Leiden in einem aufopfernden Helferberuf zu kompensieren. So kann durch Esssucht bedingte weibliche Kastration ihre ebenfalls »goldenen« Seiten haben.

In den Interaktionen mit anderen Menschen und im Arbeitsumfeld schützt sie sich – da sie um ihre Verletzlichkeit weiß – gerne mittels Überanpassung, gepaart mit betont fröhlicher Zuvorkommenheit und teilweise ausufernder Hilfsbereitschaft. Dadurch bietet sie sich förmlich an, in ihren persönlichen Ansprüchen unterschätzt und so emotional ausgebeutet zu werden.

Kaum jemand interpretiert die Körperlichkeit einer durch Binge-Eating verunstalteten Frau richtig beziehungsweise macht sich die Mühe, diese überhaupt anzusprechen und zu hinterfragen. Diesbezüglich gut gemeinte Versuche scheitern sowieso meistens an einer ausgesprochen defensiven bis aggressiven Reaktion der betroffenen Frau. Oft dauert es Jahre, bis sie sich damit abfinden kann, dass ihr Essverhalten krankhaft, also außerhalb der Norm ist. So bleibt deren innere Isolation, die häufig depressive Stimmungslage, der mangelnde Selbstwert, das latente Misstrauen, der drängende Wunsch nach Zugehörigkeit und Zuwendung, der sexuelle Notzustand unbemerkt – die Sucht wuchert weiter.

Die gesellschaftlichen Umstände sind da wenig hilfreich: Fettleibigkeit mag zwar unschön sein, ist aber sozial kompatibel, das heißt sie »eckt« nirgendwo an und kann daher in der Schwere ihrer psychischen Tragweite nach wie vor missverstanden beziehungsweise übergangen werden. In der allgemeinen Wahrnehmung ist dick einfach dick. Und solange niemand dadurch deutlich genug zu Schaden kommt...

So genießen esssüchtige Menschen, gemeinsam mit den »üblichen Dicken«, wohl eine gewisse, aber eher geringschätzig gefärbte Nachsicht, durchzogen mit einem kleinen Mitleidbonus. Die gängigen Kommentare sind unsensibel und in ihrer herabsetzenden Art im höchsten Maß kränkend:

Tja, essen müssen schließlich alle, aber ganz offensichtlich gibt es solche, die keine Grenzen kennen und sich grundsätzlich überfressen ...

Bei Frauen sieht’s noch schlimmer aus als bei Männern ... Echt abstoßend!

Mensch, deren Body-Maß-Index muss ja sämtliche Rekorde brechen.

Unter der bricht garantiert jede Kloschlüssel zusammen...

Guck mal: Die braucht dringendst ein Magenband, sonst platzt sie mal.

Wohl noch nie was von vernünftig essen, von Diäten gelesen oder gehört?

Wie wäre es denn mit mehr Bewegung, etwas sportlicher Betätigung? Im Flieger muss die sicherlich immer gleich zwei Sitze belegen, haha.

Selber schuld, die hat halt null Disziplin. Pech, ist ja nur ihr Körper ...

Psychisch bedingte Adipositas existiert noch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung, Esssucht bleibt unerkannt, das Thema in seiner gesamten Unerfreulichkeit tabu – ganz im Gegensatz zu Anorexie und Bulimie, welche als Erkrankungen sozial kompatibler sind, wohl auch aus dem Grund, dass sie »ästhetischer« daherkommen.

Und so wird der eigentlich demonstrative Ruf einer esssüchtigen Frau nach echter Hilfe trotz (oder wegen?) aller zur Schau gestellten Körperfülle übersehen und überhört. Die betroffene Frau wird alleine gelassen in ihrer Krankheit, bleibt so nach wie vor der Gier ihres immer unförmiger werdenden Körpers ausgeliefert – die Negativ-Spirale der Sucht dreht sich in all ihren Konsequenzen gnadenlos weiter.

ESSSUCHT, EIN VERDECKTES LEBENSPROGRAMM OHNE LOBBY

Da Esssucht in der öffentlichen Wahrnehmung nicht existiert, dürfen esssüchtige Frauen sich selbst nicht als hilfebedürftig erkennen, sondern ordnen sich selbst, unreflektiert und fatalerweise sich zugehörig fühlend, in die Heerscharen der »Dicken« ein, von denen es in unserer hochzivilisierten Gesellschaft nur so wimmelt.

