Thor - Wolfgang Hohlbein - E-Book

Thor E-Book

Wolfgang Hohlbein

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Beschreibung

Ein Mann ohne Namen. Ein Hammer in seiner Faust. Ein Rudel geifernder Wölfe im peitschenden Schnee. Ein Blitz, der die Wolken zerreißt, und ein Grollen von Donner in der Ferne. Wer ist dieser Mann? Ist er, wie manche glauben, wirklich Thor, der Gott des Donners? Und ist er gekommen, die Menschheit zu retten - oder sie zu vernichten? Irgendwo zwischen schneebedeckten Bergen gibt es ein verborgenes Tal, Midgard genannt. Hierhin bringt man den geheimnisvollen Fremden, der sein Gedächtnis verloren hat. Keiner traut ihm. Doch noch weniger traut man denen, die ihn verfolgen - riesenhafte Krieger, die Tod und Verderben bringen. Nur einer ist ihnen gewachsen. Thor. Oder ist er gar selber einer von ihnen?

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Seitenzahl: 1271

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

DANKSAGUNG

Über den Autor

Wolfgang Hohlbein, am 15. August 1953 in Weimar geboren, lebt mit seiner Frau Heike und seinen Kindern, umgeben von einer Schar Katzen, Hunde und anderer Haustiere, in der Nähe von Neuss. Die Gesamtauflage von Wolfgang Hohlbeins Romanen liegt inzwischen bei ca. 36 Millionen Exemplaren weltweit. Er ist damit der erfolgreichste deutsche Autor der Gegenwart. Seine Romane wurden in 34 Sprachen übersetzt.

Wolfgang Hohlbein

THOR

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2010 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © Anke Koopmann/Guter Punkt

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Datenkonvertierung E-Book:

Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-0616-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1. KAPITEL

Wenn er jemals einen Namen gehabt hatte, so hatte er ihn vergessen.

Wenn er jemals Eltern gehabt hatte, so erinnerte er sich nicht an sie.

Wenn er jemals geboren worden war, so wusste er nicht mehr, wann.

Weiß.

Seine Welt war weiß und kalt, von einem grausamen, alles verzehrenden Weiß, das seine Augen blendete und alles auslöschte, was seine Hände nicht ergreifen konnten, und einer noch grausameren Kälte, die wie mit gläsernen Fängen in seine Glieder biss, jeden Schritt zu einer Qual machte und seine Lungen mit Messerklingen füllte.

Da waren Sturm und Lärm und eine vage, tanzende Bewegung überall und das vollkommen sichere Wissen, dass er sterben würde, wenn er seinen geschundenen Körper auch nur noch zu einigen wenigen weiteren Schritten zwang. Aber auch das noch viel sicherere Wissen, zu sterben, wenn er stehen blieb. Er wollte weder das eine noch das andere, aber vor allem wollte er eines: leben.

Der Wind drehte sich, und die Bö, gegen die er sich gerade noch mit aller Kraft gestemmt hatte, traf ihn nun von der Seite, und das mit solcher Wucht, dass er noch einen ungeschickten Schritt weiterstolperte und dann schwer in den Schnee hinabfiel. Seine Gelenke knackten wie dünne Äste, die unter dem Fuß eines Riesen zerbrachen, und ein dumpfes Stöhnen kam über seine Lippen. Kaltes Feuer wühlte in seinen Händen, aber er zog auch auf seltsame Weise Kraft aus diesem Schmerz.

Er stand auf, hob die Hand ans Gesicht und fühlte langes, zu eisigen Strähnen erstarrtes Haar und glatte Wangen, auf denen noch nie ein Bart gesprossen war. War er noch ein Junge?

Er lauschte in sich hinein, suchte nach einer Antwort auf diese Frage und sah schließlich an sich hinab, als er sie nicht fand.

Was er erblickte, schien eher auf das Gegenteil hinzudeuten. Er spürte nach wie vor, wie jung er noch war, erblickte jedoch den Körper eines Mannes, groß, schlank und dennoch von kräftigem Wuchs. Er trug derbe, aber zweckmäßige Kleider: schwere wollene Hosen, gefütterte Stiefel aus feinem Leder, das weich und anschmiegsam aussah, in der Kälte aber zur Härte von Metall erstarrt war, und ein ebenfalls gefüttertes Wams, das von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde. Eine lederne Scheide war daran befestigt, in die vielleicht ein kleines Schwert gehörte, vielleicht auch ein sehr großer Dolch. Er trug keinen Mantel, und seine tastenden Finger fanden auch keine Kopfbedeckung. Der Sturm musste ihn in dieser unpassenden Kleidung überrascht haben; oder etwas anderes - Schlimmeres - war geschehen.

Angestrengt grub er in seiner Erinnerung, fand aber nichts als Leere und ein Gefühl vager Enttäuschung, das vielleicht zu einem Schmerz geworden wäre, hätte er ihm die Zeit dazu gegeben.

Aber jetzt war nicht der Moment, über seine Vergangenheit nachzudenken. Wenn er das zu Unzeiten tat, dann hatte er vielleicht keine Zukunft mehr. Irgendwo vor ihm lauerte eine Gefahr, unsichtbar und verborgen im Sturm, aber so dräuend, dass er beinahe meinte, sie mit Händen greifen zu können.

War er es gewohnt, zu kämpfen? Er wusste es nicht. Seine rechte Hand war zu der leeren Scheide an seinem Gürtel gekrochen, ohne dass er sich der Bewegung auch nur bewusst gewesen wäre, was möglicherweise darauf hinwies. Aber auch für solcherlei Überlegungen war jetzt keine Zeit.

Er war noch immer fast blind, auf jeden Fall aber orientierungslos, bekam aber dennoch allmählich ein Gefühl für seine Umgebung. Er war in den Bergen. Obwohl die brüllenden Schleier rings um ihn herum nicht aufrissen, spürte er das gewaltige Massiv in seinem Rücken. Manchmal tauchten verschwommene Umrisse aus dem weißen Toben vor ihm auf, Felsen mit harten Flächen, die sich unter schimmernden Eispanzern verbargen und mit Graten scharf wie Axtklingen, aber auch Bäume mit blattlosen dürren Ästen, die sich erfrorenen Fingern gleich in den Sturm zu krallen schienen.

Er wich beidem aus, mochten sie doch wilden Tieren oder auch Feinden als Hinterhalt dienen; ein Gedanke, der ihm inmitten dieses tobenden Höllensturmes fast lächerlich vorkam, den er aber trotzdem sorgsam registrierte, um ihn später in aller Ruhe abzuklopfen, weil er vielleicht einen weiteren Hinweis auf seine Identität enthielt.

Er stolperte weiter, prallte schließlich doch gegen einen Felsen und wäre um ein Haar gestürzt, und als er sein Gleichgewicht wiederfand, sah er die Fährte.

Es war nur ein Stück einer Spur, ein einzelner, aber klar erkennbarer Abdruck in einem schmalen Winkel, den der Sturm nicht erreichte. Nicht die Spur eines Menschen, sondern die eines Tieres. Obwohl er sich nicht daran erinnerte, so etwas jemals gesehen zu haben, wusste er doch, dass sie von einem Wolf stammte. Nur die Größe stimmte nicht: Sie war so groß wie eine Männerhand mit gespreizten Fingern. Wenn es tatsächlich ein Wolf gewesen war, dann musste dieses Tier so groß sein wie ein kleines Pferd; und die Spur war auch viel zu tief, denn der Schnee war verharscht und fast so hart wie Eis.

