Der Ring des Sarazenen - Wolfgang Hohlbein - E-Book

Der Ring des Sarazenen E-Book

Hohlbein Wolfgang

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Beschreibung

Die junge Friesin Robin ist in der Rüstung eines Tempelritters unterwegs ins Gelobte Land. Sie gerät in die Fänge eines Sklavenhändlers und soll als Haremsdame verkauft werden! Als einziger Schutz bleibt ihr der geheimnisvolle Ring, den sie einst von ihrem treuen Freund und Begleiter Salim bekam.

Ein historischer Abenteuerroman von Erfolgsautor Wolfgang Hohlbein.

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Seitenzahl: 860

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Wolfgang Hohlbein

Die Ring der Sarazenen

Das Buch

Verkleidet als junger Tempelritter reist die Friesin Robin auf einem Kreuzfahrtschiff ins Heilige Land. Begleitet wird sie von ihrem orientalischen Diener Salim, der zugleich schützend seine Hand über sie hält. Nur er und die beiden hochrangigen Templer, die den Kreuzzug anführen, wissen, was »Bruder« Robin unter dem weißen Gewand mit dem roten Tatzenkreuz verbirgt. Doch alle Erobererpläne scheitern, als die Flotte von den Sarazenen überfallen wird. Robin kämpft im Rumpf des leckgeschlagenen Schiffes um ihr Leben und sieht die rettende See schon vor sich, da wird sie von einem Gegner bewusstlos geschlagen. Sie erwacht in einem Sarazenenzelt, nur um zu entdecken, dass sie als Sklavin verkauft werden soll. Doch sie trägt einen geheimnisvollen Ring, den ihr Salim zu ihrem Schutz geschenkt hat.

Der zweite Band von Wolfgang Hohlbeins großer Templer-Trilogie.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein,1953 in Weimar geboren, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Seit er 1982 gemeinsam mit seiner Frau den Roman Märchenmond

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1. Auflage

Wilhelm Heyne Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH Copyright © 2002 by Wolfgang Hohlbein und Medienagentur Görden Copyright © dieses E-Books  by Wilhelm Heyne Verlag, München 

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorCopyright1. KAPITEL 2. KAPITEL 3. KAPITEL 4. KAPITEL 5. KAPITEL 6. KAPITEL 7. KAPITEL 8. KAPITEL 9. KAPITEL 10. KAPITEL 11. KAPITEL 12. KAPITEL 13. KAPITEL 14. KAPITEL

1. KAPITEL

Robins Welt war größer geworden. Hatte sie früher, ausgehend von dem Dorf, in dem sie geboren war und die ersten anderthalb Jahrzehnte ihres Lebens verbracht hatte, einen guten Tagesmarsch in jede Richtung gemessen, so gab es nun buchstäblich keine Grenzen mehr. Einst war ihr das winzige Dorf, in dem sie aufgewachsen war und dessen Einwohnerzahl der Hundert niemals auch nur nahe kam, geradezu gigantisch vorgekommen, nun kannte sie Städte, deren Bewohner nach Tausenden zählten, wenn nicht nach Zehntausenden. Vor noch nicht einmal allzu langer Zeit waren ihr die flachen Hügel, die ihr Universum an zwei Seiten begrenzten, unüberwindbar erschienen. Doch mittlerweile hatte sie Berge gesehen, die selbst für tollkühne Kletterer unübersteigbar waren und deren Flanken in den Wolken verschwanden, lange bevor sie den halben Weg zum Gipfel erreichten.

Ihr war entsetzlich übel.

Vielleicht war übel auch das falsche Wort. Möglicherweise sollte sie einen neuen Begriff für den Zustand erfinden, in dem sie sich befand. Ihre Welt war ganz sicher größer geworden, und sie hatte Dinge gesehen, von denen das einfache Bauernmädchen, das sie noch vor weniger als zwei Jahren gewesen war, noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Aber sie hatte auch eine neue Dimension des Leidens kennen gelernt, und auch diese – unwillkommene – Entdeckungsreise in eine unbekannte neue Welt war noch lange nicht zu Ende.

Robin seufzte tief, fuhr sich mit zitternden Fingern über das Gesicht und durch das kurz geschnittene dunkelblonde Haar – sie nannte es dunkelblond, Salim bezeichnete den Ton, zumindest wenn sie alleine waren, als pferdeäpfelfarben. Sie wusste, dass er das nur tat, um sie zu necken, trotzdem ärgerte sie sich jedes Mal aufs Neue. Und was das Schlimmste war – der Vergleich passte auch noch. Verdammter Sarazene!

Robin ließ den Blick durch das winzige hölzerne Geviert schweifen, das seit einer Woche ihr Zuhause, aber auch ihr Gefängnis war. Ihre Welt mochte ja größer geworden sein, aber die Kammer war winzig und so schäbig, dass sie selbst einem Vergleich mit der ärmlichen Hütte nicht Stand gehalten hätte, in der sie aufgewachsen war.

Die Wände waren feucht und mit dunklen Stockflecken übersät. Die Decke der Kabine war so niedrig, dass selbst Salim, der gewiss kein Riese war, nicht aufrecht stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen. Das winzige Fenster zeigte ein Bleiglasbild des heiligen Christophorus von der Art, wie man sie in wohlhabenden Kirchen findet. Glas war geradezu verschwenderisch – verglichen mit dem üblichen geölten Pergamentpapier, das dem Wind und der Kälte eher symbolischen Widerstand entgegensetzte. Der Anblick des Heiligen, der Reisenden sicher über Ströme hinweghalf, hatte nichts Tröstendes für Robin. Das hier war kein Fluss!

Das bunte Glas ließ das Licht in ungleichmäßigen, flirrenden Streifen in die Kammer fallen, und es reichte kaum aus, um auch nur bis zur Türe zu sehen. Doch was brauchte sie Licht in diesem Gefängnis! Selbst wenn sie die Augen schloss, sah sie noch immer vor ihrem inneren Auge, wie sich der Boden nicht nur in einem Rhythmus hob und senkte, dass es ihr den Magen umdrehte, sondern sich auch bog, verdrehte und verzerrte … Und noch dazu in Richtungen, die es gar nicht gab!

Sie hätte diese Aufzählung vermutlich nach Belieben fortsetzen können. Robin war niemals wehleidig gewesen, aber mit dieser Reise war die Grenze ihrer Leidensfähigkeit endgültig überschritten.

Wie um sie zu verhöhnen, bewegte sich in diesem Moment der Boden – und damit auch ihre Lagerstatt aus mit Stroh gefüllten Leinensäcken, auf der sie lag – ein gutes Stück nach unten und sogleich ruckartig wieder nach oben. Das war eindeutig zu viel für ihren Magen. Würgend beugte Robin sich vor in Richtung des henkellosen Eimers, den Salim für Gelegenheiten wie diese neben ihrem »Bett« abgestellt hatte. In den zurückliegenden Tagen hatte sie ihn oft und ausgiebig benutzt, aber jetzt kam nicht einmal mehr bittere Galle über ihre Lippen, nur noch ein gequältes, trockenes Würgen. Es war fünf Tage her, dass sie das letzte Mal etwas gegessen hatte, und die wenigen Schlucke Wasser, die Salim sie regelmäßig zu trinken zwang, schien ihr Körper fast schneller auszuschwitzen, als sie sie herunterschlucken konnte.

