Verlag: Heyne Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Die Jury - John Grisham

Gerechtigkeit oder Rache?Ein zehnjähriges Mädchen wird brutal misshandelt und vergewaltigt. Ihr Vater, Carl Lee Hailey, übt Selbstjustiz und tötet die geständigen Täter, als sie nach einer ersten Anhörung den Gerichtssaal verlassen. Mord oder Hinrichtung? Gerechtigkeit oder Rache? Das Verfahren gegen Hailey gerät zum Sensationsprozess. Staatsanwalt und Richter sind Weiße, Hailey ist ein Schwarzer.

Meinungen über das E-Book Die Jury - John Grisham

E-Book-Leseprobe Die Jury - John Grisham

Das Buch

»Die Emotionen und Ängste, die bei einem Mordprozeß hochkommen, einzufangen«, war John Grishams Absicht bei der Niederschrift seines Romans – so der Autor in einem Interview. Und: »Ich schreibe über ein Gebiet, das ich kenne.« Im Blickpunkt des Romans steht der sensationelle Prozeß um einen Vater – einen Schwarzen –, der die brutalen Vergewaltiger seiner Tochter – zwei Weiße – hinrichtet. Aber der Leser erlebt diesen Mordprozeß nicht aus der Perspektive des Gerichtssaals. John Grisham führt ihn hinter die Kulissen und deckt die inneren und äußeren Verflechtungen auf, die den Prozeßverlauf in entscheidender Weise bestimmen. Da stehen sich die persönlichen Interessen von Richter, Staatsanwalt und Verteidiger entgegen. Die Machenschaften der Presse spielen eine Rolle, und nicht zuletzt der Rassenkonflikt. John Grisham durchleuchtet die skandalösen Methoden einer Rechtspraxis, die mit dem geschriebenen Recht nur wenig zu tun hat, mit schonungslosem Realismus.

Inhaltsverzeichnis

Das BuchWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Kapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Werkverzeichnis der im Heyne Verlag erschienenen Titel von John GrishamDer AutorDie RomaneCopyright

Für Renée:

Eine ungewöhnlich schöne Frau. Ein zuverlässiger Freund. Ein mitfühlender Kritiker. Eine hingebungsvolle Mutter.

Die ideale Ehefrau.

1

Billy Ray Cobb war der jüngere der beiden Rednecks1. Als Dreiundzwanzigjähriger hatte er bereits drei Jahre im Staatsgefängnis bei Parchman verbracht – Besitz von Rauschgift mit der Absicht, es zu verkaufen. Die sechsunddreißig Monate in der Strafanstalt stellten den hageren, zähen Billy Ray auf eine harte Probe, aber er überlebte, indem er ständig Stoff vorrätig hielt: Er tauschte ihn gegen andere Dinge ein und schenkte ihn gelegentlich den Schwarzen oder bestimmten Wärtern, um ihren Schutz zu genießen. Nach seiner Entlassung stieg er wieder ins Drogengeschäft ein und verdiente so gut, daß er jetzt, etwa ein Jahr später, zu den wohlhabenderen Rednecks in der Ford County zählte. Er war Geschäftsmann mit Angestellten, Terminen und so weiter; allerdings zahlte er keine Steuern. Der Ford-Händler drüben in Clanton kannte ihn seit langer Zeit als einzigen Kunden, der bar bezahlte. Sechzehntausend Dollar für einen Pickup-Kleinlieferwagen, Spezialanfertigung, Allradantrieb, kanariengelb, Luxusausstattung. Die verchromten Felgen und breiten Rennreifen entstammten einem Deal; die Konföderiertenfahne am Rückspiegel hatte Cobb während eines Ole-Miss-Footballspiels einem betrunkenen Studenten gestohlen. Der Pickup stellte seinen kostbarsten Besitz dar. Er saß nun auf der Ladeklappe, mit einem Joint zwischen den Lippen, trank ein Bier und beobachtete, wie sich sein Freund Willard das schwarze Mädchen vorknöpfte.

Willard war vier Jahre älter und ein Dutzend Jahre langsamer. Er galt im großen und ganzen als harmloser Kerl, der nie in ernste Schwierigkeiten geriet und nie längere Zeit im Knast saß – nur dann und wann eine Nacht in der Ausnüchterungszelle, nichts Besonderes. Wenn man ihn nach seinem Beruf fragte, bezeichnete er sich als Holzarbeiter, doch der schmerzende Rücken hielt ihn vom Wald fern. Er verdankte den Bandscheibenschaden der Arbeit auf einer Bohrinsel irgendwo im Golf. Die Ölgesellschaft hatte ihm damals eine großzügige Abfindung gegeben, die jedoch in die Binsen ging, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Derzeit arbeitete er für Cobb – Billy Ray zahlte zwar nicht viel, aber er hatte immer Dope. Zum erstenmal seit Jahren konnte sich Willard jederzeit Nachschub beschaffen. Und er brauchte eine Menge, seit er an den Rükkenschmerzen litt.

Das Mädchen war zehn und klein für sein Alter. Es lag auf den Ellenbogen aufgestützt, die Arme mit einem gelben Nylonstrick gefesselt. Die Beine waren auf groteske Weise gespreizt: der rechte Fuß an den Stamm einer kleinen Eiche gebunden, der linke an den schiefen Pfosten eines alten, vernachlässigten Zauns. Das Seil schnitt der Schwarzen in die Haut, und Blut tropfte aus den Wunden. Das eine verquollene Auge im blutigen Gesicht blieb geschlossen, und das andere konnte sie nur halb öffnen, um den zweiten Weißen auf der Ladeklappe des Wagens zu erkennen. Sie blickte nicht zu dem Mann über ihr. Er keuchte, schwitzte und fluchte. Er tat ihr weh.

Als er fertig war, schlug er sie und lachte, und der zweite Mann lachte ebenfalls. Dann grölten sie zusammen, rollten wie zwei Verrückte durchs Gras und lachten noch lauter. Das Mädchen drehte den Kopf zur Seite, schluchzte und versuchte, leise zu sein. Es fürchtete, erneut geschlagen zu werden, wenn es laut weinte. Die Männer hatten der Schwarzen gedroht, sie umzubringen, wenn sie nicht still wäre.

