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Außergewöhnliche Einblicke in die Welt der Geheimdienste Als Nationaler Geheimdienstdirektor führte James Clapper die US-Nachrichtendienste bis zu seinem Rücktritt 2017 durch eine bewegte Amtszeit, die wesentliche Ereignisse der jüngsten amerikanischen Geschichte umfasste. Von der Jagd nach Osama bin Laden über die Leaks von Edward Snowden bis zu Russlands Einflussnahme auf den US-Wahlkampf 2016 – Clapper legt seine Sicht der Dinge mit erstaunlicher Offenheit dar und wirft kritische Fragen auf: Wo liegen die Grenzen der Geheimdienstarbeit? Inwiefern ist sie mit demokratischen Verfahren und ethischen Grundsätzen vereinbar? Und Clapper verrät, was ihn nach einer über 50-jährigen Karriere im Geheimdienst veranlasste, sein Insiderwissen zu teilen: die Untergrabung der US-Demokratie durch eine fremde Macht und das ganze Ausmaß der Bedrohung.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
JAMES R. CLAPPER
mit Trey Brown
JAMES R. CLAPPER
mit Trey Brown
Was ich als höchster US-Geheimdienstchef erfahren habe
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2019
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 bei Viking, ein Imprint von Penguin Publishing Group, eine Abteilung der Penguin Random House LLC, unter dem Titel Facts and Fears. Hard Truth from a Life in Intelligence. © 2018 by James R. Clapper mit Trey Brown. All rights reserved.
Dieses Buch ist keine offizielle Veröffentlichung von Informationen der US-Regierung. Sämtliche Aussagen zu Fakten, Meinungen oder Analysen sind ausschließlich die des Autors und spiegeln keine offiziellen Standpunkte oder Sichtweisen der US-Regierung wider, insbesondere keine des Büros des Direktors der nationalen Nachrichtendienste und der US-Nachrichtendienstgemeinschaft. Keine Aussage dieses Buches sollte so ausgelegt werden, als würde die US-Regierung die Authentifizierung von Informationen bestätigen bzw. implizieren oder die Ansichten des Autors befürworten. Der Text wurde lediglich im Hinblick auf Geheimhaltung geprüft.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Silvia Kinkel
Redaktion: Dr. Annalisa Viviani
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, München
Umschlagabbildung: Rainer Hosch
Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-0834-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0471-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0472-5
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Für die Männer und Frauen der Nachrichtendienste, die dieses Land schützen und sichern; für meine Eltern, Anne und Jim Clapper, die großen Einfluss auf mich hatten; und für Sue, die immer für mich da ist
Einleitung Jenseits der Vorstellungskraft
Kapitel 1 Hineingeboren in das Geheimdienstgeschäft
Kapitel 2 Kommandos und Kontroversen
Kapitel 3 Die Friedensdividende
Kapitel 4 Der 11. September 2001 und die Rückkehr in den Staatsdienst
Kapitel 5 Der zweitundankbarste Job in Washington
Kapitel 6 Bengasi
Kapitel 7 Aufgefressen vom Geld
Kapitel 8 Snowden
Kapitel 9 Kein Diplomat
Kapitel 10 Unvorhersehbare Instabilität
Kapitel 11 Die Wahl
Kapitel 12 Harte Fakten
Danksagung
Abkürzungsverzeichnis
Bildnachweis
Als einer von mehr als 40 Millionen Amerikanern hatte ich bereits per Briefwahl an den Präsidentschaftswahlen 2016 teilgenommen, da ich mich zu dem Zeitpunkt, als die Wähler am 8. November zu den Urnen gingen, in Maskat, Oman, auf meiner wahrscheinlich letzten rasanten Reise befand, um mich als Leiter der Nationalen Geheimdienste der USA mit Nahostführern zu treffen. Die Zeit in Oman ist Washington neun Stunden voraus, und bevor ich in dieser Nacht, gegen 2:00 Uhr in Oman und 17:00 Uhr in US-Ostküstenzeit, ins Bett ging, diskutierten Wahlanalysten und Experten darüber, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump »eine geringe Chance hatte«, die Wahl zu gewinnen, die nur in dem unwahrscheinlichen Fall bestehen würde, wenn ihm eine große Anzahl bestimmter Bundesstaaten den Weg ebnete. Sie prognostizierten, dass die Wahl praktisch gelaufen sei, sobald Florida oder Ohio der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton zufallen würden. Nachdem ich vier oder fünf Stunden geschlafen hatte, stand ich auf, schaltete den Fernseher ein und stellte fest, dass die Berichterstattung nun in die entgegengesetzte Richtung wies: Die Medienanalysten hatten Ohio Trump zugeschlagen und sagten, dass Clinton eine massive Wahlbeteiligung in allen links orientierten Städten in Florida brauchen würde, die bislang nicht festzustellen war, um eine Chance zu haben, die neunundzwanzig Wahlmännerstimmen des Staates zu bekommen. Ich war überrascht, hatte aber nicht wirklich Zeit, um darüber nachzudenken.
Ich las die Nachrichtendienstberichte der Nacht und machte mich für den Tag fertig. Eine Stunde später rechneten die Medien Florida Trump zu und zeigten eine konkrete Liste von Staaten, die jetzt alle zu Clinton wechseln müssten, damit sie gewinnen konnte. Als der Morgen fortschritt, arbeitete ich mich durch die aufeinanderfolgenden, für Auslandsreisen typischen Sitzungen. In den kurzen Pausen dazwischen versorgten mich meine Mitarbeiter mit aktuellen Informationen über den Stand der Wahl. Als wir gegen 2:31 Uhr US-Ostküstenzeit zum Mittagessen aufbrachen, erklärte Associated Press, dass Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden war.
Ich war geschockt. Jeder war geschockt, einschließlich Trump, der noch am Wahltag verkündet hatte, dass er die Rechtmäßigkeit der Wahlergebnisse anfechten würde. Als ich ein paar Minuten für mich allein hatte, dachte ich wieder daran, wie sehr ich den Kontakt zu den Menschen in der Mitte Amerikas verloren hatte. Während meiner militärischen Karriere war ich wiederholt im Herzen Amerikas stationiert gewesen, insbesondere in Texas, und als Leiter einer Geheimdiensteinheit war ich Anfang der 2000er-Jahre häufig gereist, genauso wie während der letzten sechseinhalb Jahre als Leiter der Nationalen Nachrichtendienste, um mich mit Nachrichtendienstmitarbeitern außerhalb von St. Louis zu treffen. Ich hatte an der Universität von Texas in Austin und der Handelskammer in San Antonio Reden gehalten und viele andere Orte besucht. Ich hatte mit den Zuhörern darüber gescherzt, wie abgehoben die Menschen in Washington waren, und ich hatte immer einen Lacher erzielt, manchmal auch Beifall. Während meiner Arbeit unten im »Maschinenraum« unseres Unternehmens der Nationalen Sicherheit – »Nachrichtendienstkohle schippen«, wie ich gern sagte – habe ich nie erkannt, wie viel Frustration und Ressentiment gegenüber Washington diese Menschen hegten und wie tief die Wurzeln ihrer Wut waren. Aber Donald Trump hatte das, und er hatte stärker an sie appelliert, als mir lieb war.
Ich dachte auch an die Warnhinweise über die russische Einmischung in den Wahlkampf, die der Minister für Innere Sicherheit, Jeh Johnson, und ich einen Monat früher an die amerikanische Öffentlichkeit gegeben hatten. Wir hatten uns über die genaue Formulierung der Presseinformation den Kopf zerbrochen, und ob das Benennen des russischen Präsidenten Wladimir Putin als Gehirn und Drahtzieher der russischen Beeinflussung einen internationalen Zwischenfall verursachen und Johnsons Ministerium sowie die Nachrichtendienste in eine politische Auseinandersetzung verwickeln würde. Beim Lesen der Antworten auf Wählerbefragungen begriff ich, dass unsere Veröffentlichung und öffentlichen Erklärungen bedeutungslos gewesen waren. Ich war nicht sicher, ob die Menschen die Ernsthaftigkeit der von uns beschriebenen Bedrohung nicht erkannten oder ob es ihnen egal war, was die Russen taten. Wie dem auch sei – unsere Bemühungen hatten in etwa die Bedeutung eines Regentropfens bei einem Sturm über dem Meer.
Ich fragte mich, was Präsident Obama dachte und ob er seine Zurückhaltung bedauerte, seinen Finger in die »Waagschale der Wahl« zu legen, wie er es ausdrückte. Er hatte die Russen nicht öffentlich der Einmischung beschuldigt, während Putin tatsächlich in der anderen Waagschale stand. Zur gleichen Zeit war ich nicht mehr sicher, ob es für die Menschen in Mittelamerika von Bedeutung gewesen wäre, wenn der Präsident unser Wissen über die massiven Cyber- und Propagandabemühungen Russlands, die amerikanische Demokratie zu untergraben, die ehemalige Außenministerin Hillary Clinton zu verunglimpfen und Donald Trump zu fördern, preisgegeben hätte. Trotz Edward Snowdens 2013 vorgebrachter Behauptungen, dass wir ganz normale US-Bürger ausspionierten, verfügte die Geheimdienst-Community weder über die Berechtigung noch über die Kapazität, um beurteilen zu können, wie die Amerikaner die russische Propaganda aufnahmen oder was sie dachten und taten, wenn sie Wahlkabinen betraten. In vielfacher Hinsicht entsprachen unsere Fähigkeiten der physischen Infrastruktur der Abhördiensteinrichtungen in der Ukraine, die ich 1991 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs besucht hatte. So wie es für die ehemaligen sowjetischen Antennenanordnungen zutraf, waren unsere Kapazitäten auf Bedrohungen von außen ausgerichtet und größtenteils untauglich, nach innen tätig zu werden, selbst wenn wir gewollt hätten. Das war einfach nicht unsere Aufgabe. Wir hatten beobachtet, wie die Russen versuchten, US-Wähler zu beeinflussen, und nicht, welche Auswirkung das haben könnte. Wir hatten keine empirischen Beweise, um zu bewerten, ob die russische Beeinflussungskampagne funktionierte, und am Wahltag erkannte ich beunruhigt, dass dies wahrscheinlich der Fall war.