Zum zweiten Mal glitt seine Hand zum Gürtel und suchte nach einer Waffe, die nicht da war.

Da es nichts gab, was er tun konnte, bewegte er sich weiter und spürte, dass die Neigung des Bodens allmählich abnahm. Unter dem Schnee war jetzt loses Geröll, kein scharfkantiger Fels mehr, und auch die Anzahl hundertfingriger Schatten, denen er nach wie vor auswich, nahm allmählich zu. Es war noch kein Wald, durch den er ging, aber auch keine von allem Leben gemiedene Steinwüste mehr.

Dann hörte er den Schrei.

Der Sturm hielt nicht inne, und auch sein Heulen nahm nicht ab, aber er drehte sich, und für einen kurzen Moment trug er den Schrei eines Menschen mit sich; ein Laut, der von Schmerzen und unvorstellbarer Furcht kündete und noch etwas, das schlimmer war, für das er aber keine Worte fand, obwohl er tief in sich spürte, dass er es kannte.

Er blieb stehen, lauschte mit geschlossenen Augen und versuchte die Richtung herauszufinden, aus der der Schrei gekommen war, konnte es aber nicht, denn der Wind hatte abermals gedreht, und der Sturm schien nun aus allen Richtungen zugleich auf ihn einzuprügeln. Schließlich ging er weiter.

Zeit verstrich, sehr viel Zeit, obwohl es ihm schwerfiel, ihre genaue Spanne einzuschätzen; fast als wäre sie bisher bedeutungslos für ihn gewesen. Eine weitere Information, die vielleicht später wichtig war. Jetzt zählte nur eines: das Jetzt. Er musste am Leben bleiben.

Und denjenigen finden, der geschrien hatte. Hätte das Unwetter weiter mit derselben Wut getobt, mit der es ihn ausgespien hatte, so hätte er den Ursprung des Schreis nie gefunden. Doch die Kraft des Sturms ließ nach, und nach einem letzten, kreischenden Aufbäumen erlosch er so plötzlich, dass die nachfolgende Stille fast in den Ohren dröhnte. Für einen Moment hing der Schnee noch wie schwerelos in der Luft, als wäre er überrascht vom plötzlichen Erlöschen des Windes und bräuchte eine Weile, um sich darauf zu besinnen, was als Nächstes zu tun war.

Anstelle von tobenden Sturmböen zog sich nun ringsum ein Vorhang aus glitzerndem weißen Staub entlang, der sich schließlich zu senken begann und einen Blick auf ein wahrhaft grandioses Panorama eröffnete: In seinem Rücken und über ihm erhoben sich die Berge, ganz wie er es erwartet hatte, aber zehnmal höher, eine zerklüftete schwarze und weiße und silberfarbene Wand, die sich bis zum Himmel und noch darüber hinaus reckte. Vor und unter ihm lag eine nicht minder gewaltige Ebene, nur unterbrochen von wenigen Tupfern gefrorener Unregelmäßigkeit, die verschneite Wälder sein mochten, zugefrorene Flüsse oder Seen oder im Griff eines ewigen Winters erstarrte menschliche Ansiedlungen, vielleicht auch nur vom Zufall gebildete Formen ohne irgendwelche Bedeutung.

Vielleicht war da etwas am Horizont, ein dünner, wie mit einem scharfen Messer gezogener Strich, der Himmel und Erde voneinander trennte. Ein Meer?

Obwohl seine Augen jung und sehr scharf waren, konnte er diese Frage nicht wirklich beantworten, und im Grunde spielte es auch keine Rolle. Dieses Bild war falsch.

Dieses Land dürfte es gar nicht geben. Vielleicht war er tot, und dies hier war Utgard, die Welt des Feuers und der Riesen, in die diejenigen verbannt wurden, die sich nicht als würdig erwiesen hatten, einen Platz an den Tafeln von Walhall zu finden.

Aber wenn er tot war, wieso fror er dann so, und woher kam dann dieses Gefühl des Verlustes?

Dann wiederholte sich der Schrei, heiser diesmal, aber auch ungleich verzweifelter.

Mit einem Geschick, das ihn selbst überraschte, stürmte er weiter, erspähte einen direkteren Weg in die Tiefe und schlug ihn ohne zu zögern ein. Rasch kletterte er über messerscharfe Grate und vereiste Klippen und überwand die letzten zwei oder auch drei Mannslängen mit einem gewagten Sprung.

Er fiel, kam mit einer fließenden Rolle und ohne sich zu verletzen wieder auf die Beine und verspürte trotzdem eine leise Empörung über seine eigene Ungeschicklichkeit. Ein Sprung wie dieser hätte ihm keine Schwierigkeiten bereiten dürfen. Wahrscheinlich lag es an seiner Erschöpfung und der Kälte, die seinen Muskeln den Großteil ihrer Geschmeidigkeit genommen hatte.

All das hinderte ihn nicht daran, seinen Weg mit schnellen Schritten fortzusetzen.

Wieder hörte er etwas, keinen Schrei diesmal, sondern einen anderen, viel unangenehmeren Laut. Als er den Waldrand auf der anderen Seite erreichte, wurde es schlimmer. Der Eindruck, den er von der Höhe der Felsen aus gehabt hatte, war richtig gewesen: So dürr und blattlos dieser Wald auch war, hatte er dem Sturm doch genug Widerstand entgegengesetzt, um den Schnee zu einer mehr als mannshohen Düne aufzutürmen, die zu überwinden sich als unerwartet schwierig erwies. Der Schnee war viel kälter als vermutet und so locker, dass er bis über die Hüften darin verschwand. Und als es ihm endlich gelang, das Hindernis doch noch zu übersteigen, stolperte er über eine Leiche und fiel der Länge nach in die alles verschlingende weiße Masse.

Wütend auf sich selbst, richtete er sich auf, spuckte einen Mundvoll Pulverschnee aus und sah sich nach dem um, was ihn zu Fall gebracht hatte. Es war der Körper einer Frau von vielleicht vierzig Jahren. In zerfetzte und mit gefrorenem Blut besudelte Kleidung gehüllt, war sie ausgemergelt, hatte langes, ungepflegtes Haar und vernarbte Hände, die von vielen Jahren harter Arbeit kündeten, und war über und über mit schrecklichen Wunden bedeckt, von denen er nicht genau sagen konnte, was sie verursacht hatte. Manche sahen aus wie tiefe Messerstiche, an anderen Stellen wiederum schienen faustgroße Fleischstücke einfach aus ihrem Körper herausgerissen worden zu sein.

Sie war noch nicht lange tot. Ihre Haut dampfte noch in der Kälte, und die tiefsten ihrer grässlichen Wunden bluteten noch, auch wenn das blasse Rot in der grausamen Kälte fast augenblicklich zu Eis erstarrte. Er fragte sich, welche Kreatur wohl in der Lage sein mochte, einen Menschen so zuzurichten.

Mühsam stemmte er sich hoch, entfernte sich um einen einzigen stolpernden Schritt von dem zerfetzten Leichnam und machte dann noch einmal kehrt, um sich zu der Toten hinabzubeugen und ihr das Messer aus dem Gürtel zu ziehen. Eine erbärmliche Waffe, nicht einmal so lang wie seine Hand, aber besser als gar nichts. Erst danach setzte er seinen Weg fort.