Robin blieb zitternd und nach vorne gebeugt so lange sitzen, bis sich ihr aufbegehrender Magen wieder halbwegs beruhigt hatte. Dann stemmte sie sich hoch und kämpfte ebenso mühsam wie vergebens einige Herzschläge lang darum, aufrecht sitzen zu bleiben. Schließlich ließ sie sich erschöpft mit Kopf und Schultern gegen die Wand in ihrem Rücken sinken. Sie zitterte am ganzen Leib und ihr Herz raste vor Anstrengung. Dennoch stahl sich ein dünnes, zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen. Seit sie dieses dreimal verfluchte Schiff betreten und die ganze Bedeutung des Wortes Seekrankheit begriffen hatte, hatte sie sich öfter und ausgiebiger übergeben als während ihres gesamten Lebens zuvor. Doch zumindest war ihr bislang die Erniedrigung erspart geblieben, ihre Bettstatt und sich selbst zu besudeln. Und das würde auch so bleiben, solange sie noch atmete und die Kraft aufbrachte, sich vorzubeugen.

Die Sankt Christophorus legte sich unter dem Anprall einer weiteren Welle auf die Seite und neigte sich gleich darauf ächzend in die Gegenrichtung. Robin schloss stöhnend die Augen – was sich als keine gute Idee erwies. Die dunklen Schatten hinter ihren Lidern begannen wieder zu tanzen, und obwohl in ihrem Magen rein gar nichts mehr war, was er hätte von sich geben können, befiel sie erneut eine Übelkeit, schlimmer noch als all die Male zuvor. Sie konnte nicht einmal mehr stöhnen, sondern nur noch gepeinigt die Zähne zusammenbeißen.

Nach einer Weile beruhigte sich ihr Magen wieder, wenn auch zweifellos nur, um Kraft für eine weitere, noch schlimmere Attacke zu sammeln. Robin schaffte es sogar, sich ein wenig weiter aufzusetzen und die Knie an den Leib zu ziehen. Sie fror. Bedachte man, dass sich die Sankt Christophorus auf dem Wege nach Outremer und damit in einen Teil der Welt befand, in dem angeblich immer Sommer war, dann sollte es eigentlich mit jedem Tag ihrer Reise wärmer werden. Doch das genaue Gegenteil war der Fall.

Offenbar stand kein guter Stern über ihrer Reise. Schon am ersten Morgen, nachdem sie in Genua in See gestochen waren, war die Sankt Christophorus in einen Sturm geraten, wie Robin noch keinen zuvor erlebt hatte. Der Sturm hatte seit jenem Tag nicht mehr wirklich aufgehört. Robin hatte den Eindruck, dass es jedes Mal, wenn sie aus einem von Albträumen und Fieberfantasien geplagten Schlaf erwachte, in der Kabine ein wenig kälter geworden war. Auch wenn es hieß, sie seien auf dem Weg ins Heilige Land, wäre sie nicht einmal überrascht gewesen, hätte sie eines Morgens die Augen aufgeschlagen und Eisblumen auf dem trüben Bleiglas des Fensters erblickt.

Die Tür ging auf. Robin drehte mühsam den Kopf und gewahrte eine hoch gewachsene Gestalt mit schwarzem Gewand und einem bronzefarbenen, edel geschnittenen Gesicht unter einem kunstvoll gewickelten schwarzen Turban. Salim trug eine hölzerne Schale in der linken und ein ordentlich zusammengefaltetes weißes Tuch in der rechten Hand. Während er vollends in den Raum trat und dabei die Tür mit dem Fuß hinter sich zuschob, richtete er sich auf und stieß dabei mit dem Kopf gegen die niedrige Decke. Das tat er jedes Mal, wenn er hereinkam, und Robin fragte sich allmählich, ob es sich dabei vielleicht um irgendein bizarres Zeremoniell handelte, das aus seiner barbarischen Heimat stammte, oder ob er nur einfach nachlässig war. Vielleicht glaubte er auch, dass sie sein vermeintliches Ungeschick amüsierte und er sie auf diese Weise ein wenig aufheitern konnte.

»Du bist wach«, stellte Salim fest, während er näher kam und dabei das Schwanken des Bodens mit einem Geschick ausglich, das Robin vor Neid hätte erblassen lassen, wäre sie nicht sowieso schon so bleich wie die sprichwörtliche Wand gewesen. »Das ist gut. Das erspart mir die Gefahr, dich aufzuwecken.«

»Gefahr?«

»Als ich dich das letzte Mal aufwecken wollte, hast du mir beinahe die Hand abgebissen«, behauptete Salim.

»Ich hatte einen Albtraum und dachte, ein böser schwarzer Mann stünde plötzlich vor mir«, antwortete Robin. Sie beugte sich behutsam vor und versuchte zu erkennen, was sich in der Schale befand, die Salim auf einem kleinen Schemel neben dem Bett abgestellt hatte. Es gelang ihr nicht, aber sie sah immerhin, dass ihr Inhalt heiß sein musste, denn er dampfte.

»Ist das wieder dein selbst gemischtes Hexengebräu?«, fragte sie misstrauisch.

Salim zog sich einen zweiten Schemel heran und ließ sich darauf nieder. »Wenn du von der Fischsuppe sprichst, die du mir schon dreimal vor die Füße gespien hast, kann ich dich beruhigen«, antwortete er. »Bruder Abbé lässt sich nicht davon abbringen, mir jedes Mal wieder eine Schale davon in die Hand zu drücken, wenn ich zu dir gehe, aber ich schütte sie immer gleich über Bord.« Er deutete ein Achselzucken an. »Das macht es einfacher. Obwohl du sie essen solltest. Dann ginge es dir nämlich schon besser.«

»Gleich am ersten Tag an Bord habe ich die Fischsuppe gegessen«, erwiderte Robin. »Vielleicht ist das ja der Grund, aus dem es mir so schlecht geht.«

Salim lachte kurz, aber es gelang ihm nicht, die Sorge aus seinem Blick zu verbannen, während er Robin musterte. »Anscheinend geht es dir tatsächlich schon wieder besser. Deine Zunge ist jedenfalls schon wieder so spitz wie eh und je.« Er wies mit dem Kopf auf die dampfende Schale. »Heißes Wasser. Und saubere Tücher habe ich auch mitgebracht.«

»Willst du mir auf diese Weise durch die Blume sagen, dass ich stinke?«, fragte Robin.

Salim schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig«, antwortete er. »Es gibt niemanden an Bord, der deinem Wohlgeruch entgehen könnte, und wenn der Wind drehen sollte, dürfte die Kunde von unserem Kommen wohl binnen Stundenfrist bis zu Saladins Zelt dringen.«

Robin trat in gespieltem Trotz nach ihm. Salim machte sich nicht die Mühe, den Angriff abzuwehren oder ihm auch nur auszuweichen. Er schien den Treffer kaum wahrzunehmen. Das einzige Ergebnis ihres Tritts waren ein stechender Schmerz, der ihr durch den Knöchel fuhr, und ein neuer Schwindelanfall. Salim wartete geduldig, bis sie aufhörte zu stöhnen und die Augen wieder öffnete.

»Bruder Abbé wünscht deine Anwesenheit an Deck«, sagte er. »Aber vorher würde ich vorschlagen, dass du dich wäschst und deine Rüstung anlegst.«

»Ich gehe erst wieder an Deck, wenn dieser Sturm vorüber ist«, sagte Robin. »Vorher bringt mich keine Macht der Welt hier heraus.«

»Der Sturm«, sagte Salim sanft, »ist seit einer Woche vorüber.«

»Wir sind doch erst seit einer Woche unterwegs.«

»Und es war auch gar kein richtiger Sturm«, fuhr Salim ungerührt fort. »Ein wenig raue See, mehr nicht. Ich würde sagen, du bist nicht unbedingt das, was man als seefest bezeichnen würde.«

»Und du hast eine Woche gebraucht, um das herauszufinden?« Robin angelte nach ihrer Decke, die ihr von den Knien gerutscht war, und zog sie bis zum Kinn hoch. »Geh und richte Bruder Abbé aus, dass ich nach oben komme, sobald das Schiff an Land anlegt. Vorher hätte er nicht besonders viel Freude an mir, fürchte ich. Ich würde ihm vor die Füße speien, noch bevor er ein Vaterunser zu Ende gesprochen hätte.«

Salim nahm eines der Tücher, die er mitgebracht hatte, tauchte einen Zipfel in das heiße Wasser und begann vorsichtig, Robins Gesicht zu säubern. Im ersten Moment drehte sie den Kopf zur Seite, um ihm auszuweichen, aber dann schloss sie die Augen und entspannte sich. Sie genoss Salims Berührungen immer, vielleicht mehr, als er ahnte. Auf jeden Fall aber mehr, als sie sich selbst mit ruhigem Gewissen eingestehen konnte. Diese Berührungen weckten eine Sehnsucht in ihr, die ihr Angst machte. Ein Gefühl, das bis zur Neige zu ergründen sie sich niemals erlauben würde. Und doch: Seit sie die Komturei und damit ihre friesische Heimat verlassen hatten, war er ihr viel zu selten so nah gekommen wie jetzt.

