Die Chronik der Unsterblichen - Nekropole - Wolfgang Hohlbein - E-Book

Die Chronik der Unsterblichen - Nekropole E-Book

Wolfgang Hohlbein

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Beschreibung

Als Andrej mit einem Zug Verzweifelter die Ewige Stadt erreicht, steht Rom vor einer Zeitenwende. In den Wirren einer hastig anberaumten Papstwahl braut sich unter dem Petersdom eine dunkle Kraft zusammen, die die ganze Stadt zu verschlingen droht. Andrej und Abu Dun bleibt nichts anderes übrig, als ihr eigenes Leben in die Waagschale zu werfen, um die Menschen zu retten, die ihnen wichtig sind ...

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WOLFGANG HOHLBEIN

Nekropole

Der 15. Roman der Chronik

der Unsterblichen

Zu diesem Buch

Getrieben, das Rätsel ihrer Herkunft

zu lösen, tragen Andrej Delãny und

Abu Dun die Bürde der Unsterblichkeit,

ohne dafür ihre Menschlichkeit zu opfern.

Der Versuchung, sich der dunklen Seite hin

zugeben, haben sie stets widerstanden …

Nach einer schwierigen Überfahrt erreichen Andrej und Abu Dun den rettenden Hafen Roms. Mit an Bord der Pestmond ist Hasan, der Alte vom Berg, der Abu Dun aus dem Reich der Toten in das der Lebenden zurückholte. Die Gegenleistung, die der alte Mann fordert, entpuppt sich jedoch als undurchschaubares Spiel der Mächte. Einen Papst töten, der seinen eigenen Tod bereits vorgetäuscht hat? Hasan aber hält an seinem Plan fest. Unbeirrt verlässt er sich auf die getroffenen Vorbereitungen, steigt in den am Hafen bereitstehenden Wagen – und tappt in eine Falle. Die Wagentüren schließen sich krachend, ein wilder Kampf entbrennt. Auch wenn die Angreifer zurückgeschlagen werden können, von Hasan fehlt jede Spur. Doch wer weiß um die wahre Identität des Alten vom Berg? Und welche Geheimnisse verbirgt der alte Mann vor Andrej und Abu Dun? Die Jagd durch die Straßen Roms beginnt.

Kapitel 1

Manche nannten Rom die Ewige Stadt, doch Andrej hatte nie wirklich verstanden, warum. Für die einen war sie ein Moloch, der zum Leben erwacht war und die Menschen nur noch brauchte, um immer weiterzuwachsen und dem Verfall Einhalt zu gebieten, für andere war sie der Ort auf Erden, an dem der Mensch in seiner sterblichen Form Gott am nächsten kommen konnte. Und schließlich gab es da noch die, für die diese Stadt das Zentrum des reinen Bösen auf der Welt darstellte, der Ort, an dem der Mensch seine Raffinesse zur Perfektion getrieben hatte, seinen eigenen Machtanspruch mit dem angeblichen Willen eines Gottes zu untermauern, der von seiner Existenz vermutlich ebenso wenig Notiz nahm wie der Mensch von dem Gras, das er achtlos unter seinen Schritten zertrat.

Für Andrej war sie vor allem eines: schmutzig. Der Tiber war eine Kloake, gespeist aus unzähligen Abwasserkanälen, voller Dreck und Unrat, den die Bewohner hier bedenkenlos entsorgten. Andrej hatte vergessen, wie Städte riechen, aber während ihrer kriechend langsamen Fahrt über die Lebensader Roms Richtung Isola Tiberina erinnerte er sich wieder, warum Abu Dun und er es vorzogen, sich in der Wüste oder den endlosen Steppen des Ostens oder in der Einsamkeit des Gebirges aufzuhalten.

Rom stank.

Alle westlichen Städte, in denen er jemals gewesen war, stanken buchstäblich zum Himmel, und Rom machte da keine Ausnahme. Vielleicht hatte er von dieser ganz besonderen Stadt ja auch etwas ganz Besonderes erwartet, oder der Grund für ihre Reise hatte ihm eine Wichtigkeit suggeriert, die es nicht gab … oder die banale Wahrheit war einfach die, dass sie zu lange auf hoher See gewesen waren, um den Geruch zu vieler Menschen, die viel zu lange Zeit auf viel zu wenig Platz zusammengelebt hatten, ignorieren oder auch nur ertragen zu können. Geschweige denn, es zu wollen.

»Was für ein paradiesisches Fleckchen Erde, Sahib«, sagte Abu Dun, als er neben ihn trat und sich so schwer auf das altersschwache Holz der Reling stützte, dass Andrej ein Ächzen zu hören meinte, das durch den gesamten Schiffsrumpf lief. Beinahe glaubte er zu spüren, wie sich das Schiff unter Abu Duns Gewicht auf die Seite legte.

»Endlich verstehe ich, warum du immer von dieser prachtvollsten aller Städte geschwärmt hast, Sahib! All diese wunderschönen Gebäude und Paläste, diese wohlgenährten und gutgekleideten Menschen! Und dieser himmlische Duft! Ich muss dir Abbitte leisten, für alles, was ich insgeheim über deine Schwärmerei für diese Stadt gedacht habe!«

Andrej hütete sich zu widersprechen, schon weil das nur einen weiteren, endlosen Redeschwall zur Folge gehabt hätte. Außerdem hatte Abu Dun recht. Über den Geruch hatte er schon hinlänglich nachgedacht – auch wenn die Worte des nubischen Riesen ihn noch einmal schlimmer gemacht zu haben schienen –, und die Gebäude, die zumindest den Teil der Stadt beherrschten, in den die Pestmond einlief, hätten in den allermeisten anderen Städten wohl eher unter dem Begriff Ruine rangiert. Und was die gut gekleideten und fröhlichen Menschen anging, von denen Abu Dun sprach, so waren dies gerade jetzt nur drei abgerissene Gestalten, die unweit ihres angepeilten Liegeplatzes herumlungerten und das Schiff mit einer Mischung aus Neugier und kaum verhohlener Verschlagenheit musterten.

Andrej überlegte einen Moment, ob es sich eher um Herumtreiber, Tagelöhner auf der Suche nach Arbeit oder Diebe und Halsabschneider auf der Suche nach Beute handelte, und kam dann zu dem Schluss, dass das möglicherweise gar keinen Unterschied machte. Vielleicht gingen sie ja einfach unterschiedlichen Tätigkeiten nach, bei unterschiedlichen Gelegenheiten.

Andrej warf den Burschen einen möglichst finsteren Blick zu, um sie von dummen Ideen abzubringen – oder besser noch, gar nicht erst darauf kommen zu lassen –, zeitigte damit aber keinen sichtbaren Erfolg. Die Männer sahen weiter dem näher kommenden Schiff entgegen, und nun, da Abu Dun neben ihm aufgetaucht war, konzentrierte sich ihr Blick vor allem auf den schwarz gekleideten nubischen Koloss. Das an sich war nichts Ungewöhnliches. Wo immer sie gemeinsam auftauchten, starrten die Leute den nubischen Riesen an. Auch Andrej war alles andere als klein oder gar schmächtig, doch der stets schwarz gekleidete und dunkelhäutige Riese war einer der größten Männer, denen er jemals begegnet war, und der mit Abstand stärkste. Jetzt kam auch noch seine künstliche Hand hinzu, die auch dann Aufsehen erregt hätte, hätte sie nicht so grotesk ausgesehen, wie sie es nun einmal tat.

Dennoch beunruhigte ihn der Anblick der drei Männer. Sie würden von dem biblischen Koloss erzählen, der mit einem Schiff gekommen war, das direkt aus einem zurückliegenden Jahrtausend herbeigesegelt zu sein schien, und sowohl Hasan als auch ihm war daran gelegen, sich möglichst unauffällig in der Stadt zu bewegen.

