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Martha Guttenberger wurde 1921 in Önsbach/Achern in einem Wohnwagen geboren. Ihre musikalische Familie war in der warmen Jahreszeit damals immer auf der Reis' und ging damit ihren ambulanten Gewerben nach. Doch dann, 1933, begann "die schlechte Zeit". Martha Guttenberger war 21 Jahre alt, als Stuttgarter und Karlsruher Kripo und Mosbacher Polizisten sie mit ihrem dreijährigen Josefle von Dallau über Mosbach im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau einlieferten. Dort wurde sie von der SS unter anderem im Waisenblock eingesetzt, in dem Sintikinder und Romakinder unter schlimmsten Bedingungen litten, massenhaft umkamen, letzlich ermordet wurden. Es folgten die KZs Ravensbrück, Schlieben und Altenburg. Nach der Befreiung lebte sie jahrzehntelang mit ihrer Familie in zwei engen Zimmern einer Baracke des vormaligen Ravensburger NS-Zwangslagers im hintersten Ummenwinkel. Die Überlebende hatte nur ein Ziel: immer für ihre Familie da zu sein und genug Essen zu besorgen. Doch nachts "kamen" immer "die Kinder von Auschwitz zu ihr". Auch sonst lebte sie oft "in einer Welt, die wir nicht kennen". Martha Guttenberger wollte, dass das ihr und ihren Lieben Widerfahrene nach ihrem Tod bekannt wird. Ihre Schwiegertochter Magdalena Guttenberger notierte ab 1972 die Erzählungen von Martha Guttenberger mit. Manuel Werner hielt hierzu weitere Gespräche fest, recherchierte zu verschiedenen Bereichen und arbeitete viele Aspekte ein. So werden beispielsweise Sprachformen der Familie der Begrifflichkeit der Verfolger gegenübergestellt. Auch Ummenwinkel kommt in diesem Buch zur Sprache, als der soziale Raum, in dem Martha Guttenbergers Familie mit anderen Sintifamilien zusammenlebte und sich mit den Folgen der NS-Verfolgung, unheilvollen Kontinuitäten und nicht enden wollendem Antiziganismus auseinandersetzen musste. Magdalena Guttenberger und Manuel Werner lassen in dem Buch auf 412 Seiten und 160 Abbildungen ein vielschichtiges Lebenspanorama aus Erinnerungen und mündlicher Überlieferung aufleben. Bei den Tätern nennen sie Ross und Reiter. Zur Qualität des Buches gehört neben einer reflektierten Bildauswahl die Verwendung der authentischen direkten Rede wo immer möglich. Die ebenfalls quellenbasierte Erläuterung der sozialen, historischen, politischen und familiären Hintergründe erfolgt ausführlich und zielt auf das Reflexionsvermögen beim Leser. Eine ungewöhnliche biographische Annäherung! / authentisch / transparent / fundiert / exemplarisch / hintergründig / wegweisend
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Seitenzahl: 795
Veröffentlichungsjahr: 2020
Die Erinnerung braucht uns! Und die Zukunft auch!
Entstehung, Zitierweisen, Konzeption
Der Beginn: Tschawelos Mutter stellt Fragen
„Immer auf der Reis’“
„Die schlechte Zeit“ beginnt
Dallau
Mosbach
Über Mosbach nach Auschwitz
„Des war der Höchscht’ von dene“: Kriminalpolizist Adolf Scheufele
„Er hat uns bestimmt verraten!“: K. R., Sintiname M.
Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
Im KZ Ravensbrück
Im KZ Schlieben
Im KZ Altenburg
Todesmarsch
Befreiung
Der lange Marsch nach Ummenwinkel / Ravensburg
Ummenwinkel
Städtisches NS-„Zigeunerlager Ravensburg“ im hintersten Ummenwinkel
„In Auschwitz geblieben“
Im Alten Ummenwinkel
„Auf dem Weg der Veränderung“
Die Spielstube Ummenwinkel
In den Wohnblocks
Im Neuen Ummenwinkel
„Hilfsbereitschaft“ und „Herzenswärme“: Martha Guttenberger in Ummenwinkel
„Wider die Gutmachung“
Unheilvolle Kontinuitäten
„Die Erinnerung braucht uns“ – lokale Gedenkkultur
„So will man uns sehen!“
„In einer Welt, die wir nicht kennen“
Waldmoos und Tannenzweige
Zum Buch
Anhang
Abkürzungen
Hauptsächlich verwendete Quellen
Weitere Quellen mit Kürzeln für die Endnoten
Anmerkungen
Ganz besonderer Dank gilt Veit Feger für die finanzielle Förderung des Buchprojekts!
Miro Si rowela – Me bistrau dumen nie
Me gamau dumenge von schugga digne Tschawender dren de genen!
Bale wein oh dschilde Benk und anan len nach Auschwitz-Birkenau!
Godde wanle marde gola digne Tschawe!
Miro Si rowela de digau len glan mande gola digne Tschawe und lengre gale Jacka!
Me bistrau dumen nie! 1
In Marthas Muttersprache Romanes
Martha Guttenbergers Wille
Im Alter von 21 Jahren ist meine Mutter nach Auschwitz-Birkenau gebracht worden. Nach der Befreiung ist sie mit zwei meiner Tanten, Amalie und Maria, zu Fuß nach Ummenwinkel gelaufen. Die beiden Schwestern waren von Ummenwinkel aus nach Auschwitz ‚transportiert‘ worden. Meine Mutter hatte nicht gewusst wohin, da ist sie mit meinen Tanten mitgegangen.
Meine Mutter hat gewollt, dass wir das alles aufschreiben.
Julius Guttenberger Junior
Sohn von Martha Guttenberger
Julius Guttenberger Junior, Sohn von Martha Guttenberger, Neuer Ummenwinkel, 2017.
Manuel Werner.
Damit die Welt es erfährt!
„‚Oma, Du hast mir so viele Wochen, Monate, eigentlich jahrelang erzählt. Mit Abstand, auch mal wochenlang gar nicht. Dennoch bin ich mit deinem grausamen Schicksal auch erwachsener und älter, nachdenklicher und vorsichtiger geworden. Ich werde das nie vergessen. Das verspreche ich dir!‘
Oma sagte darauf: ‚Ja, tue das, wenn du das schaffst, damit die Welt es erfährt, ja das wäre wichtig. Pass aber auf! Nicht dass es den Kindern schaden wird!
Als ich zu den Bauern ging, meine Ware zu verkaufen, da erzählten mir viele, wie viele Nazis in Ravensburg nach dem Umsturz wieder ihre Arbeit aufgenommen haben, als wäre nichts geschehen. Ja, so war es …‘
Nachts holte sie ihr Schicksal immer heim. Nachts kamen immer die Kinder von Auschwitz zu ihr. Es war immer einer von uns bei ihr.
Wenn wir sie gefragt haben, was los ist, sagte sie immer das Gleiche:
‚Die Kinder waren hier und stehen unter dem Tisch und lassen mich nicht in Ruhe, sie sind zu laut, sie singen zu laut. Die Kinder von Auschwitz.‘
Oma sagte einmal, dass der Hitler nie all das Leid geschafft hätte, wenn nicht seine Helfershelfer gewesen wären.
Im KZ hat sie erfahren, dass bei manchen Familien die ganze Generation ausgelöscht wurde. Ich werde diese Geschichte nie vergessen. Meine Kinder wissen auch alles.
Magdalena Guttenberger und Manuel Werner beim ersten Staatsvertrag zwischen dem Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg, und dem Land Baden-Württemberg im Neuen Schloss, Stuttgart, 28. November 2013.
Michaela Saliari.
Jedoch auf welche Weise ihr kleiner Sohn Josef umgekommen ist, habe ich auch meinen Kindern nicht gesagt. Heute verstehe ich besser, warum sie es ihren Kindern nicht erzählen konnte.
Dank dir, Oma, konnte ich auch in meine eigenen Wurzeln recherchieren. Ich hätte im Traum nicht gedacht, dass auch meine Mutter Schreckliches erlebt hatte, mit ihrem kleinen Bruder, der auch Jozef hieß. Es ist schon schlimm, dass ich es von meinen Eltern vorher nicht erfahren habe. Dank dir, Oma, weiß ich auch, warum ich weder von Vaters Seite Familie habe, als auch mütterlicherseits.“
Magdalena Guttenberger
Schwiegertochter von Martha Guttenberger
Magdalena Guttenberger, die Mitautorin dieses Buches, erstellte ab 1972 über Jahrzehnte handschriftlich die Notizen des von Martha Guttenberger Gesagten. Zudem stellte sie für dieses Buch Unterlagen der Familie zur Verfügung. Sie verschaffte Kontakte zu Zeitzeugen vor Ort und gab mit ihrem Mann Julius Guttenberger Junior den Anstoß und zahlreiche Auskünfte zu diesem Buch. Hierbei übermittelte sie den Hauptanteil der mündlichen Überlieferung. Magdalena Guttenberger ist Mitglied im „Rat für die Angelegenheiten der deutschen Sinti und Roma in Baden-Württemberg“ und im Vorstand des „Verbands Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg“. Zudem ist sie im „Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen Baden-Württemberg“ sowie in der Gedenkarbeit vor Ort aktiv. Auch ihre Kompetenzen hieraus brachte sie in das Buch ein.
Die Zukunft braucht uns!
Am detailreichen Beispiel des Lebens von Martha Guttenberger kann vieles klar werden, was für eine bessere Zukunft nötig wäre. Mehr und mehr wird wieder auf Egoismen, Nationalismen, Völkisches, und daher auf Vorsortierung und Spaltung gesetzt. Die Hasspegelstände steigen, statt dass sie abnehmen. Der Diskurs verschiebt sich nach rechts, vieles wird salonfähig. Masken fallen, dünne Tünche bröselt. Auf Antiziganismus beruhende Aussagen und Handlungen sind in der breiten Bevölkerung kaum als solche erkannt und stoßen auch deswegen auf wenig Gegenwehr, ja nicht selten auf offen bereitwillige Zustimmung. Sie sind gesellschaftlich noch weithin etabliert. Dabei wurden Sinti, Roma und Juden gleichermaßen quer durch alle Altersgruppen – vom Baby bis zum Greis – von der verfolgenden Dominanzbevölkerung ausgegrenzt, kollektiv schlechter gestellt, erfasst und schließlich massenhaft deportiert und ermordet. Helfer und Helfershelfer in allen Orten setzten dies um. Denkmuster von damals wirken fort. Wie kann man das als Erkenntnis in eine breite, konstruktive Öffentlichkeit hineinbringen? Vielleicht auch durch so ein Buch. Die Zukunft braucht daher die Erinnerung an das, was den Opfern zugefügt wurde und wie sich das im Einzelnen buchstabierte, sie braucht das Teilhaben an ihrer Sicht und ihrem Erleben. Und sie braucht uns! Als Erkennende und als Handelnde!