Damals war es mir nicht bewusst, aber die Russen waren genauso bestürzt wie wir. Sie waren erfolgreicher gewesen, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen hatten vorstellen können, und waren auf ihren Erfolg nicht vorbereitet. Der russische Propagandakanal in den Vereinigten Staaten, früher bekannt als Russia Today und später umbenannt in RT, bejubelte den Wahlerfolg von Trump: »Das ist ein entscheidender Moment in der Weltgeschichte, in dem Amerika bereit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen und sich möglicherweise vom Rest der Welt zu isolieren.« Sie erklärten: »Die nächste Rede, die Donald Trump vor der Welt hält, wird eine der wichtigsten Reden der Weltgeschichte sein.« Während die Nachrichtensprecher in Trumps Sieg schwelgten, brachte der Nachrichtenticker unten auf dem Bildschirm weiterhin Meldungen, die darauf abzielten, Clinton den Sieg abzusprechen, beispielsweise Mehrere Staaten berichten über Eindringen in Wahlcomputer. Die russische Internet-Trollfabrik hatte Schwierigkeiten, ihre #DemocracyRIP-Kampagne in den sozialen Medien zu stoppen, die von deren Fake-Accounts auf Twitter und Facebook ausgegangen war. Unterdessen entging Putin die Möglichkeit, Clintons Sieg infrage zu stellen, so wie sie die Ergebnisse der russischen Wahl 2011, in ihrer Amtszeit als US-Außenministerin, angezweifelt hatte. Aber ich bezweifle, dass ihm das etwas ausgemacht hat – wenn überhaupt.
Nach der Wahl fuhren CIA und FBI fort, Beweise für russische Propaganda im Vorfeld der Wahl aufzudecken, die das Ziel verfolgte, Clintons Ansehen zu beschädigen und Trump zu fördern. Die Nachrichtendienste entdeckten immer mehr Hinweise auf russische Cyberattacken zur Beeinflussung der Wahl. Bei einem Treffen des Nationalen Sicherheitsrats am Montag, den 5. Dezember, erteilte Präsident Obama uns konkretere Anweisungen. Er verlangte, dass CIA, NSA und FBI – jede Behörde aufgrund ihrer spezifischen Spionagepraxis und ihrer Ermittlungsmethoden – alle Erkenntnisse, einschließlich der sensibelsten Quellen, in einem Gesamtbericht zusammentrugen, den er der nächsten Regierung und dem Kongress übergeben konnte. Er bat uns auch, ein Papier für die öffentliche Verbreitung mit so vielen Informationen wie möglich aus der geheimen Version zu erstellen. Und all das sollte unbedingt vor seiner Amtsniederlegung erfolgen.
Das daraus resultierende streng geheime Gutachten der Nachrichtendienstgemeinschaft war meiner Überzeugung nach ein richtungsweisendes Resultat – und gehörte zu den wichtigsten, die jemals durch die US-Geheimdienste erbracht wurden. Ich war stolz auf unsere Arbeit, aber die Version, die wir veröffentlichten, bestand nur aus wenigen Seiten und war so klinisch steril wie eine standardmäßige Nachrichtendienstmitteilung. Ich wollte nach wie vor besser verstehen, was es bedeutete, das Opfer der russischen Beeinflussungskampagne von 2015 und 2016 zu sein. Für mich gab es damals keinen speziellen Moment, in dem ich verstand, dass unser Hauptgegner während der beinahe 50 Jahre meiner Tätigkeit als US-Nachrichtendienstexperte – ohne Übertreibung – dabei war, die Wurzeln unserer Demokratie zu erschüttern. Diese Erkenntnis setzte bei mir 2016 langsam ein, erreichte ihren Höhepunkt nach der Wahl und setzte sich sogar noch fort, nachdem ich aus dem Amt ausgeschieden war und die neue Regierung die Macht übernommen hatte. Meine Sorge darüber, was ich in Amerika vorgehen sah – und meine Befürchtung, dass wir im Begriff waren, aus den Augen zu verlieren, was die Russen uns zufügten –, war schließlich der Grund, dieses Buch zu schreiben und Gebrauch von dem zu machen, was wir in unserem IC-Gutachten vorgelegt hatten, um meine Erfahrung und unsere kollektive Erfahrung als Amerikaner zu formulieren.
Ich hoffe, die Erfahrung von mehr als 50 Jahren beim Nachrichtendienst einzufangen und zu vermitteln, den Stolz weiterzugeben, den Nachrichtenoffiziere bei ihrer Arbeit verspüren, die Sorge, mit der sie die moralischen Auswirkungen der Überwachung und der Spionage betrachten, und den Patriotismus und die Opferbereitschaft, die sie in ihre Aufgabe einbringen. Und schließlich möchte ich zeigen, dass das, was Russland den Vereinigten Staaten während der Wahl 2016 angetan hat, viel schlimmer war als einfach nur ein weiterer Stich gegen einen alten Gegner nach dem Kalten Krieg. Was mit uns geschehen ist, war ein anhaltender Angriff auf unsere traditionellen Werte und Institutionen der Regierungsgewalt durch Druck von außen wie von innen. Im Kielwasser dieser Erfahrung befürchte ich, dass viele Amerikaner sich fragen, wie Tatsachen überhaupt zu erkennen sind, wenn ausländische Gegner und unsere nationalen Staatslenker fortfahren, eine objektive Realität zu bestreiten und ihre eigenen »alternativen Fakten« zu präsentieren. Amerika ist stark und widerstandsfähig, aber ob wir uns dieser Herausforderung stellen – indem wir mit klarem Blick die Fakten erkennen und unsere Zweifel ablegen –, hängt allein von uns ab. Ich glaube, dass das Schicksal des amerikanischen Ideals auf dem Spiel steht.
Als ich das Angebot von Präsident Obama annahm, Leiter der Nationalen Geheimdienste zu werden, ging ich auf die siebzig zu. Heute nähere ich mich natürlich immer stärker den Achtzigern. Ein Grund für meine Zustimmung bestand darin, dass sowohl die Idee von der Notwendigkeit der US-Nachrichtendienste als auch die sowjetische Bedrohung für den Westen etwa zur selben Zeit wie ich geboren wurden. Mein Vater wurde 1944 zur Army eingezogen, als ich drei Jahre alt war. Als Nachrichtendienstoffizier während des Zweiten Weltkriegs war er zuständig für das Abhören der Kommunikation von Japanern und Deutschen, was den Alliierten half, den Krieg zu gewinnen. Er war seiner Mission zutiefst verpflichtet und respektierte die Menschen, mit denen er arbeitete. Noch bevor die Tinte auf der bedingungslosen japanischen Kapitulation trocken war, hatte er sich entschieden, in der Army zu bleiben, während die meisten den Dienst quittierten und die Uniform an den Nagel hängten. Durch das Aufwachsen in diesem Umfeld und das Umziehen von einem Nachrichtendienststandort zum nächsten habe ich bereits früh gelernt, niemals über die Arbeit meines Vaters zu reden. Vermutlich wären meine Eltern entsetzt, und meine Mutter auch leicht amüsiert, dass ich nach dem Ausscheiden aus dem Nachrichtendienst im Jahr 2017 versuchen würde, öffentlich zu erklären, was die Nachrichtendienstgemeinschaft oder auch Intelligence Community – die »IC« – ist, tut und wofür sie eintreten sollte.
Für mich begann diese mehr als sieben Jahrzehnte dauernde Reise mit einem Paukenschlag – und zwar mit keinem guten. Meine früheste lebhafte Erinnerung ist die, wie meine Mutter und ich 1946 mit dem Schiff in Italien im Hafen von Livorno eintrafen. Wir waren unterwegs, um meinen Vater in Eritrea am Horn von Afrika zu treffen. Wir gehörten zu den ersten US-Bürgern, die den Atlantik nach dem Krieg überquerten – eine Reise, die meine Mutter, vermutlich um ihre eigenen Befürchtungen genauso zu beruhigen wie meine, als großes Abenteuer beschrieb. US-Streitkräfte hatten die Stadt Livorno 1944 von den Deutschen befreit und hielten sie noch besetzt. Sie kontrollierten zwar den Hafen, aber das Nachkriegsitalien war für US-Bürger oder überhaupt für jemanden nicht wirklich sicher. Als unser Transportschiff, die USS Fred T. Berry, in den Hafen einfuhr, hörte und spürte ich eine Explosion, und das Schiff bekam Schlagseite. Alarm schrillte los, drei Töne gefolgt von einer Pause, dann wiederholte es sich – ich kann den schrillen Ton noch hören –, und wir stürmten an Deck. Als wir uns auf dem Deck niederkauerten, fühlte ich, wie meine Mutter den Kragen meiner viel zu großen Rettungsweste griff, und sah, wie Rettungsboote an der Seite herabgelassen wurden. Sie erzählte mir einige Jahre später, dass die Mannschaft das Schiff nur knapp vor dem Sinken bewahrt hatte. Als wir in den Hafen geschleppt wurden, fuhren wir an den Mastspitzen versunkener Schiffe vorbei, die wie Kreuze auf einem Schiffsfriedhof aussahen. Sie hatten nicht so viel Glück gehabt wie wir.