Andererseits war es aber auch ein Ding der Unmöglichkeit, nicht aufzufallen, wenn man in Begleitung eines Mannes wie Abu Dun reiste. Abgesehen davon war die Pestmond hier eindeutig fehl am Platz; ein Schiff wie sie hätte normalerweise weit außerhalb von Rom in Civitavecchia anlegen müssen. Das aber hätte bedeutet, dass sie noch rund fünfzig Kilometer zu Fuß oder bestenfalls zu Pferd hätten zurücklegen müssen, bevor sie die Ewige Stadt betreten konnten.

Und diese Zeit hatten sie einfach nicht.

Ein sachtes Zittern durchlief das Schiff, die Pestmond wurde langsamer und begann sich dann fast auf der Stelle zu drehen, um den Einzigen noch freigebliebenen Liegeplatz in einer Anzahl kleinerer und zum Großteil noch heruntergekommenerer Boote anzulaufen. Andrej dachte erst gar nicht darüber nach, wie der Mann am Ruder dieses Kunststück fertigbrachte, kam aber nicht umhin, dem vermeintlichen Schmuggler im Stillen Respekt zu zollen, und das nicht zum ersten Mal. Seit Don Corleanis’ Männer das Schiff übernommen hatten, fühlte sich Andrej endlich halbwegs sicher an Bord. Die Pestmond war noch immer ein Wrack, das hauptsächlich von verkrustetem Dreck und den inbrünstigen Gebeten seiner Besatzung zusammengehalten wurde, doch zum ersten Mal, seit sie Sizilien verlassen hatten, hatte er es tatsächlich für möglich gehalten, sie könnten an ihrem Ziel ankommen, ohne den letzten Teil der Reise schwimmen zu müssen.

Andrej schenkte dem Mann am Ruder einen anerkennenden Blick, den dieser aber gar nicht zur Kenntnis nahm, so sehr war er in seine Arbeit vertieft. Als er sich wieder dem Ufer zuwenden wollte, ging die Tür unter dem altmodischen Achterkastell auf, und Ali und zwei seiner überlebenden Assassinen betraten das Deck. Der Hauptmann hatte sich zwar den Bart abgenommen, steckte aber noch immer in den Kleidern eines maurischen Edelmannes, doch den beiden Wüstenkriegern war nicht mehr anzusehen, was sie wirklich waren. Sie trugen jetzt gutbürgerliche, aber eher unauffällige Kleidung und keine Waffen, zumindest nicht sichtbar. Selbst ihre Gesichter sahen aus irgendeinem Grund nicht mehr wirklich wie die von Arabern aus – falls sie es denn überhaupt je gewesen waren. Nicht einmal dessen war sich Andrej noch ganz sicher.

»Andrej. Abu Dun.« Ali nickte ihnen in dieser Reihenfolge zu und sah dann stirnrunzelnd zu den drei Männern hin, die nun gemeinsam und mit offenem Misstrauen ihn und seine beiden Begleiter anglotzten. Vor allem aber ihn. »Wer ist das?«

»Freundliche Eingeborene«, grinste Abu Dun. »Hoffe ich wenigstens. Und sie fragen sich wahrscheinlich gerade genau dasselbe.«

»So freundlich kommen sie mir gar nicht vor.«

»Vielleicht sind Araber in dieser Stadt ja nicht besonders beliebt«, erwiderte Abu Dun.

Ali bedachte den nubischen Riesen, der weder seinen schwarzen Mantel noch den gleichfarbigen Turban gebraucht hätte, um seine Herkunft zu verraten, mit einem strafenden Blick.

»Reiche Araber«, fügte Abu Dun mit einem treuherzigen Nicken hinzu.

Ali war klug genug, sich mit Abu Dun auf keinen Schlagabtausch einzulassen, stattdessen sah er wieder zu den drei Männern hinüber.

»Das Empfangskomitee?«, stichelte Abu Dun. »Wie passend.«

Mit einem Rumpeln prallte das Schiff gegen die Kaimauer. Auf eine kurze Geste Alis hin schwang sich einer seiner Begleiter über die Bordwand und landete mit einer Selbstverständlichkeit auf dem anderthalb Meter tiefer liegenden Kai, mit der andere einen Schritt über eine Türschwelle getan hätten. Als die drei Männer immer noch keine Reaktion zeigten, wie Andrej spätestens jetzt erwartet hätte, oder gar Anstalten machten zu gehen, beschloss er, seine vielleicht doch etwas vorschnell gefasste Meinung noch einmal zu überdenken. Das waren keine Strauchdiebe und auch keine Tagelöhner.

Ali wartete, bis der Assassine die kleine Gruppe erreicht hatte und mit den Männern zu reden begann und antwortete erst dann, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Gleich wissen wir es.«

Abu Dun holte Luft, zweifellos, um noch ein bisschen mehr Öl ins Feuer zu gießen, sodass Andrej schon fast erleichtert war, als das Schiff erneut mit einem lauten Knirschen am groben Stein der Kaimauer entlangschrammte. Niemand verlor das Gleichgewicht, aber eine Woge unruhig-hektischer Bewegung lief über das Deck, und zwei von Corleanis’ angeblichen Fischern sprangen ebenfalls auf festen Boden hinab und begannen das Schiff zu vertäuen. Schon nach wenigen Augenblicken gebärdete sich die Pestmond nicht mehr wie ein störrisches Muli, das noch nicht an den Strick gewöhnt ist, und auch das Scharren und Ächzen hörte sich nicht mehr an, als wollte das Schiff in Stücke brechen. Wenigstens nicht gleich.

Zwei weitere Matrosen entfernten mit geschickten Bewegungen ein Segment aus der Schanzwand, und ein Dritter legte eine mit Querstreben verstärkte Planke zum Kai hinab, über die man das Schiff auf eine etwas weniger anstrengende Art und Weise verlassen konnte. Das alles ging so schnell, dass es Andrej eher an die Choreografie eines gut einstudierten Tanzes erinnerte als an die schwere Arbeit, die es war, und sich zudem der erste mit einem Korb beladene Mann schon auf halbem Wege nach unten befand, noch bevor die Planke ganz zur Ruhe gekommen war. Trotzdem erscholl sofort hinter ihnen eine ebenso misstönende wie unzufriedene Stimme:

»Das habe ich alles schon schneller gesehen! Was glaubt ihr, was das hier ist? Eine freundliche Landpartie, auf der sich jeder nach Belieben ausruhen kann?«

Andrej zog die Brauen zusammen, als er sich umdrehte und den Besitzer dieser unangenehmen Stimme sah. Don Corleanis’ Aussehen stand ihrem Klang in nichts nach. Der selbst ernannte Schmugglerkönig war kaum größer als ein zehn- oder zwölfjähriger Knabe, so unglaublich fett, dass er an eine aufrecht gehende Qualle erinnerte, und hatte ein feistes Gesicht mit tückischen Schweinsäuglein. Er wirkte stets, als stünde er kurz vor dem Erstickungstod, und seine Stimme hörte sich an, als hätte er versucht mit Glasscherben zu gurgeln.

Tatsächlich hatte einmal jemand versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Zwar war das Messer nicht tief genug in seine wabbelnden Fettmassen eingedrungen, um seinen Zweck ganz zu erfüllen, und die Narbe unter dem Dreifachkinn vor neugierigen Blicken verborgen, aber seine Stimme war unwiederbringlich dahin.

Sein Gewissen – sollte er jemals eines gehabt haben – offensichtlich auch. Nachdem er Hasan erkannt und den wahren Grund ihrer Reise erfahren hatte, sollte dieser Moment eigentlich der großartigste und berührendste seines gesamten bisherigen Lebens gewesen sein, und Andrej war auch sicher, dass es so war … aber das hinderte ihn keineswegs daran, auch aus dieser Überfahrt noch möglichst viel Profit zu schlagen.

So grotesk Don Corleanis’ äußere Erscheinung auch sein mochte, genoss er bei seinen Männern doch einen gehörigen Respekt, und so tauchten nun immer mehr von ihnen an Deck auf und begannen, mit Kisten, Bündeln, Körben und Säcken beladen, die schmale Planke hinabzueilen. Corleanis beabsichtigte ganz offensichtlich, gehörigen Profit aus dieser Reise zu schlagen.