Ganz gleich, wie groß die Welt geworden sein mochte, in der sie nun lebte, ihr persönliches Universum war eindeutig kleiner geworden; um nicht zu sagen, es existierte nicht mehr. Sie waren kaum zwei Dutzend gewesen, als sie die Komturei verlassen hatten, aber ihre Anzahl war beständig gestiegen. In Nürnberg angekommen, wo sie den Winter verbrachten, waren sie bereits mehr als fünfzig. Vier Monate mussten sie warten, bis der Schnee schmolz und die Pässe über die Alpen wieder begehbar wurden. Und ihre Zahl wuchs weiter. Als sie endlich in Genua ankamen und an Bord der kleinen Flotte gingen, die sie nach Outremer bringen sollte, waren sie bereits mehr als dreihundert. So konnte sich Robin kaum mehr erinnern, wann sie das letzte Mal wirklich allein mit Salim gewesen war.

»Ich fürchte, dass Bruder Abbé auf deiner Anwesenheit an Deck besteht«, riss sie Salims Stimme jäh aus ihren Gedanken. »Und es geht hier nicht um eine bloße Laune von ihm.«

Robin öffnete widerwillig die Augen, um den Tuareg mit einem nachdenklichen Blick zu bedenken. In seinen Augen lag plötzlich ein Ernst, der sie alarmierte. Sie sagte nichts, aber allein schon ihre fragende Miene ließ ihn fortfahren.

»Vor einer Stunde ist die Sankt Gabriel längsseits gegangen. Bruder Horace hat Abbé und die anderen zu einer Versammlung einberufen. Heute, bei Sonnenuntergang.«

Robin blickte unwillkürlich zum Fenster. Das Licht, das durch das bunte Bleiglas hereinströmte, war schillernd und unstet, sodass es unmöglich war, aus seiner Helligkeit auf den Stand der Sonne zu schließen. Eine Woche Seekrankheit und Fieber hatten Robin jegliches Zeitgefühl genommen. So vermochte sie nicht zu sagen, ob es Morgen, Mittag oder Abend war.

»In etwa zwei Stunden.« Salim hatte ihren Blick richtig gedeutet.

»Eine Versammlung?«, fragte Robin stirnrunzelnd. »Hat er gesagt, warum?«

Salim tauchte den Zipfel erneut in das heiße Wasser und hob zugleich die Schultern. »Vermutlich. Aber schließlich bin ich nur ein Sklave, und ein Heide dazu, den man bestimmt nicht in die Geheimnisse christlicher Politik einweiht.«

»Und außerdem hast du riesige Ohren und kannst es an Geschwätzigkeit und Neugier mit den schlimmsten Waschweibern aufnehmen, die ich kenne«, behauptete Robin ungerührt.

»Neugier vielleicht«, gestand Salim. Er fuhr nun mit dem nassen Tuch beinahe zärtlich über die dünne, aber deutlich sichtbare Narbe, die von Robins erster Begegnung mit dem Tod kündete. »Ich nehme aber an, es geht um unsere morgige Ankunft in Akko.«

»Morgen schon?« Robin war überrascht.

»Wir könnten schon heute dort ankommen, aber Bruder Horace wartet auf weitere Schiffe. Anscheinend hat er vor, mit einer ganzen Flotte in den Hafen von Akko einzulaufen. Und nun frag mich bitte nicht, warum, kleines Mädchen, denn das weiß ich wirklich nicht.«

»Nenn mich nicht so«, sagte Robin in fast erschrockenem Ton.

»Aber das bist du doch«, erwiderte Salim belustigt. »Jedenfalls warst du es, als ich das letzte Mal nachgesehen habe.«

Robin überging seine Worte ebenso wie den fast anzüglichen Blick, mit dem er sie für einen Moment maß. Natürlich hatte er Recht, aber dass Bruder Robin nicht nur der jüngste der zweihundert Tempelritter war, die in Genua in See gestochen waren, sondern eigentlich Schwester Robin, das wussten außer Salim und ihr selbst nur zwei Menschen an Bord dieses Schiffes. Und für Robins Geschmack waren das im Grunde schon zwei zu viel. Sie wusste, dass Salim mitunter das Spiel mit dem Feuer liebte, aber ihm schien nicht klar zu sein, welch furchtbares Unheil er diesmal damit beschwor – nicht nur für sein und Robins Leben. Sollten die Falschen erfahren, was für ein Körper sich unter dem weißen Templergewand mit dem roten Tatzenkreuz verbarg, wäre es nicht nur um Salim und sie selbst geschehen – sondern auch um Bruder Abbé.

»Wir gehen also morgen an Land?«, fragte sie – nicht um sich zu vergewissern, dass sie Salim auch richtig verstanden hatte, sondern um die ungute Stimmung zu vertreiben, die mit Salims Bemerkung und ihrer Reaktion darauf Einzug gehalten hatte.

»Akko«, bestätigte Salim. »Es wird dir gefallen.«

»Du warst schon einmal dort?«

»Ich weiß nicht, ob es die prachtvollste Stadt der Welt ist«, sagte Salim – und Robin entging keineswegs, dass er ihre Frage damit ganz eindeutig nicht beantwortete –, »aber es ist mit Sicherheit die prachtvollste Stadt, die du jemals erblickt hast.«

Daran zweifelte Robin keinen Augenblick. Sie hatte eine Menge Städte gesehen, seit sie ihre Heimat verlassen hatte, aber keine davon war auch nur im Geringsten prachtvoll gewesen. Das Wort Stadt bedeutete für sie vor allem Schmutz und Gestank, Enge und Lärm.

»Und Horace?«

Diesmal antwortete Salim nur mit einem Achselzucken. Sie selbst und Bruder Abbé waren keineswegs die Einzigen, die dem englischen Tempelritter mit Misstrauen begegneten.

Salim stand auf. »Den Rest wirst du wohl selbst schaffen. Ich bringe dir gleich saubere Kleider – und deine Rüstung.«

Um ein Haar hätte Robin laut aufgestöhnt. Ihre Rüstung? Der klebrige eiserne Topfhelm, das fast knöchellange feinmaschige Kettenhemd, die eisernen Handschuhe und die ebenfalls mit Eisen verstärkten Stiefel wogen zusammen fast mehr als sie, und dazu kamen noch Schild und Schwert. Vielleicht schaffte sie es noch, sich alleine anzuziehen – doch die kurze Treppe an Deck erschien ihr angesichts der bleischweren Rüstung als unüberwindliches Hindernis. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich wohl kaum auf dem hin und her schwankenden Schiff würde auf den Beinen halten können.