Er musste nur noch wenige Schritte tun, bis er endlich die Quelle des Geschreis entdeckte, auch wenn dieses mittlerweile endgültig verstummt war. Nur einen Steinwurf entfernt lag ein auf die Seite gestürzter Wagen im pulvrigen Weiß. Bis zu diesem Punkt, an dem sich das Schicksal seiner Insassen erfüllt hatte, war er von zwei kräftigen Ochsen gezogen worden, von denen einer noch mit gebrochenem Genick an der verdrehten Deichsel hing. Rings um den Kadaver hatte sich der Schnee rot gefärbt. Von dem zweiten Tier fehlte jede Spur.

Der Wagen selbst war vollkommen zerstört, so sehr, dass es ihm schwerfiel, zu glauben, dass diese Verwüstung allein auf den Sturm zurückzuführen war, obgleich er dessen Gewalt ja gerade am eigenen Leib gespürt hatte. Beide Räder auf der nach oben liegenden Seite waren zersplittert, die ehemals stabile Plane hoffnungslos zerfetzt. Was immer der Wagen einst transportiert hatte, war im weiten Umkreis im Schnee verstreut; Werkzeuge, Kleidung, Dinge des täglichen Bedarfs und sogar kleinere Möbelstücke. Beiläufig registrierte er, dass der Besitzer dieses Wagens sein ganzes Hab und Gut mitgenommen hatte. Er entdeckte zahlreiche Werkzeuge, die im Schnee lagen: Zangen, Hämmer und Eisenstangen mit sonderbar gebogenen Enden, und unmittelbar hinter dem zertrümmerten Wagen lag sogar ein kleiner Amboss, der einen gewaltigen Krater in den Schnee gestanzt hatte.

Erst nach und nach ging ihm die wahre Bedeutung dieser Beobachtung auf. Weder der Amboss noch der Großteil des Werkzeugs waren von Schnee bedeckt, was nichts anderes bedeutete, als dass der Wagen umgestürzt war, nachdem der Sturm bereits zu Ende gewesen war. Es war also mehr als unwahrscheinlich, dass eine Sturmbö den Wagen umgeworfen hatte.

Warum überraschte ihn das eigentlich? Auch die Tote, die er gefunden hatte, war kein Opfer des Unwetters geworden, sondern -

Ein plötzliches Gefühl von Gefahr ließ ihn herumfahren und sich in derselben Bewegung zur Seite werfen und das Messer in die Höhe reißen.

Eines davon rettete ihm vielleicht das Leben, und es war vermutlich nicht das winzige Messerchen, dessen Klinge kaum scharf genug war, das struppige Fell des riesigen Wolfs zu durchdringen, der ihn ansprang.

Immerhin schien das Tier die Gefahr zu spüren, die von der schartigen Waffe ausging, denn es warf sich mitten im Sprung herum. Seine zuschnappenden Kiefer verfehlten die Hand, die das Messer führte, und die gewaltigen Tatzen, die ihr Opfer umwerfen und niederdrücken sollten, fuhren harmlos durch die Luft. Aber die kräftigen Hinterläufe und der peitschende Schwanz trafen ihn mitten im Sprung und machten aus seinem verzweifelten Satz einen haltlosen Sturz. Schwer fiel er in den Schnee, rollte zwei- oder dreimal herum und stieß schmerzhaft gegen etwas sehr Schweres und Hartes, das sich darunter verbarg.

Etwas Seltsames geschah, auch wenn es ihm in diesem Moment nicht einmal selbst bewusst war: Seit seinem Erwachen in dieser ebenso seltsamen wie bedrohlichen Welt waren die Furcht und das Gefühl einer ständigen Bedrohung seine allgegenwärtigen Begleiter gewesen. Jetzt war beides verschwunden. Er wurde angegriffen und musste um sein Leben kämpfen; das war alles, was zählte.

Blitzschnell war er wieder auf den Füßen, spuckte Schnee und Blut aus - er musste sich auf die Zunge gebissen haben - und versuchte einen sicheren Stand einzunehmen. Auf dem rutschigen Grund wollte es ihm nicht recht gelingen, doch zu seinem Glück hatte der Wolf mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen. Seine Pfoten schienen keinen Halt unter dem Schnee zu finden, und als er zu einem zweiten Sprung auf sein vermeintlich wehrloses Opfer ansetzte, rutschten seine Hinterläufe weg, und er fiel in den Schnee.

Er widerstand der Versuchung, die vermeintliche Schwäche des Tieres für einen eigenen Angriff auszunutzen, sondern nutzte die winzige Verschnaufpause, um in eine günstige Position zu gelangen … oder es wenigstens zu versuchen.

Wie es aussah, hatte er sich selbst in eine Falle manövriert. Hinter und neben ihm ragten die Überreste des zerstörten Wagens auf, und auf der anderen Seite erhob sich eine fast brusthohe Verwehung aus pulverfeinem Schnee, die ihn auf jeden Fall so sehr verlangsamen würde, dass sein Angreifer Gelegenheit zu einem zweiten Sprung bekäme. Vor ihm war der Wolf, der sich irgendwie sonderbar benahm, ohne dass er genau sagen konnte, was an ihm sonderbar war.

Es war ein außergewöhnlich großes Tier - nicht der Riese, dessen Spur er weiter oben gefunden hatte, aber immer noch ein wahres Ungeheuer - mit tückisch funkelnden Augen, in denen eine Intelligenz zu lesen war, die weder diesem noch irgendeinem anderen Tier zustehen sollte. Speichel tropfte in zähen Fäden von seinen Lefzen, hinter denen fast fingerlange, nadelspitze Zähne bleckten. Ein tiefes Grollen drang aus der Brust des Tieres, und er konnte sehen, wie seine Pfoten unter dem Schnee nach festem Halt für einen weiteren Sprung suchten. Einem Angriff, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, wie ihm schmerzlich klar war. Der Wolf musste nahezu so schwer sein wie er selbst und verfügte über ein ganzes Arsenal natürlicher Waffen, gegen die sein albernes Messerchen nicht mehr als ein Witz war.

Konsequenterweise ließ er es fallen und wich ins Innere des umgestürzten Wagens zurück, um wenigstens den Rücken frei zu haben. Der Wolf, der diese Bewegung als Flucht missdeutete, stieß sich vollkommen ansatzlos mit den Hinterläufen ab und sprang.

Er ließ sich zur Seite fallen, wusste, dass der Wolf schlau genug war, kein zweites Mal auf dieselbe Finte hereinzufallen, und warf sich mitten in der Bewegung herum und in die entgegengesetzte Richtung. Raues Fell strich so hart und schmerzhaft wie Draht über seinen gekrümmten Rücken und riss die Haut in seinem ungeschützten Nacken auf, sodass sich ihm unwillkürlich ein Schmerzenslaut entrang. Dennoch richtete er sich mit einem Ruck auf, in den er seine gesamte Kraft legte, und der Wolf wurde in hohem Bogen nicht nur über seinen Rücken, sondern auch über die Seitenwand des Wagens geschleudert, wo er mit einem eher überraschten als schmerzerfüllten Heulen im Schnee landete. Er war nicht verletzt, sondern jetzt erst richtig wütend …

Aber mehr brauchte er vielleicht auch nicht.

Noch bevor der sonderbar weiche Laut verklungen war, mit dem das Tier in den Schnee stürzte, sprintete er los und schlug den Weg zum nahen Waldrand ein. Wölfe waren Furcht einflößende Gegner, gegen die selbst ein gut ausgebildeter Mann mit einer Waffe kaum eine Chance hatte, aber erbärmliche Kletterer. Wenn er es zu einem der Bäume und hinauf schaffte, dann war er gerettet. Es waren nur wenige Schritte.

