Dunkel - Wolfgang Hohlbein - E-Book

Dunkel E-Book

Wolfgang Hohlbein

4,5
6,99 €

oder
Beschreibung

Am Rande der Wahrnehmung, unendlich weit entfernt und doch zum Greifen nahe, lauert eine andere Wirklichkeit. Man nennt sie das Dunkel. Ihre Geschöpfe sind uns zum Verwechseln ähnlich, doch es sind keine Menschen. Sie sind die Jäger, und wir sind die Beute. Glauben Sie an Vampire? Jan sieht einen Mann vor seinen Augen zusammenbrechen. Hilfsbereit stürzt er zu ihm hin - doch als er sich über den Sterbenden beugt, spürt er, wie eine unsichtbare Hand sich über sein eigenes Herz legt. Seitdem ist Jan nicht mehr derselbe. Hat er tatsächlich aus den Augenwinkeln noch eine dritte Gestalt am Ort des Geschehens wahrgenommen? Sicher nur eine Illusion, aber dann sieht er den Schatten wieder und erkennt, daß er von einer Macht verfolgt wird, für die es keine Bezeichnung, keine Begriffe gibt ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 646




Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Dunkel

WOLFGANG HOHLBEIN

DUNKEL

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 1999 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch, Köln

unter Verwendung eines Fotos von Peter Miller, Image Bank

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-0614-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Bei der Szene, in der Lesley Nielsen – in Gestalt einer Fledermaus, aber mit seinem eigenen zerknautschten Gesicht – gegen die geschlossene Fensterscheibe flog und quietschend daran hinabrutschte, hätte Jan sich um ein Haar in die Hose gepinkelt. Allerdings nicht vor Lachen.

Jan fand »Tot aber glücklich« nur mäßig komisch; wenn überhaupt. Er hatte zwei-, oder dreimal geschmunzelt und ein paarmal das Gesicht verzogen; hauptsächlich, um Katrin einen Gefallen zu tun, die neben ihm saß und ihm ab und zu einen prüfenden Blick zuwarf. Wahrscheinlich glaubte sie, daß er es in der Dunkelheit des Kinos nicht merkte. Jan wollte gewiß kein Spielverderber sein. Wäre er es, dann wären sie jetzt gar nicht hier, denn er war letztendlich nur in diesen blöden Film mitgegangen, um Katrin einen Gefallen zu tun. Er hielt sich eigentlich für einen ziemlich fröhlichen Menschen, der gerne lachte und einen manchmal schon rabenschwarzen Sinn für Humor an den Tag legte.

Das Problem war nicht er. Das Problem war der Film. Er war einfach nicht komisch. Die Gags waren entweder unbeholfen oder geklaut, und in den wenigen halbwegs gelungenen Szenen beschränkte sich der Humor entweder auf reinen Slapstick oder Nielsens Gesichtsakrobatik.

Außerdem, sagte Jan sich, hätte er dieses verdammte Bier nicht trinken sollen.

Er war an diesem Morgen ungewöhnlich früh aufgestanden – vor zehn, eine Zeit, zu der er Störungen normalerweise als vorsätzliche Körperverletzung betrachtete –, und er hatte es keineswegs freiwillig getan, sondern war von einer leisen Übelkeit geweckt worden, die grundlos kam und sich hartnäckig den ganzen Tag über gehalten hatte. Strenggenommen war es nicht einmal Übelkeit gewesen, sondern einfach eine Art … Unwohlsein. Fast eine Stunde lang hatte er sogar ernsthaft daran gedacht, Katrin anzurufen und den geplanten Kinoabend abzusagen. Er war einfach nicht gut drauf, und er konnte sich nicht vorstellen, daß ein Abend mit Katrins infantilen Freunden und eine Eintrittskarte für einen Film, der ihn nicht interessierte, in irgendeiner Form dazu angetan waren, seine Stimmung nennenswert zu heben.

Aber Katrin freute sich seit einer Woche auf den Film. Wenn er so kurzfristig absagte, dann würde sie nicht gut drauf sein, und das wiederum würde spätestens nach zwei oder drei Tagen dazu führen, daß er noch schlechter drauf war. Katrin hatte eine ziemlich direkte Art, ihren jeweiligen Launen Ausdruck zu verleihen. Und sie war der mit Abstand nachtragendste Mensch, den er kannte.

