Die Hölle war mein Zuhause - Mandy Thomas - E-Book

Die Hölle war mein Zuhause E-Book

Mandy Thomas

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Beschreibung

Mandy Thomas hat überlebt. Achtzehn Jahre lang wurde sie von ihrem Mann verprügelt, vergewaltigt und auf jede vorstellbare und unvorstellbare Weise gequält. Von Polizei und Behörden wurde sie im Stich gelassen. Dass ihr Mann überhaupt angeklagt und verurteilt wurde, grenzt an ein Wunder. Doch er kam wieder frei - und bis heute leben Mandy und ihre Familie in Angst vor diesem wahnsinnigen Gewalttäter. Nur ein Gedanke hielt Mandy all die Jahre lang am Leben: Die Sorge um ihre Kinder. Ihre Geschichte ist ein einziger Schrei nach Gerechtigkeit.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 599

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumVorwortPrologTeil einsKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Teil zweiKapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Teil dreiKapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Teil vierKapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Teil fünf282930313233Teil sechsKapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41EpilogAnmerkungen der AutorinDankLinks

Über dieses Buch

Mandy Thomas hat überlebt. Achtzehn Jahre lang wurde sie von ihrem Mann verprügelt, vergewaltigt und auf jede vorstellbare und unvorstellbare Weise gequält. Von Polizei und Behörden wurde sie im Stich gelassen. Dass ihr Mann überhaupt angeklagt und verurteilt wurde, grenzt an ein Wunder. Doch er kam wieder frei – und bis heute leben Mandy und ihre Familie in Angst vor diesem wahnsinnigen Gewalttäter. Nur ein Gedanke hielt Mandy all die Jahre lang am Leben: Die Sorge um ihre Kinder. Ihre Geschichte ist ein einziger Schrei nach Gerechtigkeit.

Über die Autorin

Mandy Thomas setzt sich seit Jahren für Opfer häuslicher Gewalt in Großbritannien ein. Als Autorin, Dichterin, Fotografin und Fund Raiser für Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt werden, schafft sie auch in den Medien viel Aufmerksamkeit für dieses brisante Thema. Ihr Buch Die Hölle war mein Zuhause erzählt ihre eigene tragische Geschichte und soll anderen Frauen helfen, sich aus gewalttätigen Beziehungen freizukämpfen.

Mandy Thomas

Die Hölle war mein Zuhause

Jahrelang mit einem gewalttätigen Ehemann, nur die Liebe zu meinen Kindern hielt mich am Leben

Aus dem Englischen von Ralph Sander

BASTEI ENTERTAINMENT

Deutsche Erstausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © Mandy Thomas, 2015

First published in 2015 by Ebury Press. Ebury Press is a part of the Penguin Random House group of companies.

Originalausgabe: »You can`t run«

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Covergestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de unter Verwendung eines Motives © iStockphoto

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-6309-8

luebbe.de

lesejury.de

Vorwort

Mandy Thomas’ Buch ist vermutlich eines der wichtigsten, die Sie je lesen werden. Dieses Buch besitzt das Potenzial, Tausenden von Frauen das Leben zu retten, die ihre Partnerschaft wie eine Gefangenschaft erleben.

Ehrfurcht erfüllt mich, wenn ich sehe, welche Kraft und Entschlossenheit und welchen puren Überlebensinstinkt Mandy unter Beweis gestellt hat. Die Entscheidung kann ihr nicht leichtgefallen sein, dieses Buch zu schreiben und so offen und ehrlich über alles zu reden. Aber so entsetzlich Mandys Geschichte auch ist, gibt sie doch jedem von uns Hoffnung – Hoffnung, dass wir den Mund aufmachen und uns denjenigen entgegenstellen, die über unser Leben bestimmen wollen.

Wenn einem das Leben finster und hoffnungslos vorkommt, stößt man plötzlich auf eine Geschichte wie diese, die uns in unserer finstersten Stunde und im Augenblick der tiefsten Verzweiflung erkennen lässt, dass es immer noch sinnvoll ist, sich zu wehren. Es fällt einem schwer, seine Wut zu unterdrücken, wenn man liest, wie oft andere Menschen versagt und Mandy und ihre Kinder im Stich gelassen haben. Es wäre für Mandy eine Leichtigkeit gewesen, sich von ihrer Umwelt abzukapseln und sich ihrer Wut und Verbitterung hinzugeben. Ich glaube jedoch fest daran, dass man ein negatives Erlebnis in etwas Positives verwandeln kann. Schließlich definieren wir uns nicht durch das, was uns widerfährt. Wirklich zählt nur, was wir aus dem machen, was uns widerfahren ist. Indem Mandy ihre Geschichte mit der Welt teilt, hat sie beschlossen, jahrelang ertragene Gewalt zum Mittel zu machen, um damit anderen Familien zu helfen und Kraft zu geben.

Heute ist Mandy ein strahlendes Leuchtfeuer der Hoffnung für andere Frauen, denn jede Frau kann jederzeit zum Opfer häuslicher Gewalt werden. Ein Mann hat unzählige Male versucht, Mandys Licht auszulöschen, aber es ist ihm nicht gelungen. Es bricht einem das Herz, wenn man liest, wie oft sie zu Boden geschickt wurde, aber es ist gleichzeitig unglaublich inspirierend zu erfahren, dass sie sich jedes Mal wieder aufgerappelt und ihren Kampf um das Recht zu überleben letztlich gewonnen hat.

Katie Piper

Juli 2005

Die Methode eines Mannes

Angst …

Angst beherrscht uns

Tag und Nacht

Auf jede Art.

Ganz ohne unser Zutun.

Später wird es heißen:

»Sie versuchte es dir zu sagen,

Aber du hast nicht verstanden …«

Prolog

Das Leben kann von einer Sekunde zur nächsten völlig auf den Kopf gestellt werden. Mal genügt ein Blick, mal ein Lächeln oder ein Versprechen.

In meinem Fall war es eine Berührung, eine ganz leichte Berührung. Ein sanftes Tippen auf meine Schulter. Es hatte etwas Unschuldiges, Harmloses. Nichts, was einem Angst hätte machen können. Bloß ein Mann, der mich etwas ganz Alltägliches fragte.

»Kannst du mir sagen, wie spät es ist?«, lautete die Frage, die dieser Fremde mir stellte.

Ich sah auf meine Armbanduhr und sagte ihm die Zeit. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, was die Uhr in diesem Moment anzeigte, weiß ich heute, was die Stunde in dem Augenblick geschlagen hatte.

Fünf vor zwölf.

Und zwar für mich.

Teil eins

Vom Zauber getroffen

Wie bedauerlich

Dass du glaubst

Meine Sommermelodie

In Wintertristesse

Verwandeln zu müssen.

1

Es war 1984, als sich mein Leben für alle Zeit verändern sollte. Mai 1984. Duran Duran lagen die Charts zu Füßen, mir lag die Welt zu Füßen. Ich war achtzehn und wohnte mit zwei Freundinnen in einer WG in einem Haus, in das all unsere Freunde zu Besuch kamen, um zu chillen, Filme zu gucken oder einfach nur bei einer Tasse Kaffee rumzuhängen und sich eine Zeitlang angeregt zu unterhalten. An jenem Tag – jenem schicksalhaften Tag – hatten die Mädchen und ich unserer Heimatstadt Rugby den Rücken gekehrt, um die weite Welt zu erkunden: Birmingham mit seinem berühmten Bullring Shopping Centre. Eine Woche zuvor war ich zum ersten Mal dort gewesen, um mit meiner Mum für ihren Geburtstag Einkäufe zu erledigen. Als ich meinen Mitbewohnerinnen von den Geschäften vorschwärmte, planten wir drei prompt einen gemeinsamen Ausflug dorthin.

Ich war damals noch ein kleiner, schmaler Teenager, ein geschwätziges Mädchen mit markanten, leuchtend roten Haaren – und mit einem noch markanteren Pony, dessen Fransen ich mir aus den Augen schnippen musste, wenn ich in einem Nachtclub zu Simon Le Bons Gesang tanzte, bis mir die Füße wehtaten. Ich liebte es, zu tanzen, und genauso liebte ich es, zu malen, zu zeichnen und zu schreiben. Musik steckte tief in meiner Seele, und ich sang bei jeder Gelegenheit. Ich liebte alles, womit ich mein Innerstes zum Ausdruck bringen konnte.