Schon nach dem allerersten brach er durch irgendetwas, das unter dem Schnee verborgen war und unter seinem Gewicht nachgab. Fluchend glitt er tiefer, trat auf etwas Weiches und glaubte einen gedämpften Schrei zu hören, war sich aber weder sicher, noch verschwendete er auch nur einen Gedanken darauf, sondern befreite sich mit einer wütenden Bewegung aus seiner misslichen Lage und stürmte weiter.

Dieses Mal kam er immerhin zwei oder drei Schritte weit, bevor der Wolf wieder vor ihm auftauchte.

Natürlich war es nicht derselbe Wolf. Dieses Tier war kleiner und hagerer - kaum größer als ein Hund -, und sein räudiges Fell war von schwärenden Wunden übersät. Eine Bestie zwar, aber eine, die er vermutlich mit bloßen Händen bezwingen könnte. Wäre sie allein gewesen.

Unglückseligerweise war sie es nicht. Rechts und links und ein Stück hinter dem Wolf waren zwei weitere, deutlich größere Tiere aufgetaucht, und er hätte weder das Tappen schwerer Pfoten noch das Hecheln hören müssen, um zu wissen, dass auch der erste Wolf wieder auf die Beine gekommen und hinter ihm erschienen war.

Er versuchte abzuschätzen, welche der Bestien als Erstes oder ob sie vielleicht alle gleichzeitig angreifen würden, wusste aber auch, dass er so oder so verloren war. Er würde sterben, ein Gedanke, der ihn mit Furcht, aber auch mit einer vagen Trauer erfüllte. Sein neues Leben währte gerade einmal wenige Augenblicke, und er hatte das Gefühl, dass es vielleicht noch mehr für ihn bereit gehabt hätte als Schmerzen und Kälte und Angst.

Trotzig verzog er die Lippen. Wahrscheinlich würde er sterben, aber mindestens eine dieser Bestien würde er noch mitnehmen. Dieses Versprechen gab er sich selbst.

In diesem Moment wichen die Wölfe vor ihm zurück, und auch das schleichende Tappen hinter ihm hielt inne.

Dann tauchte ein fünfter Wolf aus dem Wald auf.

Er wusste sofort, dass es der Anführer des Rudels war. Es musste das Tier sein, dessen Spuren er oben im Gebirge gesehen hatte, ein wahrer Gigant, beinahe doppelt so groß wie ein normaler Wolf und von strahlend weißer Farbe. Aber es war nicht allein seine Größe, die ihn als Anführer der Meute kenntlich machte. Da war etwas in seinen Augen, ein Blick, der weit über den eines Tieres hinausging und der etwas tief in ihm zum Schwingen brachte: den Nachhall einer Erinnerung, die sich regen wollte, ohne dass es ihr gelang …

Hastig sah er sich nach einer Waffe um, aber alles, was sich in seiner Reichweite befand, war der halb im Schnee vergrabene Amboss. Ohne auch nur darüber nachzudenken, was er tat, hob er ihn auf und schleuderte ihn in Richtung des weißen Riesen.

Er war stark, sehr stark sogar, aber der Amboss war schwer genug, dass ein normaler Mann ihn nur mit Mühe hätte anheben können, und so beschrieb das Wurfgeschoss nur einen kurzen Bogen und schlug weit vor dem ersten Tier in das pulvrige Weiß.

Trotzdem wichen die Wölfe weiter vor ihm zurück. Ihre Haltung blieb angespannt und drohend, ihre Ohren waren zurückgelegt, die Lefzen weit nach oben gezogen, sodass die Ehrfurcht gebietenden Fänge sichtbar wurden … aber irgendetwas sagte ihm, dass sie ihn nicht angreifen würden.

Der weiße Riesenwolf stieß ein sonderbares tiefes Knurren aus, das mehr war als ein einfacher Drohlaut; so unendlich viel mehr.

Die anderen Tiere wichen weiter vor ihm zurück, noch immer drohend, das aber auf eine Art, als gelte diese Drohung nicht wirklich ihm, sondern etwas anderem - oder jemandem.

»Fenrir?«, murmelte er.

Es war das erste Wort, das über seine Lippen kam, und er war fast erstaunt über den Klang seiner eigenen Stimme. Er war auch erstaunt über dieses Wort, spürte zugleich aber schon wieder etwas wie eine verschüttete Erinnerung in sich aufsteigen; aber auch jetzt wieder, ohne endgültig zu erwachen.

»Fenrir«, sagte er noch einmal. Diesmal war das Echo in ihm stärker, wenn auch immer noch nicht stark genug, um die Erinnerung ganz zu wecken. Aber auch die Reaktion des weißen Riesenwolfes war stärker. Aus seinem Knurren wurde etwas anderes, das er nicht deuten konnte, und die Stelle von Furcht und trotziger Kampfbereitschaft in seinem Inneren nahm nun … etwas Vertrautes ein.

Angesichts seiner Lage erschien ihm der Gedanke selbst absurd, aber er spürte nicht einmal die Spur von Angst. Er kannte dieses Tier, und er wusste auch, dass es eben kein Tier war.

Da war plötzlich ein Gefühl von großer Stärke und noch größerer Klugheit, die zwar nicht unbedingt auf seiner Seite standen, die er aber zugleich auch nicht zu fürchten brauchte.

Das war absurd.

Aber es war so.

Der weiße Wolf - Fenrir - knurrte ein letztes Mal, und die drei anderen Tiere wandten sich um und zogen sich zurück.

Eine einzelne Windbö kam auf, wider jegliche Ordnung der Natur und so eisig, dass ihm sein eigener Atem auf den Lippen gefror. Als sich der hochgewirbelte Schnee wieder senkte, waren nicht nur die Wölfe verschwunden, sondern auch ihre Spuren, so als hätte es sie nie wirklich gegeben.

Dennoch war er nicht allein.

Eine schmale, schrecklich bleiche Hand war über dem Schnee erschienen, genau an der Stelle, an der er gerade in das trügerische Weiß eingebrochen war. Rasch ging er hin, umschloss sie mit einem kräftigen Griff und zog den dazugehörigen Körper mit solchem Schwung aus dem Schnee, dass ein erstaunter Ausruf erklang - vielleicht auch ein kleiner Schrei, dem die letzte Kraft fehlte, um wirklich zu einem solchen zu werden - und sie beide nach hinten fielen.

Erst als er rücklings im Schnee landete und der überraschend leichte Körper auf ihn fiel, erkannte er ihn als den einer jungen Frau - vielleicht auch noch eines Mädchens - und fühlte das Blut, das aus einer tiefen Wunde in ihrem Gesicht auf seine Wange tropfte; warm, aber nicht so heiß und lebendig, wie es sein sollte. Fingernägel schrammten auf der Suche nach seinen Augen über seine Stirn und hinterließen dünne brennende Spuren, dann schlugen Fäuste, die kaum größer waren als die eines Kindes und noch schwächer, auf seine Brust ein. Scharfe Zähne schnappten nach seiner Kehle.

Er stieß das Mädchen weg, bevor es ihn wirklich verletzen konnte - und sei es nur durch einen dummen Zufall. Dann packte er es mit beiden Händen und schüttelte es so kräftig durch, dass seine Zähne hörbar aufeinanderschlugen.