Abu Dun grinste noch breiter, und Ali verdrehte in stummer Verzweiflung die Augen, doch er war klug genug, jeden Kommentar für sich zu behalten. Mit Don Corleanis über seine Geschäfte oder gar seine kruden Vorstellungen von Moral und Ehre zu diskutieren, wäre ungefähr so sinnvoll gewesen wie der Versuch, den Papst dazu zu überreden, zum Islam zu konvertieren.

Und als wäre dieser Gedanke ein Stichwort gewesen, ging die Tür nun ein zweites Mal auf, und Clemens – Hasan, schalt sich Andrej in Gedanken, denn sie waren übereingekommen, auch untereinander weiter den Namen zu benutzen, unter dem er den angeblichen Alten vom Berge kennengelernt hatte, schon, um sich nicht in einem unpassenden Moment zu verplappern – trat auf das Deck heraus, gefolgt von Ayla und dem Rest seiner Leibwache aus Assassinen: sieben weitere Männer und Kasim, die jetzt ebenfalls allesamt westliche Kleidung trugen. In der Schar der Schmuggler bildete sich eine Gasse, und Don Corleanis klappte den Mund auf und wieder zu und schaffte es gerade noch, nicht auf die Knie zu fallen.

Selbst Andrej empfand unwillkürlich einen sonderbaren Schauer, während er Clemens – Hasan, verdammt! – betrachtete. Hätte ihm jemand diese Situation vorhergesagt, er hätte ihn ausgelacht und jeden Eid geschworen, dass es ihn vollkommen unbeeindruckt ließ, ob er nun dem legendären Alten vom Berge, einem selbst ernannten Schmugglerkönig oder dem Papst höchstpersönlich gegenüberstand. Doch nun war er tatsächlich befangen. Wie auch nicht, stand er doch dem mächtigsten Mann der Welt gegenüber, zumindest, was diesen Teil des Erdballes anbelangte.

Oder er war es einmal gewesen.

Hasan, der jetzt wieder schwer auf einen Stock gestützt ging, den er gar nicht benötigte, schenkte ihm ein angedeutetes Lächeln und trat dann zwischen Ali und ihm an die Bordwand, um seinen Blick aufmerksam über den Pier tasten zu lassen. Soweit Andrej in seinem Gesicht lesen konnte, schien er mit dem zufrieden zu sein, was er sah.

Ihm selbst erging es vollkommen anders. Er hörte nicht mehr hin, als Ali etwas zu seinem Herren sagte, sondern tat das, was er eigentlich gleich am Anfang hätte tun sollen, und unterzog seine Umgebung einer zweiten und aufmerksameren Musterung, diesmal mit den Augen eines Kriegers.

Nur sehr wenig von dem, was er sah, gefiel ihm. Beiderseits der Pestmond hatten zahlreiche und ausnahmslos kleinere Schiffe angelegt, von denen etliche so tief im Wasser lagen, als würde die stinkende Kloake des Tiber sie gierig auf den Flussgrund ziehen. Eine lange Reihe heruntergekommener Lagerhäuser und Schuppen erhob sich auf der anderen Seite einer Straße, die gut noch aus der Zeit des römischen Imperiums hätte stammen können, wäre sie nicht – wenngleich schlampig – gepflastert gewesen; und überall gewahrte er Karren und Wagen und Stapel mit Waren, die vielleicht auf den Abtransport in die eine oder andere Richtung warteten. Was er nicht sah, waren Menschen.

Die Erkenntnis traf ihn so plötzlich, dass er erschrocken zusammenfuhr. Unwillkürlich näherte sich seine Hand auf halbem Wege dem Saif, den er unter dem Mantel verborgen am Gürtel trug. Wie hatte ihm das entgehen können?

Auch der Rest von Alis überlebenden Assassinen begann nun, das Schiff zu verlassen. Ein Dutzend von Corleanis’ Schmugglern war inzwischen schon damit beschäftigt, die Pestmond endgültig zu löschen, Kisten und Säcke am Ufer zu stapeln oder zu tun, was Schmuggler taten, wenn sie nicht schmuggelten. Währenddessen standen die drei Fremden immer noch in einiger Entfernung da und blickten zu ihnen hoch.

Abgesehen von den drei Männern und denen, die mit der Pestmond gekommen waren, war die gesamte Anlegestelle verwaist. Andrej sah buchstäblich keine Menschenseele.

»Andrej?« Ali hatte sein Gespräch mit Hasan unterbrochen. »Was hast du -«

»Nichts«, antwortete Andrej, und Abu Dun fügte hinzu: »Das ist es ja gerade.«

»Was meinst du damit?«, fragte Ayla und nutzte die Gelegenheit auch gleich, Andrej ein warmes Lächeln über den Rand ihres schwarzen Schleiers hinweg zu schenken.

»Er will damit sagen, dass es zu still ist«, sagte Andrej, während er den Blick aufmerksam über die Straße schweifen ließ. »Das hier ist Rom, kein verstecktes Schmugglernest. Wo sind die Menschen? Schiffe ziehen Neugierige an. Aber hier ist niemand.«

»Das hast du scharf beobachtet«, sagte Ali. »Wie gut, dass wir einen Mann wie dich bei uns haben. Ich fühle mich schon viel sicherer.«

Andrej sah aus den Augenwinkeln, wie Abu Dun zu einer patzigen Entgegnung ansetzte, doch Hasan war schneller. »Nimm es Ali nicht übel, Andrej. Er ist wohl nur ein wenig enttäuscht, dass es dir aufgefallen ist. Er hätte es wohl lieber als Erster gemerkt.«

»Wir sind hier, damit uns so etwas auffällt«, sagte Abu Dun. Auch seine Hand lag auf dem Schwert, das er anders als Andrej ganz offen trug. Eine solch monströse Klinge verbergen zu wollen, wäre auch ziemlich schwierig gewesen.

»Nein, mein Freund.« Hasan lächelte auf eine Weise, als wisse er etwas, das Abu Dun noch unbekannt, aber von großer Wichtigkeit war. »Deshalb seid ihr nicht hier.«

Abu Dun setzte dazu an, etwas zu sagen, hob dann aber nur die Schultern und riss dem nächstbesten Mann seine Last so grob aus den Händen, dass der arme Bursche um ein Haar von der Planke gestürzt wäre. In Aylas Augen, wie üblich nahezu das Einzige, was über dem bestickten Schleier von ihrem Gesicht zu sehen war, blitzte es amüsiert auf, während Clemens – Hasan! – fast schon ein bisschen verletzt aussah.

»Man könnte meinen, dein Freund geht mir aus dem Weg«, sagte er.

»Oder mir«, fügte Ayla hinzu. Anders als Hasan klang sie fast erleichtert.

Genau genommen hatten beide recht, auch wenn Andrej sich hütete, etwas darauf zu sagen. In den zurückliegenden beiden Tagen war Abu Dun sowohl ihm als auch dem Mädchen aus dem Weg gegangen, soweit das in der Enge eines so kleinen Schiffes möglich war. Gesprochen hatte er während der gesamten restlichen Überfahrt kein einziges Wort mehr mit ihnen. Mit Andrej übrigens auch nicht viel mehr.

»Was macht dir Sorgen, Andrej?«, fragte Hasan geradeheraus.

»Sorgen?« Andrej schüttelte den Kopf. »Sieht man mir das so deutlich an?«

»Vielleicht«, antwortete Hasan mit einem Lächeln, das seine Augen wie so oft nicht erreichte. »Vielleicht bin ich ja auch nur ein guter Beobachter.«

»Ich mache mir keine Sorgen«, behauptete Andrej. »Hätte ich denn Grund dazu?«

»Nein«, erwiderte Hasan. »Und habe ich dir schon gesagt, dass du ein schlechter Lügner bist?«

»Mehrmals«, sagte Andrej. Das Poltern, als Abu Dun seine Last mit einem Poltern im Schiffsinneren ablud, brachte für einen Moment alle Gespräche zum Verstummen. Im Stillen war Andrej ihm fast dankbar. Als er zurückkam, um nach einem weiteren Opfer für seine unerwünschte Hilfe zu suchen, hatte auch der Assassine sein Gespräch mit dem Fremden beendet und kam wieder an Deck, um Ali im Flüsterton Bericht zu erstatten. Andrej sah aus den Augenwinkeln, dass nun nur noch zwei Männer am Ende des Piers standen und das Treiben rings um die Pestmond beobachteten, während sich der Dritte schnellen Schrittes entfernte.

