Die Farbe Blau - Jörg Kastner - E-Book

Die Farbe Blau E-Book

Jörg Kastner

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  • Herausgeber: hockebooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2016
Beschreibung

Blau – Farbe der Könige und Farbe des Todes: Amsterdam, 1669. Grauenhafte Mordfälle erschüttern das Herz der Niederlande. Hochstehende Bürger haben ihre Familien wie im Rausch bestialisch hingemetzelt. Immer war ein Gemälde im Spiel, wie von Rembrandt gemalt, aber in einem starken Blau gehalten – jener Farbe, die der berühmte Meister ein Leben lang mied. Der erfolglose junge Maler Cornelis Suythof verdingt sich bei Rembrandt selbst als Schüler, um dem Geheimnis des Todesbildes auf die Spur zu kommen. Bald entwickelt er starke Gefühle für Rembrandts Tochter Cornelia, aber die unheimlichen Vorfälle reißen nicht ab. Gemeinsam mit Inspektor Jeremias Katoen versucht Suythof, das düstere Geflecht aus Kunst, Politik und Mord zu entwirren.

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Seitenzahl: 536

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Jörg Kastner

Die Farbe Blau

Roman

Roman nach den Aufzeichnungen des Malers und Zuchthausaufsehers Cornelis Batholosmeusz. Suythof   Niedergeschrieben zu Amsterdam, an Bord des Seglers Tulpenburgh und zu Batavia in den Jahren 1670 bis 1673

Für meine Frau Corinna, die während der langen Arbeit an diesem Buch nicht nur in Amsterdam an meiner Seite war. JK

Prolog: Das untreue Herz

Wilhelm fühlte sich beklommen. Ihm war, als läge auf seiner Brust ein Mühlstein, der ihm die Luft abschnürte. Und er fror. Es war die Kälte des Todes, die ihn streifte, als er mit seinen Gästen den Speisesaal verließ, um ihnen ein paar erst kürzlich erworbene Wandteppiche zu zeigen. Nicht Prahlsucht war es, was ihn dazu veranlasste, sondern ehrlicher Stolz und tiefempfundene Freude über die Kunstwerke. In Zeiten wie diesen, angefüllt von Krieg und Intrigen, bedurfte der menschliche Geist der Erholung, die das Betrachten eines schönen Gemäldes oder eines prachtvollen Wandbildnisses bot, dringender denn je.

Wilhelms Söhne Moritz und Justin führten die Zuhörer an, die einen Halbkreis um den Generalstatthalter der Niederlande bildeten. Die Männer seiner Leibwache hielten sich im Hintergrund. Sie wussten, dass der Prinz von Oranien es nicht mochte, wenn sie ihm zu nahe kamen. Er fühlte und gab sich als ein Mann des Volkes, der immer ein offenes Ohr für Bittsteller hatte. Dazu hätte es kaum gepasst, sich von einem Trupp Hellebardiere abschirmen zu lassen.

Eben wollte er seinen Zuhörern einen weiteren Wandteppich vorstellen, da entstand Unruhe unter den Wachen. Der Hauptmann, der den kleinen Wachtrupp anführte, sprach aufgeregt mit einem Mann, der offenbar versuchte, sich zwischen den Soldaten hindurchzudrängen. Wilhelm erkundigte sich, was da los sei.

»Dieser Herr will mit Euch sprechen, Prinz«, antwortete der Hauptmann und wies auf den Fremden. »Er will einfach nicht verstehen, dass Ihr jetzt anderweitig beschäftigt seid.«

Wilhelm trat zwei Schritte auf die Wachen zu und musterte den Störenfried. Der Mann war noch jung, kaum älter als zwanzig, und trug unter seinem schweren Mantel Kleidung von französischem Schnitt. Er wirkte äußert gepflegt. Die dunkle Färbung der Haut ließ auf einen Ausländer schließen, ein Südfranzose vielleicht oder ein Italiener. Die äußere Ruhe des Fremden jedoch täuschte. Wilhelm bemerkte ein unsicheres Flackern in den schmalen Augen und sah mehrmals die Lider zucken. Der Mann schien unter großem Druck zu stehen.

Der Prinz von Oranien setzte ein freundliches Gesicht auf und hob an, den Fremden nach seinem Anliegen zu fragen. Doch bevor er noch die erste Silbe hervorbrachte, erstarrte er. Sein Blick fiel auf die Hand, die unter dem Mantel des Eindringlings hervorkam und etwas Schweres hielt. In dem Licht, das durch die großen Fenster hereinfiel, glänzte der längliche Gegenstand metallisch. Als Wilhelm endlich begriff, dass der Mann eine Pistole auf ihn richtete, blendete ihn auch schon ein Flammenstrahl, und fast zeitgleich vernahm er die Detonation des Schusses.

Er spürte einen Schlag gegen die rechte Wange und gleich darauf einen stechenden Schmerz, während Flammen ihn umloderten: Feuer, das geradewegs vor seinem Gesicht aufflackerte. Seine Halskrause war durch den Flammenstrahl aus der Pistole entzündet worden. Endlich löste er sich aus seiner Erstarrung und schlug hektisch nach den Flammen.

Gleichzeitig sah er den Fremden an. Der stand leicht vornübergebeugt und starrte auf die Hand, die eben noch die Pistole gehalten hatte. Die Waffe war verschwunden, und von der Hand war nichts übrig, als ein paar blutige Fleischfetzen. Die Pulverladung musste die Pistole auseinandergesprengt haben – und die Hand des Attentäters gleich mit.

Zwei Diener eilten herbei und halfen Wilhelm, die Flammen zu ersticken. Auch der Angreifer wurde umringt, von Wilhelms Wachen. Hellebarden und Schwerter fuhren in den Leib des Mannes, wieder und wieder, selbst dann noch, als er mit einer grotesken Drehung zu Boden sank und reglos vor den Soldatenstiefeln liegenblieb.

Das Feuer war gelöscht, aber der Schmerz in Hals und Mund war unerträglich. Kraftlos sackte Wilhelm zu Boden, als wollte er sich im Tod mit seinem Mörder vereinen.

Verwirrt schlug Wilhelm die Augen auf. Längst hatte die Morgendämmerung die Nacht verdrängt. Ein leichtes Brennen auf seiner rechten Wange hielt die Erinnerung wach. Mehr als zwei Jahre war es jetzt her, dass er dem Anschlag wie durch ein Wunder lebend entronnen war. Der gedungene Mörder dagegen, ein Spanier namens Juan Jauréguy, hatte unter den Schwert- und Hellebardenhieben der Wachen sein Leben gelassen. Die Ärzte waren in Scharen an Wilhelms Krankenbett geeilt, hatten sich zuversichtlich gezeigt, in Wahrheit aber selbst kaum daran geglaubt, den Generalstatthalter der Niederlande, dem die Kugel durch die rechte Wange und den Gaumen gefahren war, dem eisigen Griff des Todes entreißen zu können. Jetzt noch fröstelte es Wilhelm bei der Erinnerung an die langen Wochen, während deren er daniederlag, auf Weisung der Ärzte kein Wort sprechen durfte und die vordringlichsten Regierungsgeschäfte mittels Zeichen und einiger mit unsicherer Hand niedergeschriebener Anweisungen erledigte.

Seine Gesundheit hatte sich nie ganz erholt, aber das entmutigte ihn nicht. Auch weiterhin führte er den Freiheitskampf der Niederlande gegen Spanien, und immer noch suchte er ohne Angst vor heimlichen Mördern die Begegnung mit allen, die ihm ein Anliegen vortragen wollten. Obwohl Philipps Angebot unverändert galt.

Spaniens König Philipp II. hatte demjenigen, der Wilhelm tötete, eine Belohnung von fünfundzwanzigtausend Goldkronen versprochen, in barer Münze oder als Landbesitz. Einem Attentäter, der kein Edelmann war, winkte nach vollbrachter Tat die Erhebung in den Adelsstand. Die Tötung Wilhelms an sich war Philipp zufolge kein Verbrechen; der spanische König hatte den verhassten Rebellen mit dem Bann belegt und ihn für vogelfrei erklärt.

Wilhelm lächelte, als er aus dem Bett stieg und zum Fenster ging. König Philipps Offerte hatte ihm gezeigt, was für ein wertvoller Mann er war. Aber wichtiger war noch, dass Philipp ihn fürchtete. Als Generalstatthalter der Niederlande war er der militärische Oberbefehlshaber der sieben nördlichen Provinzen, die sich im Jahr 1579 zur Utrechter Union zusammengeschlossen und zwei Jahre später in einem feierlichen Akt vom spanischen König losgesagt hatten. Er hatte den Spaniern mehrere empfindliche Niederlagen beigebracht.

Er zog die schweren Vorhänge beiseite, um den neuen Tag zu begrüßen. Aber mitten in der Bewegung hielt er inne. Ein eisiger Hauch streifte ihn und ließ ihn erschauern, ähnlich jener Kälte, die er zwei Jahre zuvor an jenem Unglückstag in Antwerpen gespürt hatte.

Wilhelm schüttelte die Beklemmung ab und riss das Fenster auf. Hier war er in Delft, nicht in Antwerpen, und die einströmende Morgenluft kündigte einen warmen Sommertag an. Kein Grund für trübe Gedanken, sagte er sich, und nach einer kleinen Stärkung nahm er an seinem Schreibpult Platz, um wichtige Korrespondenz zu erledigen. Er arbeitete gern in der Abgeschiedenheit des St. Agathenstifts, das einmal ein bedeutendes Kloster gewesen war und jetzt in seinem nordöstlichen Teil den Prinzenhof beherbergte.