Während das Steuerruder repariert wurde, verbrachten wir ein paar Wochen in Livorno und setzten dann unsere Reise nach Afrika fort. In Alexandria hatte mein Vater den Hafenlotsen mit einer Stange Zigaretten bestochen, ihn mitzunehmen, wenn er unser Schiff in den Hafen lotste. Von meiner Ankunft in Ägypten weiß ich nichts mehr, aber meine zweite lebhafte Kindheitserinnerung ist der Aufbruch von dem Hotel in Kairo. Meine Mutter rüttelte mich wach, während mein Vater schnell unsere Taschen packte. Sie teilte mir ruhig, aber energisch mit, dass wir nach Payne Field, dem Flughafen Kairos, fahren und das Land sofort verlassen mussten. Ich war kaum wach, als wir rannten, um ein Flugzeug zu besteigen. Laut Familienlegende war es in jener Nacht in der Hotelbar zu einer Begegnung mit König Faruk gekommen. Was zunächst nach einem glücklichen Zufall aussah, kippte, als der König bei meiner Mutter einen Annäherungsversuch machte und mein Vater zu einem Kinnhaken ausholte. Nun mussten wir alle schnellstmöglich verschwinden. Dem König eine zu verpassen ist keine gute Idee.
Meine Mutter und ich brauchten acht Wochen, um von Fort Wayne, Indiana, zu der recht primitiven, aber sehr hübschen Stadt Asmara in Eritrea zu reisen, die sich auf einer Hochebene in fast 2300 Metern befindet. Heute ist Eritrea eine kleine, unabhängige und größtenteils vergessene Nation am Roten Meer, die an die afrikanischen Machtzentren Äthiopien und Sudan angrenzt. Vor dem Krieg war es Teil der italienischen Kolonie Abessinien, aber als ich 1946 dort ankam, gehörte es zu Äthiopien, und der lange Krieg, der zur eritreischen Unabhängigkeit führte, ließ noch ein paar Jahre auf sich warten. Die Einheimischen betrachteten Amerikaner mit Hochachtung; in ihren Augen waren wir reich und mächtig, selbst wenn wir in umgebauten Baracken auf einer ehemaligen Abhörstation der italienischen Marine lebten. Ich fand Freunde sowohl unter den einheimischen als auch unter Kindern von Army-Angehörigen und lernte fließend Italienisch, was ich aber seitdem längst vergessen habe.
Eines Tages spielten ein Freund und ich auf der Müllkippe der Army, was verboten war, aber es gab so viel interessante militärische Ausrüstung, die vom Krieg zurückgeblieben war, dass es schwerfiel fernzubleiben. Ich nahm ein Glasfläschchen hoch und schüttete die wie Regenwasser aussehende Flüssigkeit aus. In Wirklichkeit handelte es sich um Schwefelsäure, die über mein linkes Bein lief. Als sich ein Teil meiner Hose auflöste und Dampf von meinem Bein aufstieg, wusste ich, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Zu Tode erschrocken rannte ich nach Hause. Der Arzt von Asmara – einer von lediglich sieben Offizieren auf dem Stützpunkt – war zufällig gerade bei uns. Er und meine Mutter steckten mich in die Badewanne, schütteten auf mein Bein ein 5-Kilo-Paket Backnatron, das meine Mutter gerade beim Proviantmeister gekauft hatte, genau die richtige Notfallmaßnahme. Meine Genesung dauerte Monate und war mit vielen schmerzhaften Hauttransplantationen verbunden. Mein Vater hat sich das nie verziehen, da er als Logistikoffizier für die Müllkippe verantwortlich war. Mein Unfall überzeugte meine Eltern, dass abgelegene Standorte keine geeignete ärztliche Behandlung für kleine Kinder ermöglichen, die dazu neigen, verhängnisvolle Unglücke zu verschulden. Deshalb entschieden sie 1948, als ich sieben Jahre alt war und meine Mutter ihr zweites Kind erwartete, dass es Zeit war, in die Staaten zurückzukehren.
Etwa 43 Jahre später, als Leiter der Defence Intelligence Agency (DIA), habe ich Asmara besucht und bin über das Gelände spaziert, das zu dem Zeitpunkt nur noch ein verlassener eritreischer Armeeposten war. Erstaunt stellte ich fest, wie winzig dieser Ort im Vergleich zum riesigen Komplex in meiner Erinnerung war, aber es handelte sich eindeutig um denselben Ort. Ich entdeckte das Fundament unserer ehemaligen Unterkunft, und die ursprünglichen italienischen Marinekommunikationstürme standen noch.
Meine Erinnerungen an die Rückreise in die Vereinigten Staaten sind so lebhaft wie diejenigen an die Reise nach Eritrea. Wir flogen mit der äthiopischen Luftfahrtgesellschaft, die aus einigen olivgrauen B-17-Maschinen mit dem Heckaufdruck »EAL« bestand. Unser Pilot, »Schleudersitz« Wicker, erzählte uns, dass er diesen Spitznamen bekommen hatte, weil er aus mehr als einer B-17 während des Kriegs mit dem Fallschirm abgesprungen war. Das stärkte nicht gerade das Vertrauen des siebenjährigen Jimmy Clapper, aber zum Glück ereignete sich während unseres Flugs kein Notfall. Ich werde nie vergessen, wie ich in der Glaskugel an der Flugzeugspitze saß, in der immer noch ein Maschinengewehr montiert war, und wir Payne Field anflogen, wo nach dem Krieg aufgegebene Flugzeuge in der Wüste standen – so weit das Auge reichte: Kampfflugzeuge, Bomber, Transportflugzeuge, alle brieten in der Sonne. Von Kairo flogen wir nach Dhahran, Saudi-Arabien, und blieben dort fünf Tage, während wir auf ein Flugzeug nach Deutschland warteten. Ich erinnere mich daran, wie ich in kurzer Hose vor unserem Motel stand und der umherfliegende Sand in meine Beine stach. Wir flogen mit einer großen, langsamen C-54 (einer umbenannten DC-4) von Dhahran bis Frankfurt, das immer noch in Trümmern lag. Überall bettelten Menschen um Almosen. Wir blieben über Nacht in Bad Soden, einer kleinen Stadt im Main-Taunus-Kreis, wo es kein Trinkwasser gab, und ich weiß noch, dass ich sehr durstig war. Von Frankfurt aus verbrachten wir anderthalb Tage in einem Zug nach Bremerhaven, die ganze Strecke war eingleisig, und wir passierten Kilometer für Kilometer aufgegebene oder zerstörte Schienenfahrzeuge: Lokomotiven, Tankwaggons, Personen- und Güterwagen. Im Rückblick ist Deutschlands Erholung vom Krieg eine bemerkenswerte Leistung. Schließlich schipperten wir auf einem anderen umgebauten Frachtschiff zurück in die Vereinigten Staaten.
Mein Vater wurde der Vint Hill Farms Station in Virginia zugeteilt, die damals ein Abhörposten der Army außerhalb Washingtons war. Ich war ein riesiger Fan von Superman und Batman und hatte eine große Sammlung ihrer Comics in chronologischer Reihenfolge, auf die ich sehr gut aufpasste. Sie wären heute ein Vermögen wert. Aber als wir wieder umziehen mussten, gab es strikte Gewichtsbeschränkungen für den Transport von Hausrat, und meine Eltern wollten sie nicht für Comichefte überschreiten. Mir wurde gesagt, dass wir sie zurücklassen mussten, und so übergab ich mit großem Bedauern meine gesamte Sammlung im Ursprungszustand an eine vierjährige Göre namens Sue. 17 Jahre später, nach vielen Umzügen für uns beide, habe ich Sue geheiratet, ungeachtet der Tatsache, dass sie meine Comics nicht mehr besaß.
Mir war das nicht bewusst, aber es war auch eine schwere Zeit für meine Eltern, als wir gezwungen waren, uns eine Zeit lang zu trennen. 1950, nachdem die Nordkoreaner in Südkorea eingefallen waren, wurde mein Vater nach Chitose, Japan, als Stellvertreter des kommandierenden Offiziers zu einer kleinen Nachrichtendiensteinheit der Army versetzt. Chitose befindet sich auf Hokkaido, der zweitgrößten und nördlichsten von Japans vier Hauptinseln. Sie liegt jenseits des Japanischen Meeres und auf etwa demselben Breitengrad wie das russische Wladiwostok. Weil wir uns meinem Vater nicht anschließen konnten, bis geeignete Räumlichkeiten für Angehörige gebaut worden waren, kehrten meine Mutter, meine Schwester und ich nach Fort Wayne zurück und lebten bei meinen Großeltern auf ihren 65 Hektar Land, während ich in der vierten und zum Teil in der fünften Klasse war. Ende 1951 zogen wir dann zu meinem Vater.