»Es ist alles vorbereitet«, sagte Ali, nachdem der Mann fertig war. »Ein Wagen ist unterwegs, um uns abzuholen.«

Abu Dun runzelte die Stirn und schwieg. Andrej horchte auf. Irgendetwas war hier faul.

»Das gefällt mir nicht«, sagte er.

Ali wandte sich demonstrativ ganz zu ihm um und maß ihn mit einem fast verächtlichen Blick. »Es hat alles seine Richtigkeit. Ich fürchte, unser kleines Geheimnis ist nicht mehr ganz so geheim. Es ist besser, wenn nicht noch mehr von unserer Ankunft erfahren, als unbedingt notwendig ist.«

»Ich verstehe«, stichelte Abu Dun in seiner Muttersprache. »Und deshalb lässt er auch den halben Fluss absperren, weil das ja so gar nicht auffällt und sich niemand irgendetwas dabei denken könnte, nicht wahr?«

»Die Menschen hier haben zurzeit ganz andere Sorgen«, antwortete Hasan, nicht nur im gleichen nubischen Dialekt, sondern um etliches flüssiger und akzentfreier, als Abu Dun es getan hatte. »Und wenn sie reden, dann werden sie allenfalls annehmen, dass hier irgendwelche zwielichtigen Geschäfte getätigt werden, von denen niemand wissen soll.«

Was in gewisser Weise ja sogar der Fall war, dachte Andrej. Wenn auch von einer ganz anderen Art, als jeder ahnen mochte, der sich vielleicht darüber wunderte, dass man ihm den Zugang zu diesem Pier verwehrte. Vielleicht hatte Hasan gar nicht einmal so unrecht, und es war manchmal das Unauffälligste, sich möglichst auffällig zu verhalten.

»Und wir lassen ja auch noch dieses wunderschöne Schmugglerschiff zurück, über das jeder so lange nachdenken kann, wie er möchte«, fügte Abu Dun jetzt wieder auf Italienisch hinzu.

Hasan nickte und wandte sich dann mit einem fragenden Blick an Don Corleanis, der in wenigen Schritten Abstand stehengeblieben war und all seine Willenskraft zu brauchen schien, um nicht doch noch auf die Knie zu fallen. »Falls du es dir nicht doch noch anders überlegst und das Schiff behältst. Ich habe es ernst gemeint. Die Pestmond gehört dir, wenn du es möchtest. Sie ist ein gutes Schiff, aber ich habe keine Verwendung mehr dafür. Und das ist das Mindeste, was ich dir und deinen Männern als Dank schuldig bin.«

»Das ist ein … zu großzügiges Geschenk, Emi … Ich meine, Hasan«, stammelte Corleanis. Immerhin gelang es ihm nun, nach zwei Tagen in seiner Gesellschaft, Hasans direktem Blick standzuhalten, ohne vor Ehrfurcht zu erstarren. Doch dabei war er so nervös, dass seine Stimme noch misstönender und schriller wurde und Andrej sich große Mühe geben musste, um nicht zu grinsen. »Ich kann … also, es … es unmöglich annehmen.«

»Du weigerst dich, ein Geschenk von mir anzunehmen?«, fragte Hasan. Er tat es mit einem leichten Lächeln und in gutmütig spöttischem Tonfall, aber Corleanis’ Nervosität nahm nur noch einmal zu.

»Das ist es nicht«, versicherte er hastig. »Aber ein solches Schiff … ist nichts … nichts für einen Schmuggler. Ich meine, wir … also, wir bevorzugen eher die kleineren Boote, die ein wenig … schlichter sind, wie Ihr wisst. Verzeiht, ich meine natürlich, also, ich … ich wollte gewiss nicht andeuten, dass …«

»Was du sagen wolltest, ist, dass jemand wie ich ganz gewiss nichts vom Handwerk eines Schmugglers versteht«, half ihm Hasan amüsiert aus.

Corleanis fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen und brachte nun gar keinen Ton mehr heraus. Noch vor Tagesfrist hätte Andrej wohl Schadenfreude empfunden, aber allmählich begann ihm das kindische Benehmen des Schmugglers schlichtweg auf die Nerven zu gehen.

»Dann ist jetzt wohl der Moment des Abschieds gekommen«, fuhr Hasan fort, »und mir bleibt nichts mehr übrig, als dir und deinen Männern noch einmal für eure Hilfe zu danken. Ich würde gerne mehr tun, aber ich fürchte, das ist mir nicht möglich.«

»Was immer Ihr befehlt, Emi …«

»Das bin ich nicht mehr«, fiel ihm Hasan ins Wort, »und ich kann dir auch nichts mehr befehlen. Und genau deshalb muss ich dich noch einmal um einen weiteren Gefallen bitten. Vielleicht den größten von allen.«

»Niemand darf es erfahren«, vermutete Corleanis. Er sah ein wenig traurig aus.

Hasan nickte, und nun sank der fette Schmuggler doch vor ihm auf ein Knie und neigte so demütig das Haupt, dass Andrej um sein Gleichgewicht fürchtete.

»Meine Lippen sind versiegelt, Heiliger Vater«, sagte er. »So wie die meiner Männer. Bitte segnet mich, Vater!«

Andrej sah Hasan an, dass er sich gerade noch zurückhalten konnte, um nicht die Augen zu verdrehen. Er sparte es sich auch, Don Corleanis daran zu erinnern, dass er nicht mehr in der Position war, irgendjemandem den Segen zu erteilen, sondern tat ihm den Gefallen. Corleanis seinerseits hätte wohl am liebsten nach seiner Hand gegriffen und sie geküsst. Andrej war sicher nicht der Einzige, dem auffiel, wie schwer es ihm fiel, es nicht zu tun.

Schließlich war es Ali, der mit einem lauten Räuspern dafür sorgte, dass der absurde Moment ein Ende fand. »Wir sollten jetzt aufbrechen. In diesem einen Punkt pflichte ich Andrej bei. Hier gefällt es mir nicht.«

»Zu viele Heiden?«, fragte Abu Dun.

»Zu viel von allem«, antwortete Ali. »Vor allem Platz. Und Türen, hinter die ich nicht sehen kann.« Er machte eine Kopfbewegung auf die beiden Männer am Ende des Piers. »Wir sollten sie nicht mehr zu lange warten lassen. Andrej hat recht. Wir erregen schon jetzt zu viel Aufmerksamkeit. Das gefällt mir nicht.«

»Was ja schon beinahe ein Grund wäre, noch ein wenig zu bleiben«, fand Abu Dun.

Hasan warf ihm einen leise strafenden Blick zu. Er riss seine Hand los und wich einen halben Schritt vor dem knienden Schmuggler zurück. »Ich danke dir«, sagte er wie zum Abschied. »Ich werde dich und deine Männer in meine Gebete einschließen. Und so viel kann ich dir immerhin verraten: Auch wenn du niemals erfahren wirst, wie, so hast du doch mitgeholfen, großes Unglück von dieser Stadt abzuwenden.«

Abu Duns linke Augenbraue rutschte bis zum Rand seines Turbans hoch, und auch Andrej wurde hellhörig, doch Hasan machte keine Anstalten, dieser Andeutung eine Erklärung folgen zu lassen, sondern wandte sich endgültig ab.

Corleanis war jedoch nicht bereit, so schnell aufzugeben. Er versuchte, aufzustehen und erreichte damit nicht mehr, als in seiner Hast nun endgültig die Balance zu verlieren und auch noch auf das andere Knie zu fallen, zugleich griff er noch einmal nach Hasans Hand. Alis Rechte landete mit einem hörbaren Klatschen auf dem Schwertgriff, und Abu Duns andere Augenbraue gesellte sich seiner linken hinzu.