Manuel Werner
An Manuel Werner, den Mitautor dieses Buches, richtete Familie Guttenberger im Jahr 2014 den Wunsch, den Willen von Martha Guttenberger in Form eines Buches umzusetzen. Er hörte zu und notierte ab da wortgetreu mit – wie Magdalena Guttenberger dies bei ihrer Schwiegermutter Martha gemacht hatte. Parallel erstellte er das Manuskript, recherchierte hierzu und machte die redaktionelle Bearbeitung, dies alles in sechsjähriger, ehrenamtlicher Arbeit. Maßstab waren ihm die erfragten Vorgaben und Anliegen von Julius Guttenberger Junior und Magdalena Guttenberger, somit eine immer wieder miteinander besprochene Vorgehensweise, die für alle Drei stimmig war. Bis ins Detail sprach er daher sowohl die Bildauswahl als auch Inhalt und relevante Textstellen mit Julius Guttenberger Junior und Magdalena Guttenberger ab. Wie Mitautorin Magdalena Guttenberger ist er im „Arbeitskreis Sinti/Roma und Kirchen Baden-Württemberg“ sowie in der Gedenkarbeit aktiv. Für einen Beitrag in der Stuttgarter Straßenzeitung Trott-war über einen slowakischen Rom wurde er 2015 von der Diakonie Baden-Württemberg mit dem Journalisten-Sonderpreis „Flucht und Migration“ ausgezeichnet.
Die Geburtsstunde dieses Buches liegt im Jahr 1972. Ab da schrieb Magdalena Guttenberger auf Zetteln und Blöcken aller Art mit, wenn ihre Schwiegermutter Martha ihr ab und zu „von Auschwitz“ erzählte. Magdalena Guttenberger hatte zu jener Zeit keinerlei Vorwissen darüber. Mit der Zeit mengten sich auch noch Antworten auf weitere Fragen nach früher dazwischen. Wir fassten im Jahr 2014 den Entschluss, hierzu weitere mündliche Überlieferung festzuhalten.
Kursiv Gesetztes kennzeichnet neu erschlossene Quellen. Um die mündliche Überlieferung justieren und mit den zum Verständnis und zur Einordnung nötigen Hintergrundwissen versehen zu können, verwendeten wir auch Quellen, die bereits schriftlich publiziert waren. Diese Quellen werden mit Anführungszeichen und normaler, senkrecht zur Zeile verlaufender Schrift geschrieben. Zitierte Schreibweisen spiegeln in der Regel die Rechtschreibregeln der damaligen Zeit oder der jeweiligen Gegenden wieder. Deshalb wird darin wie in mancher zitierten Quelle zum Beispiel statt „dass“ „daß“ geschrieben, denn die Quellen stammen ja oft aus der Zeit vor der Rechtschreibreform von 1996. In manchen Zitaten sind grammatikalische oder andere Fehler, die in der Regel mitzitiert werden. Diese werden nicht jedes Mal mit der redaktionellen Ergänzung [sic!] gekennzeichnet. Mitunter werden auch Begriffe mit Anführungszeichen versehen, um – teils auch nur bei deren ersten Verwendung – noch deutlicher zu machen, dass wir uns von diesen distanzieren. In Klammern gesetzte Anmerkungen sind in der Regel nicht im Originaltext enthalten, sondern unsere ergänzenden Hinweise.
Bei der hier vorliegenden Annäherung an Martha Guttenberger war für beide Autoren die Qualitätssicherung relevant. Dazu gehört die Verwendung der authentischen direkten Rede wo immer möglich. Die quellenbasierte Erläuterung der Hintergründe erfolgt ausführlich und zielt auf das Reflexionsvermögen beim Leser.
Magdalena Guttenberger, geborene M., die spätere Schwiegertochter von Martha Guttenberger und spätere Mutter von Tschawelo. Košice, 1963.
Familienbesitz
Magdalena2 (Jahrgang 1956) kam im Juni 1970 mit ihrer Mutter aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Zu jener Zeit kannte sie Martha Guttenberger noch nicht. Schon auf der langen Zugfahrt hatte die vierzehnjährige Magdalena furchtbaren Hunger. „Mein Vater hat nichts gehabt, uns mitzugeben, als einen kleinen Stengel Brot, ein kleines Messer und ein Stück Schweineschmalz. Das alles war in Papier eingewickelt. Aber weder Mama noch ich mit meinen dreizehn, vierzehn Jahren wussten, wie lange so eine Fahrt von Košice nach Stuttgart dauert. Ich weiß nur, es ging sehr, sehr lange. Das Brot mit dem Schweineschmalz war bald gegessen. Wir waren schon über die Grenze nach Tschechien, da ist der Hunger immer größer geworden. Mit uns im Abteil saß ein deutsches Ehepaar. Es hat aus Dosen gegessen und daraus etwas auf ihr Brot geschmiert. Und ich schluckte da – ich kann‘s dir gar nicht sagen! Der Mama habe ich dauernd in den Ohren gelegen: Ich muss was essen, ich muss was essen. Auf einmal haben die Leute sich weiter bedient aus ihren Taschen, mit Obst. Auf den Mitteltisch hatten sie eine Banane gelegt.“3
Die Banane
„Der Zug fuhr durch einen Tunnel. Und ich hatte solchen Hunger! Schnell schnappte ich mir die Banane. Ich habe die Banane aufgegessen wie eine Furie, bin kurz ein wenig aufgestanden, und steckte die Schale unter mich.
Das war süß, das hat geschmeckt, Banane kannte ich doch gar nicht. Später stand ich auf, diese Leute auch, und ich schaute aus dem Fenster. Aber das Problem war: Die Bananenschale hatte ich ganz vergessen. Und das Ehepaar im Abteil hat das dann wohl gesehen. Dann haben sie die kleine Tasche auf meinen Sitz gelegt. Meine Mama und ich guckten uns an. Dann sind sie mir mit ihren Händen wie bei einem Hundle streichelnd über das Gesicht. Und dann sind sie gegangen. Das waren Deutsche. Als Mama die Schale sah, hat sie sich für mich geschämt. Das hat sie später auch gleich ihrer Schwägerin erzählt! Das war der Grund, warum ich später überhaupt keine Bananen mehr gegessen habe. Das hat sich im wahrsten Sinne des Wortes bei mir eingebrannt.
Wir beide haben die Dosen leer gemacht und uns den einen Apfel, der darin war, geteilt. So kamen wir nach Stuttgart.“4
Bei Tante Rosa in Stuttgart
In Stuttgart suchten sie die Schwägerin ihrer Mutter, die Sintiza Rosa S., geborene W. (Jahrgang 1930). Sie entstammte einer oberschwäbischen Sinti-Familie. Rosa S. war die Frau des einzigen Bruders der Mutter von Magdalena, Jozef. Was Magdalena Guttenberger erst viel später – initiiert durch ihre spätere Schwiegermutter Martha – erfuhr: Der 1938 geborene Jozef hatte mit seiner Schwester – der Mutter von Magdalena – als Kind die deutsche Besetzung Ungarns in einem Gefängnisbunker überlebt, vermutlich im Lager Komárom (Ungarn). Deren eigene Mutter war vierzehn Tage nach der Befreiung – zurück in Košice – an den Folgen der erlittenen Zustände in diesem Lager verstorben. Die Mutter von Magdalena (Magdalena M., geborene S., Jahrgang 1936) und deren jüngerer Bruder Jozef hatten sich danach als Waisenkinder dort – im Roma-Tábor 5 von Košice – durchgeschlagen. Später lernte Jozef S. in der Tschechoslowakei die Sintiza Rosa kennen und begleitete sie schließlich nach Deutschland. Wie Magdalena ebenfalls erst viel später erfuhr, war Rosa gleichfalls Überlebende. Unseren jetzigen Recherchen nach wurde sie im März 1943 aus Lauterach-Talheim in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Lauterach-Talheim gehörte damals zum Landkreis Ehingen, heute zum Alb-Donau-Kreis. „Ihre Familie“ wohnt heute noch auf der Alb. Rosa S. hatte in die Tschechoslowakei an die Mutter von Magdalena ein Telegramm geschickt, dass ihr Bruder gestorben sei. Doch die tschechoslowakischen Behörden ließen zu jener Zeit des „eisernen Vorhangs“ nicht die gesamte Familie in den Westen ausreisen. Der Prager Frühling war dort erst vor kurzem durch Truppen des Warschauer Pakts zerschlagen worden.
Die Mutter von Magdalena Guttenberger, Magdalena M., geborene S., und ihr Bruder Jozef S. in Košice, Mitte der 60er Jahre.
Familienbesitz.
Magdalena und ihre Mutter versuchten, die Passanten zu fragen, wollten die aufgeschriebene Adresse „Hauptstätter Straße 131“ vorzeigen, begannen mit „Guten Tag!“ Doch die „Leute sind gleich weitergelaufen, niemand ist stehen geblieben“, erinnert sich Magdalena Guttenberger. „Sie reagierten nicht auf ‚Hallo‘ und ‚Guten Tag!‘. Diese Menschen waren wie programmiert, sie sind einfach vorbei gelaufen.“ Sie habe sich sehr hilflos gefühlt. „Das erste Mal in einer neuen Welt. Ampeln für Fußgänger hatte ich vorher nicht gesehen, hunderte von Autos hatte ich vorher nie gesehen, als dreizehn-, vierzehnjähriges Mädle“ habe sie „das alles nicht gekannt“.
