Die Fackeln des Glücks - Töchter der Freiheit - Noa C. Walker - E-Book

Die Fackeln des Glücks - Töchter der Freiheit E-Book

Noa C. Walker

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Beschreibung

Amerika, 1864/65: Die Südstaaten taumeln ihrem Ende entgegen. Während Annie, die Lehrerin auf Birch Island, schwer erkrankt ist, taucht erneut der Bruder des Eigentümers in South Carolina auf und erhebt Anspruch auf die Plantage. Viele der Frauen, die auf Birch Island Zuflucht gefunden haben, stellen sich auf seine Seite.

Und dann geschieht, was vor Kurzem noch niemand für möglich gehalten hat: Die ehemalige Sklavin Crystal und die Südstaatenschönheit Rebecca Sue raufen sich zusammen und kämpfen gemeinsam um das Überleben der Plantage. Allerdings gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle.

Endlich ist der Krieg vorbei, und die Soldaten kehren nach Hause zurück. Nach South Carolina, in das kleine Tal nach Kansas, in dem Sophia und die Kinder leben, und zu Susanna Belle nach Washington City. Die Heimkehrer und ihre Familien erleben schöne Überraschungen, aber auch schmerzliche ...

Zur Ruhe kommt die wieder genesene Annie jedoch nicht. Das Land ist bis in seine Grundfesten erschüttert, vieles zerstört. Victoria, Annies ehemalige Schülerin, bleibt sich treu und sucht rücksichtslos ihren eigenen Vorteil.

Und dann kehrt endlich David auf Birch Island zurück. Doch er und Annie sind nicht mehr dieselben wie vor vier Jahren. Hat ihre Liebe den Krieg und ihre lange Trennung überdauert?

»Die Fackeln des Glücks« ist der achte und abschließende Band der emotionalen, mehrbändigen Familiensaga rund um den amerikanischen Bürgerkrieg, in der sich abgrundtiefer Hass, ein gnadenloser Krieg und unmenschliche Ungerechtigkeiten mit der großen Liebe, tiefgehender Freundschaft und den kleinen Freuden des Lebens die Hand reichen.

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Seitenzahl: 593

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

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Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Personenregister

22. – 24. Dezember 1864

Eins

24. Dezember 1864 – 16. Februar 1865

Zwei

16. Februar – 25. März 1865

Drei

2. – 12. April 1865

Vier

14. April – 19. Mai 1865

Fünf

19. Mai – 22. Mai 1865

Sechs

22. Mai – 29. Mai 1865

Sieben

4. Juni – 8. Juli 1865

Acht

08. Juli – 12. Juli 1865

Neun

12. Juli – 16. Juli 1865

Zehn

Zum historischen Hintergrund

Dank

Über die Autoren

Weitere Titel der Autoren

Impressum

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Über dieses Buch

Amerika, 1864/65: Die Südstaaten taumeln ihrem Ende entgegen. Während Annie, die Lehrerin auf Birch Island, schwer erkrankt ist, taucht erneut der Bruder des Eigentümers in South Carolina auf und erhebt Anspruch auf die Plantage. Viele der Frauen, die auf Birch Island Zuflucht gefunden haben, stellen sich auf seine Seite.

Und dann geschieht, was vor Kurzem noch niemand für möglich gehalten hat: Die ehemalige Sklavin Crystal und die Südstaatenschönheit Rebecca Sue raufen sich zusammen und kämpfen gemeinsam um das Überleben der Plantage. Allerdings gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle.

Endlich ist der Krieg vorbei, und die Soldaten kehren nach Hause zurück. Nach South Carolina, in das kleine Tal nach Kansas, in dem Sophia und die Kinder leben, und zu Susanna Belle nach Washington City. Die Heimkehrer und ihre Familien erleben schöne Überraschungen, aber auch schmerzliche …

Zur Ruhe kommt die wieder genesene Annie jedoch nicht. Das Land ist bis in seine Grundfesten erschüttert, vieles zerstört. Victoria, Annies ehemalige Schülerin, bleibt sich treu und sucht rücksichtslos ihren eigenen Vorteil.

Und dann kehrt endlich David auf Birch Island zurück. Doch er und Annie sind nicht mehr dieselben wie vor vier Jahren. Hat ihre Liebe den Krieg und ihre lange Trennung überdauert?

»Die Fackeln des Glücks« ist der achte und abschließende Band der emotionalen, mehrbändigen Familiensaga rund um den amerikanischen Bürgerkrieg, in der sich abgrundtiefer Hass, ein gnadenloser Krieg und unmenschliche Ungerechtigkeiten mit der großen Liebe, tiefgehender Freundschaft und den kleinen Freuden des Lebens die Hand reichen.

NOA C. WALKER

DieFackelndes Glücks

Töchter der Freiheit

Personenregister

Albert und Nathan Jackson

Annies Schüler von Peacock-Plantation

Alice Williams

Matriarchin der Familie, die Großmutter

Allegra, Crescenda Weddington

junge Frauen von der Nachbarplantage

Andrew Settrick

Mariannas Verlobter aus Charleston

Benjamin

Butler, höchster Haussklave

Bobby (Robert) Williams

Annies Schüler

Clarissa Phelps

Ehefrau von Matthew, lebt jetzt auf Birch Island

Joe Cobb

Feldchirurg, Kollege von David

Crystal

Annies »Mädchen«, Orleans Enkelin

Dorothy Shire

Farmerin in Kansas

Frederick Becks

Verehrer von Rebecca Sue

George Fisher

Sanitäter, früher Medizinstudent

Garry

Sklave, Stallmeister und Pferdewirt

Hayden Fuller

Tochter von Megan, verheiratet mit Carl Fuller

Ines Donaton

Hausmutter in Tammys Haus

Jameson Williams

in Ungnade gefallener jüngerer Bruder von Richard

Jennifer Drane

Schwester von Marcus, Cousine von Annie, Sophia und Samuel

Jerome

Sklave, Pferdewirt

Jordan Jackson

Bruder von Susanna Belle, Kavallerist der Konföderation

Kathleen

uneheliches Kind von Rebecca Sues verstorbenem Ehemann Kenneth Williams

Keeth

Offizier aus dem Norden, hat es auf Birch Island abgesehen

Mae

Köchin auf Birch Island

Marcus Tanner

Annies Cousin, Susanna Belles Ehemann, Jennifers Bruder

Maria Fuller

Farmerin und Rancherin in Kansas

Marianna Williams

Davids Schwester

Marigold

Sklavin, Kindermädchen von Rebecca Sues Sohn, deren Tochter Luna

Megan und Brian Tast

Farmer in Kansas

Michael Phelps

Schüler von Annie, lebt jetzt auf Birch Island

Miles

Chirurg der konföderierten Armee

Nigel Fuller

Sohn von Maria, jugendlicher Ausreißer

Orlean »Granny«

früher Davids »Mammy«, Crystals Großmutter

Patricia Phelps

Schülerin von Annie, lebt jetzt auf Birch Island

Paul Drane

Jennifers Ehemann, Pinkerton Detektiv

Philipp Alley

Farmer in Kansas, Ehemann von Sophia

Randolph Tast

Sohn von Megan, Bruder von Hayden

Raven

junger Sklave, Stallbursche und Kutscher

Rebecca Sue Williams

Davids verwitwete Schwägerin, deren Sohn Ken

Richard Williams

Witwer, Plantageneigentümer

Rosalind Phelps

Nachbarin von Red-Roses-Plantation, lebt nun auf Birch Island

Rose Giddings

Cousine von Richards verstorbener Ehefrau

Sadie Ann

Sklavin, »Mädchen« von Alice

Sammy

Sklave, Vorarbeiter auf Birch Island

Samuel Braun

Annies und Sophias älterer Bruder

Sophia Alley

Farmerin, Annies Schwester, deren Kinder Joseph, Samuel Jr., Annily, Daniel

Sounders

Armeearzt der Konföderation

Stone

Sklave, Sammys jüngerer Bruder und dessen Nachfolger

Susanna Belle Tanner

Ehefrau von Marcus, Schwester von Albert, Nathan und Jordan

Silvie und Sven Stenmark

Farmer, Freunde von Sophia und Philipp

Tammy (Tamara) Green

Nachbarin von Susanna Bell

Valerie Giddings

Rose’ Tochter

Victoria Nells

ältere Tochter der Williams, deren Kinder Verina, Grace und William

22. – 24. Dezember 1864

Eins

~ Birch Island ~

Die Sonne schien vom Dezemberhimmel und hüllte Birch Island in ein warmes Licht, doch eine kühle Brise sorgte dafür, dass ein Aufenthalt im Schatten der Bäume mit ihrem schwingenden Louisianamoos wenig angenehm war. Dennoch stand Crystal auf der rundum verlaufenden Holzveranda des einst strahlend weißen Plantagenhauses mit seinen grünen Läden. Sie wiesen am oberen Rand denselben Schwung auf wie die Verandatüren. Diese ersetzten die Fenster, sowohl im ersten Stock als auch im zweiten, der ebenfalls über eine Veranda verfügte, die sich, von Säulen getragen, über alle vier Seiten des Hauses erstreckte.

Tief atmete Crystal die würzige Luft ein. Seit Wochen hatte sie das Haus nicht mehr verlassen. Sie hatte die schwer erkrankte Annie Braun gepflegt, die Hauslehrerin der Williams und Crystals Vertraute.

Einen Tag nachdem ein Brief von der Front die Familie Williams in Aufruhr versetzt hatte, war Annie weder zum Frühstück noch zum Unterricht erschienen. Schließlich hatte Crystal das Mansardenzimmer der Lehrerin aufgesucht und eine hoch fiebernde, sich fortlaufend übergebende Frau vorgefunden. Vermutlich hatte sie die Grippe erwischt, die auch durch die Hüttensiedlung der Sklaven getobt war. Ob Annies geschwächter Allgemeinzustand dazu geführt hatte, dass die Erkältung sie beinahe dahingerafft und sich die Schusswunde an ihrem Arm entzündet hatte, konnte Crystal nicht sagen.