»Ich bitte Euch, überlegt Euch meinen Vorschlag noch einmal, Vater! Ich könnte Euch sicher noch von Nutzen sein, und ich kenne mich in Rom gut aus!«

»Und du meinst, das täten wir nicht, du Dummkopf?«, fauchte Ali. »Nimm die Hand da weg, wenn du sie behalten willst.«

Tatsächlich zog er das Schwert eine halbe Handbreit aus der Scheide, und Andrej wäre nicht mehr überrascht gewesen, hätte er seine Drohung unverzüglich in die Tat umgesetzt. Doch er kam nicht dazu, denn in diesem Moment flog die Tür unter dem Achterkastell mit einem Knall auf, und einer von Corleanis’ Männern stolperte heraus.

»Die Toten!«, schrie er mit schriller, überschnappender Stimme. »Sie kommen zurück!«

Kapitel 2

Der Mann war zwar erst seit einigen Tagen tot, doch er sah aus, als wären es Jahre, was vermutlich daran lag, dass er einen Gutteil dieser Zeit im Faulwasser der Bilge zugebracht hatte. Seine Kleider waren so mürbe, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht zerfielen, als Abu Dun ihn aus dem Wasser zog, und sein Fleisch kaum minder. Weißer Knochen blitzte an vielen Stellen durch sein verrottetes Gesicht, und er war sowohl seiner Haare als auch der meisten Zähne verlustig gegangen. Eines der Augen war zu grauer Blindheit geliert, wo das andere sein sollte, gähnte ein zerfranster Krater voller wimmelnder Maden und Würmer. Der komplette linke Arm fehlte und war ganz eindeutig ausgerissen worden und nicht abgeschnitten, und die rechte Hand war ein aufgedunsener, schwammiger Klumpen mit nur noch drei Fingern … was sie nicht daran hinderte, damit blind nach Andrejs Stiefel zu tasten und eine schlammige Spur aus grünblauer Fäulnis auf dem zerschrammten Leder zu hinterlassen.

Angeekelt wich Andrej zurück, wobei er sich an der niedrigen Decke den Kopf stieß. Abu Dun bereitete dem grässlichen Schauspiel ein Ende, indem er wuchtig mit dem Fuß auf die Hand des Toten stampfte. Angesichts seiner gewaltigen Größe und seines noch viel gewaltigeren Gewichts hätte man das Geräusch von zerbrechenden Knochen erwartet, doch Andrej hörte stattdessen einen widerwärtigen Laut, der an das Zerplatzen einer faulen Frucht erinnerte, und registrierte einen Schwall von so intensivem Verwesungsgeruch, dass sein Magen rebellierte. Offensichtlich nicht nur seiner, denn zwei von Corleanis’ Männern hatten es plötzlich sehr eilig, den Laderaum zu verlassen, und direkt hinter ihm erklang ein Keuchen und dann ein Würgen, doch zu seiner Erleichterung aber nicht mehr. Jetzt, wo der größte Teil der Fracht gelöscht war, erwies sich der Laderaum der Pestmond als überraschend geräumig, aber nun drängten sich außer Ali und seinen Assassinen auch nahezu die gesamte Schmugglermannschaft darin, die in Sizilien an Bord gekommen war. Sich in einem so überfüllten Raum zu übergeben war nicht nur unangenehm, sondern konnte leicht zu einer noch deutlich unangenehmeren Kettenreaktion führen.

»Ich habe dir gesagt, dass es kein schöner Anblick ist«, sagte Abu Dun, der sich keine Mühe gab, sich seine Schadenfreude nicht anmerken zu lassen. »Also tu uns allen einen Gefallen und behalte dein Frühstück wenigstens noch so lange bei dir, bis du wieder an Deck bist.«

Die Worte galten Corleanis, der es irgendwie geschafft hatte, noch vor Andrej und ihm hier herunterzukommen, nun aber in zwei Schritten Abstand stehengeblieben war und hörbar nach Luft rang.

»Was tust du da, du … du widerwärtiger Barbar?«, stammelte Corleanis. »Das ist …«

»Genug jetzt«, mischte sich Ali ein. »Alle raus hier, die hier nichts verloren haben. Du bleibst.« Zugleich legte er Corleanis die Hand auf die Schulter und wies mit der anderen auf den Mann direkt neben dem Schmuggler. »Und du auch.«

Den meisten Männern musste man nicht zweimal befehlen, den Laderaum zu verlassen, denn auch wenn nur wenige nahe genug gekommen waren, um tatsächlich einen Blick auf den Toten zu werfen, war doch allein der Gestank und das Wissen um seine Anwesenheit schon fast mehr, als selbst die Schlimmes gewöhnten Seeleute ertrugen. Für einen Moment entstand an der steilen Treppe Unruhe und Gerangel, und Abu Dun nutzte die Gelegenheit, um den Fuß von der Hand des Toten zu nehmen, was einen neuerlichen Schwall von Fäulnisgeruchs zur Folge hatte. Don Corleanis japste qualvoll. Abu Dun ließ sich neben der immer noch halb im Wasser liegenden Leiche in die Hocke sinken und drehte den Toten um. Sie mit seinen breiten Schultern vor neugierigen Blicken abschirmend, nutzte er den Moment, ihr unbemerkt von Corleanis und den anderen das Genick zu brechen. Andrej sah, wie die Füße im schlammigen Wasser der Bilge noch ein letztes Mal zuckten. Am Grunde der leeren Augenhöhlen wimmelten die Würmer. Er war sicher, sich gut genug in der Gewalt zu haben, um keinerlei Reaktion auf seinem Gesicht zuzulassen, beglückwünschte sich zugleich aber auch selbst dazu, an diesem Morgen nichts gegessen zu haben. Sein Magen hob sich, und er spürte ein eisiges Entsetzen.

Es war nicht einmal so sehr der grauenhafte Zustand des Toten. In den ungezählten Jahren, in denen sie nun über die Schlachtfelder und Mordgruben der Welt zogen, hatte er schon weit Schlimmeres gesehen und sich schon vor Jahrhunderten von der Illusion verabschiedet, sich alles vorstellen zu können, was Menschen einander antun. Dennoch wünschte er sich, er müsste nicht sehen, was diesem bedauernswerten Mann angetan worden war.

Der Körper war schon seit Tagen tot, nur noch faulendes Fleisch, das mit unnatürlicher Schnelligkeit immer weiter verfiel, und dennoch – tief in diesem grässlichen Etwas, das einmal ein Mensch gewesen war, regte sich immer noch ein gepeinigter Schatten des früheren Lebens. Jetzt, wo Abu Dun ihm das Genick gebrochen hatte, war der Körper endgültig zur Reglosigkeit verdammt, doch Andrej würde nie vergessen, wie ihm der abgeschlagene Schädel eines anderen untoten Kriegers verzweifelte Blicke zugeworfen hatte, und das kalte Grauen, als er begriff, dass da noch immer etwas in diesem wandelnden Leichnam war – etwas, das litt und lautlos gellend nach einer Erlösung schrie, die vielleicht niemals kommen würde.

Abu Dun sagte etwas, das er nicht verstand, doch Andrej klammerte sich beinahe verzweifelt an den reinen Klang der Worte, nur, um diesen letzten, entsetzlichen Gedanken nicht zu Ende denken und sich vielleicht etwas eingestehen zu müssen, das er tief in sich schon längst wusste und nur nicht wahrhaben wollte.