Nur ein Obdachloser, der die Nacht mit Zeitungen bedeckt verbracht hatte, habe sich den Zettel angeschaut. Er habe auf Englisch geredet, sie „immer angelächelt“ und vom Hauptbahnhof bis zur Hauptstätter Straße 131 geleitet. Dort habe sie an einer „großen Türe mit Gläsern“ geklopft. „Moment“, habe der Obdachlose gesagt, „du musst hier drücken!“. Er zeigte auf ein „kleines Knöpfle“, Magdalena drückte darauf und hörte ein leises Summen. Dann ging es viele Treppen hoch, dort öffnete „eine schwarz gekleidete Frau“. Magdalena saß in ihrer Wohnung nur da, „hatte Hunger. Ich sagte auf Slowakisch: ‚Ich mag ein Stück Brot mit Butter!‘. Als die (Frau) das nicht verstand machte ich Zeichen mit den Händen: ‚Hunger‘. Daraufhin hat sie Tee gekocht, nach Brot gesucht, gesagt: ‚Nimm das!‘. Das erste deutsche Wort, das ich aufgeschrieben habe, war ‚Butterbrot‘“.6
„Vergast“
„Abends ging es dann schon wieder besser. Aber meine Tante zeigte dann meiner Mutter die Küche und sagte: ‚Hier hat sich dein Bruder vergast.‘
Und sie hat gezeigt wie er gelegen ist. Daraufhin hat meine Mutter heulend gesagt: ‚Und ich hab’ gedacht, ihr habt das Telegramm (mit der Todesnachricht als vermeintlich fingierter Nachweis für die tschechoslowakischen Behörden) nur verschickt, damit wir (Magdalenas Mutter Magdalena M. und ihr Bruder Jozef) uns sehen können.‘ Dann hat meine Tante uns erklärt, dass er zwischen den Riegel in der Türe eine Gabel hinein gedrückt hat, damit ihm niemand zu Hilfe kommen konnte. Und dann hat meine Tante meiner Mutter die Schuld gegeben: Ihr Bruder hätte sich nicht vorstellen können, dass er sie noch einmal wiedersehen könnte. Im Nachhinein hat er das getan – so weiß ich heute – was unseren Angehörigen widerfahren ist, die vergast wurden.Noch in dieser Nacht kam meine Mutter ins Krankenhaus. Da war ich dann zwei Wochen alleine bei Tante Rosa mit den Kindern von meinem Onkel Jozef und ihr.“7
„Ich war sehr jung“
„Mama fand dann in der Stuttgarter Schokoladenfabrik Waldbaur Arbeit. Jeden Pfennig hat sie nach Hause geschickt. Ich war sehr jung, hatte bald eine Freundin und war bald auch mit ihr in Diskos.
Als unsere Verwandte aus der Hauptstätter Straße in Bad Buchau ihre Familie besuchte, bin ich mitgefahren. Andere Mädle haben gefragt, ob sie mich in die Disko nach Bad Waldsee mitnehmen dürfen. Jemand hat uns dann dort hingefahren. Dort haben wir getanzt. Und dort hat mich auch Julius (Junior, der Sohn von Martha Guttenberger, Jahrgang 1948) zum Tanzen aufgefordert. Wir haben uns auf Romanes8unterhalten, aber er hat gelacht über meine Aussprache, wir haben uns kaputt gelacht, dann haben wir uns auch mit Handzeichen verständigt.“9
„Wie im Paradies“ – zusammen mit Julius Junior
Magdalena Guttenberger berichtet weiter: Julius Junior „hat mich dann besucht, eingeladen zu gutem Essen, da haben wir uns verliebt. Ich war sechzehn, er fünfundzwanzig. Da sind wir abgehauen.“10 Julius Junior teilt hierzu mit: „Wir haben uns 1972 in Bad Waldsee kennen gelernt. Dann sind wir zehn Tage weg.“11 Julius Junior und Magdalena Guttenberger blieben zusammen. Die Sintiza Dotschy Reinhardt (Jahrgang 1975), die in Ummenwinkel sehr oft ihre Großmutter besucht hat, lässt zu solcher „Fluchtheirat“12 wissen, dass „es bei uns … flüchten‘“ heiße, „wenn beide von zu Hause abhauen … Eine richtige Hochzeitszeremonie oder eine offizielle Eheschließung“ habe „bei deutschen Sinti keine Tradition“.13 Magdalena Guttenberger: „Von Freunden von Julius und anderen Sinti haben wir erfahren“, dass die Mutter der minderjährigen Magdalena sie bald per Jugendamt und Polizei suchen ließ, „von Stuttgart aus“. Daraufhin hielten sich die beiden versteckt. Julius Junior verbrachte diese Zeit mit Magdalena im Bodenseeraum. „Ich fühlte mich wie im Paradies!“, erinnert sich Magdalena Guttenberger an diese schöne Zeit und die malerische Landschaft.
„Sie hat mich … nicht angeschaut!“ – die erste Begegnung mit Martha
„Nach zwei Wochen sind wir nach Ummenwinkel zu seinen Eltern“. Julius Junior stellte seine Frau seiner Mutter in Ummenwinkel vor. Sie hatte bereits gehört: „Dein Sohn hat eine Tschechin!“ Als Magdalena in die Baracke hineingegangen sei, „hockte sie auf einem Stuhl, schaute weg, zeigte keine Reaktion“. Julius Junior „sagte: Gib ihr die Hand!“ Doch Martha Guttenberger schaute betont in eine andere Richtung und entgegnete: „Wollte dir nur sagen, meine Kinder können nach Hause bringen, was sie wollen, nur keine Tschechin!“ Magdalena Guttenberger: „Sie hat mich dabei nicht angeschaut!“ Julius habe daraufhin ohne Beisein seiner Mutter zu ihr gesagt: „Hör‘ doch nicht auf so was, sie ist doch alt, die wird sich schon beruhigen.“ Doch auch danach blieb Martha Guttenberger deswegen einsilbig und verstimmt. Den Hass ihrer Schwiegermutter gegenüber Tschechen verstand Magdalena Guttenberger zunächst nicht. Das Verhältnis beider änderte sich erst, als der Enkel von Martha Guttenberger zur Welt kam, aber dann grundlegend. „Nach zwei, drei Jahren waren wir dann richtige Freunde.“
Die Sinti in Ummenwinkel haben sie „nie irgendwas spüren lassen“, weil sie Romni aus der Tschechoslowakei war, „im Gegenteil!“.14
„Dein Papa wird das sicher nicht akzeptieren!“
Eines Tages seien Julius Junior und sie ziemlich spät nach Hause in den Alten Ummenwinkel gekommen, da hieß es: „Du wirst gesucht, da war jemand vom Jugendamt. Aber ich war gleich schwanger. Da habe ich meine Mutter angerufen und hörte: ‚Komm du nur nach Hause, dein Papa wird das sicher nicht akzeptieren! Wir gehen doch heim (zurück in die Tschechoslowakei), ich muss doch heim zu den Kindern!‘ Wir haben sie hingehalten, bis Julius („bürgerlicher“ Name ihres Sohnes Tschawelo, Jahrgang 1972) zur Welt gekommen ist. Da bin ich zusammen mit Julius (Junior) und dem drei Wochen alten Baby zu Mama (nach Stuttgart). Sie hatte ein Zimmer gehabt von der Fabrik.“ Abschließend habe ihre Mutter gesagt: „‚Weißt, J. (abgekürzter Sintiname von Julius Junior), ich gehe schweren Herzens nach Hause, aber du bist ein guter Mann, ich weiß, dass du gut zu ihr bist.‘
Aber deren Ehe ist daran kaputtgegangen, denn er hat es nie verziehen.“15 Tägliche Vorwürfe an seine Frau waren: „‚In einem fremden Land hast du unsere Tochter alleine zurück gelassen. Du hättest besser auf sie aufpassen sollen!‘“ Doch es gab auch weitere Gründe, weshalb die Ehe zerbrach: „Mein Vater war enttäuscht, dass Mama zurückgekommen ist. Er wollte es schaffen, das Land Tschechoslowakei zu verlassen. Das war immer schon sein Traum, sagte Mama heute bestimmt fünf Mal.
Mein Vater stammte aus einer sehr berühmten Familie mit Ländereien und Musikern in Ungarn und Spanien. Mein Vater – er war halb Gadscho16– wurde abgelehnt, weil er eine Zigeunerin geheiratet hat.“17
Martha in Ummenwinkel war immer noch äußerst reserviert und zeigte strikte „Zurückgezogenheit“. Doch dort, bei der Schwiegermutter, war jetzt der Magdalena zugedachte Aufenthaltsort. Sie wusste sich zu behelfen.
„In der Schwangerschaftszeit war ich immer mit Julius unterwegs, immer mit Julius fort. Da lernte ich die Arbeit von Julius kennen, aber dass es (in Ummenwinkel) keine Klos gab, kein Wasser (in den Baracken), oft Stromausfall, das lernte ich (ebenfalls) kennen. In Košice hatten wir fließendes Wasser, Dusche, Badewanne!“18
„Plötzlich im siebten Himmel“
Auf einmal war alles anders. Der gordische Knoten war durchschlagen. Eineinhalb Monate vor dem siebzehnten Geburtstag seiner Mutter erblickte Martha Guttenbergers erstes Enkelkind Tschawelo das Licht der Welt „Jedes Kind ist ein Zeichen der Hoffnung für diese Welt!“ sagt ein Sprichwort. Zudem ist „ein erstes Kind oder ein erstes Enkelkind ... bei uns etwas Besonderes, ein Geschenk des Himmels, das besonders in Ehren gehalten wird“, teilt Dotschy Reinhardt mit.19
Martha Guttenbergers Enkel Tschawelo auf einer Kutsche seines Großvaters Julius Senior, dahinter eine Baracke aus der NS-Zeit, Alter Ummenwinkel, Mitte/Ende der 70er Jahre.
Familienbesitz.
