Die große Gier - Hans Leyendecker - E-Book

Die große Gier E-Book

Hans Leyendecker

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Beschreibung

In deutschen Firmen wird geschmiert und getrickst, was das Zeug hält. Da werden Summen in die eigene Tasche umgelenkt, Verträge erschlichen, Geschäftspartner bestochen, Betriebsräte umgarnt, Steuern hinterzogen. Unlauteres Geschäftsgebaren, ob zum Nutzen habsüchtiger Manager oder zum vermeintlich Besten des Unternehmens, ist an der Tagesordnung. Mit exklusivem Hintergrundmaterial zu den Skandalen bei Siemens, VW, Infineon, Ikea und anderen deckt Hans Leyendecker das Netzwerk krimineller Machenschaften auf. Er legt offen, wie Unternehmen versuchen, die Aufklärung der Affären zu verhindern, aber auch, wie die Betrügereien durch das System noch gefördert wurden und werden. Profit und Ethik, heißt es oft, schlössen einander aus. Ohne Ethik kein Profit, hält Leyendecker dem entgegen, denn der langfristige Schaden für die deutsche Wirtschaft ist enorm. In einem einzigartigen Überblick fasst Leyendecker zusammen, was die Justiz tun kann, und zeigt auch vor dem Hintergrund der Liechtenstein-Steueraffäre und der Bankenkrise, wie Ethikregeln aussehen müssen, die ihren Zweck erfüllen.

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Hans Leyendecker

Die große Gier

Korruption, Kartelle, Lustreisen: Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: «Wir sind doch hier nicht unter Jungfrauen!»

Jedem das Seine, mir das meiste: Von Gehältern und sonstigen Douceurs

Die Rallye-Connection

Pflegefälle am Fließband

Alles fürs Geschäft? Das System Siemens

Ein Brief mit Folgen

Chronologie einer Katastrophe

Kassensturz in Afrika: Ein Kontinent, zwei Beispiele

Lustreisen für die Co-Bosse: Der Fall VW

Einer gewinnt immer

Der Heilige Krieger

Der Träumer

«Gebauer, wo bleiben die Weiber?»

Das Ende einer Ich-AG

Der Arbeiterführer und sein Diener: ruiniert

Die gespaltene Moral: Fluchtpunkt Liechtenstein

Ein dubioser Datendieb

Die kleinen Zumwinkels

Vaduz-Veteranen – eine kurze Sittengeschichte

«Ich war mit im Dreck»: Wenn Bürger Alarm schlagen

Fall 1: Stanley Adams

Fall 2: Christoph Meili

Fall 3: Anonymus

Fall 4: Frau T

Die Rechtlosen: Wie Whistleblower geschützt werden müssen

Ethik macht Profit: Compliance

Im Namen des Volkes: Justitias Aussichten

Das Gefecht der Staatsanwälte

Kundenservice: Kartelle unter Druck

Der unentdeckte Charme des Vergaberechts

Schuld und Sühne: Für ein Unternehmensstrafrecht

Schluss: Bessere Geschäfte dank null Toleranz

Dank

Einleitung: «Wir sind doch hier nicht unter Jungfrauen!»

Wir nummerieren die Jahre. Manchmal auch hängen wir ihnen nicht nur eine kalte, nüchterne Zahl an, sondern verbinden ein Jahr mit einem Ereignis, das die Zeit in ein Davor und ein Danach scheidet.

In der langen Geschichte der vielen Finanzkrisen könnte der 15.September 2008 ein solches Datum sein. An diesem Tag brach die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammen. Weltweit rauschten die Aktienkurse in den Keller. Andere Geldhäuser waren schon vorher kollabiert. Innerhalb von sechs Monaten gingen drei der fünf großen Investmenthäuser unter. Der Aufstieg und vor allem der Fall der großen Investmentbanken zeigt, wohin Gier führen kann, die der Antrieb des Turbokapitalismus ist. Anleger flüchteten aus allem, was wie Risiko klang, und auch wer nie etwas an der Börse riskiert hatte, bekam Angst um sein Erspartes, um die eigene Existenz. Der Finanzcrash stürzte den Kapitalismus in eine Legitimationskrise und erschütterte den Glauben an den Markt. Protagonisten des völlig freien Marktes riefen nach Regulierung, gesucht wurde der starke Staat, der plötzlich Konjunktur hatte. Staatliche Interventionen bekamen eine neue Qualität.

Es war nicht mehr länger nur eine Binsenweisheit aus dem Gemeinschaftskundeunterricht, zu behaupten: Der Staat sind wir. Wir Bürger. Wir Wähler. Wir Steuerzahler. Das von Neoliberalen oft verspottete Gemeinwohl war keine Phrase mehr. Es gab eine Renaissance der Solidarität.

Der Staat lebt von dem Vertrauen, dass er seine Gesetze auch durchsetzt. Steuerhinterziehung, oft als Kavaliersdelikt bezeichnet, war keine Bagatelle, sondern kriminell.

Das Steuerflucht das Gemeinwohl schädigt, dämmerte vielen Bürgern am 14.Februar 2008.Frühmorgens erlebten sie im Fernsehen mit, wie Staatsanwälte und Steuerfahnder den damaligen Chef der Deutschen Post World Net, Klaus Zumwinkel, in seiner Kölner Villa heimsuchten. Er wurde verdächtigt, 1986 bei der LGT-Gruppe in Liechtenstein einen Millionenschatz versteckt und die Kapitalerträge der deutschen Steuer verschwiegen zu haben. Am Ende der Durchsuchung wurde Zumwinkel festgenommen und zum Haftrichter nach Bochum gebracht. Der setzte den Haftbefehl nach Zahlung einer Kaution in Höhe von vier Millionen Euro außer Vollzug.

Im November 2008 klagten ihn die Bochumer Strafverfolger wegen Steuerhinterziehung an und bescheinigten dem Manager kriminelle Energie. So soll er bei Telefonaten mit der Bank Codewörter benutzt haben. Zwischen 2002 und 2007 hat er demnach Kapitalerträge in Höhe von 2,5Millionen erzielt und dem Fiskus 1,2Millionen Euro vorenthalten. Wegen Verjährung konnte die Staatsanwaltschaft nur die letzten fünf Jahre anklagen. Beim Fiskus muss der Multimillionär aber die Steuern für die letzten zehn Jahre begleichen. Nach dieser Rechnung war sein Liechtenstein-Schatz zwölf Jahre in Deutschland steuerfrei.

Zumwinkel, dem Anfang 2009 der Prozess gemacht werden soll, sieht sich mit der Drohung einer hohen Bewährungsstrafe konfrontiert. Er ist einerseits zwar vorläufig der berühmteste deutsche Steuersünder, andererseits ist er nur einer von rund 800Gutbetuchten, die jetzt mit Aktenzeichen belegt wurden, weil sie einen Teil ihres Vermögens an der Steuer vorbei nach Liechtenstein geschafft hatten. Sie waren, wie die Bochumer Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen feststellte, «auf der Sonnenseite des Lebens» gewesen und hatten dennoch «aus Gier». (Lichtinghagen) dem Staat nicht geben wollen, was des Staates ist. «Sozialschädlinge» nannte die Strafverfolgerin die Steuerverweigerer. Die Steuerflüchtlinge hatten nicht einmal von der Steueramnestie der Jahre 2004 und 2005Gebrauch gemacht. Mit einem besonders niedrigen Steuersatz wären sie davongekommen, aber die Habsucht war größer. Das Besondere an diesem Fall ist, dass die Feste Liechtenstein, die Steuerhinterzieher anzieht wie der Magnet die Eisenspäne, geknackt werden konnte.

Im Sommer 2008 liefen auch Verfahren gegen Kunden der Liechtensteinischen Landesbank an. Bei einem Prozess in Rostock gegen mutmaßliche Erpresser hatte eine der Verteidigerinnen des Hauptbeschuldigten dem Gericht Unterlagen über knapp 1300 vermögende Deutsche übergeben, die Geld ins Steuerparadies geschafft hatten.

Eliteversagen ist der Titel für Nachrichten aus der Welt da oben: Aufsichtsräte, die keine Aufsicht üben; Vorstände, die das Ende der sozialen Hängematte verkünden und sich selbst ganz viele Hängematten knüpfen, horrende Abfindungen für Nieten – das Bild, das sich die Bürger von ihren Eliten machen, ist oft nur noch ein Bild der Schamlosigkeit.

In der Geschichte der Korruption gibt es ebenfalls ein Ereignis, das Furore machte: Am 15.November 2006 startete die Münchner Staatsanwaltschaft eine Razzia bei Siemens, die Europas größten Technologiekonzern erschütterte, die alte Führungsmannschaft hinwegfegte oder zumindest paralysierte und deren Folgen für das weltumspannende Unternehmen auch zwei Jahre später unabsehbar sind.