»Andrej?«, fragte Abu Dun noch einmal, und jetzt bemerkte Andrej auch die Furcht, die sich hinter Abu Duns vermeintlicher Gelassenheit verbarg. »Ist alles in Ordnung?«

Nichts war in Ordnung, seit sie dieses verfluchte Schiff betreten und erfahren hatten, wer sein Kapitän wirklich war, das wusste Abu Dun genauso gut wie er. Trotzdem nickte Andrej, doch er kam nicht dazu, zu antworten, denn Don Corleanis, der seine Fassung offenbar zurückerlangt hatte, polterte: »Was soll daran in Ordnung sein, wenn du anständige Menschen zwingst, sich so etwas anzusehen, du Barbar?«

»Kennst du diesen Mann?«, fragte Abu Dun ungerührt, indem er sich in der Hocke umdrehte und den vermeintlichen Toten noch ein Stück weiter aus seinem nassen Grab zog. Die morschen Bretter knirschten bedrohlich unter dem Gewicht des Nubiers, und der Kopf des Toten rollte haltlos hin und her, als wollte er sich über die grobe Behandlung beschweren. Andrej hörte, wie der fette Schmuggler in seinem Rücken erneut darum kämpfen musste, seine letzte Mahlzeit bei sich zu behalten.

»Kennen?«, würgte Corleanis, kam aber trotzdem noch ein Stück näher und beugte sich widerstrebend vor. Trotz des schlechten Lichtes sah Andrej, wie blass er geworden war. »Bist du von Sinnen, du gefühlloser Heidenhund? Diesen armen Kerl würde nicht einmal mehr seine eigene Mutter wiedererkennen!«

Was vermutlich auch für Corleanis’ Mutter galt, dachte Andrej, und auch ohne, dass man ihn vorher ein paar Tage unter Wasser drückte. Laut sagte er: »Sieh genau hin. Es ist wichtig.«

Don Corleanis schenkte ihm zwar noch einen giftigen Blick, sparte sich aber jeden Protest und raffte all seinen Mut zusammen, um den Toten genauer anzusehen. »Das ist …« Er schluckte, rang hörbar nach Luft, und seine Augen weiteten sich. »Heilige Jungfrau Maria, das ist Stefano!«

»Du kennst ihn«, vergewisserte sich Abu Dun.

»Sehr gut sogar«, antwortete Corleanis. »Aber was … wie ist denn das möglich? Ich habe noch vor drei Tagen mit ihm gesprochen, und da war er … das … das ist Hexerei! Der Teufel selbst hat seine Hand im Spiel!«

Bei den letzten Worten drehte er sich halb zu Hasan um und warf ihm einen Beistand heischenden Blick zu, den dieser aber geflissentlich ignorierte.

»Ich wünschte, es wäre so einfach«, seufzte Andrej, vorsichtshalber wieder in einer Sprache, von der er ziemlich sicher war, dass Corleanis sie nicht verstand. Wieder ins Italienische zurückfallend, fügte er hinzu. »Und du bist ganz sicher?«

Corleanis warf Hasan einen weiteren, fast flehenden Blick zu und wandte sich dann aufgebracht wieder an Andrej, als er endlich einsah, dass er keinerlei Hilfe zu erwarten hatte. »Warum zwingst du mich, diesen schrecklichen Anblick zu ertragen, wenn du die Antwort nicht hören willst? Das ist Stefano, ich bin ganz sicher! Und du wirst mir jetzt sagen, was für ein Teufelswerk das ist!«

»Das werde ich«, versicherte Andrej, »sobald ich es selbst weiß.«

»Lüg mich nicht an!«, fauchte Corleanis. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das ist Hexerei!« Er bekreuzigte sich. Hasans einzige Reaktion bestand darin, Ayla die Hand auf die Schulter zu legen.

»Hexerei«, wiederholte Abu Dun nachdenklich und deutete mit dem Kopf auf Andrej. »Genau aus diesem Grund nenne ich ihn auch immer Hexenmeister, weißt du? Nicht nur, um ihn zu ärgern, auch wenn ich zugeben muss, dass es Spaß macht.« Kopfschüttelnd hob er seine künstliche Hand. Etwas Widerliches und Zähes tropfte von den missgestalteten Eisenfingern. »Aber ich fürchte, es ist nicht ganz so einfach.«

»Einfach!«, ächzte Corleanis.

»Einfach«, bestätigte Abu Dun. »Wenn es um Hexerei geht, dann verbrennt man die Hexe, und es ist gut. Oder man sieht ein, dass es so etwas wie Hexerei nicht gibt, und die Erklärung vielleicht viel schlimmer ist.«

Don Corleanis sah noch einen halben Herzschlag lang einfach nur hilflos aus, dann presste er wütend die Lippen aufeinander und fuhr auf dem Absatz herum. In dem Blick, mit dem er Hasan nun maß, war nur noch sehr wenig Ehrfurcht zu erkennen, doch dafür etwas, das Ali dazu zu bewegen schien, die Hand schon wieder auf den Schwertgriff zu senken.

»Eminenz, ich bestehe darauf, dass …«

»… ich mich um diesen schrecklichen Vorfall kümmere«, fiel ihm Hasan ins Wort, »und das mit gutem Recht. Du hast mein Wort, dass wir herausfinden werden, was diesem armen Mann widerfahren ist. Und ich werde für die Seele deines Bruders beten. Sein Name war Stefano, sagst du?«

Corleanis nickte. »Ja«, sagte er perplex, »aber …«

»Dann werde ich ein zusätzliches Vaterunser für Bruder Stefanos Seelenheil beten«, fuhr Hasan fort. »Und du solltest dasselbe tun, wie es die Pflicht eines jeden guten Christenmenschen ist. Und zünde eine Kerze für ihn an, wenn du wieder nach Hause zurückgekehrt bist.«

»Aber das meine ich …«

»Und nun gehe und sorge dafür, dass deine Männer sich mit dem Löschen der Ladung beeilen.«

Auf Corleanis’ Gesicht war jetzt keine Ehrerbietung mehr zu erkennen, sondern blanker Zorn, und er presste die Lippen so fest zusammen, dass sie praktisch verschwanden. Doch er widersprach nicht noch einmal, sondern rang sich nur ein knappes Nicken ab und hatte es nun so eilig zu gehen, dass er auf der steilen Treppe ins Stolpern geriet und beinahe gefallen wäre. Abu Dun machte ein schadenfrohes Gesicht, doch sein Blick war besorgt. Er zog den verschrumpelten Leichnam endgültig aus der Bilge und tauchte seine besudelte Eisenhand bis zum Ellenbogen ins Wasser, um sie zu säubern; auch wenn Andrej beim Anblick der fauligen Brühe bezweifelte, dass das viel nutzte.

Hasan wartete, bis Corleanis’ zornige Schritte auf den Brettern über ihnen verklungen waren, bevor er sich an den zweiten Schmuggler wandte, den Ali zurückgehalten hatte. »Du hast ihn gefunden?«

Der Mann nickte nervös. Er sah überallhin, nur nicht in Richtung des entstellten Leichnams oder in Hasans Gesicht. »Ja«, flüsterte er. »Ich habe ein Geräusch gehört und …«

»Wieso hast du gesagt, die Toten kommen zurück?«, fiel ihm Ali ins Wort.

»Weil … weil er sich bewegt hat«, stammelte der Mann.

»Bewegt«, wiederholte Ali. Ein dünnes Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Und das hast du gesehen?«

»Nein!« Herman schüttelte heftig den Kopf. »Aber ich habe es gehört. Ein Kratzen … es kam von dort hinten. Ich dachte, es wäre ein Tier. Eine Ratte vielleicht. Ich bin hingegangen, und da habe ich gehört, wie etwas am Boden gekratzt hat.«

»Und dann hast du die Bretter weggenommen.«

»Und ihn gefunden, ja«, bestätigte der Schmuggler. »Er hat sich bewegt. Ich habe es genau gesehen. Er hat mich angesehen und wollte nach mir greifen.«

»Bewegt?«, fragte Ali.

