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Die entfesselte Sanduhr Zwischen einst und dereinst Dr. Mangold, der Protagonist dieses Buches, ist seiner Ausbildung nach Seelenforscher und ehemaliger Journalist. Er gedeiht über Berufsgrenzen hinaus, als ihm eine Patientin mit kriminell getönter Vergangenheit zur Behandlung zugewiesen wird. Seine philosophischen und religiösen Neigungen führen ihm die in der Fallgeschichte und in Kindheitserinnerungen wirksamen Bedingungen des Menschseins (der conditio humana) vor Augen. In Romanform angelegt, überschreiten die zumeist autobiographischen Recherchen den Rahmen einer historischen Dokumentation, sie bleiben jedoch dem erkennbaren Sinn tatsächlicher Begebenheiten und Erfahrungen verpflichtet. In solch stützendes Gewebe ist nahtlos die Farbigkeit von Erfundenem „zwischen einst und dereinst“ eingefügt. „Die entfesselte Sanduhr“ verbildlicht damit in unserer zerrissenen Zeit die Sehnsucht nach einem tragfähigen Grund und der Lichtung existenzieller Fragen. Der Autor erweitert mit seiner Suche nach dem Sagbaren unser Gegenwartsbewusstsein und lässt neue Einsichten heranreifen. Nachdenklich, selbstkritisch, nach innen wie aussen hellhörig aufmerksam, entstammt er einem der „weissen“ Jahrgänge, die durch Vorkriegs-, Ostfront- und Nachkriegsjahre gegangen sind. Als einer der Davongekommenen bricht er das Schweigen, um jüngeren Generationen zu zeigen, wo „das Rettende wächst“.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Die entfesselte Sanduhr
Zwischen einst und dereinst
Dr. Mangold, der Protagonist dieses Buches, ist seiner Ausbildung nach Seelenforscher und ehemaliger Journalist. Er gedeiht über Berufsgrenzen hinaus, als ihm eine Patientin mit kriminell getönter Vergangenheit zur Behandlung zugewiesen wird. Seine philosophischen und religiösen Neigungen führen ihm die in der Fallgeschichte und in Kindheitserinnerungen wirksamen Bedingungen des Menschseins (der conditio humana) vor Augen.
In Romanform angelegt, überschreiten die zumeist autobiographischen Recherchen den Rahmen einer historischen Dokumentation, sie bleiben jedoch dem erkennbaren Sinn tatsächlicher Begebenheiten und Erfahrungen verpflichtet. In solch stützendes Gewebe ist nahtlos die Farbigkeit von Erfundenem „zwischen einst und dereinst“ eingefügt. „Die entfesselte Sanduhr“ verbildlicht damit in unserer zerrissenen Zeit die Sehnsucht nach einem tragfähigen Grund und der Lichtung existenzieller Fragen.
Der Autor erweitert mit seiner Suche nach dem Sagbaren unser Gegenwartsbewusstsein und lässt neue Einsichten heranreifen. Nachdenklich, selbstkritisch, nach innen wie aussen hellhörig aufmerksam, entstammt er einem der „weissen“ Jahrgänge, die durch Vorkriegs-, Ostfront- und Nachkriegsjahre gegangen sind. Als einer der Davongekommenen bricht er das Schweigen, um jüngeren Generationen zu zeigen, wo „das Rettende wächst“.
ISBN 978-3-033-4232-2
Georg E. Martin
Die entfesselte Sanduhr
Zwischen einst und dereinst
Georg E. Martin
Veröffentlicht als Taschenbuch 2014
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2014 Georg E. Martin
Druckerei
Straub Druck und Medien AG
Postfach 521
78707 Schramberg
ISBN 978-3-033-4232-2
Einordnung
Mangold hiess er nicht wirklich, aber bleiben wir dabei, sie nannten ihn ja so. Seine wahren Personalien tun nichts zur Sache, überdies passte das Gemüse besser zu ihm als sein eigener Name: er war Vegetarier bereits zu Zeiten, in denen er noch schief angeschaut wurde, wenn er im Lokal etwas „ohne“ zu bestellen wünschte – und solche Zeiten beliefen sich auf Jahrzehnte. So lang lag das für ihn zurück, dass er als „eingefleischter“ Fleischloser gelten durfte, zumindest bei Menschen, denen Kontraste behagen.
Er selber, mit seiner ovo-lacto-vegetabilen Marotte, wäre weder einverstanden, sich aufs Geleise eines Sonderlings abschieben zu lassen, noch damit, von der Aufgabe des „Einfleischens“ ausgeschlossen zu werden. Solche Inkarnation hielt er nämlich für jedermanns, auch jeder Frau eigentlichen Daseinsgrund. Freilich, dies auszusprechen traute er sich kaum, weniger aus Schüchternheit, obwohl er sich oft schüchtern oder linkisch vorkam, als aus erlernter, von Kindesbeinen an geübter Schweigsamkeit, wo denkerischer Eigenbau gefragt war. Er hörte lieber zu und behielt seine Meinung für sich, falls er überhaupt eine hatte. Genau dies prädestinierte ihn zum Psychotherapeuten, der er denn auch tatsächlich geworden war.