Trotzdem – es lag wohl an diesem verdammten Bier. Er hätte es verdammt noch mal nicht trinken sollen. Dabei mochte er Kölsch nicht einmal.

Jan lauschte noch einen Moment in sich hinein, kam zu dem Schluß, daß er es sowieso allerhöchstens noch zehn Minuten aushalten würde, und beugte sich nach rechts, um Dieter, der neben Katrin saß (und im Moment weit weniger mit dem Film als vielmehr mit irgend etwas beschäftigt war, was er unter Jennys Bluse verloren zu haben schien), auf die Schulter zu tippen.

»Was –?« Dieter wirkte für eine Sekunde regelrecht erschrocken, dann wütend.

»Ich brauche eine Karte«, sagte Jan. »Nur, damit ich wieder reinkomme.«

»Schon wieder?« Dieter zog die linke Hand unter Jennifers Bluse hervor (Hieß sie überhaupt Jennifer? Katrins Bruder wechselte seine Freundinnen in letzter Zeit so häufig, daß Jan sich kaum noch die Mühe machte, sich ihre Namen zu merken), begann dann in seiner eigenen Jacke zu wühlen und förderte eine zerknitterte Eintrittskarte zutage, die er ihm mit einem schadenfrohen Grinsen reichte.

»Ist das überhaupt nötig?« fragte Dieter. »Ich meine: Eigentlich müßten sie dich doch alle schon längst kennen, oder?«

»Sehr komisch«, antwortete Jan. »Wirklich.«

»He!« Katrin versetzte ihm einen Rippenstoß, der ein bißchen zu heftig ausfiel, als daß Jan ihn noch als freundschaftlich empfand. »Ich möchte etwas von dem Film verstehen.«

»Er kann nichts dafür«, sagte Dieter grinsend. »Du weißt doch – dein Freund hat eine schwache Blase.«

»Haben das nicht sonst immer nur kleine Mädchen?« fügte Jennifer (oder wie immer sie hieß) feixend hinzu.

Jan zog es vor, auf die alberne Diskussion nicht einzugehen. Er konnte dabei nur verlieren. Er schob die Karte achtlos in die linke Brusttasche, stemmte sich ungeschickt aus dem Kinosessel hoch und versuchte, sich irgendwie ans Ende der Sitzreihe vorzutasten, ohne dabei auf zu viele Füße zu treten. Er hatte ein paar Probleme mit dem Gleichgewichtssinn; mehr, als er hätte haben dürfen, nach nur einem Bier. Jan war alles andere als trinkfest, aber normalerweise vertrug er doch deutlich mehr als ein einziges, jämmerliches Kölsch.

Heute offenbar nicht. Als er ungeschickt, wie gegen einen imaginären Sturmwind ankämpfend, das Ende der Reihe erreichte, wurde ihm für einen Moment schwindelig; er taumelte, machte einen hastigen Schritt, um sein Wanken zu kaschieren, und hoffte, daß die Dunkelheit seine Ungeschicklichkeit hinlänglich genug verborgen hatte.

Sie hatte nicht. Als er sich endlich wieder weit genug in der Gewalt hatte, um sich aufzurichten und herumzudrehen, begegnete er dem Blick einer jungen Frau, die ganz am Rand saß. Etwas jünger als er, hübsch, soweit er das bei dem schlechten Licht beurteilen konnte. Sie sah direkt zu ihm hoch und hatte die Stirn in vielsagende Falten gelegt. Sie sah nicht besorgt aus, sondern eher mißbilligend. Wahrscheinlich roch sie seine Bierfahne und dachte sich den entsprechenden Rest dazu. Das war das Problem mit Bier, dachte er. Ob man nun ein Glas trank oder zwölf – man stank sofort wie ein Trinker.

Jedenfalls behauptete Katrin das.

Jan senkte hastig den Blick, führte seine begonnene Drehung zu Ende und ging mit unsicheren Schritten die Stufen hinauf, welche er trotz der winzigen Lämpchen, die darin eingelassen waren, nur mit Mühe erkannte. Ein ganz leises, aber unangenehmes Schwindelgefühl machte sich hinter seiner Stirn bemerkbar. Er schloß die Augen, machte zwei Schritte in vollkommener Dunkelheit und wäre um ein Haar gestürzt, weil da, wo er eine weitere Stufe erwartete, keine mehr war; ein Gefühl, das nicht weniger unangenehm war als das, eine Stufe zu übersehen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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