Schließlich verstummte das irre Gelächter. Die beiden Männer setzten sich auf die Ladeklappe, und Willard reinigte sich mit dem blutbesudelten, schweißfeuchten T-Shirt der Negerin. Cobb reichte ihm ein kaltes Bier aus dem Kühlfach und sprach über die Hitze. Sie beobachteten die Kleine, während sie zitterte und stumm Tränen vergoß. Nach einer Weile rührte sie sich nicht mehr. Cobbs Bier war erst halb leer, aber nicht mehr kalt. Er warf es nach dem Mädchen und traf den Bauch; weißer Schaum spritzte, und die Dose rollte über den Boden zu einigen anderen, die ebenfalls aus dem Kühlfach des Wagens stammten. Zwei Sechserpacks hatten sich neben der Schwarzen angesammelt. Willard fiel es schwer, das Ziel zu treffen, aber Cobb verfehlte es nie. Normalerweise verschwendeten sie kein Bier, doch je schwerer die Dosen waren, desto besser konnte man damit werfen. Außerdem gefiel es ihnen zu sehen, wie der Schaum nach allen Seiten spritzte.

Warmes Bier vermischte sich mit dem Blut, strömte über das angeschwollene Gesicht des Mädchens und bildete eine Lache unter seinem Kopf. Es lag nun völlig reglos.

Willard fragte Cobb, ob er die Kleine für tot hielte. Billy Ray öffnete eine weitere Dose und meinte, sie sei bestimmt noch am Leben. Ohrfeigen, Fausthiebe, Tritte und Vergewaltigung reichten nicht aus, um einen Nigger ins Jenseits zu schicken – nein, dazu brauchte man ein Messer, eine Pistole oder ein Seil. Zwar hatte Cobb noch keinen verdammten Nigger getötet, aber er kannte sie aus dem Gefängnis. Dort brachten sie sich dauernd gegenseitig um, und immer benutzten sie Waffen. Wer nur geschlagen und vergewaltigt wurde, starb nicht. Einige der Weißen, die so etwas über sich ergehen lassen mußten, kratzten früher oder später ab, aber die Schwarzen erholten sich davon. Weil sie härtere Schädel hatten. Willard hörte sich diese Erklärung an und nickte zufrieden.

Dann fragte er, was sie jetzt mit dem Mädchen anfangen sollten. Cobb nahm einen Zug von seinem Joint, trank aus seiner Dose und meinte, er sei noch nicht mit der Schwarzen fertig. Er wandte sich vom Wagen ab, torkelte über die Lichtung und näherte sich der Festgebundenen. Dicht vor ihr verharrte er, verfluchte sie mehrmals, goß ihr kaltes Bier ins Gesicht und lachte wie ein Wahnsinniger.

Sie sah, wie er an dem Baum auf der rechten Seite vorbeiwankte und ihr zwischen die Beine starrte. Als er die Hose sinken ließ, drehte sie den Kopf nach links und schloß die Augen. Neue Schmerzen standen ihr bevor.

Sie blickte durch die Bäume und bemerkte etwas, einen Mann, der durchs Gebüsch lief. Ihr Vater. Er schrie und rannte, um ihr zu helfen, um sie zu retten. Sie rief seinen Namen, doch plötzlich verschwand er. Irgendwann schlief sie ein.

Als sie erwachte, lag einer der beiden Männer unter der Ladeklappe des Wagens und der andere neben einem Baum. Sie schnarchten leise. Die Arme und Beine des Mädchens waren taub. Blut, Bier und Urin hatten den Boden unter ihr in eine schlammige, klebrige Masse verwandelt, die an dem zarten Körper des Kindes festhaftete und rissig wurde, wenn es sich bewegte. Die Schwarze dachte nur daran, zu fliehen und zu entkommen, aber selbst wenn sie ihre ganze Kraft sammelte: Sie konnte nur einige Zentimeter weit nach rechts rutschen. Die Füße waren so hoch festgebunden, daß ihr Gesäß kaum den Boden berührte. Außerdem hatte sie kein Gefühl mehr in Armen und Beinen.

Sie sah zum Wald und hielt nach ihrem Vater Ausschau, rief lautlos seinen Namen. Eine Zeitlang wartete sie, und schließlich schlief sie wieder ein.

Als sie zum zweiten Mal erwachte, wankten ihre Peiniger über die Lichtung. Der größere Mann kam mit einem Messer, griff nach dem linken Fuß und zerschnitt das Seil. Als er auch die Fessel am rechten Bein löste, rollte sie sich zusammen und kehrte ihm den Rücken zu.

Cobb griff nach einem langen Strick, warf ihn über einen Ast und knüpfte eine Schlinge, die er der Kleinen über den Kopf streifte. Er nahm das andere Ende und kehrte damit zum Pickup zurück. Willard hockte dort, rauchte einen Joint und grinste. Billy Ray straffte die Leine und zog daran; der wehrlose, nackte Körper glitt über den Boden und blieb direkt unter dem Ast liegen. Das Mädchen schnappte nach Luft und hustete. Cobb lockerte das Seil ein wenig und gönnte dem Opfer noch einige Minuten. Dann band er den Strick an der Stoßstange fest und öffnete eine Dose Bier.

Die Männer saßen auf der Ladeklappe, tranken, rauchten und starrten zu der Schwarzen hinüber. So hatten sie den größten Teil des Tages am See verbracht. Cobb kannte dort jemanden, der ein Boot besaß und ihnen einige Frauen vorstellte, die leicht zu haben sein sollten, jedoch nur die kalte Schulter zeigten. Billy Ray verteilte großzügig Stoff und Bier, aber die Miezen lehnten es ab, sich dafür zu bedanken. Enttäuscht verließen sie den See und fuhren einfach nur durch die Gegend – bis sie das Mädchen sahen. Mit einer Einkaufstüte wanderte es am Kiesweg entlang; Willard warf eine Bierdose und traf es am Hinterkopf.

»Willst du’s erledigen?« fragte Willard. Seine Augen waren gerötet und trüb.

Cobb zögerte. »Nein, ich überlasse es dir. Du hattest die Idee.«

Willard schob sich den Joint zwischen die Lippen, inhalierte tief und spuckte. »Nein, das stimmt nicht. Du bist der Fachmann, wenn’s um das Töten von Niggern geht. Diese Sache fällt in deinen Zuständigkeitsbereich.«

Billy Ray band das Seil von der Stoßstange los und straffte es. Der Strick schabte Borke vom Ulmenast, und einige Rindenstücke fielen auf das Mädchen hinab, das die Männer nun aufmerksam beobachtete. Es hustete.