Annie hatte wochenlang unter der Nachricht gelitten, dass David Williams, Sohn dieses Hauses, gefallen sei. Da sie ihre Verlobung mit ihm hatte geheim halten müssen, war sie gezwungen gewesen, ihren Schmerz tief in sich zu vergraben. Neben dem Unterricht hatte Annie eine Unzahl anderer Aufgaben übernommen, und nach der Todesnachricht hatte sie sich in viele weitere Arbeiten gestürzt. Dies, der Schlafmangel und die schlechte Ernährungslage hatten ihren Tribut gefordert.

Die Nachricht, alles sei ein Missverständnis gewesen und David sei am Leben, mochte eine unbeschreibliche Erleichterung in ihr ausgelöst haben, wohl aber auch ihren Zusammenbruch. Über mehrere Tage hinweg hatten alle auf der Plantage die Befürchtung gehegt, Annie zu verlieren. Mittlerweile war das Fieber endlich gesunken, und an diesem Morgen stand fest: Annie Braun würde wieder genesen.

Crystals Aufmerksamkeit wurde von einem Reiter in Anspruch genommen, der sich dem Haus über die zwei Kilometer lange Birkenallee näherte. Sie stieß sich von der Rundsäule ab, die die obere Veranda stützte, und ging zur Hausecke. Bei dem Neuankömmling handelte es sich um einen großen Mann in der Uniform der Konföderation. Er ritt auf den Vorplatz vor der Freitreppe, umrundete die Palmettopalmen und warf einen prüfenden Blick auf die Fassade. Obwohl beim Rondell die Haupttür lag, war dies nur die schmale Seite des Gebäudes. Schwerfällig stieg der Reiter von seinem Pferd.

Unwillkürlich hielt Crystal den Atem an. War das Richard Williams, der Eigentümer der Plantage? Kam er ebenso überraschend zurück, wie er in den Wirren des Krieges verschwunden war?

Sie löste sich von ihrem Beobachtungsposten und eilte über die Holzplanken auf den Eingangsbereich zu. Da er ihre Schritte hörte, wandte sich der Ankömmling zu ihr um. Da erst bemerkte Crystal ihren Irrtum. Der Mann hatte noch beide Arme, während Richard seinen linken Arm im Mexico-Krieg verloren hatte.

Plötzlich wurde ihr bewusst, wen sie da vor sich hatte. Der Mann, der die Zügel nun lässig über einen Holzpflock schwang und die Stufen hinaufging, war kein anderer als Richards Bruder Jameson Williams, der verstoßene Sohn der Familie. Er war während des Krieges schon einmal völlig unvermutet hier aufgetaucht und hatte für beträchtlichen Aufruhr gesorgt …

Am nächsten Tag war Annies Fieber wieder gestiegen, was Crystal sich nicht erklären konnte. Außerdem beunruhigte sie die Anwesenheit von Jameson Williams. Es war im Haus erstaunlich ruhig geblieben, was Crystal hoffen ließ, dass die Matriarchin Alice Williams ihn erneut fortgejagt hatte. Weil sie Gewissheit brauchte, stieg Crystal über die geschwungene Treppe ins Atrium hinab. Mehrere unaufgeregte Frauenstimmen drangen aus dem Salon, von dem Crystal sich aber fernhielt. Sie durchquerte die Halle und betrat den Küchentrakt, wo sie der verlockende Duft von gebratenen Kartoffeln begrüßte. Prompt knurrte ihr Magen. In der Küche arbeiteten die Frauen und einige junge Männer mit ungewohnt verkniffenen Mienen. Für gewöhnlich ging es im Reich der Küchenchefin Mae laut, manchmal auch ein wenig ruppig zu, aber niemals so … unheimlich düster-still.

»Was ist los, Mae?«

»Mista Jameson ist wieder da.«

»Er ist hier? Im Haus?«

»Er hat sich von Missus Rebecca Sue nicht abweisen lassen.«

Crystal atmete tief durch. Offenbar hatte sich die junge Witwe nicht gegen den Onkel ihres gefallenen Mannes Kenneth durchsetzen können. »Und was ist mit Missus Williams?«, fragte Crystal nach. Immerhin war Alice eine durch und durch resolute Frau.

»Ihr geht es heute nicht gut, Sadie Ann wollte sie nicht … aufregen.«

»Also weiß sie nichts von der Anwesenheit ihres Sohnes?«

Auf Maes Kopfschütteln hin presste Crystal die Lippen zusammen. Sie war noch zu jung, um den Skandal miterlebt zu haben, der Alice gezwungen hatte, einen ihrer Söhne zu verbannen.

»Was will er hier?«, überlegte Crystal laut. »Die Plantage übernehmen?«

»Jedenfalls hat Missi Victoria ihn willkommen geheißen und sich damit gegen Missus Rebecca Sue gestellt, die dann keine Möglichkeit mehr hatte, sich durchzusetzen.«

»Victoria«, brummte Crystal aufgebracht. Sie war nicht gut auf die Williams-Tochter zu sprechen. So großherzig die anderen Geschwister waren, so hartherzig gebärdete sich diese Frau.

»Wie geht es deiner Annie?«, wollte Mae wissen.

»Zum Glück wieder etwas schlechter. So weiß sie nicht, dass Jameson zurückgekehrt ist. Wüsste sie es, wäre sie längst aufgestanden, um die Sache in die Hand zu nehmen – und würde sich dabei vermutlich umbringen.«

»Dann sage auch ihren Besuchern am Krankenbett, sie sollen nicht …«

Crystal sah Mae erschrocken an und stob aus der Küche. Sie musste Bobby – den jüngsten Williams und Annies Schüler – und Rebecca Sue einschärfen, Annie nichts von der Anwesenheit des Mannes zu erzählen.

Im Gelben Salon traf sie nicht nur auf Rebecca Sue, sondern auch auf zwei der Dauergäste auf der Plantage, Rose Giddings und deren Tochter Valerie, weitläufige Verwandte der Williams aus Richmond. Crystal zögerte, doch dann fiel ihr ein, dass Annie bei Jamesons erstem Auftauchen auf Birch Island Rose in ihre Pläne mit einbezogen hatte. Zusammen hatten sie ein Treffen zwischen Marianna und ihrem leiblichen Vater – eine Tatsache, von der die junge Frau nichts wusste – abgewendet, Annie vertraute Rose, und vielleicht sollte sie es jetzt auch. Doch was war mit Valerie?

»Crystal? Ist etwas mit Miss Braun?« Rebecca Sue klang alarmiert.

»Es geht ihr wieder schlechter, Missus.«

Rebecca Sue erhob sich und kam eilig näher, Rose runzelte besorgt die Stirn, während Valerie sich erneut ihrem Buch zuwandte.

»Soll ich zu ihr gehen, Crystal? Brauchst du eine Pause, ein wenig Schlaf?«

Crystal hatte noch immer ihre Probleme mit der wie verwandelten Frau, weshalb sie erschrocken einen Schritt zurückwich und peinlich darauf achtete, den Blick gesenkt zu halten. »Nein, danke, Missus. Aber ich … ich mache mir Sorgen wegen des neuen Gastes.«

Rebecca Sue deutete mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung ihres Kopfes an, dass sie den Salon verlassen sollten. Im Atrium angekommen, fragte sie flüsternd: »Worum geht es?«

»Missi Braun könnte von der Anwesenheit des Mistas erfahren. Sie weiß, dass weder Missus Williams noch Mista Williams den … anderen Mista hier haben möchten. Sie würde vermutlich aufstehen und –«

»Das müssen wir, um ihrer Genesung willen, in jedem Fall verhindern«, fiel Rebecca Sue ihr erschrocken ins Wort. »Dazu ist sie noch viel zu geschwächt.«

»Wie lange wird der Mista bleiben, Missus?«

Rebecca Sue blickte prüfend durch die erhabene Halle, als befürchte sie, es könne sich ein heimlicher Lauscher hinter einer der weißen Säulen verbergen. »Ich fürchte, er hat vor, für immer hierzubleiben. Er erhebt seinen Anspruch als Erbe, und Victoria ist nur zu bereit, die Leitung über Birch Island wieder in die Hand eines Mannes zu legen. Zumal er ein Williams ist.«

»Aber Master David ist doch am Leben, Missus. Er ist – nach dem Tod Ihres Mannes – der Erbe.«

»Dass David lebt – von ihm hält Victoria nicht viel –, hat sie ihrem Onkel verschwiegen.«

»Und weshalb verschweigen Sie es, Missus?« Crystal wagte einen prüfenden Blick in das Gesicht der Frau, und diese erwiderte ihn, ohne sie dafür zu rügen.

»Es lag etwas seltsam Beunruhigendes in seinem Tonfall, als er von David sprach. Das hat mich …« Rebecca Sue beendete den Satz nicht, holte tief Luft und sagte dann: »Mehr solltest du darüber nicht erfahren.«

Crystal blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

»Informiere bitte Master Bobby. Er darf Miss Braun gegenüber nichts andeuten, alles Weitere überlasse mir.«

»Ja, Missus.« Crystal ging in Richtung Treppe, doch nachdem Rebecca Sue in den Salon zurückgekehrt war, drehte sie um, stieg über die drei Stufen, die die gesamte Breite des Raumes einnahmen, hinunter ins Vestibül und steuerte dort Benjamins Kammer an. Wenn jemand mehr von den lange zurückliegenden Vorkommnissen wusste, dann der ausgesprochen neugierige alte Benjamin.

Der schlanke Mann mit dem ergrauten Lockenkopf, seines Zeichens oberster Haussklave, eine Art Butler, war vorschriftsmäßig mit seiner graugrünen Livree bekleidet und begrüßte sie mit den Worten: »Mista Jameson spielt sich als Hausherr auf.« Damit war klar, dass er mal wieder gelauscht hatte.