Um seine Lebensgeschichte geht es hier nicht, wiewohl Geschichten aus seinem Erleben zu erzählen sein werden. Alt genug fühlte er sich jetzt immerhin, zu tun, was er heimlich längst schon hatte machen wollen. Er konnte es sich bisher nur nicht leisten. Woraus das im Alltag bestehen sollte, dieses Eigentliche und Gesuchte, meinte er nun endlich herauszufinden, nur war damit noch nichts verwirklicht. Schwierig genug erschien es, denn er plante keineswegs, aus dem Beruf auszusteigen, nicht einmal, den für die Praxis nötigen Zeitaufwand einzuschränken. Auch eheliche und familiäre Beziehungen durfte er nicht gefährden. Also konnte die neue Ausrichtung nur heissen: Ich will, was immer ich tue, überlegter, bewusster und konzentrierter tun als bisher!
Leichter gesagt als getan. Er brauchte bloss an die Baker zu denken. Wie brachte sie es fertig, seinen strikten Vorsatz zu entkräften, ausserhalb von Sitzungsterminen keine Krankengeschichten zu wälzen? Nun war er doch wieder auf sie gestossen. Was wusste er denn schon von ihr?
Halt, unterbrach er sein Abtasten. Ich bin mir selber gegenüber kaum besser dran. Der Wust persönlicher Erinnerungen schwimmt ungeordnet in mir herum, in irgendwelchen Gehirnwindungen vielleicht, die jede momentane Seelen-, Gefühls- und Stimmungsregung aufnehmen, um von sich aus sofort Synapsen einzuschalten, Rezeptoren zu aktivieren und alles Weitere gleich dem ersten Impuls meiner Kontrolle zu entziehen. Anders gesagt: ich bin mir selber im Grunde fremd, weiss von mir nichts und bilde mir ein, ich erspüre die Entelechie hilfeheischender Mitmenschen, ja könne ihnen, den mir erst recht Fremden, in ihrem Dunkel Aufhellung verschaffen. Was masse ich mir an.
Wohlweislich verwahrte er seine eigenen Erinnerungen in einem für Aussenstehende, wie er glaubte, hermetisch verschlossenen Schrein unter dem Siegel „Privat". Dieser Tresor stand niemand offen, nicht einmal ganzzeitig seiner Frau. Zuweilen, das musste er einräumen, kramte er selbst in Taschen und Winkeln vergeblich nach dem Schlüssel. Doch er allein besass und verwahrte ihn.
Er folgte damit dem bequemen, naturwissenschaftlich gerechtfertigten Hang zur Trennung zwischen Offiziell und Privat, Objektiv und Subjektiv, zwischen Aussen und Innen. Eine Kluft, die durch nichts zu überbrücken war. Sie schützte vor falschen Schlüssen und trügerischen Querverbindungen.
So unterblieb auch jede Einsicht in wahre Gründe, erkannte er. Nur wer ein ungeteiltes Ganzes ins Auge fasst, zwingt beide Seiten ins Blickfeld. Ursachen und Wirkungen sind siamesische Zwillinge, kennen aber weder beziehungslos Gleichzeitiges, schlichte Aufeinanderfolgen, noch Beweggründe, Strebungen, Abläufe, Stimmungen, Verhaltensmöglichkeiten unabhängig von Kausalketten – menschliche Phänomene immerhin, auf die es für ihn letztlich ankam.
Wie er sich zugeben musste, hing er an seinem Beruf, der ihm noch keinen Tag verleidet war. Das mochte ihn von manchen seiner Kollegen unterscheiden, vor allem in jüngeren Jahrgängen. Ihm war es nie in erster Linie ums Geld gegangen. Seit er seine Wahl getroffen hatte, kam es ihm eigentlich nur auf die Freude an, die ihn erfüllte - und so schwebte es ihm vom ersten Entschluss an vor – die Freude, wenn er jemand, der sich ihm Hilfe erhoffend anvertraut hatte, freier ausblicken, Mut fassen und Entfaltung anstreben sah.
Sein schönstes Erfolgserlebnis – wäre er danach gefragt worden, hätte er jenen Augenblick genannt, der ihm zuteil wurde, als es ihm in einer nur einstündigen Paarberatung gelungen war, den zerstörerischen Konflikt zwischen zwei jungen Leuten so zu beenden, dass beide ihn nicht anders verlassen wollten als fest davon überzeugt, sich künftig wieder verstehen und vertragen zu können – denn sie liebten einander offensichtlich, vom Wesen her eingestimmt und zuverlässig ungetrübt.
Der Mann riss sich zum Schluss der Gespräche plötzlich von seiner Frau los, die neben ihm sass und ihn anstrahlte, sprang auf, griff in die Hosentasche, tat die zwei trennenden Schritte auf Mangold, ihren Vermittler, zu und drückte dem Verblüfften – ein Fünfmarkstück in die Hand: „Haben Sie vielen Dank, Herr Doktor, das müssen Sie nehmen! Sie haben uns sehr geholfen."