Plötzlich hörte es etwas – einen Wagen mit defektem Auspuff. Die beiden Weißen drehten sich um, blickten zum fernen Highway und sprangen auf. Einer von ihnen schlug die Heckklappe zu, und der andere hastete über die Lichtung. Er stolperte und stürzte neben dem Mädchen ins Gras. Die Männer beschimpften sich gegenseitig, als sie die Schwarze packten, ihr die Schlinge abnahmen und sie auf die Ladefläche des Pickup warfen. Cobb schlug sie und befahl ihr, ganz still zu liegen und keinen Ton von sich zu geben. Er versprach ihr, sie nach Hause zu fahren, wenn sie gehorchte; andernfalls würde er sie umbringen. Einige Sekunden später stiegen die Männer ein. Der Motor brummte, Räder drehten durch. Nach Hause, dachte die Vergewaltigte und verlor das Bewußtsein.

Der Wagen mit dem defekten Auspuff stellte sich als ein Firebird heraus. Cobb und sein Freund winkten, als sie ihm auf der schmalen Straße begegneten. Willard warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, ob das Mädchen auf der Ladefläche ruhig liegenblieb. Kurz darauf bog Cobb auf den Highway ein und beschleunigte.

»Was nun?« fragte Willard nervös.

»Keine Ahnung«, erwiderte Cobb ebenso beunruhigt. »Wir müssen die Kleine irgendwie loswerden, bevor sie meine ganze Mühle versaut. Sieh nur, wie sie blutet.«

Willard überlegte eine Minute lang und trank. »Wir werfen sie von einer Brücke«, verkündete er stolz.

»Gute Idee. Verdammt gute Idee.« Cobb trat auf die Bremse. »Gib mir ’n Bier.« Sein Kumpel stieg aus und holte zwei Dosen von hinten.

»Ihr Blut klebt sogar auf dem Kühlfach«, sagte er, als sie die Fahrt fortsetzten.

Gwen Hailey ahnte Schreckliches. Normalerweise hätte sie einen der Jungen zum Laden geschickt, aber die mußten im Garten Unkraut jäten – eine väterliche Strafe. Tonya war schon einmal allein losgegangen, um in dem nur anderthalb Kilometer entfernten Geschäft einzukaufen, und sie hatte sich dabei als zuverlässig erwiesen. Doch nach zwei Stunden beauftragte Gwen die Jungen, nach ihrer Schwester Ausschau zu halten. Die Brüder vermuteten, daß sich Tonya bei den Pounders befand und dort mit den vielen Kindern spielte. Oder vielleicht hatte sie beschlossen, ihre beste Freundin Bessie Pierson zu besuchen.

Der Ladenbesitzer Mr. Bates meinte, das Mädchen sei vor einer Stunde bei ihm gewesen. Einer der drei Jungen, Jarvis, fand eine Einkaufstüte neben der Straße.

Gwen rief die Papierfabrik an und verständigte ihren Mann. Dann brach sie mit Carl Lee jr. auf und fuhr über die Kieswege in der Nähe des Geschäfts. Sie machten einen Abstecher zur alten Barackensiedlung unweit der Graham-Plantage, um bei einer Tante nachzufragen. Sie hielten am Broadway-Laden, fast zwei Kilometer von Bates’ Lebensmittelgeschäft entfernt, und einige alte Schwarze sagten ihnen, sie hätten das Mädchen nicht gesehen. Gwen und ihr Sohn folgten auch dem Verlauf der vielen anderen Straßen, doch von Tonya fehlte jede Spur.

Cobb suchte vergeblich nach einer Brücke, auf der keine Nigger mit Angelruten saßen. An jeder Brücke, der er sich näherte, hockten vier oder fünf Neger mit großen Strohhüten, und am Ufer saßen weitere Schwarze auf Eimern. Sie bewegten sich nur, wenn sie Fliegen oder Moskitos verscheuchten.

Beginnende Panik prickelte in Billy Ray. Willard war eingeschlafen und keine Hilfe mehr; er mußte das Mädchen allein verschwinden lassen, um zu verhindern, daß es etwas ausplauderte. Sein Kumpel schnarchte und grunzte leise, während Cobb den Pickup über verschiedene Straßen steuerte, auf der Suche nach einer Brücke oder einem Steg, wo er die Kleine ins Wasser werfen konnte, ohne daß ihn Nigger mit Strohhüten beobachteten. Er blickte in den Rückspiegel und sah, daß sie aufzustehen versuchte. Sofort bremste Billy Ray, und das Mädchen prallte an die vorderen Seite der Ladefläche, dicht unter dem Fenster. Willard stieß ans Armaturenbrett, sank vor den Beifahrersitz und schlief weiter. Cobb verfluchte ihn ebenso wie die Schwarze.

Der Lake Chatulla stellte kaum mehr dar als ein großes, seichtes, von Menschen geschaffenes Schlammloch mit einem anderthalb Kilometer langen, grasbewachsenen Damm am einen Ende. Er erstreckte sich in der südwestlichen Ecke der Ford County, und einige Morgen reichten bis in die Van Buren County. Im Frühling konnte er sich rühmen, die größte Wasserfläche im Staat Mississippi zu sein, aber im Sommer regnete es nicht mehr, und dann führte die Hitze dazu, daß der See langsam austrocknete. Die bis dahin hübschen Ufer strebten einander dann entgegen und säumten ein tiefes, rotbraunes Becken, in das sich zahlreiche Rinnsale, Bäche und auch einige kleine Flüsse ergossen. Letztere sorgten dafür, daß im Lauf der Zeit Dutzende von Brücken entstanden.

Der gelbe Pickup raste nun über eine davon, und Cobb hielt mit wachsender Verzweiflung nach einem geeigneten Ort Ausschau, um den unerwünschten Passagier loszuwerden. Er erinnerte sich an eine kleine Holzbrücke am Foggy Creek, doch als ihn nur noch hundert Meter davon trennten, sah er mehrere Nigger mit Strohhüten. Billy Ray bog ab, fuhr über einen noch schmaleren Weg und hielt schließlich an. Rasch stieg er aus, zerrte die Schwarze von der Ladefläche und warf sie in den Graben.