»Was genau hat Missus Rebecca Sue gemeint?«, hakte Crystal nach.

»Niemand hat Mista Jameson darüber informiert, dass Master David noch lebt. Ich denke, bei der Missus ist es ein tiefes Misstrauen dem Mann gegenüber. Bei Missi Victoria steckt dahinter eher Kalkül. Sie will Mista Jameson unbedingt hier im Haus haben, weil dadurch ihre Schwägerin Rebecca Sue die Herrschaft über die Plantage verliert. Die beiden entfremden sich immer mehr.«

»Aber was hat denn nun Mista Jameson gesagt?«, drängte Crystal. »Ich möchte den genauen Wortlaut hören.«

»Er sagte: Nach dem wahrscheinlichen Tod meines Bruders und dem sicheren Tod meines Neffen muss ich die Geschicke von Birch Island in die Hand nehmen. Es hat mich geschmerzt, den jungen Burschen in seinem Blut liegen zu sehen. Er hatte das Leben doch noch vor sich.«

Jetzt erschloss sich Crystal, was Rebecca Sue irritiert hatte. Jameson hatte David gesehen, nachdem er überfallen worden war. Damit stand fest, dass es ihn nicht wirklich interessiert hatte, wie schwer verletzt er war. Er hatte seinen Neffen einfach liegen lassen. Sein eigen Fleisch und Blut. Erst irgendwelche Fremden hatten David in ein Feldlazarett gebracht.

»Hat Mista Jameson billigend in Kauf genommen, dass David stirbt, wenn er keine Hilfe bekommt? Du kanntest den Mista von Geburt an, Benjamin. Würdest du ihm das zutrauen?«

»Dieser Mann ist durch und durch böse.«

Crystal verließ die kleine Kammer und spielte mit dem Gedanken, Annie doch einzuweihen. Sie brauchte jemanden, mit dem sie besprechen konnte, was zu tun war. Doch wer anderes als Rebecca Sue, die ebenfalls Vorbehalte gegen die Anwesenheit von Jameson hegte, blieb ihr dafür?

Bobby war noch ein Kind, Rose gehörte entfernt zur Familie und war hier nur zu Gast, weil sie der wiederholt durch Nordtruppen bedrohten Stadt Richmond hatte entkommen wollen.

Nachdenklich betrat Crystal den Hauswirtschaftsflügel des Plantagenhauses und verließ ihn durch die Küchentür. Der oberste Pferdewirt Garry und Sammy, der Vorarbeiter der Sklaven, mussten auf jeden Fall erfahren, was im Haus vor sich ging, zumal Annie und die beiden inzwischen ein tiefes Vertrauensverhältnis pflegten und gemeinsam die überlebenswichtige Landwirtschaft von Birch Island vor dem Untergang zu retten versuchten.

~ Nahe Washington City ~

Susanna Belle Tanner legte seufzend ihre Nähutensilien beiseite, erhob sich und trat an eines der hohen Fenster. Ob es dort, wo Marcus sich aufhielt, ebenfalls stürmte? Ihr Ehemann war eigentlich Jurist, seit Beginn des Krieges jedoch als Kriegsberichterstatter – ein Special – unterwegs. Momentan befand er sich bei Generalmajor Shermans Armee, doch die war seit mehreren Wochen wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht wusste Abraham Lincoln, der Präsident der Vereinigten Staaten, wo sich sein launischer General aufhielt – alle anderen verfügten nicht über dieses Wissen, angeblich sogar das Kriegsministerium.

Voller Sorge presste Susanna Belle ihre Lider zusammen und schickte ein Gebet für ihren Ehemann gen Himmel. Ihre Schwägerin Jennifer Drane trat zu ihr ans Fenster.

»Da stehen wir nun«, murmelte Jennifer, ihr Ehemann Paul, Mitarbeiter bei Pinkertons Geheimdienst, war einen Monat zuvor überstürzt abgereist.

Seit mehreren Wochen lebten sie in diesem Haus, das als Schutz für Susanna Belles »Gäste« diente – zumeist waren dies Frauen und Kinder, die aus einem gewalttätigen Zuhause geflüchtet waren. Das Gebäude lag abseits von Washington, gut verborgen hinter hohen Hecken und in einem Wald. Susanna Belle und Jennifer versteckten sich hier vor Eva Blywether, einer Südstaatenspionin. Zwar war anzunehmen, dass die Frau, nachdem sie ihren Ehemann ermordet hatte, in den Süden geflohen war, doch sicher wusste das niemand.

Allein Tammy, Tamara Green, die Eigentümerin des Gebäudes und Susanna Belles Nachbarin, war wieder nach Washington zurückgekehrt. Einen längeren Aufenthalt hier draußen hätte sie ihren Eltern – die nichts von den Eskapaden ihrer abenteuerlustigen Tochter wussten – nicht erklären können.

Das Läuten der Hausglocke ließ die Anwesenden aufblicken. Ines Donaton, eine Frau Mitte fünfzig, hatte in Tammys Haus inzwischen eine Art Hausmutterstatuts inne. Sie verließ den Salon, wenig später wirbelte Tammy in den Raum, grüßte in die Runde und wandte sich dann an Susanna Belle.

»Ich muss mit dir sprechen. Auch mit dir, Jenny. Gehen wir in den Flur?«

Die beiden, Jennifer mit ihrem Sohn Gordon auf dem Arm, folgten der quirligen Neunzehnjährigen mit dem harmlos wirkenden Herzchengesicht in den Eingangsbereich. Der Umstand, dass es Tammy, obwohl exquisit mit einem Reifrockkleid aus cremefarbenem Samt gekleidet, bei diesem schrecklichen Wetter hierhergezogen hatte, förderte Susanna Belles Unruhe. Irgendetwas musste geschehen sein.

»Was ist denn so wichtig?«, stieß Jennifer gepresst hervor und drückte Gordon fest an sich, der Junge schlang prompt die Arme um den Hals seiner Mutter. Für einen Moment verspürte Susanna Belle Neid, weil sie noch immer kinderlos war, doch dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit entschieden auf Tammy.

»In unserem Viertel treibt sich seit einigen Tagen ein Mann herum«, berichtete Tammy hörbar aufgewühlt. »Ich habe mich erkundigt, er war auch in eurer Straße, Jenny. Es heißt, er habe nach euch beiden gefragt.«

»Hat er seinen Namen genannt?«, fragte Susanna Belle.

Tammy zuckte mit den Schultern. »Lorena ist sehr besorgt um eure Sicherheit, seit diesem Vorfall mit der Spionin. Sie weist rigoros jeden ab, den sie nicht kennt.«

»Die gute Seele«, murmelte Susanna Belle. Sie war froh darüber, dass die einstige Sklavin – inzwischen eine Freie, die Marcus und sie eingestellt hatten – das Haus hütete.

»Soll ich ihn mal ansprechen?« Tammys Augen funkelten abenteuerlustig.

»Danke, dass du uns gewarnt hast. Vielleicht wäre es tatsächlich hilfreich, du würdest dich weiter umhören.« Jennifer ließ ihren zappelnden Sohn zu Boden.

»Ich muss zurück«, erklärte Tammy. »Bei uns gibt es heute Abend ein kleines Fest. Mutter wird mich schon suchen.«

»Bring dich bitte nicht in Gefahr«, sagte Susanna Belle.

Tammy umarmte sie kurz, strich Gordon über das blonde Haar und nickte Jennifer grüßend zu. Sie öffnete die Eingangstür, und während sie die Stufen hinuntereilte, blähte der Wind ihren Umhang auf und verfing sich in den Volants ihres Rocks. Der dunkelhäutige Fahrer half ihr in die Kutsche, und innerhalb weniger Sekunden tauchte das Gefährt im Grau des Nebels unter.

»Wie ein Spuk«, murmelte Susanna Belle und schob die Tür zu.

»Was hältst du davon?«

»Hier sind wir sicher.«

»Zu sicher?«, unkte Jennifer. »Können nicht einmal die Boten unserer Männer uns finden?«

»Marc und Paul wissen doch, wo wir uns aufhalten. Sie würden einen Boten anweisen, ihre Nachricht bei Lorena abzugeben, mit der Bitte, sie zu uns hier herauszubringen.«

»Du denkst also, es handelt sich um einen Mann, der uns besser nicht finden sollte?« Jennifer schlang wie Schutz suchend die Arme um sich.

Ein Reiter wich an den Rand der unwegsamen Straße aus und ließ die ihm entgegenkommende Kutsche der Familie Green passieren. Den Hut zum Schutz vor dem Wind tief ins Gesicht gezogen, blickte er dem Fahrzeug hinterher, ehe er sich in dem knarrenden Sattel wieder nach vorn wandte. Die schnelle Rückkehr des Gefährts verriet ihm, dass es nicht mehr weit bis zu dem Haus sein konnte.

Die Glocke bei der Eingangstür läutete erneut. Susanna Belle drehte sich erstaunt um. Hatte Tammy etwas vergessen? Sie eilte mit wehendem Rock zur Tür, zog sie auf und wich erschrocken einen Schritt zurück. Vor ihr stand ein Soldat in der Uniform der Unionskavallerie. Er nahm eilig den Hut ab, ein Windstoß fuhr durch seine blonden Locken. Susanna Belle biss sich auf die Unterlippe. Es kamen nie Fremde hier heraus. Wer also war dieser Mann?

»Es war nicht ganz einfach, bis zu euch durchzudringen«, sagte er mit einem für sie irritierenden Dialekt. »Du bist Susanna Belle, nehme ich an?«

Die Angesprochene schwieg verwundert über den vertraulichen Tonfall des Fremden. Immerhin kannte sie ihn nicht, wenngleich ihr seine Gesichtszüge und die blauen Augen vertrauenerweckend vorkamen – und irgendwie vertraut.