„Alle Fünf – Oma, Julius Senior (Jahrgang 1922), Julius Junior, Veronika (Jahrgang 1946) und ich selber – waren plötzlich im siebten Himmel“, erläutert Magdalena Guttenberger, die Schwiegertochter von Martha Guttenberger und die Mutter von Tschawelo. „Dies war das schönste Erlebnis mit Oma. Dass er gelernt hat zu laufen, ist ein wahres Wunder, der war immer in den Armen! Seit 25 Jahren war dies das erste Kind in der Familie, denn der Vater Julius (Junior), war gerade 25 Jahre alt.“20 Für Martha Guttenberger war es seit je Lebenszweck und Erfüllung, nur für ihre Familie da zu sein, für ihren Mann, für ihre Kinder und für ihre Enkel.21
„Wir waren dann beste Freundinnen!“
„Nach einem halben Jahr hat Oma mir gegenüber ihre Zurückgezogenheit aufgegeben. Wir waren dann beste Freundinnen. Als erstes haben wir gleich mal die Baracke verändert.22Die Baracke war bislang einfach mit weißer Farbe gestrichen. Veronika erzählte mir, sie hätte mal Tapeten gesehen. Wir haben dann beschlossen, in einen Laden zu gehen, da, wo jetzt der Obi ist. Dort haben wir Tapeten gekauft und uns alles erklären lassen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir mit fröhlichen Farben die Wohnung verändert. Wir haben auch eine Rolle gekauft, auf der mit Hartgummi oder etwas ähnlichem Blumenmuster darauf waren. Dann haben wir alles weiß gestrichen und mit dieser Rolle grüne Blumenmuster darauf angebracht. So etwas kannte ich auch aus der Slowakei.“23
Die Geburt des Enkels Tschawelo im Jahr 1972 beflügelte alles, verlieh Energie für neue Aufbrüche. In jener Zeit arbeitete Julius Junior viel, damit das Geld hereinkam, das für das Kind nötig war: „Früher, wo mein ältester Sohn auf die Welt gekommen ist, da hat es nicht gelangt, dass ich einmal weggefahren bin und abgeladen habe. Da bin ich zwei Mal weggefahren. Da habe ich Gas gegeben und geschafft wie ein Verrückter. Da habe ich von morgens bis abends geschafft, bei der Spedition Schlagmüller. Aber ich habe es gern gemacht. Ich tät‘s wieder machen. Ich tät‘s wieder machen, ja, doch, ja.“24 Die Männer waren deswegen den ganzen Tag unterwegs. Die Frauen waren daheim und konnten alleine über Themen reden, die gemieden wurden, als die Männer abends wieder zurückkamen, auch über Themen, mit denen die junge Mutter bald schwanger ging.
Martha Guttenbergers Sohn Julius Junior, ihre Schwiegertochter Magdalena und ihr erster Enkel Tschawelo, 1973.
Familienbesitz.
Dunkle Andeutungen und erste Fragen
Die Geburt von Tschawelo wie auch Fragen seiner jungen Mutter verursachten einige Wochen danach aber auch tief im Inneren der Oma weitere Geburtswehen. Diese Kontraktionen lösten bei Martha Guttenberger – gut 27 Jahre nach ihrer Befreiung – zunächst dunkle Andeutungen aus, die auf die NS-Verfolgung zurückgingen. Diese Andeutungen wie auch die am linken Unterarm eintätowierte Auschwitz-„Lagernummer“ erzeugten bei ihrer Schwiegertochter zunächst nichtsahnende Fragen, die – vorerst knappe – Antworten hervorbrachten. Die handschriftlichen Notizen, die Magdalena Guttenberger bei ihrem Dialog mit Martha Guttenberger ab da auf kleinen Rechnungsblöcken und Papier aller Art jahrzehntelang mitgeschrieben hat, bilden die Keimzelle und Kristallisationspunkte dieses Buches.
Zettel, auf denen Magdalena Guttenberger ab 1972 Gespräche mit ihrer Schwiegermutter festhielt, sind die Keimzelle dieses Buches.
Manuel Werner.
Im Folgenden ist dieser zumeist in Ummenwinkel geführte Dialog zwischen Schwiegertochter und „Oma“ den Lebens- und Leidensstationen von Martha Guttenberger zugeordnet. Die schriftlichen Notizen von Magdalena Guttenberger hierzu begannen bereits Ende des Jahres 1972 und endeten Ende 1998. Die Verschriftlichung dieses Dialogs ist eine große Leistung für eine Frau, die die deutsche Sprache nicht zur Muttersprache hatte, zumal sie bei Beginn der Notizen erst zwei Jahre in Deutschland war und Deutsch mühsam autodidaktisch lernte, ohne Sprachkurs.
Um die Geschehnisse besser einordnen zu können, die in den im Buch präsentierten Notizen von Martha Guttenbergers Erinnerungen zum Ausdruck kommen, werden zusätzlich die Lebensumstände von Martha Guttenberger und ihrem sozialen Umfeld ausführlich erläutert und nötiges Hintergrundwissen bereitgestellt.
Notizen aus Ummenwinkel
„Im November ist Tschawelo geboren. Mit der Geburt von meinem Sohn habe ich gemerkt, dass Martha psychisch krank war, denn da war ich plötzlich immer zu Hause, nicht mehr mit Julius weg. Ich war nur noch zu Hause. Wenn ich einkaufen bin, nahm ich mein Kind immer mit. Ich habe immer viel gelesen, damit ich Deutsch lerne. Ich las von Kindstod. Vater (Julius Guttenberger Senior) hat draußen Holz klein gehackt.“25 Dies war eine Gelegenheit für Magdalena, ihrer Schwiegermutter ohne Beisein von Männern die ersten Fragen zu stellen. Bald war sie auch soweit, die Fragen und die Antworten halbwegs auf Deutsch mitschreiben zu können.
Die Aufschriebe von Magdalena Guttenberger beginnen 27 Jahre nach der Befreiung ihrer Schwiegermutter durch „die Amerikaner“ bei Meerane in Sachsen mit:
„1972, kurz vor Weihnachten. Mein Junge war gerade vier bis fünf Wochen alt. Die meiste Zeit schlief mein Baby.
Warum ich unserer Oma, so nannten wir sie, Fragen gestellt habe, weiß ich nicht.
So aber fangen unsere jahrelangen Gespräche mit Fragen von mir an.
Wo bist Du geboren?
Wo hast Du gewohnt?
Hattest Du eine große Familie?
Wie viele Geschwister hattest Du?
Warum hast Du eine Nummer auf Deinem Arm eintätowiert?
Dein Mann hat auch eine Nummer.
Deine Nachbarin auch.
Deine beiden Schwägerinnen Maria und Amalie auch.
Ein Mann, Herr R., auch. Er wohnt in der Baracke links neben Euch.
Seine Frau auch.
Was ist das? Warum?“
Die Antwort von Oma war: „Das verstehst Du nie. Das versteht keiner auf dieser Welt!“26
Magdalena Guttenberger notiert Erinnerungen ihrer Schwiegermutter Martha Guttenberger, Alter Ummenwinkel, Sommer 1975.
Familienbesitz.
Nach diesen ersten Antworten wurde Martha Guttenberger einige Wochen später konkreter. Wieder stellte ihre Schwiegertochter viele Fragen, meistens an einem Sonntag. Oma erwähnte hierbei, dass sie und die anderen in der Hölle gewesen sei.
„Ach weißt Du, ich und die anderen waren in der Hölle!“
„Gibt es so etwas? Eine Hölle?“
„Ja! – Ich habe sehr viele Kinder gesehen, so wie Deines. Solche hatten keine Überlebenschancen. Ich habe so viele tote Kinder gesehen. Das glaubst Du nie!
Ich habe sterbende Kinder gesehen. Das glaubst Du nie!“
„Warum? Wo warst Du da? In einem Konzentrationslager?“
„In Auschwitz war es so schlimm!“
„Wo war das? Auschwitz?“
„Das weißt Du nicht?“
„Nein.“
„In Polen. – Ich war in vielen KZs.“
„Warum?“
„Haben Dir Deine Eltern nichts erzählt? Waren deine Eltern oder andere Angehörige von deiner Familie nicht im KZ?“
„Weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Bei uns gab’s so etwas nicht. Ich komme ja aus der Tschechoslowakei.“
„Ach ja, Tschechen habe ich gehasst in Auschwitz!“
„Warum?“
„Ha, die haben doch ein Kind gegessen. Diese Schweine! Deshalb war ich nicht glücklich, als mein Sohn Julius Dich zur Frau genommen hat.
Ich hätte alles akzeptiert, nur nicht Tschechen …“
Zwei Tage später hakte Magdalena Guttenberger nach, denn sie wurde das Bild des Kindes, das gegessen wurde, nicht mehr los.
„Haben die Menschen wirklich ein Kind gegessen? Du hast mir das gesagt vor zwei Tagen.“
„Ja, das stimmt. Ich hätte alles gegessen, Ratten oder eine Katze, wenn ich so etwas wenigstens gefunden hätte.“
„Wie hast du das gesehen?“
„Ich war mit vielen anderen Frauen auf dem Weg zum Arbeiten. Die Menschenschlange war unendlich lang. Ich lief in der Reihe außen. Auf einmal sehe ich, wie mehrere Frauen sitzen und sich wärmen an einer Feuerstelle mit einem großen Behälter. Der Behälter hatte eine ovale Form und es hingen Kinderarme und -beine heraus. Dieses Bild werde ich nie vergessen!“
Einige Tage später notierte Magdalena Guttenberger:
„Wie lange warst du im KZ?“
„Manchmal denke ich, bis heute.“
„Bis heute? Das verstehe ich nicht.“
„Ach heute – lass mal – weißt Du, wer dort war, bleibt in Gedanken sein ganzes Leben in Auschwitz.“
Mehr war nicht zu sagen an diesem Tag.
Später: „Ich habe was gesehen, was du nicht aufschreiben kannst, nichts für dich.“
„Bitte erzähle mir!“
„Das ist zu grausam. Unmenschlich.
Dort, wo ich war, das heißt, Vernichtungslager, Zigeunerlager.“
„Einige Tage später“, so schrieb Magdalena Guttenberger auf, „kam abends im Fernsehen ein Film mit Hildegard Knef. Sie spielte eine Krankenschwester. Hildegard Knef hat Oma immer gerne gesehen und auch ihre Lieder gemocht.“
Danach fragte Magdalena sie:
„Kannst Du mir sagen, warum und wieso Du im KZ warst? Wie ist es dazu gekommen?“
Daraufhin erzählte Oma:
„Mein Vater und meine Mutter wussten schon lange, dass einige Sinti plötzlich weg waren. Meistens hatte man nichts mehr von denen gehört.
Hast du nicht gewusst, was man von Sinti in Deutschland wollte? Dass man Sinti verhaftet hat? Nur, weil wir Sinti sind? Bei uns ist es halt so, dass wir uns ‚Sinti’ nennen und die Gadsche sagen ‚Zigeuner’.
Wie sagt man zu euch in der Tschechoslowakei?“
„Zigan.“
„Ja, ich habe viele Zigeuner im KZ gesehen. Aus der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Österreich, oh je, aus allen Herren Ländern.
Viele sind dortgeblieben.“
„Dortgeblieben?“
„Verhungert oder erschlagen, getötet … Oft habe ich gedacht: Wäre ich bloß tot!