»Und beeil dich besser«, sagte Salim im Hinausgehen. »Bruder Abbé möchte noch mit dir speisen, bevor ihr auf die Sankt Gabriel überwechselt. Er hat den Schiffskoch die letzten Vorräte plündern lassen, um ein festliches Mahl aufzutischen … Ich glaube, es gibt einen schönen fetten Schweinsbraten.«

Salim zog die Tür hinter sich zu, und Robin, die schon die Hand nach der Wasserschale ausgestreckt hatte, hielt mitten in der Bewegung inne und beugte sich würgend über den Eimer.

Die Sankt Christophorus war ein richtiges Kreuzfahrerschiff. Mit ihren mehr als hundert Fuß Länge, nur einem Mast und den weit überragenden Bug- und Achterkastellen wirkte sie träge, beinahe schon schwerfällig. Aber Robin musste nur einen Blick über die niedrige Reling werfen, um zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit das scheinbar so behäbige Schiff durch die Wellen pflügte.

Sie hütete sich allerdings, dies zu tun. Irgendwie hatte sie es geschafft, sich zum ersten Mal seit einer Woche wieder einigermaßen gründlich zu waschen und die Kleidung eines Tempelritters anzulegen. Abbés Wunsch, sie möge in voller Rüstung erscheinen, hatte sie allerdings nur zum Teil entsprechen können. Zwar hatte sie Kettenhemd, Waffenrock und Stiefel angelegt, dafür aber sowohl den schweren Helm als auch Schild und Schwertgurt in ihrer Kabine zurückgelassen.

Dass es ihr danach noch gelungen war, aus eigener Kraft hier herauf an Deck zu gelangen, erschien ihr fast unglaublich. Obwohl sich ihr revoltierender Magen mittlerweile einigermaßen beruhigt hatte, war sie nicht gewillt, ihr Glück und ihre ausgezehrten Kräfte weiter auf die Probe zu stellen. Denn in ihren Eingeweiden rumorte es noch immer, und sie war so wackelig auf den Beinen, dass sie sich mit beiden Händen an der Reling in ihrem Rücken festklammern musste. Immerhin hatte sich Salims Ankündigung eines fetttriefenden Schweinebratens nur als derber Scherz herausgestellt, den sie ihm nichtsdestotrotz heimzuzahlen gedachte.

Bruder Horace, der die in geringem Abstand neben ihnen herfahrende Sankt Gabriel befehligte und in der Rangordnung des Ordens deutlich höher stand als Abbé, mochte so viel Wert auf Äußerlichkeiten legen, wie er wollte – letzten Endes hatte er sie zu einer Besprechung eingeladen, nicht zu einer Schlacht. Sollte er doch so missbilligend die Stirn runzeln, wie es ihm beliebte; für Robin gab es keinen Grund, in voller Bewaffnung vor ihm zu erscheinen. Vor allem, wenn diese Bewaffnung so viel wog, dass sie sich unter ihrem Gewicht nicht auf den Beinen hätte halten können.

Der Wind frischte auf. Eine Welle zerbarst am Rumpf der Sankt Christophorus und überschüttete Robin mit einem Sprühregen aus winzigen Wassertröpfchen und weißem Schaum. Das eiskalte Wasser lief ihr den Hals hinab und sickerte in das grobe Wollhemd ein, das sie unter dem strahlend weißen Waffenrock, dem dick gepolsterten ledernen Gambeson und dem Kettenhemd trug. Ein kalter Schauer lief ihr über die Haut. Sie spürte, wie sich ihre Brustwarzen aufrichteten und sich an dem groben Wollstoff rieben. Gottlob bestand keine Gefahr, dass man ihre Weiblichkeit durch all die Kleidungsschichten hindurch bemerken würde.

Obwohl sie jedes Mal, wenn das plumpe Schiff eine Welle durchpflügte, von einer Gischtwolke eingehüllt wurde, behielt sie trotzig ihren Platz an der Reling bei. Etwas anderes hätte sie sowieso nicht tun können. Nach Salims Worten zu urteilen erwartete Bruder Abbé sie und die anderen an Deck, aber sie konnte ihn weder in der Nähe noch auf dem Vorder- oder Achterkastell entdecken. Vermutlich steckte er irgendwo unter ihr, im bauchigen Mittelteil der Kogge. Sie hatte weiß Gott keine Lust, ihm dorthin zu folgen – nicht einmal, wenn sie sich körperlich dazu in der Lage gefühlt hätte. Gleich nach ihrer Ankunft an Bord und kurz bevor die Seekrankheit sie erwischte, war sie ein einziges Mal unten in den Frachträumen gewesen und dieser eine kurze Besuch hatte ihr die Lust auf jede Wiederholung gründlich vergällt.

Obwohl das Schiff durchaus groß war, herrschte unter Deck drückende Enge, denn die Sankt Christophorus war zwar für den Transport von bis zu hundert Mann ausgelegt, beherbergte im Moment aber nahezu die doppelte Anzahl, und darüber hinaus noch ein Dutzend Pferde und eine ganze Wagenladung Waffen, Rüstungsteile und andere Ausrüstung. Von den Vorräten, die eine so große Mannschaft für eine einwöchige Überfahrt benötigte, ganz zu schweigen.

Dort unten herrschten nicht nur drückende Enge und Dunkelheit, sondern auch Gestank, Hitze und jene bis zum Siedepunkt gereizte Stimmung, die unausweichlich war, wenn zu viele Menschen zu lange auf zu engem Raum zusammengepfercht sind. Und die hygienischen Verhältnisse stanken buchstäblich zum Himmel.

Während Robin in verkrampfter Haltung an die Reling gelehnt dastand und die verdreckten, stoppelbärtigen und graugesichtigen Gestalten betrachtete, die sich auf dem überfüllten Deck drängten, in kleinen Gruppen beieinander standen oder einfach dasaßen und aus trüben Augen ins Leere starrten, verzieh sie Abbé, sie eine Woche lang in die winzige Kajüte eingesperrt zu haben. Sie hatte geglaubt, eine Woche lang in der Hölle gewesen zu sein, aber je länger sie sich auf dem Deck umsah, desto mehr kam sie zu dem Schluss, dass es nicht einmal das Fegefeuer gewesen war. Abbé und die anderen hatten ihr einen Gefallen getan, auch wenn er vermutlich nicht halb so uneigennützig war, wie er ihr in diesem Moment vorkam.

Eine weitere Woge erschütterte das Schiff und durchtränkte Robin mit salziger Nässe. Dennoch blieb sie weiterhin an der Reling stehen, denn nach den endlosen Tagen, die sie in ihrem eigenen Gestank dagelegen hatte, erschien ihr die eisige Seeluft wie eine Labsal. Auch wenn sie vor Kälte buchstäblich mit den Zähnen klapperte, erlangte sie allmählich eine lang vermisste Klarheit über ihre Situation, und selbst ihr rumorender Magen beruhigte sich zusehends. Vielleicht hätte sie Salims Rat doch befolgen und sich schon früher zwingen sollen, an Deck zu gehen. Aber vielleicht hätte sie auch schon vor einem Jahr auf die Stimme der Vernunft hören und erst gar nicht zu diesem Kreuzzug aufbrechen sollen.

»Bruder Robin! Hier oben!«

Robin sah sich einen Moment lang hilflos auf dem überfüllten Deck um, bevor die Stimme zum zweiten Mal erscholl und sie Bruder Abbé entdeckte. Erst einen weiteren Moment später erkannte sie auch den Besitzer der Stimme, der hinter der niedrigen Reling des Achterkastells stand und ihr aufgeregt mit dem linken Arm zuwinkte. Unter den rechten Arm hatte er den plumpen eisernen Helm geklemmt, der seine Rüstung vervollständigte. Das kostbare Bastardschwert, seine Lieblingswaffe, baumelte an einem silberbeschlagenen Wehrgehänge an seiner Seite. Über seine Brust lief ein breiter Lederriemen, mit dessen Hilfe er seinen wuchtigen dreieckigen Schild auf den Rücken geschnallt tragen konnte.