Das Schreiben hatte ich mit neun Jahren entdeckt, nachdem mein Vater im Alter von nur achtunddreißig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war. Meine niederschmetternde Trauer konnte ich nur durch Worte ausdrücken. Meine Englischlehrerin Mrs. Mickleborough sagt mir, ich sei eine geborene Schriftstellerin. Sie sagte, mit einem Gedicht über meinen Vater, das ich mit zehn Jahren verfasst hatte, hätte ich sie zu Tränen gerührt. Danach reichte sie meine Gedichte bei Wettbewerben ein, aus denen ich als Siegerin hervorging. Ich habe mein Leben lang immer weiter Gedichte geschrieben, und ein paar davon habe ich in dieses Buch aufgenommen, weil sie mir helfen, meine Gefühle selbst in den finstersten Momenten in Worte zu fassen. Ich entwickelte mich auch künstlerisch weiter. Ich zeichnete immerzu, von Beatrix-Potter-Büchern für eine alte Dame bis hin zu Cartoons und eigenen Bildern. Die Farben durchdrangen meine Träume, und ich hoffte, eines Tages darauf eine Karriere aufbauen zu können. Es war nur einer von meinen Träumen.

Nach Dads Tod war das Leben daheim ziemlich schwierig. Ich will nicht näher darauf eingehen, ich will dazu nur sagen, dass ich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag im November 1981 in ein kleines Apartment zog. Ich musste wie verrückt arbeiten, um über die Runden zu kommen. Selbst als ich noch zu Hause gewohnt hatte, war ich mit fünfzehn, sechzehn nach der Schule schon in einem Hotel in unserer Nähe kellnern gegangen. Nachdem ich von der Schule abgegangen war, arbeitete ich bei einem Lebensmittel- und Zeitungshändler, dann verkaufte ich Fenster und bekam eine Anstellung bei einer amerikanischen Gesundheitsfirma. Mit sechzehn fing ich in der Bar eines Arbeiterheims an, sammelte benutzte Gläser und erledigte alle anfallenden Arbeiten. Mit siebzehn half ich einer Frau, Sportkurse zu veranstalten. Der Job war gut, weil ich als Kind Gymnastik gemacht und als Teenager mit Formations-Street-Dance begonnen hatte. Es war für mich eine weitere Möglichkeit, allen Schmerz herauszulassen, den ich im mir trug. Man kann sich nicht auf seine Gefühle konzentrieren, wenn man die Füße im Rhythmus zum eigenen Herzschlag bewegt und Arme und Beine nur so umherwirbeln. Ich war auf mich allein gestellt, aber ich kam zurecht. Es ging mir ganz gut. Außerdem malte ich das eine oder andere Porträt als Auftragsarbeit, sodass meine künstlerische Begabung mir auch noch etwas Geld einbrachte.

Mode war noch so eins von meinen Faibles, vor allem Kleidung in leuchtenden Farben, wie ich sie auf meiner Malerpalette mischte. Daher war dieser Tag im Bullring wirklich ein Erlebnis. Die Mädchen und ich lebten zu der Zeit erst seit ein paar Monaten zusammen, und wir kamen uns wirklich wie ein Team vor, als wir uns die ausgestellten Outfits ansahen, über die abgefahreneren Teile nur kichern konnten und andere Sachen mit einem begeisterten »Ooooh« kommentierten.

Zu der Zeit hatte ich einen wirklich netten Freund, einen eins zweiundneunzig großen Basketballer, der auch Krafttraining machte, und ich zermarterte mir das Hirn, was ich anziehen sollte, wenn wir das nächste Mal in den Club gingen. Unsere Freundschaft bereitete mir überhaupt Kopfzerbrechen, denn ich sagte ihm immer wieder, dass er viel zu nett für mich war und dass er eine Freundin verdiente, die innerlich nicht so zerbrechlich war wie ich. Aber er wollte nicht auf mich hören. Er war so nett, dass er den Schaden nicht erkennen wollte, den mein Herz erlitten hatte.

Es geschah auf unserer zweiten Runde durch die Geschäfte. Wir waren seit ein paar Stunden unterwegs, und wir hatten fast alle Läden im Bullring erkundet, weshalb wir alle etwas kaputt waren. Wir beschlossen, uns irgendwo hinzusetzen, eine Pause einzulegen und einen Kaffee zu trinken. Es war ein heißer Tag, und wir hatten erst mal genug.

Nicht weit von uns entfernt gab es im Erdgeschoss auf einer freien Fläche ein Café, also machten wir uns auf den Weg dorthin. Ich durchquerte in meinen eleganten grauen Pumps die Mall in Richtung Rolltreppe, wobei die Absätze den Soundtrack für eine Szene boten, die ich niemals vergessen werde.

Ich wollte eben die Rolltreppe betreten, da spürte ich dieses sanfte Tippen auf meiner Schulter. Dann hörte ich zum allerersten Mal seine Stimme, noch bevor ich ihn sehen konnte, weil er hinter mir war. Er redete bedächtig und höflich. Sanft und samtig. Charmant, hätte man sagen können. Ich konnte ein Lächeln aus den Worten heraushören.

»Kannst du mir sagen, wie viel Uhr wir haben?«

Ich drehte mich um und sah einen Mann in meinem Alter dastehen. Er trug Jeans und ein rotes Sweatshirt. Er hatte ungefähr meine Größe, also etwa eins sechzig, dazu einen Lockenkopf und ein strahlendes Lächeln, das seine makellos aussehenden weißen Zähne erkennen ließ. Seine Augen wiesen das gleiche Hellbraun auf wie seine Haut. Diese Augen schienen mich förmlich aufzusaugen, als sein Blick über mich hinwegzuckte. Es folgte ein Moment der Atemlosigkeit, dann lächelte er wieder.

Und von dieser Sekunde an war alles anders.

Es war, als hätte er mich mit einem Zauber belegt. Das kommt mir bis heute so vor. Als hätte er einen Zauberstab geschwungen und meine Welt zum Stillstand gebracht. Es war keine sexuelle Anziehung, es war auch nichts Romantisches, so als würde man sich verlieben. Es war ein Zauber.

Oder ein Fluch.

Da mir nicht klar war, dass seine Frage eine klassische Anmache war, löste ich meinen Blick von seinen Augen und sah auf meine Armbanduhr. Normalerweise trug ich gar keine Uhr, aber aus irgendeinem Grund hatte ich an dem Morgen das Bedürfnis danach verspürt. Mit meiner weißen Bluse und dem grauen Rock war ich für meine Verhältnisse ohnehin sehr konservativ angezogen; vielleicht hatte ich deswegen gedacht, dass eine Armbanduhr dazu passen würde.

Wenn ich heute darüber nachdenke, wird mir klar, dass ich wie ein Schulmädchen ausgesehen haben muss. Unschuldig. Süß. Verführbar.

Wir redeten, während wir auf der Rolltreppe nach unten fuhren. Meine Freundinnen und ich gingen zum Café, weil wir uns wie besprochen etwas zu trinken holen wollten. Er kam mit, was aus einem unerfindlichen Grund okay zu sein schien. In seinem charmanten Tonfall stellte er uns ein paar harmlose Fragen, unter anderem um zu erfahren, woher wir kamen. Das Gefühl war wirklich äußerst eigenartig, so als wäre alles in Watte gepackt. Noch immer war ich wie mit einem Bann belegt, der mich ganz unbekümmert drauflosreden ließ. Ehe ich mich versah, hatten sich meine Freundinnen wieder auf eine Tour durch die Geschäfte gemacht, während ich mit ihm in diesem Café saß und redete. Aber wir waren hier mitten in der Mall, wo es von Leuten wimmelte. Ich dachte mir, dass mir nichts passieren konnte.

Ich kann mich nicht daran erinnern, woüber wir geredet haben. Ich weiß es einfach nicht mehr. Aber so wie ich mich kenne, war es jede Menge Blödsinn, weil ich immer drauflosrede.

Ich habe nur die Rolltreppe in Erinnerung und die Tatsache, dass er mich mit einem Zauber belegte. Und dass ich ihn für sehr charmant hielt mit seinen weißen Zähnen und dem breiten Lächeln. Er erwähnte, dass er ins Fitnesscenter ging, und ich weiß noch, wie mir der Gedanke durch den Kopf ging, dass er sich wohl gut um sich selbst kümmerte, wenn er so weiße Zähne hatte und das Fitnesscenter besuchte. Etwas in mir wollte, dass er sich auch um mich kümmerte, und es kann sein, dass sich dieser Gedanke schon an diesem Nachmittag zum ersten Mal regte.

Niemand hatte sich je um mich gekümmert.

Meine Freundinnen kamen irgendwann zurück zum Café, und wir machten uns alle zusammen auf den Weg nach Rugby zu dem Haus, das wir uns teilten. Eine ganze Gruppe von Leuten begleitete uns, weil meine Mitbewohnerinnen so wie ich gesellige Typen waren. Sie hatten sich in der Mall mit ihnen angefreundet und sie eingeladen, doch gleich mitzukommen. Aber während die anderen unentwegt drauflos redeten, unterhielten wir beide uns, als wären wir ganz allein. Wir unterhielten uns während der Zugfahrt, als würde ich ihn schon mein Leben lang kennen. Und das brachte mich auf den Gedanken: Dieser Junge ist der Junge.

