Die drei ??? und der magische Kreis (drei Fragezeichen) - M.V. Carey - E-Book

Die drei ??? und der magische Kreis (drei Fragezeichen) E-Book

M.V. Carey

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5,99 €

  • Herausgeber: Kosmos
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Ein Brand, ein Diebstahl und ein Einbruch in Santa Monica – die drei ??? haben alle Hände voll zu tun, diese Vorfälle in Zusammenhang zu bringen. Die Spur führt sie in die rätselhafte Vergangenheit einer Filmdiva, in der ein geheimnisvoller magischer Kreis eine große Rolle spielte. Bei ihren Nachforschungen geraten sie in die unheimlichsten Situationen und Peter kommt nach einer entscheidenden Entdeckung in große Gefahr.

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Seitenzahl: 179

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und der magische Kreis

erzählt von M.V. Carey nach einer Idee von Robert Arthur

Aus dem Amerikanischen übertragen von Leonore Puschert

Kosmos

Umschlagillustration von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage der Gestaltung von Aiga Rasch

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele weitere Informationen zu unseren Büchern, Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und Aktivitäten findest du unter kosmos.de

© 2014, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

Based on characters by Robert Arthur.

ISBN 978-3-440-14064-2

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Albert Hitfield hat das Wort

Ich begrüße alle Freunde spannender Unterhaltung!

Wieder wird mir die Ehre zuteil, an dieser Stelle ein neues Abenteuer der drei ??? (im Klartext sind das die drei Detektive) anzukündigen, ein Abenteuer des Nachwuchsteams mit der besonderen Vorliebe für das Mysteriöse – je ausgefallener, desto besser. Diesmal machen die unerschrockenen Fahnder Bekanntschaft mit einer Hexe, die in weltabgeschiedener Einsamkeit geheime Rituale zelebriert und deren Gedanken um ein Unglück kreisen, das vor langer Zeit geschah. War es überhaupt ein Unglück? Möglicherweise war es Mord, nach allen Regeln der Hexenkunst …

Wer den drei ??? noch nicht begegnet sein sollte, wird nun Genaueres wissen wollen. Also: Justus Jonas, ihr Anführer, ist ein stämmiger Bursche mit erstaunlichem Talent für Schlussfolgerung und Beweisführung. Peter Shaw, Zweiter Detektiv, ist flink und sportgestählt, während sich Bob Andrews – begabt, belesen und fleißig – den Recherchen widmet und damit sein Teil zur Lösung der Probleme beisteuert, die sich den Jungen stellen. Zu Hause sind die drei in Rocky Beach in Kalifornien, unweit von Hollywood.

Somit hätten wir den offiziellen Teil hinter uns. Start frei zum ersten Kapitel – hinein ins Abenteuer!

Albert Hitfield

Feuer!

»Sagt mal, worauf seid ihr drei eigentlich aus?«, erkundigte sich Horace Tremayne. Er stand in der Tür zum Postbüro der Amigos-Presse und musterte Justus Jonas, Bob Andrews und Peter Shaw mit finsterer Miene.

»Wir – wieso?«, fragte Peter zurück. »Wir sortieren hier die Post.«

»Das könnt ihr mir nicht erzählen!«, sagte Tremayne schroff. Sein Gesicht, das sonst recht liebenswürdig wirkte, sah jetzt unheildrohend aus. »Ganz schön unverschämt, so zu tun, als wolltet ihr euch hier was verdienen – und dabei seid ihr Privatdetektive!«

Und dann schaltete Tremayne um und lachte los. Der junge Verleger, der bei allen Mitarbeitern der Amigos-Presse nur Beefy hieß, sagte: »Das seid ihr doch – Privatdetektive, nicht?«

»Also nein«, sagte Peter, »jetzt haben Sie mich aber erschreckt!«

Bob Andrews lächelte. »Diesen Sommer ist es in unserer Branche ziemlich flau«, meinte er. »Da dachten wir, wir könnten uns mal fortbilden. In Büroarbeit.«

»Wer hat Sie denn über uns aufgeklärt?« Justus Jonas war die Neugierde von dem runden Gesicht abzulesen.