Als Robin sich von ihrem Platz an der Reling löste und sich durch das Gedränge an Deck ihren Weg nach achtern bahnte, bemerkte sie die anderen Tempelritter auf dem erhöhten Achteraufbau. Unter ihnen befanden sich Heinrich, Xavier und der greise Tobias. Alle, die von jener Schar noch übrig geblieben waren, mit der sie einst die kleine friesische Komturei verlassen hatte. Sie waren ausnahmslos in Rüstung und Waffen. Vielleicht hätte sie Abbés Aufforderung doch etwas mehr beherzigen sollen. Aber nun war es zu spät.

Zumindest Abbé schien keinen Anstoß an ihrem unvollständigen Aufzug zu nehmen. Als sie mühsam die kurze, steile Treppe zum Achterdeck hinaufstieg, streckte er ihr hilfreich die Hand entgegen, und Robin nahm das Angebot dankbar an. Obgleich Abbé vermutlich mindestens dreimal so alt wie sie selbst war, war sein Griff so fest, dass er sie mehr zu sich heraufhob, als dass sie aus eigener Kraft ging. Robin verzog schmerzhaft die Lippen. Abbé zwinkerte ihr kurz zu. Mit seiner kurzbeinigen Statur, dem ansehnlichen Schmerbauch und den Stummelfingern hätte er vermutlich wie die typische Witzfigur des dicken Mönchleins ausgesehen, den beim heiligen Abendmahl vor allem der Messwein interessierte, wären da nicht der strahlende Waffenrock des Templerritters gewesen und eine Härte in seinen Zügen, die verriet, dass er in seinem Leben mehr gesehen hatte, als sich ein einfacher Mönch in seinen kühnsten Albträumen auszumalen vermochte.

Ohne ein überflüssiges Wort zu verlieren, ließ er ihre Hand los, trat einen halben Schritt zurück und legte ihr dann die flache Hand auf die Stirn. »Euer Fieber scheint vorbei zu sein«, sagte er laut. »Ich bin froh, dass es Euch besser geht.«

»Fieber?« Robin blinzelte verständnislos. »Aber ich hatte kein …«

Sie brach ab, als sie Abbés warnenden Blick auffing, und schalt sich in Gedanken eine Närrin. Bruder Abbé wusste sehr wohl, dass sie kein Fieber gehabt hatte, sondern ihr nur die Seekrankheit zu schaffen machte. Aber sie waren nicht allein auf dem Achterdeck, und die Worte galten auch gar nicht ihr, sondern dem knappen Dutzend anderer Tempelritter, die sich in unmittelbarer Hörweite befanden und von denen außer Heinrich, Tobias und Xavier keiner wusste, wer sie wirklich war.

»Ah ja, die Jugend«, seufzte Abbé, während er ihr erneut einen warnenden Blick zuwarf. »Ich vermute, dass ich früher auch so war, auch wenn es so lange her ist, dass ich mich kaum noch erinnere. Ihr seid ein tapferer junger Ritter, Bruder Robin, aber lasst Euch sagen, dass es kein Zeichen mangelnden Mutes ist zuzugeben, dass einen das Fieber niedergeworfen hat. Gott wird in seiner unendlichen Weisheit einen Grund gehabt haben, es Euch zu schicken.«

Robin signalisierte ihm auf die gleiche lautlose Art, dass sie seine Botschaft verstanden hatte. Sie wusste nicht, was Gott in seiner unendlichen Weisheit dazu bewogen haben mochte, ihr eine Woche lang die Innereien nach außen zu stülpen und sie sich so elend fühlen zu lassen, dass sie sich mehr als einmal den Tod gewünscht hatte. Aber mit einem Mal wurde ihr klar, was sich hinter Abbés ausdrücklichem Wunsch verbarg, sie in die Kapitänskajüte zu sperren und dort eine geschlagene Woche lang zu isolieren. Es hatte nichts mit ihrer Seekrankheit zu tun. Sie war weiß Gott nicht die Einzige, die darunter litt, auch wenn es sie möglicherweise am schlimmsten erwischt hatte. Abbé hätte darauf vermutlich gar keine Rücksicht genommen. Ihm war es einzig und allein darum gegangen, sie von der restlichen Besatzung der Sankt Christophorus zu trennen. Und ihr Schwächeanfall hatte ihm dazu den besten Vorwand geliefert, den er sich nur wünschen konnte. Krank oder gesund, eine Woche lang auf engstem Raum mit nahezu zweihundert Männern eingesperrt, hätte sie ihr Geheimnis nie und nimmer für sich behalten können.

Demütig senkte sie das Haupt. »Verzeiht, Bruder«, sagte sie, gerade so laut, dass alle anderen hier oben ihre Worte hören konnten, wenn sie es wollten. »Es war nicht meine Absicht, hochmütig zu klingen.«

Abbé lächelte. »Das ist wohl noch ein Vorrecht der Jugend, dass man ihr das Ungestüm in der Wahl ihrer Worte nachsieht«, sagte er. Zugleich drohte er ihr spielerisch mit dem Zeigefinger. »Aber gewöhnt Euch nicht zu sehr daran. Die Zeit der Jugend ist schneller vorbei, als Ihr ahnt.«

»Vor allem ist unsere Zeit bald vorbei, wenn wir sie weiter mit unnützen Reden vertun«, mischte sich einer der anderen Ritter ein. Robin kannte seinen Namen nicht. Abbé hatte ihn ihr genannt, als der Templer zusammen mit etlichen anderen Rittern kurz hinter Nürnberg zu ihnen gestoßen war, aber sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn sich zu merken. Obwohl sie jetzt seit vielen Monaten gemeinsam unterwegs waren, hielt sie sich nach Möglichkeit von den anderen Rittern fern und hatte praktisch nur Kontakt zu Abbé, den drei weiteren Friesen – und natürlich zu Salim.

»Aber ich bitte Euch, Bruder Dariusz«, sagte Abbé mit sanftem Tadel. »Bruder Robin hat eine schwere Woche hinter sich. Ein paar aufmunternde Worte werden ihm gut tun und uns nicht schaden.«

Der Templer mit dem fremdartig klingenden Namen kam näher und maß zuerst Abbé, dann Robin mit einem langen Blick, wobei sie nicht sagen konnte, wen von ihnen er verächtlicher musterte. Er war ein großer, frühzeitig ergrauter Mann Mitte vierzig, der vielleicht sogar sympathisch gewirkt hätte, wären seine Augen nicht kalt und bar jeder Menschlichkeit gewesen.

»Ich hoffe, wir werden nicht bald alle mit diesem Fieber daniederliegen«, grollte er. »Es ist ja allgemein bekannt, dass Euch eine Menge an diesem jungen Ritter liegt, Bruder Abbé. Wie auch immer, das ist Eure Sache, solange Ihr uns damit nicht in Gefahr bringt.«

»Bruder Robin ist auf ausdrücklichen Wunsch von Bruder Horace hier«, antwortete Abbé kühl. »Solltet Ihr eine Beschwerde haben, so habt Ihr in Kürze Gelegenheit, sie persönlich bei ihm vorzubringen.«

Dariusz’ Lippen wurden schmal, und für einen winzigen Moment erschien doch der Ausdruck eines Gefühles in seinen Augen: ein lodernder Zorn, der gewiss nicht nur diesem kurzen Disput zwischen Abbé und ihm entsprang, sondern ältere und viel tiefer gehende Wurzeln hatte und sich in diesem Moment Bahn brach. Dann aber beherrschte er sich wieder, trat einen halben Schritt zurück und straffte die Schultern.

»Verzeiht, Abbé«, sagte er. »Ich wollte Euch nicht tadeln. Es erschien mir nur gefährlich, bei einer Reise von solcher Wichtigkeit jemanden dabei zu haben, der an einem unbekannten Fieber leidet und uns womöglich alle ansteckt.«

»Ich habe Euch gesagt, dass es nicht ansteckend ist«, mischte sich Tobias ein.