Es hörte tatsächlich für einen Moment auf, abwechselnd nach ihm zu schlagen, zu beißen und zu kratzen - allerdings nur gerade lange genug, bis er seinen Griff um eine Winzigkeit lockerte und es eine Hand losreißen konnte, die ziemlich unsanft in seinem Gesicht landete.

Diesmal schüttelte er die Kleine so heftig, dass ihre Zähne mit einem Knall aufeinanderschlugen. Es musste ziemlich wehtun.

Prompt meldete sich sein schlechtes Gewissen, denn er sah erst jetzt, wie tief die Wunde in ihrem Gesicht war; eindeutig ein Biss. Unter ihrem linken Jochbein reichte sie bis auf den Knochen, der weiß durch das nasse Rot ihres zerfetzten Fleisches schimmerte.

Er hörte auf, sie zu schütteln, lockerte seinen Griff aber nur gerade weit genug, um ihr nicht mehr als unbedingt nötig wehzutun.

»Ich kann damit so lange weitermachen, bis du in Ohnmacht fällst«, sagte er, »aber eigentlich will ich das nicht. Es ist ziemlich anstrengend, weißt du? Also hör auf, dich wie wild zu gebärden, und ich höre auf, dir wehzutun, einverstanden?«

Er hatte nicht mit einer Antwort gerechnet und bekam auch keine, aber immerhin erlahmte ihr Widerstand. Wahrscheinlich war es ohnehin nicht mehr als ein letztes Aufbäumen gewesen, denn er konnte spüren, wie jetzt alle Kraft aus ihrem Körper wich. Statt weiter auf ihn einzuschlagen, brach sie in seinen Armen zusammen, sodass er sie abermals festhalten musste, wenn auch jetzt aus einem anderen Grund.

So behutsam, wie es seine steif gefrorenen Finger zuließen, ließ er sie in den weichen Schnee sinken, nahm eine Handvoll davon und legte sie vorsichtig auf ihr Gesicht, um ihren Schmerz zu lindern; eine erbärmliche Hilfe, wie ihm sehr wohl bewusst war. Für einen kleinen Moment war ihr Schmerz wie sein eigener, und für einen noch kleineren Moment empfand er nichts als Zorn auf sich selbst, nicht mehr für sie tun zu können. Er fühlte sich schuldig an dem, was ihr zugestoßen war, und obwohl er wusste, wie unsinnig dieser Gedanke war, war er zugleich doch intensiv genug, um ihm schier die Kehle zuzuschnüren.

»Schon gut«, flüsterte er. »Hab keine Angst. Dir wird nichts geschehen. Wie ist dein Name?«

»Elenia. Ihr Name ist Elenia. Und wenn du sie anrührst, dann töte ich dich.«

Es war nicht das Mädchen, das das sagte, doch als er sich umdrehte, glaubte er sich zuerst ihrer nur wenig älteren Zwillingsschwester gegenüber.

Die Frau war etwas größer als das Mädchen, vom gleichen schlanken - wenn auch viel fraulicherem - Wuchs und hatte dasselbe lange blonde Haar, das zu zwei dicken Zöpfen geflochten weit über ihre Brust hinabfiel, und er musste nicht fragen, um zu wissen, dass das verwundete Mädchen in seinen Armen ihre Tochter war.

Er musste auch nicht fragen, um zu wissen, wie bitter ernst sie ihre Worte meinte. Sie stand kaum einen Schritt hinter ihm, offensichtlich aus demselben Schneeloch gekrochen, aus dem er das Mädchen gezogen hatte, und ihre schmalen Hände hielten den Stiel eines schweren Schmiedehammers umklammert. Offensichtlich war sie kräftiger, als ihre Gestalt vermuten ließ, und er konnte in ihrem Gesicht erkennen, dass sie das, was ihr an Stärke mangeln mochte, durch den Mut der Verzweiflung mehr als wettmachte. Der Blick ihrer weit aufgerissenen Augen war undeutbar - Überraschung, Entsetzen oder so etwas wie … Erkennen?

»Ich habe nicht vor, deiner Tochter etwas anzutun«, sagte er.

Die Augen der Frau wurden schmal. »Meiner Tochter? Woher weißt du, dass sie … meine Tochter ist?«

»Weil ich nicht blind bin. Was ist geschehen? Seid ihr angegriffen worden?«

»Ja«, sie schüttelte den Kopf und verbesserte sich: »Nein«, nur um sich gleich noch einmal zu korrigieren: »Ja.«

Ihr Blick löste sich von seinem Gesicht, tastete unstet über die schneebedeckte Lichtung hinter ihm und kehrte dann zurück. »Sind sie … fort?«

»Wer?«

»Die Wölfe. Wir haben versucht, ihnen zu entkommen, aber der Wagen ist umgestürzt. Sie haben unsere Magd getötet und deren Kind. Wo sind sie?«

Er musste an die schrecklich zugerichtete Tote denken, die er im Schnee gefunden hatte, aber er sagte nichts davon. »Ich habe keine Wölfe gesehen«, antwortete er stattdessen. Zugleich fragte er sich, ob das wirklich eine Lüge war; zumindest was die Wölfe anging. Je länger er über seine gespenstische Begegnung mit dem weißen Riesen nachdachte, desto weniger sicher war er, es wirklich erlebt zu haben.

»Wenn es hier Wölfe gäbe, dann wäre ich wohl kaum hier. Und das da«, fügte er mit einer Kopfbewegung auf den Hammer in ihren Händen hinzu, »brauchst du wirklich nicht. Ich bin nicht euer Feind.«

Die Frau zögerte noch einen winzigen Moment - gerade lange genug, damit er sie nicht als zu leichtgläubig einschätzte -, dann jedoch deutete sie ein Kopfnicken an, legte den schweren Hammer aus der Hand und sank neben dem Mädchen auf die Knie. Der besorgte Ausdruck blieb auf ihrem Gesicht, aber nun gesellte sich noch etwas anderes hinzu, ein Ausdruck von Zärtlichkeit, wie sie nur eine Mutter für ihr Kind empfinden konnte, aber auch der unbedingte Wille, dieses Kind zu beschützen, und sei es gegen die Götter selbst. Während sie sich vorbeugte und mit den Fingerspitzen behutsam über die Ränder der schrecklichen Wunde tastete, begann ihre andere Hand unter ihrem Mantel zu suchen, und sein Blick glitt noch einmal über den Schmiedehammer, den sie fallen gelassen hatte. Es war keine Waffe, sondern ein Werkzeug, und obwohl er ihr ansah, dass sich unter ihrer glatten Haut starke Muskeln verbargen, musste es sie fast ihre ganze Kraft gekostet haben, den Hammer auch nur zu heben. Wieso hatte sie sich keine handlichere Waffe genommen?

»Was ist geschehen?«, fragte er noch einmal.

Die Frau zog einen schmalen Lederbeutel unter dem Mantel hervor. Er enthielt ein feinkörniges graues Pulver, von dem sie eine kleine Menge in ihre geöffnete Linke schüttete. Während sie mit der anderen eine Handvoll Schnee aufhob und das Pulver damit zu vermischen begann, machte sie eine vage Kopfbewegung hinter sich.

»Der Sturm hat uns auf der Ebene überrascht. Es war zu spät, um umzukehren, also haben wir uns in den Wald gerettet. Als das Schlimmste vorbei war, wollten wir weiterfahren, aber dann sind die Wölfe gekommen. Sie haben einen der Ochsen gerissen, und der Wagen ist umgestürzt. Das ist alles.«

Es waren die letzten drei Worte, die ihm klarmachten, dass das ganz und gar nicht alles war. Diese Frau und ihre Tochter hatten Schlimmes hinter sich, aber sie wollte nicht darüber sprechen … und wieso auch? Schließlich war er ein vollkommen Fremder für sie. Sie wäre dumm, ihm zu vertrauen.