Er blieb über Nacht. Nichts geschah, jedenfalls nicht in der Hinsicht, aber in gewisser Weise geschah alles, weil das Leben, das ich bis dahin gekannt hatte, von da an nie wieder so sein würde. Am nächsten Tag machte ich mit meinem Freund Schluss, mit diesem sanftmütigen Teddybär, und brach ihm das Herz. Als ich den Schmerz in seinen leuchtenden, sanften Augen sah, dachte ich noch: Was um alles in der Welt tue ich da bloß? Aber der Zauber, der auf mir lag, war stark genug, dass ich mir sagen konnte: Tu es einfach.

Der junge Mann aus der Mall kam bald wieder vorbei. Vielleicht schon am nächsten Tag, vielleicht auch erst ein paar Tage später. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber ich weiß, dass er zu meiner Freude mehr oder weniger unaufgefordert bei uns einzog. Wir setzten unsere langen, tiefschürfenden Unterhaltungen fort. Ich erzählte ihm alles über mich: die guten Dinge, die schlechten Dinge, die schmerzhaften Dinge … und die peinlichen Dinge. Jedes kleine Detail, alles aus meinem Leben und meiner Vergangenheit. Alle meine Hoffnungen und Ängste. Nie zuvor war ich jemandem begegnet, bei dem ich da Gefühl hatte, mein wahres Ich zeigen zu können, aber bei ihm konnte ich das.

Er sagte mir seinen Namen – Dusty –, aber der Rest seiner Welt blieb abgeschottet. Zu dieser Zeit war mir das nicht klar. Erst später, sehr viel später wurde mir bewusst, dass ich ihm alles, er mir aber gar nichts gesagt hatte. Ich stellte ihm zwar Fragen, aber er wechselte das Thema oder speiste mich mit einer kurzen, nichtssagenden Erwiderung ab. Oder er sagte, er wolle darüber nicht reden. Er sei viel mehr an dem interessiert, was ich dachte und wovon ich träumte, und er wolle lieber noch ein weiteres kleines Geheimnis von mir erfahren. Sein Interesse an mir war überwältigend und ließ mich glauben, dass ich ihm wirklich etwas bedeutete. Wie sehr ich mich doch geirrt habe. Wie dumm ich doch war.

Aber am Anfang lief alles ganz stürmisch ab. Er brachte mich zum Lachen, und ich sah in ihm tatsächlich meinen Ritter in strahlender Rüstung, der mich in eine leuchtende Zukunft entführen würde. Er brachte mir Pralinen und Blumen mit, was ich noch nie zuvor erlebt hatte. Er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und begehrt zu werden. Das war sogar noch viel außergewöhnlicher, weil er ja alles über mich wusste. Er kannte jeden Schmerz und jedes Leid, das mich innerlich verstümmelt hatte, und trotzdem wollte er mich.

Später fand ich heraus, dass er mich genau deswegen gewollt hatte, gleich vom ersten Tag an, als er mich in der Mall entdeckt hatte. Als er auf das verletzte kleine »Schulmädchen« aufmerksam geworden war, hatte er mit seinen Freunden gewettet, dass er mich runkriegen würde. O ja, die Wette hatte er gewonnen. Haushoch sogar.

Schon bald lernte er meine Gran kennen, die wichtigste Person in meinem Leben. Er verhielt sich ihr gegenüber höflich und charmant, ganz so wie an dem Tag, an dem ich ihn kennengelernt hatte. Ich lernte auch seine Eltern kennen, allerdings nicht bei einem mit ihnen vereinbarten Zusammentreffen. Es stellte sich heraus, dass sie sich zu fragen begonnen hatten, wo er sich aufhielt, da er immer bei mir war und er ihnen kein Wort davon sagte, wohin er ging. Jedoch hatte er meine Adresse in seinem Schlafzimmer in Birmingham auf einen Spiegel geschrieben, und seine Eltern hatten sich schließlich auf den Weg zu mir gemacht, weil sie wissen wollten, ob mit ihm alles in Ordnung war, da sie schon so lange nichts von ihm gehört hatten. Ich fand das alles etwas eigenartig, aber als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur: »Das muss dich nicht kümmern.«

Im Gegenzug allerdings kümmerte ihn alles, was mich betraf. Ja, ich war seine Hauptsorge. Und dabei war sein Interesse natürlich immer so liebevoll, dass ich fast schon gerührt davon war, wie er auf mich aufpasste. Wenn ich von einer Party erzählte, zu der ich gehen wollte, oder wenn ich einen neuen Nachtclub besuchen wollte, dann fragte er scheinbar ehrlich besorgt: »Warum willst du da hingehen?« Nach einer Weile begann er anzudeuten, dass meine Freundschaft mit einer Person aus meinem wirklich sehr großen Freundeskreis sich nachteilig für mich auswirken könnte. Oder er merkte beiläufig an, dass er nicht verstehen könne, was ich in dem einen oder anderen von ihnen eigentlich sah. Natürlich führte das dazu, dass wir uns mit der entsprechenden Person nicht mehr trafen. Oder er tauchte unerwartet bei mir zu Hause auf, und ich kam an diesem Tag »zu spät«, weil ich ja nicht wusste, dass er mich besuchen würde. »Wo bist du gewesen?«, fragte er mich dann in einem Tonfall, als hätte ich etwas falsch gemacht. Wenn ich ihm erklärte, wo ich gewesen war, wurde er wütend. Das ist irgendwie seltsam, dachte ich, aber ich nahm das nicht als Warnsignal wahr. Ich war in jeglicher Hinsicht blind und taub, was ihn anging.

Letztlich sah ich es als die einfachere Lösung an, daheim zu bleiben, nicht auszugehen, meine Freunde zu meiden, mit niemandem zu reden, den er nicht leiden konnte. Es schien ihn glücklich zu machen, und es waren alles harmlose Bitten und Anliegen. Außerdem vertraute ich ihm, und ich sagte mir: Na ja, ich will mit ihm zusammen sein, und ich will ihn glücklich machen, also tue ich besser, was er sagt. Das ist insgesamt am besten. Ich dachte mir, er verfolgt damit nur gute Absichten, also erschien es mir nicht verkehrt, ihn zufriedenzustellen.

Meine Mitbewohnerinnen versuchten mit mir über ihn zu reden. Ich war mit ihm seit einigen Wochen zusammen, als sie mich zur Seite nahmen.

»Mandy«, sagte die eine und suchte nach den richtigen Worten. »Wir sind uns nicht sicher, was ihn angeht. Er hat irgendetwas an sich, was uns nicht gefällt.«

Dumm wie ich war, dachte ich, sie sind bloß eifersüchtig.

Die beiden hatten zu der Zeit keinen Freund, und ich dachte, sie wollten, dass ich dann auch keinen Freund habe. Ich sah nicht das, was sie sahen.

Oder vielleicht wollte ich es auch nicht sehen.

Als ich nicht mehr ausging, waren die beiden noch wütender auf mich. Wir waren ein Team gewesen – drei Mädels in der Großstadt –, und auf einmal gehörte ich nicht mehr zum Team. Sie sprachen mich aber nicht noch einmal darauf an, denn was hätten sie schon sagen sollen? Sie hatten mich wissen lassen, dass sie ihn nicht mochten, und ich traf mich einfach weiter mit ihm. Ich war für sie ein hoffnungsloser Fall.

Nachdem unsere Beziehung bereits ein paar Monate alt war, kam ich wieder mal »zu spät« nach Hause. Mit meiner Mitbewohnerin war ich noch unterwegs gewesen, um Einkäufe zu erledigen. Weil das Geschäft, in das wir eigentlich wollten, schon geschlossen hatte, mussten wir zu dem weiter entfernten Geschäft zurückgehen. Dann bot uns ein Freund an, uns nach Hause zu fahren, aber er musste erst noch einen Umweg einlegen, bevor er uns daheim absetzen konnte. Langer Rede kurzer Sinn: Als ich schließlich zu Hause ankam, wo es wie üblich von Freunden und Bekannten wimmelte, war Dusty gar nicht begeistert.

Was noch harmlos formuliert war.

Er brachte mich in mein Zimmer und begann Fragen zu stellen: Wo bist du gewesen? Was hast du gemacht? Warum hat das so lange gedauert? Seine samtige Stimme wurde mit jeder Frage etwas lauter, bis er mich anbrüllte. Stammelnd versuchte ich ihm alles zu erklären: dass das Geschäft geschlossen hatte, dass wir auf dem Heimweg einen unerwarteten Umweg hatten mitmachen müssen. Aber er wollte davon gar nichts hören.