»Ihr habt auch gesagt, dass Ihr nicht genau wisst, an welcher Krankheit er leidet«, antwortete Dariusz trotzig. »Wie könnt Ihr da wissen, dass sie nicht ansteckend ist?«

»Zum einen, weil er lebendig vor uns steht …«, antwortete Tobias.

»Und zum anderen?«, fragte Dariusz lauernd.

»Das ist genug!« Abbé erstickte den drohenden Streit im Keim, wenn auch um den Preis, dass er sich damit Dariusz’ Zorn zuzog. Bevor der Ritter jedoch etwas vorbringen konnte, hob einer der anderen Templer den Arm und deutete auf die Sankt Gabriel. Abgesehen von Tobias, der einfach weiter dastand und Dariusz aus seinen faltenumsäumten Augen herausfordernd anblitzte, wandten sich alle um und sahen zum Schwesterschiff der Sankt Christophorus hinüber. Die Kogge hatte den Kurs gewechselt und mehr Fahrt aufgenommen. Robin, die von der Seefahrt ungefähr so viel verstand wie vom Lautenspiel, war es schon immer ein Rätsel gewesen, wie zwei Schiffe gleicher Größe und identischer Bauart unterschiedlich schnell fahren konnten, aber die Sankt Gabriel holte rasch auf.

Nach nur wenigen Minuten ging das Kreuzfahrerschiff längsseits. Männer auf beiden Schiffen warfen einander Seile zu. Netze, prall gefüllt mit altem Segeltuch, wurden über die Reling gehängt, damit die bauchigen Schiffsrümpfe der Koggen im starken Seegang nicht gegeneinander schlugen. Als beide Segler fest miteinander vertäut waren, legten die Seeleute eine schmale Planke aus, über die man von einem Schiff zum anderen wechseln konnte. Allein bei ihrem Anblick kroch Robins Magen schon wieder ein gutes Stück ihren Hals empor. Die Planke war kaum so breit wie zwei nebeneinander gelegte Hände und bog sich unter dem Gewicht der Männer durch wie ein Seil, auf dem Gaukler ihre Kunststücke aufführten. Trotzdem stiegen Abbé und die anderen ohne zu zögern hinauf, um zur Sankt Gabriel überzuwechseln.

Schließlich war die Reihe an Robin. Sie war die Letzte, die sich noch auf dem Achterdeck befand, abgesehen von Tobias, der aber keine Anstalten machte, auf das andere Schiff überzuwechseln, sondern ihr nur verschmitzt zublinzelte – wobei er sich nicht einmal die Mühe machte, seine Schadenfreude zu verhehlen. Robin lächelte gequält zurück, nahm all ihren Mut zusammen und trat auf die schmale Planke hinaus.

Es waren nur wenige Schritte, aber sie starb tausend Tode, ehe sie endlich den Fuß auf das Deck der Sankt Gabriel setzte. Die beiden Schiffe lagen dicht nebeneinander, und dennoch schwankten sie gegenläufig im Rhythmus der Wellen, sodass ein einziger Fehltritt den Tod bedeuten konnte. Entweder würde sie zwischen den dicht beieinander liegenden Schiffsrümpfen buchstäblich zermahlen werden, oder aber, wenn sie ins Wasser stürzte, von ihrem schweren Kettenhemd in die Tiefe gezogen. Robin hatte Wasser – außer in einem Becken oder in einem Badezuber – noch nie besonders gemocht. Sie atmete erleichtert auf, als sie endlich wieder Schiffsplanken unter den Füßen spürte.

Das Nächste, was sie bemerkte, war Abbés spöttischer Blick. Er gab sich so wenig Mühe wie zuvor Tobias, seine Schadenfreude zu verhehlen, wirkte zugleich aber auch besorgt, wobei Robin nicht ganz sicher war, ob diese Sorge tatsächlich nur ihrem Gesundheitszustand galt. Abbé drehte sich jedoch um, bevor sie eine entsprechende Frage stellen oder ihm einen fragenden Blick zuwerfen konnte, und Robin wandte sich ihrerseits um, als sie ein Geräusch hinter sich vernahm, das fast wie ein leiser Ruf klang.

Sie erwartete, Salim auf dem Achterdeck der Sankt Christophorus stehen zu sehen, im Begriff ihr zu folgen. Tatsächlich erblickte sie ihn sofort, doch statt zu ihr auf die Sankt Gabriel zu wechseln, blieb der Tuareg reglos und hoch aufgerichtet auf dem Achterkastell des anderen Schiffes stehen. Das Geräusch, das sie gehört hatte, war das Klappern, mit dem die Planke zwischen den beiden Schiffen eingezogen wurde, und kein Ruf. Salim würde ihr nicht folgen und er machte auch keine Anstalten, ihr ein erklärendes Wort zuzurufen.

Das versetzte ihrem Herzen einen scharfen Stich. Es dauerte zwei, drei verwirrte Sekunden, bis ihr bewusst wurde, dass er gar nicht anders konnte. Salim war nicht nur ein Tuareg, sondern auch ein strenggläubiger Moslem und damit ein Heide. Dass Bruder Horace ihn überhaupt in dieser Reisegesellschaft duldete, grenzte an ein Wunder. Salim auf seinem Schiff und noch dazu im Kreise seiner engsten Vertrauten … nein, das war unvorstellbar. Es war naiv von ihr gewesen, auch nur anzunehmen, dass er sie auf die Sankt Gabriel begleiten würde – oder dass er ihr in aller Öffentlichkeit einen Abschiedsgruß zurufen würde.

Was nichts daran änderte, dass sie sich noch hilfloser und verlorener fühlte als bisher, während sie Abbé und den anderen zum Hauptdeck hinabfolgte.

Die Sankt Gabriel war mindestens so überfüllt wie die Sankt Christophorus. Die meisten Männer an Deck waren Ritter, die jedoch anders als die Besatzung der Sankt Christophorus ausnahmslos Kettenhemden, Wappenröcke und zum größten Teil sogar schwere eiserne Helme trugen. Robin hatte Bruder Abbé mehr als einmal bittere Klage darüber führen hören, dass Horace seine Männer über die Maßen hinaus drillte. Disziplin und ein nach außen geschlossenes Erscheinungsbild waren sicher einer der Grundpfeiler, auf denen die Macht des Templerordens beruhte, aber es war eine Sache, die Männer zu drillen und ständig in Form zu halten, und eine ganz andere, sie bis zum Umfallen zu schinden und ihre Kräfte damit zu verschwenden, sie hier auf offener See unnötiger Weise die bleischweren Rüstungen tragen zu lassen.

Die Krieger wichen respektvoll zur Seite, während sie sich der kurzen Treppe nach unten näherten. Da die beiden Schiffe vollkommen baugleich waren, musste niemand Robin erklären, dass sie sich auf dem Weg zur Kapitänskajüte befanden, die Bruder Horace als ranghöchster Ritter an Bord selbstverständlich für sich reklamiert hatte. Sie war eher überrascht, wie winzig ihr der Raum im Vergleich zu ihrem eigenen Quartier an Bord der Sankt Christophorus vorkam, als sie gebückt als Letzte durch die niedrige Tür trat. Horace hatte das Bett hinaus- und an seiner Stelle einen gewaltigen rechteckigen Tisch hereinschaffen lassen, der das Zimmer zu mehr als der Hälfte ausfüllte. Der verbliebene Platz reichte nicht mehr, um Stühle aufzustellen, sodass die Gäste mit niedrigen dreibeinigen Schemeln Vorlieb nehmen und so dicht nebeneinander sitzen mussten, dass sich ihre Schultern berührten. Bruder Horace hockte am Kopfende des Tisches. Er hatte sein Schwert abgeschnallt und quer vor sich auf den Tisch gelegt, ansonsten war die dicke hölzerne Platte leer. Bruder Horace hatte anscheinend nicht vor, seine Gäste zu bewirten.