Später am Vormittag, als aus der morgendlichen Sommerwärme schon hochsommerliche Hitze geworden war, empfing er Rombout Uylenburgh, den Bürgermeister von Leeuwarden, um mit ihm Frieslands politische und religiöse Angelegenheiten zu besprechen. Erst die Trompetenstöße, die das Mittagsmahl ankündigten, unterbrachen ihre angeregte Unterhaltung. Auf dem Weg zum Speisesaal gesellten sich Wilhelms Frau Louise, seine Tochter Anna und seine Schwester Katharina, die Gräfin Schwarzburg, zu ihnen.

Ein paar Bittsteller hatten die Mittagszeit abgepasst, um Wilhelm ihre Anliegen vorzutragen, doch er wollte seine Gäste nicht warten lassen und vertröstete die Bittsteller auf die Zeit nach dem Mittagsmahl. Lediglich einen jungen Franzosen, der ihm einige Male wichtige Botschaften übermittelt, und den er auch schon mit Geld unterstützt hatte, winkte er zu sich heran. Dieser François Guyon hatte sich dem Calvinismus verschrieben und erzählt, sein Vater sei in Dôle für den neuen Glauben sogar gefoltert und ermordet worden.

»Was gibt es, Guyon?«, fragte Wilhelm. »Bringst du Neuigkeiten aus Frankreich, die keinen Aufschub dulden?«

Guyon, ein schmaler Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, nahm den dunkelblauen Filzhut ab, verneigte sich und schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Neuigkeiten, Prinz Wilhelm. Aber ich hoffe, auf meiner nächsten Reise welche in Erfahrung zu bringen. Und dafür benötige ich einen Pass.« Seine Stimme klang seltsam hohl und unsicher, so als sei er sich selbst darüber im Klaren, dass dies nicht der rechte Zeitpunkt war, Wilhelm mit einer Passangelegenheit zu belästigen.

»Später, nach dem Mahl«, sagte Wilhelm etwas unwirsch und bedeutete dem Franzosen, er solle bei den anderen Bittstellern auf ihn warten.

Guyon zog sich mit verstörter Miene zurück.

Als Wilhelm mit seinen Begleitern den Speisesaal betrat, sagte Louise leise zu ihm: »Der Mann, mit dem du da eben gesprochen hast, gefällt mir nicht. Er hat sich seltsam benommen.«

Wilhelm erwiderte lächelnd: »Er ist kein schlechter Mensch. Ich bin ihm schon mehrmals begegnet. Wenn er etwas gegen mich im Schilde führte, hätte er es längst in die Tat umsetzen können. Eben war er lediglich ein bisschen unbeholfen, wahrscheinlich hat ihn die Zahl der hohen Herrschaften erschreckt.«

Erst nach dem Essen, als vor dem Speisesaal erneut mehrere Bittsteller auf ihn zukamen, fiel Guyon ihm wieder ein. Der Franzose stand in einer Reihe Wartender und schien sich in Geduld zu üben. Wilhelm besprach eine militärische Angelegenheit mit einem walisischen Offizier und wandte sich danach einem italienischen Kaufmann zu, der andeutete, er verfügte über wichtige Informationen betreffend den Seehandel im Mittelmeer. Wilhelm wollte das nicht in der Öffentlichkeit erörtern und zog sich mit dem Italiener nach oben in sein Arbeitszimmer zurück.

Als er den Kaufmann verabschiedete und vor die Tür brachte, wartete dort bereits ein englischer Offizier, der grauköpfige Captain Williams. Er ließ sich auf ein Knie nieder, um Wilhelm sein Anliegen vorzutragen. In diesem Augenblick tauchte François Guyon auf, und ein Gedanke, der alles andere beiseite wischte, durchfuhr Wilhelm: Es ist genau wie in Antwerpen! Guyon hielt eine schwere Doppelpistole in der Rechten und zielte auf Wilhelm. Eine Stichflamme und Pulverrauch, die ohrenbetäubende Detonation des Schusses, und schon spürte Wilhelm einen schweren Schlag gegen seine Magengegend. Der rasende heiße Schmerz, der sich von der Wunde her ausbreitete, traf auf jenen kalten Hauch, den er schon am Morgen verspürt hatte. Der Tod hielt Wilhelm im eisigen Griff und war nicht gewillt, ihn noch einmal davonkommen zu lassen.

Noch bevor der Leibarzt zur Stelle war, erlag der Prinz von Oranien seiner schweren Verletzung.

Der Todesschütze wurde gefangengenommen. Er hieß mit richtigem Namen Balthasar Gérard, stammte aus der Freien Grafschaft Burgund und war in Wahrheit katholischen Glaubens und ein treuer Untertan des spanischen Königs. Er hatte sich in Delft den Anschein eines geflohenen Hugenotten gegeben und sich so Wilhelms Vertrauen erschlichen. Vermutlich hätte er seine Tat schon viel eher ausgeführt, wäre er im Besitz einer geeigneten Waffe gewesen. Die Doppelpistole hatte er erst kurz zuvor erworben, ausgerechnet von einem Angehörigen der Leibwache Wilhelms, dem er weisgemacht hatte, er benötige die Waffe zum Schutz gegen das Gesindel, das abends die Gassen von Delft unsicher machte.

Balthasar Gérard kam nicht in den Genuss der auf Wilhelms Tötung ausgesetzten Belohnung, aber sein Vater wurde von Philipp in den Stand des Edelmanns erhoben und mit Ländereien in Burgund beschenkt. Der Attentäter wurde nach schweren Folterungen zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils erfolgte nur vier Tage nach dem Mord, am vierzehnten Juli des Jahres 1584, vor dem Delfter Rathaus. Eine große Menschenmenge hatte sich zusammengedrängt, und bei vielen war die Trauer um Wilhelm überlagert von der Vorfreude darauf, seinen Mörder leiden und sterben zu sehen.

Zur Enttäuschung der Schaulustigen zeigte Gérard sich standhaft und gefasst. Er biss die Zähne zusammen, als man ihm auf dem Gerüst vor dem Rathaus die Hand, die den tödlichen Schuss abgegeben hatte, mit einem glühenden Eisen brannte, bis nur noch ein verkohlter Stumpf übrigblieb. Erst als ihm glühende Zangen an verschiedenen Stellen seines Leibes ins Fleisch fuhren und Stücke davon herausrissen, entrangen sich dumpfe Schmerzenslaute seiner Kehle.

Die Henkersknetche begannen, ihn bei lebendigem Leib zu vierteilen, indem sie seinen Körper von unten herauf aufschlitzten. Jetzt bäumte er sich auf, starrte mit vor Hass glühenden Augen in die Menge und schrie: »Ich verfluche euch alle, ihr seelenlosen Calvinisten! Euch, eure Kinder und Kindeskinder. Noch in hundert Jahren soll mein Fluch über euch kommen und über alle, die in euren gottverlassenen Niederlanden leben!«

Seine Stimme erstarb in einem gurgelnden Laut, als sein Bauch aufgeschnitten und das Herz herausgerissen wurde. Das »untreue Herz«, wie es im Urteilsspruch geheißen hatte, wurde ihm dreimal ins Angesicht geschlagen. Schließlich hieb man ihm den Kopf ab, schnitt die vier Teile seines Körpers auseinander und hängte sie an die vier Bollwerke der Stadt. Das versammelte Volk verfolgte dies alles mit Genugtuung, aber ein Schatten hatte sich auf die Menschen gelegt, und noch lange sprach man in Delft wie überall in den Niederlanden von Balthasar Gérards Fluch.

1. Kapitel : Der Tod im Rasphuis

Amsterdam, 7.August 1669

»Komm her, Cornelis, und ramm mir dein Messer in den Wanst!«

Ossel Jeuken lachte rau und wackelte dabei mit dem Kopf, was seine fleischigen Wangen beben ließ. Die Augen unter den wulstigen Brauen zwinkerten mir aufmunternd zu und schienen mich gleichzeitig zu necken. Ossel stand drei, vier Schritte vor mir, den massigen Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, die Arme mit den kräftigen Pranken ausgestreckt, als wolle er mich umarmen.

Oder mich zerdrücken, dachte ich, der ich selbst nicht gerade klein von Gestalt bin. Ossel aber überragte mich noch um Haupteslänge, und seine Arme hatten beinahe den Umfang meiner Oberschenkel.

Dennoch schien es mir verwegen, dass er mich aufforderte, das spanische Klappmesser mit der langen gebogenen Klinge zum Angriff zu benutzen. Ich hielt mich für recht geschickt mit der Waffe, die ich einem englischen Seemann beim Würfelspiel abgenommen hatte.

»Was zögerst du, Cornelis?«, dröhnte Ossel.

»Du willst es nicht anders«, knurrte ich und griff ihn mit einem schnellen Ausfallschritt an. Zugleich stieß meine Rechte das Messer gegen seinen massigen Brustkorb.

Doch Ossel stand nicht mehr an derselben Stelle. Innerhalb eines Augenblicks hatte er seine Position geändert, mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit, die sein schwerfällig wirkendes Äußeres Lügen strafte. Statt vor der spanischen Klinge zurückzuweichen, hatte er, schräg versetzt, einen Schritt nach vorn gemacht und mich mit festem Griff gepackt. Seine rechte Hand umfasste meinen Nacken und Hinterkopf, und die linke krallte sich in meinem rechten Oberarm so fest, dass es weh tat. Ehe ich mich noch besinnen konnte, brachte Ossel mich mit einer schnellen Drehung aus dem Gleichgewicht. Sein rechter Arm umspannte jetzt meinen Rücken, und mit der linken Hand malträtierte er meinen Arm. Letzteres hatte einen stechenden Schmerz zur Folge. Meine Hand zuckte unkontrolliert, und das Messer fiel mit einem lauten Klirren auf den schmutzigen Boden. Als Ossel den Druck auf meinen Rücken erhöhte, verlor ich vollends das Gleichgewicht und fiel hart auf meine Schulter.