»Und er wollte nach dir greifen?«, fügte Abu Dun hinzu und deutete auf die zermalmte Hand. »Damit?«

»Ich weiß, wie sich das anhört«, sagte der Mann ängstlich. Er zitterte am ganzen Leib. »Aber ich bin ganz sicher, dass ich es gesehen habe!«

»Das glaube ich dir«, sagte Ali. »Das Licht hier unten ist schlecht. Du warst gewiss sicher, tatsächlich etwas zu sehen. Ein solcher Anblick kann selbst den Stärksten erschrecken. Niemand nimmt es dir übel.«

»Aber ich weiß doch, was ich …«, begehrte der Mann auf, und nun unterbrach ihn Hasan, indem er sacht die Hand hob und ebenfalls den Kopf schüttelte. »Es ist gut, mein Sohn«, sagte er. »Du hast recht daran getan, uns zu alarmieren. Ich wollte, alle Männer wären so wachsam wie du. Aber nun geh und hilf den anderen, das Schiff zu entladen.«

Der Mann starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, fuhr dann auf dem Absatz herum und rannte regelrecht die Treppe hinauf. Hasan wandte sich an Ali. »Deine Männer sollen ihnen helfen. Dieses Schiff muss hier weg, so schnell es geht.«

»Ihr solltet nicht …«

»Und nimm Ayla mit«, fuhr Hasan mit leicht erhobener Stimme fort. »Das ist wirklich kein Anblick für ein Kind. Ich möchte allein mit Andrej sprechen.«

Ali sah wenig begeistert aus, aber wie üblich wagte er es nicht, seinem Herren zu widersprechen, sondern beließ es bei einem knappen Nicken (und einem warnenden Blick in Andrejs Richtung), bevor er Ayla am Arm ergriff und wegführte. Das Mädchen widersetzte sich nicht, aber Andrej hatte das Gefühl, dass es enttäuscht war. Auf der Treppe angekommen sah sie zurück und reckte den Hals, um noch einen letzten Blick auf den Toten zu erhaschen.

Hasan wartete, bis nicht nur Ali und sie, sondern auch die anderen Assassinen gegangen und sie endgültig allein waren. »Ist er der Einzige?«

Wie immer, wenn sie unter sich waren, verzichtete er darauf, sich auf einen Stock zu stützen, aber der Laderaum war so niedrig, dass er trotzdem mit gebeugten Schultern und leicht nach vorne geneigt ging, ganz wie der gebrechliche alte Mann, den er so gerne spielte. Er sah mit einem Male sehr müde aus, und beim Anblick des toten Schmugglers erschrocken, was Andrej beunruhigte. Er hatte das Gefühl, dass dieser Schrecken einen ganz anderen Grund hatte, als er sollte. Hasan sah etwas, das ihn bis ins Mark erschütterte.

»Sollten es denn mehr sein?«, erkundigte sich Abu Dun.

»Gehört dieser Mann zu Don Corleanis?«, fragte Hasan, ohne seinerseits auf die Frage des Nubiers zu reagieren.

»Jedenfalls sagt er das«, bestätigte Abu Dun.

»Und was von seinen Kleidern übrig ist, sieht auch ganz genau danach aus«, fügte Andrej noch hinzu. »Ihr wisst, was das heißt?«

Hasan schwieg, bis Andrej schon glaubte, er würde keine Antwort mehr bekommen, doch dann straffte er die Schultern und deutete ein Nicken an. »Dass es uns von Jaffa aus gefolgt ist.«

»Es«, wiederholte Abu Dun. Er stülpte nachdenklich die Unterlippe vor. »Eine interessante Formulierung. Es.«

»Abu Dun«, mahnte Andrej.

»Und wenn wir schon einmal dabei sind, würdet Ihr uns dumme Sterbliche an Eurer Weisheit teilhaben lassen und uns erklären, was es eigentlich ist?«

»Abu Dun«, sagte Andrej noch einmal und schärfer.

»Ich frage mich ja nur«, fuhr Abu Dun fort, ohne Hasan auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen, »ob es uns tatsächlich von Jaffa aus gefolgt ist oder wir es vielleicht erst dorthin gebracht haben.«

»Ich kann dich verstehen«, sagte Hasan leise. »Ich an deiner Stelle würde mir wohl auch nicht glauben. Aber ich versichere dir, dass mich das, was hier geschieht, genauso erschreckt wie euch.« Er bekreuzigte sich, rasch und mehrmals hintereinander.

»Und es hat auch nichts mit dem Grund unseres Hierseins zu tun.« Abu Dun erhob sich aus der Hocke, und obwohl er sich durch Andrejs Beispiel gewarnt nur sehr vorsichtig aufrichtete, prallte er so heftig mit dem Hinterkopf gegen die Decke, dass sein Turban ins Wanken geriet und er ihn mit der gesunden Hand festhalten musste. Es wirkte kein bisschen komisch. »Oder der Kleinigkeit, dass der Papst der Christenheit seinen eigenen Tod vortäuscht, um in die Rolle ihres schlimmsten Feindes zu schlüpfen und sich auf die Suche nach zwei Männern zu machen, die die meisten seiner Anhänger mit Freuden auf den Scheiterhaufen stellen würden.«

Hasan musste zwar den Kopf in den Nacken legen, um in Abu Duns Gesicht hinaufzublicken, aber statt eingeschüchtert zu sein, lächelte er plötzlich wieder. »Hasan as Sabah war niemals ein Feind der Christenheit, mein Freund«, sagte er. »Hunderte von christlichen Rittern verdankten ihm und seinen Assassinen ihr Leben nach der Belagerung von Akkon … ihr wart nicht zufällig dabei?«

»Dann würde ich nicht fragen«, polterte Abu Dun, »und deine christlichen Ritter wären auch nicht mit dem Leben davongekommen. Also?«

»Ihr wisst alles, was auch ich weiß«, behauptete Hasan. Andrej spürte, dass er log. »Und der Grund, aus dem ich Männer wie euch gesucht habe, wiegt mehr als das Leben eines einzelnen Menschen. Selbst das eines Papstes.«

»Dann verrat ihn uns«, verlangte Abu Dun geradeheraus. »Jetzt!«

»Das kann ich nicht«, antwortete Hasan. »Und du solltest besser beten, dass ich es auch niemals muss, mein Freund.«

»Beten?« Abu Dun machte eine abfällige Handbewegung. »Ich glaube nicht an deinen Gott, alter Mann.«

»Er gehört nicht mir, und ich denke, dass du wesentlich älter bist als ich«, erwiderte Hasan fast amüsiert. »Und es spielt auch gar keine Rolle, an welchen Gott du glaubst. Bete zu ihm. Gott ist es egal, welchen Namen die Menschen ihm geben.«

»Wenn du noch ein bisschen weiter mit ihm diskutierst, dann lässt du dich am Ende noch taufen«, mischte sich Andrej ein, wartete kurz und fügte mit einer Geste auf das faulige Wasser und einem schiefen Grinsen hinzu: »Die Gelegenheit ist günstig.«

Abu Dun war einen Moment lang sichtbar unentschlossen, ob er über diesen wenig appetitlichen Scherz lachen oder jetzt erst recht wütend werden sollte, und Hasan nahm ihm die Entscheidung ab, indem er wieder einen Schritt von dem Toten zurückwich und sich demonstrativ umsah. Corleanis’ Männer hatten den Großteil der Fracht bereits ausgeladen, dennoch gab es noch ganze Stapel von Körben, Säcken, Fässern oder auch schlichtem Ballast, zwischen denen nur schmale Gänge frei blieben. Andrej war das erste Mal in diesem Teil des Schiffes, doch selbst ihm war aufgefallen, um wie vieles tiefer die Pestmond bei ihrer Abfahrt aus Sizilien im Wasser gelegen hatte. Don Corleanis war offensichtlich fest entschlossen gewesen, nicht nur ein gutes Werk zu tun, sondern auch einen guten Profit aus dieser Reise zu schlagen.

»Vielleicht war es schlicht ein Unfall«, sagte Hasan. »Ein bedauerliches Missgeschick, das diesem armen Mann das Leben gekostet hat.«

»Du meinst, er hat sich hier unten verlaufen und den Ausgang nicht wiedergefunden«, spöttelte Abu Dun. »Wie überaus ungeschickt von ihm.«

Hasan blieb ernst. »Corleanis würde es niemals zugeben, doch ich weiß, dass es auch unter seinen Anhängern Unzufriedenheit gibt. Vielleicht hat er versucht, sich an Bord zu schleichen, um so Sizilien heimlich zu verlassen.«

»Und dann hat er entschieden, sich für seinen Besuch in der Stadt ein wenig herauszuputzen und schnell noch ein Bad zu nehmen«, ergänzte Abu Dun.