Carl Lee Hailey kam nicht sofort nach Hause. Gwen geriet leicht außer sich und hatte schon öfter in der Fabrik angerufen, weil sie fürchtete, die Kinder seien entführt worden. Er arbeitete bis zum Feierabend, stempelte seine Karte und fuhr diesmal in nur dreißig Minuten nach Hause, fünf Minuten schneller als sonst. Seine Gelassenheit wich aber jäher Besorgnis, als er vor dem Haus einen geparkten Streifenwagen sah. Verschiedene Autos, die meisten von Gwens Verwandten, standen an der langen Zufahrt. Eines davon erschien Hailey nicht vertraut: Angelruten ragten aus dem Seitenfenster, und am Rückfenster lagen sechs oder sieben Strohhüte.

Wo waren Tonya und die Jungen?

Als Carl Lee die vordere Tür öffnete, hörte er Gwens Schluchzen. Rechts im kleinen Wohnzimmer drängten sich mehrere Personen vor einer zierlichen Gestalt, die auf der Couch lag. Feuchte Handtücher bedeckten den Leib des Kindes. Einige Frauen weinten, verstummten jedoch und wichen beiseite, als Hailey näher kam. Nur Gwen blieb bei dem Mädchen, und strich ihm sanft übers Haar. Er kniete vor dem Sofa nieder, berührte die Schulter seiner Tochter, sprach leise und rang sich ein Lächeln ab. Beide Augen waren zugeschwollen, das Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Tränen rannen ihm über die Wangen, als er auf den kleinen, von Handtüchern umhüllten Körper starrte, der von Kopf bis Fuß blutig schien.

Carl Lee fragte Gwen, was geschehen wäre. Sie bebte am ganzen Leib und begann zu wimmern; ihr Bruder führte sie in die Küche. Hailey stand auf, wandte sich den anderen zu und wiederholte seine Frage.

Stille.

Er fragte zum dritten Mal. Der Deputy Willie Hastings, einer von Gwens Vettern, trat vor und erklärte, einige Angler am Foggy Creek hätten Tonya neben der Straße gefunden. Das Mädchen nannte den Namen seines Vaters, und daraufhin brachten sie es nach Hause.

Nach diesen knappen Schilderungen schwieg Hastings und senkte den Kopf.

Carl Lee musterte ihn und wartete. Die übrigen Anwesenden hielten unwillkürlich den Atem an und blickten ebenfalls zu Boden.

»Was ist passiert, Willie?« rief Carl Lee.

Hastings räusperte sich und sah aus dem Fenster, als er wiederholte, was Tonya ihrer Mutter von den beiden Weißen erzählt hatte, ihrem Wagen, vom Seil und den Bäumen, von ihren Schmerzen, als sie vergewaltigt wurde. Der Deputy unterbrach sich, als er die Sirene des Krankenwagens hörte.

Die Besucher gingen stumm und ernst nach draußen und warteten dort, als in Weiß gekleidete Männer mit einer Bahre aufs Haus zuliefen.

Die beiden Krankenpfleger verharrten, als sich die Tür erneut öffnete und Carl Lee auf die Veranda kam, mit Tonya auf den Armen. Er flüsterte ihr tröstende Worte zu, und Tränen tropften ihm vom Kinn. Langsam schritt er zum Krankenwagen und stieg hinten ein. Einer der Pfleger nahm am Steuer Platz, und der andere löste das Mädchen behutsam aus der Umarmung seines Vaters, nachdem er die Heckklappe geschlossen hatte.

2

Ozzie Walls war der einzige schwarze Sheriff in Mississippi. Vor ihm hatte es andere gegeben, aber derzeit brauchte er diesen besonderen Ruhm mit niemandem zu teilen. Ein Umstand, der ihn mit Stolz erfüllte: denn die Bevölkerung der Ford County bestand zu vierundsiebzig Prozent aus Weißen, und alle anderen schwarzen Sheriffs hatten ihr Amt in überwiegend schwarzen Countys bekleidet. Seit der Rekonstruktion 2 war in einer weißen Mississipppi-County kein schwarzer Sheriff mehr gewählt worden.

Ozzie war in der Ford County aufgewachsen. Er zählte die meisten Schwarzen und auch einige Weiße zu seinen Verwandten. Nach der Desegregation3 in den späten sechziger Jahren gehörte er zur ersten gemischten Abschlußklasse der High-School von Clanton. Er wollte in Ole Miss Football spielen, aber es befanden sich nur zwei Schwarze in jener Mannschaft. In Alcorn State, als Verteidiger bei den Rams, wurde er zu einem Star, bis ihn eine Knieverletzung nach Clanton zurückbrachte. Er vermißte den aktiven Sport sehr, genoß es jedoch, der Sheriff zu sein, erst recht dann, wenn er bei den Wahlen mehr Stimmen bekam als seine weißen Konkurrenten. Die weißen Jungen verehrten ihn als Helden und Footballstar, dessen Bilder sie aus den Zeitungen kannten. Ihre Eltern respektierten ihn und gaben ihm ihre Stimmen, weil er als guter Polizist nicht zwischen schwarzen und weißen Kriminellen unterschied. Die weißen Politiker unterstützten ihn, weil sich das Justizministerium aus der Ford County fernhielt, seit er die Pflichten des Sheriffs wahrnahm. Die Schwarzen mochten ihn, weil er Ozzie war, eben einer von ihnen.

Ozzie ließ das Abendessen ausfallen und wartete in seinem Gefängnisbüro darauf, daß Hastings von den Haileys zurückkehrte. Er ahnte, wer hinter dem Verbrechen steckte. Billy Ray Cobb war kein Unbekannter für den Sheriff. Ozzie wußte, daß er mit Drogen handelte – er konnte ihn nur nicht festnageln. Der Sheriff wußte auch, daß Cobb zu Heimtücke und Gewalt neigte.

Nacheinander trafen die Deputys ein, und Ozzie beauftragte sie, den Aufenthaltsort des Verdächtigen festzustellen, ihn jedoch nicht zu verhaften. Ozzie Walls hatte insgesamt zwölf Mitarbeiter: neun Weiße und drei schwarze. Sie schwärmten sofort aus, und suchten überall in der County nach einem gelben Pickup Marke Ford, mit einer Konföderiertenfahne im Rückfenster.

Hastings und der Sheriff fuhren zum County-Krankenhaus. Wie üblich saß Ozzie auf dem Beifahrersitz, bediente das Funkgerät und gab Anweisungen. Im Wartezimmer des ersten Stocks fanden sie die Hailey-Sippe. Tanten, Onkel, Enkel, Freunde und Fremde hatten sich in dem kleinen Raum eingefunden und standen auch im schmalen Flur. Flüsternde Stimmen waren zu hören; Tränen strömten. Tonya wurde gerade operiert.