Einen Schmiergeldskandal mit problematischen Zahlungen in Höhe von mindestens 1,3Milliarden Euro hat es in dieser Republik noch nie gegeben, und die Konsequenzen sind einmalig: Ein Siemens-Zentralvorstand saß tagelang in Untersuchungshaft; verwickelt sind auch ehemalige Zentralvorstände und etliche Bereichsvorstände. Strafzahlungen – womöglich in Milliardenhöhe – sind nicht ausgeschlossen. Amerikanische Anwälte durchforsten den Konzern, der in seiner 160-jährigen Geschichte eine solche Krise noch nicht durchlebt hat.

Der Untertitel dieses Buches, «Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht», mag dem einen oder anderen zu moralinsauer klingen, wenngleich Moral, abgeleitet vom lateinischen mos, so viel wie Gewohnheit, Charakter, Sitte bedeutet. (Wertvoller wäre natürlich die Tugend, denn die kommt von Herzen und baut auf Selbsterkenntnis und Selbstfindung.) Aber auch Skeptiker werden einräumen, dass sich die These von der Notwendigkeit ethischen Verhaltens angesichts des Siemens-Falles nicht nur für den Münchner Konzern fast von selbst beantwortet.

Lehrreich kann es sein, die Diskussionen noch einmal nachzuvollziehen, wie sie normalerweise geführt werden, wenn das Schmieren solche Dimensionen erreicht: Dass die Wirtschaft von ganz eigener Art sei, eine Klasse für sich darstellend, sui generis eben, erklären dann die Vertreter der Leider-ist-die-Welt-kein-Ponyhof-Fraktion. Die Gebildeten unter ihnen zitieren in einem solchen Fall den Philosophen Arthur Schopenhauer: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.»

Die Ökonomen unter ihnen berufen sich wiederum auf den 2007 verstorbenen Nobelpreisträger für Wirtschaft, Milton Friedman, der gesagt hat, die «Ethik des Unternehmens besteht darin, den Profit zu steigern». Dieser Satz ist von Chefmanagern und ihrem Personal nimmermüde wiederholt worden. Ein bisschen untergegangen ist dabei manchmal Friedmans späterer Hinweis, dass soziale Verantwortung für Unternehmen, die in einem Markt auftreten, in dem es auf Reputation ankomme, ebenfalls vernünftig sein könne.

«Wir sind doch hier nicht unter Jungfrauen!», hat vor ein paar Jahren ein ehemaliger Thyssen-Manager in einem Berliner Untersuchungsausschuss den Bundestagsabgeordneten zugerufen. Schmiergelder seien nun einmal international üblich. Im Ausland, so hieß es auch in anderen Debatten, funktioniere die Wirtschaft anders gar nicht. In gewissen Ländern gebe es eben bei gewissen Geschäften einen Hang zur Handreichung.

Ohnehin galt vor der großen Finanzkrise die Umgehung von Moral und Regeln zum eigenen Vorteil vielen Bundesbürgern nur als pfiffig. Lauter kleine Cleverles, die auch noch Sinn fürs Große haben, argumentieren dann, das Schmieren in anderen Ländern sichere doch hierzulande Arbeitsplätze. Schließlich müsse man zugreifen, ehe die Konkurrenz es tut, einsteigen, bevor die anderen vorn in der Lokomotive sitzen. Notwehr gewissermaßen.

Das Publikum geht denn auch mit seiner Empörung meist sparsam um. Nach einer Talkshow über das ethische Einmaleins schrieb mir ein Zuschauer, Forderungen nach einer neuen Moral in der Wirtschaft setzten die Schaffung eines «guten Menschen ganz neuen Typus» voraus. Vom guten Menschen bis zum Gutmenschentum, also zum schwarzen Angstethos des Puritanismus, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Der Chor, der in inbrünstiger Unkenntnis Thesen wie «Der Ehrliche ist der Dumme» verkündete, ist seit dem Bekanntwerden des Siemens-Falles und der Finanzkrise allerdings leiser geworden. Standen Moralprediger leicht im Ruch, etwas verschroben zu sein, kleinliche, von der Welt enttäuschte Spießer, melancholische, verbitterte Idealisten, mit denen in China, Nigeria und ich weiß nicht wo kein Geschäft zu machen sei, so hat die Causa Siemens auf dramatische Weise gezeigt, dass durch Korruption und illegale Durchstechereien die Existenz ganzer Sparten eines großen Unternehmens gefährdet werden kann.

«Es war mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler», sagte im achtzehnten Jahrhundert der kaltblütige Polizeiminister Joseph Fouché, nachdem sich Napoléon Bonaparte von Talleyrand hatte dazu verleiten lassen, die Entführung des Herzogs von Enghien durch Gendarmen auf neutralem Boden und dessen Erschießung anzuordnen. Ein gigantischer Fehler ist es, wenn ein Konzern wie Siemens Leitbilder, Ethikregeln und Moralkodizes präsentiert und gleichzeitig sudelt. Das gilt natürlich für alle Unternehmen, für alle Branchen. Die Bankbranche ganz besonders.

Es gab in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Abfolge von Skandalen, und bemerkenswert war schon, wer da alles in die Fänge der Ermittler geraten war: Spitzenpersonal von VW, Rewe, Siemens, Infineon, Faurecia oder der Staatsbank KfW – die Manager waren zu gierig, zu zynisch, zu selbstgerecht gewesen, und die meisten von ihnen hatten sich unangreifbar gefühlt. Irgendwann jedenfalls war einigen von ihnen das Gefühl für Größenordnungen, für die Unterscheidung zwischen richtig und falsch abhandengekommen. Ein einfacher Satz wie «Das tut man nicht» kam in ihrem Vokabular offenkundig nicht mehr vor. In diesem Buch finden sich einige Beispiele dafür.

Dass Volkswagen Arbeitnehmervertretern auch in fernen Ländern den Zugang zu teuren Etablissements bezahlte, war eine besondere Form von Beziehungspflege. Sieht so der Sieg der Arbeiterklasse aus? Früher durften sich nur die Bonzen oder die Halbweltler mit teuren Edelnutten vergnügen. «Sextrade» nannte man das in einschlägigen Kreisen. Sex and crime in Deutschland: Man gönnt sich mal was, weil einem sonst nichts gegönnt wird. Das ist natürlich von eher trübsinniger Erotik.

Die Bielefelder Wissenschaftlerin Britta Bannenberg hat vor einigen Jahren mehr als hundert einschlägige Strafverfahren ausgewertet und dann eine Art Typologie der Korruption verfasst. Danach unterscheiden sich «Geber und Nehmer in einem geringeren Maße, als es vermutet» wird. «Beide Seiten» seien «ehrgeizig, berufsorientiert», hätten «grundsätzlich legale Wertvorstellungen» und wollten dennoch illegal abkassieren. Viele hätten das Bestechungsgeld und die teuren Einladungen als Ausgleich für die Arbeit empfunden, die ihnen nicht ausreichend entgolten worden sei.

Der Konstanzer Wirtschaftsethiker Josef Wieland hat in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk vier Tätertypen beschrieben: «Der eine Typus ist der Zyniker. Der Zyniker weiß, dass das, was er tut, falsch ist. Aber er ist der Meinung, dass das in seinem Geschäft nun mal so sei. Er fühlt sich alleine gelassen, aber zieht das dann halt allein durch. Der zweite Typus sagt: Das steht mir zu! Er ist der Ansicht, ich arbeite hart, ich opfere viel – vor allem für seine Familie. Der dritte Typus glaubt, dass er über dem Recht steht. Das ist der Typ, der weit herumgekommen ist, die Macht hat und der weiß, dass Normen kulturrelevant sind. Er ist jemand, der glaubt, darüberstehen zu können. Der vierte Typus ist eigentlich der interessanteste von allen, das ist der Spieler. Er schließt Wetten auf die Zukunft ab; er weiß auch, dass er früher oder später erwischt wird, aber er braucht sozusagen das Risiko.»

Da sind die Investment-Zocker, die Milliardensummen verbrennen und sich dennoch selbst die Taschen vollstopfen: «Bank- und Fondsmanager erfinden täglich neue spekulative Finanzderivate, deren Risiken weder der private Kunde noch der eigene Vorstand ausreichend beurteilen kann», schrieb Altkanzler Helmut Schmidt in einem Aufsatz, der vor Ausbruch der Finanzkrise erschien. «Seit in den 1970er Jahren die ersten größeren Währungsspekulationen begannen, hat sich ein Hang zu finanzieller Spekulation über viele weitere Felder ausgebreitet», so Schmidt weiter. «Zugleich mit dem Spekulationismus erleben wir einen Verlust an Anstand und Moral. Dazu kommt vielfach eine grandiose Selbstbereicherung. Finanzmanager treten als Eigentümer auf und entscheiden zum eigenen kurzfristigen Vorteil über das Schicksal eines fremden Unternehmens und all seiner Mitarbeiter… Man darf von Raubtierkapitalismus sprechen.»