Seine Fragen wurden immer hitziger.

Ich bekam gar keine Gelegenheit für eine Antwort.

Und dann, ohne Vorwarnung, schoss seine Hand nach vorn und ich bekam einen Schlag ins Gesicht.

Das ließ mich verstummen.

Ich legte eine Hand auf meine Wange. Es war keine richtig kräftige Ohrfeige gewesen. Aber es war das erste Mal, dass er mich geschlagen hatte, und diese Tatsache schmerzte viel mehr als die Ohrfeige selbst.

Zuerst brachte ich keinen Ton heraus, weil ich viel zu schockiert war. Aber dann war meine Stimme wieder da, und ich begann ihn anzubrüllen und ihm vorzuwerfen, dass er mich geohrfeigt hatte. Er schrie mich an, er werde weggehen und nie wiederkommen. Dann stürmte er hinaus in die Nacht, während ich langsam die Treppe runterging und ich mich zu meinen vielen Freunden in unserem Wohnzimmer gesellte.

Ich erzählte meiner Mitbewohnerin, was passiert war. Sie nahm mich in die Arme und sagte mir noch einmal, dass sie kein gutes Gefühl bei ihm hatte. Ich verbrachte den Abend in der Gesellschaft meiner Freunde. Mein Kopf dröhnte vor verwirrten Gefühlen, noch lange nachdem der gerötete Abdruck seiner Finger auf meiner Wange verblasst war.

Am nächsten Tag kehrte er zurück und brachte mir Pralinen und Rosen in leuchtenden Farben. Verlegen lächelte er mich an und sagte nur ein einziges Wort.

»Entschuldigung.«

Ich starrte ihn an, wie er mit einem strahlenden Grinsen sein Bestes gab, um mich zum Lächeln zu bringen. In dem Moment merkte ich, wie dieser seltsame Zauber wieder einsetzte. Irgendeine Stimme in meinem Kopf sagte mir, dass ich an dieser Beziehung arbeiten sollte, weil er der Richtige war.

Ich war jung und naiv. Und ich war blind und taub und dumm.

Es war das einzige Mal, dass ich von ihm ein »Entschuldigung« zu hören bekam.

2

»Das ist sie!«

Aufgeregt drehte ich mich zu Dusty um und sah ihn an, während ich nicht anders konnte, als strahlend zu lächeln. Wir waren gemeinsam auf Wohnungssuche gegangen, und jetzt hatten wir unser neues Zuhause gefunden.

Es war eine Wohnung hoch oben im Dachgeschoss eines Hauses an der Woodstock Road in Moseley, Birmingham. Ich ging von einem Zimmer zum nächsten, was nicht viel Zeit in Anspruch nahm, da die Wohnung ziemlich klein war und für zwei Personen gerade so ausreichte. Das Wohnzimmer war großzügig bemessen, es gab eine Küche, ein Badezimmer und das Schlafzimmer. Und von diesem obersten Stockwerk hatten wir auch noch eine tolle Aussicht.

In Gedanken fing ich bereits an zu planen, was wo stehen würde und was wir noch kaufen mussten. Ich hakte mich bei Dusty unter, während ich drauflosredete, wie wir unser Zuhause einrichten könnten. Den Kopf voller Ideen und Farben, schwebte ich auf Wolke sieben. Er dagegen dachte an Korkplatten und sprach davon, die Wohnung damit zu verkleiden, damit die Wärme nicht so schnell entweichen konnte. Es war ein bitterkalter Januar mit sehr viel Schnee. Januar 1985. Ich kannte ihn seit acht Monaten. Seit dem einen Mal hatte er mich nie wieder geschlagen, und ich hatte den Vorfall bereits so gut wie vergessen.

Ich konnte es nicht erwarten, mit ihm zusammenzuziehen.

Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, wer uns den Umzug vorgeschlagen hatte. Aber wir waren beide völlig begeistert, als Dusty den Kaufvertrag unterschrieben hatte und wir einziehen konnten. Es kam mir vor, als würden wir gemeinsam erwachsen. Ich hatte das Gefühl, ein für alle Mal meine Vergangenheit hinter mir zu lassen. Außerdem hatte Birmingham als große Stadt viel mehr Möglichkeiten zu bieten. Ich musste schnell einen Job finden, da mir eine Anstellung als Cartoonzeichnerin vor der Nase weggeschnappt worden war und ich im Augenblick arbeitslos war. In meiner neuen Stadt gab es so viel mehr Gelegenheiten als in Rugby, dass mir die Möglichkeiten fast unendlich vorkamen.

Wir packten gemeinsam aus, auch wenn Dusty nicht viel in unser neues Zuhause brachte, abgesehen von einer Tasche voll Kleidung und ein paar anderen Kleinigkeiten. Ich brachte Kühlschrank, Bett, Fernseher, Kleiderschrank, Kochtöpfe und Geschirr mit. Es war für ihn das erste Mal, dass er von zu Hause auszog, für mich war es das dritte Mal. Seine Eltern überließen uns ein Sofa, dann kratzten wir unsere Ersparnisse zusammen, um einen Herd zu kaufen. Die Waschmaschine würde noch eine ganze Weile auf sich warten lassen. Im ersten Jahr musste ich alles von Hand in der Badewanne waschen und auswringen, dann sechs Treppen nach unten laufen, um die Sachen im Gemeinschaftsgarten auf die Leine zu hängen. Es war jedes Mal eine strapaziöse Angelegenheit.

Dusty war ein Technikfreak, er kaufte sich einen Amstrad-Computer. Er besaß auch eine Vectrex-Spielekonsole, an der wir noch viele Stunden verbringen sollten. Aber an dem allerersten Nachmittag konzentrierte ich mich darauf, meine Kartons und Taschen auszupacken. Bei dem einen oder anderen Kleidungsstück, das ich herausholte, um es in den Schrank zu hängen, kam Dusty zu mir und nahm es mir aus der Hand.

»Das gefällt mir nicht«, sagte er ein wenig verstimmt. »Das ziehst du nicht an.«

Was ihm missfiel, landete im Mülleimer. Ich nahm es schulterzuckend hin. Wenn es ihn glücklich machte, sollte es mir recht sein. Dann nahm ich mir den nächsten Karton vor; diesmal waren es alte Fotos (eine weitere Form des künstlerischen Ausdrucks, die ich sehr bewunderte): Schnappschüsse von Freundinnen und Verwandten und Ex-Freunden, eine große Auswahl an freundlichen Gesichtern und Tieren.

Er sah sich ein Foto nach dem anderen an und rümpfte missbilligend die Nase. »Das behältst du nicht«, sagte er bei jedem Foto. »Das behältst du nicht, das behältst du nicht.«

Die Fotos wurden zerrissen und landeten ebenfalls im Abfalleimer.

Als nächstes packte ich die Dinge aus, die für mich am wertvollsten waren: Dinge, die mein Vater mir vor seinem Tod geschenkt hatte, als ich noch ein Kind gewesen war. Mein besonderer Liebling war eine Porzellanfigur, die er mir von einer Dienstreise mitgebracht hatte, die ihn nach Schottland geführt hatte, wenn ich mich nicht irre. Es war ein kleines Mädchen mit roter Mähne, das ein bisschen so aussah wie ich.

Auch diese Figur wurde zerschlagen und in den Müll geworfen.

Ich protestierte, aber Dusty fasste mich an den Händen und sah mir tief in die Augen. »Du musst deine Vergangenheit wegwerfen, Mandy«, erklärte er ohne Umschweife. »Es geht jetzt um uns.«

Ich sollte nichts mehr haben, was mich mit meiner Vergangenheit verband.

Und ich tat, was er sagte. Ich dachte, er macht es aus Sorge um mich, er will mich ganz für sich allein haben. Das ist ein Neuanfang, sagte ich mir. Also fang auch neu an.

Er kaufte mir neue Sachen als Ersatz für das, was er weggeworfen hatte. Manchmal gingen wir zusammen einkaufen, dann wieder kaufte er etwas für mich und sagte: »Hier, das ist für dich.« Die Sachen entsprachen nicht meinem Geschmack, aber er war glücklich, wenn ich sie trug. Obwohl ich es früher geliebt hatte, meine Outfits selbst zusammenzustellen, Formen und Farben auszusuchen, die mir am besten standen und die ausdrückten, was ich gerade empfand. Es war ein Hobby, eine Leidenschaft, von der ich mich schleichend verabschiedete. Früher hatte ich sogar meine Kleidung selbst entworfen und geschneidert, und Granny hatte mir dabei geholfen. Einer meiner Träume war es gewesen, eine berühmte Modedesignerin zu werden, doch der Traum war mir entglitten und auf der Müllkippe gelandet, so wie die Porzellanpuppe mit den leuchtend roten Haaren.