Carl Lee saß auf einer billigen Kunststoffcouch, zusammen mit Gwen und den Jungen. Er starrte zu Boden und schenkte der Umgebung überhaupt keine Beachtung. Gwen lehnte den Kopf an seine Schulter und weinte leise. Die Söhne saßen steif und gerade, die Hände auf den Knien. Manchmal blickten sie zu ihrem Vater, als erhofften sie sich Trost von ihm.

Ozzie bahnte sich einen Weg durch die Menge, schüttelte Hände, klopfte einigen Leuten auf den Rücken und versprach leise, die Schuldigen zu finden. Vor Gwen und ihrem Mann hockte er sich nieder. »Wie geht es ihr?« fragte er. Carl Lee reagierte nicht. Seine Frau schluchzte lauter, und die Jungen schnieften, wischten sich Tränen aus den Augen. Der Sheriff nickte voller Anteilnahme und stand auf. Einer von Gwens Brüdern führte ihn und Hastings in den Korridor, fort von der Familie. Er reichte Ozzie die Hand und bedankte sich dafür, daß er gekommen war.

»Wie geht es Tonya?« erkundigte sich Walls nochmals.

»Nicht sehr gut. Die Operation dauert sicher noch eine Weile. Mehrere Knochenbrüche, eine starke Gehirnerschütterung … Sie befindet sich in einem ziemlich schlechten Zustand. Druckstellen und Scheuermale am Hals deuten darauf hin, daß man versucht hat, sie zu erhängen.«

»Ist sie vergewaltigt worden?« fragte Ozzie, obwohl er die Antwort bereits kannte.

»Ja. Sie erzählte ihrer Mutter, daß die beiden Männer sie mehrmals mißbraucht und ihr starke Schmerzen zugefügt hätten. Die Ärzte haben es bestätigt.«

»Was ist mit Carl Lee und Gwen?«

»Sie sind völlig fertig. Stehen wahrscheinlich unter der Wirkung eines schweren Schocks. Carl Lee hat kein Wort gesagt, seit er im Wartezimmer sitzt.«

Ozzie versicherte ihm, daß sie die Verbrecher innerhalb kurzer Zeit finden und sofort hinter Schloß und Riegel bringen würden. Der Bruder schlug vor, die beiden irgendwo zu verstecken, zu ihrer eigenen Sicherheit.

Fünf Kilometer außerhalb von Clanton deutete Ozzie zu einem Kiesweg. »Dort«, sagte er. Hastings bog vom Highway ab und hielt vor einem schäbigen Wohnwagen. Inzwischen war es fast dunkel.

Der Sheriff holte einen Schlagstock hervor und hämmerte damit an die Tür. »Aufmachen, Bumpous!«

Der Wohnwagen erzitterte; Bumpous hastete zur Toilette und spülte einen frisch gedrehten Joint hinunter.

»Sie sollen aufmachen, Bumpous!« wiederholte Ozzie. »Ich weiß, daß Sie da drin sind. Wenn Sie nicht öffnen, trete ich die Tür ein.«

Ein Schloß klickte, und Ozzie trat vor, als die Tür aufschwang. »Seltsam, Bumpous – wenn ich Sie besuche, riecht’s hier immer komisch, und jedesmal kommen Sie gerade von der Toilette. Ziehen Sie sich an. Ich habe einen Job für Sie.«

»W-was?«

»Ich erkläre es draußen. Hier drin stinkt’s mir zu sehr. Ziehen Sie sich irgend etwas über. Und beeilen Sie sich.«

»Was ist, wenn ich mich weigere?«

»Wie Sie wollen. Morgen begegne ich Ihrem Bewährungshelfer.«

»Na schön. Ich bin gleich bei Ihnen.«

Ozzie lächelte und schritt zum Wagen. Bobby Bumpous war ein zuverlässiger Helfer. Seit man ihn vor zwei Jahren auf Bewährung entlassen hatte, gab er sich große Mühe, sauber zu bleiben. Nur dann und wann erlag er der Versuchung, mit einem leichten Drogendeal schnelle Dollars zu verdienen. Ozzie behielt ihn aufmerksam im Auge und wußte von jenen Transaktionen – und Bumpous wußte, daß der Sheriff darüber informiert war. Aus diesem Grund versäumte er es nie, ihm zu Diensten zu sein. Ozzie plante, Cobb früher oder später mit Bobbys Hilfe zu überführen, doch Billy Rays Rauschgifthandel spielte jetzt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Nach einigen Minuten kam Bumpous nach draußen, stopfte sich das Hemd in die Hose und zog den Reißverschluß zu. »Wen suchen Sie?« fragte er.

»Billy Ray Cobb.«

»Kein Problem. Sie können ihn auch ohne mich finden.«

»Seien Sie still und hören Sie zu. Wir glauben, daß Billy Ray heute nachmittag an einer Vergewaltigung beteiligt war. Zwei Weiße fielen über ein schwarzes Mädchen her, und ich bin ziemlich sicher, einer von ihnen hieß Cobb.«

»Er ist kein Vergewaltiger-Typ, sondern im Drogengeschäft. Haben Sie das vergessen?«

»Klappe halten und zuhören. Finden Sie Cobb und sprechen Sie mit ihm. Vor fünf Minuten hat man seinen Wagen bei Hueys gesehen. Geben Sie ihm ein Bier aus. Laden Sie ihn zu einer Runde Billard ein oder was weiß ich. Stellen Sie fest, womit er sich heute die Zeit vertrieben hat. Mit wem war er zusammen? Wohin fuhr er? Sie wissen ja, wie gern er redet. In Ordnung?«

»Ja.«

»Rufen Sie die Zentrale an, wenn Sie Billy Ray gefunden haben. Dann bekomme ich eine entsprechende Mitteilung über Funk. Ich bleibe irgendwo in der Nähe. Alles klar?«

»Ja, Sheriff. Kein Problem.«

»Fragen?«

»Eine. Ich bin pleite. Wer bezahlt?«

Ozzie drückte Bumpous zwanzig Dollar in die Hand und setzte sich in den Streifenwagen. Hastings fuhr nach Hueys unten am See.