»Sind dort unten noch mehr?«, fragte er mit einer Geste auf die Vertiefung im Schnee.

»Mein Mann und mein Sohn.« Sie beugte sich über das Mädchen, das mittlerweile das Bewusstsein verloren zu haben schien, und begann die Salbe, die sie aus dem Inhalt ihres Säckchens und etwas schmutzigem Schnee hergestellt hatte, auf der zerfetzten Hälfte seines Gesichts zu verteilen.

Er empfand ein vages Bedauern beim Anblick der verheerten Züge. Trotz all des Schmutzes und Blutes konnte er erkennen, dass es ein sehr schönes Gesicht war, und ein einziger Blick in das der Mutter zeigte ihm, dass es in nicht allzu ferner Zukunft noch sehr viel schöner geworden wäre, hätte ein grausames Schicksal nicht anders entschieden.

Er war nicht sicher, dass es diese schlimme Verletzung überleben würde, und setzte dazu an, eine entsprechende Frage zu stellen, begriff dann aber im letzten Augenblick, wie grausam das gewesen wäre, und stand stattdessen auf, um die zwei Schritte zu dem Loch im Schnee zu tun.

Darunter lag kein hart gefrorener Boden, sondern zersplittertes Holz, unter dem sich Schatten bewegten. Behutsam ließ er sich in die Tiefe gleiten und fand sich in einer flachen Mulde wieder, deren Decke von der zerborstenen Seitenwand des umgestürzten Wagens gebildet wurde. Seine Augen, die sich erstaunlich schnell an das schwache Licht gewöhnten, zeigten ihm einen vielleicht dreizehn- oder vierzehnjährigen Jungen, der ihn aus angstvoll aufgerissenen Augen anstarrte und so weit von ihm weggekrochen war, wie es in der winzigen Höhle überhaupt ging, und einen bärtigen Mann in derber Kleidung. Er lag verkrümmt auf der Seite und hatte die Augen geschlossen. Seine Hand umklammerte ein kurzes Schwert, und die Mischung aus Morast und halb geschmolzenem Schnee unter ihm hatte sich rosa gefärbt. Elenia und ihre Familie mussten sich unter den umgestürzten Wagen verkrochen haben, um Schutz vor den Wölfen zu finden. Eine ziemlich dumme Idee, wenn man wusste, über welch scharfe Sinne die grauen Jäger verfügten. Aber auch eine, die zeigte, wie groß ihre Verzweiflung gewesen war.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, wandte er sich an den Jungen. »Ich tue dir nichts.«

»Bist du … bist du einer von ihnen?«, stieß der Junge mit einer Stimme hervor, die beinahe vor Angst brach.

»Nein«, antwortete er, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, wovon er überhaupt sprach. Er versuchte zu lächeln. »Ich bin hier, um euch zu helfen.«

Behutsam streckte er die Hand nach dem Jungen aus, führte die Bewegung aber nicht zu Ende, als dieser noch erschrockener zurückwich. »Ich will euch helfen«, sagte er noch einmal. »Deine Mutter und deine Schwester sind oben. Du musst keine Angst haben. Die Wölfe sind fort.«

Der Junge zögerte. »Mein Vater -«

»Er ist verletzt, ich weiß.« Und das ziemlich schlimm. »Wir müssen ihn nach oben bringen, aber das schaffe ich nicht allein. Hilfst du mir?«

Ein weiterer, quälend langer Moment verging, in dem der Junge ihn nur weiter anstarrte, dann aber begann er an den Schultern seines Vaters zu zerren. Das einzige Ergebnis war ein halblautes Stöhnen, das über die Lippen des Bewusstlosen drang.

»Warte«, sagte er rasch. »Das hat keinen Sinn. Kriech nach oben und pass auf deine Mutter auf. Jemand muss sie beschützen, falls die Wölfe wiederkommen.«

Den Bewusstlosen aus seinem Versteck herauszubekommen erwies sich als ebenso unerwartet einfach wie überraschend schwer. Einfach, weil er so leicht wie ein Kind zu sein schien, und schwer, weil ihm schon die geringste Berührung große Schmerzen bereitete, vor denen ihn nicht einmal die Bewusstlosigkeit schützte. Am Ende musste er doch die Hilfe des Jungen in Anspruch nehmen, um seinen Vater nach oben zu ziehen und behutsam in den Schnee zu legen.

»Wird er sterben?«, fragte der Junge.

Die Frage erschreckte ihn, doch bevor er antworten konnte, mischte sich die Mutter des Knaben ein und fuhr ihn an: »Red nicht so einen Unsinn, Lif! Dein Vater ist ein starker Mann! Er braucht nur ein wenig Ruhe und etwas von meiner Medizin, und dann wird er sich wieder erholen!«

Nach dem, was er gerade gesehen und im Inneren des Bärtigen gespürt hatte, bezweifelte er das, behielt diese Meinung aber für sich. Diese Menschen waren vollkommen fremd für ihn, weder seine Feinde noch seine Freunde, und er hatte nicht das Recht, ihnen unnötig wehzutun.

Statt irgendetwas zu sagen, stand er auf und suchte aus eng zusammengekniffenen Augen den Himmel ab. Er wusste nicht, warum er das tat, aber er spürte, dass es wichtig war.

Das Firmament war klar und völlig wolkenlos, als hätte es den Sturm niemals gegeben, und wie oft nach einem schweren Unwetter hatte sich eine tiefe Stille über das Land gelegt, in der alle Laute sonderbar gedämpft klangen. Die Sonne stand schon tief und würde bald untergehen, und dann würde es hier grausam kalt werden. Im Moment erschien ihr Atem noch als grauer Dampf vor ihren Gesichtern, wenn sie sprachen, doch wenn die Sonne untergegangen war, würde er in ihren Kehlen zu Eis erstarren. Er konnte nicht sagen, woher dieses Wissen kam, aber es war zu sicher, um es auch nur in Zweifel zu ziehen.

Er deutete auf das Mädchen. »Wie geht es ihr?«

»Sie wird es überleben.« Die Worte kamen hart, viel zu laut und hatten etwas von einem Vorwurf. Er verstand, warum sie das so sagte. Sie wird es überleben. Aber sie wird nie wieder ganz dieselbe sein. Das Mädchen tat ihm leid.

»Du hast uns geholfen«, sagte die Frau, während sie neben ihrem Mann niederkniete und die Hände nach ihm ausstreckte, ohne ihn indes zu berühren. »Dafür … danke ich dir.«

Ihm entging nicht, wie schwer es ihr fiel, die Worte auszusprechen; als hätte sie schon vor sehr langer Zeit verlernt, irgendeinem Menschen zu vertrauen, der nicht von ihrem Fleisch war.

»Ich habe doch gar nichts getan.«

Die blonde Frau maß ihn mit einem sonderbaren Blick, und gerade, als er zu der Überzeugung gelangt war, dass das die einzige Antwort war, die er bekommen würde, sagte sie mit noch seltsamerer Betonung: »Und das ist schon mehr, als so mancher an deiner Stelle getan hätte.«

Es dauerte eine Weile, bis er überhaupt begriff, was sie mit diesen Worten meinte, und dann fiel ihm keine Erwiderung ein. Verlegenheit machte sich in ihm breit.