Ich atmete heftig, schnappte nach Luft und schöpfte neue Hoffnung, als ich dicht neben mir die Messerklinge aufblitzen sah. Meine Hand flog zur Waffe, aber Ossels lederbeschuhter Fuß war schneller und klemmte das Messer auf dem Boden fest.

»Du solltest eingestehen, dass du verloren hast«, sagte er, von einem Ohr zum anderen grinsend, und beugte sich über mich. »Ein Mann sollte Tapferkeit niemals mit Dummheit verwechseln.«

Ich starrte zu ihm hinauf wie ein kleiner Junge zu seinem übermächtigen Vater und seufzte: »Ich gebe mich geschlagen. Gegen dich ist kein Kraut gewachsen, Meister Jeuken. Du bist ebenso stark wie geschickt.«

»Stark bin ich von Natur aus, die Geschicklichkeit habe ich durchs Üben erlangt«, erwiderte Ossel und streckte die Hand aus, um mir aufzuhelfen. »Wenn du genauso fleißig übst wie ich, wirst auch du die Kunst des Ringens beherrschen.«

»Bei solch einem Lehrmeister mit Sicherheit«, sagte ich, während ich rote Holzspäne von der Messerklinge wischte. Mein Arm schmerzte gehörig, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Schließlich war ich es gewesen, der um diese Übungsstunde gebeten hatte.

Ossel schüttelte den Kopf. »Ein Meister bin ich nun wirklich nicht, aber ich habe das Ringen bei einem wahren Meister gelernt.«

»Bei wem?«, fragte ich und klappte die Messerklinge zurück in den mit Messing und Hirschhorn beschlagenen Griff.

»Nicolaes Petter«, antwortete Ossel beiläufig, doch er wusste genau, welche Wirkung der Name hatte.

»Bei Nicolaes Petter, dem Leiter der berühmten Ringkampfschule?«, hakte ich dann auch staunend nach.

»Dem Begründer der Ringkampfschule«, stellte Ossel richtig. »Inzwischen wird sie von einem seiner Schüler geleitet, Robbert Cors.«

Es schien mir, als spreche mein Freund diesen Namen mit einiger Abneigung aus.

»Schwatzen wir nicht von vergangenen Zeiten«, sagte Ossel und baute sich breitbeinig vor mir auf. »Du wolltest von mir die Kunst des Ringens lernen, also los. Komm noch einmal auf mich zu, aber ganz langsam jetzt. Dann zeige ich dir, mit welchen Bewegungen ich deinen Angriff abgewehrt habe. Ein bisschen Kraft und etwas mehr Köpfchen wiegen schwerer als dein spanisches Messerchen, Cornelis.«

Ich nickte und machte mich zum Angriff bereit. Atmete tief durch und nahm den Geruch von frischem Holz in mich auf. Wir hatten uns für unsere Übungen das große Lager ausgesucht, in dem das brasilianische Hartholz darauf wartete, von den Insassen des Rasphuis zersägt und zerrieben – geraspelt – zu werden. Gerade als ich auf meinen Freund losgehen wollte, erscholl eine laute Stimme: »Ossel! Ossel! Wo steckst du?«

»Das ist Arne Peeters«, sagte Ossel verwundert und rief dem Arbeitskameraden zu: »Wir sind im Holzlager, Arne!«

Eilige Schritte kamen näher, die schwere Holzbohlentür flog donnernd auf, und Arne Peeters streckte seinen kahlen Kopf herein. Atemlos stammelte er: »Ossel, du musst sofort zu Melchers’ Zelle kommen, schnell! Es ist was Schreckliches passiert!«

»Was?«, fragte Ossel nur und griff ruhig nach seinem lederbedeckten Wams, das er neben einem Holzstapel abgelegt hatte. »Melchers … er ist tot!«

Von einer Sekunde auf die andere war Ossels Ruhe dahin. »Wie das?«, schnappte er und streifte hastig das Wams über.

»Er hat sich umgebracht. Ich wollte ihm das Essen bringen, da habe ich es gesehen. Die ganze Zelle ist voller Blut!«

Im Laufschritt folgten wir Peeters zur Zelle des Blaufärbermeisters Gysbert Melchers. Als wir durch den großen Raspsaal kamen, warfen die hart arbeitenden Gefangenen uns neugierige oder auch feindselige Blicke zu, ohne jedoch in ihrer Arbeit innezuhalten. Späne flogen durch den Raum, es roch nach Schweiß und Holz, und über allem schien der Geruch des Todes zu schweben. So jedenfalls kam es mir vor, während ich mit den beiden anderen Aufsehern zur Zelle des Mannes eilte, dessen Fall sechs Tage zuvor ganz Amsterdam erschüttert hatte. Gysbert Melchers war einer der angesehensten Blaufärber der Stadt und ein weit über Amsterdam hinaus geachtetes Mitglied seiner Zunft. Ein Mann, der sein Gewerbe mit Tüchtigkeit und Geschäftssinn betrieb und es zu ansehnlichem Wohlstand gebracht hatte. Nichts in seinem Verhalten, so sagten es später die Zeugen aus, hatte auf die Untat hingedeutet.

Am vergangenen Sonntagabend hatte er seine Frau und seine Kinder, einen Jungen von dreizehn Jahren sowie ein elf und ein acht Jahre altes Mädchen, auf grässliche Weise getötet. Er hatte sie mit einem Messer niedergestochen, ihnen reihum die Köpfe abgeschlagen und diese in einen Bottich mit Färberküpe geworfen. Bekanntgeworden war die Tat erst am Montagmorgen, als Melchers’ Gesellen das über den Sonntag in die Küpe gelegte Tuch herausholen wollten, um es an der frischen Luft zum Trocknen aufzuhängen. Einer der Männer, ein gewisser Aert Tefsen, zog mit den Tüchern auch die Köpfe der Ermordeten hervor. Die aufgeregten Gesellen suchten ihren Meister und fanden ihn in einem abgelegenen Winkel seines Hauses, wo er wie ein in die Enge getriebenes Tier am Boden kauerte und sie anstarrte. Er brachte kein vernünftiges Wort heraus. Neben ihm lag die blutige Axt, und seine Hände wie auch seine Kleider waren voller Blut. In der Wohnstube fanden die Gesellen kurz darauf die blutüberströmten Leiber der Ermordeten. Man brachte Melchers zum Verhör ins Rathaus, und erst unter Anwendung der Folter begann er zu sprechen. Er bekannte sich zu seiner Tat, wollte oder konnte aber keinen Grund dafür benennen, sondern sagte nur immer wieder, er habe es tun müssen. Am Mittwoch hatte man ihn dann ins Rasphuis eingewiesen, wo er auf seinen Prozess warten sollte. Auch hier war er sehr verschlossen gewesen.

Ich hatte zweimal vergebens versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, und es schließlich aufgegeben. Der Hausvater entschied, dass Melchers abgesondert in seiner Zelle bleiben sollte. Sein seltsam entrückter Zustand ließ es nicht ratsam erscheinen, ihn an der Arbeit im Raspsaal zu beteiligen. Der Hausvater befürchtete wohl, Melchers könnte mit der zwölfblättrigen Säge in der Hand erneut gewalttätig werden.

Als wir in den Gang einbogen, der zu Melchers’ Zelle führte, sah ich schon von Weitem, dass die Zellentür halb offenstand. Davor hatte Peeters eine schmucklose Schale mit Brei abgestellt, das Melchers zugedachte Essen. Ossel riss die schwere Tür mit einem Ruck ganz auf und starrte als erster in den kleinen Raum. Ich trat neben ihn und betrachtete das grausige Bild.

Während meiner zwei Jahre als Aufseher im Rasphuis hatte ich einiges gesehen, das einen empfindlicheren Magen als meinen in Aufruhr versetzt hätte, aber der Anblick Guysbert Melchers’ stellte alles andere in den Schatten. Ich atmete tief durch und zwang mich, den Würgereiz zu unterdrücken.

Von der imposanten Erscheinung, die der Blaufärber zu Lebzeiten abgegeben hatte, war nichts geblieben. Im Tod wirkte er jämmerlich. An seinen Handgelenken, aus denen Blut und Leben geströmt waren, hing das zerrissene Fleisch in Fetzen. Er lag auf der rechten Seite wie ein verendetes Tier, im Todeskampf zusammengekrümmt. Seine Augen waren unnatürlich weit aufgerissen, der Mund halb geöffnet und ringsum blutverschmiert. Blutig waren auch seine Zähne. Ich konnte nicht anders, ich musste an eine Bestie denken, an die blutigen Fänge eines Raubtiers.

»Wie hat er das bloß gemacht?«, fragte Arne Peeters und schüttelte ungläubig seinen kahlen Kopf. »Er hatte doch keine Waffe!«

»Siehst du denn die Zähne nicht?«, entgegnete Ossel mit ungewöhnlich rauer Stimme. Selbst den abgebrühten Zuchtmeister nahm der Anblick mit.

