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Irma Torres, ein Gerresheimer Waisenkind, erzählt in diesem Buch ihre Lebensgeschichte. Eine Biografie einer Frau, die nie die Hoffnung aufgab.
1943 flüchteten viele Deutsche vor dem Krieg. Auch die Waisenkinder Irma und Erika fliehen mit der Großmutter von Gerresheim nach Pommern zu einer Tante. Als die Russen näher kamen, flohen sie erneut und verloren sich. Die Mädchen landeten mit der Tante im dänischen Gefangenenlager Hasselø.
Die Autorin erzählt von den Entbehrungen, dem Hunger und der Not. Doch auch von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dieses fand sie, als sie ihrem zweiten Ehemann Carlo Torres begegnete.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Die Hoffnung stirbt nie
Diese biografische Zeitgeschichte widme ich meiner Schwester Erika Willms.
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April 2020
Impressum:
2020 Deutsche Erstausgabe
Texte: Irma Frieda Selma Torres
Covergestaltung: Wine van Velzen
Herausgeber: Michael Schönberg
Alle Rechte beim Autor
Die Hoffnung stirbt nie
An einem schönen Frühlingstag im Mai erblickte ich in einem evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf das Licht der Welt. Es war das Jahr 1938, kein Jahr, um sich auf die Zukunft zu freuen, denn irgendwie klangen Kanonenschläge am Horizont, zwar nur mit Worten von einem gewissen Herrn Hitler, denen man jedoch genau zuhören sollte.
Mein Vater Erich, mit Zweitnamen Julius, war staatenlos und hatte sieben Geschwister, die ebenfalls wie er staatenlos waren. So hat meine liebe Mutti Erna, Emilie, geborene Stein, mit dem Ja sagen bei ihrer Hochzeit die deutsche Staatsbürgerschaft verloren und wurde wie mein Vater und dessen Familie staatenlos. Damit sie bei der Heirat die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen hätten, war eine hohe Gebühr fällig, die meine Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht hatten. Obwohl meine vier Jahre ältere Schwester Erika und ich in Deutschland geboren wurden, waren wir wegen unserer Eltern, die keine Pässe besaßen, ebenfalls staatenlos. Dies bedeutete einen ganz schlechten Start ins Leben.
Meine Eltern waren arm, unser Vater war Schlächter und arbeitete bei seinem Vetter in Vennhausen, der eine Schlächterei hatte. Unsere Eltern, meine Schwester Erika und ich wohnten in einem kleinen Häuschen auf der Vennhauser Allee Nr. 254, das zur Schlächterei gehörte. Nebenan wohnte Frau Flor mit ihrem erwachsenen Sohn, der auch in der Schlächterei arbeitete.
Wir lebten ein bescheidenes Leben. Das verdiente Geld von Papa reichte nur für das Nötigste, dennoch waren wir zufrieden und begnügten uns mit dem, was wir hatten. Unser Papa ging, wie viele Männer in Deutschland es zu dieser Zeit taten, sonntags in sein Stammlokal, um mit Freunden ein Gläschen Bier zu trinken. Die Männer unterhielten sich über die Arbeit, manchmal auch über Politik. Sie kamen pünktlich zum Mittagessen nach Hause, um mit der Familie gemeinsam zu essen. Von den Stammtischgesprächen erfuhr ich von Erika, die aber nicht alles verstand, was die Männer so redeten. Manchmal stritten sie sich und wurden laut, dann musste der Wirt ein Machtwort sprechen, damit wieder Ruhe einkehrte. Papa nahm an diesen Sonntagen immer Erika mit, weil er so stolz auf sie war. Sie konnte mit sechs Jahren schon die Zeitung lesen. Wenn es still im Stammlokal war, rief Papa:
„Erika, lese Papa und seinen Freunden mal was aus der Zeitung vor.“
Mutti war schon seit meiner Geburt krank, es wurde immer schlimmer.
Sie hustete viel und ich glaube, sie hatte auch Schmerzen in der Brust, weil sie oft die Hände auf sie drückte und nach Atem rang.
Eines Tages wurde sie eilig in das Krankenhaus in Gerresheim gebracht. Im Dezember 1941 starb sie an einer Lungenkrankheit. Meine Mutter wurde nur vierunddreißig Jahre alt. Erika sieben und ich drei Jahre, waren nun Halbwaisen. In Hast nähte Tante Frieda, Muttis jüngste Schwester, uns beiden ein dunkles Samtkleid für die Beerdigung. Ich kann mich kaum an den Friedhof und die Beisetzung erinnern, sodass ich darüber nichts schreiben kann.
Nach nur einem halben Jahr nach Muttis Beerdigung heiratete unser Papa eine Frau aus Flensburg. Frau Erna Duus. Wo mein Vater diese Frau kennengelernt hat, weiß ich nicht. Sie war eines Tages einfach da und Papa erklärte Erika und mir, er würde die Frau heiraten und sie sei dann unsere neue Mutter.
Sie war wesentlich jünger als mein Vater. So um die dreißig Jahre alt. Ich weiß von ihr nur, dass sie Erna Duus hieß und uns von Anfang an schlecht behandelt hat.
Sie wurde unsere Stiefmutter. Ob ich mich anfangs gefreut habe, wieder eine Mutter zu haben, weiß ich nicht mehr. Falls doch, wurde Erika und mir schnell klar, dass sie uns nicht leiden konnte und wahrscheinlich auch nicht haben wollte. Das hat sie uns auch spüren lassen, indem sie uns schlug und peinigte. Sie setzte mich in eine Zinkwanne mit kaltem Wasser. Die kam dann auf den Holz- Kohle-Ofen. Sobald das Wasser warm wurde, schrie ich vor Angst. Sie fasste mich an den Haaren, zog mich aus dem Wasser und warf mich auf den Boden. Natürlich weinte ich. Gerade mal drei Jahre jung war ich, als sie das tat. Mein Weinen konnte sie
nicht ertragen und deshalb schlug sie mich, bis ich
keine Luft mehr hatte zum Weinen.
Erika musste mit ihren sieben Jahren das ganze Haus putzen und überall sauber machen. Wenn sie das nicht tat oder die Stiefmutter meinte, es sei nicht ordentlich genug, bekam auch sie Schläge.
Ich lief oft nebenan zu Frau Flor, sie tröstete mich und ich durfte fast alles bei ihr machen. Sie war meine Oma geworden. Bei ihr fand ich immer Trost, doch eines Tages rief meine Stiefmutter vom Hof, ich sollte sofort zu ihr kommen. Vorher hatte ich einen Kamm in mein Haar gesteckt, wollte so gerne aussehen wie meine Schwester. Erika hatte ihre Haare zu einer Tolle hochgesteckt ...
Aus Angst vor der Stiefmutter lief ich sofort zu ihr in den Hof.
Als sie den Kamm in meinem Haar sah, zog sie mich am Arm ins Haus, nahm eine Schere und schnitt die Haare samt Kamm radikal ab. Ich weinte ganz jämmerlich. Mittlerweile war ich vier Jahre und wollte so hübsch aussehen wie meine Schwester. Weil ich weinte, verlor sie wieder die Beherrschung und schlug mich so lange, bis ich aufhörte zu weinen.
