Die gelbe Gasse von Kairo - Anja Abdelkader - E-Book

Die gelbe Gasse von Kairo E-Book

Anja Abdelkader

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Beschreibung

Schon von Kindheit an fasziniert vom Alten Ägypten zieht Anja nach dem Studium nach Kairo. Sie lebt in der Metropole am Nil, fasziniert von der reichen Geschichte des Landes, dem bunten Treiben der Stadt und der Freundlichkeit der Menschen. Doch die Hitze der Großstadt und Heimweh quälen sie... Anekdotenreich und voller Humor, aber auch ernsthaft und traurig beschreibt sie ihre ersten Begegnungen mit Ägypten aus Sicht einer faszinierten Besucherin, die sich mehr und mehr dem Land und seinen Menschen nähert, bis sie sich dort gänzlich niederlässt. Sie gibt Einblick in ihr Leben zwischen ägyptischer Großfamilie, der schleichenden Reislamisierung und dem Neubeginn des Landes während des arabischen Frühlings, jedoch fernab der wohlhabenden "Expat"-Communities.

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Anja Abdelkader

Die gelbe Gassevon Kairo

© 2016 Anja Abdelkader

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-4135-3

Hardcover: 978-3-7345-4136-0

e-Book: 978-3-7345-4478-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Gabriel und Jacob.

 

≈≈≈≈≈

Ich bin Sindbad der Seefahrer! Man nennt mich so wegen meiner großen Seefahrten. Meine Geschichte ist wunderbar, und ich will dir alles berichten, wie es mir ergangen ist und was ich erlebt habe, ehe ich zu diesem Wohlstand kam und in diesem Haus wohnen konnte, in dem du mich jetzt siehst… Sieben Reisen habe ich gemacht, und an jeder hängt eine wundersame Geschichte, die den Verstand verwirren kann. Doch all das war durch das Geschick vorherbestimmt; und dem, was geschrieben steht, kann keiner entrinnen noch entfliehen…

Tausendundeine Nacht, 536. Nacht,

Die Geschichte Sindbads des Seefahrers

≈≈≈≈≈

1

Das Flugzeug befand sich im Landeanflug und kreiste minutenlang über abertausend Lichtern, so als wolle es den Passagieren einen ersten Blick auf das gewähren, was sie erwartete. Es lag ein Hauch von Nervosität in der Kabinenluft, Aufbruchsstimmung, gespannte Erwartung und geschäftiges Treiben. Dort unten, nur noch wenige Minuten entfernt, lag Afrika. Die Lautsprecherdurchsage verkündete den Anflug auf Kairo, die ägyptische Hauptstadt. Die Passagiere begannen schon jetzt, ihr Handgepäck zusammen zu nehmen, so als könne keiner der Fluggäste es erwarten hinaus zu gehen, als wolle jeder der erste sein, der ägyptischen Boden betrat. Als müsse man es eilig haben, das Flugzeug zu verlassen, um in der warmen Nacht von Kairo zu verschwinden. Es war 1.15 Uhr Ortszeit.

Die Fluggäste drängten nach draußen, doch ich ließ mir Zeit, mit meinem Vater, der mich begleitete, das Flugzeug zu verlassen. So lange hatte ich auf den Augenblick gewartet, in Ägypten anzukommen, nun wollte ich den Moment vollends auskosten. Ich wollte bedächtig und ruhig meine Füße auf ägyptischen Boden setzen. Zum ersten Mal in diesem Land, in dieser Stadt. Ich war erwartungsvoll.

Als wir aus dem Flugzeug traten, wehte uns ein Hauch warmer stickiger Luft entgegen und ich erfuhr nun, was ich wieder und wieder über die schmutzige Hauptstadt gelesen hatte. Es roch nach Abgasen und Schmutz. Selbst die Nachtluft konnte den Dunst und die Wärme des Tages nicht vertreiben.

Es war Mitte September und selbst die Nächte boten nach den heißen Tagen noch kaum Abkühlung. Bleischwer hing die trockene und staubige Wärme über allem, das Atmen war seltsam fremd, ein entfernter unbewusster Vorgang. Doch ich war überglücklich - ich war in Ägypten gelandet!

Wie viel hatte ich über Ägypten gelesen. Wie viele Stunden hatte ich damit verbracht, staunend Illustrationen von antiken ägyptischen Tempeln, Grabmälern und den Pyramiden zu betrachten. Jahrelang waren Bücher meine einzige Quelle gewesen, dieses Land kennen zu lernen.

Wie oft hatte ich daran gedacht, wie es wäre, selbst dort zu sein. Unter den Pyramiden von Gizeh zu stehen, an den verwitterten Steinwänden hinauf zu blicken und vor Freude und Überwältigung sprachlos zu sein. Die Jahrtausende der ägyptischen Geschichte gruben sich in mein Gedächtnis, Pharaonen bekamen Namen, Geburtsdaten und Dynastien. Die faszinierende Welt der Alten Ägypter hatte mich angezogen, hatte mich verzaubert und nicht mehr losgelassen. Schon zu Schulzeiten, hatte ich versucht, bei Aufsätzen und Hausarbeiten mein Interesse für Ägypten, Archäologie und Altertum einzubringen und mir entsprechende Themen zur Bearbeitung ausgesucht.

Dazu Kairo, die großartige Metropole, der unglaubliche Moloch, die Mutter aller Städte... Wie würde es dort sein? War es wie in anderen Großstädten, oder war Kairo mit Städten jenseits des Mittelmeeres nicht zu vergleichen? Was bedeutete dort Größe, Weite und Entfernung? In meiner Vorstellung festigte sich ein Bild der Stadt und ich wünschte mir sehnlichst dies alles mit eigenen Augen zu sehen.

Von meinem Wunsch, Archäologin zu werden, war ich hingegen abgekommen und stattdessen bei der Islamwissenshaft gelandet. Was steckte hinter der Religion, die anfangs im Westen von vielen Geheimnissen umwölkt war und nach den schrecklichen Ereignissen des 11. Septembers Angst und Schrecken in der vorwiegend christlichen Welt auslöste? Wie viel Krieg, Hass und Unheil steckte tatsächlich im Islam? Die arabische Sprache betrachtete ich vom ersten Kurs an als eine Herausforderung und nahm alle damit verbundenen Schwierigkeiten in Kauf. Ich erlernte so viele spannende Elemente, Begriffe und Hintergründe der islamischen Religion, entzifferte diese anfangs so fremde Schrift und las hochinteressante Bücher.

Der Weg zum Hotel führte eine gefühlte Ewigkeit über riesige mehrspurige Straßen. Vereinzelte Wagen kamen uns entgegen oder überholten, doch diese wenigen Fahrzeuge, dies sollte uns schon wenige Stunden später klar werden, konnten nicht im Geringsten das wiedergeben, was in Kairo Straßenverkehr bedeutete. Das Hotel mitten in Downtown, dem Stadtzentrum, war ein Haus mit dem Interieur kolonialen Stils, einfach, aber wunderbar und jenseits hochaufgerichteter Sternehäuser.