»Ja, seltsam, das viele Blut …«

»Nicht seltsam, sondern abscheulich«, sagte Ossel und führte seinen rechten Unterarm zum Mund, als wollte er sich ins Handgelenk beißen. »So hat er es getan.«

Peeters schluckte heftig. »Dass ein Mensch zu so etwas fähig ist.«

»Ein Mann, der seine Frau und seine unschuldigen Kinder niedermetzelt, dürfte zu fast allem imstande sein«, erwiderte ich und schob mich an Ossel vorbei, um die Zelle zu betreten, weil etwas an der hinteren Wand meine Aufmerksamkeit erregt hatte: ein undeutlicher Schatten, ein großes Viereck.

»Er muss große Angst vor seiner Bestrafung gehabt haben, dass er sich ihr auf diese Weise entzogen hat«, murmelte Peeters.

»Vielleicht hat er beschlossen, die Strafe selbst zu vollstrecken«, meinte ich.

»Oder er war ganz einfach nur verrückt«, sagte Ossel, der seine rechte Hand schwer auf meine Schulter legte und mich zu meiner Verwunderung davon abhielt, in die Zelle zu gehen. »Arne, verständige bitte den Hausvater!«

»Ja, ist gut«, antwortete Peeters und machte sich eilig davon.

Ossel blickte ihm nach, und als Peeters den Gang verlassen hatte, sagte er: »Er braucht das nicht zu sehen.« Dabei zeigte er auf den großen Gegenstand, der an der rückwärtigen Zellenwand lehnte.

»Was ist das?«, fragte ich.

Ossel betrat den düsteren Raum, sorgsam darauf bedacht, nicht in die große Blutlache zu geraten, die Melchers’ Leichnam umgab, griff hinter den Toten und zog ein Gemälde hervor, das in einen mit Schnitzereien verzierten Rahmen eingefasst war.

»Ein Bild?« Ich wunderte mich.

»Ja, ein Bild.«

Im Licht der beiden rußenden Lampen, die den Gang erhellten, betrachtete ich das Ölgemälde. Es zeigte unverkennbar den Toten, vermutlich im Kreis seiner Familie. Der Maler hatte einen zufriedenen Gysbert Melchers dargestellt, der an einem reichgedeckten Tisch saß. Neben ihm stand eine üppige, aber hübsche Frau, die ihm etwas in einen großen, silbern glänzenden Pokal goss. Ein Junge und zwei kleinere Mädchen standen links neben der Mutter und beobachteten die Eltern. »Melchers und seine Familie – seine Opfer«, sagte ich leise. »Richtig erkannt, Cornelis. Das Gemälde hing bis vor kurzem in seiner guten Stube.«

»Wie kommt es hierher?«

Ossel sah zu dem Toten. »Er hatte mich darum gebeten.«

»Ge-be-ten?«, wiederholte ich. »Aber Ossel …«

»Jajaja, ich weiß, dass es untersagt ist, den Gefangenen irgendwelche häuslichen Dinge in die Zellen zu bringen. Aber der Blaufärber hat mich regelrecht angefleht. Und außerdem …«

»Außerdem?«, hakte ich nach, als mein Freund zögerte.

»Außerdem sind zehn Gulden eine Menge Geld!«

»In der Tat. Erstaunlich!«

»Was? Dass Melchers so viel Geld dafür bezahlt, sein eigenes Bild bei sich zu haben? Vielleicht sollte es ihm Trost spenden. Oder er wollte sich mit dem ständigen Anblick derjenigen, die er auf dem Gewissen hat, selbst bestrafen. Mag sein, dass er es nicht länger ertrug, das Bild anzusehen, und sich deshalb umgebracht hat.«

»Möglich, Ossel. Aber erstaunlich finde ich etwas ganz anderes. Der Mann war überaus verstockt, nur unter der Folter hat er den Mund aufgemacht. Und zu dir hat er gesprochen?«

»Als ich ihm am Mittwochabend das Essen brachte, ja. Aber er hat mir nicht gesagt, weshalb er seine Frau und die Kinder getötet hat. Es ging ihm nur um dieses Bild. Er hat mich angefleht, zu seinem Haus zu gehen und seinen Gesellen Aert Tefsen um das Bild zu bitten. Tefsen würde mir das Geld geben, hat er gesagt. Und so war es.« Als eilige Schritte ertönten, zuckte Ossel zusammen. »Ich muss das Bild verstecken, Cornelis, bin gleich wieder da.«

Und schon war er um die nächste Ecke verschwunden. Kaum einer kannte sich im Rasphuis so gut aus wie er. Nur deshalb hatte es ihm auch gelingen können, das nicht gerade kleine Gemälde unbemerkt in Melchers’ Zelle zu schmuggeln. Als Arne Peeters mit Rombertus Blankaart erschien, dem als Hausvater die Leitung des Rasphuis anvertraut war, stand Ossel denn auch schon wieder neben mir.

Blankaart, ein kleiner, drahtiger Mann, der immer ein wenig unsicher wirkte, steckte seinen Kopf in die Zelle des Blaufärbers – und zuckte zurück wie von einer unsichtbaren Faust getroffen. »Das – das darf nicht wahr sein«, sagte er und heftete seinen Blick auf den Zuchtmeister. »Wie konnte das geschehen?«

»Wir stehen auch vor einem Rätsel, Herr«, sagte Ossel.

»Aber wie soll ich das den Zuchthausverwaltern, den Bürgermeistern und dem Magistrat erklären?«, fragte Blankaart.

»Man kann es wohl nicht erklären«, sprang ich meinem Freund zur Seite. »Es ist ebenso unerklärlich wie Melchers’ Untat. Vermutlich ist er ganz einfach wahnsinnig gewesen.«

»Ja, das muss es sein«, seufzte Blankaart und wirkte erleichtert, wenigstens den Hauch einer Erläuterung anbieten zu können. Ich hingegen fühlte mich seltsam bedrückt. Eine unheimliche Ahnung beschlich mich. Ich spürte, dass der Tod des Blaufärbers nicht so einfach abzutun war, und zugleich war ich mir nicht sicher, ob ich die Wahrheit überhaupt wissen wollte.

2. Kapitel: Das Bild eines Toten

Am Ende unserer Schicht verließen Ossel und ich das Rasphuis gemeinsam. Wir gingen hinaus auf den Heiligeweg, wo die übliche Betriebsamkeit eines Sommerabends herrschte. Schwerbeladene Lastkarren rumpelten vorbei, Hausierer boten ihre Waren feil, und im noch warmen Schein der Augustsonne hatten sich Paare und ganze Familien zu einem Abendspaziergang aufgemacht. Möwen und ein paar Graureiher kreisten über uns, als wollten sie die friedliche, ja idyllische Szenerie vervollständigen. Nichts deutete darauf hin, dass wenige Stunden zuvor hinter den dicken Mauern des Amsterdamer Zuchthauses ein Mensch seinem Leben auf furchtbare Weise ein Ende gesetzt hatte. Noch bewahrten die Mauern ihr schreckliches Geheimnis, aber spätestens morgen würde ganz Amsterdam die Geschichte bis in die kleinste Einzelheit kennen.

Nein, nicht bis in jede Einzelheit, dachte ich, als mein Blick auf das sperrige Päckchen fiel, das Ossel unter dem Arm trug. Er hatte das Bild in eine graue Wolldecke eingeschlagen.

Ich deutete darauf und fragte: »Willst du es wieder zu Melchers’ Haus bringen?«

»Ja, aber erst in ein paar Tagen, wenn sich die allgemeine Aufregung gelegt hat. Ich möchte wegen des Bildes nicht noch in Schwierigkeiten geraten.«

»Gut. Ich würde es mir nämlich gern noch einmal in Ruhe ansehen.«

»Warum?«

»Nenn es berufliches Interesse, Ossel. Immerhin male ich auch.«

»Aber nicht eben erfolgreich«, erwiderte er grinsend und zeigte mit dem Daumen hinter sich aufs Rasphuis. »Sonst müsstest du dein Geld nicht da drin verdienen.«

»Dreh den Dolch nur in meiner Wunde herum«, sagte ich und lachte. »Es gibt in unserem Land einfach mehr Maler als Gefängnisaufseher, zu viele Maler vielleicht.«

Ossel schlug mir freundschaftlich auf die Schulter. »Na, dann komm doch mit zu mir nach Hause, Rubens. Ich möchte dieses Meisterwerk ungern vor Publikum enthüllen. Außerdem habe ich noch einen kräftigen Wacholderschnaps. Einen guten Schluck haben wir uns nach all der Aufregung verdient!«

Wir schlugen den Weg zum Jordaanviertel ein. Meine Gedanken kreisten weiter um das Bild, und ich machte meinem Freund Vorwürfe, dass er es in die Zelle des Blaufärbers geschmuggelt hatte.

Ossel verzog verärgert das Gesicht. »Hör endlich auf damit, Cornelis! Du sprichst ja wie der Hausvater. Hast wohl ein Auge auf seine Stellung geworfen, wie?«

»Seinen Lohn hätte ich schon gern. Aber die Vorstellung, den Rest meines Lebens im Rasphuis zu verbringen, gefällt mir weniger.«

»Ist doch gar nicht so schlecht da«, brummte Ossel. »Ich mache das schließlich schon seit mehr als einem Dutzend Jahren.«

»Du bist auch Zuchtmeister.«

»Hat lange gedauert, bis ich das geworden bin. Aber ich beschwer mich nicht. Bevor ich ins Rasphuis kam, habe ich mal dies und mal das gearbeitet, und überall wurde ich auf die Straße gesetzt, sobald meinem Brotherrn das Geld ausging. Im Rasphuis habe ich mein geregeltes Einkommen, wenn es auch etwas üppiger ausfallen könnte.«

Ich warf ihm einen prüfenden Blick zu, verbiss mir aber eine Bemerkung zu seinem Einkommen. Es hätte wohl mehr als ausgereicht, wäre er nicht dem Schnaps und dem Glücksspiel derart zugetan gewesen. Je mehr er trank, desto weniger Glück hatte er allerdings beim Spiel, und so wurden die Stüber in seiner Tasche schnell knapp. Außerdem lebte er neuerdings mit einer Frau zusammen, Gesa oder Gese hieß sie, die keinen guten Einfluss auf ihn hatte. Er sprach nicht viel von ihr, aber was er erzählte, ließ darauf schließen, dass auch sie den Schnaps mehr mochte, als ihr guttat. Außerdem litt sie unter hartnäckigem Husten, und Ossel musste viel Geld für Ärzte und Medizin ausgeben.