Soldaten der US-Army gehen gewöhnlich davon aus, dass die Abhörspezialisten im Armeegeheimdienst mehr mit Verstand als mit Muskelkraft ausgestattet sind und dass sie eine größere Affinität zu Elektronik als zu Schießen, Kämpfen und Schlafen im Freien haben. Aber in Chitose wollten der befehlshabende Offizier und mein Vater die Truppen von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass sie Teil der Army waren, und deshalb übten sie im Gelände mit der Abhöreinheit, Zelte aufzubauen und eine Feldküche zu bedienen sowie Schießtraining zu absolvieren. Mein Vater nahm mich zu einem dieser Feldlager mit, ausgestattet mit einer gekürzten Uniform, einem Stoffgürtel, einer Feldflasche, dem kleinsten Schutzhelm, den mein Vater auftreiben konnte, und einem kleinen Rucksack. Der Hauptfeldwebel, der dienstälteste Soldat in der Einheit, schloss mich ins Herz und ließ mich sein (nicht geladenes) M1-Gewehr tragen. Vielleicht war es für ihn nur die bequemste Möglichkeit, es nicht selbst tragen zu müssen. Auf jeden Fall war es eine coole Erfahrung für einen Elfjährigen und zweifellos etwas, das es heutzutage in der US-Army nicht geben würde, nicht einmal an einem »Nimm dein Kind mit zur Arbeit«-Tag.
Ich war fasziniert von dem wenigen, was ich über die Arbeit meines Vaters wusste, und ich lernte viel über das Kriegshandwerk, indem ich ihn beobachtete. Es war jedoch etwas, das meine Mutter 1952 in Chitose tat, das einen lebenslangen Einfluss darauf hatte, wie ich die Welt sah. Es geschah vor dem Urteil des Obersten Gerichts von 1954, Brown vs. Board of Education in Topeka, das die Rassentrennung in den Schulen in den Staaten beendete, aber vier Jahre nach der von Präsident Truman unterzeichneten Executive Order 9981, die die Rassendiskriminierung beim Militär verbot. Die Anordnung des Präsidenten hatte der Rassendiskriminierung in den Streitkräften vielleicht institutionell ein Ende gesetzt, jedoch nicht in sozialer Hinsicht.
Der größte Teil des sozialen Lebens auf Militärbasen, besonders in Übersee und ganz sicher auf der entlegenen Basis in Chitose, konzentrierte sich auf den Offiziersclub. An den Sonntagen organisierte der Club immer einen ausgedehnten Brunch, holte seine besten Tischdecken und Porzellan hervor und engagierte eine japanische Musikgruppe, um deren amüsante Interpretationen von populären amerikanischen Liedern vorführen zu lassen. Die Offiziere, einschließlich meines Vaters, der damals Hauptmann war, trugen ihre Ausgehuniform, während ihre Ehefrauen ihre beste Sonntagskleidung anzogen, komplettiert mit Hüten und weißen Handschuhen. Sogar die Kinder wurden schick gemacht, was für mich immer eine Tortur war.
In meinem Alter wusste ich weder, wer die ranghöheren Offiziere im Club waren, noch kümmerte ich mich darum; ich kannte die Obersten und Oberstleutnants nicht. Aber eines Sonntags erkannte ich meinen Zahnarzt, der ein Oberleutnant war, ein Army-Offizier mittleren Ranges wie mein Vater und einer der ganz wenigen schwarzen Army-Offiziere auf der Basis. An diesem Tag hatte meine Familie einen guten Tisch in der Nähe der Band, aber als mein Zahnarzt eintrat, setzte er sich ganz allein an den Rand des Raums. Ich dachte mir aber nicht viel dabei. Als die Musik pausierte, stand meine Mutter auf – ich bin überzeugt, dass sie diesen Zeitpunkt bewusst gewählt hat – und ging demonstrativ zum Tisch meines Zahnarztes. Viele der Offiziere und ihre Ehefrauen im Raum bemerkten das und beobachteten sie aufmerksam. Sie redete ein oder zwei Minuten mit ihm, lud ihn ein, bei uns Platz zu nehmen, und führte ihn mitten durch den Raum zu unserem Tisch. Während sie das tat, starrten alle ranghohen Offiziere meinen Vater an, in ihren Gesichtern standen ihre unausgesprochenen Fragen – Was macht Ihre Frau da? Können Sie sie nicht unter Kontrolle bekommen? Ich werde den Ausdruck meines Vaters – eine Mischung aus Belustigung, Bewunderung und Angst – nie vergessen. Aber man muss ihm hoch anrechnen, dass er meine Schwester und mich unsere Stühle rücken ließ, um am Tisch Platz für unseren Gast zu machen.
Möglicherweise hatte dieses Verhalten Folgen für meine Eltern, aber wenn dem so war, dann haben sie es nie erwähnt. Tatsächlich hat meine Mutter nie ein Wort darüber verloren, auch wenn sie mit mir über viele andere Dinge geredet hat. Das kann der Grund sein, warum ich mich an diesen Sonntagsbrunch so lebhaft erinnere, auch wenn er mehr als 65 Jahre zurückliegt. Als ich in einem für Eindrücke sehr empfänglichen Alter war, hat meine Mutter mir gezeigt, dass die Hautfarbe von jemandem nicht die Menschenwürde bestimmt, die der Betreffende verdient. Diese Lehre ist mir erhalten geblieben und hat Entscheidungen beeinflusst, die ich sowohl privat als auch in meinem beruflichen Leben getroffen habe.
Als meine Familie Japan 1953 verließ, wurden meine Schwester und ich auf dem Weg nach Littleton, Massachusetts, bei den Eltern meiner Mutter in Philadelphia untergebracht. Das war toll für mich, weil meine Großeltern mich so lange aufbleiben ließen, wie ich fernsehen wollte. Fernsehen war eine große Neuheit, da wir in Japan keinen Apparat hatten. In den Freitagnächten endeten die alten Spielfilme gegen 0:30 Uhr, und eines Nachts übte ich mich im Äquivalent der 1950er-Jahre zum Kanalsurfen, was bedeutete, zum Fernseher zu gehen und manuell den Senderknopf zu drehen. Es gab nur vier Kanäle, und eines Nachts hörte ich beim Umschalten zwischen den Kanälen – ich werde das nie vergessen – Stimmen, die in einem abgehackten Rhythmus sprachen. Es gab kein Bild, nur Stimmen. Ich habe vielleicht 15 Minuten zugehört, wie Wörter und Zahlen gewechselt wurden, die nur begrenzt einem normalen Gespräch ähnelten. Schließlich fand ich heraus, dass ich ausgerechnet auf die Funkfrequenz des Einsatzleiters der Polizei von Philadelphia gestoßen war. Ich wollte mehr hören, aber mein Arm wurde müde, also ging ich in die Küche, fand einige Zahnstocher und steckte sie in den Drehknopf, um ihn zu sichern. Ganz recht, ich habe die Polizeibehörde von Philadelphia mit dem Schwarz-Weiß-Fernseher meiner Großeltern und einigen Zahnstochern »gehackt«.
In der nächsten Nacht war ich mit einer Karte der Stadt Philadelphia vorbereitet und begann, die Adressen einzuzeichnen, an denen die Polizeiwagen eingesetzt wurden. Nach ein paar nächtlichen Überwachungssitzungen fand ich heraus, wo die Grenzen der Polizeibezirke verliefen, gestützt darauf, welche Streifenwagen bei bestimmten Positionen reagierten. Alles, was ich nicht verstand, schrieb ich auf und hörte so lange zu, bis ich herausgefunden hatte, wofür all die »10er«-Codes (10-4, 10-5 und so weiter.) standen, das System für Rufzeichen und die persönliche Identifikation der Leutnants und höheren Beamten. Ich legte einen Satz von Karteikarten an und sammelte alle Fakten. Bald blieb ich jede Nacht auf, um meine »Datenbank« aufzubauen. Etwa einen Monat später, als meine Eltern nach Philadelphia kamen, um meine Schwester und mich wieder abzuholen, fragte mein Vater: »Und, was hast du in diesem Sommer so gemacht?« Ich zeigte ihm meinen Stadtplan und meine Karteikarten und bot ihm eine ausführliche Erklärung, wie die Polizeieinsätze in der Stadt abliefen. Ich werde seinen Gesichtsausdruck nie vergessen, als er ausrief: »Mein Gott, ich habe meinen eigenen Nachfolger aufgezogen!«
Eines Abends im Herbst 2015, als ich Leiter der DNI war, plauderte ich mit meinen Mitarbeitern und erzählte ihnen diese Geschichte. Ein paar Wochen später nutzte mein Redenschreiber dies in dem Manuskript für eine Rede, die ich bei einer von der CIA unterstützten Veranstaltung an der George Washington University zum Thema »Das Ethos und der Geheimdienstberuf« halten sollte. Ich hatte vorher nicht ernsthaft darüber nachgedacht, aber diese Episode aus meiner Kindheit illustrierte sehr vereinfacht, was wir beim Nachrichtendienst tun. Geheimdienst schließt Recherche, Entschlossenheit, Ausdauer, Geduld, Kontinuität und das Ziehen von Schlussfolgerungen ohne vollständige Information ein und nutzt die Schwachstellen und was man bei Unterhaltungen von anderen aufschnappt, egal wie rätselhaft und vom Jargon geprägt es sein mag. Offensichtlich hatte die Polizeibehörde von Philadelphia nicht damit gerechnet, dass ein zwölfjähriges Kind ihren Funksprüchen zuhören würde, ganz zu schweigen davon, dass es über diese Einsätze Buch führte. Ich habe es damals nicht erkannt, aber diese kleine Nebenbeschäftigung vor mehr als 60 Jahren hat mich zum Geheimdienst geführt.