»Marc hat dich mit glühenden Worten beschrieben, aber ich sehe, tatsächlich können keine Worte an deine Schönheit heranreichen.« Der Fremde trat einen Schritt vor, warf seinen Hut auf die Kommode neben der Tür und zog den Mantel aus, der ihn vor dem eisigen Wind geschützt hatte. Susanna Belle wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte.

»Ist alles in Ordnung?« Jennifer trat aus dem Salon. Als sie den Unbekannten entdeckte, eilte sie herbei. »Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«, fuhr sie den Mann an und zog die Schwägerin an sich.

»Du musst Jennifer sein.« Der Eindringling grinste vergnügt. Wieder, diesmal intensiver, musterte Susanna Belle seine Gesichtszüge, vor allem aber faszinierten sie seine Augen. Sie wiesen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit denen ihrer Freundin Annie auf. Ihre anerzogene Höflichkeit ließ sie die Hand nach dem feuchten, schweren Mantel ausstrecken. Inzwischen ahnte sie, wer vor ihr stand, obwohl diese Annahme ungeheuerlich war. Denn der Mann galt als tot.

»Einen Moment bitte.« Der Gast zog zwei Briefumschläge aus seiner Manteltasche und reichte je einen an die beiden verdutzten Frauen. »Mit herzlichen Grüßen von Annie.«

»Annie?« Jennifer hauchte den Namen nur, ehe sie nahezu hektisch den Umschlag an sich riss. Susanna Belle nahm die Kostbarkeit behutsamer entgegen. Sie, die sie in der Nähe von Birch Island aufgewachsen war, lebte seit ihrer Heirat mit Annies Cousin im Norden des gespaltenen Landes, Annie, die eigentlich aus dem Norden stammte, war in South Carolina geblieben. Ihre akkurate, schön geschwungene Handschrift war unverkennbar, außerdem war Susanna Belle sofort klar, dass dieser Brief nicht der Post anvertraut worden war. Der Mann vor ihr hatte ihn direkt aus South Carolina mitgebracht.

»Du bist Samuel Braun, Annies Bruder, nicht wahr?«, wagte sie zu fragen.

»Wie bitte?« Jennifer hob ruckartig den Kopf, das Kuvert entglitt ihrer Hand.

»Deine Augen haben dich verraten.« Susanna Belle lächelte.

»Das behauptet David Williams auch.«

»David?« Jennifer schüttelte den Kopf, ihre Verwirrung schien bei jeder Bemerkung zuzunehmen.

»Entschuldigt bitte, dass ich hier so hereinplatze. Niemand in Washington wollte mir Auskunft darüber erteilen, wo ihr euch aufhaltet. Nur der Herausgeber von Marcs Zeitung hat sich erweichen lassen, mir diese Adresse zu nennen.« Samuel musterte zuerst Susanna Belle, dann seine Cousine. »Eine so heftige Reaktion habe ich allerdings nicht erwartet. Gibt es Schwierigkeiten?«

»Wir haben dich für tot gehalten«, antwortete Susanna Belle und wich damit dem eigentlichen Grund aus, weshalb jeder dem Mann mit Misstrauen begegnet war.

»Davon haben wir aus Marcs Telegramm erfahren, das er Annie aus Atlanta hat übermitteln lassen. Daraufhin hat sie mich aus diesem riesigen Plantagenhaus geworfen«, erklärte Samuel belustigt.

Jennifer musterte ihren Cousin neugierig. Die beiden waren sich nie zuvor begegnet.

»Ich bin unglücklich von meinen eigenen Kameraden angeschossen worden«, erzählte Samuel. »Wäre Annies David nicht gewesen, hätte ich mein Bein und in einer nachfolgenden Gefangenschaft vermutlich auch mein Leben verloren.«

»Annies David? Dann ist es also wahr? Die beiden …?« Susanna Belle klatschte begeistert in die Hände.

Samuels Lächeln vertiefte sich, ebenso wie die Falten um seine Augen in einem von Wind und Wetter fast ledrigen Gesicht. »Er ist ein hervorragender Arzt und wird wohl ein guter Ehemann für meine kleine Schwester sein.«

»Moment!« Jennifer hob die Hand. »Das geht mir alles zu schnell. Du bist also mein Cousin Samuel Braun?«

»Richtig. Und ich finde es wunderbar, dich endlich kennenzulernen. Nur deinen jüngeren Bruder Ralph darf ich nie … », murmelte der Soldat mit deutlicher Anteilnahme und Trauer in der Stimme.

Jennifer nickte mit Tränen in den Augen, fragte aber dennoch: »Wenn ich das richtig verstanden habe, hat David dich operiert, und anschließend hast du Annie aufgesucht?«

»Richtig, ich war in South Carolina auf Birch Island.«

»Offenbar ist es auch dir nicht gelungen, sie dazu zu bewegen, in den Norden zu reisen?« Traurig schüttelte Susanna Belle den Kopf. Sie machte sich Sorgen um die Freundin. Je länger der Krieg dauerte, umso größer war die Gefahr, dass sie, als Frau aus dem Norden, angefeindet werden könnte.

»Jetzt haben wir schon wieder einige … Details übersprungen«, beschwerte sich Jennifer. »Wieso bist du nach deiner Verletzung ausgerechnet so tief in den Süden gelangt?«

»Das steht alles in Annies Brief. Du solltest ihn lesen, wenn du dann noch Fragen hast, darfst du sie mir gern stellen.«

»Der Brief! Mein Gott, Susanna Belle! Wir haben beide einen Brief von Annie. Endlich dürfen wir erfahren, wie es ihr in all den Jahren dort unten ergangen ist.«

»Das ist wunderbar, ja.« Susanna Belle betrachtete den Umschlag. Sie vermisste die Freundin noch immer schmerzlich. »Begleite uns bitte in den Salon, Samuel. Hast du Hunger oder Durst?«

»Beides, ja.«

»Wir bitten Daisy und Mrs Donaton, für dich eine Mahlzeit vorzubereiten. Komm nur mit, hier drin ist es wärmer.«

»Ich sollte noch mein Pferd versorgen«, wandte Samuel ein.

»Natürlich, entschuldige. Ich zeige dir den Stall«, bot Susanna Belle an.

»Ich werde ihn schon finden. Meinetwegen musst du bei diesem Wind nicht hinaus. Wobei …« Samuel zögerte plötzlich, doch dann blickte er auf das Kuvert in ihrer Hand und nahm ihr seinen Mantel wieder ab.

Eine Ahnung, dass Annie ihr nicht nur schöne Dinge zu berichten hatte, dämpfte Susanna Belles Freude über den Brief. Waren ihr Vater oder ihr Bruder Jordan in einer Schlacht schwer verwundet, vielleicht gar getötet worden? Überwältigt von diffusen Ängsten taumelte sie einen Schritt zurück. Jennifer legte fürsorglich einen Arm um ihre Schulter.

»Ich bitte Daisy und Mrs Donaton, unserem Verwandten eine Mahlzeit und ein Zimmer für die Nacht vorzubereiten. Du kannst dich zurückziehen und in Ruhe deinen Brief lesen.«

Dankbar nickte Susanna Belle und stieg die Stufen hinauf.

Erst zwei Stunden später war Susanna Belle wieder in der Lage, sich zu den anderen zu gesellen.

»Der Verlust deiner Mutter tut mir sehr leid«, flüsterte Jennifer ihr zu.

»Danke«, murmelte Susanna Belle.

»Wie gut, dass deine Brüder bei den Williams untergekommen sind.« Jennifer lächelte ihr aufmunternd zu.

»Vermutlich hätten Mrs Alice Williams und Rebecca Sue die Jungen ohnehin auf Birch Island geholt, schließlich sind wir alle stolz auf unsere Gastfreundschaft, aber es war Annie, die sofort zu Hilfe geeilt ist, zumal auch meine beiden Brüder erkrankt waren.«

»Birch Island ist eine Zufluchtsstätte für so viele geworden.« Samuel nickte.

Dann ging er dazu über, Jennifers und Susanna Belles Fragen zu beantworten. Darüber wurde es sehr spät. Umso verwunderlicher war es, dass plötzlich Tammy in einem schimmernden und reich bestickten, dunkelblauen Seidenkleid in den Salon gestürmt kam. Sie stutzte, als sie den Fremden in Uniform sah, strahlte dann aber über das ganze Gesicht, als sie erfuhr, wer er war.

»Ist das Fest schon vorbei?«, fragte Jennifer und warf einen beredten Blick auf Tammys Ballkleid.

»Ich habe mich davongeschlichen, denn ich denke, die Nachrichten, die mein Vater aus dem Kriegsministerium erhalten hat, werden euch interessieren. Dort ist nämlich ein Telegramm von General Sherman eingetroffen.«

»Wo ist Sherman? Wo ist Marc?« Susanna Belle schob sich vor auf die Sesselkante, zumal Tammy in ihrer unnachahmlichen Weise die Nase rümpfe.

»Sherman schrieb, dass er sich erlaube, Lincoln als Weihnachtsgeschenk die Stadt Savannah zu Füßen zu legen. Dazu 150 schwere Geschütze, 25.000 Ballen Baumwolle –«

»Savannah!« Susanna Belle sprang entsetzt auf. »Die Unionssoldaten sind tatsächlich durch ganz Georgia geeilt und haben Savannah erobert?«

»Jedenfalls besagt es das Telegramm. Und Präsident Lincoln soll geantwortet haben: Für diesen Erfolg vielen, vielen Dank.«

Während Samuel zufrieden nickte, schüttelte Susanna Belle den Kopf. Ihr geliebter Süden ging allmählich in die Knie. Sie konnte nur hoffen, dass der letzte Atemzug für die Konföderation schnell kommen würde. Denn ein verzweifeltes Aufbegehren würde nur noch mehr Leid, Schmerz und Tod bringen.