Das Mietshaus, in dem er wohnte, war ebenso groß wie düster. Sobald wir in das Gewirr aus Treppenfluchten und engen Gängen eintauchten, war von der linden Stimmung dieses Sommerabends nichts mehr zu spüren. Das Haus gehörte einem Werkzeugfabrikanten, und er hatte seine Arbeiter in den übelsten Löchern untergebracht. Jeder Stüber, den er ihnen dafür vom Lohn abzog, war meiner Meinung nach zu viel bezahlt. Die Wohnungen, in die wenigstens etwas Luft und Tageslicht gelangten, hatte er anderweitig vermietet, an Leute wie Ossel, die einen ausreichenden Verdienst hatten, ohne sich allerdings in irgendeiner Weise für wohlhabend halten zu dürfen. Es stank in dem Haus nach alter Feuchtigkeit und Unrat.

Wir erklommen zwei steile Treppen und betraten Ossels Wohnung, in der ich seit Monaten nicht mehr gewesen war – seit er mit dieser Frau zusammenlebte. Ich hatte den Eindruck, dass er mich absichtlich von ihr fernhielt, und auch an diesem Abend war sie nicht da. Als ich mich nach ihr erkundigte, sagte er, sie sei für ein paar Tage fort, sie müsse sich um ihre schwerkranke Tante kümmern.

Er stellte zwei nicht ganz saubere Steingutbecher auf den Tisch und füllte sie mit dem versprochenen Wacholderschnaps. Währenddessen zog ich die Decke von dem Bild und lehnte es so gegen eine wurmstichige Truhe, dass es von dem spärlichen Abendlicht beschienen wurde, das durch das winzige Fenster einfiel. Ossel bemerkte meine zusammengekniffenen Augen und entzündete eine Öllampe.

»Und?«, fragte er, nachdem ich das Gemälde eine Weile betrachtet hatte. »Ist es ein gutes Bild, vielleicht sogar wertvoll?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte ich leise und näherte mich dem Bild, um mir die Signatur anzuschauen.

»Das ist seltsam«, murmelte ich, »sehr seltsam.«

»Was denn?«, Ossel nahm einen kräftigen Schluck von dem Schnaps, rülpste laut und wohlig und wischte mit dem Handrücken über seinen feuchten Mund. »So red doch endlich, Junge!«

»Jeder Maler hinterlässt seinen Namen oder wenigstens sein Zeichen auf dem Bild. Das verlangt der Stolz ebenso wie die Geschäftstüchtigkeit. Schließlich ist ein Maler auf weitere Aufträge angewiesen. Die Leute müssen also wissen, von wem das Werk stammt, das sie betrachten. Hier kann ich aber keine Signatur entdecken, beim besten Willen nicht.«

»Vielleicht war der Maler in diesem Fall nicht eben stolz auf sein Werk«, mutmaßte Ossel und ließ sich auf einen Stuhl nieder, der unter dem Gewicht erschrocken knarrte.

»Das glaube ich nicht. Es ist ein gutes Bild. Sieh hier, wie das Licht auf die Gesichter der Kinder fällt, das ist meisterhaft!« Ossel beugte sich über den Tisch und starrte mit großen Augen auf das Bild. »Also, ich hätte das anders gemacht.«

»Was meinst du?«

»Die wichtigste Person auf dem Bild ist doch der Blaufärber. Er dürfte es schließlich in Auftrag gegeben haben. Also sollte das Licht auf ihn fallen und nicht auf die Kinder. Der Maler ist ein Stümper. Kein Wunder, dass er seinen Namen nicht aufs Bild gekritzelt hat.«

Ich blickte Ossel empört an. »Du hast verdammt keine Ahnung von der Malerei, Ossel. Gerade diese Lichtgebung hat mich fasziniert. Ich finde es sehr ausgeklügelt, dass der Blick des Betrachters zuerst auf die Kinder gelenkt wird. Die schauen ihren Vater an, und dadurch wird dessen Stellung erst besonders hervorgehoben. Wäre das Bild in anderen Farben, würde ich es Meister Rembrandt zuordnen.«

»Rembrandt?« Ossel trank einen Schluck Wacholderschnaps und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. »Der soll doch ziemlich runtergekommen sein. Lebt er überhaupt noch?«

»Natürlich lebt er noch. Er hatte in den letzten Jahren viel Pech. Die meisten Leute denken wie du und schätzen seine Art zu malen nicht. Aber wenn du mich fragst, wird er eines Tages genauso berühmt sein wie Rubens, berühmter vielleicht.«

»In tausend Jahren nicht!«, lachte Ossel. »Der Rembrandt wird so wenig geschätzt, hab ich gehört, dass er vor einigen Jahren bankrott gegangen ist. Oder irre ich mich da?«

»Du hast schon recht, er konnte sein großes Haus in der Jodenbreestraat nicht länger unterhalten und musste alles Hab und Gut verkaufen. Jetzt lebt er in einem kleineren Haus an der Rozengracht.«

»Aber ein Haus kann er sich noch leisten?«, schnaubte Ossel und ließ seinen Blick durch den kleinen, karg ausgestatteten Raum wandern. »Vielleicht hätte ich Maler werden sollen.«

»Er wohnt zur Miete in der Rozengracht. Soweit ich weiß, lebt er vom Erbe seiner verstorbenen Frau, das er für seine Kinder verwaltet.«

»Dann hätte ich wohl eine reiche kranke Frau heiraten sollen, statt mit einer armen kranken zusammenzuleben.« Ossel goss seinen Becher ein weiteres Mal voll und schob den meinen über den Tisch. »Setz dich endlich zu mir und trink einen Schluck, Cornelis. Sonst ist der gute Schnaps weg.«

Ich folgte seiner Aufforderung und sagte: »Rembrandt hat es auch nicht leicht. Gemessen an dem Ruf, den er einmal hatte, fristet er heute ein geradezu kümmerliches Dasein.«

»Du sprichst, als würdest du ihn gut kennen.«

»Gut sicher nicht, aber wir sind uns einmal begegnet. Kurz bevor ich im Rasphuis anfing, hatte ich ihn gebeten, mein Lehrer zu sein.«

»Dein Lehrer? Schau an. Und was ist draus geworden?«

»Er hat mich aus dem Haus geworfen und mir nachgebrüllt, ich solle niemals wieder einen Fuß über seine Schwelle setzen.« Diese Mitteilung versetzte meinen Freund in solche Erheiterung, dass er nicht an sich halten konnte und prustend einen Schluck Schnaps quer über den Tisch spuckte. »Ich dachte mir schon, dass du kein begnadeter Maler bist, Cornelis. Aber wenn du so schlecht malst, dass es selbst einem wie Rembrandt auffällt, dann solltest du die Pinselei wohl besser ganz aufstecken.«

»Es ging nicht um meine Malerei, sondern um sein Laster, das Trinken. Sein Töchterchen hatte mich gebeten, ein wenig darauf zu achten, dass er nicht so viel Wein trinkt. Als ich ihm eines Abends den Krug aus den Händen nehmen wollte, hat er mich rausgeworfen.«

»Zu Recht! Du hättest ihm einen Krug Wein gönnen sollen.«

»Aber er hatte schon zwei gehabt.«

»Das lässt ihn in meiner Achtung steigen«, sagte Ossel und griff nach seinem Schnapsbecher.

Ich wandte mich wieder dem Bild zu und betrachtete die Gewänder der Färbersfamilie, die in verschiedenen Schattierungen eines eindringlichen Blaus gehalten waren. Der Hintergrund, die Wand der Wohnstube, war ebenfalls blau, dunkler als die Kleider und doch seltsam leuchtend. Dieses blaue Leuchten schien das ganze Gemälde zu überstrahlen, so als wollte es aus ihm heraustreten und den Betrachter umhüllen, um ihn ganz in seinen Bann zu ziehen.

»Wäre es nicht in diesem eindringlichen Blau gehalten, ich hätte geschworen, dass es von Rembrandt ist.«

»Wieso? Mag er kein Blau?«

»Ich weiß nicht. In der kurzen Zeit, als ich bei ihm war, habe ich es ihn niemals benutzen sehen. Seine bevorzugten Farben sind Weiß, Schwarz, Gelbocker und ein irdenes Rot.«

»Vielleicht ist das Bild von einem seiner Schüler«, sagte Ossel.

Ich schlug mir gegen die Stirn. »Du hast recht, so wird es sein. Jetzt hat Rembrandt wohl keine Schüler mehr, ich war eine Ausnahme. Aber früher, als sein Name noch geachtet war, wollten viele bei ihm lernen.«

Auf dem Gang ertönten unsichere Schritte, gefolgt von einem kratzenden Geräusch am Türschloss. Mit einem Satz war mein Freund bei der Tür und riss sie auf. Auch ich erhob mich, um Ossel gegen einen möglichen Angreifer beizustehen. Das Jordaanviertel war ein Sammelbecken der Heruntergekommenen und Gestrandeten. Seinen Namen verdankte es den aus Frankreich hierher geflohenen Hugenotten; das schmutzige Wasser der nahen Prinsengracht erinnerte sie an einen Fluss in ihrer alten Heimat, der Jordanne hieß. In einem Haus wie diesem musste man jederzeit mit unwillkommenen Eindringlingen rechnen, bestenfalls mit einem verwirrten Säufer, aber auch mit Burschen, denen der Tod eines Menschen nichts bedeutete, wenn sie dadurch an ein paar Gulden oder auch nur an einige Stüber gelangen konnten.