Die Großspekulanten bewegten sich lange Zeit in einem Umfeld, das ihre Machenschaften nur im Einzelfall ablehnte. Das Denken und die Praktiken der angelsächsischen Investmentprofis beherrschten die Wirtschaftswelt. Die Moral in Deutschland war noch nie so öffentlich und zugleich seit den Schwarzmarktzeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr derart volatil. Demographie, Arbeit, Rente, Steuerlast: Außer ein paar Sozialromantikern war Großen wie Kleinen klar, dass irgendjemand uns allen an die Brieftasche gehen will. Das sahen wir nicht ein. Das holten wir uns zurück. Wir sind doch nicht blöd. Moralische Schizophrenie wurde zu unserer Lebensform.

Ende 2006 erschien in England im British Journal of Criminology eine internationale Studie über die Schlaumeiereien der kleinen Leute, die Trickbetrügereien des Alltags. Auch 1700Personen in West- und 800 in Ostdeutschland waren befragt worden. Das Ergebnis war verheerend: Wer sich nicht darauf versteht, nach Strich und Faden einzuklagen, krumme Sachen geradezubiegen, rauszuholen, abzusetzen, der gilt, wenn diese Umfrage repräsentativ sein sollte, fast als Sonderling. Die Mehrheit hält sich, wie die Mehrheit sagt, nicht an die Gesetze. 70Prozent der West- und 60Prozent der Ostdeutschen betrügen, mogeln und tricksen. Überall gilt der Imperativ des Nassauerns und Absahnens. Ob Sozialwohnung, Schwarzarbeit, Gebrauchtwagenverkauf, Krankenkasse oder Stütze: Es wird getrickst.

Kai Bussmann von der Universität Halle, der die Zahlen für Deutschland zusammen mit zwei britischen Forschern erhoben hat, sagte: «Der Bürger beobachtet, was Unternehmen machen, und hat das Gefühl, das sei normal.» Eine Wirtschaft, die als kriminogen wahrgenommen werde, mache Menschen zu Betrügern. Die beiden Briten stellten insgesamt eine «zynische Einstellung» der Bürger «gegenüber dem Gesetz» fest. Das öffentliche Bewusstsein gegenüber Filz und Vetternwirtschaft war selten so wachsam wie in diesen Tagen. Und gleichzeitig ist die Bereitschaft gewachsen, in die eigene Tasche zu arbeiten.

Vernünftigerweise müssten wir uns sagen, dass wir mit den oben beschriebenen Tricks auch uns selbst betrügen, weil sie zwangsläufig zu höheren Versicherungsbeiträgen oder anderen höheren Zahlungen führen, aber die Furcht, der andere könnte noch geschickter sein, ist übermächtig. Sind wir ein Volk von gierigen Gelegenheits-Kleinkriminellen? Sagen wir so: Wir sind nicht mehr zu enttäuschen, weil wir oft selber täuschen.

Das gilt im Übrigen für viele Staaten: Es waren die Amerikaner der Main Street, nicht nur der Wall Street, die in den vergangenen Jahren viel mehr konsumierten, als sie erwirtschaftet hatten.

Dass die Wirtschaftskriminalität in ihrer nationalen Bedeutung und in ihrer internationalen Verflechtung und Organisation eine kapitale Gefahr sein kann, ist spätestens seit dem Finanzcrash im Herbst 2008 unstrittig. Bilanzwahrheit und Bilanzklarheit beispielsweise sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine funktionierende Unternehmenswirtschaft. Aber im Bankensektor hatten Aufsichtsbehörden den Überblick verloren oder auf eine Überschau ganz verzichtet. Die Aufsicht über die Banken war de facto privatisiert worden. Wenn Rating-Agenturen eine Anleihe als sicher bewerteten, war sie es. Der Staat prüfte kaum, welche Risiken in den Bilanzen der Finanzhäuser steckten.

Als Gefahr für Gesellschaft und Wirtschaftssystem erwiesen sich Gehälter, die an den Aktienkurs gekoppelt umso höher stiegen, je mehr Menschen wegrationalisiert wurden. Bezüge vieler Manager verloren jede Bodenhaftung.

Verzerrt werden sie jedoch mitunter durch hohe Vorstandsgehälter, die zwar nicht illegal sind, aber zum Skandal werden, wenn die Saläre (an den Aktienkurs gekoppelt) umso höher steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. Auch davon wird in diesem Buch die Rede sein. Aktienoptionen, die dazu geführt haben, dass manche Unternehmen innerhalb weniger Jahre von ihrem amtierenden Management regelrecht ausgeplündert wurden, sind ein ganz eigenes Ärgernis. Wirtschaftskriminalität ist eben auch ein spezieller Teil jener anarchischen Shareholder-Value-Ökonomie, die Spekulanten begünstigt, langfristige Investitionen behindert und dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg verhindert. Kinderarbeit, Umweltkriminalität, Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierungen können (meist dreckigen) Profit bringen, zerstören letztlich aber womöglich den Ruf eines Unternehmens.

Investmentbanken und Hedge-Fonds haben die Wirtschaftswelt radikal verändert. Wer die Renditeerwartungen nicht erwirtschaften konnte, wurde gnadenlos abgestraft. Vieles lief ohne allgemein verbindliches Recht. Vor allem in den USA traten Finanzderivate an die Stelle der klassischen Finanzierungsinstrumente, und ihre Vergabe wurde nicht kontrolliert. Die meisten der etwa 9000Investmentfonds, die es weltweit gibt, sind auf Finanzinseln – ohne Steuerbehörde, ohne funktionierende Finanzaufsicht – zu Hause. «Diese aufsichtsfreien Inseln müssen ausgetrocknet werden, man muss ihnen die Luft abdrehen», forderte Helmut Schmidt.

Wir brauchen also – aus vielerlei Gründen – stabile Leitlinien und Institutionen, die, wie Geländer, Halt geben. Dazu zählen klare Richtlinien für «Compliance» und «Corporate Governance», mit deren Hilfe eine gute Unternehmensverfassung definiert und die Einhaltung von gesetzlichen Regelungen und internen Standards garantiert werden. Auf beides wird in diesem Buch noch eingegangen werden.

Wie es funktionieren kann, zeigt das Beispiel des größten Mischkonzerns der Welt, General Electric (GE), des wichtigsten Siemens-Konkurrenten. Das Unternehmen kämpft mit ähnlichen Produkten auf denselben Märkten wie der Münchner Konzern und ist doch – weitgehend – von Skandalen verschont geblieben. Seit Jahrzehnten schon werden bei GE Ethikgrundsätze diskutiert, und es gibt eine eiserne Regel: Wer unsauber arbeitet und erwischt wird, fliegt und kommt auch bei keinem verwandten Unternehmen mehr unter.

Die Lehrinhalte an den Universitäten geraten ebenfalls ins Blickfeld, wenn wir die kapitale Gefahr besser bekämpfen wollen. Dass eine Schule, das Evangelische Internatsgymnasium Schloss Gaienhofen am Bodensee, 2004 das Schulfach «Wirtschaft und gesellschaftliche Verantwortung». (Business & Society) erstmals in seinen Lehrplan integriert hat, ist ein Signal von unten – ein bemerkenswertes Zeichen, denn oft fehlt es an Schulen, Hochschulen und in Unternehmen an einem ganzheitlichen Ansatz, in den auch die soziale Verantwortung einbezogen wird.

Der Konstanzer Wieland, der Moral als «Treibsatz für erfolgreiches Business» bezeichnet, verkörpert den Beginn eines Wandels an deutschen Universitäten. An seiner Fachhochschule ist werteorientiertes Verhalten für die Studenten schon seit vielen Jahren Pflichtfach. «Wir nehmen Fallstudien, um die Situationen, in die Manager reingeraten können, möglichst realitätsnah zu bearbeiten», sagt er. Früher seien die Studenten nur auf zwei Fragen hin getrimmt worden: «Wie lässt sich der Gewinn des Unternehmens maximieren – und wie dein eigenes Einkommen?» Deshalb habe in den USA an den Universitäten schon vor langer Zeit eine Diskussion darüber begonnen, ob die Ausbildung eine Ursache für das Problem sei.

Die rund zweihundert Wirtschaftshochschulen in den USA haben das Thema Ethik längst in ihre Lehrpläne eingebaut. Zum MBA-Programm der University of Maryland gehört es beispielsweise, dass die Studierenden in den Gefängnissen mit den Folgen von Wirtschaftskriminalität bekanntgemacht werden. Die Studierenden sprechen mit inhaftierten Wirtschaftskriminellen, die Bilanzen manipuliert, Steuern hinterzogen oder bestochen haben. Nicht immer reichen die praxisnahen Lektionen allerdings für ein sauberes Geschäftsleben.