Viele meiner Träume und Ziele waren mit der Zeit verblasst und verschwunden.

Nach dem Umzug ging ich abends nicht mehr aus. Ich war in eine neue Stadt gezogen, und keine von meinen Freundinnen wohnte in der Nähe. Also gab es auch niemanden, mit dem ich hätte ausgehen können. Außerdem hatte Dusty mir acht Monate lang dezent zu verstehen gegeben, wer aus meinem Freundeskreis nicht nach seinem Geschmack war, sodass ich ohnehin den Kontakt zu den meisten Bekannten abgebrochen hatte. Als ich aus Rugby wegzog, gab es nicht mehr viele Freunde, von denen ich mich hätte verabschieden können.

Da war zwar immer noch meine Granny, aber Dusty sagte, ich sollte sie nicht mehr besuchen. Was wollte ich denn von ihr, wenn ich doch ihn hatte? Seine Worte beunruhigten mich. Meine Granny war mein Fels in der Brandung, und sie hatte während meiner schwierigen Kindheit dafür gesorgt, dass ich diese Zeit überlebte und bei Verstand blieb. Sie bedeutete mir viel zu viel, als dass ich sie nie hätte wiedersehen wollen. Aber in den ersten Wochen in der neuen Wohnung gab es Wichtigeres als einen Abstecher in die alte Heimat. Also ließ ich seine Worte erst einmal auf sich beruhen. Meine wichtigste Aufgabe war es, einen Job zu finden.

Ich ging von einem Vorstellungsgespräch zum nächsten, ich stapfte bei Eiseskälte durch den Schnee, die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. Ich weiß noch, wie mir bei jedem Termin vor Aufregung übel wurde – richtig übel. Aber auch danach ließ die Übelkeit nicht nach. Und als ich dann erfuhr, dass ich einen Job hatte – Vollzeit als Kellnerin in der Tagesschicht im Crown, einer gleich neben dem Kanal und damit zentral gelegenen, gehobeneren Bar – war mir immer noch richtig übel. Mein Körper fühlte sich so sonderbar an, dass ich beschloss, zum Arzt zu gehen.

Ich weiß noch, wie ich zur Telefonzelle an der Ecke ging, um die Ergebnisse der Untersuchungen zu erfahren, die der Arzt durchgeführt hatte. Schrecklich nervös wählte ich mit zitternden Fingern die Nummer, warf die Münzen ein und wartete, dass jemand abnahm.

Bis heute erinnere ich mich daran, was mir die Arzthelferin am Telefon sagte: »Sie sind schwanger.«

Ich weinte, ich lächelte, ich lachte – ich war einfach überglücklich. Ich nehme an, ich bin nach Hause gehüpft oder geflogen, so glücklich fühlte ich mich. Es war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben. Ich wollte es aller Welt erzählen, ich wollte tanzen, singen. Wie großartig, dass ich meine eigene kleine Familie haben werde, überlegte ich. Eine kostbare kleine Seele, die ich lieben und der ich alles geben kann. Ich konnte es nicht erwarten, Dusty davon zu berichten, wenn er von der Arbeit nach Hause kam.

Immer wieder malte ich mir aus, wie ich es ihm erzählen würde und wie er reagieren würde. Wie er den Mund zu diesem breiten, strahlenden Lächeln verziehen würde, wenn er hörte, dass er bald Dad sein würde. »Wir sind jetzt eine Familie«, würde ich ihm sagen.

Als er dann heimkam, wäre ich fast vor Freude geplatzt, aber ich wartete erst mal ab, bis er auch mit seinen Gedanken zu Hause angekommen war. Manchmal war er bei der Heimkehr schlecht gelaunt, und unbewusst hatte ich damit begonnen, seine Laune einzuschätzen und mein Verhalten daran anzupassen. Erst als ich den Eindruck hatte, dass er bereit war zu reden, teilte ich ihm die Neuigkeit mit. Ich schäumte vor Glück über wie Kohlensäure in einem randvollen Glas Limonade.

Aber seine Reaktion fiel nicht ganz so aus, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Er lächelte nicht. Er sagte nichts. Außer einem leisen »Oh« kam nichts über seine Lippen. Und dann auf einmal war es so, als würde sich zwischen uns eine meterhohe Mauer erheben. Ich fragte mich: Warum freust du dich nicht? Warum freust du dich nicht so, wie ich mich freue? Ein matter Tonfall schlich sich in unsere Unterhaltung ein, der ihr jede Freude entzog. Ich hatte das Gefühl, dass mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Seine Reaktion ließ mich denken: O mein Gott, er nimmt es ganz und gar nicht so auf wie erwartet.

Ich wusste nur eines: Auf gar keinen Fall würde ich irgendetwas tun, um das Baby nicht zu bekommen. Der Gedanke wummerte in meinem Kopf, genau im Takt zum Herzschlag meines neuen Kindes: Ich werde dieses Kind bekommen. Er wird sich schon einkriegen, das ist bloß der Schock.

Nach dieser Neuigkeit blieb Dusty immer öfter von zu Hause weg. »Ich mache Überstunden«, sagte er mir. Oder: »Ich werde zu einem Seminar geschickt.« Ich bekam ihn kaum noch zu sehen. Ich versuchte Verständnis für seine Reaktion aufzubringen, schließlich waren wir beide mit neunzehn noch sehr jung. Und ich wusste ja auch, dass Männer etwas unreifer sind als Frauen. Vielleicht ist er einfach noch nicht bereit, überlegte ich. Vielleicht ist das ja der Grund.

Nach einer Weile schien er sich mit der Vorstellung anzufreunden. Wir erzählten es seinen Eltern, und er machte einen glücklichen Eindruck. »Sie ist schwanger«, berichtete er ihnen und lächelte dabei auf diese Art, die ich so bewunderte. »Sie bekommt unser Baby.« Wir kauften eins von diesen Geräten, mit dem er den Herzschlag in meinem dicker werdenden Bauch hören konnte. Und er spielte Musik, damit das Baby sie in mir hören konnte. Ich liebte das alles sehr. Ich war völlig begeistert, dass in mir ein neues Leben heranwuchs, und ich mochte es, schwanger zu sein. Ich kaufte mir Bücher und Videos, um alles zu lernen, was ich lernen konnte. Ich war fest entschlossen, meinem Kind ein glückliches Leben zu ermöglichen, eine idyllische Kindheit, und für dieses Kind eine fürsorgliche und liebevolle Mum zu sein.

Eines Tages gingen wir zusammen einkaufen, als er plötzlich beschloss, mir einen Ring zu kaufen. Es war ein Verlobungsring mit einem dunkelroten Granat. Er stellte mir keine Frage, sondern er sagte nur: »Wir sind jetzt verlobt.« So sagte er es auch seinen Eltern, die uns eine Glückwunschkarte schickten. Es gab keine Feier, keine Party, keinen Kuchen und auch keine Blumen.

Bis heute weiß ich nicht, was das Ganze eigentlich sollte. Vielleicht tat er es seiner Mum zuliebe. Ich glaube, es machte mich zumindest für eine Weile glücklich, da ich dachte, er würde mich jetzt auch irgendwann heiraten wollen. Das gab mir das Gefühl, gebraucht zu werden. Aber es war nun wirklich nicht der romantische Antrag, von dem ich geträumt hatte. Bis heute weiß ich nicht, ob womöglich seine Eltern vorgeschlagen hatten, dass wir uns verloben sollten. Es war so eigenartig, weil es mir so vorkam, als wollte er es eigentlich gar nicht. Und als wäre es gar nichts Besonderes.

Nun begann Dusty mich schon ein wenig zu beunruhigen. Auch wenn er nach außen hin seine glückliche, charmante Seite zeigte, gab es eine andere Seite, die nur zu Hause zum Vorschein kam. Wenn er überhaupt mal in der Wohnung war – was nur selten vorkam –, ließ er mich das auch allzu deutlich spüren. Er verhörte mich regelrecht, wenn ich von der Arbeit heimkam. Er stellte mir Fragen, die ich einfach nur für dumm hielt.

»Auf welchem Weg bist du heute nach Hause gegangen?«, fragte er mich und wartete mit ernster Miene auf meine Antwort. Anfangs lachte ich und dachte mir: Warum fragt er mich so was?

Doch das Lachen wurde zum Problem. Ich hatte schon immer diese nervöse Angewohnheit, zu lachen oder zu lächeln, wenn ich mich unter Druck gesetzt fühle. Wenn er mich ausquetschte, welchen Heimweg ich genommen hatte, und wenn er sich verhielt wie ein Cop, der einen Mordverdächtigen verhörte, dann konnte ich den einen oder anderen Lacher nicht unterdrücken. Brüllte er mich an, begann ich zu kichern. Es war einfach eine nervöse Reaktion, gegen die ich nichts tun konnte. Ich versuchte, auf seine Fragen zu antworten, aber es schlich sich immer das eine oder andere Glucksen in meine Ausführungen ein, dass ich nicht bändigen konnte.