»Gesa!«

Noch bevor Ossel den Namen rief, hatte ich geahnt, wer die Frau war, die da leicht schwankend vor der Tür stand. Ihre Hand mit dem Schlüssel zitterte so heftig, dass es ihr nicht gelungen war, das Schlüsselloch zu finden. Ossel zog seine Gefährtin herein und schloss die Tür hinter ihr.

Ermattet ließ Gesa sich auf den Stuhl fallen, auf dem zuvor Ossel gesessen hatte, und kippte ohne Umschweife den Inhalt seines Schnapsbechers in ihre durstige Kehle. Kaum hatte sie den Schnaps hinuntergeschluckt, wurde sie von einem Hustenanfall geschüttelt, der kein Ende nehmen wollte. Im ersten Augenblick glaubte ich, der Wacholderschnaps sei zu stark für sie gewesen, doch ihr strenger Atem verriet, dass es nicht ihr erster Schnaps an diesem Abend war, und die Spritzer blutigen Auswurfs vor ihr auf der Tischplatte wiesen eindeutig auf eine ernstere Ursache des Hustens hin.

»Was suchst du hier?«, fuhr Ossel sie wenig freundlich an. »Wolltest du nicht zur Prinsengracht, deine Tante pflegen?«

»Pah, die verrückte Alte! Glaubt, nur weil ich eines Tages ein paar Gulden von ihr erben soll, kann sie mich den lieben, langen Tag rumkommandieren wie ein Hauptmann seine Kompanie. Aber nicht mit Gesa Timmers! Hier putzen und da wischen, und zwischendurch einholen und das Essen zubereiten, so stellt sie sich das vor. Und dann meckern, bloß weil ich beim Einholen kurz in den Goldenen Anker bin, um ein Glas zu trinken. Da bin ich abgehauen.«

»Du und der Goldene Anker«, sagte Ossel vorwurfsvoll und schüttelte den Kopf. »Am besten schlägst du dein Bett gleich in dieser Kaschemme auf!«

»Du gerade!«, gackerte die Frau. »Wenn sich einer mit den Kaschemmen dieser Stadt auskennt, dann doch wohl du, Ossel.«

Ich rückte ein Stück vom Tisch ab, um dem beißenden Geruch zu entgehen, der mit jedem Wort ihrem Mund entströmte. Sie musste mindestens vier oder fünf Becher eines ebenso starken wie billigen Fusels getrunken haben. Allmählich begann ich zu verstehen, weshalb Ossel sie von seinen Freunden und Arbeitskameraden fernhielt.

Ihr Kopf ruckte zu mir herum wie der eines Vogels, der einen Wurm erspäht hat. »Was glotzt du so, Mann? Wer bist du überhaupt?«

»Das ist mein Freund Cornelis Suythof«, erklärte Ossel. »Ich habe ihn auf einen Schluck eingeladen.«

»Das mit dem Schluck ist eine gute Idee.« Gesa schob den leeren Becher in Ossels Richtung. »Hast du noch was von dem Zeug?«

»Nicht für dich, Gesa. Du hast für heute genug. Leg dich lieber hin!«

»Hinlegen?« Sie überlegte und schüttelte dann so heftig den Kopf, dass ihr verfilztes blondes Haar von einer Seite zur anderen flog. »Nicht allein«, gluckste sie. »Das ist doch langweilig. Willst du nicht mitkommen, Ossel? Oder vielleicht dein junger Freund da? Er scheint recht gut gebaut zu sein. Ich wüsste gern, ob er sich auch so anfühlt, wie er aussieht.«

Mit einer Schnelligkeit, die mich angesichts ihrer Trunkenheit überraschte, erhob sie sich, kam um den Tisch herum und fasste mit sicherem, festen Griff zwischen meine Beine. Ich fuhr zusammen, wagte aber keine weitere Bewegung. Womöglich hätte Gesa dann noch fester zugepackt.

»Ah, das fühlt sich gut an.« Sie grinste mich an. »Und wie schnell du unter meinem Griff hart wirst! Bist ja auch noch so jung. Ossel kommt allmählich in die Jahre und ist im Bett mehr am Schlafen interessiert als an mir. Wollen wir nicht einen Ritt wagen?«

Sie näherte ihr Gesicht dem meinen und spitzte die Lippen zu einem Kuss. Unwillkürlich neigte ich mich nach hinten, so weit meine peinliche Lage es zuließ.

Unter anderen Umständen hätte ich es nicht einmal als schlimm empfunden, sie zu küssen. Sie mochte allenfalls fünf oder sechs Jahre älter sein als ich, also Ende zwanzig. Ossel dagegen hatte die Vierzig längst überschritten, weshalb er für mich nicht nur ein Freund, sondern auch ein zweiter Vater geworden war. Aber Gesa wirkte älter. Ihre Krankheit und die Trunksucht hatten tiefe Linien in ihr Gesicht gegraben, und unter den grünen, einst sicher hübschen und verführerischen Augen lagen dunkle Ringe.

Ossel trat hinter Gesa und riss sie von mir weg. Zwischen meinen Beinen schmerzte es, als sie ihr Beutestück widerstrebend losließ. Sie verlor den Halt und stürzte zu Boden. Gleichzeitig wurde sie von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt, und vor Ossels Füßen bildete sich eine kleine Blutlache.

»Ich gehe jetzt besser«, sagte ich mit heiserer Stimme, stand auf und eilte zur Tür. »Wir sehen uns am Montag im Rasphuis, Ossel.«

Ich wollte gerade hinaus auf den Gang treten, da stand Gesa schwankend auf, lief mir nach und krallte sich an meinem Arm fest.

»Nimm mich mit!«, flehte sie. »Lass mich nicht bei diesem alten Ochsen, der sich nur müde im Bett rumwälzt und die ganze Nacht schnarcht, als wollte er das Rotholz im Rasphuis ganz allein zersägen!«

»Das geht nicht«, erwiderte ich hilflos und versuchte, mich aus ihrer Umklammerung zu lösen, ohne ihr wehzutun.

»Ich kann dir viel Gutes tun, glaub mir!«, versicherte sie mit einem heftigen Nicken. »Ich nehm dich auch in den Mund, wenn du das magst.«

Dieses Angebot erschien mir wenig verlockend, und dennoch schaffte ich es nicht, mich aus ihrem Griff zu lösen.

Schließlich packte Ossel die trunkene Frau und schleuderte sie in eine Ecke des dunklen Gangs. Ein aufgeschrecktes Quieken ertönte, und kleine schwarze Gestalten huschten von ihr weg: Ratten.

Gesa bedachte Ossel mit einem Schwall widerlicher Schimpfwörter, von denen ich bis dahin kein einziges je aus dem Mund einer Frau vernommen hatte. Türen wurden aufgerissen, und neugierige Nachbarn steckten ihre Köpfe heraus. Ossel zog die unaufhörlich keifende Frau hoch und zerrte sie zurück in die Wohnung.

Mit knappen Worten verabschiedete ich mich noch einmal und machte, dass ich davonkam, wenn auch mit schlechtem Gewissen, denn ich ließ meinen Freund allein mit den Ratten, der hustenden, fluchenden Gesa und dem Bild eines Toten.

3. Kapitel: In der Dunkelzelle (1)

Zwar lebte auch ich in dem allgemein Jordaan genannten Viertel, in dem gewiss nicht die angesehensten Bürger der Stadt wohnten, aber ich hatte mit meinem Quartier mehr Glück gehabt als mein Freund. Die Witwe Jessen, eine gutmütige Frau mit einem Herz für brotlose Künstler, hatte mir im Obergeschoss ihres Hauses ein Zimmer überlassen, das im Vergleich zu Ossels Wohnung ein Palast war, und für das ich wohl nicht mehr bezahlte als er für seine Bruchbude. Es war geräumig, dank der fleißigen Witwe Jessen stets sauber, und hatte zwei große Fenster nach Norden. Das gleichmäßige Licht, das aus dieser Himmelsrichtung einfiel, war für einen Maler geradezu ideal.

Am Sonntag, als die Augustsonne aus einem fast wolkenlosen Himmel auf Amsterdam herabschien, wollte ich das ausnutzen. Gleich nach dem Kirchgang, zu dem ich die Witwe Jessen begleitet hatte, mischte ich die Farben an, um an einem Bild weiterzuarbeiten, das ich einige Tage zuvor begonnen hatte, einer Hafenszene bei den Docks der Ostindischen Kompanie. Ich hoffte, das fertige Bild für gutes Geld an einen Angestellten oder gar einen Direktor der Kompanie verkaufen zu können. Auch wenn ich in den vergangenen zwei Jahren mehr Zeit im Rasphuis verbracht hatte als vor der Staffelei, ging mir der Wunsch, eines Tages von der Malerei leben zu können, nicht aus dem Kopf.

Die Stunden flossen dahin, aber sobald ich meinen Pinsel in das kräftige Blau eintauchte, um das Wasser zu malen, hielt ich inne, weil vor meinem inneren Auge ein anderes Bild auftauchte: das Gemälde aus der Zelle des Blaufärbers.