»Gestern Abend mietete mein Onkel Will einen schicken Wagen und nahm uns zu einer Filmpremiere nach Hollywood mit«, sagte Beefy Tremayne. »Es war ein Rolls-Royce mit Goldbeschlägen, und der Chauffeur war ein Brite – Morton.«

»Aha.« Justus musste lachen, denn Morton war ein alter Bekannter der drei ???. Vor längerer Zeit hatte sich Justus an einem Preisausschreiben einer Autovermietung beteiligt und den Hauptpreis gewonnen – dreißig Tage freie Fahrt mit dem luxuriösen Rolls-Royce. Morton hatte die drei Jungen herumkutschiert und ihre Arbeit als Detektive hatte es ihm mit der Zeit sehr angetan.

»Die Rede kam auf euch, als Morton mir von seinen Stammkunden erzählte«, berichtete Beefy. »Als er hörte, dass ihr drei hier einen Ferienjob habt, da meinte er, ich könnte mich auf Überraschungen gefasst machen. Er sagte, dass dort, wo ihr aufkreuzt, rein zufällig immer die tollsten Sachen passieren.«

»Zufall ist das nicht«, sagte Peter. »Justus ist immer derjenige, der die Sachen ins Rollen bringt!«

»Und dann steigen wir alle ein«, ließ Bob verlauten.

Justus reichte Beefy eine Karte. Darauf stand:

»Echte Profis also«, meinte Beefy. »Was bedeuten denn die Fragezeichen?«

Der Erste Detektiv war sichtlich zufrieden. Immer fragten die Leute nach den Fragezeichen. »Sie sind ein allgemeines Symbol für das Unbekannte«, sagte Justus. »Das Unbekannte ist stets von besonderem Reiz.«

»Stimmt«, bestätigte Beefy. »Wenn ich einmal ein Detektivbüro benötige, wende ich mich vielleicht an euch. Morton meint, ihr hättet was los.«

»Wir konnten bereits eine Anzahl interessanter Fälle aufklären«, sagte Justus. »Nach unserer Erfahrung ist für unseren Erfolg ausschlaggebend, dass wir nahezu alles für möglich halten.«

»Ihr seid eben noch zu jung für Vorurteile, was?«, stellte Beefy fest. »Das kommt euch bei euren Ermittlungen sicher zustatten. Wirklich schade, dass es hier nichts zu ermitteln gibt – höchstens, warum die Kaffeemaschine so miserablen Kaffee macht!«

Die Jungen hörten Schritte vor dem Postbüro. Beefy trat in den Flur zurück und wandte sich zum Eingang des Gebäudes. »Onkel Will, du warst aber lange weg!«, rief er.

Gleich darauf tauchte ein großer, hagerer Mann mit sandfarbenem Haar und einem kleinen Bart auf der Oberlippe neben Beefy auf. Das war Mr William Tremayne und er sah wie üblich hochelegant aus. Er trug eine beigefarbene Sporthose zu einem kakaofarbenen Leinenjackett. Er schaute in das Büro, hatte aber diesmal kein Wort für die Jungen übrig.

»Sie hatten keinen Mietwagen frei, als ich das Auto in die Werkstatt brachte«, erklärte er seinem Neffen. »Da musste ich ein Taxi nehmen. Es macht einen ganz fertig. Heutzutage klappt einfach gar nichts mehr!«

»So ist es«, sagte Beefy in seiner netten Art. »Du, hör mal, Onkel Will, heute ist doch der Ablieferungstermin für das Manuskript, das Marvin Gray uns übergeben will. Möchtest du ihn sprechen, wenn er da ist?«

»Marvin Gray?« William Tremayne nahm das gelangweilt und verdutzt zugleich auf.