»Mein Name ist Urd«, fuhr sie fort. »Das da sind Lasse, mein Mann, und Lif, mein Sohn. Wie ist dein Name?«

»Urd?«, erwiderte er. »Das ist … ein sehr schöner Name. Ein wenig ungewöhnlich.« Da er so gut wie nichts wusste, wusste er auch nicht, was gewöhnlich oder ungewöhnlich war, aber es kam ihm so vor.

»Mein Vater war ein sehr gläubiger Mann, aber es ist ihm anscheinend nie in den Sinn gekommen, dass die Götter es vielleicht nicht schätzen, wenn man sich mit ihren Namen schmückt.« Sie lächelte, kurz und bitter. »Aber vielleicht sollte ich ja dankbar sein, dass er mich nicht Skuld genannt hat.«

Während sie daran ging, Mantel und Wams ihres Mannes aufzuknöpfen und ihn zu untersuchen, begann sich unbehagliches Schweigen zwischen ihnen breitzumachen. Urd stellte sich so geschickt wie eine Heilerin dabei an, wirkte zugleich aber auch auf sonderbare Weise hilflos. Angesichts der schrecklichen Verletzungen, die zum Vorschein kamen, als sie sein grobes Wollhemd hochschob, verstand er das nur zu gut. Mindestens eine seiner Rippen war gebrochen und ragte wie eine zersplitterte weiße Dolchklinge aus seiner Brust, nur ein kleines Stück unterhalb seines Herzens.

Sein ganzer Brustkorb war ein einziger blauer Fleck, was bedeutete, dass das meiste Blut nach innen floss, und bei jedem einzelnen rasselnden Atemzug erschienen rosafarbene schaumige Bläschen auf seinen Lippen.

Er stirbt, dachte er. Eigentlich grenzte es schon an ein Wunder, dass der Mann überhaupt noch lebte.

»Vater?«, flüsterte Lif.

Urd hob gebieterisch die Hand, und der Blick, mit dem sie den Jungen maß, brachte ihn dazu, die Tränen niederzukämpfen.

»Geh und such nach unseren Sachen, Lif«, befahl sie. »Wir brauchen Kleidung und Essen. Wenn es wieder zu schneien beginnt, finden wir nichts davon wieder.«

Der Junge sah seine Mutter noch einen Moment lang verstockt an, stand aber dann gehorsam auf und begann die überall im Schnee verteilte Ladung des Wagens zusammenzusuchen.

Er verspürte einen neuen, dünnen Stich in der Brust. Lasse, der Vater des Jungen, starb, und Lif wusste das. Er war weder dumm noch blind. Warum gestattete sie ihm nicht, um seinen Vater zu weinen? War sie eine so harte Frau, oder stammte sie aus einem so harten Volk?

»Ich kann nichts mehr für ihn tun«, bekannte sie, »außer seine Schmerzen zu lindern.«

Und erst jetzt begriff er, warum sie ihren Sohn weggeschickt hatte. Ihre Hand glitt unter den Mantel und kam mit einem schmalen Dolch wieder zum Vorschein.

»Warte«, sagte er.

Urd hielt zwar in der Bewegung inne und sah ihn an, aber nun kehrte das Misstrauen endgültig in ihre Augen zurück, und obwohl sie keinen Finger rührte, schien sie das Messer plötzlich nicht mehr nur zu halten, um ihrem Mann einen letzten Liebesdienst zu erweisen.

Er schüttelte den Gedanken ab, beugte sich zu dem Sterbenden und lauschte in ihn hinein. Da war ein dumpfer Schmerz, weit weniger schlimm, als er erwartet hatte, und darunter, rasch stärker werdend, etwas Anderes, Dunkles und Verzehrendes.

»Was tust du da?«, fragte Urd.

Er wusste es nicht, doch er wusste, dass es das Richtige war. Nahezu ohne einen bewussten Willensakt griff er nach dieser Dunkelheit, drängte sie zurück und begann Worte zu flüstern, die er nicht verstand, und das in einer Sprache, die er niemals zuvor gehört hatte.

Etwas … geschah. Er konnte nicht sagen, was, aber es war aufregend und Furcht einflößend zugleich, neu und uralt wie das Ringen unsichtbarer Schatten in der Dunkelheit, vertraut und zugleich so fremd, dass der menschlichen Sprache die Worte fehlten, es zu beschreiben.

Er wusste nicht, wie lange es dauerte, doch als es vorbei war, war er in Schweiß gebadet, der eisig auf seiner Haut trocknete, und fror erbärmlich, und er fühlte sich so ausgelaugt, als hätte er mit Riesen gerungen.

Urd starrte ihn an. Ihre Augen waren groß, und ihre Hand hielt das Messer jetzt so fest umklammert, dass das Blut aus ihr wich und die Haut fast durchsichtig wirkte.

»Was … hast du getan?«

»Das Richtige.« Er stand auf, machte einen Schritt zur Seite und taumelte, als ihn die Kräfte zu verlassen drohten. Er hatte mit Riesen gerungen, und er war ganz und gar nicht sicher, wer diesen Kampf gewonnen hatte.

»Wir müssen hier weg«, sagte er schwach. »Bevor die Sonne untergeht. Wenn uns die Nacht im Freien überrascht, dann sterbt ihr.« Ihr. Er hatte dieses Wort nicht von ungefähr gewählt, und auch das entging Urd keineswegs. Sie starrte ihn weiter aus großen Augen an, in denen etwas geschrieben stand, das schlimmer war als bloße Furcht.

»Müssen wir Angst vor dir haben?«, fragte sie.

»Nein.«

Er wusste nicht, ob diese Antwort der Wahrheit entsprach, aber es war die einzige, die er hatte. Urd starrte ihn noch einen endlosen Atemzug lang an, bevor sie das Messer sinken ließ und mit einer müden Bewegung aufstand.

»Wir sind an einem Hof vorbeigekommen, kurz bevor der Sturm losgebrochen ist.« Ihre Stimme klang matt und hölzern, als müsse sie nicht nur die Erinnerung herbeizwingen, sondern gleichsam jedes einzelne Wort. »Aber wir sind schnell gefahren, und ich bin nicht einmal ganz sicher, ob ich den Weg zurück finde.«

»Dann müssen wir in die Berge«, entschied er. »Vielleicht finden wir eine Höhle oder einen Felsspalt, der uns Schutz bietet. Morgen früh versuchen wir dann, diesen Hof zu finden.« Das klang wenig überzeugend, selbst in seinen eigenen Ohren. Urd blickte auch entsprechend zweifelnd, erst in sein Gesicht, dann auf ihren bewusstlosen Mann hinab. Sie wirkte verwirrt, als begriffe sie nicht ganz, wovon er überhaupt sprach.

»Ich werde ihn tragen«, sagte er. »Aber du und Lif müsst euch um das Mädchen kümmern.«

Der Junge kam zurück, mit allerlei Krimskrams beladen, den er im Schnee gefunden hatte und von dem sie das allermeiste nicht gebrauchen konnten, aber auch einen Sack voller Lebensmittel hinter sich herschleifend. »Rauch«, sagte er mit einer Kopfbewegung hinter sich. »Im Süden.«

»Rauch?«, wiederholte Urd.