Meine Familie verbrachte die meiste Zeit meines siebten Schuljahrs in Littleton, während mein Vater die Fortbildung zum Offizier des Militärgeheimdienstes in Fort Devens abschloss. Wir lebten auf einem alten Bauernhof mit über 30 Hektar, wo man überall Beeren sammeln konnte. Um 1953, als meine Schwester alt genug war, um die Grundschule zu besuchen, und ich bald in die Highschool kam, machten meine Eltern Pläne, sich in Virginia in der Nähe der Zentrale des Militärgeheimdienstes in Arlington niederzulassen. Das würde mit dem Gehalt eines Hauptmanns nicht einfach sein, aber sie entschieden sich dafür, ein kleines Haus in der teuren Washingtoner Vorstadt Falls Church, Virginia, zu kaufen, das mir ermöglichen würde, die neue Highschool von Annandale zu besuchen. Ich beendete die siebte Klasse, indem ich mit dem Bus zu dem baufälligen Gebäude einer Elementary School in der Nähe von Bailey’s Crossroads namens Woodburn Annex fuhr. Meine einzige deutliche Erinnerung an diesen Frühling ist unser Ausflug nach New York in der siebten Klasse, als wir mit einer Lockheed Super Constellation flogen. Für mich war dieses Flugzeug der Gipfel an Geschwindigkeit und Luxus, und das Einzige, was fehlte, war eine Frontglaskuppel mit einem Maschinengewehrgestell.
Wie geplant startete ich an der Highschool von Annandale als Achtklässler, als sich die Türen für die Schüler im Herbst 1954 das erste Mal öffneten – das Jahr mit der Entscheidung des Obersten US-Gerichts, die Rassentrennung in Schulen zu beenden, eine unpopuläre Entscheidung in Virginia. Als das benachbarte Arlington County versuchte, die Entscheidung umzusetzen, feuerte die Staatsregierung die Schulbehörde und übernahm die direkte Kontrolle der Registrierungen landesweit. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn Fairfax County, wo wir lebten, seine eigenen Entscheidungen hätte treffen dürfen, aber unter der Staatskontrolle hielt die Annandale Highschool während meines vierjährigen Schulbesuchs die Rassentrennung aufrecht. Ich beteiligte mich an keinen Rassendiskriminierungsprotesten, aber ich habe häufig daran denken müssen, was meine Mutter für meinen schwarzen Zahnarzt in Chitose getan hatte.
In der Zwischenzeit liefen die Dinge für meinen Vater nicht ganz wie geplant. Nach einer Reihe von Reorganisationen, die die drei für Kryptologie zuständigen Dienststellen betrafen – der Geheimdienst der US-Army, der Geheimdienst der Luftstreitkräfte und der Marinegeheimdienst –, fand er sich der Zentrale einer Nachrichtendienstorganisation zugeordnet – der National Security Agency. Als 1955 die NSA von Arlington Hall nach Fort Meade, südlich von Baltimore, Maryland, umzog, gehörte er zu den Ersten, die dorthin abgeordnet wurden. Meine Eltern entschieden sich dafür, in Falls Church zu bleiben, und mein Vater musste mehrere Stunden täglich fahren, damit ich in meiner Highschool bleiben konnte. Das muss besonders frustrierend gewesen sein, weil unsere Familie gerade neuen Zuwachs bekommen hatte, meinen Bruder Mike. Mike wurde in Fort Belvoir sieben Jahre nach meiner Schwester Ruth Anne geboren, die in Walter Reed das Licht der Welt erblickt hatte, sieben Jahre nach meiner Geburt.
Als ich alt genug war, um zu fahren, kaufte mein Vater mir einen Cadillac Cabrio von 1947. Ich denke, dass er absichtlich ein Auto ausgewählt hat, das mehr als zwei Tonnen wog und bestimmt 25 Liter Benzin verbrauchte, sodass ich nicht sehr weit damit kommen konnte. Es war sowieso den größten Teil der Zeit kaputt, und wir haben viele Wochenenden damit zugebracht, es zusammen zu reparieren und unsere Beziehung zu »pflegen«. Bei mir steht noch ein Modell dieses Autos, das mich immer an meinen Vater und unsere gemeinsamen Mechaniker-Samstagnachmittage erinnert.
In meinem ersten Highschooljahr arbeitete ich als Hausmeister in unserer Kirche und im Laufe des Sommers als Rettungsschwimmer an unserem Gemeinschaftspool. Und ich war so furchtbar verliebt, wie es ein Siebzehnjähriger nur sein kann. Dann wurde Anfang 1958 mein Vater unerwartet nach Deutschland versetzt. Ich bin überzeugt, dass das für meine Eltern anstrengend war, aber für mich kam es einer Shakespeare’schen Tragödie gleich. Ich verkündete, dass ich nicht mitgehen würde und Vorbereitungen getroffen hatte, um im Keller bei einem Freund den Sommer über und während meines Abschlussjahres zu leben. Meine Mutter traf dann eine mutige Entscheidung – sie verkaufte unser Haus und reiste mit meiner Schwester und meinem Bruder nach Deutschland, um sich meinem Vater ohne mich anzuschließen. Ich brauchte etwa sechs Wochen, bevor ich einen Brief schrieb, in dem ich sie bat, »alles Nötige zu veranlassen«, sodass ich mich der Familie in Deutschland anschließen konnte. Virginia zu verlassen und zuzugeben, dass ich mein Leben allein nicht meistern konnte, war ein ungeheuer enttäuschender Moment für mich.
Das Leben kann sich manchmal selbst kopieren, und 2013, als ich Direktor der Nationalen Geheimdienste war, lud mich die Annandale Highschool ein, bei der Graduierungsfeier eine Rede zu halten – 59 Jahre nachdem ich mich dort erstmals eingeschrieben hatte. Die Zeremonie fiel auf den 13. Juni, und als ich die Einladung annahm, hatte ich keine Vorstellung, wie anstrengend diese Woche für mich sein würde. Die Feier fand zweieinhalb Monate nach dem Inkrafttreten einschneidender Budgetkürzungen für die Nachrichtendienste statt, und ich kämpfte mit dem Verteidigungsministerium, damit Nachrichtendienstfachleute nicht zwangsbeurlaubt wurden. Außerdem war es drei Wochen nach Edward Snowdens Flucht nach Hongkong und dem allmählichen Durchsickern der von ihm entwendeten Dokumente über Pressekanäle, was die Fähigkeiten der Nachrichtendienste täglich beeinträchtigte. Ich hatte überlegt abzusagen, war aber froh, es doch nicht getan zu haben. Die Schüler waren in Hochstimmung und brachten auch mich zum Lachen, als ich ankam. Anstatt den Talar von meinem Masterabschluss zu tragen, baten mich die Studenten, mich wie sie zu kleiden, um so zu tun, als hätte ich wie sie gerade erst die Annandale Highschool abgeschlossen. Ich machte das Spiel gerne mit.
Nach einer etwa zweiminütigen Einleitung wandte ich mich direkt an die Abschlussklasse und sprach über das, was sie bereits erreicht hatten und was nun vor ihnen lag. Ich schloss meine Rede in dieser Nacht mit den Worten:
Wenn Sie auf sich aufpassen, wenn Sie eine Vision für Ihre Zukunft haben, wenn Sie menschlich, aufmerksam und verantwortungsbewusst sind, versichere ich Ihnen, dass Sie ein interessantes und erfolgreiches Leben haben werden. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass Sie jedes Ziel erreichen werden, das Sie sich setzen. Vor 59 Jahren habe ich mich angeschickt, die Annandale Highschool zu absolvieren, und ich habe dieses Ziel nicht erreicht. Ich habe nie die Chance erhalten, die rote Robe und das Barett von Annandale zu tragen – bis heute Abend.
Und es ist in Ordnung, wenn Sie nicht alle Ziele erreichen. Selbst wenn es sich in dem Moment wie eine Katastrophe anfühlt, werden Sie sehr wahrscheinlich einige andere ziemlich coole Dinge tun, solange Sie Ihr Bestes geben, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Ich bin stolz darauf, wie sich die Dinge in meinem Leben entwickelt haben. Und es war nie langweilig. Obwohl ich mir an Tagen wie diesem manchmal etwas Langeweile wünschen würde. Manchmal erreichen Sie auf verschlungenen Wegen schließlich jene Ziele, von denen Sie dachten, sie längst verpasst zu haben. So trage ich heute Abend das Rot von Annandale. Und wie Sie wissen, fühlt sich das ziemlich gut an.
Damals, im Sommer des Jahres 1958, als ich Virginia mit dem Schwanz zwischen den Beinen Richtung Deutschland verließ, war das Gefühl nicht besonders schön. Ich nahm ein Schiff nach Bremerhaven und einen Zug nach Nürnberg. Dort holten mich meine Eltern ab, und wir fuhren die letzten paar Kilometer zur Herzo-Basis – weniger als 80 Kilometer von der ostdeutschen Grenze entfernt –, wo mein Vater Einsatzoffizier in einem Bataillon für signalerfassende Aufklärung war. Seine Einheit war Teil einer großen Aktion, die Kommunikationen unter den Nationen des kürzlich gebildeten Warschauer Pakts abzufangen: die Sowjetunion und sieben Satellitenländer in Osteuropa. Mein Vater hatte ein Talent, zum entscheidenden Zeitpunkt an Brennpunkten eingesetzt zu werden, und ich war gerade erst angekommen, als Nikita Chruschtschow im November seine Rede hielt, in der er den westlichen Streitkräften ein Ultimatum setzte, innerhalb von sechs Monaten aus Westberlin abzuziehen oder einen Krieg zu riskieren. Präsident Eisenhower hielt an den amerikanischen Truppen in Westberlin fest und beließ die Anzahl von Militärangehörigen in der Bundesrepublik Deutschland bei einer Viertelmillion, plus deren Angehörige.