»Aber Onkel Will, den kennst du doch«, sagte Beefy. »Er ist der Manager von Madeline Bainbridge. Er hat mit uns den Vertrag für ihr Buch ausgehandelt.«

»Ach ja«, sagte William Tremayne. »Der Chauffeur.«

»Chauffeur war er einmal.« Beefy war sichtlich gereizt, aber er holte tief Luft und sprach beherrscht weiter. »Jetzt ist er jedenfalls Manager bei der Bainbridge, und das Manuskript, das er uns bringen will, könnte ein Knüller sein. Madeline Bainbridge kannte jeden, der in Hollywood Rang und Namen hatte, als sie selber ein Star war. Du wirst schon sehen – wenn wir erst ankündigen, dass wir ihre Memoiren herausbringen!«

»Gibt bestimmt eine echte Sensation«, meinte William Tremayne verächtlich. »Dieses übertriebene Interesse an ehemaligen Filmschönheiten ist mir zwar ein Rätsel, aber es soll mich nicht davon abhalten, daran zu verdienen.«

»Bainbridge ist aber keine Ehemalige«, sagte Beefy.

»Was denn sonst?«, fragte sein Onkel. »Die hat doch seit dreißig Jahren keinen Film mehr gemacht.«

»Sie ist eine Legende«, behauptete Beefy.

»Und wo ist da der Unterschied?«, meinte William Tremayne. Er drehte sich um, ohne die Antwort abzuwarten. Gleich darauf hörten die Jungen ihn auf der Treppe zum Obergeschoss, wo er sein Büro hatte. Beefy stand da und sah nicht gerade beglückt aus, wie oft nach einem Wortwechsel mit seinem Onkel.

»Kennen Sie Madeline Bainbridge persönlich?«, erkundigte sich Justus.

Beefy blinzelte. »Ist sie dir denn ein Begriff?«

»Ich interessiere mich sehr für Film und Theater«, erklärte Justus. »Ich habe von ihr gelesen. Sie war sehr schön und sicherlich war sie auch eine begabte Darstellerin. Freilich lässt sich das heute schwer beurteilen, ihre Filme werden ja im Kino oder im Fernsehen überhaupt nicht mehr gezeigt.«

»Ich bin ihr noch nicht begegnet«, sagte Beefy. »Sie führt das Leben einer Einsiedlerin und empfängt niemals Besuch. Sie lässt alles Nötige von Marvin Gray erledigen. Anscheinend ist er ein sehr tüchtiger Manager, auch wenn er anfänglich nur Chauffeur war. Als sie sich ins Privatleben zurückzog, kaufte Madeline Bainbridge bei den Produzenten die Negative ihrer Filme auf und nun lagern diese in einem Spezialtresor auf ihrem Landsitz bei Malibu. Marvin Gray hat einmal andeutungsweise davon gesprochen, dass sie die Filme vielleicht in nächster Zeit an das Fernsehen verkaufen wird. Wenn sie das wirklich tut, dann könnte ihr Buch zum Bestseller des Jahres werden.«

Beefy grinste bei dieser Vorstellung und verließ das Postbüro. Die Jungen hörten, wie er die Treppe hinaufging und stolperte. Doch gleich danach stieg er unbekümmert und mit munterem Gepfeife weiter ins Obergeschoss hinauf.

»Netter Kerl«, sagte Peter, »aber ein richtiger Tollpatsch.«

Niemand bestritt das. Die Jungen arbeiteten nun seit drei Wochen im Büro der Amigos-Presse, und sie wussten bereits, dass Beefy Tremayne jeden Morgen auf den Treppenstufen stolperte. Er war so breitschultrig und muskulös wie ein Athlet, aber man hatte bei ihm den Eindruck, als sei er aus einzelnen, nicht ganz zueinanderpassenden Teilen zusammengesetzt. Die Beine waren im Vergleich zu dem mächtigen Brustkasten ein klein wenig zu kurz. Die Füße waren eine Idee zu klein und desgleichen die Nase, die er sich irgendwann bei einem Sturz gebrochen hatte, sodass sie nun etwas platt und leicht schief war. Das helle Haar war kurz geschnitten, stand aber dennoch unordentlich vom Kopf ab. Und obwohl seine Kleider immer frisch gewaschen und gebügelt waren, wirkten sie ständig irgendwie zerknautscht. Er war gewiss keine Schönheit, aber dafür richtig sympathisch. Die Jungen mochten ihn sehr gern.