Mangold war damals noch in der Klinik angestellt, fühlte sich aber derart überrumpelt, dass er das Geldstück behalten musste, um den Geber nicht zu beleidigen. Dabei täuschte er sich keinen Moment darüber hinweg: geleistet hatte er nichts weiter als... Kairos, den Gott des rechten Augenblicks, der auf ihn zulief, geschwind bei seinem Stirnschopf zu packen (der Hinterkopf war kahl), kurzum, er hatte bei diesem Paar einfach Glück gehabt.
Aufs Glück verlassen durfte er sich sonst freilich nicht. Er zog heran, was er gelernt, geübt und erfahren hatte. Was keinen Erfolg verbürgte, schon gar keinen raschen. Um sein jüngstes Beispiel dafür zu veranschaulichen, geriet Mangold ins Selbstgespräch:
Auf einen Ruck im Fortgang der Behandlung warte ich bei der Baker vergeblich. Sie spricht sich „Beiker" aus, nicht Bäcker oder Backer, wie es hierzulande geläufiger wäre. Aber ihr Mann ist ja Engländer, ihr jetziger. Der dritte offenbar. Wieso darf sie mein Gesetz brechen, mich ausserhalb von Sitzungen nie auf Krankengeschichten einzulassen. Und wieso weiss ich noch gar nicht, ob ich für sie, diese Prisca Baker, nun eher aufdeckend oder zudeckend verfahren soll, das eine schonungslos, das andere verhüllend?
Der Anfang war harmlos. Ein Bächlein, dem Quellgrund entsprungen, wer traut ihm sein Wachsen zum reissenden Strom zu? Die unverfängliche Einleitung, Frau Baker sass neben mir, meinem Vorschlag entsprechend nicht mir gegenüber, die Couch passte nicht, direktes Vis-à-vis ist kein geeignetes Setting, es vergrössert den Abstand, kann einschüchtern, verstummen lassen, ängstlich oder aggressiv machen. Eine kleine, energische Person, deren Haltung mir „wenig Ahnung vom Leben", ihrem Leben, unterschob.
Sie brauchte ihn zunächst lediglich als Zuhörer. Damit hatte er keine Mühe, er hatte gelernt, von sich abzusehen. So hütete er sich, sie zu unterbrechen, streute jedoch kleine Zeichen gespannter Aufmerksamkeit in Mimik und Gestik ein, nur nichts übertreiben. Konzentriert beobachtete er die Gestalt zu seiner Rechten. Seine ganze Körpersprache vermied bewusst, was die Klientin als Zeichen von Ungeduld hätte deuten können. Frau Baker wandte sich ihm zu, ihr Blick sondierte, wie weit sie ihre Schleusen gefahrlos öffnen durfte.
Er wusste Bescheid und verhielt sich ruhig abwartend, lauschend. Belohnt würde er vielleicht dafür im weiteren Verlauf. Vorderhand rückte sie nichts heraus. Es schien ihr schwer zufallen, dem Fremden neben ihr oder sich selber zu begründen, warum sie da sass.
Lehrjahre hatte es ihn gekostet, abzuschalten. Keineswegs wollte er damit verhindern, dass in sein Unterbewusstsein hinabsank, was während des therapeutischen Gesprächs oder – wichtiger noch – im Zuhören auf ihn eindrang. Von dorther tauchte es mühelos auf, sobald er es in der nächsten Sitzung wieder benötigte, eben erst, wenn der Klient, die Patientin, erneut neben ihm sass oder auf der Couch lag. Wieso das schliesslich funktionierte, bekümmerte ihn nicht. Alles durfte, ja sollte „da unten“ ungestört arbeiten, nach Verknüpfungen, Erklärungen, Aufschlüssen suchen, ihn aber „oben“ bis auf Abruf ungeschoren lassen.
Was einstweilen in sein Unterbewusstes versenkt war, machte ihn für sein Tagesbewusstsein frei. Er konnte derweil werkeln, losgelöst vom „versenkten“ Fall, an dem „es“ dann ohne sein Zutun in aller Stille mitunter staunenswerte Einsichten vorbereiten mochte.
Solche Einsichten, manchmal auch Fragen, konnten ganz unvermutet auftauchen und Wendungen herbeiführen, wenn er die Person wieder leibhaft vor sich sah. Diese wusste bisweilen spontan von einem Aha-Erlebnis zu berichten, und er empfand befriedigt eine Art Beglückung, die ihm bestätigte, dass sein Einsatz einen geheimen Sinn erfüllte. Die Adressatin oder der Adressat nämlich atmete auf, als wäre ihr oder ihm ein Durchschlupf gelungen, wo die Mauer vorher keine Tür aufzuweisen schien. Irgendwie war ein Lichtschimmer ins Dunkel der oder des Betroffenen gedrungen.