Ich habe die Toten beneidet. Sie mussten nicht mehr leiden. So war es!“
1974 heirateten Julius Guttenberger Junior und Magdalena Guttenberger, geborene M., standesamtlich.27 Weitere Gespräche und weitere Notizen von Gesprächen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter folgten.
Sie werden im weiteren Verlauf an passenden Stellen des biographischen Ablaufs wiedergegeben. Doch zunächst stellen wir die Geburt, die Eltern, die Kindheit und die Lebensumstände ihrer Familie in Martha Guttenbergers Kindheit und Jugend vor.
Blick vom Kutschbock.
Marion Tichy.
Geburt in Önsbach
Die Lebensstationen von Martha beginnen in der damaligen Republik Baden. Der Händler und Seiltänzer Stefan Munk suchte am 31. März des Jahres 1921 das Standesamt in Önsbach auf. Heutzutage gehört Önsbach als zweitgrößter Stadtteil zu Achern und liegt im Ortenaukreis, der Anteil an der Oberrheinischen Tiefebene und am Schwarzwald hat.
Stefan Munk gab dort auf dem Standesamt an, dass tags zuvor nachmittags um zwei Uhr ein Mädchen „im Reisewagen“ geboren worden sei. Die Mutter war Maria Martha Kiefer (Jahrgang 1885). Er selbst sei wohnhaft in Rastatt und zurzeit in Önsbach. Das Kind habe den Vornamen Martha erhalten. Nachdem der Standesbeamte Eduard Weber alles notiert hatte, las er Stefan Munk die Angaben vor. Danach bestätigte dieser die Richtigkeit mit drei Kreuzen. Der Standesbeamte fügte hierbei die Notiz hinzu, dass die Angaben „mit dem üblichen Handzeichen markiert“ seien.28
Ihre verschiedenen Namen
Den Sinti-Vornamen Nascheli erhielt das Mädchen wie üblich erst im Laufe ihrer Kindheit. Sie hatte ihn „nicht von Geburt an, so etwas ergibt sich“, erläutert ihre Schwiegertochter Magdalena Guttenberger. Dieser Name aus der Sprache Romanes29 bezieht sich darauf, dass sie als Kind schnell war in ihrer Fortbewegung.
Manuel Werner (Jahrgang 1958, nachfolgend abgekürzt MW): „Wie kommt man auf den Namen Nascheli?“ – Magdalena Guttenberger (MG): „Haha, auf die Idee kommst du gar nicht. Oma hat gesagt, wenn ihr Vater mit Pferden und Wagen gefahren ist, dann lief sie neben der Deichsel, gleich schnell wie die Pferde, sie konnte das. Von daher hat sie ihren Namen Nascheli bekommen, vorher hat man sie Martha genannt.“30
Im Lagerbuch von Auschwitz ist „Nascheli“ beziehungsweise Martha mit dem falschen Vornamen Anna Reinhardt eingetragen. Doch nach diesem Eintrag und nachdem ihre Lagernummer auf ihren linken Unterarm tätowiert wurde, war sie für die, die dort das Sagen hatten, nur noch eine Nummer, Z-5656. „Nach Auschwitz“ erscheint wieder der Vorname „Martha“ in amtlichen Schreiben und mit diesem Vornamen unterschrieb sie auch, nach ihrer Verheiratung dann mit dem Nachnamen Guttenberger. Dieser Vorname ist auch in ihrer Geburtsurkunde bezeugt. Die Bauern, bei denen sie hausierte und von denen sie „Brot, Eier, Speck oder Kartoffeln“ bekam, nannten sie ebenfalls Martha. „Sie meinte, die Bauern vermissten sie, sie warteten auf sie, alle nannten sie Martha“, lässt ihre Schwiegertochter Magdalena Guttenberger wissen31 In der Regel wurde Martha Guttenberger von Familienmitgliedern „Oma“ genannt, seit der erste Enkel da war. Eine von ihr akzeptierte Gadschi32, Christine Stuhler-Seidel (Jahrgang 1972), sagte zu ihr auch „Oma Guttenberger“. In Ummenwinkel sprachen zu Marthas Lebzeiten nur ihr Mann Julius Senior und ihre Schwägerinnen Amalie (Jahrgang 1920) und Maria (Jahrgang 1919) sie mit ihrem Sintinamen „Nascheli“ an. Außerhalb des engsten Familienkreises hatte sie mit anderen Sinti und sowieso mit Gadsche kaum Kontakt: „Sie hatte nie (andere) Menschen (als die ihrer engeren Familie) um sich gehabt. Nur sehr selten ...“33 Dazu nannte nur Ingeborg Geddert (Jahrgang 1935) aus der benachbarten Ortschaft Berg, eine Gadschi, sie Nascheli. Von den Gadsche durfte zu ihren Lebzeiten „nur sie sie so nennen. Sie haben sie als ehrliche Frau gesehen, die zu uns Sinti ehrlich gehalten hat, mit oder ohne Fehler. Ihr hat sie auch anvertraut, dass man ihren kleinen Josef (Jahrgang 1939), den (Stief)bruder von meinem Mann, getötet hat in Auschwitz. So ergab sich eine ganz tiefe Freundschaft mit Frau Geddert.“34 Die Schwiegertochter Magdalena und die Kinder nannten sie „Oma“ und auch heute nennt man sie, wenn man über sie spricht, „Oma“, auch außerhalb des engeren Familienkreises. Neben dem Vornamen Martha verwendet man heute auch ihren Sintinamen Nascheli. All diese Bezeichnungen und somit auch der bürgerliche Vorname und der Sintiname werden respektvoll und nicht distanzlos ausgesprochen und haben in unserem Text genauso respektvolle – und nicht distanzlose – Bedeutung. Auf der Rückseite einer Fotografie aus dem Jahre 1982 ist ein Text auf Romanes geschrieben. In diesem Text wird sie „Omi“ genannt beziehungsweise geschrieben.
Die Mutter von Martha Guttenberger
Die Mutter von Nascheli war Maria Martha Reinhardt, geborene Kiefer. Sie wurde am 15. Januar 1885 in Nendeln (Nendeln, Gemeinde Eschen) im Fürstentum Liechtenstein geboren und selbstverständlich hatte auch sie einen Namen innerhalb ihrer Sinti-Gemeinschaft: K. (anonymisierend abgekürzt).35 Maria Martha Reinhardt ging „hausieren“, die Familie hatte Pferde und Wagen und war in den warmen Jahreszeiten meist auf der Reis’. Für die musikalischen Auftritte ihres Mannes Karl Reinhardt und ihrer Söhne nähte sie Hemden und Anzüge. Maria Martha Reinhardt wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet (wohl am 8. September 1943).
Munk
Als Familie von Seite des leiblichen Vaters ist in Familie Guttenberger der Name Munk in Erinnerung, wie ja auch die Geburtsurkunde verlautet. Ein Großvater von Martha Guttenberger sei Gadscho und von Beruf Förster gewesen, wobei hier nicht ganz sicher ist, ob Familie Munk, Familie Reinhardt oder – dies aber unwahrscheinlicher – Familie Kiefer gemeint ist.36
Von Karl Reinhardt als Kind anerkannt
Als Nascheli vier Jahre alt war, heiratete ihre Mutter, Maria Martha, geborene Kiefer, in „Wald-Michelbach, Kreis Heppenheim (Hessen)“ den „Händler und Musiker Karl Reinhardt aus Niederramstadt bei Darmstadt“.
Beide waren „ohne festen Wohnort“, so die Sprache der Behörden.37 Der Ort der Heirat, Wald-Michelbach, liegt wie Niederramstadt im Naturraum Odenwald, gehörte zu jener Zeit zum Volksstaat Hessen und liegt ungefähr fünfzig Kilometer vom Geburtsort des Ehemannes entfernt. Außer Nascheli brachte ihre Mutter laut Erinnerung von Martha Guttenbergers Sohn Julius Junior noch „einen Jungen mit in die Ehe“.38
Als Nascheli sechs Lenze zählte, erkannte Karl Reinhardt sie vor dem „Amtsgericht B 2 Karlsruhe“ am 27. Oktober 1927 als „das seinige“ Kind an.39 Ab da trug Martha den Mädchennamen Reinhardt als Nachnamen. Karl Reinhardt hatte auch da keinen „festen Wohnort“. Der Standesbeamte Otto Hildebrand notierte dies am 1. März 1928 im Geburtenbuch auf der Seite über Martha.
Der Sintiname von Karl Reinhardt, S. (abkürzend anonymisiert), lässt vermuten, dass er zur Zeit der Namensentstehung als ein hübscher Mann angesehen wurde. Geboren wurde er am 13. Februar 1886 (am wahrscheinlichsten, laut Suchdienst Arolsen) oder am 13. Februar des Jahres 1885 (aus anderer Quelle am 10. Februar 1885) in Nieder-Ramstadt, heute ein Ortsteil der Gemeinde Mühltal im Landkreis Darmstadt-Dieburg in Hessen. Diese Ortschaft liegt im Odenwald, einem bewaldeten Mittelgebirge. Zahleiche Mühlen befanden sich dort, weshalb die Gesamtgemeinde heute Mühltal heißt. Durch Nieder-Ramstadt fließt die Modau, die dann Richtung Westen die Oberrheinische Tiefebene erreicht und schließlich in den Rhein mündet.
Karl Reinhardt war Geigenbauer. Zudem verkaufte und reparierte er Geigen und ähnliche Instrumente.40 Zusammen mit seinen Söhnen machte Karl Reinhardt auch erfolgreich Musik. Nach der von seinem Enkel Julius Junior (Jahrgang 1948) überlieferten Familienerinnerung hatte er – wohl von 1939 bis 1943 – in Dallau ein eigenes Zimmer, in dem Geigen und andere Instrumente an den Wänden hingen. Diesen Raum durften die Kinder nicht
Karl Reinhardt mit selbst gebauter Geige.
Martha, vorne, in der Mitte Karl Reinhardt mit einer selbst gebauten Geige, Mitte der 20er Jahre.