»Erzähl bitte weiter, Tammy«, bat Jennifer. »Wie hat sich der Präsident weiter geäußert?«

»Er hat seinen Dank ausgesprochen und Jesaja zitiert: Das Volk, das noch im Dunkeln wandelt, hat ein großes Licht erblickt.«

~ Birch Island ~

»Das ist alles?« Jameson blickte auf die Suppe und die Bratkartoffeln und packte Janey grob am Arm. Dem Küchenmädchen entwich ein erschrockener Ausruf, ehe sie devot zu Boden schaute.

»Ob das alles ist, was wir gereicht bekommen, habe ich dich gefragt«, herrschte der Mann Janey an.

»Ja, Mista«, murmelte sie, der Schmerz über den derben Griff stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Unvermittelt stieß der Mann sie von sich. Sie taumelte und prallte mit dem Rücken gegen eine Kommode. Benjamin ergriff das Mädchen an den Schultern und schob sie aus dem Speisesaal. Er selbst stellte sich abwartend hinter Jamesons Stuhl. Rebecca Sue erschrak über die glimmende Wut in seinen dunklen Augen. Das hatte sie an Benjamin nicht mehr gesehen, seit Kenneth, ihr Ehemann, fort war. Kehrte mit Jameson die Gefahr eines Aufstandes auf die Plantage zurück? Noch inniger als schon in den vergangenen Wochen wünschte sie sich Annie an ihre Seite.

»Es war Rebecca Sues Entscheidung, unsere Mahlzeiten derart drastisch zu minimieren, Onkel Jameson«, flötete Victoria. Mit ihren kantigen Gesichtszügen hatte sie schon immer ein wenig unterernährt ausgesehen, nun war Verbissenheit dazugekommen – und jene Narbe, die sie vom Angriff einer Sklavin an der Schläfe zurückbehalten hatte. Über dem Ohr wollten keine Haare mehr nachwachsen.

Rebecca Sue umklammerte ihr Besteck. Allein der spöttisch-triumphierende Tonfall ihrer Schwägerin weckte in ihr den Wunsch, Jameson und Victoria gemeinsam aus dem Haus zu werfen. »Wir müssen mit dem Wenigen haushalten, das wir haben«, sagte sie knapp.

»Wir hätten mehr zur Verfügung, wenn wir die Birch-Island-Leute nicht so verwöhnen würden«, warf Victoria mit zuckersüßem Lächeln ein.

»Diese Regelungen entstammen deinem weichen Herzen, Rebecca Sue. Du bist sicher erleichtert, dass du die Verantwortung wieder in die kompetenten Hände eines Williams-Mannes zurücklegen darfst, nicht wahr?« Clarissa Phelps, eine der Nachbarinnen, die auf Birch Island Zuflucht gefunden hatte, lächelte in die Runde. Am liebsten hätte Rebecca Sue der etwa Gleichaltrigen eine schallende Ohrfeige verpasst. Sie genoss die Gastfreundschaft der Williams in vollen Zügen, rührte aber keinen Finger, um etwas zu ihrem Unterhalt beizutragen, und machte ihr und Annie das Leben schwer.

Um ihre Contenance zu wahren, strich Rebecca Sue bemüht ruhig eine ihrer hellblonden Haarsträhnen, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte, hinters Ohr. Sie rief sich in Erinnerung, wie erleichtert sie einige Monate zuvor noch gewesen wäre, die Leitung an einen Mann abgeben zu können – selbst wenn er der verstoßene Bruder ihres Schwiegervaters war. Heute dachte sie anders darüber. Sie, vor allem aber Annie, hatten das Anwesen durch harte Zeiten geführt, warum sollte ihnen das nicht auch weiterhin gelingen?

»Die Leute bekommen dieselben Rationen wie ihre Herren?« Jamesons zusammengezogene Augenbrauen bedeuteten nichts Gutes, dennoch nickte Rebecca Sue.

»Welche Verschwendung! Das bestärkt mich in meinem Entschluss, hierher zurückzukehren. Mit derlei unbedachten Regelungen kann man Birch Island zugrunde richten.«

»Die Arbeiter brauchen die Mahlzeiten, damit sie bei Kräften bleiben. Außerdem schützt uns ein gewisses Maß an … Zufriedenheit unter den Leuten vor einem Aufstand.«

»Das mag gut gedacht sein, liebe Rebecca Sue, solange hier nur Frauen gelebt haben. Aber nun ist ja wieder ein Mista auf der Pflanzung. Keiner von diesen Halunken wird es wagen, sich gegen mich zu erheben. Wir werden die Rationen entsprechend kürzen. Das hier«, er deutete auf seinen Teller, »ist keine ansprechende Mahlzeit für einen Williams und seine Gäste.«

Rebecca Sue wartete auf Widerspruch, zumindest vonseiten der Phelps-Damen, deren Haus von Sklaven in Brand gesteckt worden war, obwohl sich an diesem Tag mehrere Männer auf Red Roses aufgehalten hatten. Doch sie wartete vergebens.

»Das werde ich nicht zulassen!«, widersprach sie schließlich. »Wir kommen mit diesen Rationen zurecht, und ich möchte, dass unsere Arbeiter ausreichend versorgt sind.«

»Liebe Rebecca Sue«, setzte Jameson erneut an. »Du hast wirklich erstaunlich gute Arbeit geleistet. Vermutlich beruht dein Erfolg auch auf den exzellenten Rücklagen von Birch Island. Uns stehen aber noch schwere Zeiten bevor, und ich denke, es ist von Vorteil, wenn ich das Ruder in die Hand nehme.«

»Wer oder was gibt dir das Recht dazu, Jameson?« Es kostete sie einige Mühe, den Mann so anzusprechen, doch da er sie einfach beim Vornamen nannte, wollte sie diesbezüglich keine Unsicherheit zeigen. »Wir sind gut ohne deine Einmischung zurechtgekommen.«

Rosalind Phelps, deren Schwiegertochter Clarissa und Victoria schnappten hörbar nach Luft. Offenbar hielten sie Rebecca Sues Widerworte für impertinent. Rose hingegen drückte kurz, aber kräftig ihre Hand, obwohl das jeder sehen konnte. Rebecca Sue mochte die Frau zunehmend mehr. Auch Valerie, ihre Tochter, schwieg, blickte allerdings ängstlich in die Runde. Die Jungen bei Tisch verhielten sich ebenfalls schweigsam.

»Der Name Williams gibt mir das Recht. Ich führe fortan die Plantage, da sie mir rechtlich zusteht, und ich werde sie an meinen Neffen Robert vererben. Es sei denn natürlich, dass ich einen eigenen Sohn als Erben einsetzen kann.«

Rebecca Sue blickte hinüber zu Bobby. Er musterte seinen Onkel seltsam grimmig, ließ seinen älteren Bruder David als rechtmäßigen Erben aber ebenfalls unerwähnt. Dachte er, es gäbe irgendwelche gewichtigen Gründe, dass sich alle Erwachsenen darüber ausschwiegen?

Nachdem die karge Mahlzeit beendet war, entschuldigten sich die Gäste und nahmen auch ihre Kinder mit hinaus. Es war Rose, die die Tür schloss, davor warf sie Rebecca Sue einen bedeutungsvollen Blick zu. Wollte Rose, dass sie von David erzählte? Oder genau das Gegenteil?

Albert und Nathan Jackson stürmten über die Terrassentür ins Freie, Bobby, den sie aufforderten, mit ihnen zu kommen, schüttelte jedoch den Kopf.

»Wo hält sich Marianna auf?«, fragte Jameson, im selben Atemzug rief er Benjamin zu, er solle ihm einen Whiskey servieren. Als dieser erklärte, es gebe keinen, jagte Jameson ihn mit übelsten Beschimpfungen aus dem Raum.

»Marianna ist dieser eigenartigen Julie Marino zuerst nach Richmond, dann nach Atlanta gefolgt«, erzählte Victoria launig. »Die Brillenschlange ist jetzt tot, was ich als Erleichterung empfinde, immerhin hatte sie es auf David abgesehen.«

Rebecca Sue presste die Lippen zusammen, aber Jameson hinterfragte die Kaltherzigkeit dieser Aussage nicht.

»Marianna arbeitet in Atlanta in einem Lazarett. Sie nennt sich eine Krankenschwester. Eine ausgesprochen unsittliche und ekelerregende Angelegenheit, doch sie hat ihren Kopf durchgesetzt. Vermutlich fehlte ihr der Vater, der ihr das verbieten konnte«, fuhr Victoria pikiert fort.

»So wird es sein«, stimmte Jameson zu, das seltsam süffisante Lächeln, das dabei seine Lippen umspielte, rief in Rebecca Sue ein unbehagliches Gefühl hervor. Ihr schoss ein neuer Gedanke durch den Kopf: Ist Jameson nicht vor Mariannas Geburt von der Plantage gejagt worden?Woher weiß er also von ihr? Immerhin hat er sich Bobby erst vorstellen lassen müssen. Oder war das gespielt? Hat der Mann Birch Island zeitlebens unter Beobachtung gehalten?

»Marcus Tanner hat aus Atlanta ein Telegramm geschickt, um uns mitzuteilen, dass es Marianna gut ginge«, erzählte Rebecca Sue und behielt Jameson genau im Blick.

»Wie freundlich von ihm.« Jameson nahm sein Glas und trank den letzten Schluck Wasser, wobei er angeekelt das Gesicht verzog. »Ein wenig Wein wird doch aufzutreiben sein?«, polterte er.

»Den gibt es nur für die Kranken«, murmelte Rebecca Sue und blickte Bobby nach. Der Elfjährige war unvermittelt aufgestanden und verließ ohne ein Wort das Zimmer. Hatte auch er durchschaut, dass Jameson in ihre Falle getappt war? Die Williams waren keine Unbekannten im Land, über sie könnte Jameson sich immer wieder informiert haben. Dass er jedoch nicht nachfragte, wer Marcus Tanner sei, bewies, dass er über das Leben auf der Plantage erstaunlich detailliert Bescheid wusste. Woher sonst sollte er Kenneths früheren West-Point-Kameraden und Annies Cousin kennen?