Die Versuchungen sind groß, und in Ländern, in denen Bestechung angeblich oder tatsächlich üblich ist, hat jeder, der nicht mitmacht, auf den ersten Blick einen Wettbewerbsnachteil. Auf den zweiten Blick sieht die Situation etwas anders aus. Die Korruption vor Ort schadet nicht nur den Ländern, sondern die Mitarbeiter der Unternehmen, die mit Durchstechereien ihren Vorteil gesucht haben, landen, wenn sie Pech haben, neuerdings im Gefängnis. Dass korrupten Managern selbst hie und da in Afrika der Prozess gemacht wird, wie in einem der folgenden Kapitel beschrieben, signalisiert die Veränderung der Lage.

Es ist nicht, wie oft behauptet, der harte Wettbewerb, der den Exportweltmeister Deutschland dazu gebracht hat, viele Jahre bei Auslandsgeschäften sehr unsensibel vorzugehen – es war der Fiskus. Bis Mitte der neunziger Jahre konnten in Deutschland Bestechungszahlungen, ganz gleich, ob sie im In- oder im Ausland getätigt worden waren, als «nützliche Aufwendungen» von der Steuer abgesetzt werden. Den Finanzbehörden war es sogar untersagt, Informationen über Bestechungsdelikte an die Strafverfolgungsbehörden weiterzuleiten. Mit dem Jahressteuergesetz 1996 wurde zwar die steuerliche Absetzbarkeit von Betriebsausgaben für Bestechungen aufgehoben, wenn in der Sache ein Bußgeld verhängt oder eine rechtskräftige strafrechtliche Verurteilung erfolgt war. In der Praxis hatte dieses Gesetz jedoch keine Konsequenzen.

Verbandsvertreter der deutschen Wirtschaft legten sich sogar noch quer, als im selben Jahr die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) drängte, zumindest die steuerliche Abzugsfähigkeit von Gaben an ausländische Amtsträger zu streichen. Erst 1999 wurden die schmutzigen Steuererleichterungen im Zusammenhang mit dem Erlass des Gesetzes zur Bekämpfung internationaler Bestechung gestrichen.

Mit ausschlaggebend dafür war der zunehmende Druck aus den USA. Denn bereits 1977 wurde dort durch den Foreign Corrupt Practices Act die Bestechung staatlicher Entscheidungsträger im Ausland unter Strafe gestellt. Amerikanische Unternehmen haben damals zunächst wegen Beschränkungen im Wettbewerb gegen die Maßnahme protestiert, aber dann ihre eigenen Regeln dem Gesetz angepasst.

Fortan hatten sie aus ihrer Sicht den Nachteil, dass sie beim Wettbewerb um Aufträge (anders als ihre Konkurrenten) Beschränkungen unterlagen. Das Interesse der Vereinigten Staaten, die eigenen Wettbewerbsnachteile abzubauen und die Belange der amerikanischen Anleger zu schützen, führt auf lange Sicht zu einer Amerikanisierung des Wirtschaftsrechts und zur Änderung der Spielregeln.

Auf Betreiben der USA arbeitete beispielsweise die OECD eine Konvention über die Bekämpfung der Bestechung ausländischer Amtsträger im internationalen Geschäftsverkehr aus, die 1997 von etlichen Staaten verabschiedet wurde. Am 15.Februar 1999 trat die Konvention in Kraft. Auch die von den Amerikanern beherrschte Weltbank, die nach dem Krieg das Phänomen Korruption lange Zeit ignoriert hatte, vollzog einen Paradigmenwechsel und setzte eine spezielle, unabhängige Einheit ein, die seitdem mehrere tausend Fälle untersucht hat. Seit 1999 zog die Bank mehr als dreihundert Unternehmen und Personen, die mit unsauberen Praktiken aufgefallen waren, zur Verantwortung.

In den USA gilt außerdem seit vielen Jahren das angloamerikanische Common Law, das die Strafbarkeit von Unternehmen erlaubt. Organisationen werden mit in Haftung genommen. Das bedeutet in schweren Fällen Geldstrafen in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar und möglicherweise Gefängnis für die Chefs. Für europäische Unternehmen, die Niederlassungen in den USA haben, ändern sich damit die Regeln. Wer an der US-Börse gelistet ist, muss sich amerikanischen Standards unterwerfen.

Angesichts gieriger amerikanischer Manager, die die Weltwirtschaft an den Abgrund drängten, weil ihre eigene Börsenaufsicht Verschuldung in astronomischer Größenordnung hinnahm oder sogar förderte, erscheint es wie ein Witz der Geschichte, dass sich dieselbe Aufsicht weltweit als Finanzsheriff geriert.

Vor vier Jahren hat die amerikanische Börsenaufsicht SEC beispielsweise Untersuchungen gegen den an der Wall Street notierten Konzern DaimlerChrysler eingeleitet, weil Daimler-Manager auf drei Kontinenten in mehr als einem Dutzend Ländern Schmiergelder gezahlt haben sollen. Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch die Aussage eines früheren Chrysler-Buchhalters in seiner Kündigungsschutzklage, es habe im Konzern Dutzende Geheimkonten für Bestechungszahlungen gegeben. Die US-Behörden waren alarmiert. Kurz darauf räumte der Stuttgarter Konzern außerdem ein, über einen Zeitraum von rund zehn Jahren zu wenig Lohnsteuer für Mitarbeiter abgeführt zu haben, die im Ausland eingesetzt waren.

Ein Heer amerikanischer Spezialisten ermittelt seitdem die Details in Stuttgart und liefert die Ergebnisse beim US-Justizministerium ab. Die Sitten sind rau. Bei einer Einreise in die USA wurde der ehemalige Personal- und Finanzvorstand des Konzerns, Manfred Gentz, eine Stunde lang festgehalten und befragt. Daimler muss sich auf eine Strafzahlung in hoher dreistelliger Millionenhöhe gefasst machen. Der Chef der Konzernrevision und der Leiter der Rechtsabteilung verließen das Unternehmen. Solche Personalwechsel sind in den USA üblich. Strafmilderung kann nur durch volle Kooperation mit den Ermittlungsbehörden erwirkt werden und dadurch, dass die Firma ihre Unternehmenskultur nachweislich auf die Vermeidung von Straftaten ausrichtet und Ethikkodizes ernst nimmt.

Die veränderten Spielregeln führten auch hierzulande zu einer Amerikanisierung des Umgangs mit Korruption – in Ansätzen. Trotz einiger Initiativen von Politikern und Wissenschaftlern stößt aber in Deutschland die Strafbarkeit von Unternehmen beispielsweise, wie sie in den USA üblich ist, noch immer auf erhebliche Vorbehalte. Die Gegner eines solchen Strafrechts argumentieren gern, dass Unternehmen nicht wie natürliche Personen schuldfähig seien, und Strafe setze nun einmal Schuld voraus. Diese Diskussion ist zäh, und sie wird sich aller Voraussicht nach noch hinziehen. Wie unabdingbar die Einführung eines solchen Strafrechts auch bei uns ist, zeigen die zahlreichen Rechtsbrüche zum vermeintlichen Besten des Unternehmens (und in dessen Schutz), von denen in diesem Buch die Rede ist.

In letzter Zeit ist allerdings ein vorsichtiger Wandel zu beobachten: Vor Jahren noch beschäftigten sich die wenigen Korruptionsfahnder, die es gab, vorwiegend mit Durchstechereien in der öffentlichen Verwaltung. Die Wirtschaft, wie der liebgemeinte Spitzname für das Kapital lautet, war, alles in allem, Terra incognita. Es war lange Zeit sogar schwierig, junge Juristen zu finden, die als Beisitzer einer Wirtschaftsstrafkammer oder als Staatsanwälte einer Abteilung für Wirtschafts- und Steuersachen arbeiten wollten. Polizeibeamte befassten sich ebenfalls lieber mit anderen Strafsachen als den oft nur schwer durchschaubaren Delikten der Wirtschaftskriminalität. Mittlerweile gibt es in den Landeskriminalämtern und bei Schwerpunktstaatsanwaltschaften auf Korruptionsbekämpfung spezialisierte Beamte, und die Ermittler haben das Reich der Wirtschaft als Aufgabengebiet entdeckt. Ein Fall wie die Siemens-Affäre mit ihren weitverzweigten Verästelungen wäre früher längst nicht so konsequent wie heute bearbeitet worden.

Manche Skandale fliegen auf, weil einer aus dem Betrieb oder der Behörde selbst Alarm schlägt. Das kann für die Hinweisgeber verheerend ausgehen, wie einige der in diesem Buch genannten Beispiele zeigen, denn noch ist hierzulande der Schutz für diese «Whistleblower» unzureichend. Doch solche internen Auskunftgeber können für das Unternehmen eine Chance sein, und allmählich werden mit Ombudsstellen und aus den USA übernommenen «Ethics Hotlines» Systeme etabliert, die dieser Einsicht Rechnung tragen.