Beide Familienbesitz.
betreten. Er wurde penibel sauber gehalten und war für Käufer gedacht.41 Bis zu ihrer „Festsetzung“ in Mosbach im Herbst 1939, danach 1940 in Dallau mit der anschließenden „Deportation“42 nach Auschwitz-Birkenau im März 1943 hielt sich Martha mit ihren Eltern und denjenigen Geschwistern, die mit im elterlichen Haushalt lebten, hauptsächlich „im Badischen“ und im „Hessischen“ auf. Auch der Vater von Martha, die damals mit Nachnamen Reinhardt hieß, wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet (wohl am 25. Oktober 1943).
„Immer auf der Reis’“
Was die Behörden in der Geburtsurkunde von Martha „ohne festen Wohnort“ nennen, bezeichnet Julius Guttenberger, der Sohn von Martha, anders:
„Die waren halt immer auf der Reis’ (Reise)‘“. „Auf der Reis’“, diese Formulierung kann oft beinhalten, dass man zum Beispiel im Winterhalbjahr oder generell eine feste Station als Bezugspunkt hat. Dies konnte in den 20er und 30er Jahren ein Platz bei einem Bauern oder einem Gastwirt sein, dies konnten Räume in einer Gastwirtschaft sein. Dies konnte auch ein von den Behörden sogenannter „fester Wohnort“ sein, ein Haus, eine Wohnung. Während Julius Guttenberger Junior seine Vorfahren väterlicherseits für die Zeit ab den 20er Jahren als Ravensburger bezeichnet, sagt er über seine Vorfahren mütterlicherseits: „Bei meiner Mutter hingegen, die waren halt immer „auf der Reis’“.43 Magdalena Guttenberger betont in diesem Zusammenhang: „Aber was Oma mir gesagt hat – Oma hat mit mir mehr gesprochen als mit ihm: Die waren schon immer über die Winterzeit in Wohnungen.“ – Julius Guttenberger Junior (Jahrgang 1948, nachfolgend auch mit der Abkürzung JG): „Über Winter, ja.“ – Magdalena Guttenberger (Jahrgang 1956, nachfolgend auch mit der Abkürzung MG): „Genau. Immer.“44
Verschneite Planwagen im Winterquartier, Raum Ravensburg.
Haus der Stadtgeschichte Ravensburg/Stadtarchiv.
Aber auch die Vorfahren aus Ravensburg gingen zu jener Zeit – temporär – „auf die Reis‘“.
Und wenn Martha Guttenberger mit Familienangehörigen in der Nachkriegszeit „auf die Reis‘ ging“, beinhaltete dies stets, dass sie in Ummenwinkel wohnte, von dort aus startete und dorthin wieder zurückkehrte – dies ist zwar eine Selbstverständlichkeit, die Insider nicht für erwähnenswert halten mögen, dennoch kann es für manche Leser erhellend sein, dies hier zu betonen. Der von der Mehrheitsbevölkerung verwendete Begriff „sesshaft“ beziehungsweise sein Gegenstück „nicht sesshaft“ hat für uns Autoren in diesem Zusammenhang eine seltsame Konnotation. Denn wird er – außer auf Sinti und Roma – auch für andere Gruppen, wird er für die Mehrheitsbevölkerung verwandt? Wird ein Angehöriger der Mehrheitsbevölkerung gefragt: „Wie lange sind Sie schon sesshaft?“. Und weshalb betrieb die Polizei bis fast in die Gegenwart eine Sondererfassung für Sinti und Roma mit spezifischen Kürzeln wie „HWAO“ für „Häufig wechselnder Aufenthaltsort“ oder „MEM“ für „mobile ethnische Minderheit“, obwohl die Betreffenden einen Wohnsitz hatten und viele Sinti und Roma gar kein „Reisegewerbe“, kein ambulantes Gewerbe betrieben und betreiben?
Woraus speist sich dieses und anderes vermeintliche kollektive „Wissen“ in der Mehrheitsbevölkerung?
Auf die Reis’ zu gehen, das hatte mit – oft familiär tradiertem – Broterwerb zu tun. Wenn viele Berufsfelder nicht in Frage kamen, blieben als Nischen, als verbleibende Aktionsräume mitunter ambulante Gewerbe. Ambulante Berufe waren und sind untrennbar mit Ortswechseln, meist saisonal, verbunden. Nach der NS-Zeit war das Reisen auch eine Möglichkeit, mit anderen Sinti als denen am Wohnort eine Zeitlang zusammen zu sein.
Auf die Reis’ gehen – das konnte bei Martha Guttenberger, ihrer Herkunftsfamilie und der Familie Guttenberger, in die sie einheiratete, heißen, dass man zu Fuß unterwegs war, vielleicht ein Fahrrad mit aufgesatteltem Gepäck mitschob, oder einen Kinderwagen oder ein „Bernerwägele“ – einen Leiterwagen, auf dem man das Gepäck hatte.
Auf die Reis’ gehen, das konnte bei Martha Guttenbergers Herkunftsfamilie und bei der, in die sie einheiratete, heißen, dass man mit Pferd und Planwagen unterwegs war, mit Pferd und Schaustellerwagen oder mit Pferd und Kutsche. Oder ab den 60er Jahren mit dem Auto, anfangs einem Dreiradauto, dann einem Auto mit Pritsche, später auch mit Auto und Wohnwagen.
Die heutige mündliche Überlieferung der Familie Guttenberger wird zwangsläufig geringer und unschärfer, wenn sie die 20er und 30er Jahre thematisiert. Dennoch ist bei Julius Junior noch einiges im Bewusstsein.
Weiteres kann man aus schriftlichen Quellen erschließen, aus den Geburtsorten von Kindern zum Beispiel. Mit ihren Eltern und Geschwistern hielt sich Martha Reinhardt, später verheiratete Guttenberger, hierbei hauptsächlich im Badischen auf, zwischen Odenwald und Spessart im Norden und der Schweizer Grenze, dem äußersten Südwesten von Baden im Süden, oft an Rhein und Neckar und deren Seitenflüssen. In besagtem Raum liegt ja auch der Geburtsort von Martha Guttenberger, Önsbach, mitunter kam die Familie allerdings auch ins Württembergische, Bayrische und nach Vorarlberg in Österreich. Auch aufgrund der Geburtsorte der nachgeborenen Geschwister kann man den hauptsächlichen Aufenthalt in diesem Gebiet belegen: Waldmichelbach (heute ein Ortsteil der Gemeinde Bessenbach im Landkreis Aschaffenburg in Bayern), 1925; Grenzach (heute Grenzach-Wyhlen im Landkreis Lörrach), 1932 bis 1936; zwischendurch Sulz (hierzu sind verschiedene Orte denkbar, wahrscheinlich handelt es sich um Sulz am Neckar), 1933; Ettlingen (bei Karlsruhe), 1936 bis 1937; und 1938 in Stuttgart und Vaihingen. Danach lebte die Familie bis zum Frühjahr 1939 in Schruns, dem Hauptort des Montafons (Vorarlberg). Im Frühjahr 1939 war von der Familie zumindest die damals hochschwangere Martha in Lobenfeld, wo sie ihren ersten Sohn zur Welt brachte. Anschließend waren sie bis März 1943 in Dallau (heute ein Ortsteil von Elztal im Neckar-Odenwald-Kreis) „festgeschrieben“. Aber auch in der Familienerinnerung ist dieses Gebiet als Aufenthaltsraum noch verankert. So erinnert sich der Sohn von Martha Guttenberger, Julius Guttenberger Junior (Jahrgang 1948), dass seine Vorfahren väterlicherseits bereits wie er im Oberland lebten. Seine Vorfahren mütterlicherseits hingegen seien im Unterland unterwegs gewesen, „Unterland hat man früher immer gesagt, also im Badischen war das“.45
Otto Pankok, Novemberwind.
Mit Genehmigung der Museumsleitung des Otto-Pankok-Museums und der Vorsitzenden des Vorstands der Otto Pankok Stiftung.
„Wir mussten so leben, um zu überleben!“
Julius Guttenberger Junior: „Sie haben einen Schaustellerwagen gehabt, als sie im Badischen unterwegs waren.“46 Magdalena Guttenberger erinnert daran, dass die Familie von Martha damals „arm ohne Ende“ war und die Eltern mit Martha auch mit einem „Planwagen“ unterwegs waren.47 Julius Junior und Magdalena Guttenberger stellen dazu klar: „hätten sie eine andere Möglichkeit gehabt, dann hätten sie nicht so gelebt!“ Martha habe „oft gesagt, du konntest nichts tun: Wo du hinkamst, gab es nur Ablehnung. Zigeuner zu sein und dein Aussehen als dunklerer Mensch war schon Grund genug, nicht wie andere zu leben! Wir mussten so leben, um zu überleben.“48
Ein Fahrtenbuch und für die Schule ein „Büchle“
Über ihre Kindheit habe Martha ansonsten nicht viel erzählt, so Julius Guttenberger Junior (nachfolgend auch mit dem Kürzel JG bezeichnet). Er erinnert sich aber, dass sie „überall regelmäßig in den Schulen“ war. „Als sie dann auf der Reis’ waren, hat sie ein Büchle gehabt, also das war so ein ‚Schulerbuch‘, wo sie immer eingetragen wurden.“ – MW (Manuel Werner): „Wie lang sie wo gewesen sind ...“ – JG: „Ja. Und ... was sie gelernt (haben), was für ein Fach, da haben sie immer (eingetragen) gekriegt. Und früher hat man auch so ein Buch gehabt, so ein Fahrtenbuch oder so was ... Ja, und dann haben sie auch Bücher führen müssen. Sie haben sich ja immer abmelden müssen, wenn sie in einem Dorf irgendwo waren, und sind an dem anderen Dorf wieder angemeldet worden. Und da haben sie ein Büchle gehabt, wo sie waren. Also das war ja vor dem Krieg strenger wie nach dem Krieg. Da haben sie müssen ja alles eintragen lassen.“ – MW: „Weil alles überwacht wurde ...“ – JG: „Ja, genau! Ich weiß noch, meine Tante hat so ein Büchle gehabt, also von meinem Großvater (Franz Guttenberger, Jahrgang 1884). Aber ob das noch existiert, weiß ich nicht.“49
Eine Handschrift „wie gemalt“
Martha Guttenberger erarbeitete sich eine sehr schöne Handschrift. „Wenn die geschrieben hat, Manuel, so was Schönes hast du noch nie gesehen! Diese Schrift, wie gemalt! Diese Schrift: perfekt“, schwärmt Magdalena Guttenberger. Allerdings konnte ihre Schwiegertochter diese Sütterlinschrift nicht lesen: „Sie hat was geschrieben und hat gesagt: ‚Mädle, des kannst du nicht lesen!“50
Martha Guttenberger – und ihre Tochter Veronika wie auch ihre Schwiegertochter Magdalena Guttenberger – gehörte somit über Jahrzehnte zu den wenigen Sinti in Ummenwinkel, die mühelos lesen und schreiben konnten, wenn wir Ursula Lukassen (Jahrgang 1948) folgen, die Mitte der 80er Jahre die Kinder in der Spielstube mitbetreute. Insbesondere die erste Generation „nach Auschwitz“ hatte allem Anschein nach hierbei große Defizite. Denn Ursula Lukassen schrieb noch im Jahr 1986, dass die Eltern der Kinder der Spielstube „zum größten Teil Analphabeten“ seien.51
Stolz auf die Kinder
Über zwei überlebende Brüder von Martha, Caspar Reinhardt (wohl Jahrgang 1923, abgekürzter Sintiname: D.) und auch S. Reinhardt (Jahrgang 1916, abgekürzter Sintiname: S.), erinnern sich Julius Junior und Magdalena Guttenberger aus Erzählungen, man habe sie „mit sieben, acht Jahren auf den Tisch gestellt“ und sie haben „Geige spielen müssen“. Ihr Vater, Karl Reinhardt, „war so stolz wie ich auf meine Kinder“, lässt Julius Junior wissen.