Der Verkehrslärm war unglaublich. Selbst dort, in der schmalen Straße, in der sich das Hotel befand, zu jener nachtschlafenden Stunde, fuhren hupende Autos durch die Straßen, ohne Pause drangen die Geräusche wenngleich gedämpft - in das geräumige Zimmer. Doch für mich war dies wie Musik und ich ließ mich vom steten Motorengeräusch in den Schlaf wiegen. Sollten sich nicht Träume in der ersten Nacht in einem fremden Bett erfüllen? Es war 3.00 Uhr Ortszeit.

2

Die Nacht endete unversehens um 5.15 Uhr. Es dämmerte, der Lärm der Straßen schien abhandengekommen. Es war nur noch eines zu hören: der gedehnte Gesang des Muezzins, der mit den Worten Allahu Akbar- Gott ist groß vom Minarett die Gläubigen zum Gebet rief. Wir waren plötzlich hellwach und beinahe empört über die plötzliche Ruhestörung. Der Gebetsruf drang in ohrenbetäubender Lautstärke zu uns ins Zimmer. Es war, als fordere die Stimme nur mich allein zum Gebet auf. Es schien, der Rufende stünde direkt neben mir, so laut und deutlich waren seine Worte zu hören. Ich lauschte ergriffen seinen Worten:

ا أكبر أشهد أن ل اله إل ا أشهد أن محمدا رسول ا

„Ich bekenne, dass es keinen Gott gibt, außer Allah.

Ich bekenne, dass Muhammad der Prophet Gottes ist.“

Und weiter heißt es in dem Ruf:

„Eilt zum Gebet.

Eilt zur Seligkeit.

Das Gebet ist besser, als der Schlaf.

Ich bekenne, dass es keinen Gott gibt,

außer Allah.

Ich bekenne, dass Muhammad der Prophet

Gottes ist.“

Der Ausruf des Vorbeters ließ mich schaudern. Ich hatte gehofft und gleichwohl erwartet, die Aufforderung zum Gebet zu hören, doch wie nah, wie mittendrin war ich in diesem Moment, als der Ruf mich aus dem Schlaf riss. Leise, selbst ganz ehrfürchtig, schlich ich zum Fenster und blickte hinüber zu der Moschee, die unserem Fenster direkt gegenüber lag. Dort entdeckte ich auch den Grund für die enorme Lautstärke: direkt in Höhe unseres Fensters, hing ein Lautsprecher, durch den der Ruf zum Gebet zusätzlich verstärkt und für alle Muslime bis in den kleinsten Winkel der umliegenden Straßen und Gassen zu hören war. In der Dämmerung sah ich Männer, einige von ihnen in der traditionellen weißen Galabeya, einem hemdartigen knöchellangen weiten Gewand, in der Moschee verschwinden. Nach einiger Zeit, als sich die Gläubigen im Gotteshaus eingefunden hatten, verstummte der Gebetsruf. Ich kroch zurück unter das Laken, nicht ohne ein Lächeln auf den Lippen, denn die Vorstellung, einen Muezzin neben dem Bett zu haben, belustigte mich.

Ich war noch einmal eingeschlafen, doch dann durchflutete das Sonnenlicht das Zimmer herrlich hell und verkündete den neuen Tag. Trotz der wenigen Stunden Schlaf war ich hellwach und erwartungsvoll, was uns an diesem Tag in Kairo erwarten würde. An diesem Morgen nahm ich mir fest vor, diese Stadt mit allen Sinnen zu genießen.

Die Sonne schien schon herrlich warm von einem seltsam strahlend blauen Himmel. Es war kein gewöhnliches, kein heimatliches Blau. Es war anders, meiner guten, erwartungsfrohen Stimmung geschuldet, viel strahlender, intensiver, blauer - es war der Himmel über Kairo.

Als ich mit meinem Vater aus dem Hotel trat, sahen wir uns um. Gegenüber war ein großes modernes Krankenhaus, wo fortwährend Menschen ein- und ausgingen. Auf den Gehwegen herrschte eifrige und rege Betriebsamkeit. Taxifahrer warteten mit ihren schwarzweißen Wagen unmittelbar vor dem Hotel auf Kundschaft, man hörte von überallher Stimmengewirr, Rufen, Lärmen. Menschen liefen vorbei, hupende Autos bahnten sich ihren Weg durch den dichten Verkehr und auch der Geruch, der schon bei der Ankunft in der Luft gelegen hatte, stieg uns wieder in die Nase. Die Abgase der Autos mischten sich mit der Hitze, die schon am Morgen über der Stadt lag. Der Dunst des warmen Teers der Straßen vermengte sich mit dem beißenden Geruch von Benzin und legte sich schwer auf die Atemwege. Doch dieser Geruch war ganz und gar nicht unangenehm. Er gehörte hierher und es war, als gäbe es diese Stadt niemals ohne den Dunst, so als gäbe es in Kairo keinen Tag, an dem es anders, nach Nichts, riechen würde.

In diesem Augenblick befanden wir uns mittendrin. Inmitten des Lebens der Hauptstadt, zwischen all den Menschen, die sich in einer mir noch etwas fremden Sprache unterhielten, auch wenn mir deren Klangfarbe und Rhythmus bekannt war. Wir befanden uns im Innern des ägyptischen Alltags. Wir waren vollkommen fremd, kannten keine Richtung und keinen Weg, und dennoch waren wir, nachdem wir nach draußen getreten waren, ein winziger Teil dieser Stadt geworden.

Anfangs liefen wir ziellos umher und ich versuchte jeden Augenblick, jedes Geräusch, jeden noch so kleinen Eindruck zu assimilieren. Es war die Gelegenheit, einen ersten Blick auf die Kairoer Bevölkerung zu werfen. Bei vielen älteren Männern konnte man wieder die Galabeya sehen, andere waren mit Hemd und Hose bekleidet. Während die Temperaturen den besten Tagen eines deutschen Hochsommers gleichkamen und uns kurze Ärmel völlig ausreichten, trugen einige der Ägypter schon leichte Jacken oder Hemden mit langen Ärmeln. Es war Mitte September, die heißeste Zeit des Jahres war vorbei und was ich noch immer als Sommerhitze empfand, war für die Kairoer schon angenehm kühler Spätsommer. Der Begriff Hochsommer hatte dort, am Rande der Wüste eine ganz andere Bedeutung und ich machte mir zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellung davon, was wirkliche Hitze in den Sommermonaten bedeutete.