Alles andere verlangte Geduld von beiden Seiten. Teils weil er sich über sein Unvermögen ärgerte, teils wegen der stockenden Story kreisten seine Gedanken immer wieder um die Baker. Dabei war sie ihm genau genommen gar nicht sympathisch – was er austreiben musste, wenn er sie dasitzen sah, sorgfältig frisiert, unauffällig gekleidet, mit leicht geröteten Augen – sie rückte nicht recht heraus mit ihrer Geschichte.
Er unterbrach sie nicht in ihrem Redeschwall. Denn alles während seines Lauschens Aufgenommene liess er wie gewohnt ins Unterbewusste abdriften.
Von dorther holt er es jeweils wieder herauf, wenn er einleitend seine Sanduhr vom Schreibtisch aufnimmt, sie stumm, wie absichtslos, umdreht und bei nun rieselndem Sandfaden auf ihren Platz zurückstellt. Dieses Ritual bildet den Startschuss der Sitzung.
Er hatte das seltene Stück mit zwanzig Minuten Laufzeit in einem Antiquariat aufgestöbert. Nur einmal während der Stunde dreht er die abgelaufene Sanduhr vor den Augen des Klienten wortlos um für die zweiten zwanzig Minuten. Ist ihr oberer Trichter erneut leergelaufen, mahnt die Sanduhr ans baldige Ende der Sitzung, ohne das Gespräch zu unterbrechen; stillschweigend deutet sie den Zeitrahmen samt Dehnungstoleranz an.
Spielte die Sanduhr für seine Therapiestunden fast die Rolle eines Metronoms, suggerierte sie zugleich leise auch Geduld wie ihre minimierte Zwergenfigur, die ihn am PC-Bildschirm ständig ärgern wollte. „Was haben Esel mit Engeln gemein? Sie lehren uns beide, geduldig zu sein.“ Den Zweizeiler hatte er im Warten einst selber erfunden.
Jeder Anfang braucht Zeit, in Minuten messbar. Damals vor dem Krieg zog sich das Warten doch über ein Jahr hin, da waren es viele Monate im Wartezustand. Eine Minute, ein Jahr, was macht den Unterschied, wenn man auf langes Warten eingestellt ist? Wohl gibt es einen, doch den misst kein Chronometer. Das Zeitgefühl schrumpft. Massgebend wirkt dann nur die eigene Stimmung. Diejenige von 1938 erlaubte keinen Vergleich mit dem heutigen Ambiente.
Wäre er damals doch der dringenden Aufforderung seiner Freunde in England gefolgt, dort ganz und endgültig bei ihnen zu bleiben! Die Kriegsgefahr drohte unmittelbar. Nicht umsonst hatte Hitler Chamberlain aus England und Daladier aus Frankreich zu sich beordert. „Edi“, so rief man Edgar Mangold seinerzeit, er zählte ja noch keine fünfzehn, durfte im Schüleraustausch allein nach London reisen.
Seine englischen Freunde sahen klarer, was kommen würde. Sie beschworen ihn, nach zwei Monaten drüben keinesfalls mehr heimzureisen; er sollte sich in ihre Familie einfach als vierten Sohn einreihen – sie würden dauerhaft für ihn sorgen, samt Schulbesuch, sogar Studium in England wäre gesichert! „Auntie Joan“, die Mutter ihrer drei Buben – Peter, Henry und Adam –, alle zwischen zwölf und siebzehn, sie selber praktizierende Ärztin, und ihr Mann, Edis „Uncle Michael“, gutsituierter Wörterbuch-Autor, standen schlechthin für alles grade.
Sie bestürmten ihn, bei ihnen zu bleiben, forderten schriftlich und telegrafisch seine Eltern in der süddeutschen Kleinstadt dringend auf, ihrem Londoner Angebot zuzustimmen um Edgars Zukunft und Sicherheit willen. Es sollte unbefristet gelten, aber war eilig. Denn niemand zweifelte (1938!): Der Krieg stand bevor.
Heute erkennt er in diesem Vorkriegs-Wartejahr die erste grosse Weichenstellung seines Lebens. Wie man als Pubertierender eine weit geöffnete Tür in frisch erobertes Neuland unbedacht zuknallen kann, schlug er das Angebot aus, ohne die Tragweite zu ahnen. Er lehnte jede Verlängerung seines Englandaufenthalts ab, seinen Eltern und der Schwester zuliebe. Sie stellten ihm die Entscheidung scheinbar zwar frei, legten ihm aber die Rückkehr so nahe und ans Herz, dass ein vorher unbekanntes Gefühl – erwachtes Heimweh? – ihn besiegte.
Die Liebe zu England musste es gewesen sein, die ihn verführt hatte, seine Gedanken ins Vergangene abschweifen zu lassen, lediglich weil diese Frau Baker mit einem britischen Untertan verheiratet war. Sie trug seinen englischen Namen. Das war schon genug gewesen, seine Erinnerung an die leuchtenden Ferienwochen in England anzukurbeln.