Dennoch: Wir sind Heuchler, und die großen Korruptionsfälle der letzten Jahre sind Lehrstücke an Heuchelei. Das fängt schon bei der Statistik an. Die Zahl der aufsehenerregenden Fälle hat zugenommen, aber haben sich die Regelverstöße tatsächlich epidemisch vermehrt? Wir wissen es nicht. Die Korruptionsforschung unterscheidet zwischen einem Dunkel- und einem Hellfeld. Da immer mehr Staaten und Organisationen gemeinsam gegen diese Gefährdung angehen, ist anzunehmen, dass derzeit lediglich eine Verschiebung stattfindet. Das Dunkelfeld wird ein bisschen kleiner und das Hellfeld ein wenig größer. Und zwar wirklich nur ein wenig: Auf 80Prozent schätzt eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zur Wirtschaftskriminalität die Quote der nicht entdeckten Fälle. Wie viele nicht entdeckt werden, weil Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie die KPMG im Zweifel wegschauen, sagt die Studie nicht. Der österreichische Ökonom und Korruptionsforscher Friedrich Schneider von der Universität Linz schätzt, dass Korruption die deutsche Wirtschaft im Jahr 2008 rund 300Milliarden Euro kosten wird. Die Richter des Bundesgerichtshofs gehen in einem Beschluss aus dem Jahr 2005 davon aus, dass 95Prozent der Verstöße nie ans Licht kommen.

Regelverstöße sind Verletzungen der Pflicht, der Normen und der Wohlfahrt, die den Markt außer Kraft setzen und die Folgen für die Gesellschaft, aber auch für das eigene Unternehmen häufig missachten. So hindern Kartelle und Korruption die Firmen beispielsweise, ihre Innovationspotenziale voll zu nutzen – auch wenn nichts auffliegt. «Wenn man eine Organisation darauf abrichtet, Aufträge zu kaufen, dann geht das durchaus eine Weile gut», sagt der bereits zitierte Wirtschaftsethiker Wieland, «aber die Preise werden höher, die Abhängigkeiten werden stärker, und am Ende des Tages sind solche Organisationen beziehungsweise Unternehmen leer wie eine Hülle und kollabieren ganz einfach.»

Kürzlich erschien in den USA eine Studie, in der Unternehmen, die nicht durch illegale Praktiken aufgefallen waren, mit Firmen verglichen wurden, die unsauber agierten. Das Ergebnis: Die Sauberen erwirtschafteten erheblich bessere Resultate. Der Aktionärsverband Institutional Shareholder Services veröffentlichte eine Untersuchung, in der mehr als fünftausend Firmen auf so unterschiedliche Kategorien wie Ethikgrundsätze und Buchprüfungsergebnisse hin durchleuchtet wurden. Die zehn verantwortungsvollsten Unternehmen waren um mehr als elf Prozent profitabler als die zehn verantwortungslosesten. Ihre Aktienkurse waren weniger volatil, und ihre Dividenden lagen höher.

«Honesty is the best policy», hat der Soziologe Max Weber 1917 die anzustrebende Geschäftsethik beschrieben. «Wir haben immer gewusst, dass rücksichtsloses Eigeninteresse moralisch schlecht ist; jetzt wissen wir auch, dass es wirtschaftlich schlecht ist», sagte US-Präsident Franklin D.Roosevelt schon vor knapp siebzig Jahren. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Botschaft hierzulande von allen verstanden wird. Die Gesellschaft aber muss zu Maß und Mitte zurückfinden.

Jedem das Seine, mir das meiste: Von Gehältern und sonstigen Douceurs

Das Wort Gier kommt in vielen Zusammensetzungen vor: Es gibt die Blutgier, die Geldgier, die Habgier, die Raffgier. Das Raffen – «gierig nehmen», «geizig anhäufen» umschreibt es Wahrigs Wörterbuch–, das Raffen also ist vielen von uns zur lieben Gewohnheit geworden. Manchmal denkt man sogar, es sei der Sockel, der Grundstein des Landes, weil es für Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung offenbar keinen überzeugenderen Maßstab gibt als den Erwerb von möglichst viel Geld.

Das Lamento klingt allerdings vertraut. «Wir haben es satt, in einer Raffgesellschaft zu leben», erklärte vor anderthalb Jahrzehnten der honorige Altkanzler Helmut Schmidt in einem Manifest, das ebenso folgenlos blieb wie viele andere Grundsatzerklärungen davor und danach. «Ein Kapitalismus ohne ethischen und rechtlichen Ordnungsrahmen ist menschenfeindlich. Das ist die Grundeinsicht dieser Tage, meine Schlussfolgerung aus der Finanz- und Bankenkrise» sagte Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, im Oktober 2008 in einem Interview: «Wilde Spekulation» sei «Sünde».

«Jedem das Seine, mir das meiste» ist nicht nur eine Redensart. Und dennoch überrascht uns mitunter die Habgier, die Raffgier – und nicht nur die der Investmentbanker. Wer beispielsweise dem Wirtschaftsmanager Ernst Dieter Berninghaus erstmals begegnet, wird vermutlich keinen dieser Begriffe mit dem Rheinländer verbinden. Der Kölner, Jahrgang 1965, ist ein offener, fröhlicher Typ. Im Karneval ist er aktiv, beim 1.FC Köln wurde er oft auf der Tribüne gesehen, und mit seinen bunten Krawatten und den ziemlich langen Haaren passt er so gar nicht in die Kaste jener Führungsleute, die Wasser predigen und Wein saufen, die Maßlosigkeit zu ihrem Maß gemacht haben und dabei noch ganz vornehm tun und denen im Souterrain empfehlen, doch den Gürtel enger zu schnallen. Aber sogar einer wie Berninghaus ist ein übler Selbstbediener gewesen.

Auch deshalb kann es sinnvoll sein, einige Stationen seines Lebensweges näher zu betrachten. Seine Karriere war so ungewöhnlich wie seine Erscheinung. Berninghaus kannte nur eine Richtung: nach oben. Abitur, Wirtschaftsstudium, Promotion, alles ging ganz fix, vorbildlich. Der Enkel kleiner Kaufleute aus dem Ruhrgebietsstädtchen Ennepetal (die Großeltern hatten einen Rewe-Laden) fing mit 27Jahren im Vorstandsstab der Metro Holding im schweizerischen Baar an. Er blieb fünf Jahre lang in der Schweiz, arbeitete dem einst fast allmächtigen Metro-Generalbevollmächtigten Erwin Conradi zu und koordinierte die europaweite Expansion des Konzerns.

Er arbeitete in «Silent City», wie der große Schweizer Autor Niklaus Meienberg das Städtchen Zug nannte, in dem «Schweigevirtuosen, Verschweigungskünstler, Diskretionsfanatiker» unermüdlich den Mehrwert der Reichen mehren. Tausende Berater, Treuhänder, Rechtsanwälte und Vermögensverwalter gehen in dem Kleinkanton ihren Geschäftigkeiten nach, und der junge Berninghaus hat dort viel fürs Leben gelernt. In der Ära Conradi wurde die Metro der führende Handelskonzern in Europa. Der Umsatz lag bei umgerechnet 45Milliarden Euro. Freunde von Berninghaus, und an denen ist kein Mangel, sagen, dass ihn die Zahlen damals auch ein bisschen größenwahnsinnig gemacht haben.

1999 wechselte er zu Rewe nach Köln, rückte erst in die Leitung der Rewe-Zentral AG und der Rewe-Zentralfinanz eG auf und schon zwei Jahre später in den Vorstand. Er entwickelte das Österreich-Geschäft (Billa, Mercur, Mondo, Bipa), renovierte die italienische Supermarktkette Standa, die einmal Silvio Berlusconi gehört hat, und verdrängte sogar seinen ehemaligen Chef Conradi aus dem Verwaltungsrat der Bon Appetit Group. Bereits 2004 wurde Berninghaus Vorstandssprecher bei Rewe, dem mit 42Milliarden Euro Umsatz und 260000Mitarbeitern nach der Metro zweitgrößten deutschen Handelskonzern. Mit 39Jahren verdiente er rund 1,4Millionen Euro Grundgehalt plus 450000Euro Komplementärsvergütung bei der Rewe-Tochter Deutscher Supermarkt KG. Damit lässt sich doch leben, auch wenn man verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat.

Der nette Berninghaus hatte ein zweites Gesicht. Beim Kauf einer kleinen, ziemlich wertlosen Internetfirma namens Nexum AG, den er eingefädelt hatte und der Rewe 25Millionen Euro kostete, bekam er unter der Hand eine Provision in Höhe von 6,5Millionen Euro – am Finanzamt vorbei. Im Herbst 2004 kam die Staatsgewalt zu Besuch, im Frühjahr 2006 wurde er in seiner Heimatstadt zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er verlor seinen Job, musste Rewe die 6,5Millionen Euro zurückzahlen und war fassungslos über sich selbst.