Peter und Bob gingen daran, auf dem langen Tisch, der an einer Wand des Raumes stand, die Post zu säuberlichen Stapeln aufzuschichten. Justus öffnete gerade einen großen Leinensack voller Briefe, als ein grauhaariger Mann mit faltigem Gesicht ins Büro gestürzt kam.

»Guten Morgen, Mr Grear«, sagte Justus.

»Morgen, Just«, erwiderte der Mann. »Morgen, Bob und Peter.« Mr Grear, der Verwaltungsleiter, ging in den kleinen Raum neben der Poststelle und setzte sich dort an seinen Schreibtisch. »Habt ihr heute früh schon Mr William Tremayne gesehen?«, fragte er.

»Vor ein paar Minuten ist er hinaufgegangen«, antwortete Justus.

»Ich muss ihn dringend sprechen«, sagte Mr Grear. Er seufzte. Mr Grear fand William Tremayne nicht unbedingt sympathisch. Tatsächlich war der Chef offenbar bei der gesamten Belegschaft unbeliebt. Man betrachtete William Tremayne als unrechtmäßigen Machthaber. Der Verlag Amigos-Presse war von Beefys Vater gegründet worden und Beefy war der Nachfolger. Durch ein tragisches Schiffsunglück war Beefy mit neunzehn Jahren Waise geworden, aber nach den testamentarischen Verfügungen, die Beefys Vater hinterlassen hatte, wurde William Tremayne Geschäftsführer und würde bis zu Beefys dreißigstem Lebensjahr den Verlag leiten.

»Ich glaube, Beefys Vater wollte Beefy und sein Erbe damit nur vor Schaden bewahren«, hatte Mr Grear eines Tages geäußert. »Der Junge war doch so unbeholfen. Kein Mensch traute ihm Talent fürs Büchermachen zu, aber er hatte es doch. Er hat ein gutes Gespür für Manuskripte und für Marktlücken. Aber trotzdem sind wir hier an William Tremayne gebunden, wenigstens noch bis April nächsten Jahres, wenn Beefy dreißig wird. Es ist schon eine große Schikane. Nur er hat über Ausgaben zu entscheiden, also muss ich jedes Mal, wenn ich für ein Büro etwas brauche – und sei es nur eine Schachtel Bleistifte –, die Bestellung von ihm gegenzeichnen lassen!«

Mr Grear war immer ganz aufgebracht, wenn er mit den Jungen über William Tremayne sprach. Er sah auch jetzt aufgebracht aus, aber er redete nicht mehr weiter. Er saß noch immer in seinem Büro und starrte missmutig in die Akten auf seinem Schreibtisch, als Peter losging, um die Post in die einzelnen Büros im Verlagsgebäude zu verteilen.

Der Exfilmstar vertraut die Regelung aller finanziellen Angelegenheiten dem Exchauffeur an; der Geschäftsmann kontrolliert sogar noch Bestellungen über Bleistifte. Recht unterschiedliche Einstellungen zu dem Leitwort »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«! Doch wir sollten nicht vorschnell urteilen und werten.

Sitz der Amigos-Presse war ein altes, zweigeschossiges Haus aus Lehmziegeln in der früher üblichen Bauweise, das zwischen modernen Geschäftsbauten an der verkehrsreichen Pacifica Avenue in Santa Monica lag. Das Haus stammte aus der Zeit, als Kalifornien noch von mexikanischen Gouverneuren regiert wurde. Die Wände waren dick, wie immer bei dieser Bauart, und trotz der glühenden Sommerhitze war es in den Innenräumen kühl. Schmiedeeisernes Gitterwerk an allen Fenstern im Erdgeschoss verlieh dem Gebäude einen besonderen Reiz.

Peters erste Anlaufstelle war die Buchhaltung, ein Saal gegenüber der Poststelle auf der anderen Seite des Flurs. Ein strenger Mann mittleren Alters stand der Abteilung vor und überwachte die Arbeit zweier mürrischer Damen, die dort mit Fakturiermaschinen und Stapeln von Rechnungen hantierten.