„Bunt“ war kein Ausdruck für die Mischung dessen, was Mangold seine Klientel nannte. Patienten und Patientinnen befanden sich wohl darunter, aber viele verdienten den Namen nicht, obgleich sie sich als solche fühlten und er sie deshalb offiziell auch so bezeichnete. Sie mussten krank sein dürfen, ja hätten sonst nicht leben mögen.
Andere freilich suchten ihn eher hehlingen (= heimlich), quasi anonym, auf, selbst wenn sie Krankenkassen in Anspruch nahmen. In schwierigen, scheinbar ausweglosen Situationen benötigten sie neutrale, verschwiegene, nichtsdestoweniger spürbare Hilfe. Nur ohne Eigeninteresse musste der Helfer sein, abgesehen vom Eigennutz eines angemessenen Stundenlohns, der Honorar hiess, weil die Stunde keine sechzig, sondern fünfundvierzig Minuten dauert.
Klienten der Kategorie „Streng vertraulich“ verzweifelten oft am Sinn ihres Daseins, Tuns und Treibens, oder erlebten sich in einer jeder Sinngebung widerstrebenden, verzwickten Lage, in die sie „irgendwie“ hineingeraten waren, vorwiegend unschuldig, wo nicht ausschliesslich durch erwiesene oder vermeintliche Schuld, Bosheit, Neid oder Rachsucht ihrer Nebenmenschen.
Seine Gedächtnisregale sah er gefüllt mit Ordnern, deren Rücken Namen trugen, meist nur Anfangsbuchstaben. Manche Mappen, sprich Dateien in den Ordnern angelte er ungern heraus, um sie zu öffnen: Da fehlte es an einem halbwegs befriedigenden Ende; er musste zugeben, er hatte das Behandlungs- und Gesprächsziel nicht erreicht.
Zum Eigenlob fand er bei strenger Durchsicht wohl zu selten Anlass. Mit seinem heutigen Wissen ausgestattet, wären seinetwegen einige der gestapelten Krankengeschichten sicherer und rascher abzuschliessen gewesen. Ein paar hielt er jetzt für überhaupt falsch aufgezogen, weil er einst geglaubt hatte, die frei erfundene Begriffswelt, den psychischen Apparat des Urvaters Sigmund Freud jedem Klienten einpflanzen zu müssen. Immerhin war in keinem Fall auf die Weise Schaden entstanden – die Kunden hatten nach eigenem Urteil durchaus profitiert.
Er indes verliess mithilfe anderer geistiger Grössen Schritt für Schritt die Freud’schen Theorien. Von dessen bewährten Grundregeln fürs psychotherapeutische Verfahren wich er trotzdem nie ab.
Die Willkür, mit der er seine Klientel in scheinbar und wirklich Kranke einteilte, kam ihm zu Bewusstsein.
Grenzen zwischen objektiv und eingebildet sind fliessend. Für Behandlungserfolge ist auch weniger wichtig, welcher Schule oder Richtung der Psychotherapeut angehört, ja die Art der Erkrankung, die psychiatrische Diagnostik, spielt keine Hauptrolle. Ob ein Kranker auf die Behandlung anspricht, hängt, wie er meint, in erster Linie von der „Chemie“ zwischen Arzt und Psychopatient ab.
Darüber wollte er mit anderen Kräften vom Fach, Kolleginnen, Kollegen, nie streiten. Mit diesen anderen ihm gleichgestellten Freiberuflichen, „Niedergelassenen", lohnten sich Diskussionen kaum. Er mied sie deshalb tunlichst. Sie waren zumeist eifersüchtig auf Patientenjagd, missgönnten einander ihr Aus- und Einkommen oder setzten bei jeder und jedem voraus, gleichermassen versklavt (heute „gedopt“) zu sein durch die Droge Erfolg. Das isolierte ihn.
Dass ihn die anderen deshalb misstrauisch beäugten, als Sonderling einstuften und möglichst umgingen, störte ihn nicht: Es war ihm gleichgültig geworden. In seinen Augen hielt er sich zwar für etwas Besonderes, jedoch eben nicht für einen Einzelgänger oder Eremiten – höchstens im Sinn von Goethe, dessen Spruch ihm Rätsel aufgegeben hatte: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere? Millionen Fälle.“
Den Nur-Psychologen ohne ärztlich-psychiatrische Ausbildung gegenüber behielt er allerdings eine Skepsis bei, die man ihm ankreiden konnte. Zu Beginn seiner Praxisarbeit war ihm ein Vertreter dieser Innung begegnet, der ihn bitter enttäuschte. Prompt verdächtigte er dessen ganzen Berufsstand der Verlogenheit und Unwissenschaftlichkeit.
Bei neutraler Prüfung hätte sich herausgestellt, dass er auf ein schwarzes Schaf hereingefallen war. Später revidierte er sein Urteil nicht, weil er jede Kontrolle unterliess, die ihm sein Unrecht gezeigt hätte. Ähnlich ging es ihm mit den Soziologen; da blieb es weniger folgenschwer: Sie unterliefen ihm in der Praxis seltener.