»Bruder Abbé.« Horace machte sich nicht die Mühe, aufzustehen, sondern begrüßte Abbé und die anderen lediglich mit einem angedeuteten Kopfnicken und einer Geste, Platz zu nehmen. Lediglich auf Robins Gesicht blieb sein Blick eine kurze Weile haften und einen Moment lang glaubte sie ein Interesse in seinen harten Augen aufblitzen zu sehen, das ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Er sagte jedoch nichts, sondern wartete nur mit deutlich zur Schau gestellter Ungeduld darauf, dass sich alle setzten und endlich wieder Ruhe einkehrte.

»Ich begrüße Euch, Brüder«, begann er. »Jetzt, wo wir alle vollzählig sind …«, er ließ seinen Blick über die Versammlung schweifen, als müsste er sich davon überzeugen, dass seine Behauptung auch der Wahrheit entsprach, »… können wir ja beginnen.«

Abbé, der die Spitze keineswegs überhört hatte, lächelte Horace nur milde zu, aber Dariusz hob rasch die Hand und fiel Horace ins Wort. »Verzeiht, Bruder«, sagte er.

Horaces linke Augenbraue rutschte ein Stück nach oben. Er war kein Mann, der es gewohnt war, unterbrochen zu werden. Aber er sagte kein Wort, sondern forderte Dariusz nur mit einer entsprechenden Geste auf fortzufahren.

»Wir sollten noch nicht beginnen«, sagte Dariusz. »Verzeiht mir meine Offenheit, aber es ist einer unter uns, der nicht hierher gehört.«

»Niemand hat Euch gezwungen mitzukommen, Dariusz«, sagte Abbé. Zwei, drei der anderen Ritter lachten leise, aber Horace sorgte mit einer unwilligen Geste für Ruhe und bedeutete Dariusz mit einem Nicken fortzufahren.

»Ich rede von diesem Knaben. Bruder Robin.« So, wie er den Namen aussprach, kam es fast einer Beleidigung gleich. Robins Herz begann zu klopfen.

Horace sah den grauhaarigen Tempelritter einen Moment lang stirnrunzelnd an, ehe er sich mit einer demonstrativen Bewegung direkt zu Robin herumdrehte. »Wie geht es dir, Bruder Robin?«, fragte er. »Ich habe gehört, du seiest krank?«

»Das war ich«, antwortete Robin. Eigentlich war sie es noch. Sie fühlte sich hundeelend, wenn auch auf eine vollkommen andere Art als bislang. Dennoch zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: »Es geht mir schon wieder besser. Ich hatte Fieber, und der Seegang hat wohl noch ein Übriges getan.«

»Bald werdet Ihr wieder festen Boden unter den Füßen haben, wie wir alle.« Horace gönnte Robin eines seiner seltenen Lächeln und wandte sich dann wieder Dariusz zu. »Bruder Tobias hat mir versichert, dass es sich bei Robins Fieber nicht um eine ansteckende Krankheit handelt.«

»Davon rede ich nicht.« Dariusz schüttelte heftig den Kopf und sah Robin kurz und auf eine Art an, die seine nachfolgende Behauptung Lügen strafte. »Es geht nicht gegen Euch persönlich, Robin, bitte versteht mich nicht falsch. Aber …«, er wandte sich wieder an Horace, und sein Ton wurde härter, »… wir alle wissen, warum wir hier zusammengekommen sind. Unsere Mission ist von großer Wichtigkeit. Nicht nur unser Schicksal steht auf dem Spiel, sondern vielleicht das des gesamten Ordens, ja, möglicherweise das des gesamten Königreichs Jerusalem.«

»Worauf wollt Ihr hinaus, Dariusz?«, fragte Abbé spröde. »Traut Ihr Robin nicht? Wenn Ihr Anlass habt, an seiner Loyalität zu zweifeln, dann teilt uns Eure Gründe mit.«

»Darum geht es doch gar nicht!«, verteidigte sich Dariusz.

»Ich für meinen Teil vertraue Bruder Robin voll und ganz«, sagte Horace – nicht nur zu Robins Überraschung. »Er hat mir das Leben gerettet und dabei das seine und das seiner Brüder riskiert.«

»Das ist mir bekannt«, antwortete Dariusz. Er klang jetzt eher trotzig und nicht mehr so herausfordernd wie noch vor einem Augenblick. Anscheinend war er verstört, sich so urplötzlich in die Defensive gedrängt zu sehen. Robin war jedoch nicht sicher, ob ihr diese Entwicklung gefiel. Sie hatte schon oft und schmerzhaft erfahren müssen, wie leicht es war, sich Feinde zu machen. »Bei allem Respekt, Bruder Horace – Robin ist kaum mehr als ein Kind. Glaubt Ihr wirklich, er sollte einen Platz in unserer Runde haben?«

Horace blieb äußerlich ruhig, aber nicht nur Robin kannte den hochrangigen Templer gut genug, um zu wissen, dass er Dariusz’ Frage als offenen Schlag ins Gesicht werten würde.

»Bruder Robin ist annähernd sechzehn Jahre alt«, antwortete er. »Ein Alter, in dem viele unserer Brüder bereits ihre erste Schlacht hinter sich haben und in dem andere auf dem Königsthron sitzen.« Er hob die Hand, als Dariusz widersprechen wollte, und fuhr mit etwas lauterer Stimme fort: »Darüber hinaus hat Robin mehr als ein Jahr in der Komturei Abbés und seiner Brüder gelebt, Dariusz. Es ist eine sehr kleine Komturei. Auf jeden Fall zu klein, um ein Geheimnis innerhalb seiner Mauern zu wahren. Ihr habt es gerade selbst gesagt, Dariusz. Robin ist jung. Und es ist nun einmal das Vorrecht der Jugend, neugierig zu sein. Es wäre naiv anzunehmen, dass er nicht das eine oder andere Gespräch mitgehört und das eine oder andere Wort aufgeschnappt hätte. Halbes Wissen ist oft gefährlicher als vollständiges. Ich hielt es für sicherer, ihn mit auf diese Mission zu nehmen, statt ihn allein zurückzulassen. Und ich bin überzeugt, dass Ihr tief in Eurem Herzen derselben Meinung seid, Bruder. Das stimmt doch, oder?«

Dariusz war ganz und gar nicht dieser Auffassung und er gab sich auch gar nicht erst die Mühe, seine wirklichen Gefühle zu verhehlen. Aber er wagte es nicht, Horace offen zu widersprechen. Noch nicht, dachte Robin. Sie wusste nicht genau, wie weit Dariusz in der verschlungenen Hierarchie des Templerordens unter Horace stand, aber es konnte nicht allzu weit sein. Es ging hier gar nicht wirklich um sie oder gar darum, dass Dariusz tatsächlich fürchtete, sich mit ihrem angeblichen Fieber anzustecken. Was sie beobachtete, das war ein Machtkampf zwischen zwei Rittern, der noch schwelte, bald aber ganz offen ausbrechen könnte.

Dieser Augenblick war offensichtlich noch nicht gekommen, denn nach kurzem Zögern senkte Dariusz demütig das Haupt. »Selbstverständlich.«

»Dann können wir ja jetzt zum eigentlichen Grund dieser Zusammenkunft kommen«, sagte Horace. Er seufzte hörbar. »Wie ihr alle wisst, nähern wir uns der Küste. In den letzten Tagen war uns der Wind günstig gesinnt, wodurch wir etliches von der verlorenen Zeit wieder wettmachen konnten. Dennoch müssen wir unsere Pläne womöglich ändern.«

»Inwiefern?«, fragte Heinrich.