Viele der Frauen und Mädchen trugen Kopftuch, einige wenige waren von Kopf bis Fuß verhüllt, so dass man einzig ihre Augen erkennen konnte. Ich wusste natürlich um die Situation und die islamischen Kleidervorschriften, die auch in Ägypten galten, doch zugegebenermaßen gruselte es mich schon ein wenig, als mir alsbald die ersten Vollverschleierten in schwarzen, weiten Umhängen über den Weg liefen. Die unförmigen Gewänder, die mir entgegenkamen, nichts als wallender Stoff, unter denen eine Frau sich versteckte waren anfangs schlicht befremdlich. Welche Geschichte trugen diese Frauen mit sich? Wie verlief deren Leben? Konnten sie daheim sicher vor den Blicken Fremder - befreiter sein, sowohl von verhüllender Kleidung, als auch in ihren Wünschen, Träumen und Vorstellungen, als hier auf den überfüllten Straßen? War die Bedeckung des ganzen Körpers für die Frauen ein Glück, oder träumten einige von ihnen sich frei vom Schleier und den ihnen auferlegten Zwängen? Wie viele von ihnen trugen den Niqab, den Gesichtsschleier, der nur die Augen frei lässt, freiwillig und wie viele würden gezwungen?

Die Verschleierung der Frauen war keinesfalls eine Erfindung des Islams. Schon jüdische Frauen in vorislamischer Zeit hatten sich zu „bedecken“. Auch war die Art der Verschleierung einer Frau verhaftet in den Traditionen eines Landes, einer Familie oder einer sozialen Schicht, aus der sie stammte.

Dennoch lässt sich im Koran an mindestens einem Vers, Sure genannt,eine Art „Bekleidungsvorschrift“ herauslesen. So gesehen in der Sure „Das Licht“ in Vers 31:

„Und sage den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren und ihre Reize nicht zur Schau stellen sollen, außer was (anständigerweise) sichtbar ist; und dass sie ihre Tücher über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen sollen…“

Im selben Vers steht weiterhin, wem sich eine Frau unverhüllt zeigen darf. Dazu zählen Männer ihrer näheren Verwandtschaft, wie Väter, Großväter, männliche Verwandte ihrer Ehemänner, Brüder und Söhne. Innerhalb dieses Verses und den darin angesprochenen Vorschriften gibt es erheblichen Spielraum für mehr oder weniger Bedeckung weiblicher Körper.

Wenngleich ich auch die Beweggründe der Frauen verstand, die ihnen von ihrer Religion auferlegten Pflichten einzuhalten, konnte ich weder zu Zeiten meiner ersten Begegnungen mit vollverschleierten Frauen, noch Jahre später deren Motive für diese äußerst fundamentalistische Art der Auslegung nachvollziehen.

Vor den Geschäften, die sich in den Straßen aneinander reihten, saßen die Besitzer, tranken Tee aus kleinen Gläsern, plauderten mit ihren Nachbarn und warteten auf Kundschaft. Alle machten einen entspannten und zufriedenen Eindruck.

Mein Vater bewunderte indes die Auslagen in den Schaufenstern. Hier gab es tatsächlich nichts, das es nicht gab. Ersatzteile für Maschinen und Kleinteile für elektrische Geräte aller Art lagen in den Schaufenstern. Neben Feuerzeugen, reihten sich Ersatzteile für diverse Gebrauchsgegenstände aneinander. Teile ausrangierter Waschmaschinen waren repariert und neu aufpoliert worden, um sie aus zweiter Hand günstiger zu verkaufen. Hier wurde ausgebaut, repariert und wieder eingebaut, wurden noch unbeschädigte Teile weiter verkauft.

Stundenlang liefen wir einfach umher. Bestaunten das bunte Gewühl in den Straßen, quetschten uns an Menschen vorbei, ließen andere vorüberziehen und wanderten einfach herum, um einen ersten Eindruck von der Stadt zu gewinnen. Der Verkehr war völlig faszinierend: Autos gaben sich Hubzeichen; einmal hupen, rechts überholen, zweimal wohl links! Ein System war bei dieser Art der Kommunikation im Verkehr nicht auszumachen. Dies hatte zur Folge, dass pausenloses Hupen auf den Straßen zu hören war.

Nie in meinem Leben hatte ich ein solches Konzert erlebt...

Nachdem wir einige Zeit ohne Ziel herumgegangen waren, wollten wir - nun als richtige Touristen - die ersten Sehenswürdigkeiten besuchen. Beginnen sollte unsere Besichtigung auf der Nilinsel al-Gezira. Dort befand sich der Cairo-Tower, 187 Meter hoch, dessen Architektur an eine stilisierte Lotusblume erinnerte und auf dem Touristen gern die Aussicht über die Stadt genossen was jedoch oft kein Vergnügen war, da die Stadt meist von einer Dunstglocke überzogen war und man durch den Smog, der die Stadt immer wie ein graues Tuch bedeckte, nichts erkennen konnte. Ganz in der Nähe des Turms befand sich auch das Kulturzentrum Kairos mit einem Museum, einer Musikbibliothek und natürlich der Kairoer Oper.

Unser Stadtplan half nicht weiter, so dass wir nach einigem ziellosen Umhergehen einen Teppichladen betraten, um dort nach dem Weg zu fragen.

Doch mein sauber ausgewähltes Arabisch enttäuschte die beiden Herren verstanden mich nicht, so oft ich es auch versuchte. Enttäuscht und unverrichteter Dinge, weiterhin orientierungslos sahen wir uns um. Mich hatte es sehr entmutigt, dass ich mich - dem Arabisch ja im Grunde mächtig - nicht verständigen konnte und wir irrten weiter umher. Erst später erfuhr ich, dass die Verständnislosigkeit der Herren nicht etwa daran gelegen hatte, dass ich zu schlecht Arabisch sprach oder das Falsche sagte, sondern daran, dass ich meine Frage im schönsten, an der Universität erworbenen Hocharabisch vorgetragen hatte. Dass dies jedoch für die Dialekt sprechende Bevölkerung vollkommen gestelzt klang und Fusha, das moderne Hocharabisch, vorgetragen voneiner Ausländerin, noch dazu vermutlich mit starkem deutschen Akzent, oftmals von der einfachen Bevölkerung gar nicht verstanden wurde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Trotz einiger Hinweisschilder orientierungslos gaben wir es schließlich auf, die Insel zu Fuß zu erreichen und stiegen schließlich in der „´Adly Straße“ in ein Taxi.

