Die kleine Sache Widerstand - Nils Klawitter - E-Book

Die kleine Sache Widerstand E-Book

Nils Klawitter

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit 15 Jahren klebt Melanie Berger Anti-Hitler-Zettel auf Häuserwände in Wien. Wenig später muss sie vor den Nazis fliehen – über Belgien bis in den Süden Frankreichs. Dort fliegt ihre Widerstandsgruppe auf, sie wird verhaftet und entkommt in einer halsbrecherischen Aktion aus dem Gefängnis in Marseille. Heute ist sie 102 Jahre alt – und eine der wenigen, die noch von damals erzählen können. Immer noch macht sich Melanie fast jede Woche auf, um Schüler:innen aus ihrem Leben zu berichten. Und von der Notwendigkeit des Ungehorsams. Lange kamen ihr die eigenen Erlebnisse nicht so bedeutend vor. Erst spät begann sie, davon zu erzählen. Von dieser »kleinen Sache«, die sie immer hintangestellt hatte und die im Schatten mächtiger Résistance-Erzählungen und preisgekrönter Exilliteratur verborgen blieb. Der SPIEGEL-Journalist Nils Klawitter erzählt ihre Geschichte: die Odyssee einer jungen Frau durch die Wirren des 20. Jahrhunderts, durch den aufstrebenden Faschismus und den Zerfall Europas in Diktaturen. Es ist eine Geschichte von Flucht und Verfolgung, vom Stillhalten in der Illegalität. Und eine Verbeugung vor unglaublicher Tapferkeit.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Nils Klawitter

DIE KLEINE SACHE WIDERSTAND

Wie Melanie Berger den Nazis entkam

Nils Klawitter

DIE KLEINE SACHE WIDERSTAND

Wie Melanie Berger den Nazis entkam

Czernin Verlag, Wien

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur, des Zukunftsfonds der Republik Österreich und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

Klawitter, Nils: Die kleine Sache Widerstand. Wie Melanie Berger den Nazis entkam / Nils Klawitter

Wien: Czernin Verlag 2024

ISBN: 978-3-7076-0845-8

© 2024 Czernin Verlags GmbH, Wien

Autorenfoto: Roland Fischer

Lektorat: Karin Raschhofer-Hauer

Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl

Druck: EuroPB, Příbram

ISBN Print: 978-3-7076-0845-8

ISBN E-Book: 978-3-7076-0846-5

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

Für Lenn, der immer gefragt hat.

INHALTSVERZEICHNIS

0 Verhaftet

1 Zu Hause

2 Beginnen

3 Nackt

4 Die Gruppe

5 Wiener Blut

6 Fliehen

7 Verbotene Liebe

8 Paris

9 Richtung Süden

10 Montauban

11 Gruppendynamik

12 Verhaftet

13 Gefangen

14 Im Räderwerk

15 Eingemauert in Marseille

16 Entkommen

17 Zu sich kommen

18 Gefangen in Freiheit

19 Zurückkommen

20 Wien und weg

21 Zu tun

Die Freunde und was aus ihnen wurde

Quellen

Dank

Über den Autor

0

VERHAFTET

Am Vormittag des 26. Januar 1942 überquert eine junge Frau in schwarzem Mantel, beigem Rock und gestrickten dunklen Strümpfen die alte Spitzbogenbrücke über den Tarn in Montauban. Im Abstand von wenigen Minuten folgen ihr zwei junge Männer. Gemeinsam sehen soll man sie nicht – hören besser auch nicht: Ihr Französisch ist holprig, untereinander sprechen sie Deutsch.

Die drei steuern auf ein heruntergekommenes Haus am anderen Flussufer zu. Nichts deutet darauf hin, dass hier die Keimzelle einer Untergrundorganisation unterwegs ist, wie es später in einem Polizeibericht heißen wird.

Die Frau zieht ihren Schal über Mund und Nase, es ist schneidend kalt.