Er hasste das aus tiefstem Herzen.

»Hör auf zu lachen«, sagte er dann zu mir. »Hör auf damit, sonst scheuere ich dir eine, dass dir dein Grinsen vergeht.«

Bei diesen Worten biss ich mir auf die Lippe und bemühte mich, das nervöse Kichern für mich zu behalten.

Doch mein Mienenspiel ärgerte ihn auch, da ich offenbar unabsichtlich irgendwelche Grimassen schnitt, die ihm nicht gefielen. Wir konnten uns ganz normal unterhalten, und auf einmal fuhr er mich an: »Jetzt machst du schon wieder dieses dämliche Gesicht.« Dann konnte ich mich nur wundern, weil ich gar keine Ahnung hatte, was mein Gesicht überhaupt anstellte.

Alles konnte ihn auf die Palme bringen, und dann lief er aufgebracht in unserer kleinen Wohnung auf und ab. Ich hatte die Angewohnheit, an den Nägeln zu kauen, wenn ich nervös war, und das machte ihn auch wahnsinnig. Sein unterschwellig brodelnder Frust steigerte sich und führte dazu, dass er meine Hände zur Seite und damit weg von meinem Gesicht schlug. Das half bloß nicht, denn je mehr ich mich aufregte, desto mehr kaute ich an meinen Fingernägeln.

Durch die Schwangerschaft war mir den ganzen Tag über heißer als üblich, und mit dem Voranschreiten der Schwangerschaft wurde das immer schlimmer. Ich zog mich ein paar Mal am Tag um, trug mal mehr und mal weniger und versuchte auf diese Weise zu erreichen, dass ich mich halbwegs wohlfühlte.

»Wieso hast du dich umgezogen?«, fragte er mich sofort, während er mich von Kopf bis Fuß musterte und ihm dabei kein Detail entging. »Das hast du heute Morgen nicht getragen.«

Diese Fragen kamen mir wirklich sehr eigenartig vor; dennoch ging ich darauf ein. Aus Männern war ich noch nie schlau geworden, deshalb hatte ich auch keine Ahnung, was in seinem Kopf vor sich ging. Es war einfach verwunderlich, welche Dinge er mich wieder und wieder fragte.

Ich wusste allerdings, dass es ihm nicht gefiel, dass ich arbeiten ging. Das war überdeutlich zu merken. Sobald ich nach Hause kam, fing er an, sich mit mir zu streiten, und er quetschte mich aus: mit wem ich geredet hatte, was passiert war, wohin ich gegangen war, warum ich ein paar Minuten später nach Hause gekommen war als sonst üblich. Warum? Was? Wann? Wie? Wer? Er wollte alles wissen und alles kontrollieren.

Ich machte überhaupt nichts verkehrt, aber diese ständigen Verhöre verwandelten mich in ein nervliches Wrack. Ich ging schon nicht mehr aus, weil ich wusste, es gefiel ihm nicht. Ich hatte auch keine Freunde. Und jetzt machte er mir auch noch klar, dass er es nicht mochte, wenn ich überhaupt mit irgendwem ein Wort redete. Ich musste daheim bleiben, ich sollte niemandem auch nur irgendetwas erzählen. Ich zog mich von allem und jedem zurück, da ich versuchte, mich in seinen Augen zu »benehmen«. Ich konnte nichts tun, was ich wollte. Ich durfte nicht mal zeichnen. Er kontrollierte meine ganze Welt.

Seine Mum brachte mir das Stricken bei, das zu meiner neuen Leidenschaft wurde. Ich strickte wunderschöne farbenfrohe Sachen für unser noch ungeborenes Baby. Es war das einzige Hobby, das er mir gestattete. Aber er hasste das Hobby, wenn er zu Hause war, weil ihn das Klicken der Stricknadeln rasend machte. Also verbrachte ich all meine freie Zeit mit Waschen und Putzen und versuchte, unser Zuhause gemütlich zu machen und gut in Schuss zu halten. Ich strebte danach, die perfekte Ehefrau und künftige Mutter zu sein, damit unsere Beziehung funktionieren würde.

Aber sie wollte einfach nicht funktionieren.

Ganz egal, was ich tat, alles schien ihn aufzuregen. Er lebte in seiner eigenen Welt. Hin und wieder ließ er Zuneigung erkennen, was mich glauben ließ, dass es Hoffnung gab. Aber im Allgemeinen war er einfach nur wütend. Es kam mir so vor, als wäre er ständig auf irgendjemanden wütend, sei es ein Freund oder ein Arbeitskollege oder seine Eltern oder ich … es war so, als könnte er Leute grundsätzlich nicht leiden.

Aber es gab ein paar Leute, die er mochte – die er sogar zu sehr mochte. Es dauerte nicht lange, bis Gerüchte die Runde machten, die von seinen Freunden und Kollegen kamen. Leute, die den Pub besuchten, in dem ich arbeitete, und die erzählten, dass er gar keine Überstunden machte, sondern sich mit anderen Frauen traf. Leute, die mir erzählten, dass sie ihn hier und da gesehen hatten, nur nicht dort, wo er behauptete gewesen zu sein. Ich beschloss, ihn zur Rede zu stellen – was sich als schwerer Fehler erweisen sollte.

Wie konnte ich es wagen, ihn zu fragen? Wer war ich, dass ich Fragen stellen dufte? Ich hatte überhaupt kein Recht, ihn zu fragen, ganz gleich, auf welche Art und Weise ich das auch machte. Ich hatte eine rote Linie überschritten, indem ich ihm Fragen gestellt hatte.

Meine Frage ließ die Wut in ihm hochkochen, bis sie den Siedepunkt erreichte. Und dann wurde er gewalttätig. Er drohte nicht mehr nur mit Schlägen, er schlug wirklich zu. Er schlug auf mich ein, um mich zurechtzuweisen. Er schlug mich, weil ich ein freier Geist mit – wie er es nannte – »Gesinnung« war. Er schlug mich, weil er der Ansicht war, dass ich unter Kontrolle gehalten werden musste. Er würgte mich, weil ich nicht tat, was er mir sagte. Ich versuchte, standhaft zu bleiben, aber er wurde nur umso wütender.

Doch so wie zuvor waren seine Wutausbrüche nur von kurzer Dauer. Auch wenn sie weit über diese erste Ohrfeige in Rugby hinausgingen, traten sie doch nur alle paar Monate auf. Also versuchte ich die Male am Hals zu verdecken, wenn er eine Hand um meine Kehle legte und mich gegen die Wand drückte. Oder wenn er mir ins Gesicht schlug, bis sich meine Wange blau verfärbte. Oder wenn er mich mit Fausthieben an Brust oder Armen oder Beinen traktierte. Ich überdeckte es mit Schminke und band mir einen Schal um den Hals, und dann ging ich zur Arbeit, als wäre nichts passiert. Ich dachte, ich würde damit durchkommen, wenn ich jedes sichtbare Anzeichen verdeckte.

Meine Kollegen im Crown waren dennoch in Sorge um mich. Sie wussten, was vor sich ging. Nicht nur wegen der blauen Flecken, sondern auch, weil Dusty manchmal in die Bar kam, vor Wut kochte und mir eine Szene machte. Irgendwie musste ich diese Zwischenfälle erklären, und letztlich sagte ich ihnen die Wahrheit. Ich sagte, was er getan hatte. Dabei strich ich über meinen Babybauch und sagte: »Ihr könnt gar nichts für mich tun, denn dann wird es nur noch schlimmer.«

Zu dieser Erkenntnis war ich bereits gekommen.

Ich wusste wirklich nicht, was ich sonst noch tun konnte. Ich war schwanger, schwanger von ihm, und es gab niemanden, an den ich mich noch hätte wenden können. Da ich im Lauf dieses einen Jahres den Kontakt zu so vielen Leuten abgebrochen hatte, konnte ich jetzt wohl kaum meine ehemaligen Freunde anrufen und sie um Hilfe bitten. Und nach Hause konnte ich unmöglich zurück. Es kam mir so vor, als wäre alles meiner Kontrolle entglitten, aber ich wusste genau, dass ich mir das selbst eingebrockt hatte. Also war es auch an mir, mich aus diesem Schlamassel wieder zu befreien. Ich sagte mir: Es kommt nur ab und zu vor, dass sein Temperament mit ihm durchgeht und er mir wehtut.Vielleicht wird es anders, wenn das Baby da ist. Vielleicht kommt ja seine sanfte Seite zum Vorschein, wenn das Baby geboren wird.