Ich kam schnell in guten Kontakt mit all den anderen Army-Jungs an der amerikanischen Highschool in Nürnberg. Wir waren eine winzige Schule und hatten gerade genug Jungs, um ein Footballteam zu bilden und gegen andere Highschools mit amerikanischen Angehörigen zu spielen. Ich spielte als Guard sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung, keine naheliegende Position für mich mit 80 Kilo, und ich hatte bald meine Trauer über das Verlassen meiner großen Liebe in Virginia überwunden. Die jüngere Geschichte war in Nürnberg allgegenwärtig, und ich erinnere mich, den Gerichtssaal besucht zu haben, in dem das Internationale Militärtribunal nur 13 Jahre zuvor abgehalten worden war. Hier war der Holocaust nicht nur etwas, worüber man in einem Lehrbuch las, und Diskussionen über die Gräueltaten, zu denen Menschen fähig sind, waren nicht akademisch. Ich denke, dass dies für uns alle die Arbeit, die unsere Eltern taten, um den Sowjets entgegenzutreten, in ein ernüchterndes Licht stellte.
In diesem Jahr freundete ich mich mit zwei Soldaten an, die auf der Herzo-Basis stationiert waren und eine Amateurfunklizenz besaßen. Da Hochfrequenzfunk große Entfernungen überbrückte, hatte das Militär damals Amateurfunk als Alternative zugelassen, um mit Familie und Freunden in den Staaten zu kommunizieren. Kooperierende Amateurfunker in Amerika konnten die Bordfunker jenseits des Atlantiks mit dem Telefon verbinden und ihnen so haufenweise Überseetelefongebühren sparen. Das war alles faszinierend für mich, deshalb hing ich mit den zwei Soldaten ab, die beide einen Hochschulabschluss hatten und wirklich gute Kerle waren. Sie lehrten mich Kommunikationstheorie und -praxis und die Auswirkungen von Wetter, Uhrzeit und Jahreszeiten auf die Übertragung, besonders im Hochfrequenzbereich (HF) des Funkfrequenzspektrums. Diese Einführung war einige Jahre später eine gute Grundlage, da HF der Hauptkommunikationsweg für die Sowjets und die Chinesen während des Kalten Kriegs darstellte. Wichtiger für mich war damals die Tatsache, dass ich eine Chance hatte, auf Menschen zu treffen, die denselben Beruf wie mein Vater ausübten. Diese Menschen hatten nicht von vornherein eine Karriere in der Army angestrebt, aber sie waren gewissenhaft und professionell in Bezug auf ihre Pflichten, und sie betonten, dass ich, wenn ich mich dem Militär anschließen würde, dies als Offizier tun sollte. Ich war beeindruckt, und die Idee, in der Army zu dienen, begann in mir zu reifen.
Im Sommer 1959 war ich dann so weit, diesen Weg einzuschlagen. Ich schloss die American School als Zweitbester des Jahrgangs ab und schrieb mich an der University of Maryland in München ein, einem kleinen Hochschulcampus für Söhne und Töchter von Militärangehörigen auf der Militäranlage der McGraw-Kaserne, die genügend Kurse für ein zweijähriges Collegestudium anbot. Mein Zimmergenosse dort war ein Kerl namens Mike Leonard, ein Klassenkamerad aus Nürnberg. Wir beide wollten Army-Offiziere werden und dachten, dass München die beste Chance bot, uns einen Platz an einer der Militärakademien im darauffolgenden Jahr zu sichern. Es war ein großartiger Ort für einen Studenten. Ich trank viel Bier, fuhr mit der Straßenbahn zu den Kneipen und Brauhäusern in Schwabing und lernte ausreichend Wirtshausdeutsch, um das zu nutzen, was die Stadt zu bieten hatte. Mike und ich lernten Russisch, und in diesem Frühling hatten wir die Eingebung, mit dem Zug nach Berlin zu fahren, um dort einen Teil unseres Weihnachtsurlaubs zu verbringen und sowjetische Soldaten zu finden, mit denen wir reden konnten. Allerdings war mir schleierhaft, ob wir versuchen sollten, uns mit ihnen anzufreunden, sie zu schikanieren, sie auszuspionieren oder sie anzuwerben. Wir blieben ein paar Tage in Westberlin, und da die Berliner Mauer erst zwei Jahre später gebaut werden würde, konnten wir uns frei in Ostberlin bewegen. Ich erinnere mich, dass wir uns einigen uniformierten Russen auf der Straße näherten und sie mit: »Hallo. Wie geht es Ihnen?« begrüßten, sie uns aber auslachten.
Am Ende unseres Jahres in München wurde Mike an der US-Militärakademie in West Point aufgenommen, aber mir gelang es nicht, mir einen Platz zu sichern. Also wechselte ich im Sommer 1960 an den Hauptcampus der University of Maryland in College Park, wo ich mich in das ROTC-Programm der Air Force einschrieb. Da es sich um eine staatliche Universität handelte, mussten alle männlichen Studenten während ihres ersten und zweiten Studienjahres an ROTC teilnehmen. Weil ich unbedingt Militäroffizier werden wollte, meldete ich mich auch bei der Cadet Leadership Academy an, dem Programm zur Ausbildung von Offizieren. Ich bewarb mich auch wieder an allen Militärakademien, und im Herbst erhielt ich schließlich eine potenzielle Zusage von der US-Marine-Akademie. Von College Park fuhr ich mit dem Bus nach Annapolis für die medizinische Untersuchung, die letzte Voraussetzung für die Aufnahme. Zu meinem Schrecken fiel ich bei der Prüfung durch und musste erfahren, dass die Sehkraft in meinem linken Auge nicht den Anforderungen entsprach, um Offizier in irgendeiner Waffengattung zu werden. Ich war am Boden zerstört.
Ich schrieb meinen Eltern, um sie wissen zu lassen, dass sich meine Lebenspläne ändern würden. Ein paar Tage später erhielt ich einen Antwortbrief von meinem Vater. Ein Oberst beim Marinekorps, der ein Freund und Kollege von ihm war, konnte einige Strippen ziehen, um mich in einem Marine Corps Platoon Leaders Course (PLC) unterzubringen, eine Ausbildung, für die mich mein schwaches Auge nicht zwangsläufig untauglich machte, und am 2. Februar 1961 rückte ich bei der Marine Corps Reserve ein.
Ich habe lebhafte Erinnerungen an den folgenden ziemlich unangenehmen Sommer in Quantico, Virginia. Meine Ausbilder, Gunny Fowler und Sergeant Stiborski, waren zwei raue, schneidige Marinesoldaten, die mir physisch und emotional Angst machten. Uns »Akademiker« nannten sie alle nur »Maden«. Ich verbrachte endlose Stunden mit der militärischen Übung »Schleifmaschine« auf den weiten Asphaltflächen, die mich befürchten ließen, dass sie die Sohlen meiner Stiefel zum Schmelzen bringen würden. Ich erinnere mich noch an die Seriennummer meines altmodischen M1-Gewehrs – 954622 – und wie ich still darum bat, dass es das tun sollte, was Sergeant Stiborski uns befahl. Eines Tages sagte Gunny Fowler, dass er die Nase voll habe von unseren Leistungen bei den Übungen und Zeremonien und uns zeigen werde, wie man es richtig macht. Wir wurden alle in Fahrzeuge verladen, die passenderweise »Viehautos« genannt wurden, kleine Sattelschlepperlastwagen ohne Sitze, und fuhren im Stehen zu den Marinebaracken 8 und I im Südosten von Washington, um eine Freitagabend-Sonnenuntergangsparade zu erleben – den Höhepunkt militärischen Spektakels.
Ich erinnere mich an das erste Mal, als die Marinesoldaten von dem Befehl »Präsentiert das Gewehr« zu »Achtung« wechselten, und als ihre 300 Gewehre den Boden berührten, gab es nur ein einziges kurzes Geräusch der Gewehrkolben auf dem Beton statt des Geklackers, wenn meine Ausbildungseinheit in Quantico dieselbe Prozedur durchführte. Ihre Präzision verursachte mir eine Gänsehaut – all diese Gewehre und ein einziger Ton. Ein halbes Jahrhundert später ist es immer noch aufregend für mich, und ich versuche, den Sonnenuntergangsparaden bei den Marinebaracken wenigstens einmal im Jahr beizuwohnen.
Unser Ausbildungstrupp startete mit 50 »Maden«. Am letzten Tag des Kurses waren wir nur noch 35 und mussten unseren letzten mörderischen physischen Test bestehen. Wir waren der einzige Zug, bei dem alle mit Erfolg bestanden. Als wir zu unseren Wellblechbaracken zurückgingen, um zu duschen und unsere sauberen Dienstuniformen anzuziehen, nannten Fowler und Stiborski uns zum ersten Mal »Marinesoldaten«. Ich fühle immer noch dieses Prickeln vor Stolz in meiner Erinnerung, und obwohl ich 30 Jahre in einer Uniform der Luftstreitkräfte verbracht habe, spüre ich weiterhin eine tiefe Verbundenheit zum Korps. Ich wollte nichts mehr, als Marinenachrichtenoffizier zu werden, aber das Marineinfanteriekorps der Sechzigerjahre bot keinen vernünftigen Weg für eine Nachrichtendienstkarriere. Also kehrte ich nach College Park und dem ROTC der Luftstreitkräfte für mein Juniorjahr am College im Herbst 1961 zurück, und ich übertrug meine Einstellung vom Marineinfanteriekorps zur Luftstreitkräftereserve.