Kurz darauf befanden wir uns mitten im Kairoer Straßenverkehr in Richtung Nil. Auf dem Weg dorthin konnten wir im Vorbeifahren schon einmal einen kurzen Blick auf das Ägyptische Museum werfen, dessen Besuch wir für einen der kommenden Tage vorgesehen hatten. Der Taxifahrer erzählte in brüchigem Englisch von seinen Krankheiten und dass die Behandlung dieser viel Geld kosten würde. Außerdem war seine Tochter verstorben. Er wischte sich während der Fahrt immer wieder mit einem Tuch über die Augen und bekreuzigte sich als koptischer Christ mehrfach. Obwohl wir nicht wussten, ob seine Geschichte stimmte, schenkten wir ihm beim Aussteigen fünf ägyptische Pfund zusätzlich, als der eigentliche Fahrpreis gewesen war. Wir unwissend wir doch damals noch waren…

Bei al-Gezira, der Nilinsel angekommen, setzten wir uns so nah ans Flussufer, wie nur möglich. Ein wunderbarer Augenblick - so nah am längsten Fluss Afrikas. So schmutzig, wie ihm nachgesagt wurde, schien der Nil an dieser Stelle nicht, obwohl wir uns mitten in der Stadt befanden. Doch mit Sicherheit täuschte die blaue Farbe des Gewässers, so als hätte sich der Nil extra herausgeputzt, bedenkt man, durch welche Stadt sich dieser Fluss bewegt, wie viele Menschen hier leben, welche Mengen Autos hier fahren... Über unseren Köpfen führte eine riesige Brücke über den Nil hinweg, die die Insel mit der Stadtmitte verband. An der Stelle, an der wir saßen und auf die Skyline Kairos blickten, herrschte eine seltsame, fast unwirkliche Ruhe, so als wäre die Stadt weit weg. Beinahe so, als hätte man das Getöse ausgeschaltet.

Lange hielt es uns jedoch nicht dort am Nil und so liefen wir das kurze Stück hinüber zum Cairo Opera House. Im strahlenden Sonnenschein lag das Gelände vor uns, zwischendrin leuchtete das satte Grün der in Gruppen gepflanzten Palmen und man konnte das sandfarbene Gebäude, das die Oper beherbergte schon von weitem sehen - stolz in die Höhe gereckt, als wolle es uns willkommen heißen. Ich war glücklich, endlich einmal dort zu sein, denn ich brachte mit diesem Ort so viel in Verbindung. Ich wusste von dieser Stelle mitten in Kairo so viel, obwohl ich noch nie dort gewesen war. Wir ließen uns auf einer flachen Mauer direkt neben dem Haupteingang nieder und genossen die warme Sonne. Auch hier schien das laute Kairo sich verabschiedet zu haben, denn man hörte nichts von den nahen Straßen. Ich sah mich genauer um - es war schön, dort zu sitzen, herrlich, diesen Ort zu besuchen, und ich fühlte mich plötzlich, wie eine Art Pilger... Dort, in diesem Gebäude hinter mir arbeitete Ayman, mein langjähriger Freund und es kam mir beinahe so vor, als käme er jeden Moment um die Ecke, um uns zu begrüßen...

Ich hatte Ayman in Deutschland kennen gelernt. Er war Tänzer und seine Gruppe war zum Gastspiel geladen worden. Er und seine Freunde sprachen uns - ich war zu diesem Zeitpunkt mit Freundinnen unterwegs - einfach an. Als würden wir uns nicht zum allerersten Mal begegnen, entwickelte sich eine lockere Unterhaltung... Wir trafen uns am Abend noch einmal, plauderten wieder über Gott und die Welt und verabschiedeten uns auch am nächsten Morgen, als sie weiter Richtung München fuhren. Von diesem Tag an schrieben wir uns Briefe, telefonierten hin und wieder, so dass er zu einem guten Freund geworden war. Vier Jahre nach unserem ersten Treffen hatten wir uns wiedergesehen, als die Kompanie mit einem neuen Programm noch einmal in Deutschland Station machte. Es war nicht, als würden vier lange Jahre zwischen unserem letzten Treffen liegen, als wir uns zur Begrüßung umarmten. Vielmehr war es, als hätten wir uns nur wenige Wochen nicht gesehen. Bei dieser zweiten Begegnung hatten wir einen schönen gemeinsamen Tag. Ein drittes Treffen sollte in Kairo stattfinden und er hatte sich unglaublich gefreut, als er hörte, ich würde nach Ägypten kommen. Doch kurz bevor ich anreiste, hatte er berufliche Verpflichtungen außerhalb Ägyptens - eine bedauerliche Tatsache, denn unsere Flüge wären zeitlich fast aneinander vorbeigeflogen, denn er war kurz vor meiner Ankunft in Kairo nach Europa aufgebrochen.

Ich beobachtete, während ich vor der Oper in der Sonne saß, ganz genau die Menschen, die das Gebäude betraten oder verließen, in der Hoffnung ein mir bekanntes Gesicht von Aymans Kollegen, oder gar seinen Chef zu sehen, doch es erschien niemand, den ich kannte. So sahen wir zu, wie Gläubige die kleine Moschee direkt neben der Oper verließen und nach dem Nachmittagsgebet wieder ihrer Wege gingen.

Für weitere Sehenswürdigkeiten waren wir inzwischen zu müde, nach all den Eindrücken des ersten Tages, dem Großstadtgewirr und der zuvor so kurzen Nacht. Als wir das Gelände der Oper gerade verlassen hatten und überlegten, ob wir zurück Richtung Hotel laufen sollten, hielt neben uns ein Taxi und der Fahrer bot uns in gebrochenem Englisch an, uns zu fahren. Wir ließen uns bereitwillig zum Hotel chauffieren, und unterwegs bot Nabil, so hatte er sich uns direkt vorgestellt, an, uns gleich am nächsten Tag wieder abzuholen - er würde auch die ganze Woche unser persönlicher Stadtführer sein. Die Idee war sehr gut, so bliebe uns langes Umherirren, Nachfragen und Nicht-Auskennen erspart und wir würden nicht ständig von anderen mitleidheischenden, kranken Taxifahrern durch Kairo gefahren. Nabil versprach, am nächsten Morgen pünktlich vor dem Hotel zu sein und schärfte uns ein, nur nicht mit einem anderen Taxi zu fahren.

Kairo gefiel mir. Es faszinierte, erstaunte, erfreute und beängstigte mich und ich konnte nicht erklären, welches dieser Gefühle vordergründig war. Mir war klar, man konnte Kairo nur lieben oder hassen - ein Teilsteils war unmöglich und ich war mir sicher, dass ich diese Stadt liebte. Kurz vor dem Abendgebet ertönte erneut der Ruf des Muezzin - eine unheimlich schön-schaurige Stimme, die die Gläubigen zum Gebet rief. Ich setzte mich ans offene Fenster, lauschte ergriffen nach draußen und sah den Männern zu, wie sie fast schleichend in der Moschee verschwanden. Der Ruf des Muezzins versetzte mich Hunderte Jahre zurück in eine alte, längst vergangene Zeit, während das moderne Leben um die Moschee herum weiter floss. Überhaupt fand ich es sehr bedauerlich, alle Geräusche um mich herum - den Muezzin, das Getöse des Straßenverkehrs, die Rufe der Menschen - alles, was in irgendeiner Form den Klang dieser Stadt wiedergab, nicht aufzeichnen und mit nach Hause nehmen zu können. Ebenso Gerüche - Abgase, Speisen, Hitze, Staub - bei denen es mir ebenso wenig möglich war, sie mitzunehmen und daheim für immer einzuschließen. All das zusammen war Kairo und es war unbeschreiblich, jedenfalls wenn man, wie ich, zur Schilderung Worte benutzt.