Die Loyalität zur Firma, wie sie ein Herr Friedrich Wilhelm Marcus, der Sozius des Thomas Buddenbrook, noch im Übermaß besaß, war ihm fremd geworden. Für einen protestantischen Manager wie den von Thomas Mann beschriebenen Marcus hätte es kaum ein größeres Verbrechen gegeben, als sich an dem Kapital zu vergreifen, dessen Fürsorge ihm anvertraut war. «Obsorge» nannte man das früher – aber nicht nur das einst im Oberdeutschen heimische Wort ist verschwunden.

Von all den Affären in diesem Buch ist Berninghaus’ Fehltritt für Leute mit überschaubarem Salär vermutlich am schwersten nachzuvollziehen. Warum wird so einer gierig, wenn er doch schon in jungen Jahren so viel hat?

Sein Fall gehört zu den Exzessen aus der Zeit der totalen Börseneuphorie, die eher ein Wahn war. Echte high potentials und solche, die sich dafür hielten, hatten jeden Sinn für richtig und falsch verloren, und die Ansprüche auf der nach oben offenen Gierskala der Schneller-reich-Wirtschaft waren ins Unermessliche gestiegen. Die Ausschweifungen der Blasen-Ökonomie, deren schlimmste Auswüchse international die Desaster der Konzerne Enron, Comroad und Global Crossing waren, haben Verheerendes angerichtet. Gleichzeitig ließen sie bei vielen Menschen die Gewissheit aufkommen, dass Lug und Trug sich auf die Dauer doch nicht auszahlen, Einzelfälle ausgenommen.

Das schnelle Geld war eine Versuchung, der viele nicht widerstehen konnten; der Cashflow wurde mal eben in die eigene Richtung gelenkt. Die Unbestechlichen sahen wie langweilige Verlierer aus, und manche fühlten sich auch so. Vor etlichen Jahren sprang ein Mann von der Golden Gate Bridge bei San Francisco in den Tod. Er hinterließ eine winzige Notiz, in der aber alles Wesentliche stand: «Survival of the fittest. Adios – unfit.» Die Metapher vom Markt, auf dem einer überlebt oder nicht, ist manchmal nicht nur als Sinnbild zu verstehen.

Der globale Markt hat den nicht so Fitten ein paar Unannehmlichkeiten und Unübersichtlichkeiten wie den Verlust des sicher geglaubten Arbeitsplatzes und, nicht selten, der Existenz beschert und den Fitten ein paar nette Extras. In einer Studie der Unternehmensberatung Mercer kann man nachlesen, dass mehr als die Hälfte der 350 größten amerikanischen Konzerne ihren Chefs erlauben, das Firmenflugzeug zu nutzen; jedes vierte Unternehmen zahlt die Mitgliedsbeiträge für den Country- und den Golfclub. Sogar für die Kosten der Vermögensverwaltung ihrer Angestellten kommen viele Firmen auf.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Einer Nivellierung von Einkommen soll hier nicht das Wort geredet werden. Es gibt kein demokratisches Einkommen. Ein wesentlicher Ansporn für bessere Leistung und Individualität war zu allen Zeiten die Ungleichheit beim Verdienst. Gleichheit ist nicht a priori gerecht, Ungleichheit ist nicht a priori ungerecht. Seit Jean-Jacques Rousseaus im achtzehnten Jahrhundert veröffentlichtem «Diskurs über die Ungleichheit» hat es immer wieder neue Aufrufe zur Schleifung der Klassen und Schichten gegeben, und sie endeten meist in der totalen Ungleichheit. Die Schere zwischen den vermögenden Bestimmern und dem einflusslosen Prekariat ging in sozialistischen Ländern besonders weit auseinander.

Aber es gibt Formen der unverfrorenen Bereicherung, bei denen die Linie zwischen fehlendem Anstand und kriminellem Missstand längst verwischt ist. Seit der Finanzkrise wird nicht mehr nur über Mindestlöhne, sondern auch über Höchstlöhne diskutiert, die, irgendwie, bei 500000Euro Jahresgehalt liegen sollten. Klar jedenfalls ist, dass die Einkommensverteilung nachvollziehbarer sein muss, und sie sollte sich auch an Leistungskriterien orientieren.

Ein weltweites Ärgernis, ein Skandal sind in diesem Zusammenhang die Aktienoptionen. Nicht nur schmälert die Option auf Ausgabe neuer Anteilsscheine den Wert der bereits an der Börse gehandelten Aktien, ohne dass kleinere und mittlere Aktionäre darauf Einfluss haben. Unternehmen, die Optionen gewährt hatten, legen bei diesem System außerdem nicht selten das Ausgabedatum nachträglich auf einen Zeitpunkt, an dem der Kurs besonders niedrig war. Je geringer der Bezugspreis, desto höher ist der Gewinn bei einer späteren Kurserholung.

Im Jahr 2006 enthüllte das Wall Street Journal, dass fast zweihundert Unternehmen in den Wochen nach den Terroranschlägen vom 11.September zusätzliche Optionen an ihre Spitzenmanager ausgegeben hatten. Auf die Spur waren die Journalisten dem Skandal durch die Forschungen des Statistikers Erik Lie gekommen, der an der Universität von Iowa beschäftigt ist. Ihm war beim Studium von Optionsgeschenken an Spitzenmanager aufgefallen, dass die Daten auffallend günstig lagen. Das ließ sich nur damit erklären, dass die Optionen rückdatiert worden waren.

Es waren sehr wertvolle Geschenke, da die Aktienkurse unter dem Schock der Anschläge vom 11.September stark eingebrochen waren und sich dann wieder erholt hatten. «Es ist, als wenn du dir ein Pferderennen anschaust und nach dem Einlauf auf den Sieger setzen darfst», kommentierte ein Börsenspezialist das Verfahren. Mit dem «Ausfüllen des Lottoscheins nach der Ziehung» verglich ein deutscher Manager das Bereicherungssystem.

Aktienoptionen sind nicht illegal, die Rückdatierung ist es auch nicht. Geprüft werden muss nur, ob die Aktionäre ausreichend informiert wurden und ob die Verwaltungsräte ihren Pflichten nachgekommen sind. Sie sind jedoch zu einem Instrument der Selbstbedienung geworden. Eine alte Börsenweisheit lautet, dass der Aktienkurs stark von psychologischen Faktoren abhängt, und etliche Manager haben ihre Energie auf die Manipulation des Aktienkurses verwandt. Kriminelle Bilanzfälschungen erhöhten den eigenen Gewinn. So gaukelte das Unternehmen WorldCom kurz vor seinem Zusammenbruch im Jahr 2002 durch Luftbuchungen und andere Bilanztricks riesige Gewinne vor, und am Ende bezifferten Staatsanwälte den Bilanzbetrug auf elf Milliarden Dollar. Es handelte sich um die größte Pleite der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. 20000Mitarbeiter verloren ihren Job, Investoren büßten 180Milliarden Dollar ein. (Inzwischen ist das Unternehmen saniert und stark geschrumpft als MCI Inc. wieder am Markt.)

Die Gewinnzahlen bei Aktienoptionen sind berauschend. Der Chef des amerikanischen Krankenversicherers United Health Group hielt zeitweise nicht genutzte Optionen im Wert von rund 1,7Milliarden Dollar. (Nach Veröffentlichung eines kritischen Untersuchungsberichts über die Praktiken in seinem Unternehmen erklärte er sich allerdings bereit, alle ihm zwischen 1994 und 2002 gewährten Optionen zum jeweiligen Jahreshöchstkurs zu bewerten.) Als der Chef des Ölproduzenten Occidental Petroleum, Ray Irani, 2006 seine gesammelten Aktienoptionen einlöste, erreichte er, das Bonus-Programm eingeschlossen, eine Entlohnung von 400Millionen Dollar (299Millionen Euro). Diese Liste ließe sich mit etlichen Namen und langen Zahlenreihen mit vielen Nullen fast beliebig fortsetzen. Als «Heroin für Manager» werden in den USA mittlerweile Aktienoptionen gegeißelt, die zu kurzfristigem Denken verleiten.

Die Fragwürdigkeit solcher Optionen hat in Deutschland einen Namen: Jürgen Schrempp. Der frühere Topmanager, dessen Idee die Welt-AG war, hatte 1998 die Daimler-Benz AG in einem knapp 40Milliarden Euro teuren Deal mit Chrysler fusioniert. Die Übernahme führte zu einer Gehaltsexplosion bei Daimler, von der auch Schrempp profitierte. Für das Chrysler-Abenteuer mussten jahrelang Spezialisten aus Stuttgart abgezogen werden, die in Detroit aushalfen. 2007 wurde Chrysler für 5,5Milliarden Euro an den Finanzinvestor Cerberus (so heißt der mehrköpfige Hund aus der griechischen Sage, der den Eingang zur Hölle bewacht) verkauft, doch nicht einmal dieser Betrag landete in der Stuttgarter Kasse. Der größte Teil diente dazu, das Eigenkapital von Chrysler aufzustocken, außerdem musste die frühere US-Tochter komplett von den Schulden befreit werden. Unterm Strich legte Daimler noch einmal 500Millionen drauf.