Ich sann darüber nach, welcher von Rembrandts Schülern als Schöpfer des Werks in Frage kommen mochte, aber alles Kopfzerbrechen brachte mich nicht weiter; ich kannte mich mit den Schülern von Meister Rembrandt van Rijn einfach nicht gut genug aus. Vielleicht ähnelte das Bild auch rein zufällig den Werken Rembrandts, oder jemand, der gar nicht bei dem Meister in die Lehre gegangen war, hatte dessen Stil kopiert.

Meine Gedanken kreisten mit solcher Hingabe um das fremde Bild, dass ich mich nicht recht auf meine eigene Arbeit konzentrieren konnte. Unschlüssig ließ ich den Pinsel über der Palette kreisen und verfehlte ein ums andere Mal den passenden Farbton.

Am Nachmittag gab ich es auf, mich selbst zu quälen, und unternahm einen Spaziergang. Ich mischte mich unter die Leute und lauschte ihren Gesprächen, von denen sich viele um die Untat des Gysbert Melchers und seine Selbsttötung drehten. Die Nachricht von dem, was am Vortag im Rasphuis vorgefallen war, hatte also bereits die Runde gemacht.

Als ich am nächsten Morgen ins Rasphuis kam, schien Ossel noch nicht da zu sein. Was mich nicht verwunderte, denn montags kam er häufig ein paar Minuten später und sah dann so aus, als hätte er am Sonntag mehr Schnaps als Schlaf genossen. Verwunderlich fand ich allerdings, dass die anderen alle mich ansahen, als sei mir über Nacht ein zweiter Kopf gewachsen.

Ich ging auf Arne Peeters zu und fragte: »Was ist los? Was starrt ihr mich so an, du und die anderen?«

Peeters wirkte peinlich berührt und zerrte an seinem Kragen, als kriege er nicht richtig Luft. »Es ist nicht deinetwegen, Cornelis, sondern wegen Ossel.«

»Es ist doch nichts Besonderes, dass er sich an einem Montagmorgen verspätet.«

Jetzt sah Peeters mich an, als redete ich irre. »Wieso verspätet? Er ist doch längst da!«

»So, wo denn? Ich habe ihn noch nicht gesehen.«

Peeters deutete mit der rechten Hand auf den Boden. »Da unten ist er, in der Dunkelzelle.«

»Was tut er da? Musste er jemanden einsperren?«

Die Dunkelzelle war, abgesehen von dem berüchtigten Wasserhaus, der schlimmste Ort im ganzen Zuchthaus. Manche Neuzugänge mussten dort einige Zeit verbringen, bevor der Hausvater über ihre endgültige Unterbringung entschieden hatte. Ansonsten sperrten wir Insassen, die gegen die Hausordnung verstoßen hatten, in das finstere, feuchte Kellerloch, um ihnen den Eigensinn auszutreiben. Manch einer musste viele Tage und Nächte dort verbringen, ohne einmal das Tageslicht zu sehen, ohne mit einer Menschenseele zu sprechen, mit nicht mehr als einer Schale Wasser und einem Kanten Schwarzbrot am Tag.

Arne Peeters betrachtete mich lange schweigend. Schließlich sagte er stockend: »Du weißt es also nicht, bei allen Heiligen, du weißt es wirklich nicht.«

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. »Arne, sag mir doch einfach, was geschehen ist!«

»Ossel sitzt schon die halbe Nacht in der Dunkelzelle, seit … seit er dort eingeliefert wurde.«

Es gibt Dinge, die der Verstand nicht begreift – nicht begreifen will, obwohl das Ohr sie deutlich und eindeutig vernommen hat. So ging es mir in diesem Augenblick. Ich starrte Peeters fassungslos an und fragte: »Was sagst du?«

»Mein Gott, Cornelis, er hat sie getötet!«

»Wer hat wen getötet?«

»Ossel diese Frau. Wie hieß sie noch gleich?«

»Gesa?«, fragte ich, während in mir die unschöne Erinnerung an den vorvergangenen Abend aufstieg. »Sprichst du von Gesa Timmers?«

Peeters nickte eifrig, froh, mir endlich ein Anzeichen von Verstehen entlockt zu haben. »Genau die meine ich. Sie haben wohl zusammengelebt, Ossel und diese Gesa. Stimmt’s?«

»Ja, das stimmt. Aber was ist geschehen, Arne?«

Er verzog sein langes Gesicht zu einer schiefen Fratze, die wohl seiner Bekümmernis Ausdruck verleihen sollte. »Einzelheiten sind nicht bekannt. Eigentlich weiß man nur das, was Ossels Nachbarn zu Protokoll gebracht haben. Danach hat es Streit gegeben, zwischen ihm und dieser Gesa, heftigen Streit, vorgestern Abend schon und dann den ganzen Sonntag über. Gestern Abend haben ein paar aufgebrachte Leute, die wegen des Lärms keinen Schlaf finden konnten, Ossels Wohnung gestürmt. Sie kamen zu spät, sahen nur noch, wie Ossel sich über die tote Gesa beugte. Er hatte sie mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, wie ein zorniges Kind es mit seiner Puppe tut. Der Schädel der Frau soll ausgesehen haben wie ein zerplatztes Ei.«

Ich versuchte, mir die Szene vorzustellen, aber es wollte mir nicht gelingen. Ich kannte Ossel seit zwei Jahren, und dieser Mann, der mir zu einem väterlichen Freund geworden war, konnte das, was Peeters da schilderte, unmöglich getan haben. Gewiss, Ossel konnte lospoltern und mit der Faust auf den Tisch schlagen, zumal, wenn er ein paar Becher Schnaps geschluckt hatte. Und er war zweifellos kräftig genug, um einen Menschen, eine schwache Frau noch dazu, wie ein Ei zu zerschlagen. Aber ich hätte beide Hände dafür ins Feuer gelegt, dass er zu solch einer Tat niemals imstande gewesen wäre.

»Was … hat Ossel dazu gesagt?«, fragte ich und fürchtete mich zugleich vor der Antwort.

»Er hat die Tat eingestanden.«

»Hat er auch gesagt, warum er das getan hat?«

»Nein, davon weiß ich nichts. Er soll, als man ihn auffand, geweint und gestammelt haben, er habe Gesa getötet. Seit er hier ist, schweigt er. Vielleicht wird erst die Folter seine Zunge lösen.«

Schwindel packte mich, und mir wurde übel. Ich ging mit Peeters in den Wachraum, ließ mich auf einen Schemel sinken und trank dankbar von dem Wasser, das er mir in einer Schöpfkelle reichte. Den Rest des Wassers schüttete ich mir ins Gesicht. Die Übelkeit ging etwas zurück, und ich konnte wieder klarer denken. Der Blaufärber Gysbert Melchers kam mir in den Sinn. Die Ermordung seiner Familie war eine ähnlich ungeheuerliche Tat wie das, was meinem Freund Ossel vorgeworfen wurde. Was war nur los in Amsterdam? Brachte die sommerliche Hitze die Menschen um den Verstand?

Ich reichte Peeters die Schöpfkelle zurück und sagte: »Ich muss ihn sehen, Arne. Ich muss mit ihm sprechen.«

»Das geht nicht, Cornelis. Du weißt, dass die Dunkelzelle nur einmal am Tag zur Essensvergabe geöffnet werden soll. Eine Ausnahme bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Hausvaters.«

»So lange kann ich nicht warten. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob Blankaart mir die Genehmigung erteilen würde.«

»Da wäre ich mir auch nicht sicher. Er wurde heute Nacht hinzugerufen, als sie Ossel einlieferten, und er soll sehr zornig darüber gewesen sein, dass ausgerechnet der oberste seiner Aufseher einen Mord begangen hat.«

»Also ist es besser, der Hausvater erfährt gar nichts von meinem Besuch bei Ossel«, seufzte ich, stand auf und griff nach dem Schlüssel zur Dunkelzelle, der an einem besonderen Haken hing. Der Schlüssel war groß und schwer, und die Rostflecken, die ihn sprenkelten, zeigten, dass er nicht besonders häufig benutzt wurde.

Peeters packte mich am Arm. »Häng den Schlüssel zurück, Cornelis! Du bringst uns alle in Schwierigkeiten.«

»Das ist wohl nichts im Vergleich zu den Schwierigkeiten, in denen Ossel steckt.«

Ich stieß ihn unsanft zur Seite und verließ den Wachraum, darauf gefasst, dass er mir folgen würde, um mich zurückzuhalten. Aber ein hastiger Blick über die Schulter verriet mir, dass Peeters im Eingang des Wachraums stehen geblieben war und mir mit zusammengekniffenen Augen hinterhersah. Vermutlich versuchte er abzuwägen, wie groß die Gefahr war, dass mein Besuch in der Dunkelzelle entdeckt wurde.

Schon als ich die schmale Treppe hinabstieg, spürte ich die feuchte Kühle, die selbst im Sommer im Keller des Rasphuis herrschte. Unten auf dem Gang verbreitete eine einsame Lampe trotzig ihr Licht. Ich zögerte, weiterzugehen. Das Ganze kam mir vor wie ein böser Traum, aus dem ich zu erwachen hoffte – bevor das Unglaubliche sich als Wahrheit erwies.

Dort hinten, am Ende des Gangs, lag die Dunkelzelle, deren Tür bei der unzureichenden Beleuchtung nur als schemenhaftes dunkles Rechteck auszumachen war. Ich hätte die Vorstellung, dass Ossel, der so viele Lumpen und Halunken dort eingesperrt hatte, nun selbst in dem finsteren Loch saß, am liebsten aus meinen Gedanken verbannt, aber auf dem Absatz kehrtzumachen war keine Lösung, weder für ihn, noch für mich.