Rebecca Sue entschuldigte sich und verließ den Speiseraum. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sackten ihre Schultern nach unten. Dieser Mann war ihrer aller Feind!

~ Chimborazo Hospital, Richmond ~

Langsam schob sich David auf die Ellenbogen und sah sich um. Die Unruhe inmitten der Krankenhausabteilung verleitete ihn zu der Frage, ob die feindliche Potomac-Armee vor der Tür stand. »Kein Zimmer frei«, murmelte er in seiner üblichen sarkastischen Art und schwang die Beine über die Pritsche. Tatsächlich war das Chimborazo Hospital, auf einer Anhöhe oberhalb der konföderierten Hauptstadt Richmond gelegen, völlig überfüllt.

»Was ist los?« David blinzelte gegen die künstlichen Lichtquellen an, der Morgen graute noch nicht einmal herauf.

»Sherman ist mit seinen Mordbrennern in Savannah«, lautete die entrüstet klingende Antwort eines anderen Verwundeten. David war mehr erstaunt darüber, wie schnell die Yankees sich plötzlich voranbewegen konnten, als über den Umstand, dass sie – ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen – ganz Georgia hatten durchqueren können. Die wenigen Soldaten, die der Süden noch aufbringen konnte, standen inzwischen kurz vor dem Verhungern. Zudem fehlte es nicht nur an Uniformen und Schuhen, sondern auch an Pferden, Waffen und Munition. Die Kampfmoral der einst glühenden und erfolgreichen konföderierten Soldaten war längst verflogen.

Erleichtert darüber, dass er nicht in den nächsten Minuten in die geladene Waffe eines Unionssoldaten blicken musste, wollte sich David wieder niederlegen, doch da kam ihm ein anderer Gedanke. Elektrisiert sprang er auf und bezahlte dies mit einem heftigen Schwindel. Schnell ließ er sich fallen und traf sogar sein Lager. Er legte sich flach hin, und nach wenigen Sekunden konnte er endlich klar sehen.

Dieser Schwindel war im Moment sein größter Feind. Noch immer hatte er sich nicht von dem hohen Blutverlust durch seine Verletzungen erholt, woran auch die magere Versorgungslage Schuld trug. Manchmal fragte er sich, warum er es eigentlich so eilig hatte, wieder gesund zu werden. Die Soldaten in den Verteidigungslinien waren nicht zu beneiden.

Wenn Sherman sich an Georgias Küste aufhielt, hatte er es nicht weit bis hinüber nach South Carolina. Die beiden Carolinas waren, ausgenommen die Hafenstädte, bisher vom Kriegsgeschehen verschont geblieben. Doch da South Carolina als die Wiege der Rebellion galt, war nicht auszuschließen, dass Sherman seine plündernde Armee genau dorthin schicken würde.

David runzelte die Stirn, was ihm unangenehm seine Verletzung an der Schläfe in Erinnerung rief. Birch Island lag zwar abseits der Wegstrecke zur Bundeshauptstadt, aber nicht weit genug davon entfernt. Ausschwärmende Truppenteile könnten in den District gelangen. Sollte er zusehen, dass er hier wegkam, um sich auf den Weg nach South Carolina zu begeben, zur Plantage seines Vaters, zu seiner Familie und zu Annie?

Noch bevor er die Tür erreichte, hielt er inne. Er konnte die weite Reise nicht antreten, nicht in seiner körperlichen Verfassung. Außerdem war er nicht aus der Armee entlassen, und Urlaub wurde nicht mehr gewährt. Um Genesungsurlaub in der Heimat musste er erst recht nicht ersuchen, denn der zuständige Arzt würde ihn nicht gehen lassen. Bis David in sein Korps zurückkehren konnte, war er hier im Hospital als Handlanger für die Ärzte unersetzlich.

David ging zurück zu seinem Platz. Das Ende des Südens, wie sie ihn vor dem Krieg gekannt hatten, würde nun schonungslos über sie hinwegbrechen. Dennoch sehnte er das Kriegsende herbei.

»Sie scheinen sich über die schlechten Nachrichten nicht zu ärgern, Captain Williams«, brummte sein Bettnachbar.

»Ich kann sie nicht ändern, warum also sollte ich mich aufregen?« David setzte sich und sprach aus, was ihn beschäftigte: »Unsere Armee ist am Ende und damit die Konföderation ebenfalls. Was von Anfang an abzusehen war.«

»Ihnen hat der Schlag auf den Kopf wohl das Gehirn durcheinandergeschüttelt«, fauchte ihn sein Gesprächspartner an, und David musste sich bewusst machen, dass er mit seiner Meinung weiterhin ein Sonderling war.

»Wenn wir alle eine solch negative Einstellung hätten, wären wir schon längst von den Yankees überrollt worden«, mischte sich ein verwundeter Lieutenant ein.

»Vielleicht wäre das humaner gewesen«, gab David wie immer den Rebellen unter den Rebellen. »Dann wären jetzt mehr Männer am Leben, mehr Farmen intakt, mehr Fabrikanlagen funktionstüchtig, ganze Städte würden noch stehen. Möglicherweise hätte es sogar einen Weg gegeben, zu den Rahmenbedingungen vor der Sezession zurückzukehren. Mit Ausnahme der Sklaverei, was nur gut wäre. Nun haben wir ein zerstörtes Land und wohl bald einen Siegfrieden, in dem uns der Norden seinen Willen aufzwingen kann.«

»Wenn ein hochrangiger Offizier ihre Worte hören könnte, würde der sie des Verrates bezichtigen.« Der Lieutenant wandte sich demonstrativ von ihm ab.

Andere Männer warfen ihm wütende Blicke zu. David legte sich zurück, verschränkte die Arme unter dem Kopf und schalt sich selbst einen närrischen Idioten. Er war hier genauso gefährdet wie inmitten der Unionsgefangenen, die ihn vor einigen Wochen so übel zugerichtet hatten. Wie hatte er annehmen können, dass die heißblütigen Männer des Südens inzwischen ähnlich dachten wie er – der Kerl, der schon von Kindesbeinen an ständig angeeckt war. Wobei – irgendwo musste es Gleichgesinnte geben. Entweder, weil sie von Anfang an wie er gedacht hatten, aber dennoch ihre Freiheit, Heimat und Lebensweise hatten verteidigen wollen, oder weil sie mittlerweile zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangt waren.

David schloss die Augen, er benötigte seinen Schlaf. Endlos lange Minuten später wurde ihm klar, dass er an diesem Ort keine Nacht mehr ruhig würde schlafen können. Die albtraumhaften Erinnerungen an die beiden Soldaten aus dem Norden, die ihn gnadenlos zusammengeschlagen hatten, rückten in den Vordergrund. Nur weil er mal wieder den Advocatus Diaboli hatte geben müssen.

~ Birch Island ~

Rebecca Sue entdeckte Bobby und Crystal vor der Bibliothekstür. Sie waren in eine sichtlich aufgeregte Diskussion vertieft, also änderte sie die Richtung.

»Ich traue ihm nicht«, sagte Bobby gerade.

»Mir geht es nicht anders. Vor allem, weil mich sein Wissen über Missi Marianna, Marc Tanner und auch was Master David anbelangt, stutzig macht«, pflichtete Crystal ihm bei.

»Mein Onkel weiß zu viel, das ist mir auch aufgefallen«, flüsterte Bobby mit vor Aufregung funkelnden Augen. »Er hat unsere Familie beobachtet, vielleicht über all die Jahre hinweg.« Der aufgeweckte Elfjährige mit dem wilden Lockenkopf zuckte zusammen, als er Rebecca Sue bemerkte. Dennoch sagte er: »Ihr beide wisst vermutlich mehr über Jameson Williams. Mir gegenüber wurde seine Existenz totgeschwiegen. Was hat es mit seiner Verbannung auf sich?«

»Ich weiß auch nicht mehr als du – nämlich nichts«, gab Rebecca Sue zu, wandte sich aber an Crystal. »Hat dir deine Großmutter etwas über den Skandal erzählt, den es gegeben haben soll?«, fragte sie. »Immerhin war sie Davids Mammy und lebte damals im Haus.«

»Missus …?« Crystal wand sich sichtlich, ihr Hilfe suchender Blick wanderte kurz zu Bobby, ehe sie die Augen wieder vorschriftsmäßig senkte.

»Wir müssen zusammenhalten«, begehrte Rebecca Sue auf, wenngleich leise und wissend, dass Crystals Zurückhaltung eine Forderung der Weißen war. »Ich denke, dieser Mann darf nicht die Herrschaft über Birch Island erhalten. Er muss einige wirklich böse Dinge getan haben, sonst hätte Bobbys Großmutter ihn nicht davongejagt. Du weißt, wie traditionsbewusst sie ist und wie viel die Familie ihr bedeutet.«

Crystal schwieg noch immer, was Rebecca Sue schwerere Geschütze auffahren ließ.

»Er hat beschlossen, dass die Nahrungsmittel für dich und deine Leute reduziert werden, damit wir wieder mehr bekommen«, sagte sie.

Sie sah, wie Crystal zusammenzuckte, diesmal ging ihr Blick zur Galerie hinauf. Rebecca Sue wusste genau, wen sie sich herbeiwünschte und zugleich in Gefahr sah, unter die Räder zu kommen. Rebecca Sue wollte Annie ebenfalls nicht in einer neuen Schlacht wissen, zumal sie zuerst einmal den Krieg in ihrem eigenen Körper gewinnen musste.

Bobby ergriff erneut Crystals Hand. »Wenn Onkel Jameson bleibt, wird er die geheimen Anpflanzungen entdecken, und –« Erschrocken riss Bobby die Augen auf.