Was für ein Management-Desaster: Der Aktienkurs gab in der Schrempp-Ära gewaltig nach; seit Schrempps Rücktrittsankündigung im Juli 2005 stieg er wieder um mehr als 80Prozent. Schrempp kann indirekt davon profitieren. Die Zeitung Handelsblatt rechnete im Frühsommer 2007 den Lesern vor, Schrempp könne jetzt seine Aktienoptionen ausüben und ihm stünden Aktien im Wert von 44,3Millionen Euro zu. Sollte die Aktie den Wert erreichen, den sie zu Beginn der Daimler-Chrysler-Fusion hatte, wäre Schrempps Anteil rund 108Millionen Euro wert.

Der Würzburger Wirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger, ein bewährter Kämpfer für mehr Aktiendemokratie, wetterte bei Süddeutsche Online über die «totale Überbezahlung für eine totale Pfeife». Er fordert, bislang erfolglos, Sonderprüfungen «rund um die Leistung und Bezahlung des früheren Vorstandschefs». Auf die Frage des Online-Dienstes: «Ist das Nachkarten?», fragte Wenger zurück: «Wieso? Wenn jemand eine Bank überfällt und man ihn im Nachhinein einsperrt, ist das Nachkarten?»

Es ist eine Eigentümlichkeit dieser Zeit, dass hochbezahlte deutsche Spitzenmanager die Entwicklung in den USA und auch in ein paar anderen Ländern, in denen sehr viel abkassiert wird, aufmerksam verfolgen und daraus für ihr eigenes Einkommen Rückschlüsse ziehen. Wahr ist: Wenn sie sich mit den Kollegen vergleichen, wirken sie ziemlich provinziell, richtig piefig. Der Vergleich mit den Kollegen in Übersee führt jedoch auch deshalb ein wenig in die Irre, weil nicht viele deutsche Manager Angebote für Spitzenpositionen in den USA erhalten. In der Fortune-500-Liste der größten US-Konzerne finden sich an der Spitze der Unternehmen nur zwei Deutsche: Der frühere Siemens-Chef Klaus Kleinfeld ist seit Mai 2008Chief Executive Officer des amerikanischen Aluminiumkonzerns Alcoa. Der Kölner Martin Richenhagen ist Boss des Landmaschinenherstellers Agco, der auf Platz 399 der Liste rangiert.

Bei dem Thema Gehalt kommt es ohnehin darauf an, ob einer vom Gipfel oder aus der Ebene auf den Gegenstand schaut. In den USA verdient heute ein Vorstandschef normalerweise das Vierhundertfache eines gewöhnlichen Arbeitnehmers und zum Teil noch deutlich mehr. Es ist noch nicht lange her, da lag das Niveau beim Vierzigfachen – was auch nicht so schlecht war. Der Gründer der Bank Morgan Stanley, John Pierpont Morgan, hatte Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Modell eingeführt, dem zufolge der Bestbezahlte einer Firma nicht mehr als das Zwanzigfache des Geringstverdienenden erhalten durfte.

Nach Berechnungen von Lucian Bebchuk, einem Professor der Universität Harvard, belief sich die gesamte Vergütung der fünf bestbezahlten Manager börsennotierter US-Firmen in den Jahren 2000 bis 2003 auf zehn Prozent der Unternehmensgewinne. «Ganz natürliche zivilisatorische Grenzen» seien verlorengegangen, findet der deutsche Gesellschaftsrechtler Marcus Lutter. Den griechischen Philosophen waren die Grenzen noch bewusst. Aristoteles meinte, maßhalten heiße die Mitte einhalten, etwa die Mitte zwischen Verschwendung und Geiz. Die Römer benutzten die Formulierung: In medio stat virtus – «Die Tugend steht in der Mitte».

Die Lohnbezüge der Bosse nach amerikanischem Muster haben nichts mit Mitte und nichts mit Maß gemein, oft auch nichts mit dem vielstrapazierten Leistungsgedanken. Der Manager Robert Nardelli beispielsweise wurde im Jahr 2000 für ein Jahresgehalt von 38Millionen Dollar Chef der amerikanischen Baumarktkette Home Depot. Wegen mangelnder Erfolge musste er 2006 wieder gehen – mit einer Abfindung von 210Millionen Dollar, obwohl der Aktienkurs des Unternehmens unter seiner Ägide um fast 15Prozent gesunken war. Als Philipp Purcell die Morgan Stanley Bank verließ, die unter seiner Führung viele wichtige Manager verloren hatte, bekam er als Abschiedsgeschenk ein Gesamtpaket von rund 113Millionen Dollar: 42,7Millionen als Abfindung, 34,7Millionen an Aktien, 20,1Millionen an Aktienoptionen, einen Ruhestandsbonus von elf Millionen, darüber hinaus Büro und Sekretariat auf Lebenszeit. Morgan Stanley spendet außerdem jährlich 250000Dollar in seinem Namen.

2007 verdiente John Thain, Chef der Investmentbank Merrill Lynch, 83Millionen Dollar. Leslie Moonves von CBS erhielt 67,6Millionen Dollar. Der Autokonzern General Motors machte 2007 einen Verlust von 39Milliarden Dollar; gleichzeitig legten die Bezüge des Vorstandschefs Rick Wagoner um 64Prozent auf 15,7Millionen Dollar zu. Als die amerikanische Wirtschaft schon in der Krise steckte, stiegen die Verdienste der Spitzenmanager kräftig weiter. Angestellte Chefs von Firmen kassierten zum Teil das 300- bis 400-fache eines Durchschnittseinkommens. Was seit Jahren üblich war, wurde im Herbst 2008 zum öffentlichen Skandal: Boni für Manager, die versagt hatten.

So sorgte in Schottland die Royal Bank of Scotland für Aufregung, weil sie zunächst ein staatliches Rettungspaket in Höhe von 25,2Milliarden Euro erhalten hatte und dann der Investmentbanking-Abteilung, die das Geldhaus an den Rand der Pleite gebracht hatte, umgerechnet über zwei Milliarden Euro Boni zahlen wollte.

Boni haben in schlechten, aber auch in guten Zeiten viele Nachteile. Sie eröffnen Spielfelder für Insidergeschäfte und erlauben es Managern, Gewinne auf Kosten zukünftiger Erträge zu erhöhen. Die Wirtschaft muss verstärkt zu Fixlöhnen zurückkehren. Verglichen mit einigen Gehältern im Private-Equity-Bereich, was so viel heißt wie privates Beteiligungskapital, sind Boni wiederum bescheiden. Es kommt wirklich nur auf den Standort an. Die Vergütung der Spitzenverdiener von Hedge-Fonds, die von ihren Investoren meist eine Verwaltungsgebühr von zwei Prozent und 20Prozent des Gewinns verlangen, liegt bei über einer Milliarde Dollar im Jahr. Der Hedge-Fonds-Magier John Paulson kassierte 2007 über drei Milliarden Dollar. James Simsons, der Chef des Hedge-Fonds Renaissance Technologies, kommt nach Schätzungen von Branchenkennern auf 1,7Milliarden Dollar jährlich. «Wenn ich mir das heute so angucke, was ein Geschäftsführer eines zu einem Private Equity gehörenden Unternehmens an ‹Sweet-Equity›-Verdienstmöglichkeiten hat», sagt Thomas Middelhoff, Vorstandsvorsitzender des Essener Handels- und Touristikkonzerns Arcandor AG (früher KarstadtQuelle AG), «dann geht das deutlich über das Lebenseinkommen» des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann hinaus. Das Phänomen finde nur deshalb keinen Niederschlag in der deutschen Presse, weil es nicht bekannt sei.

Hierzulande ist der Vorstandssprecher der Deutschen Bank offiziell der Spitzenverdiener – jedenfalls unter den Chefs, die ihre Einkommen offenlegen. Josef Ackermann verdiente im Jahr 2007 rund 13,9Millionen Euro. Als er Ende der neunziger Jahre bei der Bank begann, lag sein Gehalt bei umgerechnet einer Million Euro. Die dreizehnmal höheren Einkünfte geben nach seiner Wahrnehmung seinen Marktwert in Deutschland wieder.

Und er ist in seiner Bank bei weitem nicht der Spitzenverdiener. «Vielleicht unter den ersten fünfzehn», stufte er seine Bezüge in einem Interview mit dem Zeit-Magazin ein. Der Inder Anshu Jain beispielsweise, Leiter des Bereichs Global Market, der Geldmaschine der Bank, wird auf rund 24Millionen Euro Jahresgehalt geschätzt. Im Februar 2006 verkaufte er eine halbe Million Deutsche-Bank-Aktien und erlöste damit zusätzlich rund 45Millionen Dollar.