Seit Wochen schon setzt der extreme Winter den Menschen zu, selbst in Südfrankreich. Vom Mittelmeer bis Moskau hat sich ein Tief breitgemacht, das sich nicht verzieht. In Cholm, einem Verkehrsknotenpunkt südlich von Leningrad, versuchen deutsche Verbände an diesem Vormittag bei minus 25 Grad der Einkesselung durch die Rote Armee zu entkommen. Vor dem Pariser Hotel Majestic, dem Sitz des deutschen Militärbefehlshabers, frösteln einige Chauffeure in ihren Mercedes-Limousinen, während drinnen in den wohltemperierten Räumen des Referats »Entjudung« letzte Details besprochen werden, um die Juden in Frankreich vor ihrer Deportation finanziell auszuplündern.

Und auf dem Polizeirevier von Montauban bereitet der trotz der Kälte leicht schwitzende Kommissar Philippe Pflugfelder eine Verhaftung vor.

Die junge Frau hat einen flotten Schritt. Sie heißt Melanie Berger, braune Augen, schlanke Figur, zurückgestecktes dunkles Haar – und verliebt.

Ihr Mantel und der Rock stammen aus Spenden, aber sie hat die Stücke so zurechtgenäht, dass sie auffallend gut sitzen. Es mag nicht die Zeit für Mode sein, für Stilverlust allerdings auch nicht.

Als Erste der drei erreicht sie das Haus mit der bröckeligen Backsteinfassade am Quai du Docteur Lafforgue Nummer 3. Sie schaut sich um, öffnet die Eingangstür und gelangt über eine ausgetretene staubige Holztreppe zu dem kleinen Appartement, das sie gemietet hat. Im dunklen Vorraum liegen ein paar Schuhe und gestapeltes Brennholz. Durch die Ritzen der alten Fenster und Türen kriecht die Kälte in die Wohnung. Für illegale Arbeit ist sie ideal, weil aus dem baufälligen Haus bereits alle Bewohner ausgezogen sind. Außer ihr kennen die Adresse nur zwei Personen.

Mit Papier und einigen Holzscheiten feuert sie den kleinen Ofen im hinteren Zimmer an.

Inzwischen sind auch die beiden Männer eingetroffen: Von dem einen aus Magdeburg weiß sie nur den Decknamen, Raymond. Den zweiten kennt sie besser: Georg, sechs Jahre älter als sie, ziemlich groß, schlaksig, hohe Stirn, Nickelbrille, gerade stark erkältet.

Auf der zerschlissenen Couch im Zimmer hat sie wenige Tage zuvor mit ihm geschlafen. Es war ein kurzer Sex, von dem vor allem er etwas hatte: Georg Scheuer, ein Influencer im Dauereinsatz, der stets über irgendwelchen Flugblättern oder Traktaten brütet. Der als Trotzkist in Österreich schon im Gefängnis saß und der, wenn er Melanie nicht gerade zum Lachen bringt, ein permanentes Rendezvous mit der Weltrevolution zu haben scheint – in ihn hat sie sich gut drei Jahre zuvor in einem Bahnhofsrestaurant in Antwerpen verliebt.

Es ist eine Liebe in der Zeit des Hasses. Melanie glaubt gerade deshalb an sie, Georg erst einmal auch. Die Liebe wird nicht halten, aber beide zunächst tragen, während um sie herum Menschen zerbrechen, während Länder überrollt und Deportationszüge beladen werden. Zur Ruhe kommen die beiden kaum. Sie sind ein Paar auf der Flucht.

Draußen hat dünner Regen eingesetzt. Die zwei großen Türme des Museums am anderen Flussufer sind durch die Scheiben nur noch verschwommen zu erkennen. Georg räumt die altersschwache Schreibmaschine der Marke Typo vom Tisch und versteckt sie im Vorraum unter einem Stapel Zeitungen. Melanie zerknüllt die abgenutzten Kopiervorlagen eines Informationsblattes und wirft sie in den Ofen, auf dessen Platte inzwischen eine Kartoffelsuppe köchelt.

Es riecht nach früher, denkt sie. Nach Wien. Zu Hause waren sie lange nicht mehr.

Es klopft.

Zweimal kurz, dreimal lang, das wäre der vereinbarte Code.

Aber dieses Pochen ist anders.