»Ich weiß von diesen Feldern im Wald«, beteuerte Rebecca Sue sofort. »Annie hat mir davon erzählt.«

»Ihr versteht euch jetzt ganz gut, nicht wahr?«

Rebecca Sue nickte dem Jungen lediglich zu.

»Wir sollten woanders hingehen, Missus. Was ich zu erzählen habe, bedarf der Abgeschiedenheit«, flüsterte Crystal nun, als habe der kleine Austausch zwischen Bobby und Rebecca Sue ihr gezeigt, dass es von Vorteil wäre, Vertrauen zu zeigen.

»Gehen wir in mein Zimmer?«, schlug Bobby vor und lief schon voraus.

Rebecca Sue wandte sich um und folgte ihm. Crystal, die ihr eigentlich in einigem Abstand folgen sollte, schloss sofort auf und wagte es sogar, sie am Arm zurückzuhalten. Verwundert und ein klein wenig aufgebracht, weil sich diese Berührung nicht gehörte, blieb Rebecca Sue stehen.

»Entschuldigen Sie bitte meine Unverfrorenheit, Missus. Aber Bobby sollte das … vielleicht nicht hören.«

Beunruhigt blickte Rebecca Sue die Stufen hinauf, doch Bobby war bereits hinter dem Bogen verschwunden, der den Familienflur von der Galerie trennte. »Dann sprich. Der Junge wird uns gleich vermissen.«

»Greg Meadow hat damals in verbotenen Unterlagen des Mistas herumgeschnüffelt und dann Missi Annie von Gerichtspapieren erzählt. Aus ihnen geht hervor, dass Missi Marianna nicht Mista Richard Williams’ Kind ist, sondern das von Mista Jameson.«

»Wie bitte?« Rebecca Sue erschrak selbst über ihre heftige Reaktion. Prüfend sah sie sich um, doch sie waren noch immer allein. »Das zu behaupten ist eine Unverschämtheit! Ich lasse nicht zu, dass –«

»Bitte, Missus!« Crystal hatte erschrocken die Augen aufgerissen. »Ich weiß, wo diese Papiere sind, und könnte sie Ihnen zeigen, obwohl ich das eigentlich nicht darf, denn Mista Williams hat mir verboten, diese und andere Unterlagen zur Hand zu nehmen. Aber in diesem Fall …« Sie deutete auf die geschlossene Tür zum Speisesaal, hinter der sie Jameson wussten.

»Es gibt diese Gerichtsunterlagen wirklich?«, hakte Rebecca Sue fassungslos nach. Denn das hieße, dass Richard von seiner Ehefrau und seinem Bruder betrogen worden war. Allerdings musste er ihr vergeben haben, immerhin war nach Marianna auch noch Bobby zur Welt gekommen. Und soweit sie wusste, hatte Richard den frühen Tod seiner Frau vehement betrauert. »Du denkst, Jameson ist wegen Marianna zurückgekommen?«, fragte Rebecca Sue.

»Er war schon einmal hier, das ist jetzt etwa ein Jahr her. Damals wollte er Missi Marianna die Wahrheit sagen und sie mitnehmen. Missi Annie hatte sehr viel Mühe, die junge Missi zu einer schnellen Abreise zu bewegen und den Mista irgendwie wieder loszuwerden.«

Jetzt erst ging Rebecca Sue die tatsächliche Tragweite ihrer Schwierigkeiten auf, die sie diesmal ohne die noch immer angeschlagene Annie würde bewältigen müssen. Und ohne die Matriarchin, die ebenfalls geschwächt war.

»Danke, Crystal. Vor allem für deine Rücksicht dem Jungen gegenüber.« Rebecca Sue ging die Stufen hinauf, dabei drehten sich ihre Gedanken um die ihr folgende Sklavin. Annie weihte Crystal offenbar in viele Geheimnisse ein, und ihr Schwiegervater Richard musste der Sklavin ebenfalls vertraut haben. Rebecca Sue erlebte Crystal als verantwortungsbewusst, intelligent und treu. Sie hatte Annies Mädchen völlig falsch eingeschätzt. Vielleicht, so überlegte Rebecca Sue, nicht nur sie. Hatten ihre Eltern ihr von klein auf ein dermaßen verkehrtes Bild von den Sklaven vermittelt? Denn diejenigen, die sie auf Annies Anraten hin in den letzten Monaten näher an sich herangelassen hatte, waren weder dumm noch gefühllos. Wie blind sie nur gewesen war! Und ungerecht, ja verwerflich überheblich und grausam.

Rebecca Sue eilte in Bobbys Zimmer, Crystal schloss die Tür. Annies Schüler saß auf seinem Bett und hatte zwei Stühle bereitgestellt. Rebecca Sue setzte sich und beobachtete irritiert, mit welcher Selbstverständlichkeit Crystal Platz nahm. Die Mitte Zwanzigjährige legte ein überraschendes Selbstbewusstsein an den Tag. Früher hätte Rebecca Sue es wohl für gefährlich und aufrührerisch gehalten.

Crystal erzählte, was sie von Jameson wusste, ließ in Bobbys Gegenwart jedoch die Sache mit der Vaterschaft von Marianna aus. Aber allein Jamesons nachweislicher Versuch, seinen Bruder Richard zu töten – damals war Jameson noch nicht einmal volljährig gewesen –, und verschiedene nachfolgende Verdachtsmomente zeigten ausreichend dessen Skrupellosigkeit auf. Untrennbar verbunden damit waren sein jetziges Auftauchen und sein erneut erhobener Anspruch auf Birch Island.

»Er ist mein Onkel. Aber ich möchte ihn hier nicht haben.« Bobbys Worte klangen überraschend fest und im Tonfall ebenso rebellisch, wie David hier einst aufgetreten war. »Mir gefällt nicht, dass er die Birch-Island-Leute benachteiligen will. Und dass er nicht auf dich hören wird – vermutlich auch nicht auf Miss Annie.«

Rebecca Sue nickte dem Jungen zu, dessen Entwicklung maßgeblich von Annie gefördert worden war. Sie hatte vermutet, dass Bobby wusste, wer die Zügel auf Birch Island in Händen hielt, nämlich Annie. Jetzt hatte sie die Bestätigung.

Rebecca Sue musste das Gehörte erst einmal verarbeiten. Sie hoffte, ihre reizende Schwägerin Marianna müsste nie erfahren, dass sie das Kind eines widerwärtigen Mannes und einer Ehebrecherin war.

»Sollen wir Miss Annie fragen, was wir tun können?«, schlug Bobby schließlich vor, sah dabei jedoch Crystal an.

»Lieber nicht. Sie ist so geschwächt.«

»Aber was machen wir?« Bobbys Hände waren fest zu kleinen Fäusten geballt.

»Konfrontieren wir ihn mit unseren Vorwürfen und Verdächtigungen und hoffen, dass er dann geht«, entgegnete Rebecca Sue.

»Entschuldigung, Missus. Doch ein Mann, von dem wir annehmen, dass er willentlich den Tod von Master David in Kauf genommen hat, wird sich von Drohungen kaum einschüchtern lassen.« Sie deutete auf Bobby und auf sich selbst, die Botschaft dahinter war klar. Bobby war noch ein unmündiges Kind, Crystal nur eine Sklavin, deren Wort nichts galt, und Rebecca Sue eine Frau, die zwar in die Familie eingeheiratet hatte, deren Mann aber tot war.

Überfordert vergrub Rebecca Sue ihr Gesicht in ihren Händen. Bis zum Kriegsbeginn waren alle Widrigkeiten von ihr ferngehalten worden. Nun musste sie sich ihnen stellen, um den Frieden auf der Plantage zu wahren. Nur wie?

~ Chimborazo Hospital, Richmond ~

Die Nacht verging quälend langsam. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster in die Baracken fielen, erhob sich David. Er ließ sich von dem diensthabenden Arzt einige Arbeiten zuteilen. Plötzlich trat jemand hinter ihn und räusperte sich. »Doc Williams?«

David nickte dem älteren Soldaten zu.

»Zwei Briefe für Sie, Doc. Einer aus South Carolina und einer von General Robert E. Lee, Sir.«

»Legen Sie die Briefe bitte dort in die Kiste, ich lese sie später.« Er hob seine blutverschmutzten Hände, und der Mann legte die Umschläge in die fast leere Verbandskiste und entfernte sich wieder.

»Sie kennen den General persönlich?«, wollte sein Patient wissen. Die Schweißperlen auf seiner Stirn verrieten seine Schmerzen.

»Ein wenig. Mein Vater war mit ihm bekannt.« David fragte sich, warum ihm der Oberbefehlshaber der Konföderierten Armee schrieb, zwang seine Konzentration aber auf seinen Patienten zurück. »Wenn Sie es nicht mehr aushalten, sagen Sie es. Ich kann Ihnen Chloroform geben.«

»Sparen Sie das lieber für die armen Kerle da drüben.« Der Soldat deutete hinter den Vorhang, wo Amputationen stattfanden. »Mir reicht ein Stück Stoff oder Leder, auf das ich beißen kann, Doc, und dann tun Sie, was getan werden muss.«

Als David seine Instrumente beiseitelegte, hatte der Verwundete das Bewusstsein verloren. Er säuberte die Wunde ein weiteres Mal und legte einen Verband an. Kaum fertig, regte sich der Mann wieder und blinzelte verwirrt zu seinem Arzt mit dem Kopfverband hinauf. »Fertig?«, fragte er stöhnend.

»Ich hoffe, die Wunde wird jetzt endlich heilen.«

»Danke, Doc. Und entschuldigen Sie, dass ich Sie unterwegs alleingelassen habe.«

David grinste über den Galgenhumor. Er legte das benutzte Besteck in eine Schüssel und erhob sich.