»Sind Sie sicher, daß Sie ihm vertrauen können?« fragte der Deputy.

»Wem?«

»Bumpous.«

»Oh, ja. Seit er auf Bewährung raus ist, hat er sich als sehr zuverlässig erwiesen. Ein guter Junge, der die meiste Zeit über versucht, eine reine Weste zu behalten. Er hilft dem hiesigen Sheriff und lehnt nie ab, wenn ich ihn um einen Gefallen bitte.«

»Warum?«

»Weil ich ihn vor einem halben Jahr mit zehn Unzen Gras erwischt habe. Er war seit etwa zwölf Monaten aus dem Knast, als ich bei seinem Bruder fünfzig Gramm Marihuana fand. Dreißig Jahre könnte er dafür bekommen, sagte ich zu ihm. Der Kerl weinte die ganze Nacht in seiner Zelle, und am nächsten Morgen packte er aus. Meinte, er hätte den Stoff vom Bruder bekommen. Ich ließ ihn laufen und stattete Bobby einen Besuch ab, klopfte an die Tür und hörte, wie er im Bad die Spülung betätigte. Er stand vor der Toilette, trug nur Unterwäsche und stocherte im verstopften Abfluß. Überall lag Dope herum. Ich weiß nicht, wieviel er runtergespült hat, aber ein großer Teil davon kam durch den Überlauf zurück. Der Typ hatte solche Angst, daß er sich in die Hose machte.«

»Im Ernst?«

»Ja. Bestrullte sich selber. Bot einen tollen Anblick, als er mit nasser Unterhose vor mir stand, in der einen Hand einen Gummisauger, in der anderen Stoff – während Toilettenwasser durchs Bad floß.«

»Und Sie?«

»Ich drohte damit, ihn für den Rest seines Lebens einzulochen.«

»Und er?«

»Begann zu weinen. Heulte wie ein kleines Kind. Faselte von seiner Mutter, dem Gefängnis und so weiter. Er versprach mir, nie wieder irgend etwas anzustellen.«

»Haben Sie ihn verhaftet?«

»Nein, ich brachte es einfach nicht fertig. Beschränkte mich darauf, ihm einen gehörigen Schrecken einzujagen. Und während er im Bad vor mir stand, gab ich dem Burschen eine zweite Bewährungsfrist. Seitdem kann man gut mit ihm arbeiten.«

Die beiden Polizisten fuhren an Hueys Kneipe vorbei und sahen Cobbs Ford auf dem Parkplatz neben einigen schwarzen Pickups und Geländewagen. Sie hielten vor einer Schwarzenkirche auf einem Hügel, von dem aus sie den »Schuppen« sehen konnten, wie ihn seine Stammgäste nannten. Ein zweiter Streifenwagen stand hinter einigen Bäumen jenseits des Highways. Kurze Zeit später erreichte Bumpous den Parkplatz und trat auf die Bremse; blockierende Räder schleuderten Kies beiseite und wirbelten Staub auf. Bobby setzte neben Cobbs Mühle zurück, stieg aus, sah sich wie beiläufig um und betrat das Lokal. Nach dreißig Minuten erfuhr Ozzie über Funk, daß der Informant den Verdächtigen bei Hueys gefunden hatte, einer Bierstube am Highway 305, in der Nähe des Sees. Zwei weitere Streifenwagen trafen ein und hielten sich zunächst von der Kneipe fern. Die Männer in ihnen warteten auf den Einsatzbefehl.

»Warum sind Sie so sicher, daß Cobb dahintersteckt?« fragte Hastings.

»Ich bin nicht sicher. Es ist nur eine Ahnung. Das Mädchen erwähnte einen Kleinlieferwagen mit glänzenden Felgen und breiten Reifen.«

»Diese Beschreibung paßt auf etwa zweitausend Fahrzeuge.«

»Darüber hinaus meinte Tonya, der Pickup sei gelb gewesen und habe neu ausgesehen. Im Rückfenster hing eine große Fahne.«

»Dann bleiben etwa zweihundert Wagen übrig.«

»Vielleicht auch weniger. Wie viele Leute sind so fies wie Billy Ray Cobb?«

»Und wenn er unschuldig ist?«

»Das bezweifle ich.«

»Gehen wir einmal davon aus.«

»Bald wissen wir Bescheid. Der Kerl hat ein großes Maul, erst recht dann, wenn er was getrunken hat.«

Zwei Stunden lang beobachteten sie, wie Hueys Gäste kamen und gingen. Lkw-Fahrer, Papierholzschneider, Arbeiter aus Fabriken oder von den Farmen parkten ihre Pickups und Jeeps auf dem Kies. Sie besuchten die Kneipe, um zu trinken, Billard zu spielen, der Band zuzuhören oder Frauen abzuschleppen. Einige verließen den Laden, verschwanden nebenan in Anns Salon und kehrten nach einigen Minuten zurück. Der Salon war dunkler, sowohl innen als auch außen; ihm fehlten die bunten Werbeleuchten, die schon von weitem auf Hueys hinwiesen. Er stand in dem Ruf, ein Drogentreffpunkt zu sein, doch der »Schuppen« hatte alles: Musik, Frauen, Stoff, Pokerautomaten, Würfel, Tanz und Schlägereien. Einmal taumelten mehrere Streithähne durch die Tür, setzten ihren Kampf auf dem Parkplatz fort und schlugen dort wild um sich – bis sie die Lust an der Sache verloren und wieder zu den Würfeltischen torkelten.

»Ich hoffe, Bumpous war nicht daran beteiligt«, murmelte der Sheriff.

Die meisten Gäste mieden die kleinen, schmutzigen Toiletten in der Kneipe und erleichterten sich statt dessen draußen, zwischen den Pickups. Insbesondere am Montag, wenn zehn Cent für ein Bier Rednecks aus vier Countys anlockten; dann wurde jeder Wagen auf dem Parkplatz mindestens dreimal bepinkelt. Etwa einmal pro Woche regte sich irgendein Autofahrer über das Geschehen vor Hueys auf, und dann mußte Ozzie jemanden verhaften. Ansonsten drückte er beide Augen zu.