3

Nabil war pünktlich am Hotel als wir es verließen.

Während der Fahrt gab es wieder die Gelegenheit, den Kairoer Straßenverkehr hautnah zu erleben und ich dachte, es nie begreifen zu können, wie all dies Chaos eine Normalität war und funktionierte, wie all das scheinbare Durcheinander mehr oder minder stets im Fluss war. Wir machten uns auf den Weg zur Zitadelle, einer von dem aus Damaskus stammenden Salah el-Din Ibn Ayoub, kurz Saladin, erbauten Festung aus dem 12. Jahrhundert, die südöstlich des Zentrums hoch erhaben über der Stadt thronte. Dort erwartete uns ein fantastischer Ausblick über die Weite der Hauptstadt. Erst hier konnte man die wahre Größe dieser Stadt erahnen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. War man doch inmitten des nie endenden Treibens in den Straßen der Stadt ein winziger Teil des Ganzen, so war der Blick von weit oben stärker und größer. Man konnte innerhalb weniger Augenblicke einen großen Teil der Metropole sehen, wenn man sich nur in die verschiedenen Himmelsrichtungen drehte. Kairo lag unter einer grauen Decke aus Abgasen und Verschwommenheiten. Je weiter hinaus man sah, desto undeutlicher sichtbar wurden Gebäude und Straßen, desto weniger wirklich war all das… Mein Blick schweifte hinüber durch einen Wald aus unzähligen Minaretten des Islamischen Kairos: dieStadt der tausend Minarette. Ich blickte weiter, vorbei an Hochhäusern gen Gizeh - dem Ort der Pyramiden. Dahinter begann die Wüste, welche vom Dunst gänzlich verschluckt und irgendwann unsichtbar wurde. Nach vielem Staunen und unzähligen Fotos war es endlich soweit: wir betraten zum ersten Mal ein islamisches Gotteshaus auf dem Gelände der Zitadelle. Dort oben thronte sie, prächtig und erhaben: die Alabaster-Moschee. Nachdem wir den Vorhof durchquert hatten, standen wir in der Gebetshalle. Andächtig verharrend schloss ich für einige Sekunden die Augen, als wir den Innenraum betraten - der Glanz, der mir von allen Seiten entgegenstrahlte war unermesslich. Ich wagte vor Ehrfurcht kaum zu atmen und sah langsam an den Seitenwänden hinauf, bis die vergoldete Kuppel, die auf vier Pfeilern zu schweben schien, meinen Blick gänzlich gefangen nahm. Ein Meisterwerk, von Menschenhand geschaffen, wie es heutzutage wohl niemandem mehr möglich ist.

Die gewaltige Moschee, die auch nach ihrem Schöpfer Muhammad-Ali-Moschee genannt wird, war im 19. Jahrhundert die Blaue Moschee von Istanbul nachahmend, erbaut worden. Muhammad Ali hatte das Gotteshaus von einem bosnischen Architekten an der Stelle des mamlukischen Thronpalastes errichten lassen. Sie war mit ihren über 80 Meter hohen, stolz in den Himmel ragenden spitzen Minaretten ein Wahrzeichen der Stadt. Dort, in dieser Moschee war es die Stille, die den Eintretenden sofort umgab. Ganz in meiner Nähe schoben sich Touristen mit erhobenen Köpfen, den Blick gleichsam zur Kuppeldecke gewandt, vorüber. Sie waren aus demselben Grund hier, wie auch wir, doch ich fühlte mich anders, ohne einen Reiseführer, ohne hektisches Fotografieren und filmen, um dann rasch wieder in einem klimatisierten Bus zur nächsten Sehenswürdigkeit zu entschwinden… Das was wir taten fühlte sich echter an und Nabil ließ uns alle Zeit der Welt, uns umzusehen. Wo war er eigentlich geblieben?

Wieder auf dem Vorplatz, draußen im warmen Sonnenlicht, musste ich die Augen mit der Hand bedecken, so sehr blendete das Sonnenlicht. Da war er wieder: Nabil hatte geduldig vor der Zitadelle in seinem Auto gewartet.

An diesem Tag fuhr er mit uns noch zu anderen Moscheen, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Sie verschwammen nach einiger Zeit und vermischten sich in meinem Gedächtnis. Zwei Moscheen jedoch, waren mir in Erinnerung geblieben. Die eine, die Ibn-Tulun-Moschee, war die drittgrößte der Welt und ihr Vorraum mit dem Brunnen für die rituellen Waschungen vor dem Gebet eher bescheiden, doch gerade diese Schlichtheit machte sie zu einer der schönsten.

Ihr Erbauer Ahmed Ibn Tulun war vom Kalifen El-Ma‘mun aus Bagdad, dem damaligen Hof der regierenden Abbasidenkalifen, als Gouverneur nach El Fustat geschickt worden, wie Kairo im 9. Jahrhundert nach Christus genannt wurde. Als Ibn Tulun zwei Jahre später zum Gouverneur des ganzen Landes ernannt wurde, gründete er unabhängig von den regierenden Abbasiden die Dynastie der Tuluniden, die dem Land eine kurze Periode des Wohlstands bescherte. Er verschmähte El Fustat und erbaute auf einem nahegelegenen Hügel seine eigene Hauptstadt El Qatai mit der Moschee als Mittelpunkt. Als die Abbasiden El Fustat zwei Jahre später zurückeroberten, vernichteten sie die neue Hauptstadt El Qatai, ließen aber die Moschee unberührt. Daher ist die Ibn-Tulun-Moschee das älteste, noch original erhaltene islamische Bauwerk der Stadt.

Trotzdem sich das Gotteshaus gerade im Bau befand und man den Blick nicht ungestört durch den Innenhof gleiten lassen konnte, war dieses schlicht erbaute Gotteshaus mit klaren Ornamenten genau das, was ein Gotteshaus im Islam ausmachte: eine Moschee war kein Heiligtum, überquellend von Prunk, Gold und Überfluss, sondern der Ort des Gebetes und der Versammlung. Allah ließ sich nicht blenden von Glanz und Reichtum, er sah in die Herzen der Menschen. Genau dafür, so empfand ich es, war die Ibn-Tulun-Moschee ein geradezu gelungenes Beispiel. Die schnörkellose Bauweise ließ das Gebäude tatsächlich wie ein Gebetshaus wirken, nicht wie ein der Beweihräucherung seines Erbauers dienendes Heiligtum.