Melanie und Georg schauen sich an. Leise packen sie einen Teil der Flugblätter in eine Kiste, die hinter einem Vorhang im Vorraum unter alter Kleidung verborgen ist. Eine Broschüre verstaut Georg noch in einem Spalt des Querbalkens, der unter der Zimmerdecke verläuft und in dem auch eine Pistole liegt. Den Balken haben sie extra dafür ausgehöhlt.

Es klopft zum zweiten Mal. Um keinen Verdacht zu erregen, öffnet Georg. Im Hausflur steht Kommissar Pflugfelder mit einem Kollegen.

Wohnt hier eine Melanie Berger?, fragt er. Er atmet schwer.

Georg versucht mit einem »Vous désirez?« Zeit zu schinden. Der Kommissar schiebt ihn zur Seite und geht ins Zimmer, sein Gehilfe folgt ihm. Georg stiehlt sich langsam in seinen Filzpantoffeln auf den Hausflur, lehnt die Tür von außen an, schleicht die Treppe hinunter und verschwindet im feinen kalten Regen. Auch für Raymond, der in Wirklichkeit Herman Bortfeldt heißt, interessieren sich die Polizisten nicht übermäßig. Ihnen genügt sein Ausweis; er soll sich einen Tag später auf der Polizeistation melden, was er nie tun wird.

Die Ermittler konzentrieren sich auf die junge Wienerin. Sie scheint der viel verdächtigere Fall zu sein: eigenes Appartement, Schreibmaschine – eine Widerstandszentrale.

Die Schrift auf den Zetteln? Sei ihre, sagt Melanie, sie schreibe so einiges. Warum sie Männerkleidung aufbewahre? Das tue sie für Bekannte, denen sie helfe. Der Kommissar packt ein paar Schriftstücke ein und teilt Melanie mit, dass sie verhaftet ist. Mit ihr, glaubt er, die Initiatorin einer kommunistischen Untergrundbewegung festgesetzt zu haben. Das zumindest wird wenige Tage später ans Innenministerium in Vichy gemeldet. Von dieser Thermalstadt in der Auvergne aus regiert der greise Staatschef Philippe Pétain das, was die Nazis den Franzosen nach der Niederlage im Juni 1940 gelassen haben: einen Rumpfstaat von Hitlers Gnaden.

Auf halber Treppe darf Melanie auf ihre Bitte hin noch einmal in den kleinen Toilettenverschlag gehen. Vier Jahre lang ist sie ihren Verfolgern entkommen. Sie ist durch halb Europa gezogen, hat sich versteckt oder sich von einer Aufenthaltserlaubnis zur nächsten gehangelt – und nun soll ihre Flucht hier enden? Passt sie durch das kleine Fenster? Sie darf jetzt nicht den Kopf verlieren.

Einen Zettel mit Namen, den sie sich unter den Pullover gesteckt hat, kaut sie weich und würgt ihn hinunter.

Dann führt Pflugfelders Adjutant sie die Treppe hinunter und drückt sie draußen auf die Hinterbank des schwarzen Citroëns, der vor dem Haus im Regen parkt.

Sie ist 20, also ganz am Anfang. Aber es kommt ihr wie das Ende vor.

1

ZU HAUSE

Die Frau, die den Gang des Altersheims entlangkommt, hat es eilig. Sie schlängelt sich an einigen Bewohnern vorbei, die bereits auf das Mittagessen warten. Gegen elf Uhr mit dem Rollator vor dem Speisesaal des Heims herumzukreuzen, das ist für manche ein beliebtes Ritual geworden. Für die Frau ist es Zeitverschwendung. Ein kurzer Gruß, dann muss sie weiter. Sie hat ja noch etwas vor, und so viel Zeit bleibt nicht mehr.

Die Frau ist dezent geschminkt, ihr weißes Haar ist ordentlich frisiert. Manchmal nimmt sie jetzt den Stock. Ein wenig hat auch ihr Tempo nachgelassen. Ihre Erinnerung aber nicht. An der Rezeption winkt man ihr nach.

Das Heim, in dem sie wohnt, nennt sich Résidence. Es liegt in Saint-Étienne, wo der Süden Frankreichs beginnt, auch wenn dieser Septembermorgen noch grau und kühl ist.