Und das Geschäft mit den Dicken blüht wie nie zuvor! Sei es nun in den Wellness- und Fitness-Zentren, in der Kleiderbranche, in den Schönheitssalons, in den kalorienarme Menüs anpreisenden Restaurants, indem in Zeitschriften und anderen Medien kostspielige Fastenkuren, die neuesten Diäten und Wundermittelchen, Tipps für die besten Fettabsaugadressen angepriesen werden, oder gar in den Räumlichkeiten irgendwelcher Scharlatane.

Übergewicht, die »paar Kilos zu viel« und deren gesundheitsschädigende Folgen ist in aller Munde, beherrscht Gespräche, ist sexy, füllt Kongresshallen, macht Schlagzeilen. Aber Esssucht in seinem peinlichen Ausdruck, in seiner Unförmigkeit rückt nicht ins Rampenlicht.

Mit dem Begriff »Esssucht« lässt sich nun mal kein Geschäft machen und schon gar keine ansprechenden und aufmunternden Titelblätter in Frauenmagazinen. Esssucht kann nicht schöngeredet werden, sondern ist und bleibt eine Krankheit, ein Leiden. Wen also wundert’s, dass Esssucht noch immer keine Lobby hat?

Ohne die tatkräftige Unterstützung einer Lobby, ohne eine sensibilisierte und damit empathische Öffentlichkeit können massiv übergewichtige Frauen ihre Sucht in der Regel recht lange verkennen, sehr zu ihrem eigenen Nachteil und unter Umständen ebenfalls zum Schaden ihrer näheren Bezugspersonen.

Nur allzu gerne folgen sie dem Mainstream und klammern sich an den Glauben, dass irgendwo schon noch die »richtige Diät« für sie bereitliegt – sie haben sie bloß noch nicht entdeckt. Und natürlich werden sie wiederum enttäuscht und frustriert werden durch das nächste, sicherlich gut gemeinte, aber für ihr eigentliches Leiden wiederum unstimmige Angebot.

Immer wieder wird die Hoffnung auf Körperkontrolle und bewusstes Kalorienmanagement geschürt und immer wieder bricht Enttäuschung und Frust über sie herein. In Ermangelung einer spezifischen, leicht zugänglichen Sucht-Aufklärung bleibt für sie nur der stereotype »Trost«, dass es

a) halt wieder mal das falsche Mittel beziehungsweise die falsche Diät war oder

b) dass es eben doch an einem noch zu schwachen Willen oder

c) am unpassenden Zeitpunkt liegen muss.

Durch dieses wiederholte »Versagen« wegen Nicht-Erkennens beziehungsweise Verleugnens ihrer Krankheit, der Esssucht, rutschen solcherart in ihrer Persönlichkeit und Körperlichkeit kastrierte Frauen tiefer und tiefer in das Dickicht eigener Defizite, Abhängigkeiten, Unzulänglichkeits- und Wertlosigkeitsgefühle. Ihre ohnehin getrübte Selbstwahrnehmung wird, je länger sie dauert, umso verzerrter.

Die esssüchtige Frau versteht die unbändige Gier ihres Körpers nicht, geschweige denn sich selbst. Wie auch? Sie verfügt ja über keinerlei Anhaltspunkte, was sie derart schädigend, ja geradezu dämonisch antreibt, sich selbst weiterhin derart respektlos zu verunstalten und gesundheitlich zu schädigen. Umso weniger, als ihre unentwegten Bemühungen um Körper- und Esskontrolle in deren Vergeblichkeit zwar missverstanden, aber gesellschaftlich durchaus »honoriert« werden.

Wegen ihrer Fettleibigkeit erhält sie, wenn auch nicht spezifisch-konkrete Hilfeleistung, so doch Tipps von allen Seiten, es regnet Komplimente und Schmeicheleien über tatsächlich oder nur vermeintlich abgenommene Kilos. Viele Trostworte fallen, wenn den etwaigen Minus-Kilos die obligaten neuen Kilos (bedingt durch den Jojo-Effekt) folgen. Eine von Oberflächlichkeit und Überheblichkeit geprägte Form der Aufmerksamkeit, die den Kern ihres Leidens völlig verfehlt und so die Sucht missachtet und schürt.

Auch befindet sie sich mit unzähligen »Dicken« in guter Gesellschaft. Der alles dominierende, buchstäblich gewichtige und einbindende Gesprächsstoff geht nie aus, er ist längst zum ausfüllenden, alles beherrschenden Lebensthema geworden.