Sowohl Hueys Bierstube als auch Anns Salon verstießen gegen zahlreiche Gesetze: Glücksspiel, Rauschgift, schwarz gebrannter Whisky, Minderjährige, Prostitution und so weiter. Kurz nach seiner ersten Wahl zum Sheriff hatte Ozzie beschlossen, alle Spelunken in der County zu schließen. Diese Maßnahme erwies sich aber als großer Fehler. Die Zahl der Verbrechen stieg rapide an. Das Gefängnis war überfüllt. Die Gerichte hatten mehr Arbeit als jemals zuvor. Hunderte von Rednecks fuhren in langen Kolonnen nach Clanton und parkten vor dem Gerichtsgebäude. Jeden Abend versammelten sie sich dort, tranken, randalierten, drehten ihre Radios auf volle Lautstärke und pöbelten die entsetzten Bürger an. An jedem Morgen ähnelte der Platz einer Müllhalde: Überall lagen Bierdosen und Flaschen. Ozzie schloß auch die illegalen Lokale. In nur einem Monat verdreifachte sich die Anzahl von Einbrüchen, Überfällen und Messerstechereien. Hinzu kamen zwei Mordfälle innerhalb von sieben Tagen.

Einige Gemeinderäte der belagerten Stadt trafen sich mit Ozzie und baten ihn, nicht ganz so streng zu sein. Er erinnerte sie höflich daran, daß sie während des Wahlkampfs darauf bestanden hatten, alle Spelunken zu schließen. Die Räte gestanden ihren Irrtum ein und flehten den Sheriff an, die entsprechenden Kneipen wieder zu öffnen. Sie versprachen, ihn auch bei der nächsten Wahl zu unterstützen. Walls gab nach, und schon bald normalisierten sich die Verhältnisse in der Ford County.

Ozzie freute sich nicht darüber, daß jene Etablissements in seinem Bezirk florierten, aber eines stand fest: Wenn sie geöffnet blieben, waren die gesetzestreuen Bürger weitaus sicherer.

Um zweiundzwanzig Uhr dreißig teilte ihm die Zentrale mit, der Informant sei am Telefon und wollte den Sheriff sprechen. Ozzie nannte seinen Aufenthaltsort. Eine Minute später kam Bumpous aus der Kneipe und wankte zu seinem Auto. Die Räder drehten durch, als er Gas ab und zur Kirche raste.

»Er ist betrunken«, brummte Hastings.

Bobby donnerte über den Kirchenparkplatz, und hielt mit quietschenden Reifen dicht neben dem Streifenwagen an. »Hallo, Sheriff!« rief er.

Ozzie ging zu dem Pickup. »Warum hat es so lange gedauert?«

»Sie meinten doch, ich könnte mir Zeit lassen.«

»Sie fanden den Verdächtigen vor zwei Stunden!«

»Ja, Sheriff. Aber haben Sie jemals versucht, zwanzig Dollar auszugeben, wenn eine Dose Bier nur fünfzig Cent kostet?«

»Sie sind betrunken.«

»Nein, nur gut drauf. Wie wär’s, wenn sie mir noch einen Zwanziger geben?«

»Haben Sie etwas herausgefunden?«

»Über was?«

»Cobb!«

»Oh, er ist dort drin.«

»Das weiß ich! Und sonst?«

Das Lächeln wich von Bumpous’ Lippen, als er zur Kneipe hinübersah. »Er macht sich darüber lustig, Sheriff. Hält alles für einen großen Witz. Er erzählte, es sei ihm gelungen, eine Nigger-Jungfrau zu finden. Jemand fragte ihn nach ihrem Alter, und Cobb antwortete: acht oder neun. Alle lachten.«

Hastings schloß die Augen und ließ den Kopf hängen. Ozzie knirschte mit den Zähnen und wandte den Blick ab. »Was hat er außerdem gesagt?«

»Der Typ ist bis zum Stehkragen voll. Morgen erinnert er sich wahrscheinlich an nichts mehr. Sprach von einer niedlichen kleinen Negerin.«

»Wer war bei ihm?«

»Pete Willard.«

»Ist er ebenfalls dort drin?«

»Ja. Und er amüsiert sich prächtig.«

»Wo sind sie?«

»Auf der linken Seite, bei den Flipperautomaten.«

Ozzie nickte. »In Ordnung, Bumpous. Gute Arbeit. Verschwinden Sie jetzt.«

Hastings rief die Zentrale an und nannte zwei Namen. Die Nachricht wurde an Deputy Looney weitergeleitet, der vor dem Haus des Countyrichters Percy Bullard wartete. Looney klingelte und reichte dem Richter zwei eidesstattliche Erklärungen und entsprechende Haftbefehle. Bullard kritzelte seine Unterschrift und gab sie dem Deputy zurück, der sich bedankte und losfuhr. Zwanzig Minuten später bekam Ozzie die unterschriebenen Haftbefehle von ihm.

Um genau dreiundzwanzig Uhr verstummte die Band mitten in einem Song. Die Würfel rollten nicht mehr; Tänzer blieben stehen; Billardkugeln verharrten. Jemand schaltete das Licht ein. Die Blicke aller Anwesenden richteten sich auf den Sheriff, als er und seine Leute langsam durch den Raum gingen und sich einem Tisch neben den Flipperautomaten näherten. Cobb, Willard und zwei andere Burschen saßen dort in einer Nische und schütteten Bier in sich hinein. Ozzie sah auf Billy Ray hinab und lächelte.

»Tut mir leid, Sir, aber hier sind keine Nigger zugelassen«, sagte Cobb. Die vier Männer lachten. Ozzie schmunzelte auch weiterhin.

Als das Gelächter verklungen war, fragte er: »Habt ihr hier viel Spaß, Billy Ray?«

»Und ob.«

»Dachte ich mir. Tja, ich störe euch nicht gern, aber Sie und Mr. Willard müssen mich begleiten.«

»Wohin?« brachte Willard hervor.

»Ein kleiner Ausflug.«

»Ich bleibe hier«, erwiderte Cobb. Die beiden anderen Männer standen auf, traten vom Tisch fort und mischten sich unters Publikum.

»Sie sind verhaftet«, sagte Ozzie.

»Haben Sie Haftbefehle?« erkundigte sich Billy Ray.

Hastings holte die Dokumente hervor, und Walls warf sie neben die Bierdosen. »Ja, hier sind sie. Bewegt euch.«

Willard starrte verzweifelt zu Cobb hinüber, der einen Schluck trank und knurrte: »Ich will nicht ins Gefängnis.«

Looney drückte Ozzie den längsten Schlagstock in die Hand, der jemals in Fort County benutzt worden war. Willard schien jetzt der Panik nahe zu sein. Walls holte mit dem Knüppel aus und schlug auf den Tisch; mehrere Dosen kippten, und Schaum spritzte. Willard erhob sich ruckartig und streckte die Arme Looney entgegen, der ihm Handschellen anlegte und ihn nach draußen führte.