Melanie Berger, das ist ihr Name. Sie hatte auch andere, um sich zu tarnen. Um zu überleben. Aber das ist eine Weile her. Ein paar Wochen, und sie wird 101.

Vier Jahre zuvor habe ich sie zum ersten Mal getroffen, sie brauchte damals keinen Stock. Sie hätte sich auch nicht bei mir untergehakt, wie sie es inzwischen manchmal macht. Damals war ich überpünktlich und ihr von dem kleinen Hotel aus, wo wir uns treffen wollten, entgegengegangen. Sie aber rauschte dermaßen flink an mir vorbei, dass ich dachte: Das kann sie nicht sein. Erwartet hatte ich eine 97-Jährige mit gedrosselter Geschwindigkeit, keine Marathonläuferin. Ich hatte mit Ermüdung und Gedächtnislücken gerechnet, nicht mit einer Frau, die mir erinnerungsscharf beschreibt, welche Windungen und Brüche ihr Leben genommen hat.

Auf Melanies Namen war ich im Internet gestoßen. Ich hatte zu Zeitzeugen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus recherchiert, und sie war irgendwann aufgetaucht. Es gab ein Interview mit ihr. Darin hieß es, sie berichte Schülerinnen und Schülern noch immer von ihren Erlebnissen. Mit 97? Ich hielt das kaum für möglich. Doch als ich sie anrief und ihre entschiedene Stimme mich fragte, wann ich kommen wolle, sie ihren Kalender durchging und in der nächsten Minute ein Besuchsplan stand, wusste ich, dass die Berichte stimmen mussten. Für das Nachrichtenmagazin, für das ich arbeitete, plante ich also ein Porträt über sie.

Wir gingen zur Résidence, die auf einem der Hügel von Saint-Étienne steht. Im Aufzug wiesen Zettel auf den wöchentlichen Bingo-Nachmittag für Senioren hin, den Melanie noch kein einziges Mal besucht hat, seit sie vor zwölf Jahren hier eingezogen ist. Aus ihrem Appartement im fünften Stock kann sie die halbe Stadt überblicken. Neben dem beigen Sessel, dessen Fußteil sie per Fernbedienung ausfahren und dessen Lehne sie zurückstellen kann, lag damals eine Ausgabe des Journal de la Résistance. Auf einem Regal standen Fotos: ihre Eltern mit den beiden Töchtern nach Kriegsende in Wien; ihr inzwischen verstorbener Mann, wie er sie stolz von der Seite anblickt; Melanie mit dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer.

Ihre Orden, der Mérite- und der Légion-d’Honneur-Orden, lägen irgendwo im Schrank, sagte sie leichthin.

Melanie erzählte von Wien, wo sie geboren und aufgewachsen war – und hinausgeschmissen wurde, mit 16.

Sie schilderte ihre holprige Flucht über Deutschland und Belgien nach Frankreich, wie sie festgenommen worden und entkommen war. Wie sie sich »durchgewurstelt hatte« – und schließlich nach dem Krieg wieder nach Wien gegangen war und dort ihren Mann kennengelernt hatte, einen Franzosen.

Ich blieb zwei Tage. Und schrieb dieses Leben auf, diese von ständiger Angst vor Entdeckung begleitete Odyssee durch halb Europa, die sie nicht verbittert hatte. Über die sie mitunter sogar lachen musste, weil sie sich so jung, unbedarft und instinktiv über die damaligen Abgründe gehangelt hatte, dass es ihr mit den Jahren selbst komisch vorkam. Manchmal hatten sie unglaubliche Zufälle gerettet, manchmal hatte irgendwer in der vermeintlich letzten Sekunde irgendeinen Schalter umgelegt.

Nach dem Treffen machte eine Fotografin Bilder von ihr, der Beitrag erschien. Es kamen dann neue Themen, das Recherchematerial zu Melanie heftete ich ab. Die Geschichte war abgeschlossen – dachte ich.