Diesmal schenkte ihm Hasan immerhin einen strafenden Blick und berührte mit seinem Stock sacht eines der Bretter, unter denen er den Toten hervorgezogen hatte. »Vielleicht hat er sich hier versteckt und ist dann nicht mehr herausgekommen, als sie den Raum beladen haben.«

»Und ertrunken, als das Schiff immer schwerer geworden ist und Wasser genommen hat.« Abu Dun machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ja, das klingt logisch. Willst du uns auf den Arm nehmen?«

»Du solltest beten, dass es so war«, sagte Hasan. »Jede andere Erklärung wäre noch viel schrecklicher, glaub mir.«

»Wie könnte ich euer Wort anzweifeln, Eminenz?«, höhnte Abu Dun.

»Ich gebe dir mein Wort, dass du alles erfahren wirst, was du wissen musst, noch bevor die Sonne das nächste Mal aufgeht«, sagte Hasan. »Es wird heute enden, so oder so.« Er deutete auf den toten Schmuggler. »Aber nun müssen wir uns um diese arme Seele kümmern. Das hier wird als Grab genügen müssen, fürchte ich.«

»Bekommt er denn kein christliches Begräbnis?« Der Hohn in Abu Duns Worten verfing nicht; er war nicht mehr echt.

»Es ist nur Fleisch, mein Freund«, antwortete Hasan sanft. »Gott sieht in unsere Herzen, es ist nicht unsere sterbliche Hülle, die er will. Ich werde Don Corleanis bitten, das Schiff aufs offene Meer hinauszufahren und es dort zu verbrennen.«

Mit grimmiger Miene setzte Abu Dun zu einer Entgegnung an, hob dann jedoch nur die Schultern und stieß den Toten mit dem Fuß in die Bilge zurück. Andrej machte einen raschen Schritt zur Seite, um nicht von dem aufspritzenden Wasser getroffen zu werden.

»Amen«, sagte Abu Dun.

Hasan schüttelte resigniert seufzend den Kopf und wandte sich ab, um zu gehen. Andrej wartete, bis Hasan die Treppe hinaufgegangen war und seine Schritte oben auf dem Boden wieder schleppend wurden – und sich auch noch das Klopfen seines Stockes hinzugesellte.

»War das nötig?«, fragte er dann.

»Was?« Abu Dun ließ sich in die Hocke sinken und schob die Bretter wieder an ihren Platz. Als hätte er Angst, der Tote würde sich abermals aus seinem nassen Grab erheben, stampfte er noch einmal kräftig genug mit dem Fuß auf, um die morsche Bohle der Länge nach reißen zu lassen. Damit offensichtlich immer noch nicht zufrieden, ging er und kam mit einem Korb voller Ballaststeine zurück, der mindestens hundertfünfzig Pfund wiegen musste.

»Das sollte reichen.«

»Hast du Angst, dass er noch einmal zurückkommt?«

»Du nicht?« Abu Dun begutachtete kritisch sein Werk und schob den Korb mit der Stiefelspitze noch ein wenig zur Seite. Wieder musste Andrej seine Fantasie zügeln, die aus dem Geräusch das Kratzen von Fingernägeln auf mürbem Holz machen wollte.

»Du hast ihm das Genick gebrochen«, erinnerte Andrej, bekam aber nur ein abfälliges Schnauben zur Antwort.

»Das habe ich dir auch schon. Und was hat es genutzt?« Abu Dun schien endlich zufrieden zu sein, denn er richtete sich wieder auf, soweit es in dem niedrigen Raum möglich war und schob seinen Turban damit nun weit auf die andere Seite. »Hast du vergessen, wie das Mädchen ihn angesehen hat?«

»Ayla?« Andrej hob die Schultern. »Sie war neugierig.«

Abu Dun hob seine künstliche Hand vors Gesicht und betrachtete sie stirnrunzelnd, als fiele ihm erst jetzt auf, wie grotesk sie aussah. Andrej hatte das sehr sichere Gefühl, dass er noch mehr über Ayla sagen wollte, doch dann sagte er in verändertem und leiserem Tonfall: »Ich frage mich, ob es ein Fehler war.«

»Dir dieses Ding verpassen zu lassen?« Andrej nickte. »Zweifellos.«

Abu Dun ignorierte das. »Was genau hat er gemacht?«, fragte er. »Hasan, meine ich. Ich weiß, ich habe dich bisher nicht danach gefragt, und eigentlich wollte ich es auch nicht. Aber vielleicht war das ein Fehler. Was hat er getan?«

»Dich von den Toten zurückgeholt?«

»Wie hat er es getan?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Andrej. »Ich war nicht dabei. Und er hat es mir auch nicht gesagt.« Und er hatte es auch gar nicht wissen wollen, wenn er ehrlich war. Er konnte nicht einmal sagen, warum. »Wieso interessiert dich das plötzlich?«

Abu Dun hob die Schultern. »Ich denke nur laut«, behauptete er. »Leben und Tod scheinen irgendwie nicht mehr dasselbe zu sein, wenn dein neuer Freund in der Nähe ist.«

»Hasan ist nicht mein Freund.«

»Wie auch immer«, fuhr Abu Dun unbeeindruckt fort. »Halt dich von ihm fern. Er ist gefährlich.«

»Er hat dir das Leben gerettet«, gab Andrej zu bedenken.

»Das hast du auch schon getan«, erwiderte Abu Dun und wischte die Antwort, zu der Andrej ansetzte, mit einer herrischen Geste beiseite. »Im Prinzip ist es mir egal, wem er was und aus welchem Grund antut. Aber jetzt, wo ich weiß, wer er wirklich ist, fällt es mir noch schwerer, ihm zu glauben.«

»Weil er ein Heiliger Mann und Gottes Stellvertreter auf Erden ist?«

»Nicht, dass das nicht oft die Schlimmsten wären«, antwortete Abu Dun, »aber ja, genau aus diesem Grund. Du solltest sehr vorsichtig sein, das ist alles, worum ich dich bitte.«

Und wie kam er auf die Idee, dass ihn das etwas anging? Andrej musste sich schon wieder beherrschen, um ihn nicht lautstark mit genau diesen Worten in die Schranken zu verweisen, doch das war gar nicht nötig. Abu Dun und er kannten sich seit dreihundert Jahren, und der Nubier las in ihm wie in einem offenen Buch. Wieso erkannte er dann nicht, was für einen Unsinn er redete?

Schweigend wandte er sich ab und ging, um nach Hasan zu suchen.

Und nach Ayla.

Kapitel 3

Hasan und sein vermeintlicher Leibwächter warteten bereits an Land auf ihn, doch sie brachen nicht sofort auf. Auch die beiden anderen Männer waren verschwunden, und neben der Pestmond erhoben sich ganze Stapel von Fracht- und Schmuggelgut, ein Anblick, der Andrej ein dünnes Lächeln abnötigte, dessen er sich nicht einmal bewusst war. Irgendwie hatte Ali wohl dafür gesorgt, dass dieser Teil des Flussufers tatsächlich menschenleer war, sodass niemand ihre Ankunft beobachtete, und Don Corleanis nutzte diesen Umstand selbstverständlich schamlos aus, um das beste Geschäft seit zehn Jahren zu machen, wenn nicht seines Lebens.

Da ihm einer der Schmuggler entgegenkam und bei seinem Anblick sacht zusammenzuckte, sprang Andrej das letzte Stück von der Planke auf den Kai hinab, was sich als keine gute Idee erwies, denn in seinem verletzten Fuß erwachte ein brutaler Schmerz, der bis in die Hüfte hinaufschoss. Die Zähne zusammenbeißend unterdrückte er einen Schmerzenslaut, geriet aber ins Straucheln und musste einen raschen Schritt zur Seite machen, was nicht nur höllisch wehtat, sondern ihm auch – was noch unangenehmer war – den einen oder anderen überraschten Blick und ein besonders langes und nachdenkliches Stirnrunzeln von Ali einbrachte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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