»Ich habe Rauch gesehen«, bestätigte Lif. »Nur ganz kurz, aber ich habe ihn gesehen. Vielleicht sind dort Menschen.«

Für einen Moment sahen sie alle konzentriert in die bezeichnete Richtung. Der Himmel über dem verschneiten Wald war immer noch von einem geradezu unnatürlich strahlenden Blau und vollkommen leergefegt. Nicht die geringste Spur einer Rauchfahne war zu sehen.

»Und du bist ganz sicher?«

»Ja«, antwortete Lif. »Es war Rauch. Vielleicht ein Feuer. Vielleicht gibt es ja dort ein Haus.«

Er glaubte dem Jungen - und selbst wenn er es nicht getan hätte: Welche Chancen hatten sie in den Bergen? Selbst ihn hatte es all seine Kraft und enormes Geschick gekostet, seinen Weg über den vereisten Fels zu finden, und da war er allein gewesen und hatte sich nicht um einen bewusstlosen Mann, eine Frau und zwei Kinder kümmern müssen.

»Versuchen wir es«, sagte er. »Aber wir sollten keine Zeit mehr verlieren.«

»Und wenn dort keine Menschen sind?«, wandte Urd ein.

»Dann sterben wir«, antwortete er.

»Und die Höhle in den Bergen?«

»Ich habe nicht gesagt, dass es eine gibt. Nur, dass wir vielleicht eine finden.« Er hob die Hand, als sie antworten wollte. »Du solltest mich nicht für einen Gott oder Zauberer halten, nur weil ich deinem Mann geholfen habe.«

»Und wie nennt man dann jemanden, der einen Mann von den Toten zurückholt?«, fragte sie.

Erst, als er erschrocken den Blick wandte und den Ausdruck von Verständnislosigkeit auf Lifs Gesicht sah, wurde ihm bewusst, dass Urd in einer anderen Sprache geredet hatte, die der Junge offensichtlich nicht verstand.

Er antwortete in derselben Zunge, obwohl er sich nicht erinnerte, sie jemals gelernt zu haben.

»Weder das eine noch das andere. Vielleicht wissen wir da, wo ich herkomme, nur ein bisschen besser, was Menschen auszuhalten imstande sind. Du hast es selbst gesagt: Dein Mann ist stark. Wenn er die Nacht übersteht, hat er eine gute Chance zu leben. Aber nur«, fügte er nach einer winzigen Pause hinzu, »wenn wir nicht noch mehr Zeit verlieren. Die Sonne geht bald unter.«

Urd blinzelte. »Das ist das zweite Mal, dass du das sagst. Warum?«

»Warum? Weil es die Wahrheit ist.«

»Die Sonne geht nicht unter«, gab ihm Urd zu verstehen. »Es dauert noch einen ganzen Monat, bis es dunkel wird. Und danach bleibt es für viele Wochen dunkel. Du musst von sehr weit her kommen, wenn du das nicht weißt.«

Aber er hatte es gewusst. Die Erinnerung war genau in dem Moment in seinem Bewusstsein aufgetaucht, in dem er die Worte hörte. Und es machte ihm Angst.

»Nun, dann haben wir ja wohl doch noch ein bisschen Zeit«, sagte er.

Urd sah ihn nur noch durchdringender an und schwieg, schließlich aber ließ ihr Blick von seinem Gesicht ab und wanderte über den umgestürzten Wagen und die Gegenstände, die in weitem Umkreis im Schnee verstreut waren.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie vielleicht dasselbe sahen, es aber von vollkommen unterschiedlicher Bedeutung für sie war. Was er sah, waren Kleider, Lebensmittel, Töpfe und Schalen, zerbrochene Kisten und aufgerissene Körbe und hundert andere Dinge, die für ihn keinerlei Bedeutung hatten.

Für sie war es ein ganzes Leben.

Urd seufzte noch einmal tief und gab sich dann einen Ruck. »Du hast recht. Wir können nicht hierbleiben. Es gibt hier nichts mehr, wofür es sich zu bleiben lohnt. Lif, hilf mir, das zu suchen, was von unseren Kleidern noch da ist.«

2. KAPITEL

Nahezu schweigend - und, wie ihm nicht entgangen war, vor allem ohne ein einziges Wort der Trauer - hatte Urd ihm geholfen, den Leichnam der Magd zu begraben, so gut es in dem gefrorenen Boden überhaupt möglich war. Von dem Kind, von dem sie gesprochen hatte, hatten sie keine Spur mehr gefunden, und auch darüber hatte Urd kein Wort verloren.

Danach waren sie aufgebrochen.

Der Tag nahm kein Ende, und das nicht nur scheinbar. Die Sonne stand eine gute Handbreit über dem Horizont, und so oft er auch hinsah, schien sie sich nie auch nur um eine Winzigkeit von der Stelle gerührt zu haben - als wäre sie durch einen Zauber an diesen Ort gebannt und dazu verflucht, für alle Zeiten dort zu verharren. Vielleicht war es auch genau andersherum, und es war die Zeit, die nicht mehr existierte. Vielleicht war er auch tot und in diesem einzigen, niemals endenden Augenblick des Schreckens gefangen.

Oder vielleicht war er auch einfach nur erschöpft.

Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der er alles hatte tun können, und ein bisschen auch Urds Worte hatten ihn mit der Illusion erfüllt, seine Kräfte könnten tatsächlich unerschöpflich sein, aber das stimmte ganz und gar nicht. Aus dem gleichen hochmütigen Gefühl heraus hatte er sich nicht nur den bewusstlosen Mann auf die Arme geladen, sondern neben Lasses Schwert auch noch den schweren Schmiedehammer mitgenommen; ein Entschluss, den er selbst mit jedem Schritt, den das schwere Werkzeug an seinem Gürtel zerrte, mehr bedauerte und weniger verstand.

Dennoch kam er nicht ein Mal auf den Gedanken, sich von der zusätzlichen Last zu befreien. Er spürte einfach, dass es richtig war, den Hammer mitzunehmen. Es gab keinen Grund für diese Überzeugung, aber auch keinen Zweifel daran. Gefühl war vielleicht das Einzige, was ihn noch mit dem Leben verband, das er geführt haben musste, bevor ihn der Sturm in diese ebenso verwirrende wie feindselige Welt hineingespien hatte. Und wenn es falsch war, woran konnte er sich dann noch halten?

Stunde um Stunde schleppten sie sich durch den Schnee, einem Horizont entgegen, der sich immer eine Winzigkeit schneller von ihnen zu entfernen schien, als sie sich auf ihn zubewegten. Seine Kräfte, die ihm anfangs so unerschöpflich erschienen waren, ließen irgendwann nach, und spätestens in dem Moment, in dem das Mädchen Elenia aus seiner Ohnmacht erwachte und nicht mehr von seiner Mutter und seinem Bruder getragen werden musste, war er es, der Mühe hatte, mit den anderen Schritt zu halten, und nicht mehr umgekehrt.

Doch schließlich zeigte sich, dass der Junge sich doch nicht geirrt hatte. Sie fanden kein Feuer, wohl aber die Stelle, an der es gewütet hatte - oder, um genauer zu sein: das, was noch davon übrig war.

Der Rauch, der sie letzten Endes hergeführt hatte, stammte nicht von einer Kochstelle oder einem Kaminfeuer. Trotz der vielen Stunden, die seither vergangen waren, strahlten die geschwärzten Wände der Ruine noch eine fühlbare Wärme aus, und der Geruch nach verkohltem Holz, heißem Stein und verbranntem Fleisch schlug ihnen schon aus weiter Entfernung entgegen, obwohl sie sich dem niedergebrannten Hof gegen den Wind näherten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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