Gleichzeitig spürte ich, dass ich damit nicht fertig war. Dass über dieses Leben mehr zu erzählen war, als auf fünf Magazinseiten passt. Drei Monate später fuhr ich wieder nach Frankreich. Wahrscheinlich zog mich auch dieses warme Großmuttergefühl zurück, das ich bekam, wenn ich sie sah. Wir trafen uns am Bahnhof in Lyon. Sie freute sich – Journalisten kämen sonst nur einmal und nicht wieder. Wir nahmen den Zug nach Marseille, wo sie damals interniert gewesen und nun eingeladen war, vor Schulklassen zu sprechen. Es war Januar, aber warm genug, um in einer Pause in ein Café am Meer zu gehen. Melanie sprach über Dinge, die sie sich sonst ersparte, um sich nicht wehzutun. Sie erzählte von einer jungen Genossin, die 1945 ausgemergelt aus einem Konzentrationslager zurückgekehrt war; von Menschen, die nicht zurückkehrten; von Löchern, in die sie fiel, als eigentlich alles überstanden war.

Ihre Geschichte wurde größer.

Nach Marseille trafen wir uns regelmäßig. Manchmal konnte ich ihr aus Archiven Bruchstücke ihres Lebens mitbringen: Die Kopie einer »Carte d’Alimentation« auf der handschriftlich verzeichnet war, in welchen Wochen sie als Flüchtling 70 Francs Unterstützung bekommen hatte. Eine als Schulübungsheft getarnte Broschüre ihrer Widerstandsgruppe, die der Polizei in die Hände gefallen war.

Sie erinnerte sich an viel. Wollte ich zu viel wissen, sagte sie: »Du quetscht mich aus wie eine Zitrone« – und war doch nicht böse darüber. »Dein Beruf ist es, zu wissen«, sagte sie. »Aber wir haben damals alles gemacht, um nichts zu wissen.« Um im Zweifel nichts verraten zu können.

Sie reiste damals noch viel. Wir trafen uns in Toulouse, wohin der Bürgermeister sie eingeladen hatte und wo ihr im Jahr 1942 der Prozess gemacht worden war. In Wien folgten wir dem Laufradius ihrer Kindheit im zweiten Bezirk zwischen Prater und Donau.

An diesem Septembermorgen in Saint-Étienne nun eilt Melanie an der Rezeption ihrer Résidence vorbei auf den Ausgang zu und schnappt sich meinen Arm. Wir gehen vorbei an den ranzig riechenden Mülltonnen der abschüssigen Rue Attaché aux Boeufs, wo sie drei Winter zuvor mit ihrem Handwagen ausgeglitten ist und sich das Jochbein gebrochen hat. Eine Weile sah sie Dinge doppelt, es sah nicht gut aus. Aber sie hat sich wieder aufgerappelt, wie nach der Coviderkrankung, die sie sich kürzlich im Heim eingefangen hat. Wie so oft in ihrem Leben. Hinter dem Rathaus biegen wir links ein, bis nach einigen Hundert Metern eine abgetakelte Einkaufshalle mit Parkhaus zu sehen ist, an deren Rückseite ein Graffiti an den Résistance-Helden Jean Moulin erinnert. Das gesprühte Gemälde markiert den Eingang zum Mémorial, der Gedenkstätte des Widerstands.

Sie wird oft dorthin gebeten, meist von Lehrern, wie an diesem Tag.

Widerstandsgeschichte – das ist kein leichtes Unterfangen. Im Mémorial von Saint-Étienne bedeutete das lange in Heldenporträts und schwere Fahnen gebettetes Gedenken. Und gelangweilte Schüler. Bis sie kam.

Melanie, das hat sich herumgesprochen, kann deren Gähnen in Staunen verwandeln. Sie erzählt, wie sie nicht weit weg, in Lyon, 1943 untertauchte, nachdem sie aus dem Gefängnis fliehen konnte. Der Auslieferung ins Deutsche Reich sei sie nur knapp entkommen, »im Nachthemd«. Wie bitte? Die Schüler in den hinteren Reihen des Mémorial drücken jetzt den Rücken durch, um die alte Dame besser zu sehen. Sie stellen jetzt einige Fragen, und Melanie erklärt, dass sie damals aus dem Krankentrakt geflohen war, wo sie mit einer Gelbsucht lag, »und zwar völlig platt«.