Ozzie klopfte mit dem Schlagstock auf seine offene linke Hand und grinste. »Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern, Cobb. Was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Wenn Sie sich keinen leisten können, stellt Ihnen der Staat einen zur Verfügung. Irgendwelche Fragen?«

»Ja. Wie spät ist es?«

»Spät genug, um dich ins Gefängnis zu bringen, Freundchen.«

»Fahr zur Hölle, Nigger.«

Ozzie packte Billy Ray am Haar, zerrte ihn vom Stuhl und warf ihn mit dem Gesicht nach unten zu Boden. Er rammte ihm das Knie in den Rücken, schob den Schlagstock vor Cobbs Hals und übte noch mehr Druck mit dem Knie aus. Der Bursche quiekte, weil ihm der Knüppel fast den Kehlkopf zerquetschte.

Handschellen schnappten zu, und Walls packte erneut Billy Rays Haar, zog ihn über die Tanzfläche zur Tür, schleifte ihn durch den Kies des Parkplatzes und stieß Cobb neben Willard in den Fond des Streifenwagens.

Tonyas Vergewaltigung sprach sich rasch herum. Noch mehr Freunde und Verwandte besuchten das Krankenhaus, saßen im Wartezimmer und standen im Flur. Das Mädchen war inzwischen operiert worden, doch sein Zustand blieb kritisch. Ozzie sprach mit Gwens Bruder, berichtete von den beiden Verhafteten und fügte hinzu, er sei sicher, die beiden Schuldigen gefunden zu haben.

3

Jack Brigance kletterte über seine Frau hinweg, taumelte einige Schritte zum kleinen Bad und tastete dort nach dem schrillenden Wecker. Er fand ihn am üblichen Platz und sorgte mit einem energischen Tastendruck für Stille. Es war halb sechs am Mittwoch, dem 15. Mai.

Atemlos blieb er im Dunkeln stehen, lauschte dem rasenden Pochen seines Herzens und starrte auf die leuchtenden Zahlen der Digitaluhr, die er so sehr haßte. Ihr Schrillen hörte man sogar auf der Straße. An jedem Morgen um diese Zeit glaubte er sich einem Herzinfarkt nahe. Etwa zweimal im Jahr gelang es ihm, Carla aus dem Bett zu stoßen, und dann schaltete sie den Wecker aus, bevor sie wieder unter die Decke kroch. Aber meistens hatte sie kein Mitleid mit ihm. Sie hielt es für verrückt, so früh aufzustehen.

Die Uhr stand im Bad, so daß Jake nicht einfach die Hand nach ihr ausstrecken konnte. Und sobald er auf den Beinen war, erlaubte er es sich nicht, ins Bett zurückzukehren. So lautete eine seiner Regeln. Früher, als der Wecker nur leise neben dem Nachtschränkchen gezirpt hatte, brachte Carla das Ding einfach zum Schweigen, bevor Jake erwachte. Dann schlief er bis sieben oder acht, ruinierte sich dadurch den ganzen Tag und konnte nicht um sieben mit der Arbeit beginnen – eine weitere Regel. Seit die Uhr ins Bad verbannt worden war, erfüllte sie ihren Zweck.

Jake trat ans Becken und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Kurz darauf betätigte er den Lichtschalter und starrte erschrocken in den Spiegel. Das normalerweise glatte braune Haar bildete ein wirres, zerzaustes Durcheinander, und während der Nacht schien der Haaransatz um mindestens fünf Zentimeter zurückgewichen zu sein. Oder seine Stirn war angeschwollen. Schlaf verklebte ihm die Augen, und der Rand des Lakens hatte einen rötlichen Striemen in der linken Gesichtshälfte hinterlassen. Er rieb ihn vorsichtig und fragte sich, ob er je verschwinden würde. Mit der rechten Hand strich er das Haar zurück und betrachtete es. Als Zweiunddreißigjähriger brauchte er sich nicht mit grauen Strähnen herumzuplagen. Nein, sein Problem bestand in einem tendenziellen Haarausfall, wie er ihn von seinem Vater her kannte – der braune Schopf lichtete sich allmählich. Carla versicherte ihm häufig, daß er noch immer dichtes Haar habe, aber vermutlich war das nicht mehr lange der Fall. Sie behauptete auch, er sei nach wie vor sehr attraktiv, und er glaubte ihr. Manchmal wies sie darauf hin, der zurückweichende Haaransatz verleihe ihm ein Flair der Reife, wie es ein junger Anwalt benötigte. Nun, das stimmte vielleicht.

Aber was war mit alten, kahlköpfigen Anwälten? Oder mit reifen Anwälten in mittleren Jahren, die eine Glatze hatten? Warum konnte das Haar nicht zurückkehren, wenn Falten im Gesicht und graue Koteletten ganz deutlich von Reife kündeten?

Jake dachte darüber nach, als er duschte. Anschließend rasierte er sich schnell und streifte die Kleidung über. Um Punkt sechs mußte er im Café sein – noch eine Regel. Er schaltete die Lampen im Schlafzimmer ein, zog Schubladen auf, drückte sie wieder zu, schloß laut die Tür des Kleiderschranks und gab sich alle Mühe, Carla zu wecken. Das übliche Morgenritual im Sommer, wenn sie nicht in der Schule arbeiten mußte. Jake hatte ihr oft erklärt, daß sie tagsüber den versäumten Schlaf mit einem Nickerchen nachholen könne, daß die frühe Phase des Morgens eigentlich gemeinsam verbracht werden solle. Doch sie seufzte nur, drehte sich zur anderen Seite und schlief weiter. Als er angezogen war, sprang er aufs Bett, kroch zu seiner Frau und küßte sie erst am Ohr, dann am Hals und im Gesicht, bis sie sich ihm zuwandte. Daraufhin riß er die Decke fort und lachte, als sie übertrieben schauderte und um Gnade flehte. Er bewunderte ihre gebräunten, schlanken, nahezu perfekten Beine. Das weite Nachthemd verhüllte nichts unterhalb der Gürtellinie, und hundert lüsterne Gedanken gingen ihm durch den Kopf.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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