»Guten Morgen, Mr Thomas«, sagte Peter. Er legte dem Mann einen Packen Briefe auf den Schreibtisch.

Thomas machte ein finsteres Gesicht. »Leg die Post in den Kasten auf dem Tisch dort drüben«, wies er Peter an. »Was ist eigentlich mit dir los? Kannst du dir nicht endlich so etwas Einfaches merken?«

»Schon gut, Thomas«, sagte eine Stimme hinter Peter. Es war Mr Grear. Er war auf den Flur herausgetreten und blickte Mr Thomas scharf an. »Peter begreift das schon noch. Und vergessen Sie nicht, dass ich für die Poststelle verantwortlich bin. Wenn die Jungen etwas nicht richtig machen, so sagen Sie mir Bescheid und dann rede ich mit ihnen.«

Peter verließ schleunigst das Zimmer. Als er im Flur an Mr Grear vorbeikam, hörte er den Verwaltungsleiter vor sich hinmurmeln: »Querkopf! Der hält es hier kein Jahr aus. Mir ist sowieso nicht klar, wie sie in der pharmazeutischen Firma mit dem Burschen fünf Jahre lang zurechtgekommen sind.«

Peter sagte nichts dazu. Er hatte noch einige Briefe für die Empfangsdame, deren Arbeitsplatz in dem großen Raum im vorderen Teil des Gebäudes war. Er lieferte die Post ab und dann stieg er ins Obergeschoss hinauf. Dort hatten die Lektoren, Grafiker und Hersteller ihre Büros.

Mr Grear und Mr Thomas sprachen bis in den Nachmittag kein Wort mehr miteinander. Dann fiel die Kopiermaschine aus, die in einer Ecke der Poststelle stand. Das lieferte den Anlass zu einem heftigen Streit zwischen Mr Thomas, der forderte, die Maschine müsse sofort repariert werden, und Mr Grear, der dazu äußerte, der Kundendiensttechniker könne erst am nächsten Morgen kommen.

Die beiden Männer waren noch mitten in ihrem aufgebrachten Wortwechsel, als Justus kurz vor vier hinaufging, um in den oberen Büroräumen die Ausgangspost abzuholen. Mrs Paulson, Beefys Sekretärin, blickte auf und lächelte, als Justus vor ihrem Schreibtisch stehen blieb. Sie war eine mollige Dame mit glattem Gesicht, viele Jahre älter als Beefy, und zuvor hatte sie für Beefys Vater gearbeitet. Sie gab Justus ein paar Briefe. Dann schaute sie an ihm vorbei zu jemandem hin, der gerade die Treppe heraufkam.

»Sie werden schon erwartet«, sagte sie und wies auf die offen stehende Tür zu Beefys Büro.

Justus blickte sich um. Ein magerer, dunkelhaariger Mann in einem hellen Anzug ging an ihm vorbei in Beefys Zimmer.

»Das ist Marvin Gray«, sagte Mrs Paulson leise. »Er bringt das Manuskript von Madeline Bainbridge.« Mrs Paulson seufzte. »Es ist seine Lebensaufgabe, für Madeline Bainbridge da zu sein. Ist das nicht romantisch?«

Ehe Justus sich dazu äußern konnte, kam Beefy mit einem Stapel Blätter in den Händen aus seinem Büro. »Ach, Just, das trifft sich gut«, sagte er. »Nimm das Manuskript hier zum Kopiergerät hinunter und mach mir gleich eine Kopie von jeder Seite. Es ist handgeschrieben und eine Zweitschrift existiert nicht. Mr Gray sorgt sich wegen der Sicherheit.«

»Das Gerät ist ausgefallen«, sagte Justus. »Soll ich das Manuskript zum Kopieren in eine Schnelldruckerei bringen?«

Gray tauchte neben Beefy im Türrahmen auf. »Nein, lass das lieber«, sagte er. »Es ist sicherer, wenn es hierbleibt.«

»Wir geben gut darauf acht«, versprach Beefy.