Und ja, auch mit einer Waffe habe sie einmal trainiert, erzählt sie. Mit bewaffneten Aktionen kann sie jedoch nicht dienen. Sie habe nur »eine kleine Sache gemacht«. Na ja, sagen sich die Schüler, mit 13 Jahren hat wohl nicht jeder Flugzettel gegen den Faschismus auf Häuserwände in Wien geklebt. Und wer bitte würde wegen seiner Überzeugung riskieren, mit 20 in einer dreckigen Gefängniszelle vom Getrippel von Ratten geweckt zu werden? Die alte Dame, die da leicht gebeugt vor ihnen sitzt, scheint innerlich ziemlich gerade geblieben zu sein.

Einen großen Namen hat die Dame nicht. Der Bürgermeister gratuliert ihr zum Geburtstag, das schon. Aber ihre Geschichte ist nicht verfilmt worden wie die Jean Moulins. Ihr Leben gibt es nicht als Comic wie das von Lucie Aubrac.

Melanie gehörte zum Fußvolk des Widerstands. Zur anonymen Masse derer, die dem Irrsinn von Diktatur und Krieg ihr Leben entgegenstellten. Darunter gab es Gruppen, die zwischen alle Fronten gerieten. Deren Mitglieder von den Nazis verfolgt und von den Stalinisten gehasst wurden. Und die von den vermeintlichen Rettern, den Franzosen, interniert wurden. Die dem Untergang geweiht waren und trotzdem versuchten, Sand ins Getriebe des Systems zu streuen. Die losrannten und hofften, sich versteckten und unter falschem Namen lebten, die gegen die Unterdrücker und Besatzer angingen und anschrieben, so gut sie es konnten. Eine davon war Melanies Gruppe. Sie nannten sich »Revolutionäre Kommunisten«.

Auch darüber muss sie manchmal schmunzeln, nicht nur wegen der recht bürgerlichen Bahnen, die ihr Leben später nahm. Allein der Name: Der klang nach einer mächtigen Organisation, doch viel mehr als ein Dutzend Personen waren sie nicht – Österreicher und Österreicherinnen, die nach dem Anschluss ihres Landes ans Deutsche Reich fliehen mussten und die sich in Frankreich wiederfanden. Die vom Blitzkrieg nach Süden gehetzt und von Hunger und Erschöpfung hin und her getrieben wurden. Die sich wieder aufrappelten und deutsche Soldaten zur Umkehr bewegen wollten, mit Flugblättern, die überladen waren mit theoretischem Rüstzeug. Doch abgesehen von der proletarischen Revolution kämpfte die Gruppe vor allem ums eigene Überleben. Ihre Mitglieder lebten in Angst und Euphorie, aber meist in Angst. Eine Ausweiskontrolle konnte das Ende bedeuten. Ihr Leben hing an Zufällen, an nachgiebigen Polizisten, die ein Auge zudrückten, an gut gefälschten Ausweisen, an Harakiri-Aktionen, die so unglaublich waren, dass sie funktionierten. Nicht alle von ihnen überlebten diese Zeit. Sie seien »Tote auf Urlaub«, sagte einer der Freunde damals in Marseille.

Ab und zu taucht ihre Gruppe in wissenschaftlichen Büchern zum Widerstand auf, doch über ein paar Fußnoten kommt sie selten hinaus.

Und als Fußnote trat Melanie auch auf, als sie mit ihrem Mann zu Vorträgen ging. Die Rollen waren klar verteilt: Lucien, hoch dekorierter Kommandeur der Résistance, erzählte von den Kämpfen gegen die Deutschen. Seine Frau begleitete ihn. Sie war die Unbekannte an seiner Seite. Doch irgendwann wurde Lucien krank, und Melanie musste auf den Veranstaltungen allein zurechtkommen.

Zuerst probierte sie es mit seinen Notizen. »Doch das ging nicht, ich konnte nicht sein Leben nacherzählen.« So erzählte sie ihres, die Geschichte eines Mädchens aus Wien, das der Idee des Nationalsozialismus nicht traute. Diese »kleine Sache«, die sie immer hintangestellt hatte. Die im Schatten mächtiger Résistance-Erzählungen und preisgekrönter Exilliteratur verborgen blieb, weil sie ihr nicht wichtig genug vorkam. Doch das ist ein Irrtum, und je mehr er sich aufklärt, desto deutlicher ist zu sehen, dass in der kleinen Sache ein Heldinnenepos steckt. Eine atemberaubende Odyssee einer jungen Frau durch die Wirren des 20. Jahrhunderts, durch den aufstrebenden Faschismus und den Verfall Europas in Diktaturen. Es ist eine Geschichte von Flucht und Verfolgung, Gefangenschaft und Widerstand und vom Stillhalten in der Illegalität. Von Mut und Tapferkeit.