In diesem Sommer wurde mein Vater wieder dem NSA-Hauptsitz in Maryland zugeteilt, und meine Familie kehrte in die Staaten zurück. Um Geld zu sparen, zog ich in das Kellergeschoss ihres Quartiers in Fort Meade und pendelte nach College Park. Nach der Ausbildung bei Gunny Fowler und Sergeant Stiborski war ich quasi ein Rockstar beim Exerzieren und bei den Übungen, und ich durchlief die Ränge der Luftstreitkräfte-ROTC-Kadetten im Eiltempo.
Aber das bedeutsamste Ereignis in meinem Juniorjahr war, als meine Eltern die Terrys wiedertrafen, ein Paar, mit dem sie auf der Vint Hill Farms Station vor mehr als einem Jahrzehnt befreundet gewesen waren. Meine Mutter drängte mich, deren Tochter Sue kennenzulernen, die damals das Abschlussjahr der Highschool besuchte. Jede Empfehlung von Mädchen durch meine Mutter war eine direkte Abschreckung für mich, und mein Desinteresse wuchs, als ich begriff, wer sie war und dass sie meine Comichefte nicht mehr besaß. Aber meine Mutter bekniete mich immer wieder, und schließlich war ich bereit, Sue anzurufen. Ich begleitete sie an einem Sonntagnachmittag zum Universitätscampus und führte sie herum. Es gefiel ihr, und sie beschloss, sich für den nächsten Herbst zu bewerben. Das war der Start einer dreieinhalbjährigen, stürmischen On-Off-Beziehung.
Im Sommer 1962 nahm ich an der ROTC-Sommerausbildung am Stützpunkt der Luftstreitkräfte von Otis in Massachusetts teil. Nach der PLC-Ausbildung in Quantico kam mir Otis mehr vor wie ein Pfadfindertreffen denn wie eine militärische Ausbildung. Das sagt jedoch mehr über das PLC-Programm aus und ist keine Abwertung des Reserveoffizier-Ausbildungskorps ROTC. Meine Erfahrung beim Marinekorps sorgte dann dafür, dass der Einsatzleiter der Luftstreitkräfte einfach in meine Bewertung schrieb, dass ich handeln würde, als ob ich bereits »Offizier« sei. Keine der Ausbildungsübungen in Otis war besonders erinnerungswürdig, aber eines Nachmittags wurden wir schnell in Busse verladen und zum Flugplatz gefahren. Auf dem Weg dorthin wurde uns mitgeteilt, dass Präsident Kennedy auf dem Weg zu einem Familienurlaub in Hyannis Port einen Zwischenstopp auf der Basis einlegte und wir das Begrüßungskomitee sein sollten, wenn er aus der Air Force One ausstieg. Irgendwie landete ich mit acht oder zehn anderen Kadetten in der ersten Reihe an der Absperrung, als der Präsident jedem von uns die Hand schüttelte. Als er zu mir kam, nannte ich ihm meinen Namen, und er fragte mich, welches Flugzeug ich fliegen wollte. Ich antwortete ihm, dass ich nicht fliegen, sondern Nachrichtendienstoffizier werden wolle. Er blieb stehen und sah mich ein wenig schief an. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Gut. Wir brauchen mehr Menschen wie Sie«, und ging weiter. Ich bin überzeugt, dass der Präsident keinen weiteren Gedanken auf dieses kurze Gespräch verwandte. Doch ich werde es nie vergessen.
Im Juni 1963 schloss ich mit Auszeichnung ab und wurde Unterleutnant der Luftstreitkräfte. Meine akademischen und militärischen Noten waren herausragend gewesen, und ich war Kommandant der Kadettenführungsakademie im ersten Halbjahr meines letzten Jahres und dann Kadettenflügelkommandant im zweiten Halbjahr, was bedeutete, dass ich den Beruf des Nachrichtendienstoffiziers ergreifen konnte und die freie Wahl hatte. Ich entschied mich für die Ausbildung zum Signalnachrichtenoffizier am Goodfellow-Stützpunkt der Luftstreitkräfte in San Angelo, Texas, dem »SIGINT-College des Wissens« der Luftstreitkräfte. Weit westlich vom Dreieck Houston/Dallas/San Antonio war San Angelo vier Stunden von jeder größeren Stadt entfernt. Es gab außer dem Studium der signalerfassenden Aufklärung sehr wenig zu tun, und die meisten von uns konnten noch nicht einmal das sofort tun.
In diesem Sommer hatten die Luftstreitkräfte nicht gut geplant, was die 60 frischen Unterleutnants betraf, die alle gleichzeitig in Goodfellow ankamen. Bei den meisten von uns stand noch die Sicherheitsüberprüfung aus, die erforderlich war, um Kurse zu belegen. Hintergrundüberprüfungen brauchen Zeit, insbesondere bei Menschen, die in Übersee gelebt haben. Also verbrachten die meisten von uns die ersten Monate damit, Beschäftigungstherapien wie »Stellvertretender Offiziersclubleiter« zu durchlaufen. Wir spielten Karten und Flag Football und tranken eine Menge Bier. Gelangweilt und auf der Suche nach etwas beruflich Nützlichem, entdeckte ich den Major der Luftstreitkräfte, der die Polizei der Luftstreitkräfte auf ihren Runden begleiten durfte. Er musterte mich von oben bis unten. Ich trug meine Uniform der Luftstreitkräfte, hatte aber noch das gestärkte Hemd, die glänzenden Schuhe und das kurz geschorene Haar eines Marinesoldaten. Er stimmte zu, und ich verbrachte die nächsten Monate damit, die Sicherheitskräfte zu begleiten.
Sues Arbeitskurve verlief inzwischen diametral entgegengesetzt. Sie hatte sich während ihres ersten Studienjahres an der University of Maryland auf das Feiern spezialisiert und sich nach der Entscheidung, dass das College nichts für sie war, bei der National Security Agency (NSA), dem größten Auslandsgeheimdienst der USA, beworben. Sie arbeitete zuerst als Redakteurin technischer Veröffentlichungen und erhielt dann einen Job als Sekretärin in der Abteilung für die Luftstreitkräfte der Sowjetunion – als Büromanagerin für eine Gruppe von Analysten, die mit der Überwachung sowjetischer Luftabwehrstreitkräfte befasst waren, in einer der wichtigsten Nachrichtendiensttätigkeiten der damaligen Zeit.
Viele der prominenten Codeknacker des Zweiten Weltkriegs waren Frauen gewesen, die nach dem Krieg bei der Behörde geblieben waren, da die NSA in den 1960er-Jahren ihre Leistungen zu schätzen wusste und eher als die anderen Regierungsbehörden oder Unternehmen in Amerika bereit war, sie Führungspositionen bekleiden zu lassen. Mein Vater hatte für mehrere dieser Frauen in den 1950er-Jahren gearbeitet, einschließlich Juanita Moodys und Ann Caracristis, die 1980 stellvertretende Direktorin der NSA werden sollte. Ihn über Frauen als kluge, fähige Führungskräfte reden zu hören, ohne großes Aufhebens wegen ihres Geschlechts zu machen, prägte meine Ansichten über Frauen stärker als jeglicher feministische Standpunkt meiner Mutter.
Nach etwa fünf Monaten war meine Sicherheitsüberprüfung endlich abgeschlossen, und meine Ausbildung im Bereich der Abhörtechnik begann. Ich erinnere mich genau an den Nachmittag des 22. November 1963. Nachdem ich den ganzen Morgen Kurse gehabt hatte, aß ich in der Kantine des Stützpunkts zu Mittag und stieg dann in mein Corvair-Cabrio für die kurze Fahrt zurück zu meinem Zimmer in den Junggesellen-Offiziersquartieren. Ich schaltete das Radio ein und hörte die ersten Berichte aus Dallas über die Ermordung von Präsident Kennedy. Während der Fahrt wurde mir die Tragweite des Geschehens bewusst – Schock, Ungläubigkeit und Unsicherheit bemächtigten sich meiner. Er und die First Lady waren so ein attraktives Paar und hatten die Herzen der Amerikaner gewonnen. Und ich hatte ihn erst vor 15 Monaten getroffen. Er hatte meine Hand geschüttelt und gesagt, dass wir mehr Menschen wie mich brauchen würden.
Auf dem Stützpunkt wurde alles angehalten. Die Nachmittagskurse fielen aus, und wir klebten alle an unseren Fernsehern. Ich fühlte mich in diesem Moment von der Realität abgekoppelt, wie ein Beobachter der Welt, ein Gefühl, das ich im September 2001 wieder haben würde. Und was folgte, ebenso wie nach dem 11. September 2001, war eine Mischung aus Unsicherheit – dass die Welt für immer verändert war und wir eine neue Normalität finden mussten – und Entschlossenheit, dass die Nation zusammenhalten müsste.
Als wir 13 Leutnants unseren fünfmonatigen Ausbildungskurs Anfang 1964 beendeten, freuten wir uns sehr auf unsere Einsätze. Wir waren als Flugkommandanten für SIGINT-Einheiten in Übersee ausgebildet worden, wo wir Mitarbeiter der Luftstreitkräfte anleiten würden, die rund um die Uhr Informationen sammelten. Ich war bereit, die »Familienfackel« aufzunehmen und die Kommunikation der Sowjets zu erfassen und auszuwerten, wie ich es bei der Polizeibehörde von Philadelphia im Alter von zwölf Jahren getan hatte. Aber die Luftstreitkräfte entschieden sich in ihrer unendlichen Weisheit dafür, mich dem zuzuteilen, was auf dem Kelly-Stützpunkt der Luftstreitkräfte in San Antonio euphemistisch »Luftstreitkräfte-Spezialkommunikationszentrum« genannt wurde, eine streng geheime Einheit Typ »Third Echelon« für die intensive analytische Informationsverarbeitung, vergleichbar mit der NSA. Sie führte langfristige Analysen der sowjetischen Luftstreitkräfte durch.