Mit seinen eigenen Worten über sich: Ich überschätze mich nicht, dazu bin ich zu selbstkritisch. Ich will mich aber auch nicht unterbewerten. Befinde mich also im Gleichgewicht, bin mit mir kompatibel.
Wie auch wir zwei miteinander kompatibel geworden sind, Kathrin (seine Frau) und ich. Summa, ich bin kein schlechter Mensch. Das ist mehr als ein guter Mensch. Und die Essenz meiner Erfahrung in Neigungsangelegenheiten? Sich gegenseitig ertragen und vertrauen ist eigentlich das Beste, was Liebe leistet.
Allezeit bin und war ich Freund von Vergleichen und Ausgleich, empfand mich – was vom Erbgut herrührte – als geborener „Waagscheisser“. Übrigens eins der wenigen Wörter aus dem Analbereich, die in meiner Gegend schon damals hoffähig und eingebürgert waren.
Kein Kinderspielplatz blieb für mich interessant ohne die Wippschaukel. Am liebsten postierte ich mich über dem für mich zunächst fast in Kopfhöhe befindlichen Drehpunkt. War ich hinaufgeklettert, stand ich dort aufrecht mit je einem Fuss auf einem der gleich langen, schräg himmelwärts ragenden oder bodenwärts gerichteten Waagbalken links und rechts.
Verlagerte ich mein Gewicht auf mein höherstehendes Bein, das beim Wippen den Umschwung bestimmte, beförderte ich den am einen Balkenende zum Höchstpunkt Gelangten jäh bis zum dumpfen Aufprall am Boden hinab, den auf der anderen Seite von unten Heraufkommenden hob ich gleichzeitig zum Gipfel empor.
Er meisterte dieses Spiel. Es verlieh ihm ein Gefühl von Überlegenheit – ihn, den Kleinen, machte es zur Mitte des Ganzen. Darum war es ihm gerade zugeflogen.
Endlich können wir beginnen, nicht nur auf Mangold hinzublicken, hinzuhören oder ihm zuzuhören, sondern mit ihm einmal Tonbänder – auszugsweise – abzuhören, die er im Einverständnis mit seinen Klienten regelmässig aufnimmt, das meiste davon unnütz, nach Behandlungsschluss sowieso zu löschen.
Bei Bedarf führt er sich zweifelhafte Passagen nochmals zu Gehör, um Interpretationsfehler und Erinnerungslücken auszuschliessen. Das gebietet ihm seine Gewissenhaftigkeit, wenn er weitere Sitzungen vorbereitet oder fürchtet, er könnte sich Falsches gemerkt haben.
Die ersten Prisca-Baker-Bänder durfte er unterschlagen. Sie boten nichts Besonderes, zu seinem Leidwesen. Patientinnen und Patienten mit einer glücklichen Kindheit waren in seiner Praxis in den letzten Jahren immer mehr zu Ausnahmen geworden. Die meisten berichteten über frühe Zerwürfnisse mit Eltern, Geschwistern, Verwandten, Betreuern und Lehrern; sie konnten nicht verwinden, dass ein Elternteil ausgeschieden und die Partnerschaft (von „Ehe“ zu schweigen) in die Brüche gegangen war, stets zu Lasten der Familie, also der Kinder oder des Kindes. Davon allerdings hatte die Baker nichts verlauten lassen. Ihr Wortschatz schien die Begriffe Vater und Mutter gar nicht vorrätig zu halten – waren beide durch ihr erstes bewusstes Erleben ausgemerzt?
Ihr grösster Kummer rührte her von der „Lieblosigkeit“, die sie erfuhr und über die sie heute noch mit unverhohlener Empörung klagt.
Was sie wörtlich äusserte: Sie sei „als Kind immer geschlagen worden“. Deshalb sei sie „daheim immer davongelaufen“, schon als Fünfjährige habe sie „ausreissen müssen“, weil ihr dort nichts als „Züchtigung“ begegnet sei.
Und das habe sich bei ihr, Himmel nochmal, das ganze Leben fortgesetzt, in ihrer ersten Ehe auch. Dagegen habe sie „irgendwie revoluzzen“ müssen. Sie wollte sich einfach gar nichts mehr gefallen lassen. Und Angst machen lasse sie sich einfach nicht mehr.
Von ihrem (jetzigen) Mann, dem dritten, erzählte sie, er sei ein typischer Krebs, zwei Schritte vor, drei Schritte zurück, so staue er alles in sich hinein, explodiere dann aber im dümmsten Moment. Sie müsse sich dann auch „erhitzen“, nachdem sie ihm erlaubt habe, seinen Kropf zu leeren, und sie verbiete ihm, Türen zuzuknallen und zu schreien. Sie schloss daraus, dass sie „keine einfache Frau“ ist; andere Männer auf der Welt, intelligenter als ihrer, könnten sie vielleicht besser „führen“.