Und deswegen soll diese kleine Sache hier festgehalten werden, so gut es eben geht. So gut sich zwischen Erzähltem, Archivfunden, Fotos, Literatur und Wikipedia-Einträgen ein Weg bahnen lässt.

Denn so viel Zeit bleibt ja nicht.

2

BEGINNEN

Zu Anfang geht erst mal etwas unter – und zwar das Kaiserreich, das Österreich vor Melanies Geburt gerade noch war, mit seinen »europäischen Kolonien«, wie Melanie die Habsburger Ländereien in Osteuropa auf ihren Vorträgen nennt.

Dem deutschen »Waffenbruder« Österreich ist nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg von seinen Besitztümern fast alles abhandengekommen, nur ein kleiner Schrumpfstaat ist geblieben. In dieses Überbleibsel wird sie hineingeboren, am 8. Oktober 1921 im Brigitta-Spital, ein stämmiges Gebäude, das noch immer steht.

Die erste österreichische Republik hingegen ist ein fragiles Gebilde, ein amputiertes Land, in dem weite Kreise von Habsburger Herrlichkeit träumen, auf Revanche sinnen, und das vorerst vor allem mit amerikanischen Krediten über Wasser gehalten wird. Einige Jahre später wird es durch eine Bankenkrise erst wirtschaftlich taumeln und dann sein Heil in einem autoritären Ständestaat nach mittelalterlichem Vorbild suchen, oder sagen wir: einer Diktatur mit christlich-sozialem Anstrich, die sich auf Heer, Heimwehr, Beamte und die katholische Kirche stützt.

Einstweilen aber geht es aufwärts, auch für die Bergers. Das Klosett ihrer ersten Wohnung liegt zwar auf dem Gang, und auch elektrisches Licht gibt es noch nicht. Aber schon mit dem Umzug ins Hochparterre des neuen, großen Gemeindebaus in der Erlafstraße in Donaunähe bessert sich die Lage.

Melanies Vater heißt Adolf, was sich seine jüdischen Eltern sicher noch einmal überlegt hätten, wenn sie gewusst hätten, was in diesem Namen auf ihn und seine Familie zukommen sollte. Adolf Berger arbeitet für eine Wiener Weinhandlung. Ein Gutteil seines Gehalts besteht aus Verkaufsprovisionen. Mitte der Zwanzigerjahre läuft es noch ordentlich, doch bald gerät Österreich in den Sog der weltweiten Wirtschaftskrise, und sein Einkommen schrumpft empfindlich. Im Ersten Weltkrieg war er für Österreich im Einsatz, ist auf dem Papier Sozialdemokrat mit einer latenten Schwäche für den Kaiser und entsprechend altbackenen Ansichten (»Mädchen müssen nicht in Sportvereine«). Sehr gläubig ist er nicht – seine Tochter wird es ebenso wenig sein.

Abb.

1

:

Melanie (rechts) mit ihrer Schwester Evi um 1925

Bilder aus dieser frühen Zeit gibt es nur wenige. Ein Fotograf war eine teure Angelegenheit, und Kameras waren noch unerschwinglich. Ihre alten Fotos bewahrt Melanie heute in einem beigen Karton unten in ihrem Schrank in Saint-Étienne auf. Sie öffnet den Karton nur noch selten, sie hat so viele Abschiede in ihrem Leben hinter sich. Ihre Männer, die Familie, die Freunde von damals: Alle Abgebildeten sind längst gestorben.