Gray nickte. »Schön. Und da Sie nun über das Manuskript verfügen, geben Sie mir bitte den Scheck, ich muss weiter.«

»Den Scheck?«, wiederholte Beefy. »Sie meinen den Honorarvorschuss?«

»Ja, natürlich«, sagte Gray. »Laut Vertrag müssen Sie bei Ablieferung des Manuskripts fünfundzwanzigtausend Dollar an Miss Bainbridge bezahlen.«

Beefy war ganz verwirrt. »Mr Gray, normalerweise wird ein Manuskript bei uns erst einmal gelesen. Der Scheck ist auch noch gar nicht ausgeschrieben.«

»Ach«, sagte Marvin Gray. »Nun ja. Also gut. Schicken Sie mir dann den Scheck mit der Post zu.«

Er ging die Treppe hinunter.

»Na, der braucht das Geld aber dringend«, meinte Mrs Paulson.

»Mir scheint, er kann einen Verlagsvertrag nicht richtig lesen«, sagte Beefy. »Die Klausel, dass das Manuskript vom Verleger erst angenommen werden muss, ist ihm entgangen.«

Beefy trat wieder in sein Büro und Justus ging zur Poststelle zurück.

»Möchtet ihr heute ein paar Überstunden einlegen?«, fragte Mr Grear, als Justus hereinkam. »Die Druckerei hat gerade die Prospekte für unsere Werbeaktion zum Singvögel-Buch hergeschickt. In ein paar Stunden könnten wir die Blätter eintüten und dann kann ich sie gleich morgen früh zur Post bringen.«

Die Jungen übernahmen die Sonderschicht gern und sagten am Telefon zu Hause in Rocky Beach Bescheid, dass sie später heimkommen würden. Sie waren fleißig beim Falten und Kuvertieren von Werbeprospekten, während die anderen Mitarbeiter einzeln oder in Grüppchen nach Hause gingen. Um viertel vor sechs ging Mr Grear weg, um die letzte Ausgangspost des Tages zum Hauptpostamt zu bringen. »Auf dem Rückweg bringe ich euch aus dem Laden an der Ecke ein Grillhähnchen mit«, versprach er.

Als er gegangen war, machten die Jungen emsig weiter. Ein jäher Windstoß wehte zum offenen Fenster herein. Bei der Tür verfing er sich und warf sie ins Schloss. Die Jungen zuckten bei dem Krach zusammen, ließen sich aber nicht weiter stören.

Es war viertel nach sechs, als Bob in seiner Arbeit innehielt und schnupperte. »Riecht’s hier nach Rauch?« fragte er.

Peter drehte sich zu der geschlossenen Tür um. In der Stille hörten die Jungen das Brausen des Verkehrs auf der Pacifica Avenue. Und dann hörten sie noch etwas anderes – ein leises, von knisternden Lauten durchsetztes Rauschen, das durch die dicken Lehmziegelwände gedämpft zu ihnen drang.

Justus runzelte die Stirn. Er ging zur Tür und legte die Hand an das Holz. Es war ganz warm. Er griff nach dem Knauf, der sich noch wärmer anfühlte, und zog sehr vorsichtig die Tür auf.

Schlagartig wurde das Rauschen ohrenbetäubend laut. Eine dicke Rauchwolke quoll in den Raum und hüllte die Jungen sofort ein.

»Um Himmels willen!«, schrie Peter.

Justus warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür und schlug sie zu. Er wandte sich zu den anderen um. »Draußen auf dem Flur –«, sagte er. »Da steht alles in Flammen!«

Der Rauch kroch nun durch die Türritzen herein und trübte die Luft, während er zum offenen Fenster hinzog, von dem man auf einen schmalen Durchgang zwischen dem Verlagsgebäude und dem Nebenhaus blickte. Justus lehnte sich gegen das Eisengitter vor dem Fenster und drückte. »Hilfe!«, rief er laut. »Hilfe! Feuer!«

Es kam keine Antwort und die Stäbe gaben nicht nach.

Bob griff sich einen Bürostuhl mit Metallgestell und schob ihn zwischen die Gitterstäbe. Er und Peter versuchten das Gitter aus der Hauswand zu brechen. Doch nur der Stuhl in ihren Händen verbog sich dabei und ein Bein brach ab.