Wohl habe sie Mühe, sich selber zu führen.
„Wenn Sie als Kleinkind laufend Schläge kriegen bis Sie blau sind und nicht mehr sitzen können vor Schmerzen, laufen Sie mit acht Jahren einfach einmal fort, und mit zwölf gehen Sie zum Lehrer und sagen: Wenn ich jetzt noch einmal heim muss, nehme ich mir das Leben.“ Solche Sätze waren bei ihm haften geblieben.
Danach kam sie in ein Heim – nach einem furchtbaren Drama, das ihre Mutter verschuldete. Siehe da, es gab doch eine. Aber diese Person musste dafür sorgen, dass Priscas erste Liebschaft mit dreizehn brutal endete. Der 24-jährige italienische Gastarbeiter wurde auf Betreiben der Mutter ausgewiesen. „Und mich haben sie in ein Mädchenheim gesteckt, weil ich daheim keine Liebe gehabt habe“, sagte sie. Sie habe nicht nach dreizehn ausgesehen.
Solche Früh-Engramme mussten alles Weitere überschatten. Er konnte nicht umhin, an seine eigene Vorgeschichte zurückzudenken, die keinerlei Parallelen aufwies.
Sein Elternhaus war gastfrei: selten frei von Gästen, immer frei für Gäste, darum auch frei von Ernährungsvorbehalten. Wenn niemand im Gästezimmer logierte, hatten die Kinder – Edgar und seine Schwester Linda – mehr Luft, sie mussten dann weniger aufpassen, ja niemanden zu stören; keinem fiel ein, wie das die Kinder störte.
Selbst wenn ausser der Familie und der Else keiner im Haus war, bekam das Haus oft Besuch. Es mochte ein Scherenschleifer sein, dem man ungestraft bei der Arbeit zuschauen durfte. Seinen runden Schleifstein, auf einen dreirädrigen Holzbock montiert, setzte der Mann über ein Fussbrett in Umdrehung, das er genau wie Else das Pedal unter der Nähmaschine mit einem Bein auf und ab bewegte. Oben sprühten die Funken, sobald er eine Messerschneide gegen das in Trab gebrachte Steinrad presste. Die Kinder durften ihm stumpfe Messer und Scheren bringen und die frisch geschärften gegen Mark und Pfennige tauschen.
Edi kannte den Schärfstein schon vom Blumenhofbauern her, der ihn und Linda morgens im Pferdewagen mitnahm, um frisches Gras zu holen; sowas ging nur in den Ferien. Der Alte wetzte seine Sense, bevor er zu mähen anfing. Sein Schleifstein war länglich und viel kleiner als das Rad des Scherenschleifers.
Den Klang behielt er zeitlebens im Ohr.
Schliesslich kam der Scherenschleifer nur noch ein Mal im Jahr vorbei.
Häufiger klingelten Bettler an der Haustür. Auch sie wurden wie Gäste empfangen. Der kleine Edi oder die ältere Linda durften den Fremdling in die Küche führen. Dort wärmte Else ihm einen Teller Suppe auf. Der Bettler wartete auf einem Küchenstuhl, bis ihm das Mahl serviert wurde, und löffelte dann wortlos, während die Kinder ihn vom Flur aus beobachteten. Auch ein Butterbrot mit Wurst oder Käse setzte Else ihm vor, sogar ein Glas Wein, den Rest aus der Flasche vom Vorabend.
Nie erhielt er das erflehte Geld, egal wie traurig und zu Tränen rührend sich die Ursachen seines sozialen Abstiegs anhörten, über die er nach dem Essen berichtete. Gemeinsam mit Else lauschten die Kinder dem Klagelied, ohne etwas zu verstehen. Der Arme wurde, nachdem er sich gestärkt und ausgeweint hatte, mit ein paar Äpfeln im Sack hinausbegleitet und verabschiedet, wobei er Dank stammelte, zumal man ihm noch empfahl, im Gemeindehaus Grüsse auszurichten, am besten dort auch Arbeitsaufträge entgegenzunehmen. Bettelbesuche mehrten sich: für wachsende Abwechslung war gesorgt, selbst weibliche Gestalten drückten auf Klingelknopf und Tränendrüsen, ungläubig sahen‘s die Kinder.
Manchmal, auch dies anscheinend immer, gaben Strassensänger ein Ständchen vor dem Haus, mit oder ohne Instrumentalbegleitung. Sie ernteten bei Linda und Edi Bewunderung. Wenn er dafür ihrer Else oder der Mutter ein paar Zehner abluchste, um sie den Musikanten in den Hut zu werfen, bekam er sie nur, „damit die aufhören". In der Tat zogen die Künstler wegen des kargen Beifalls bald weiter, enttäuscht über die Geringschätzung ihrer Produktion, gelegentlich schimpfend oder untereinander uneins, ob sie weiterziehen oder durch eine Zugabe die Spendefreude stärker anreizen sollten.