Auch Martha habe mit ihren Brüdern Musik gemacht. Alle hätten „werktags geschafft (= gearbeitet)“. „Zwei“ hätten „Kohlen transportiert, Säcke ausgeleert, geschleppt“. Martha sei auch in einem „Haushalt in Stellung“ gewesen.52 „In Stellung“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sie als Dienstmädchen zeitweise – meist für ein Jahr – in einem anderen Haushalt arbeitete und wohnte. Diese Erinnerungen an Erwerbsmöglichkeiten lassen sich nicht genau einordnen. Eventuell knüpfen sie bereits an „die schlechte Zeit“ an, an die Hitlerzeit, als es „von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz“ ging und das „Reisen“ mit Haft sanktioniert wurde, eventuell an die Zeit zuvor.
Drei Herrenanzüge aus Nadelstreifen-Stoff
Die Mutter von Martha, mit Sintinamen K. (Maria Martha Reinhardt, geborene Kiefer) wurde von einer Gadschi gefragt, ob sie für jemanden in ihrer Familie beten könne, der krank war. „Wenn er gesund wird, dann kriegst etwas!“, hieß es. Nachdem das Familienmitglied genesen war, erbat sich Maria Martha Reinhardt Stoff, um Anzüge für die Auftritte ihres Mannes und ihrer Söhne damit herstellen zu können. Sie erhielt Nadelstreifen-Stoff.
Daraus ließ sie von einem Schneider drei Hosenanzüge nähen.53 Das Klischee der Gadsche, der Dominanzbevölkerung, Sinti- oder Roma-Frauen seien für Gesundbeten und Wahrsagen besonders prädestiniert, verhalf in diesem Fall zu einem besseren Status als Musiker, denn „Kleider machen Leute“.
„Immer auseinandergetrieben“
Magdalena Guttenberger teilt über diese Zeit Repressionen aufgrund des politischen Antiziganismus mit. Dadurch war es oft erschwert bis unmöglich, als großer Familienverband zusammen zu bleiben: „Die Sinti-Familien in Deutschland mussten immer fliehen. Meistens hatten sie viele Kinder damals! Um sich zu schützen, blieben sie absichtlich nicht zusammen. Meistens zogen die, die heirateten, wo anders hin.“54
Auch Julius Guttenberger Junior erinnert sich an Erzählungen, die Verordnungen und Ausführungsweisen zum Thema haben, welche seinen Sinti-Vorfahren und auch denen seiner Mutter das gemeinsame Reisen wie auch den Aufenthalt einschränkten: „Die haben schon nicht mehr als Gruppe reisen dürfen. Wenn Polizei gekommen ist, haben sie sie immer auseinandergetrieben. Da hat man keine Gruppe aufbauen dürfen, damit nicht viele zusammen kommen, und da – unterm Hitler – hat man die Leut’ immer auseinandergetrieben.“55
Schon vor der „Hitler-Zeit“ wurden Einschränkungen geschaffen und dies – ausgehend von Maßnahmen im Kaiserreich – anschließend von einem demokratischen Staat. So wurden zwischen 1900 und 1933 in Deutschland etwa 150 Sonderverordnungen gegen sogenannte „Zigeuner“ erlassen.
Darin taucht auch mit dem Verbot des „Reisens in Horden“ der Begriff „Horde“ auf. Laut Duden steht „Horde“ – „häufig abwertend“ – für eine „(in bestimmter Absicht umherziehende) ungeordnete (wilde) Menge, Schar, deren man sich (in gewisser Weise) zu erwehren hat“. In der sogenannten „Völkerkunde“ ist laut Duden eine „ohne feste soziale Ordnung lebende Gruppe verwandter Familien mit gemeinsamem Lagerplatz“ gemeint. Ohne feste soziale Ordnung, wild – diese Unterstellungen trafen in solchen Fällen nicht zu. Die Definition der Anzahl von Gruppenmitgliedern, die zusammen reisen oder rasten durfte, wenn sie als „Zigeuner“ klassifiziert waren oder „erkannt“ wurden, war zudem sehr eng gefasst. Die Erinnerung von Julius Guttenberger Junior an das Auseinandertreiben beruhen auf diesem Verbot des „Reisens in Horden“.
Gemäß dem Erlass des badischen Innenministeriums vom 12. Januar 1937 sollte sogar „uneheliches Zusammensein“ bei Reisenden durch Trennung unterbunden werden.56 Für Sinti galten solche Paare jedoch als verheiratet, auch ohne Trauschein. Bereits zuvor hatte das Innenministerium am 11. März 1936 angeordnet, dass Fahrerlaubnisse „bei Zigeunern und nach Zigeunerart umherziehenden Personen in der Regel zu verneinen“ seien.57
All diese Bestimmungen standen nicht im Einklang mit der in der Reichsverfassung festgeschriebenen Freizügigkeit, die einer Person die freie Wahl des Wohn- und Aufenthaltsortes gestattet. Für die Existenz der Familiengemeinschaften stellte dies eine große Bedrohung dar. Zudem schränkte diese Anordnung die Vermittlung von Traditionen und Kulturgut ein und erschwerte Formen des Gewerbes, die mit Ortswechseln wie auch arbeitsteiliger Herstellung verknüpft waren.58
In der NS-Zeit kam es zu einer stetigen Steigerung und Verschärfung solch rassistischer Maßnahmen. So ist in dem Runderlass des „Reichsführers SS und Chef der Deutschen Polizei“ Heinrich Himmler (Jahrgang 1900) im „Reichsministerium des Innern“ zur damals sogenannten „Bekämpfung der Zigeunerplage“ vom 8. Dezember 1938 bestimmt: „Zigeuner, Zigeuner-Mischlinge und nach Zigeunerart umherziehende Personen, die in Horden reisen oder rasten, sind zu trennen ... Als Horde gilt die Vereinigung mehrerer einzelstehender Personen oder mehrere Familien oder die Vereinigung einzelstehender Personen mit einer Familie, der sie nicht angehören.“ Mehr als ein Jahrzehnt zuvor wurde das „Zusammenreisen in Horden“ in einem Schreiben des Bezirksamts Sinsheim folgendermaßen definiert: „Ein Reisen in Horden liegt vor, wenn Zigeuner usw. nicht einzeln oder (nicht) nur von ihrer nächsten, wirtschaftlich noch nicht selbständigen Familienangehörigen begleitet werden, wenn also z.B. zwei erwachsene Brüder oder Vater und Sohn mit ihren Familien miteinander umherziehen“.59
Laut der Familienerinnerung sollen diese ohnehin drastischen Bestimmungen in Württemberg schärfer durchgesetzt worden sein als in Baden und waren in der NS-Zeit dort noch drastischer zu erleben. Im Hinblick auf die Familie mütterlicherseits stellte Julius Guttenberger Junior klar: „Die haben Württemberg vermieden, ob auf der Reise, oder als Wohnsitz. In Württemberg war es schlimmer als im Badischen ...
Die haben schon nicht mehr als Gruppe reisen dürfen. Wenn Polizei gekommen ist, haben sie sie immer auseinandergetrieben.
Aber bei uns, vor dem Krieg (2. Weltkrieg), – da waren sie halt immer gesessen, das hat sie mir erzählt – wenn sie weggefahren sind, und es waren ihre Onkel oder ihre Tanten dabei, dann hat man sie auseinandergetrieben.
Da hat man keine Gruppe aufbauen dürfen, damit nicht viele zusammenkommen, und da – unterm Hitler – hat man die Leut’ immer auseinandergetrieben.“60
„So hat man sich wiedergefunden“
Doch wie fand man sich damals wieder, ohne Handy und nur mit Pferdewagen unterwegs? Julius Guttenberger Junior erläutert dies: „Früher hat man sich anders verständigt als heute, um sich wieder zu finden. Das wissen viele nicht. Da hat man sich zu helfen gewusst mit „Wegwarten“. Da hat man einen ‚Busch‘ gemacht, und da, wo eine Kreuzung gekommen ist, hat man dann in den Weg das niedergelegt. So hat man sich dann wiedergefunden. Wegwarte, das ist unsere Sprache. Auf Deutsch nennt man das:
Löwenzahn.“61 Ein Sinto (Jahrgang 1932) aus dem Zollernalbkreis erklärte hierzu im Jahr 1993 genauer: „Keiner hat ein Telefon gehabt“. Aber „wir haben gewusst, wo sie stehen, von wo sie sind ... Wenn die weggefahren sind, haben die das dem Bürgermeister gesagt. Dann bist du dort zum Bürgermeister hingefahren: ‚Ja, die Winter oder die Reinhardts stehen dort und dort. Im nächsten Dorf oder zwei Dörfer.‘ So hast du leicht die Leute gefunden. Und wir konnten doch die Zeichen machen, ... in welche Richtung wir fahren. Das waren ja kleine Kieswege ... Die Reis’ (= hier:
Reiser, Zweige) haben wir drei Mal zusammengebunden, dann waren das immer drei oder vier Kilometer ... Und … das, was wir vorne abgeschnitten haben, mit der Spitze, das haben wir dann in diese Richtung gelegt.“ Seine kleine Schwester habe immer auch schon danach Ausschau gehalten und dann immer gesagt: „Da, da, da, da, da!“ „Gegenseitig haben sie sich (auf diese Art) gefunden … Und da habe ich die Leut’ schon gesehen, da siehst die Wagen und meine Schwester hat sich gefreut.“ Dies sei auch in der „Zeit nach der Hamsterzeit“ bei ihnen so gewesen, damit meint besagter Sinto wohl Anfang der 50er Jahre.