Nach der Stille, die uns auch dort wieder umgab, als wir von der tosenden Straße den Innenhof der Moschee betreten hatten, konnte man eine gewisse Zeit in Ruhe verweilen. Wie still es doch war, wie beruhigend die Tatsache, dass Gott, Allah oder welchen Namen man ihm gab, hier so gegenwärtig war und auf uns herunterzublicken schien. Mich erfasste eine beinahe spirituelle Stimmung, die mir im alltäglichen Leben eher fern war.

Das Gotteshaus jedoch, an das ich mich am klarsten erinnern konnte, war die Al-Azhar-Moschee, die Blühende. Sie thronte seit Jahrhunderten an diesem Ort, der Zeit bis heute trotzend und schien an der stark befahrenen gleichnamigen Hauptstraße wie fehl am Platze. Doch die Schöne mit ihrer sandig-braunen Fassade blühte sprichwörtlich. Im 10. Jahrhundert erbaut, beherbergt sie bis heute die älteste Universität der islamischen Welt. Sie hat Herrscherdynastien, Monarchie und Diktatur im Land am Nil überdauert und noch immer ragen ihre fast filigranen Minarette majestätisch und stolz in den dunstigen Himmel der Stadt. Auch aus wissenschaftlichem Interesse freute ich mich ganz besonders auf den Besuch dieses Gotteshauses, wusste ich doch, wie bedeutend diese Moschee mit der angeschlossenen Universität für die islamische Theologie war.

Die Al-Azhar-Moschee war ein Bauwerk, das den Glanz der schiitischen Fatimiden des10. Jahrhunderts noch immer offenbarte. Ihr Erbauer war General Gawhar gewesen, der sie als Freitagsmoschee hatte errichten lassen. Mit der Zeit wurde sie zur Hüterin schiitischer Glaubensgrundsätze und das Zentrum islamischer Gelehrsamkeit. Nach der Eroberung al-Qāhiras, wie Kairo auf Arabisch heißt, durch Saladin wandelte sich jedoch die Moschee, die gleichzeitig die Universität beherbergte, vom schiitischen Herzstück zum theologischen Zentrum der orthodoxen sunnitischen Glaubenslehre. Bis zum Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden an der Al-Azhar-Universität ausschließlich Theologie, Islamische Wissenschaften und Islamisches Recht gelehrt. Heute gehören weitere Fakultäten, in anderen Stadtteilen dazu. Es werden die Fächer Medizin und Pharmazie, Wirtschaft und Handel, Ingenieurwesen, Landwirtschaft, aber auch Geistes- und Naturwissenschaften angeboten. Erst seit 1964 dürfen auch Frauen dort studieren.

Vor dem Hauptportal der Moschee hatten sich scharenweise Menschen versammelt, viele zu Fuß, einige die in bereitstehende Taxis stiegen, wieder andere, die zum Gebet ein- und ausgingen. Ich bedeckte mein Haar mit einem Tuch, wie es für Frauen in der Al-Azhar üblich ist, dann traten wir ein. Sie war so wunderschön. Auf dem Boden waren rubinrote Teppiche ausgerollt, auf denen die männlichen Gläubigen gen Mekka hin beteten. An den Wänden konnte man Lobgesänge auf Allah und Koranzitate erkennen, die in verschnörkelter kunstvoller Kalligraphie geschrieben waren. Wir genossen die Stille und den Geist Gottes, der hier näher war, als an irgendeinem anderen Ort. Außer einigen schlafenden oder koranlesenden Männern war die Moschee leer. Hier hatte der Lärm von draußen keinen Zutritt, hier war die irdische Welt ein klein wenig zu Ende. Wir ließen uns in einer Ecke des Gebetsraumes nieder. Es war angenehm kühl und dämmrig. Sofort konnte ich die Menschen verstehen, die sich, während der Mittagshitze draußen, hierher zurückzogen, um zu ruhen, zu lesen oder zu beten. Hier war auch für uns einmal Zeit, durchzuatmen und die vielen Eindrücke der vergangenen Stunden ein wenig wirken zu lassen.

Zurück auf der Straße, zwischen Lärm, Hitze und Staub aus der erholsamen Stille wie in eine andere Welt versetzt trafen wir Nabil wieder, deruns eine christliche Kirche zeigen wollte, die hoch über der Stadt in Sichtweite, auf dem Moqattam-Berg lag. Begeistert stimmten wir zu. Den Weg dorthin werde ich niemals vergessen.

Das Taxi fuhr die breite, geschwungene Salah-Salem-Straße hinauf Richtung Moqattam, dem Felsen östlich der Islamischen Altstadt. Irgendwann, abseits der Hauptstraße, erreichte der Wagen dunkle und schäbige, von Verfall gezeichnete Gassen, voller Schmutz, Müll und Unrat, der wie selbstverständlich auf den Wegen lag. Langsam fuhren wir über die löchrigen, unbefestigten Pisten und Nabil achtete auf jedes Schlagloch, dass er versuchte, so gut es ging zu umfahren. Schmutzige Kinder, von Fliegen umschwirrt, saßen inmitten der Abfälle und spielten darin. In den Hauseingängen stapelten sich meterhoch Säcke aus blauem und weißem Plastik. Kein Fleckchen war sauber, überall lag der Unrat, überall Schmutz, Abfall… Rinnsale aus schlammigem Wasser rannen zwischen den Steinen der unbefestigten Straße hindurch. Zwischen den verfallenen Häusern verliefen enge Durchgänge, kaum schulterbreit, ebenfalls von Unrat und Abfällen bedeckt. Es gab nirgends einen Platz, der nicht von Abfällen bedeckt war. In den Hauseingängen standen Kinder und starrten uns mit großen Augen aus kleinen, schmutzigen Gesichtchen an. Es war ein schrecklicher Anblick, der sich uns bot, doch noch viel schrecklicher war der beißende Gestank, der in der Luft lag. Es stank nach Müll, Abfällen, ja, ich war mir sicher es stank nach Verwesung. Es drehte sich mir beinahe der Magen um und ich musste mich zusammennehmen, um nicht vor Ekel und Übelkeit laut zu schreien. Die furchtbaren Ausdünstungen drangen durch alle Spalten, ich gestattete mir nicht, zu atmen. Was für ein furchtbarer Anblick, was für schreckliche Ausdünstungen. Ich wagte nicht, diesen kleinen schmutzigen Kindern, kränklich und von Ungeziefer zerstochen, in ihre großen braunen Augen zu sehen, wenn sie innehielten, als wir an ihnen vorbeifuhren. Es schnürte mir die Kehle zu und ich hoffte inständig ganz schnell von dort weg zu kommen. Ich war überzeugt, dass das die Hölle von Kairo war.