»He, Doc? Wenn ich mal etwas für Sie tun kann, sagen Sie es. Ich stehe in Ihrer Schuld.«

»Sie kämpfen, und ich operiere. Das ist unsere Arbeitsteilung in diesem Krieg.« David wandte sich um und ging durch die Reihen der Soldaten. Er reinigte seine Instrumente und seine Hände, dann erst holte er seine Post. Abseits der Baracke suchte er sich einen ruhigen Platz. Neben einer Regentonne setzte er sich auf den Boden und betrachtete die beiden Umschläge. Bobbys Brief war direkt an das Hospital in Richmond adressiert, demnach mussten Joe Cobbs Zeilen mit der Nachricht, dass David nur versehentlich auf der Liste der Gefallenen gestanden hatte, Birch Island doch noch erreicht haben. Erleichtert atmete er auf – sein Bruder und Annie hatten sicher furchtbar gelitten …

Er öffnete das Schreiben des Full Generals. Lee teilte ihm in wenigen Zeilen mit, dass er erfahren hatte, wo Richard Williams abgeblieben war. Er nannte den Namen eines Gefangenenlagers im Norden, mit dem David jedoch nichts anfangen konnte. Der Anflug von Erleichterung, weil sein Vater noch lebte, verflog mit dem nachfolgenden Satz. Offenbar war Richard in ein Lazarett verlegt worden, da er an einer schweren Lungenentzündung erkrankt war und massive Probleme mit dem Herzen hatte. David hegte wenig Hoffnung, dass sein Vater das überlebt haben könnte. Die Trauer, die er schon einmal durchlebt hatte, füllte erneut sein Herz, allerdings nicht mehr so schneidend wie noch vor einigen Monaten. Vielleicht war er endgültig abgestumpft, vielleicht war dies aber auch nur ein Zeichen dafür, einen Teil seines Verlustes bereits überwunden zu haben.

Er zerknüllte den Brief, dabei verrutschte sein Kopfverband, und genervt riss er die Baumwolltücher herunter. In Gedanken war er bei all den Menschen, die er, neben seinem Vater, durch den Krieg verloren hatte: seinen Bruder Kenneth und ihren Nachbarn Thomas Barrie. Dazu Lieutenant Lockheart und Walter Walker, jener Mann, der ihm ein Freund geworden war. Nineteen, gestorben an seinem neunzehnten Geburtstag, und Johnny Rebmann. David schloss die Augen. Er vermisste den Freund schmerzlich. Dass Johnny nie zu seiner Frau Bee und seinem kleinen Sohn zurückkehren würde, verschärfte diese Pein noch. Außerdem waren da noch so viele mehr, um die er trauerte … Die Liste wollte kein Ende nehmen.

Davids Gedanken wanderten zurück zu Johnny Rebmann, den die Soldaten auch – mal dankbar, mal spöttisch – Preacherman genannt hatten. Er blinzelte kurz gegen die Sonne an, dann begann er zu beten, so wie Johnny es ihn geleert hatte: als sitze Gott direkt neben ihm, bereit, ihm zuzuhören.

Schließlich öffnete er das von Birch Island stammende Kuvert. Bobby hatte nicht so viel geschrieben wie früher, vielleicht weil ihm endgültig das Papier ausgegangen war, außerdem war der Brief schon einige Wochen alt.

Gegen Ende erweckten Bobbys Zeilen einen Sturm in seinem Herzen. Seine wunderbare, geliebte Annie war erkrankt!

Es begann in der Nacht, nachdem Dr. Cobbs Brief kam und uns informiert hat, dass du nicht gestorben bist. Ich habe gehört, was Rebecca Sue zu Crystal gesagt hat. (Die beiden pflegen Miss Annie.) Sie meint, wenn das Fieber weiterhin so hoch bleibt und Annie trotzdem überlebt, wäre sie nicht mehr so wie früher. David, was meinte sie damit? Dass Miss Annie im Kopf … nicht mehr richtig ist? (Ich weiß nicht, wie ich es anders schreiben soll.) Ich habe Rebecca Sue gefragt, aber sie hat mir keine Antwort gegeben. Crystal fing an zu weinen und Rebecca Sue dann auch.

Ich bin so verzweifelt. Vielleicht kannst du das nicht verstehen, weil ihr euch immer gestritten habt, aber Miss Annie ist für mich viel mehr als eine Lehrerin. Vielleicht ist sie das, was unsere Mutter für mich gewesen wäre. Ich weiß es nicht, weil ich Mutter nie gekannt habe. Aber ich habe bemerkt, wie gut es ist, jemanden wie Miss Annie zu haben, und ich möchte sie nicht verlieren!

»Doch, Bobby. Ich verstehe dich mehr, als du dir vorstellen kannst«, flüsterte David vor sich hin. Sein Kopf begann wieder stärker zu schmerzen, und die Narbe an seinem Hals pochte, als schlage jemand mit einem Stock dagegen. Er drehte das Papier und las hastig weiter, allerdings ließ das, was Bobby schrieb, nicht darauf schließen, ob es Annie inzwischen besser ging.

Als Crystal Rebecca Sue gesagt hat, dass Annie die Hälfte ihrer Nahrungsration an Victoria abgegeben hat, obwohl sie als Mama ohnehin eine größere Ration bekommt, ist Rebecca Sue sehr wütend geworden. Ich wusste nicht, dass sie so laut werden kann oder überhaupt eine der Frauen! Ich war gerade bei Miss Annie im Zimmer, weil ich ihr immer etwas vorlese. Ich muss einfach bei ihr sein!

David ballte die freie Hand zur Faust. Er sollte jetzt bei Annie sein. Am besten, er suchte sich noch heute ein Pferd, um nach South Carolina zu reiten. Er musste zu Annie!

Rebecca Sue war nicht wütend, weil Miss Annie so wenig gegessen hat, sondern weil Victoria die Lebensmittel genommen hat. Vor allem, weil sie auch von Großmutters Ration abbekommen hat. Immerhin isst der kleine William auch schon feste Nahrung. Miss Annie hat sehr schwer gearbeitet. Ich glaube, die einzige ruhige Zeit am Tag war während des Unterrichts. Und was tut Victoria? Nichts.

Ich bin richtig böse auf sie! Aber sie ist meine Schwester, und deshalb darf ich das doch nicht, oder?

David litt mit seinem Bruder. Er war noch so jung und musste so viele Verluste hinnehmen, dazu den Zerfall seiner Welt. Außerdem war er zwischen den Menschen auf Birch Island hin und her gerissen, denen er eigentlich nur Zuneigung entgegenbringen sollte – und von ihnen erhalten sollte. Davids Groll gegen seine selbstsüchtige Schwester wuchs weiter an.

Ich hätte Miss Annie helfen sollen, anstatt mit Albert, Nathan und Michael durch die Wälder zu streifen. Es tut mir so unendlich leid.

»Nicht, Bobby!«, flüsterte David und presste die Zähne zusammen. Wenn sich jemand etwas vorzuwerfen hatte, dann er, David. Niemand hatte ihn gezwungen, in die Armee einzutreten. Als Arzt hätte er im District bleiben können, zumindest so lange, bis man ihn einberief. Er hatte die Menschen dort, allen voran Annie und Bobby, im Stich gelassen. Niemals hätten Rebecca Sue, Victoria und die anderen Frauen aus dem District so auf Annie herumhacken können oder Meadow und Brady ihr das Leben schwer machen, wäre er vor Ort gewesen. Die Liste ließe sich noch fortsetzen, schließlich gab es da noch diesen fehlgeleiteten Fremden aus Washington City, die Intendantur, die Gefahren durch Annies Reisen nach Richmond und Charleston …

Allerdings hätte David eine Zwangsrekrutierung im Jahr 1863 in die Reihen der Armee gezwungen, und es war Annies Wunsch gewesen, ihre Verlobung geheim zu halten – wobei er dies verstand. Noch heute schützte ihr Geheimnis Annie vor patriotischen Anfeindungen.

Großmutter hat Victoria angedroht, dass sie und ihre Kinder auf Newtons Plantage nach Missouri zurückmüssen. Ich glaube, sie hat auch Angst um Miss Annie, obwohl sie ihr gegenüber oft schroff ist. Aber ich denke, Miss Annie muss man einfach gernhaben, selbst unsere Großmutter. Jedenfalls wäre es für Miss Annie schlimm, falls Victorias Tochter Grace gehen müsste, denn sie hängt sehr an der Kleinen. Und Grace an ihr. Victoria und ihre Mammy haben nicht viel für sie übrig.

Bobbys Erzählung von dem verletzten Soldaten, den Annie gepflegt hatte, verleitete David zu der Überlegung, ob Annies Bruder Samuel – nachdem David ihn zusammengeflickt hatte – nicht in den Norden, sondern in den Süden geritten sein könnte. Des Weiteren erfuhr David, jetzt fast im Telegrammstil, weil das Papier zur Neige ging, dass der Fremde da gewesen und seine Tochter Kathleen auf Birch Island zurückgelassen habe. Bobby schrieb, wie schlau das Mädchen sei, aber auch, wie schnell sie anderen mit ihrem Geplapper auf die Nerven ging. Bobby hatte nicht einmal mehr Platz gefunden, den Brief zu unterschreiben.

Aufgewühlt faltete David das Papier zusammen und schob es in seine Hosentasche. Dann stand er auf, kämpfte einen Schwindel nieder und betrat wenig später eine der Hospitalbaracken.

24. Dezember 1864 – 16. Februar 1865

Zwei

~ Birch Island ~

Der Wald bildete eine einzige dunkle Fläche, nur vereinzelte hochgewachsene Koniferen ragten in bizarrer Formation gen Himmel. Jenseits des Forstes thronte der nicht mehr ganz volle Mond mit seinen Verschattungen und schien sich dort festzuklammern, denn über den Feldern ging bereits die Sonne auf. Ihre Strahlen verwandelten den vormals grauen Bodennebel in pastellgelben und -blauen Tüll.