Horace schenkte ihm einen kurzen, ärgerlichen Blick. »Ich habe Befehl gegeben, den Kurs zu ändern und wieder ein Stück weit nach Norden zu segeln«, sagte er.

Seine Worte blieben nicht ohne Wirkung. Die Gesichter der Ritter verdüsterten sich, und hier und da wurde Murren laut. Robin war offensichtlich nicht die Einzige, die die Aussicht, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen, begrüßt hatte.

»Ich kann Eure Enttäuschung verstehen, Brüder«, fuhr Horace fort. »Aber es ist nur ein kleiner Umweg. Noch in dieser Nacht werden wir auf vier weitere Schiffe unseres Ordens treffen, mit denen wir uns vereinigen.«

»Vier?« Abbé runzelte die Stirn und tauschte einen fragenden Blick mit Xavier, auf den er aber nur ein hilfloses Achselzucken erntete. Er wandte sich wieder Horace zu. »Darf ich fragen, warum?«

»Auf direkten Befehl Odon von Saint-Amands hin«, antwortete Horace. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Der frühe Wintereinbruch des vergangenen Jahres hat unsere Pläne unglückseligerweise gefährlich beeinträchtigt. Die Lage in Outremer ist bedrohlicher denn je, und nicht einmal der Großmeister selbst vermag im Moment zu beurteilen, was in Jerusalem geschieht. Aus diesem Grund ist Odo von Saint-Amand der Meinung – genau wie ich selbst im Übrigen –, dass wir gut daran täten, eine gewisse … Stärke zu demonstrieren.«

»Stärke?«, fragte Dariusz. »Wem gegenüber?«

»Auch in Akko gibt es Kräfte, die dem Orden nicht wohl gesinnt sind«, antwortete Horace. »Es wäre nicht opportun, mit zwei heruntergekommenen Schiffen voller halb toter Männer in den Hafen von Akko einzulaufen.«

»Sondern vielmehr mit einer Flotte, die eine kleine Armee transportiert?« Abbé wiegte zweifelnd den Kopf. »Ihr spracht von Kräften, die dem Orden nicht wohl gesinnt sind, Bruder Horace. Wir alle hier wissen, wen Ihr damit meint. Aber wir wissen auch, dass die Ankunft einer kampfstarken Flotte – noch dazu bei der angespannten politischen Lage – die Situation eher noch verschärfen könnte. Es gibt mehr als einen Baron am Hofe in Jerusalem, dem der Orden schon jetzt militärisch zu mächtig ist. Ganz zu schweigen von den Johannitern … Die massierte Ankunft einer so kampfstarken Truppe könnte als Bedrohung aufgefasst werden, wenn nicht als Provokation.«

Und ganz genau das soll sie auch, besagte Horaces Blick. Er antwortete jedoch nicht gleich, sondern sah Abbé für die Dauer von drei oder vier Atemzügen fast nachdenklich an, ehe er sagte: »Es war schon immer die Politik unseres Ordens, Stärke zu zeigen, nicht Schwäche. Es ist diese Stärke, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, nicht Diplomatie und politische Ränkespiele, Bruder Abbé. Und es ist diese Stärke, die uns am Ende zum Sieg verhelfen wird. Sie und Gottes Hilfe.« Er zeigte ein dünnes Lächeln. »Darüber hinaus habe ich einen direkten Befehl des Großmeisters erhalten, den zu kritisieren keinem von uns zusteht. Dass ich zufällig derselben Meinung bin, bedeutet gar nichts. Wir werden wahrscheinlich heute Nacht auf die anderen Schiffe treffen, spätestens jedoch morgen bei Sonnenaufgang. Auf dem Weg nach Akko stoßen dann noch zwei weitere Schiffe zu uns.«

»Acht also«, stellte Abbé besorgt fest. »Wie viele Männer?«

»Mehr als tausend«, antwortete Horace.

Abbé ächzte. »Mehr als tausend Kämpfer in Rüstung und Waffen? In Gottes Namen, Bruder Horace, was habt Ihr vor? Wollt Ihr Akko im Sturmangriff nehmen?«

»Wenn es sein muss, ja«, erwiderte Horace ruhig. »Doch so weit wird es nicht kommen. Schließlich kämpfen wir alle für die gleiche Sache, und unter dem Zeichen des Kreuzes.«

Robin hörte kaum noch hin. Selbst wenn sie das Gespräch interessiert hätte, wäre es ihr schwer gefallen, ihm zu folgen. Sie verstand wenig von Politik und wusste sehr viel weniger von Horaces großem Geheimnis, als dieser zu glauben schien. In der begrenzten Welt ärmlicher Verhältnisse, in denen die meisten Menschen lebten und aus der auch sie stammte, spielte es keine Rolle, wer in Jerusalem herrschte, welcher Adelige durch welches Ränkespiel an die Macht kam und wessen Fahne über welcher Stadt wehte. Die allermeisten wussten nicht einmal, dass es eine Stadt namens Akko gab, und die, die es wussten …

»Bruder Robin?«

Die Stimme drang unangenehm scharf in ihre Gedanken, aber es vergingen noch einige Herzschläge, bis Robin wirklich begriff, dass sie niemand anderem als Horace gehörte und dass die Schärfe darin nicht eingebildet war. Sie suchte den Blick des Tempelritters und nahm erst jetzt wahr, dass Horace sich wie alle anderen erhoben hatte. Oder anders ausgedrückt: Sie war die Einzige, die noch saß. Sie stand so hastig auf, dass ihr Schemel umgefallen wäre, hätte der Platz zwischen der Kajütenwand und ihren Beinen dazu ausgereicht.

»Bruder Horace. Verzeiht, ich war …«

»In Gedanken, das ist mir aufgefallen«, unterbrach sie Horace. Es klang unwillig. »Wie mir scheint, interessiert Euch unser Gespräch nicht sonderlich.«

»Das … das ist es nicht«, stammelte Robin. »Ich war nur …«

Horace unterbrach sie erneut, diesmal mit einer eindeutig unwilligen Geste. »Wir reden später darüber. Es gibt ohnehin ein paar Dinge, die ich mit Abbé und Euch besprechen muss. Jetzt lasst uns beten und Gott dafür danken, dass er uns sicher und unversehrt bis hierher geleitet hat.«

Während Robin wie alle anderen die Hände faltete und demütig das Haupt senkte, versuchte sie, aus den Augenwinkeln den Blick von Abbé einzufangen. Es gelang ihr nicht, aber dafür entging ihr keineswegs das hämische Glitzern in Dariusz’ Augen. Was ging hier vor? In diesem Moment hätte sie ihre rechte Hand für einen Blick hinter Horaces Stirn gegeben, aber sie wagte es nicht, auch nur aufzusehen. Obwohl Horace seinerzeit tatsächlich darauf bestanden hatte, den vermeintlichen Bruder Robin mit auf diesen Kreuzzug zu nehmen, schien er doch auf dem langen Weg von der Komturei in Friesland bis zu dieser Seereise jedes Interesse an ihr verloren zu haben. Und nun forderte er sie auf, sich für ein Gespräch bereitzuhalten? Robin war beunruhigt.

Sie bemühte sich jedoch, sich nichts von ihren wahren Gefühlen anmerken zu lassen, und wiederholte mit klarer, fester Stimme die Worte, die der Tempelritter vorgab. Das Gebet wurde auf Latein gesprochen, wie alle gemeinsamen Gebete. Robin war dieser Sprache nicht mächtig, aber sie hatte beizeiten gelernt, die ihr unbekannten Worte so schnell und flüssig nachzusprechen, dass selbst Bruder Abbé sie schon mehr als einmal argwöhnisch angeblickt und die eine oder andere entsprechende Bemerkung gemacht hatte.

ENDE DER LESEPROBE