»Es klappt nicht«, rief Justus aus Mr Grears Büro herüber. »Das Telefon ist tot. Und hier in der Nähe ist keiner, der uns hören könnte.«

Er lief zurück zur Tür, die auf den Flur führte. »Wir müssen hier raus und das geht nur auf diesem Weg.«

Er ging in die Hocke und zog die Tür behutsam einen Spalt auf. Wieder drang ein Rauchschwall durch den Spalt herein. Bob hustete und Peter begannen die Augen zu tränen. Die beiden Jungen knieten hinter Justus nieder und spähten in den Flur hinaus. Sie sahen nur noch Rauch, der wie eine Mauer dastand. Darin zischte die rote Glut der Flammen, die an den Wänden hochzüngelten und an dem alten Stiegenhaus nagten.

Justus wandte kurz das Gesicht vom Feuer ab. Er holte tief Luft und es hörte sich fast wie ein Schluchzen an. Dann wagte er sich mit angehaltenem Atem vor. Aber ehe er über die Schwelle kam, drängte ein Schwall heißer Luft wie eine Riesenhand gegen ihn an. Er zuckte zusammen, fuhr zurück und schlug die Tür zu.

»Das schaffen wir nicht«, flüsterte er. »In dem Feuer kommt keiner durch! Es gibt keinen Ausweg! Wir sind gefangen!«

In letzter Minute

Einen Augenblick lang sprach keiner der drei ein Wort. Dann gab Peter einen halb erstickten Laut von sich. »Jemand muss doch den Rauch sehen und die Feuerwehr rufen«, keuchte er. »Das ist doch klar!«

Justus blickte sich in heftiger Erregung um. Endlich sah er etwas, das die Rettung sein konnte. Unter dem langen Tisch, an dem die Jungen die Ein- und Ausgangspost bearbeiteten, befand sich eine Bodenluke.

Justus zeigte hin. »Da! Darunter muss ein Keller sein. Und dort unten ist die Luft sicher besser.«

Die Jungen liefen hin und zogen den Tisch von der Wand weg. Peter hob die Luke hoch, und sie schauten in einen Kellerraum mit gemauerten Wänden hinunter. Der Fußboden aus fest gestampfter Erde lag fast drei Meter unter ihnen, und feuchte, modrige Luft schlug ihnen entgegen. Die Freunde zögerten nicht. Peter rutschte in die Lukenöffnung hinab, hängte sich an die Fußbodenkante und ließ sich vollends fallen. Die anderen taten es ihm nach. Als sie unten im Keller sicher gelandet waren, stellte sich Bob auf Peters Schultern und zog die Luke wieder zu.

Dann standen die Jungen im Finstern und horchten angestrengt. Das Feuer hörten sie nach wie vor. Sie waren in Sicherheit, aber wie lange noch? Vor seinem inneren Auge stellte sich Justus vor, wie die Flammen auf das Obergeschoss übergreifen und durch das Dach schlagen würden. Wenn dann der Dachstuhl einstürzte? Würde der Fußboden über ihnen standhalten, wenn erst brennende Dachbalken darauf herunterkrachten? Und wenn er hielt, würde sich jemand durch das Feuer kämpfen, um sie in ihrem Kellerversteck zu finden?

»Da!« Peter packte Justus am Arm. »Hörst du das?«

In der Ferne heulten Sirenen.

»Ist auch höchste Zeit!«, meinte Bob.

»Los doch, Wasser marsch!« rief Peter flehentlich. »Wir können nicht noch den ganzen Abend hier durchhalten!«

Der Sirenenlaut näherte sich rasch. Es kamen weitere Sirenen hinzu und es wurden immer noch mehr. Und dann verstummten die durchdringenden, monotonen Heultöne der Reihe nach.

»Hilfe!«, schrie Peter. »Hilfe! Wo bleibt ihr?«

Die drei warteten. Nach einer Zeit, die ihnen endlos vorkam, hörten sie ein zerrendes, schleifendes Geräusch und darauf ein Krachen über ihren Köpfen.