Die Vorstandsbezüge in Deutschland sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Jahr 2007 beispielsweise, als viele Arbeitnehmer real keinen Zuwachs verzeichnen konnten, legten die angestellten Manager im Schnitt um knapp 20Prozent zu. Ihre Gehälter sind dennoch mit dem amerikanischen Niveau nicht vergleichbar. Eine Untersuchung in den USA ergab, dass 2006 rund fünfhundert Firmen ihre Chefs mit durchschnittlich sieben Millionen Dollar Jahresgehalt entlohnt hatten. In Deutschland kassierte Jochen Zeitz von Puma, Nummer zwei hinter Ackermann, rund 12,3Millionen Euro. Nummer drei war der RWE-Chef Harry Roels mit 12,2Millionen Euro.

Aus ökonomischer Sicht sind Gehälter Kosten, die auf dem Markt durch Erlöse gedeckt werden müssen. Sie sollen dem Leistungsbetrag des einzelnen Arbeitnehmers, egal ob in der Chefetage oder am Band, entsprechen. Natürlich enthalten solche Bewertungen auch subjektive Faktoren. Der Münchner Professor für Wirtschaftsethik, Karl Homann, kann «die öffentliche Aufregung über die Managergehälter nur zum Teil» verstehen. «Fußballspieler, Popstars und Dirigenten» hätten oft nicht geringere Einkünfte, ohne dass sich «der kleine Mann darüber aufregt», schreibt Homann in einem Aufsatz. «Es gilt in der Marktwirtschaft: Wer wirklich etwas leistet, ist immer sein Geld wert, und die Anleger und Arbeitnehmer bekommen unter Wettbewerbsbedingungen nur die Qualität, die sie bezahlen. Die Höhe der Bezüge bestimmt der Markt.»

Nun ja. Jemand wie Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der das Unternehmen seit mehr als einem Jahrzehnt zu großen Erfolgen führt, gehört schon lange zu den absoluten Spitzenverdienern und geriet tatsächlich zu keiner Zeit in die Kritik, weil er unzweifelhaft herausragende Leistungen erbringt. Milliarden-Vernichter Schrempp hingegen verdiente 1997 das 51-fache Jahresgehalt eines Bandarbeiters und konnte sich 2003 über das 130-fache Jahresgehalt freuen – und das ist aus heutiger Sicht ein ziemliches Ärgernis.

Ein bisschen hängt die Betrachtung, was Gier ist und was nicht, auch von den Moden und den Zeiten ab. Als Ende der neunziger Jahre die Unternehmen an der Börse Monopoly spielten und erfolgreiche Topmanager die Idole der neuen Zeit waren, galten hohe Millionenverdienste als verdient, auch wenn das Geld erzockt worden war. Dann platzte die Börsenblase, die New Economy sah plötzlich ganz alt aus, und einige Mannesmann-Manager, beispielsweise deren damaliger Chef Klaus Esser, der umgerechnet knapp 30Millionen Euro zusätzlich zum regulären Gehalt kassiert hatte, wurden plötzlich als üble Absahner betrachtet. Eigentlich lässt sich bei dieser Größenordnung nur schwer darüber streiten, ob diese zusätzliche Entlohnung für einen Spitzenmann noch angemessen ist, aber was wäre gewesen, wenn Mannesmann den Übernahmekampf gewonnen hätte? Wäre dann ein solcher Bonus für Esser nicht als verdiente Prämie in Zeiten einer nun mal entfesselten Marktwirtschaft gewürdigt worden?

Doch damals verloren Zehntausende von Kleinaktionären, die auch ein bisschen mitgespielt hatten, ihre Ersparnisse, und dieser Vorgang hat zweifelsohne zu vielen Irritationen gegenüber der Wirtschaft beigetragen. Es ist vor allem die Gleichzeitigkeit von Rekordgewinnen und Rekordarbeitslosigkeit, von hohen Millionengehältern selbst für unfähige Manager und von Dumpinglöhnen, die viele Menschen zunehmend erzürnt. Seit unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes– Rendite, Rendite, Rendite – große Konzerne kleine, gesunde Firmen kaufen und sie dann zum Zweck der Marktbereinigung schließen und die wirtschaftliche Existenz ganzer Familien ruinieren, wird über die Angemessenheit von Gehältern anders diskutiert als früher.

Es ist höchst unmoralisch, das Morgen schon heute versilbern zu wollen. Diesmal wird nicht, wie noch zu Zeiten der Aktienblase, mit virtuellen, sondern mit echten Werten gezockt – mit gewachsenen Branchen, realen Unternehmen und mit Menschen.

Auch im Zentrum der Gesellschaft, der Mittelschicht, grassiert mittlerweile die Furcht vor dem sozialen Abstieg. «Die Angst vor Armut ist von den Rändern der Gesellschaft zur Mitte gewandert», stellte der Soziologe Ulrich Beck fest. Das Gefühl macht sich breit, dass es (fast) jeden treffen kann. Begriffe wie Rationalisierung und Globalisierung lösen bei vielen Unbehagen aus. Siemens etwa gliederte seine Handysparte in eine GmbH & Co OHG aus, bündelte die Vermögenswerte in einer Asset GmbH und reichte die Pakete dann für 250Millionen Euro an das Unternehmen BenQ weiter, das kurz darauf Insolvenz anmeldete. Die BenQ-Beschäftigten verloren alles, obwohl sie zuvor auf Teile ihres Gehalts, auf Urlaubsgeld und alle Extras verzichtet hatten. Der damalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld geriet heftig in die Kritik, weil kurz zuvor bekannt geworden war, dass er und seine Vorstandskollegen um 30Prozent höhere Gehälter bekommen sollten. Er versuchte sich durch die Ankündigung aus der Affäre zu ziehen, die Vorstände würden ein Jahr lang auf die Gehaltserhöhung verzichten und das Geld stattdessen in einen Fonds für die Job-Verlierer einbringen.

Die Geste, mehr war es nicht, wurde von vielen als protziger Ablasshandel verstanden. Ein PR-GAU war, dass Kleinfelds Leute in dieser Zeit auf einem Foto, das nach seinem Amtsantritt entstanden war, seine Rolex wegretuschieren ließen. Original und Fälschung landeten bei den Sammlern der Wanderausstellung «Bilder, die lügen». Da war etwas aus dem Ruder gelaufen.

Die Rallye-Connection

Es gibt eine Menge Bilder aus der wilden Zeit der deutschen New Economy, aber ein Schnappschuss ist vielen Beobachtern besonders in Erinnerung geblieben: der Manager Ulrich Schumacher, der im März 2000 vor der Frankfurter Wertpapierbörse neben einem Porsche posierte. Der in einen Rennfahrerdress gekleidete Chef des Halbleiterherstellers Infineon Technologies AG strahlte am Tag des Börsengangs in viele Kameras, während seine rechte Hand auf einem Rennfahrerhelm ruhte. Als «Schumi» oder «The Maniac» wurde er gefeiert.

Gas geben konnte der Hobbyrennfahrer jedoch nur symbolisch, denn das Rennauto, das am Rande des Börsenplatzes höchstens sieben Meter gerollt war, hatte nicht einmal ein Nummernschild. Dem Publikum war das egal: Was zählte, war, dass der erste Kurs der Infineon-Aktie mit 70,20Euro um mehr als hundert Prozent über dem Ausgabepreis von 35Euro lag. Die Emission war 33-fachüberzeichnet, und Bild berichtete auf Seite eins über die «neue Volks-Aktie».

Schumacher war der Siegertyp, ein Popstar der Managerwelt. Bereits einen Tag nach dem Börsengang in Frankfurt bretterte er in New York (begleitet von dem früheren Formel-1-Weltmeister und Indy-Car-Gewinner Mario Andretti) in einem Porsche Richtung Wall Street. Kaum jemand bemerkte, dass die beiden sich verfuhren. Beifahrer Andretti kannte sich in der Stadt nicht aus. Ein Polizeiwagen eskortierte sie schließlich zu ihrem Ziel, und als sie vor der Börse ausstiegen, gab es viel Applaus. Andretti ist in den USA eine Legende, und den Börsianern gefiel auch der Deutsche.

In seiner Heimat wurde Schumacher für ein paar Monate zum Idol der neuen Börsenzeit, deren Maxime eigentlich aus dem achtzehnten Jahrhundert stammt: «Enrichez vous!» – «Bereichert euch!» Purer Egoismus galt als anerkennenswerte Haltung. Schumacher war ein Dynamiker, ein Erfolgreicher, ein Ehrgeizling. Bei einer Freizeit-Fahrrad-Rallye in München fiel er dadurch auf, dass er auf der Strecke alle Hinweisschilder hinter sich entfernte. «Hinweisschilder sind etwas für die Bequemen, die verzerren nur den Wettbewerb», behauptete er. «Ich hasse es zu verlieren», war sein Standardspruch.

Seine Karriere war imponierend: 1986 fing der promovierte Elektrotechniker bei Siemens an. Bereits 1996 war er Vorsitzender Bereichsvorstand der Halbleitersparte, 1998 wurde er mit 39Jahren in den Siemens-Vorstand berufen und verdiente 1,4Millionen Mark (umgerechnet knapp 700000