Auf halber Strecke meiner Schwangerschaft lud Dusty einen Kollegen ein, bei uns zu übernachten, solange er auf der Suche nach einer Wohnung war. Später lernte ich seine Frau Shania kennen, die mir sofort sympathisch war. Sie kam aus London, sie war laut und hübsch. Und sie hatte einen kleinen Jungen, der ungefähr ein Jahr alt war. Er war ein hinreißender kleiner Kerl mit leuchtend grünen Augen, dunklem Teint und einem wallenden Lockenkopf, den er von seiner Mutter hatte. Wir beide verstanden uns auf Anhieb gut; wir redeten über Kinder und Mädelskram. Ich hatte so lange keine Freundin mehr gehabt, dass sie eine wohltuende Abwechslung in meiner Welt darstellte. Ich schätze, er ließ den Umgang mit ihr zu, weil sie die Frau seines Kollegen war.

Aber zu Dusty Missfallen wurde wir gute, enge Freundinnen. Nach einer Weile erzählte sie mir, dass sie von ihrem Mann ebenfalls geschlagen wurde. Dadurch waren wir mit einem Mal mehr als Freundinnen: Wir wurden zu Verbündeten. Ich war unheimlich stolz auf sie, als es ihr gelang, von ihrem Mann wegzukommen und nach London zurückzukehren. Mir fehlte sie, aber wenigstens war sie in Sicherheit. Ein paar Mal kam sie noch zurück, um zu versuchen, ihre Ehe zu retten, aber das führte zu nichts.

Als ich im achten Monat schwanger war, veranstaltete ihr Mann eine Party, während sie »weg« war. Dusty und ich waren beide eingeladen, aber mir untersagte er hinzugehen. Dusty wollte allein zu der Party gehen.

Am Abend der Party jedoch kam Dustys Mum vorbei und sagte, ich sollte auch hingehen. Sie überredete mich dazu, ein schönes grünes Kleid anzuziehen, das meinen dicken Bauch umschmeichelte, und sie ermunterte mich dazu, einen schönen Abend zu verbringen, mal aus dem Haus zu kommen und Spaß zu haben … und Dusty zu überraschen. Sie sagte, dass ich blühend und wunderschön aussah, und dann setzte sie mich auch noch vor dem Haus ab. Ich war nervös und auch ein wenig ängstlich; trotzdem ging ich zur Tür und klingelte.

Als jemand die Tür aufmachte und mich hereinließ, wusste ich, dass ich nicht hätte herkommen sollen. Shanias Mann kam zu mir und begrüßte mich, während ich mit Entsetzen feststellen musste, dass er mit schwarzer Farbe breite Streifen über die hübsche Tapete gemalt hatte, die Shania ausgesucht hatte. Überall war nur Schwarz zu sehen. Ich empfand das als sehr verstörend, und ich fühlte mich äußerst unbehaglich. Mit Mühe bahnte ich mir meinen Weg zwischen den Massen von Partygästen hindurch und hielt nach Dusty Ausschau, obwohl ich eigentlich nur zurück nach Hause wollte. Niemand sah mir in die Augen, was mir deutlich machte, dass ich mich dort gar nicht hätte aufhalten sollen.

Was dann geschah, lief so schnell ab, dass ich es wie in Trance wahrnahm. Auf einmal stand ich am Fuß der Treppe und sah ein knutschendes Pärchen. Ich setzte zu einer gestammelten Entschuldigung an, weil ich sie gestört hatte … bis ich begriff, dass das Dusty war, der eine fremde Frau in den Armen hielt. Mir stockte der Atem. Was macht er da? Zwar waren mir die Gerüchte zu Ohren gekommen, doch es war etwas ganz anderes, wenn man es mit eigenen Augen sah. Das da war der Vater meines Kindes. Das sollte mein Verlobter sein. Das sollte mein zukünftiger Ehemann sein, in guten wie in schlechten Zeiten.

Als ich ihn an dem Abend auf dieser Treppe sah, ging ein neuer Riss durch mein Herz. Ich fühlte mich so verletzt, so verloren, so verraten.

Kaum hatte er gesehen, dass ich es war, sprang er auf und begann mich anzuschreien: »Warum bist du hier?«

Immerhin hatte er es mir verboten, also hatte ich da nichts verloren. Ich hatte mich über sein Verbot hinweggesetzt, und das war für ihn unfassbarer als alles andere.

Ich konnte nichts erwidern, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Welt um mich herum in sich zusammenbrach.

Er ging zum Angriff über. »Was machst du hier? Du bist schwanger! Du solltest zu Hause sein!«

Ich dachte nur: Ich bekomme von dir ein Kind – was machst du hier?

Er sagte, es sei nicht das, wofür ich es hielt, aber für mich war offensichtlich, was hier vor sich ging.

Sein verbales Sperrfeuer hielt an: »Du solltest nicht hier sein. Ich habe dir gesagt, du sollst nicht hier sein. Du machst dich jetzt sofort auf den Heimweg, du Schlampe.«

»Schlampe« war keine neue Beleidigung, sondern schon längst eine seiner liebsten Beschimpfungen für mich, mit der er mich runtermachen konnte. Ich hatte mich nahezu an den Stich gewöhnt, den er mir mit diesem Wort versetzte, doch es war sehr demütigend, vor anderen Leuten so tituliert zu werden. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Mich bezeichnest du immer als Schlampe – dabei ist es doch das, was du eigentlich bist, wenn ich sehe, was du machst, während ich von dir schwanger bin …

Ich wollte nur raus aus diesem Haus und weglaufen. Irgendwie gelang es mir auch. Wie ich es an dem Abend zurück nach Hause schaffte, das weiß ich nicht mehr, aber ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich dachte: Das ist nicht richtig. In dieser Beziehung läuft irgendetwas sehr verkehrt.

Anderen Leuten wäre dieser Gedanke schon viel früher gekommen, das ist mir klar. Aber ich war wie geblendet und mit seinem Zauber belegt. Ich hatte mich so sehr angestrengt, diese Beziehung ans Laufen zu bekommen – für mich, für mein ungeborenes Kind, für uns –, doch alles um mich herum zerbrach und zerfiel in nutzlose Trümmerstücke aus zerschlagenen, hoffnungslosen Träumen. Es kam mir vor, als würde meine Zukunft zu Staub zerfallen und zwischen meinen Fingern hindurchrieseln.

Es war so, als wäre der Bann des Zaubers gebrochen worden.

Kurz nach der Party hörte ich auf, im Crown zu arbeiten und zählte nur noch die Tage, bis die Wehen einsetzen würden. Eines Abends entdeckte ich Dusty vor einem Burger King, wo er gerade mit einer jungen Frau in einen Bus einsteigen wollte. Die beiden hielten Händchen – bis er mich entdeckte. Dann versuchte er, mir diese Frau als eine Kollegin zu verkaufen. Ich war an diesem Abend mit Shania zusammen unterwegs, um noch letzte Besorgungen zu erledigen, bevor das Baby zur Welt kam. Sie brüllte Dusty unerschrocken an, weil sie seine Lügen auf Anhieb durchschaut hatte. Er war auf frischer Tat ertappt worden, und das machte ihm auch sichtlich zu schaffen, dennoch drehte er den Spieß sehr schnell wieder um und wollte von mir wissen, warum ich so spät noch draußen noch unterwegs war, wenn ich doch schwanger war. Es war erst sieben Uhr am Abend, aber seinen komischen »Regeln« zufolge war es bereits »spät«. Normalerweise hätte er sich darauf verlassen können, dass ich daheim war. Aber wir hatten den Bus verpasst, den wir hatten nehmen wollen.

Erst reagierte er schockiert, doch dann wurde er wütend auf mich. Die ganze Sache rückte mich nach und nach in den Mittelpunkt, denn ich war ja diejenige, die irgendetwas verkehrt gemacht hatte.

Danach durfte ich Shania nicht wiedersehen, allein schon aus dem Grund, weil sie ihn in aller Öffentlichkeit bloßgestellt hatte.

Am nächsten, am übernächsten und am überübernächsten Tag gab es für mich nur noch einen Gedanken: Was würde sein, wenn das Baby erst mal da war?

3

Was die Geburt eines Kindes angeht, so gibt es kein anderes Gefühl auf der Welt, das es damit aufnehmen kann. Es ist ein Wunder, es ist überwältigend. Am Sonntag, dem 10. November 1985, hieß ich meinen Sohn auf dieser Welt willkommen.

Neun Monate lang war er in mir herangewachsen, war er ein Teil von mir gewesen. Und selbst nachdem ein Baby zur Welt gekommen ist, ist es immer noch ein Teil von einem selbst. Es bleibt mit einem verbunden, auch nachdem die Nabelschnur durchtrennt worden ist. Man spürt den Schmerz und das Glück dieses Babys, man spürt, wann es sich freut und wann es Angst hat. Diese Verbindung besteht von dem Moment an, in dem man weiß, dass man schwanger ist, und danach wird sie niemals auch nur ein bisschen schwächer.