Zögernd ging ich weiter, und je näher ich der Zelle kam, desto mehr musste ich mich zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wieder dachte ich an den Abend bei Ossel, an das versoffene, hustende, lüsterne Weib, das mein Freund sich unerklärlicherweise zur Gefährtin genommen hatte. Konnte diese Gesa einen Mann so sehr reizen, dass er alle Gesetze Gottes und der Menschen – auch er sich selbst – vergaß und einen Mord beging? Ich hatte die Frau als derart abstoßend empfunden, dass ich die Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortete. Aber auf die andere, die entscheidende Frage wollte ich keine bejahende Antwort geben: War Ossel der Mensch, solch eine Tat zu vollbringen?

Tief Atem holend, schloss ich die Tür zur Dunkelzelle auf und zog den rostigen Riegel zurück, der sie zusätzlich sicherte. Mit einem widerspenstigen Knarren schwang die Tür auf. Im ersten Augenblick sah ich nur Finsternis. Meine Augen brauchten etwas Zeit, um in dem schwachen Schein, der von der Gangbeleuchtung bis hierher drang, etwas zu erkennen. Zunächst war es nur ein umrisshaftes Etwas in einer Ecke, aber dann schälten sich die Konturen eines Menschen heraus, und ich blickte wahrhaftig in das Antlitz von Ossel.

Aber wie sehr hatten die Züge meines Freundes sich seit unserem letzten Zusammentreffen verändert! Tiefe Linien hatten sich in das Gesicht gegraben, Ossel schien um zehn Jahre gealtert. Jegliche Kraft schien von ihm gewichen. Zusammengesunken hockte er auf dem kalten Boden und blickte teilnahmslos zu mir auf wie zu einem Fremden.

Ich sprach ihn an, zaghaft erst, dann eindringlicher, aber er verharrte stumm und starr in seiner Ecke, und nicht einmal der Schimmer eines Erkennens lag in seinem stumpfen Blick. Ganz so, als hätte er mit seiner Gefährtin auch seine Erinnerung getötet.

Die Zeit verrann, während ich mich vergebens bemühte, Ossels Aufmerksamkeit zu erringen. Irgendwann hörte ich hinter mir Schritte, die im Kellergang hohl widerhallten. Ich drehte mich um und sah Arne Peeters in der Begleitung von Rombertus Blankaart. Letzterer hatte eine verdrießliche Miene aufgesetzt, und seine Augen funkelten mich wütend an.

»Was fällt Euch ein, Suythof, ohne meine Erlaubnis mit dem Gefangenen zu sprechen?«, fauchte er mich an, ehe er die Dunkelzelle noch ganz erreicht hatte. »Ihr solltet wissen, dass dies ein Verstoß gegen die Hausregeln ist.«

»Ossel Jeuken ist mein Freund. Ich wollte wissen, was ihn zu seiner Tat bewogen hat – falls er sie wirklich beging.«

»Daran besteht kein Zweifel. Die Aussagen seiner Nachbarn waren eindeutig. Außerdem haben die eilends herbeigerufenen Männer der Nachtwache ihn neben dem toten Weib gefunden. Ihr Blut klebte an Jeuken.«

»Aber warum nur?«, rief ich verzweifelt und vermutlich viel lauter, als es nötig war. »Welchen Grund sollte er gehabt haben, seine Gefährtin zu töten?«

Der Hausvater maß meinen Freund mit einem Blick, in dem sich Verärgerung mit Verachtung paarte. »Beide sollen dem Schnaps oft und reichlich zugesprochen haben. Hätte ich das eher gewusst, ich hätte Jeuken niemals das verantwortungsvolle Amt eines Zuchtmeisters anvertraut. Die Nachbarn haben von heftigen Streitereien berichtet. Vielleicht wusste Jeuken in seinem Suff einfach nicht mehr, was er tat. Vielleicht ist er aber auch nur verstockt. In diesem Fall wird die Folter ihn zum Reden bringen.«

»Lasst mich mit ihm sprechen, Mijnheer Blankaart!«, flehte ich. »Wenn ich nur genügend Zeit habe, wird Ossel sich mir gewiss anvertrauen.«

Blankaart schüttelte energisch den Kopf. »Das wäre gegen die Vorschrift. Ich muss Euch ersuchen, die Dunkelzelle sofort zu verlassen.«

In mir tobten widerstreitende Gefühle. Im ersten Moment wollte ich der Aufforderung des Hausvaters, dessen Befehlen ich mich als Aufseher im Rasphuis unterzuordnen hatte, folgen. Aber danach genügte ein Blick auf Ossel, um den Wunsch, meinem Freund zu helfen, die Oberhand gewinnen zu lassen.

»Nein, ich bleibe«, erklärte ich. »So lange, bis Ossel sich mir anvertraut hat.«

Blankaart drehte den Kopf und stieß einen kurzen Ruf aus. Als sich daraufhin zwei Schatten aus dem Bereich des Treppenaufgangs lösten, erkannte ich, dass der Hausvater auf diese Zuspitzung vorbereitet war. Pieter Boors und Herman Brink, die beiden kräftigsten unter meinen Arbeitskameraden, kamen auf mich zu und nahmen mich in ihren festen Griff.

Der Hausvater maß mich mit tadelndem Blick. »Ihr seid unzuverlässig und aufsässig, Suythof. Für jemanden wie Euch ist kein Platz im Rasphuis. Schon gar nicht jetzt, da der Tod des Blaufärbers und Jeukens Schandtat unser Haus in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Ihr seid auf der Stelle entlassen. Den Lohn für die vergangenen Wochen werdet Ihr noch erhalten, mehr nicht. Wagt es bloß nicht, heimlich mit Jeuken Verbindung aufzunehmen. Sonst lasse ich Euch ebenfalls einsperren – ins Wasserhaus!«

Er gab Brink und Boors einen Wink, mich wegzuschaffen. In diesem Moment regte sich Ossel. Er suchte meinen Blick, und ich las unendliche Trauer in seinen Augen. Er öffnete die Lippen und brachte leise, mit zitternder Stimme hervor: »Das Bild … es war das Bild … blau …«

»Was meint er?«, fragte Blankaart.

»Ich weiß es nicht«, log ich, um Ossel nicht in noch größere Schwierigkeiten zu bringen. »Er scheint verwirrt zu sein.«

»Wohl wahr«, seufzte der Hausvater und wandte sich wieder an die Aufseher. »Bringt ihn fort!«

Sie schleppten mich aus der Zelle, vorbei an Arne Peeters, dem ich einen giftigen Blick zuwarf. Mir war klar, dass er mich bei Blankaart angeschwärzt hatte. Vielleicht wollte er nur seine weiße Weste bewahren, vielleicht hatte er es aber auch darauf abgesehen, sich beim Hausvater lieb Kind zu machen, um den frei gewordenen Posten des Zuchtmeisters zu ergattern.

Brink und Boors entließen mich erst auf dem Heiligeweg aus ihrem festen Griff und stießen mich vom Eingangstor des Rasphuis fort. Ich geriet ins Stolpern und stürzte vor die Füße einiger Kinder, die über mich lachten. Meine einstigen Kameraden fielen in das Gelächter ein, und zu meiner Wut gesellte sich die Scham des Hilflosen.

Noch eine Stunde zuvor war ich ein angesehener Aufseher des Amsterdamer Zuchthauses gewesen, jetzt hatte ich keine Stellung und, wie es aussah, auch keine Freunde mehr. Der einzige Mann, auf den ich mich uneingeschränkt hatte verlassen können, saß in der Dunkelzelle und sah einem bösen Ende entgegen. Mit Schaudern dachte ich an die Folterkammer und an Schlimmeres – den Richtplatz. Etwas anderes schien kaum in Frage zu kommen, wenn Ossels einzige Hoffnung ein mittelloser Maler namens Cornelis Suythof war.

4. Kapitel: Auf der Suche

Eilig verließ ich den Ort meiner Niederlage und schlug den Weg zum Jordaanviertel ein. Die Scham über die erlittene Schmach verebbte rasch, und meine Gedanken kehrten zu Ossel zurück. Hätte Rombertus Blankaart mich doch nur ein paar Minuten länger mit ihm sprechen lassen! Gerade in dem Augenblick, als Boors und Brink mich fortschleppten, schien Ossel die unsichtbare Mauer, die ihn umgab, durchbrochen zu haben. Wie waren doch seine Worte gewesen? Das Bild … es war das Bild … blau …

Ich hegte keinen Zweifel daran, welches Bild er gemeint hatte. Aber was hatte es mit Melchers’ Gemälde auf sich? es musste etwas Wichtiges sein, sonst hätte Ossel nicht davon gesprochen. Ich beschloss, mir das Bild noch einmal in Ruhe anzuschauen, und ging, statt direkt zu meiner Wohnung, in Richtung des Mietshauses, wo sich das Drama zwischen Ossel und Gesa Timmers abgespielt hatte.

Ich lief durch enge Gassen, vorbei an mehr oder minder finsteren Kaschemmen, achtete jedoch, mit anderen Dingen beschäftigt, kaum auf die Aushangschilder. Doch dann blieb ich stehen, drehte den Kopf und betrachtete das reichlich verwitterte Schild über einem schmalen Eingang, an dem ich eben vorbeigekommen war. Nur mit viel Mühe konnte ich erkennen, dass der Anker auf dem Schild einmal von goldener Farbe gewesen war. Ich erinnerte mich an den Streit zwischen Ossel und Gesa, daran, wie er ihr vorgeworfen hatte, zu oft den Goldenen Anker aufzusuchen.