Ich wurde zum stellvertretenden Leiter der Abteilung für die sowjetische Luftverteidigung ernannt, eine Bezeichnung, die eindrucksvoller klingt, als es ihr Verantwortungsbereich ist, aber ich machte mich daran, so viel wie möglich über die technischen Aufgaben der Piloten zu lernen, die ich angeblich überwachte. Nach etwa sechs Monaten wurde ich versetzt, an einen Ort, der beim Militär als die »Schreibstube« bekannt war und der Mittelpunkt des militärischen Managements war: Baracken, Kantine und Fuhrpark inspizieren, persönliche Angelegenheiten, Disziplin, Verwaltung von Wiedereinberufungszeremonien und so weiter. Ich agierte zum Beispiel als Schnellgerichtsoffizier in dem Fall eines Piloten, der bei einer Kneipenschlägerei getötet wurde, kümmerte mich um seine persönlichen Sachen und regelte die Angelegenheiten mit seiner Familie. Unvergesslich wird mir immer die unehrenhafte Entlassung von zwei Piloten bleiben, die Zimmergenossen in den Baracken waren und als Homosexuelle »geoutet« wurden (ein Begriff, der zu der Zeit noch nicht üblich war). Damals gab es – wegen der Vorschriften – keine andere Möglichkeit. Sie verloren automatisch ihre Sicherheitsfreigaben und wurden aus dem Dienst entlassen. Bestenfalls gab es eine ehrenhafte Entlassung; manche wurden unehrenhaft entlassen. Diese zwei waren Toppiloten: ausgezeichnete russische Linguisten, die ihre militärischen Verantwortlichkeiten peinlich genau nahmen und ihrem Land tief verpflichtet waren. Ich erinnere mich, dass ich dachte, was für eine Verschwendung an Talent es war, abgesehen von der großen Ungerechtigkeit, und es widerstrebte mir zutiefst, gezwungen zu sein, eine Rolle bei ihrer Entlassung zu spielen.
Ich war froh, zurück nach Fort Meade zu flüchten, um meine Eltern über die Weihnachtsfeiertage zu besuchen. Außerdem würde ich Sue treffen, die ich in diesem Jahr nicht oft gesehen hatte. Wir teilten so viele Dinge: unsere Werte, Erfahrungen als Militärbälger, die Liebe für unser Land und die Würdigung der Nachrichtendienstmission. Und ehrlich gesagt funkte es zwischen uns auf eine Weise, die alle Schwierigkeiten überstrahlte, die wir in der Vergangenheit gehabt hatten. Ich kaufte ihr im Kaufhaus von Hecht Company einen Verlobungsring für 160 Dollar. Sue trägt diesen Ring bis heute (und weiß immer noch, wie viel er gekostet hat). Ich kehrte für ein paar Monate nach Texas zurück, während Sue und unsere Mütter Pläne für die Hochzeit schmiedeten. Im April 1965 heirateten wir in der Kapelle von Fort Meade. Wir feierten eine große Hochzeit, wir strahlten vor Glück, und viele »aus dem Geschäft« nahmen daran teil, da unsere beiden Familien in der NSA-Community gut bekannt waren. Wir betrachteten die Fahrt nach Texas als unsere Hochzeitsreise, zogen in eine kleine Wohnung in San Antonio und begannen unsere gemeinsame Reise durchs Leben. Sue erhielt einen Job als Sekretärin in einem kleinen NSA-Ableger, der gerade am Stützpunkt der Luftstreitkräfte von Kelly eingerichtet worden war, ein entfernter Vorgänger dessen, was jetzt das riesige und ungeheuer wichtige NSA-Texas-Gebäude an der Joint Base San Antonio-Lackland ist. Wieder leistete sie wichtige Arbeit zur Unterstützung von Nachrichtendienstoperationen, während ich nicht viel beitrug mit meiner frischen Ausbildung und der jahrelangen Vorbereitung. Ich belegte Abendkurse an der St. Maria University, um einen Masterabschluss zu machen, der in den Luftstreitkräften der 1960er-Jahre entscheidend für die berufliche Entwicklung war.
Inzwischen wuchs die US-Präsenz in Südostasien. Nach dem Vorfall im Golf von Tonkin 1964 – ein Feuergefecht zwischen nordvietnamesischen Patrouillenbooten und einem Zerstörer der US-Marine, der mit signalerfassender Aufklärung betraut war, bei dem beide Seiten Schaden erlitten und mehrere nordvietnamesische Matrosen starben – stimmte der Kongress dem Einsatz des Militärs zu. 1965 wurden mehr als 200 000 Kampftruppen an den Schauplatz geschickt, und ich meldete mich freiwillig für einen einjährigen Aufenthalt. Als einer der ersten 100 Nachrichtendienstoffiziere der Luftstreitkräfte, die für ein Jahr nach Vietnam beordert wurden, kam ich im Dezember 1965 auf dem Stützpunkt der Luftstreitkräfte von Tan Son Nhut außerhalb Saigons an, wo ich für ein Jahr Dienst leistete statt der üblichen 90 Tage, während man administrativ einem Standort in den Staaten zugeordnet blieb.
Die Luftstreitkräfte ernannten mich zum Kampfnachrichtenoffizier und teilten mich sofort einer Nachtschichtüberwachung von 22:00 Uhr bis 8:00 Uhr im Indications and Warning Center zu. In den nächsten vier Monaten haben ein Sergeant und ich jene zehn Stunden an sechs Tagen pro Woche (der Sonntag war frei) damit verbracht, eingehende Berichte zu lesen und sie in ein »Schwarzbuch« mit Nachrichtendiensterkenntnissen einzutragen, das reihum jedem der Generäle der Luftstreitkräfte im Hauptquartier zuging – ein weit entfernter Vorläufer des täglichen Briefings des Präsidenten, das ich 40 Jahre später managen würde.
Damals waren Nachrichtendiensterkenntnisse größtenteils historisch und berichteten, was geschehen war, nicht was vor sich ging, und gaben keinerlei Prognosen über das ab, was passieren würde. Es war keine Operation nach der Devise »Find, Fix, Finish«, die damals noch nicht existierte, und »Nachrichtendienstautomation« bestand aus reichlich viel Klarsichtfolie, Fettstift und zwei Unteroffizieren. Meine Arbeit war ein langweiliger manueller Prozess, insbesondere, da ich nur akademisches Wissen über Signalaufklärung hatte und fast nichts über den Luftkampf wusste. Ich beklagte lautstark, dass ich kaum den Unterschied zwischen »Flak« – Luftabwehr – und »frag« – einem unvollständigen Gefechtsbefehl – kannte oder zwischen einer F-4 und einer F-105. Ich stellte mir Supergenies mit reihenweise Orden und glänzenden Sternen vor, die über meinen Berichten brüteten, wo man am besten angriff und die Stellung hielt, und Entscheidungen über Leben oder Tod trafen. Ohne jedes Feedback trieb ich mich an, müde und angespannt, und strich die Tage auf meinem Kalender aus, bis das Jahr um war.
Der Gnadenstoß für meine Stimmung war ein Brief, den ich von Sue nur ein paar Wochen nach meiner Abreise erhielt, in dem sie schrieb, dass sie schwanger war. Mich bedrückte die Aussicht, dass ich die Geburt unseres ersten Kindes verpassen würde. Der Entbindungstermin im Juni fand statt, ohne dass ich eine Nachricht von Sue bekam. Sie hatte zwar ein Telegramm gesandt, aber ich habe es nicht erhalten. Jennifer war zwei Wochen alt, als ein General der Luftstreitkräfte Sue gegenüber äußerte, dass ich aufgeregt und glücklich sein müsse über den Familienzuwachs. »Falls er das ist«, antwortete sie, »hat er es mir jedenfalls noch nicht mitgeteilt.« Der General sandte sofort eine offizielle Nachricht, um mich wissen zu lassen, dass ich Vater war und es dem Kind und der Mutter gut ging.
Die einzige Erleichterung für mich in diesem Jahr bestand darin, dass mein Vater als stellvertretender Leiter der NSA-Vietnam bei meinem Eintreffen zufällig in Tan Son Nhut war und unsere Einsätze für sieben Monate zusammenfielen. Er arbeitete für Colonel Hank Aplington, den Marinesoldaten, der mir 1961 in den Platoon Leader Course geholfen hatte. Mein Vater war im Quartier des Colonels untergebracht, was um Klassen besser war als das, was ich mir in der Innenstadt von Saigon leisten konnte, und wo es tagsüber viel ruhiger war, wenn ich schließlich schlafen konnte; deshalb zog ich bei ihm ein. Wir machten es zu einer Sonntagstradition an unserem gemeinsamen arbeitsfreien Tag, das Mittagessen im Dachgeschossrestaurant des Hotels Caravelle aus der französischen Kolonialära zu genießen. Wir aßen in Butter gebratene Hummerschwänze und tranken Martinis, während wir zusahen, wie A-1 den Vietcong auf der anderen Seite des Saigon bombardierten. In Verbindung mit dem Dämmerzustand aus meinen durchgearbeiteten Nächten und dem Schlaf am Tage und völlig abgekoppelt von zu Hause, fühlte sich diese Erfahrung für mich surreal an.