Auf einem Bild ist sie zwei Jahre alt, ihre ältere Schwester Eva hält sie an der Hand, beide sind ganz in Weiß gekleidet, die dunklen Haare brav gescheitelt. »Die Evi«, sagt Melanie beim Betrachten. »Wir waren sehr verschieden.«

Eva, die sich später aus Politik nicht viel macht, sich in der Schule durchwurstelt und hofft, reich zu heiraten – und Melanie, die wissbegierige kleine Schwester, die am liebsten Psychologie studieren würde. Ein klein wenig seien die Unterschiede auf dem Foto schon erkennbar, meint Melanie – und muss dann selbst lachen.

Aufgenommen ist das Bild im ungarischen Pápa, ein paar Jahre zuvor noch Teil des Habsburgerreichs. Hier leben die Eltern von Melanies Mutter Eugenie im ersten Stock eines repräsentativen Hauses mit Garten. Eugenies Vater unterhält eine Vertretung für Singer-Nähmaschinen, die damals wie am Schnürchen läuft. Eigentlich heißt Eugenie Jenny, aber bei ihrer Anmeldung in Wien hat ein Beamter ihren Namen kurzerhand in Eugenie geändert, das sei passender, fand er.

In Pápa hat Adolf um Jennys Hand angehalten. Für ihn war es Liebe, für sie die Chance auf ein Leben in der Großstadt. Doch so komfortabel wie von Adolf ausgemalt, scheint es nicht zu werden, nicht mal Bücher können sich die Bergers leisten. Dafür allerdings ein Hausmädchen, das die Arbeit in der kleinen Wohnung erledigt. Ihr Gehalt ist schmal, sie schläft in der Küche auf einem Klappbett. Sie kocht auch für die Kinder, denn Jenny ist nicht oft zu Hause. Dauernd sind irgendwelche Canasta- und Bridge-Runden in der Nachbarschaft, manchmal liegt sie noch im Bett, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Und sind sie einmal beisammen, dann ist nicht immer Verlass auf sie. Als Eva im Prater von der Schaukel fällt und sich den Kopf aufschlägt, erinnert sich Melanie, »hatte meine Mutter nichts anderes zu tun, als ohnmächtig zu werden«. Den Krankenwagen organisiert Melanie, mit sieben Jahren.

Melanie muss früh allein zurechtkommen und Dinge regeln.

Nun, kein sehr kindgerechter Start ins Leben, könnte man denken. Doch Zuwendung ist trotzdem da, nur anderswo. Im sozialistisch geführten Kindergarten etwa, bei der Sozialistischen Jugend und in ihrem Häuserblock, einer fünfstöckigen Zufluchtsburg, in deren Hof Melanie immer jemanden zum Murmeln- oder Blinde-Kuh-Spielen findet.

»Erbaut von der Gemeinde Wien in den Jahren 1927–1928« steht in großen roten Lettern über dem Eingang in der Erlafstraße. Es ist weiträumig geplant worden, keiner soll sich schämen, in einem Sozialbau zu wohnen. Fast 50 Meter misst der Hof von Melanies Wohnung bis zum gegenüberliegenden Block. Zur Straße hin begrenzt den Innenhof eine Mauer mit sechs großen, lichten Bögen. Bäder gibt es in den Wohnungen nicht, aber einmal pro Woche hat jede Familie ein eigenes Zeitfenster im Duschraum.

Fast vierhundert solcher Bauten entstehen bis 1934. Es sind steinerne Denkmäler der sozialdemokratischen Stadtregierung, Projekte eines Aufbruchs. Wenn man so will, ist Melanie auch dessen Kind, ein Kind dieses Roten Wiens, das sie trägt und inspiriert. In den Innenhöfen einiger Gemeindebauten werden im Sommer Wasserbecken für die Kinder gefüllt, und sozialdemokratische Musiker geben Konzerte.

Auch Melanie musiziert, zusammen mit Peter Strasser und seiner Freundin Jenny, die nur einen Eingang weiter wohnt. Im Grunde verbringt Melanie mit den beiden ihre Kindheit. Peter ist vier Jahre älter als sie, dunkelblond mit feschem Seitenscheitel, und ihr heimlicher Schwarm. Sie bewundert seine besonnene Art, seinen Gerechtigkeitssinn. Die ganze Familie Strasser durchweht dieser Sinn – und eine große Verbitterung: Peters Vater Josef, damals noch Redakteur der Roten Fahne