„Immer einen Fluchtweg“
Julius Guttenberger Junior nennt auch Fluchtwege und -ziele: „Die Familie meiner Großmutter, die war oft auch an der Schweizer Grenze. Die Großmutter mütterlicherseits ist auch in der Schweiz, in Liechtenstein auf die Welt gekommen. Auch ich habe immer einen Fluchtweg gehabt. Wenn was passiert: Ab in die Schweiz!“62
„Zigeunerplage“, „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“, „Landfahrerverordnung“: Unheilvolle Kontinuitäten in Worten und Taten
Aus Vorstufen wie den sogenannten „Zigeunerzentralen“, deren erste im Jahr 1899 als „Nachrichtendienst für die Sicherheitspolizei in Bezug auf Zigeuner“ in der Polizeidirektion München gegründet wurde, entwickelte sich in der NS-Zeit bald die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Laut Duden kann man „Unwesen“ zum einen gehoben mit „übler Zustand, Missstand“ umschreiben, zum anderen mit „verwerfliches Tun; Unfug; Ruhe und Ordnung störendes Treiben“. Wie die zuvor bereits agierenden „Zigeunerzentralen“ der Polizei wollte auch die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ eine von ihr postulierte so genannte „Zigeunerplage“ vor allem mit dem Aufbau einer Personendatenbank und Verordnungen – den dann wirklichen Plagen, nämlich für die „bekämpfte“ Personengruppe – beheben.
Sprachbildungen wie „Zigeunerplage“, „Horden“, „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“, „Landfahrerverordnung“ belegen eine „bekämpfende“ Denk- und Sprechweise aufgrund von Gadsche-Rassismus. Diese Diskriminierungen kamen „von oben“ und wurden auch medial implementiert.
Auf der anderen Seite wurden „von unten“ Maßnahmen der Behörden gefordert. Mediale Diffamierungen und Äußerungen von Bürgern wie auch kommunalen Vertretern bedingten und verstärkten sich gegenseitig.
So klagten im selben Jahr, in dem Martha geboren wurde, im Bezirk Mosbach, in dem die Familie achtzehn Jahre später „festgesetzt“ wurde, die meisten Gemeinden über „Zigeunerplagen“ und Belästigungen.63
Als Martha knapp ein Jahr alt war forderte das Badische Ministerium des Innern eine „scharfe Kontrolle“ der „zuziehenden und ortsfremden Personen“. Als Grund hierfür nannte das Ministerium vage die „häufigen schweren Verletzungen der öffentlichen Sicherheit in letzter Zeit, insbesondere auf dem Lande“.64 Ein Merkblatt hierzu nannte konkretisierend solche Dinge wie Betteln, fehlende vorherige Anmeldung, Nutzung nicht hierfür vorgesehener Plätze, Wahrsagen, Gauklerei, Mitführen von Stock- und Schusswaffen, Hausieren ohne Wandergewerbescheine, Mitführen schulpflichtiger Kinder, „Hordenleben“.
Als Martha knapp zwei Jahre alt war, führte das badische Ministerium des Innern ein „Zigeunerpersonalblatt“ ein, das alle zwei Jahre erneuert werden musste. Diese Personalblätter wurden mit einem je aktuellen Foto und einem Fingerabdruck versehen und oben rechts mit einem „Z“ gekennzeichnet.65 Auch Marthas im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eintätowierte „Lagernummer“ wird später mit einem „Z“ beginnen ...
Martha war elf Jahre alt, als Adolf Hitler die Macht gegeben wurde. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte ihn am 30. Januar 1933 zum deutschen Reichskanzler. Nun begann „die schlechte Zeit“ für die Familie, für andere Sinti und Roma wie auch für Juden. „Schlechte Zeit“ beziehungsweise „schlimme Zeit“ nannte Marthas späterer Sohn Julius Guttenberger Junior die Zeit des Nationalsozialismus, die „Hitler- Zeit“ mit ihren vielen kleinen Hitlern. Dieser familiären Wortwahl folgen wir auch hier. Lebenslang war Martha Guttenberger stark enttäuscht darüber, wie schnell und dauerhaft vorherige Kameradschaften zu Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung brachen und in Scherben lagen. Zeitlebens blieb sie ob dieser entsetzlichen Verführbarkeit ihrer Kameradinnen und der Bezugspersonen ihrer Familie vom Abbruch der Beziehungen über das Boshafte bis hin ins Mörderische daher misstrauisch gegenüber Gadsche. Ausnahmen bestätigen hierbei die Regel.
Als Martha dreizehn Jahre alt war, führte die Polizei auf dem Gebiet Badens vom 23. bis zum 25. Mai 1934 eine ausgedehnte Razzia zur – wie es hieß – „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ durch. Sie stellte dadurch für diesen Zeitraum exakt 1019 sogenannte „Zigeuner“ fest. Wiederum fertigte die Polizei in dieser rassistischen Sondererfassung Personenkarten und Fingerabdruckblätter an.66 Eine weitere Razzia erfolgte eineinhalb Jahre später. Sie wurde von den Verfolgern Aktion „Wandererfürsorge, Bettleraktion, Zigeunerkontrolle, Ausländerkontrolle“ genannt.67
„Vor 33, als Oma noch ein Kind war, waren sie noch mit einem Schaustellerwagen und Pferden unterwegs“, erläutern Julius Guttenberger Junior und seine Frau.68„Aber als sie größer war, als die schlechte Zeit begann, durften sie nicht mehr reisen, deswegen hat Oma einen festen Wohnsitz gehabt“, ergänzt Julius Guttenberger.69 Die Verknüpfung mit der Information, dass sie damals „nicht mehr reisen durften“, kann auf das einfache Haus in Dallau hinweisen, als die Familie dort „festgesetzt“ war. Für die Jahre davor konkretisiert er: „Naja, im Winter haben sie schon eine Wohnung gehabt. Über Winter waren sie immer in Wohnungen … Ihre Brüder haben immer gespielt, haben ihr Geld mit Musik gemacht.“ Julius Guttenberger Junior erinnert sich daran, dass die Familie, die vorher „auf der Reis’“ war, nun „in der schlechten Zeit“ noch mehr bestrebt – oder gezwungen – war als vorher, „längere Zeit an einem Ort“ zu bleiben. Denn die Schikanen „auf der Reis’“ nahmen überhand. Karl Reinhardt sei ja Geigenbauer gewesen, da sei es ihm von diesem handwerklichen Gewerbe her möglich gewesen, an einem Ort zu sein und dieses auszuüben.70
Martha und ihr Bruder Caspar bei der Erstkommunion, ca. 1933.
Familienbesitz.
Die Erinnerung an die ersten sechs Jahre der „schlechten Zeit“ bleibt in der ersten Generation „nach Auschwitz“ unscharf. „Grenzach-Wyhlen an der Schweizer Grenze“ ist jedoch eine nachweisbare Chiffre hierfür. Diesen Ort im äußersten Südwesten Deutschlands am Dreistaateneck nennt Julius Junior als erstes zu diesem Thema.71 Tatsächlich scheint sich die Familie genau um diese Anfangszeit des nationalsozialistischen Regimes dort aufgehalten zu haben, so um 1932 bis 1936. Ob die dortige Grenznähe der Familie eine gewisse Beruhigung war?
Ansonsten ist der Name Stuttgart als wichtiger Bezugspunkt in Erinnerung. „Oma“, so weiß Magdalena Guttenberger noch, „hatte einen oder zwei Brüder in Stuttgart, die dort gemeldet waren. Der Vater von Oma hat seine Geigen immer in Stuttgart verkauft oder getauscht.“72 In diesem Zusammenhang erwähnt sie den Namen Hamma. Julius Guttenberger Junior ergänzt. „Das war eine Weltfirma, mit Geigen und mit Kontrabässen hat der gehandelt. Da hat mein Großvater von der Mutterseite mit dem immer Geschäfte gemacht. Wenn er ganz was Gutes gekriegt hat, dann hat er dem Hamma das hingeschickt, von weiter her auch.“73 Mit „Hamma“ ist der Stuttgarter Geigenhändler Fridolin Hamma gemeint, der 1928 die Geschäftsleitung der Stuttgarter Firma Hamma & Co übernahm. Neben der Londoner Firma W. E. Hill & Sons (1887–1992) war diese bedeutende Firma weltweit sowohl im Handel mit Altgeigen als auch in der Geigenherstellung tätig. Das Familienunternehmen bestand von 1864 bis 1982.
Martha Guttenberger selbst sagte über diese Zeit zu Magdalena Guttenberger:
„Meine drei Brüder waren beim Militär. Meine Mutter verkaufte Ware von Haus zu Haus. Sie ging hausieren. Mein Vater war Geigenbauer. Er handelte auch mit Geigen. Das war sein Leben. Mein Vater war sehr beliebt, auch seine Brüder.
Hochzeit von Marthas Bruder S. Reinhardt, rechts neben dem Bräutigam seine Eltern Karl Reinhardt und Maria Martha Reinhardt, Dillweißenstein, 4. März 1935.
Familienbesitz.
Sie konnten spielen, so was kannst du dir nicht vorstellen! Wir haben davon gut gelebt. Ich arbeitete in einer Schuhfabrik und habe immer die schönsten Schuhe angehabt. Schwarze mit kleinem Absatz und weißen Punkten. Meine Schwester arbeitete bei den Bauern. Wir haben Pferde und Wagen gehabt. In Sommer waren wir immer weg.“
„Wo wart ihr im Winter?“
„Immer im Haus. Meine Mutter nähte immer für Vater und Jungs die tollsten Anzüge, schöne Hemden für die Auftritte. Das war ein Muss! In unserem Haus, das wir von der Gemeinde gemietet hatten, hingen viele Geigen und Gitarren und in Vaters Zimmer waren auch viele Ersatzteile.
Seine größte Freude war, wenn er eine Geige repariert hat und sie für den Verkauf fertig war.