Gerüche und Schmerzen, so sagt man, vergisst man im Leben am schnellsten, doch dies war mir nach der Fahrt durch dieses Viertel nicht möglich. Zu eindringlich, zu beißend, war die Luft, die mir dort den Atem genommen hatte. Noch lange nach dieser Fahrt hatte ich diesen Geruch im Gedächtnis.

Lange nach der Fahrt durch die „Müllstadt“ erfuhr ich, dass diese Leute, Zabaleen, Müllmenschen genannt, vom Müll der Großstadt leben. Sie versuchen in dem was andere wegwerfen noch Brauchbares zu finden und dies zu Geld zu machen. Diese Arbeit verrichten die koptischen Christen, die in der Stadt leben. Viele dieser Menschen waren Ende der 1940er Jahre, vorwiegend aus Assiut, einer Stadt in Mittelägypten, arbeitsuchend nach Kairo gekommen. Für einen geringen Verdienst, sammelten sie Abfälle von Haushalten, aber auch Restaurants und Geschäften und brachten diesen an den Stadtrand von Kairo, wo sie den Müll per Hand sortierten und weitgehend verwerteten. Organische Reste verfütterten die Zabaleen an die Schweine, die sie in ihren Siedlungen hielten; ganz im Gegensatz zu den Muslimen, von welchen das Schwein, als unrein betrachtet, weder gehalten, noch verzehrt werden durfte. Die Müllmenschen lebten von dem was die Millionenstadt übrig ließ: Plastikflaschen und -tüten, Speisereste und Abfälle.

In einer Fernsehdokumentation erfuhr ich später mehr über die Leute der „Müllstadt“. Der Plastikmüll, der zuhauf entsorgt werden muss, wird in kleine Späne zermahlen und zur Herstellung billiger Plastikartikel nach China exportiert. Diese Haushaltwaren und Spielsachen aus Plastik finden dann wieder ihren Weg nach Ägypten. Ein geschlossener Kreislauf, der das Abfallentsorgen und -verarbeiten zu einer wichtigen Tätigkeit macht. Würde nicht Kairo sonst im Müll versinken?

Nachts bis in die frühen Morgenstunden machen sich Männer mit ihren Söhnen und den jüngeren Töchtern auf Eselskarren oder alten Lastwagen auf den Weg in die verschiedenen Stadtbezirke, um den Müll einzusammeln. Mit vollen Wagen kehren sie später in ihre Siedlungen zurück, wo mit dem Sortieren und Verwerten die Arbeit der Frauen und älteren Mädchen beginnt. Doch wie kann man leben, wenn sich in den eigenen vier Wänden der Müll anderer Menschen stapelt?

Durch ausländische Hilfsprojekte wurden die Blechhütten und Pappverschläge der Zabaleen in der Siedlung am Moqattam-Felsen durch feste Häuser ersetzt, die mit fließendem Wasser, Elektrizität und einer Kanalisation ausgestattet wurden. Eine deutliche Verbesserung der Lebensumstände der Menschen dort, von denen heute über 50.000 in sechs Siedlungen am Stadtrand Kairos leben. Dennoch sind diese Menschen bitterarm und es ist schwierig bis gänzlich unmöglich, dass ein Müllmensch jemals seinen Platz in der untersten Gesellschaftsschicht wird verlassen können.

Eine schreckliche Vorstellung, unter solchen Umständen von dem zu leben, was andere wegwerfen, doch zeigte mir dies nur einmal mehr die Schattenseite des Lebens. Armut und Not wurden mir hautnah vor Augen geführt, es war an dieser Stelle so sichtbar, dass Ägypten - wenn dies auch an anderer Stelle weniger offensichtlich - auch nur eines von vielen Ländern der Dritten Welt war, wo Leid und Elend tagtäglich Menschen quälten. Dies niemals zu vergessen schwor ich mir!

Hoch oben über der Stadt angekommen, lag die koptische Kirche St. Samaan, ein Komplex mit aus dem Felsen heraus geschlagener Kirche. Ein Gotteshaus „open air“, welches ebenfalls von den koptischen Zabaleen in den 1970er Jahren aus dem Felsen herausgearbeitet worden war. An der Stelle, wo die Kirche unter einem mächtigen Felsvorsprung Tausenden Gläubigen Platz bot, schien die Legende um den Schuster Samaan noch gegenwärtig. Dieser soll zur Zeit der fatimidischen Herrscher, die schiitischen Glaubens waren, die Kopten vor dem Untergang bewahrt haben, in dem er an dieser Stelle den Moqattam-Berg spaltete, um den islamischen Herrschern die Kraft des christlichen Glaubens zu demonstrieren.

Dort hoch oben war ich erneut von der Aussicht über Kairo fasziniert, die sich nach hunderten von Metern im Staub und Dunst verlor. Genauso frei war der Blick auf das Müllviertel, das wir kurz zuvor noch durchquert hatten. Wie nah die verschiedensten Gefühle beieinander lagen! Wie viel Faszination wich dem Schrecken über Armut und Hunger? Welches all meiner Gefühle in dieser Stadt würde ich daheim, in dieser ganz anderen Welt noch bewahren können?

Unterhalb des Moqattam-Felsens mit der Kirche konnte man auf die die weitläufigen Friedhöfe sehen, in deren Mausoleen und Familiengräbern nicht nur die Toten ruhen. Dort wohnen mit ihnen auch die Lebenden.

Der Mangel an Wohnraum und die Armut der Menschen, die aus dem Süden des Landes nach Kairo gekommen waren, auf Arbeit und ein besseres Leben hoffend, hatten die Menschen auf die Friedhöfe getrieben. Hier lebten sie über den Toten und auch ein wenig mit ihnen. Dass sich die Menschen zwischen den Gräbern niederließen war mittlerweile so normal, dass die Stadt auf den Friedhöfen Wasser- und Stromleitungen verlegt hatte. Was unsereinem gespenstisch erscheinen mochte, war in Ägypten Alltag und Normalität. Leben und Tod gehörten im Land am Nil zusammen, bildeten eine Einheit. Der eigene Tod, wann immer er einen Menschen ereilte, schien kaum jemandem Angst zu machen. Das irdische Leben war nur eine Vorstufe zum Paradies, zum Beisein bei Gott, sofern man ein gutes Leben geführt hatte.

Wie auch Christen, glauben Muslime an ein Weiterexistieren bei Gott. Dass das Leben nach dem Tode, bei Gott kein Geschenk war, wussten alle Gläubigen und der Eintritt ins Himmelreich musste von jedem hart erarbeitet und verdient werden. So sollte jeder, Christ wie auch Muslim, versuchen, im Diesseits ein guter Mensch zu sein und nach den Regeln der jeweiligen Religion zu leben. Die Tatsache, dass nach dem Ableben nicht alles vorbei war, sondern etwas vielleicht Größeres und Wunderbares kommen würde, konnte einem Gläubigen gewiss die Angst vor dem Tod nehmen. Die wunderbare Vorstellung von Leben nach dem Tode, das mit großer Gewissheit ein besseres sein würde, als das diesseitige, war eine der unzähligen Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam. Am Ende glaubten sie alle - Juden, Christen und Muslime - doch an den einen Gott.