Mein neugeborener Sohn sah mich an, als er in meinen Armen lag, während ich im Krankenbett saß. Er war so wunderschön: große braune Augen, dunkle Haarbüschel, honigfarbene Haut. Ich weiß noch, wie ich seine Finger und Zehen durchzählte, um mich zu vergewissern, dass er vollständig war. Und das war er. Er war perfekt, seine gesamten 2500 Gramm waren perfekt. Er duftete so süß, seine Haut war so zart. Wie kostbar er doch war, so winzig und so zerbrechlich. Er war ein sehr wachsames Baby, seine leuchtenden Augen schienen sich sofort auf meine zu richten. Die Liebe, die ich für ihn empfand, erfüllte mich vom ersten Augenblick an und war ganz überwältigend. So hatte ich noch nie empfunden. Mein Onkel schenkte mir einen gut vierzig Zentimeter großen Plüsch-E.T. für meinen Jungen, der neben der Figur noch viel winziger wirkte. Es dauerte nicht lange, da begann er E.T. einzuholen, und ich nutzte das, um die Entwicklung meines Jungen im Bild festzuhalten, indem ich ihn immer gemeinsam mit E.T. fotografierte. Es war erstaunlich, wie schnell er größer wurde.

Einen Monat lang nannte ich ihn nur Booboo, während wir uns einen Namen überlegten. Dusty und ich entschieden uns gemeinsam für Daniel. Der Name gefiel mir. Es war der Name eines Kämpfers, eines Überlebenskünstlers. Es war die Art Name, die er auf dieser Welt benötigte, in die ich ihn gebracht hatte.

Dusty war ein stolzer Dad. Er stellte Daniels Kinderbett am Fußende unseres Betts auf, wo es in unserem winzigen Schlafzimmer gerade noch Platz hatte. Er genoss die Drinks nach der Geburt, wenn er mit seinen Kumpels zusammen war und sie ihm mit ihrem Macho-Schulterklopfen zur Geburt seines »Stammhalters« gratulierten. Ich glaube, ihm gefiel auch die Tatsache, dass es nun einen Grund gab, wieso ich Tag für Tag und rund um die Uhr zu Hause bleiben musste. Schließlich änderte sich an seine Regeln und an den Verhören nichts, beides ging ohne Unterbrechung weiter. Nur dass der stählerne Griff, in dem er meine Welt hielt, noch etwas fester wurde, womit er meinen Horizont noch etwas mehr einengte als vor der Geburt.

Für ihn selbst galt natürlich keine einzige Regel. Er ging regelmäßig weg. Wohin, das wusste ich nicht. Wenn er sagte, dass er zu einem Seminar musste, stimmte das überhaupt? Oder war er bei einer anderen Frau? Seine Eltern sprachen mich kurz nach Dans Geburt einmal darauf an. Vielleicht hatten sie ihn mit einer anderen gesehen, aber ich wusste nicht, was der wahre Auslöser für ihre Einmischung war. Auf jeden Fall kamen sie zu uns und redeten mit ihm, doch dieser Schuss ging nach hinten los und machte alles nur noch schlimmer – so wie jeder Versuch, zu meinen Gunsten aktiv zu werden. Dusty drückte sein Gesicht gegen meins und zischte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Du gehörst mir. Du gehst nirgendwo hin. Und du nimmst Daniel nicht mit. Du bleibst hier, du gehst nicht weg.«

Der Stress einer frischgebackenen Mum brachte mich an den Rand der Erschöpfung. Ich war einsam und verängstigt, weshalb ich dringend jemanden brauchte, der mir helfen und mir sagen konnte, was ich zu tun hatte. Aber es gab niemanden, mit dem ich hätte reden können und von dem ich wusste, dass er auf meiner Seite war – ausgenommen meine Granny.

Meine Granny war ein Engel auf Erden. Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder jemanden kennengelernt, der so war wie sie. Sie besaß eine wundervolle Seele, die in einem winzigen, nicht mal eins dreißig großen Körper steckte.

Sie hatte zuvor schon eine Wirbelsäulenverkrümmung gehabt, die durch einen Unfall nur noch schlimmer wurde.

Sie hatte schütteres Haar und weise dreinschauende Augen, die mich in die wahre Tiefe ihrer Seele blicken ließen. Sie war mein Fels in der Brandung. Dusty wusste aus unseren langen Unterhaltungen gleich nach unserem Kennenlernen ganz genau, was sie mir bedeutete. Daher verbot er mir, sie zu sehen, um mich auf diese Weise zu bestrafen.

Er wies mich auch an, dass ich unsere Wohnung nicht zu verlassen hatte. Ich hatte meinen Job im Crown aufgegeben, um mich um Daniel zu kümmern, deshalb gab es aus seiner Sicht für mich keine Veranlassung mehr, die Wohnung zu verlassen, die längst zu meinem Gefängnis geworden war.

Ich wusste nur zu gut, was mich erwartete, wenn ich ihm nicht gehorchte. Aber so sehr ich mich davor auch fürchtete, beschloss ich, dass ein Besuch bei meiner Granny das Risiko wert war. Außerdem, so sagte ich mir, tat ich ja eigentlich gar nichts Verkehrtes: Ich wollte nur meine Großmutter besuchen. Und ich wollte ihr ihren Urenkel präsentieren, auf den ich so stolz war. Die Stunden, die ich damit verbrachte, Daniel in den Armen zu halten, waren die bis dahin glücklichsten Momente in meinem ganzen Leben gewesen. Ich konnte mich regelrecht in dem Wunder seiner vollkommenen Schönheit verlieren. Ich vergaß die Zeit, wenn ich mich meiner überwältigenden und bedingungslosen Liebe zu ihm hingab.

Als Daniel gerade etwas mehr als einen Monat alt war, verschwand Dusty wieder einmal für längere Zeit. Ich dachte, er würde mindestens genauso lange wegbleiben wie sonst auch, also nutzte ich die Gelegenheit. Ich griff nach dem Telefonhörer und rief Granny an, was an sich schon riskant war, da Daniel die Nummern aller ein- und abgehenden Telefonate registrieren ließ. Sie war überrascht, von mir zu hören, aber auch sehr erleichtert. Wie sie sagte, war sie in Sorge um mich gewesen, da sie seit Monaten keine Ahnung hatte, wo sie mich finden konnte. Es war ihr vorgekommen, als wäre ich vom Erdboden verschluckt.

Wir verabredeten, dass ich sie an diesem Tag in ihrem Haus in Rugby besuchen würde. Ich packte Dan in die Umhängetasche, die ich mir dann vor die Brust schnallte, und schlich mich aus der Wohnung. Nervös sah ich nach links und rechts, dann zog ich die Tür hinter mir zu und machte mich auf den Weg nach unten, immer in Sorge, dass mich jemand sah und Dusty Bericht erstattete. Bei den Nachbarn trat er stets so charmant auf, dass sie ihm förmlich aus der Hand fraßen.

Niemand versuchte mich aufzuhalten. Mit meinem Sohn stieg ich in den Zug nach Rugby und verspürte dabei ein unglaubliches Gefühl von Freiheit, als ich aus dem Fenster schaute und die Landschaft vorbeiziehen sah. Granny lebte in einer kleinen Wohnung im Erdgeschoss. Ich erinnere mich noch genau, wie ich den Weg hinaufging, ich erinnere mich an die unglaubliche Umarmung, mit der sie mich empfing, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. Sie weinte, als sie Daniel in den Armen hielt. Ich machte Fotos … ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, Fotos zu machen. Ich sollte gar nicht zu ihr fahren, und dann hielt ich das auch noch auf Bildern fest.

Granny und ich redeten Stunde um Stunde. Und dann brach alles aus mir heraus. Ich heulte, als ich ihr davon erzählte, was Dusty mir angetan hatte und was für ein Mensch er wirklich war. Sie legte die Arme wie eine weiche Decke um mich und drückte mich an sich. Jede meiner Tränen schien ihr einen Stich zu versetzen. Zuvor hatte ich nichts gesagt, weil sie nichts daran hätte ändern können, doch jetzt war ich verzweifelt.

Ich saß neben ihr, heiße Tränen liefen mir in Strömen über die Wangen. »Ich habe mir da etwas ganz Übles eingebrockt«, gestand ich ihr und konnte spüren, wie allein durch dieses Geständnis die Last ein wenig leichter wurde, die mich zu erdrücken drohte. Das machte mir Mut, und ich holte tief Luft, um die Wahrheit auszusprechen, die ich bislang noch nie ausgesprochen hatte. »Ich muss von ihm weg.«