Solcher Streit spielte sich jenseits des Gartentörchens ab und bereitete den Kindern besonderes Vergnügen - wie jede Auseinandersetzung der Grossen, die nicht sie betraf. Sie zogen sich in Hausnähe zurück und verfolgten gespannt das lautstarke Hin und Her. Gewöhnlich war es viel zu rasch beendet.
Eine Ausnahme unter den Gästen bildete der Herr Rieger, weil er jeden Donnerstagmittag erschien, also fast zum Familienbestand gehörte. Schlag zwölf Uhr fand er sich jeweils ein. Die Kinder balgten sich anfangs darum, wer Herrn Rieger hereinlassen durfte. Er stand mit erwartungsvollem Lächeln draussen, ein paar Blümchen verlegen in der Linken, die Rechte zum Gruss heruntergestreckt: er war ein Riese, breitschultrig, freundlich, bebrillt und unbeholfen.
Seine Augen hinter den dicken Gläsern blickten gross auf das Kind herab, das den Pförtnerdienst gewonnen hatte, - gross, viel zu gross waren die Augen, mehr noch als ihr Träger, gross wie die vom Wolf im Bett der Grossmutter. Anders als beim Märchenwolf wohnte in seinem Kugelblick aber kein Fünkchen Feindseligkeit, er strahlte im Gegenteil das Glück eines nach langen Umwegen ans Ziel Gelangten aus.
Auf Herrn Riegers kahlem Schädel - zwischen den Ohren trug er hinten herum einen Kranz schwarzer Haare - und auf seiner Stirn perlten stets Schweisströpfchen. Deshalb wischte er die Glatze häufig mit einem sage und schreibe bunten Taschentuch ab, das er aus der linken inneren Jackentasche zauberte. Für die Kinder ein unwiderstehlicher Hingucker.
Als wäre es dem heutigen Edgar plötzlich gelungen, einen verborgenen Quell zu erschliessen, der nun nicht aufhörte zu sprudeln, konnte er sich nur gewaltsam von den Bildern lösen, die ihm aus dem Garten seiner eigenen Kindheit und Jugend zuströmten. Es erfüllte ihn aber mit Freude, dass er endlich den Schlüssel zum Tor dieses Gartens kannte.
Ein Rätsel blieb es ihm, weshalb er diesen Herrn Rieger jederzeit mit aller Klarheit vor sich sah, über sich sozusagen, greifbar wie bei der Begrüssung an der Haustür. Vielleicht, weil kein anderer unter den Gästen daheim ihm so von Geheimnis umgeben vorgekommen war.
Eberhard Rieger – sogar an den Vornamen erinnerte er sich – sprach beim Mittagessen mit dem Vater oft englisch, lag es daran? Oder weil Edi dem Riesen mit der Brille bei Tisch genau gegenüber sass?
Eher wohl wegen des Gegenstands der Unterhaltung, von dem er erst später einiges begriff. Er konnte noch kein Englisch, doch sickerte aus Bemerkungen der Eltern untereinander (in Abwesenheit des Herrn Rieger) durch, dass es diesem Menschen gelungen sein musste, einen Briefwechsel anzuzetteln mit keinem Geringeren als
George Bernard Shaw, den Vater so verehrte. Auch die „Fair Lady“ lernte der Sohn erst Jahrzehnte danach kennen.
Als er dann zur Schule ging, hatte er heimlich in Vaters Bücherschrank gestöbert, sorgsam darauf bedacht, die Buchreihen auf den Regalen nachher in haargenau der gleichen Ordnung zu hinterlassen, in der er sie angetroffen. Erst recht die hinter Glas in den Mittelflügeln des Schranks; dort fand er nebeneinander sechs Bände, alle im selben blassen Blau gebunden, mit dem komischen Namen auf dem Rücken, von dem er beim Essen immer nur Dschibi-Ess verstanden hatte.
Jedenfalls hielt Rieger meist Briefe in den Händen, wenn „das Lausbüble“ den beiden nach Tisch in Vaters Arbeitszimmer nebenan – dem Herrenzimmer, wo war ein Damen- oder gar Frauenzimmer? – Aschenbecher und Zigarrenabschneider bringen durfte. Aus den Papieren las Herr Rieger vor, englisch natürlich und unverständlich. Der Vater hörte konzentriert zu, unterbrach mit Fragen oder Vorschlägen, offenbar gab es Nachrichten aus England, vielleicht brauchte Herr Rieger Vaters Rat fürs Formulieren seiner Antwort an GBS?
Eines Tages brachte Herr Rieger eine Dame mit, ebenso hochgewachsen wie er, sie bildeten ein imposantes Paar. Es hiess, er wollte den Eltern seine Braut vorstellen, die er demnächst heiraten werde. Die Kinder bekamen von der blonden, brillenlosen Dame sogar eine Tafel Schokolade geschenkt, von der es sonst selten mal höchstens ein Eckchen gab. Er bedankte sich mit dem einstudierten „Diener" (= Verbeugung), Linda machte ihren Knicks.