4

Nabil war wieder viel früher, als verabredet vor dem Hotel.

Anfangs fuhren wir eine lange Zeit durch Kairo, danach ein ganzes Stück durch die Wüste. Wir waren auf dem Weg zu den Pyramiden, über die Schnellstraße Richtung Westen. Neben der Straße standen immer wieder Wohnhäuser im Rohbau, aus roten Ziegeln mit dunklen, hohlen Fensteraugen. Aus den oberen Etagen ragten noch meterhoch die dünnen Stahlträger, so als würden sie auf den Weiterbau der nächsthöheren Etage warten. Doch diese Gebäude würden wohl unfertig bleiben. Meist fehlte das nötige Kapital zur Fertigstellung oder das Haus hatte Baumängel, so dass niemand eine Wohnung darin würde kaufen wollen. Anstatt etwaige Mängel zu beheben, verließ man die Baustelle rund um die unverputzten Skelette. Doch diese halbfertigen Mauern blieben meist nicht lange leer. Viele Zuwanderer, die der Armut in ihren Dörfern oder Städten zu entfliehen suchten, kamen in die Hauptstadt, machten sich diese Behausungen zu Eigen und wohnten darin. Zweckmäßigkeit war hier das Gebot. Nicht vorhandene Wände wurden durch Planen oder schwere Stoffe ersetzt. Fehlende Fenster stellten nur in den kalten Winternächten ein Problem dar und konnten dann notfalls mit Kartons abgedichtet werden. Im Sommer ließ man Türen und Fenster sowieso weit geöffnet. Strom war vorrätig, wenn man sich an Leitungen der umstehenden fertigen Häuser bediente. So sah man, gerade in den Stadtteilen der wohlhabenden Bevölkerung immer wieder halbfertige Gebäude, die bewohnt waren. Kinder liefen barfuß und mit verschnupften Nasen herum, kletterten teilweise über liegen gebliebenen Bauschutt, während ihre Mütter auf kleinen Gaskochern oder gar offenen Feuern vor den Häusern kochten und danach ihr Geschirr in weiten Schüsseln abspülten. Die Menschen hatten wenig, doch so zumindest eine Unterkunft.

Auf unserer Fahrt jedoch konnte die Gegenwart mich kaum beeindrucken, wenngleich ich auch pausenlos voller Interesse aus dem offenen Fenster des Taxis sah. An diesem Tag zählte nur die Vergangenheit, die alte, längst vergangene Welt der ägyptischen Hochkultur. Wir waren endlich auf dem Weg, die Weltwunder der Antike in natura zu bestaunen, waren ihnen nun schon näher, als je zuvor, nur darauf wartete ich in diesen Minuten im Wagen auf der Schnellstraße Richtung Wüste.

Plötzlich tauchten sie auf, links neben der Straße, dunstig hinter einem Schleier aus Staub. Unglaublich, diese Bauten, unfassbar, wie lange schon sie felsenfest im Sand verharrten, unglaublich, dass sie jetzt hier waren, dass ich sie bald sehen würde… Doch vorerst ging es vorbei an diesem magischen Ort, denn Nabil würde nicht nur nach Gizeh fahren, sondern zuvor noch zu anderen Pyramidenbauten in der Umgebung – mein Herz für Altertümer schlug sofort höher.

Nabil fuhr extra langsam, als die Knickpyramide in Sichtweite kam. Diese hatte ihren Namen erhalten, da sich zur Spitze hin ihr Neigungswinkel vergrößert, um den zu großen Druck der oberen Steinschichten auf die unteren zu mindern - eine rein statische, aber wirkungsvolle Maßnahme der altägyptischen Architekten. Es war beeindruckend, wie die großartigen Baukünstler vor mehreren tausend Jahren Winkel und Maße der Steinkolosse hatten berechnen können, wie exakt sie die Grabmäler der Pharaonen nach Sonne und dem Stand der Sterne ausgerichtet hatten.

Den ersten richtigen Stopp legten wir in Dashur ein, dem Ort, an dem sich die Rote Pyramide gen Himmel erhebt. Sie ist majestätisch und schon von weit her zu sehen. Auf der asphaltierten Straße dorthin hielt Nabil plötzlich an einem Pförtnerhäuschen an, das wie aus dem Nichts neben der Fahrbahn auftauchte. Ich saß auf dem Beifahrersitz und hörte nur, wie die Tür im Fond geöffnet wurde. Meinem Vater auf dem Rücksitz wurde angedeutet, etwas Platz zu machen. Als ich mich umdrehte sah ich, wie ein uniformierter Polizist sich neben meinen Vater niedergelassen hatte. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass er ein Maschinengewehr bei sich trug. Ich starrte den Mann nur ungläubig an und musste schlucken. Auch meinem Vater schien beim Anblick des Bewaffneten nicht ganz wohl zu sein. Doch der Polizist hatte die Angst wohl bemerkt und nahm uns die Sorge, in dem er ein breites Grinsen aufsetzte. „Ahmed“ stellte er sich vor und Nabil erklärte, dass er zu unserer Sicherheit mitfahren würde. So wie Polizeiwagen auch Touristen im Konvoi begleiteten, um diese vor terroristischen Anschlägen zu schützen, sollte Ahmed nun auch uns als Alleinreisende samt Fahrer bewachen.

Die Ägypter hatten gelernt, aus dem schrecklichen Anschlag in Luxor am Tempel der Hatschepsut, einige Jahre zuvor, wo Terroristen ein Blutbad unter den Besuchern des Tempels angerichtet hatten. Ich konnte mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, dass dort mitten in der Wüste außerhalb Kairos, Terroristen ausgerechnet auf zwei Alleinreisende inklusive einheimischen Taxifahrer lauern würden, doch Ahmed schien zu wissen, was er tat und so fühlte ich mich plötzlich sicherer vor Ereignissen, die vermutlich gar nicht eintreten würden.

Nun standen wir vor ihr, der ersten Pyramide, die ich aus nächster Nähe und nicht nur auf Bildern bewundern konnte. Sogleich stellte ich mich vor, wie sie in der Abenddämmerung aussehen würde, dann wenn die Sonne über der Wüste untergeht. Doch es war erst früher Vormittag als das Taxi einige Meter entfernt von der Pyramide zum Stehen kam. Kein Mensch weit und breit war zu sehen. Wir waren die einzigen Besucher. Es war um diese Tageszeit schon so warm, dass man einen heißen Tag erahnen konnte, doch der Wüstenwind umwehte uns sanft, so dass es keine Mühe kostete, dort in der Wüste das Pyramidenfeld zu entdecken, die Umrisse Kairos noch blass sichtbar in der Ferne.