Die Könige des Verbrechens - Kensington - MacKenzie W. - E-Book

Die Könige des Verbrechens - Kensington E-Book

MacKenzie W.

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Beschreibung

Zurück in Kensington sieht Wilhelmina ihre alte Heimat zum ersten Mal seit langem wieder als Bewohnerin Kensingtons, nicht als Mädchen aus den Plots. Vieles hat sich verändert, vieles ist aber auch gleich geblieben. Während sie versucht, zurück in ihr altes Leben zu finden, empfängt sie nächtliche Besuche und macht sich auf eine neue Aufgabe bereit. Wird sie zurück in ihr altes Leben finden? Wird ihr Plan aufgehen? Wird jemand vielleicht sogar ihr Verlobter herausfinden, was für ein Spiel sie wirklich spielt? Könnte alles, was Boss sich erträumt hat, tatsächlich Wirklichkeit werden, oder werden sie alle am Strick hängen? Ein letzter grosser Schritt und Wilhelmina könnte alles haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie sich ihrer Macht und ihrer Position bewusst. Sie spielt die Hauptrolle. Sie wird über das Schicksal ihrer Freunde und der Stadt entscheiden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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MacKenzie W.

Die Könige des Verbrechens - Kensington

Inhaltsverzeichnis

Impressum

1

In einer Welt, in der es kein Gut und Böse mehr gibt, nur noch Kensington gegen den Rest der Welt, kann ich entscheiden, wer gewinnen und wer verlieren wird.

Es sind zwei Wochen vergangen, seit ich nach Kensington zurückgekehrt bin. Nachdem meine Eltern und alle anderen Bewohner Kensingtons, ausser mir, weil ich mir den Gestank bereits gewöhnt war, für mindestens eine Woche mit No-Mans-Land-Fieber im Bett lagen, hat sich alles wieder normalisiert. Zumindest ist es wieder so normal, wie es nun in Kensington sein kann.

Die Arbeiter von Rodey Park fehlen noch immer.

Meine Eltern reden mit mir nicht darüber. Sie tun sogar so, als wäre alles in Ordnung, aber ich sehe den genervten Gesichtsausdruck meiner Mutter, wenn sie etwas selbst tun muss, sich allein um etwas kümmern muss oder den Befehl gibt, dass etwas getan werden sollte, und dann doch nichts passiert. Ich weiss, dass mein Vater immer das Thema wechselt, wenn ich gefühlt nur daran denke, dass das Personal fehlt.

Die Informationen, die wir auf Plots Island bekommen haben, waren korrekt. Die Bewohner Kensingtons stellen immer mehr Soldaten ein, um ihnen bei der Hausarbeit zu helfen. Die anderen Soldaten versuchen verzweifelt, die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen, was nicht möglich ist, weil die Soldaten Kensington nicht mehr verlassen können.

Die Grenze zu Mayfair ist weiter geschlossen. Niemand kann nach Mayfair gehen, ausser man klettert über eine Absperrung oder über ein Dach, aber das würde den Bewohnern Kensingtons nie in den Sinn kommen. Alles, was sie tun, ist, sich über die geschlossene Grenze zu beschweren.

Die Bewohner No Mans Land nehmen den Abfall der Bewohner Kensington noch an, aber sie lassen die Soldaten, die den Abfall bringen, nicht mehr in ihr Stadtviertel hinein. Die Bewohner No Mans Land, die sich um den Abfall kümmern, die alle noch immer von Boss bezahlt werden, nur wissen das meine Eltern nicht, nehmen den Abfall noch auf der Brücke entgegen, damit auch sicher kein Soldat Kensingtons ihr Stadtviertel betritt.

Aus Rodey Park kommen noch einzelne Arbeiter, die sich um Alte und Kranke kümmern, um Leute, die den Arbeitern aus Rodey Park ans Herz gewachsen sind. Wer jetzt noch von Rodey Park nach Kensington kommt, tut das, weil er oder sie ein zu grosses Herz hat. Alle anderen haben das Gold genommen und dafür ihre Arbeit in Kensington aufgegeben.

Neu ist in Kensington, dass die Ärmsten der Reichen gezwungen werden, für die Reichen der Reichen zu arbeiten. Das bringt das sowieso schon instabile System Kensingtons weiter ins Wanken.

Die Leute hier halten es einfach nicht aus, keine Arbeiter zu haben. So werden mir an diesem Nachmittag meine Haare von einer älteren Dame gemacht, die mir früher oft auf dem Markt in Mayfair begegnet ist. Damals, als sie und ihr Mann noch nicht dazu gezwungen wurden, für ihre reicheren Mitbürger zu arbeiten.

Mit meinen Eltern, vor allem mit meinem Vater, habe ich schon oft versucht darüber zu reden, dass es nicht lange gut gehen wird, wenn die Leute, die nie arbeiten mussten, plötzlich zum Arbeiten gezwungen werden. Die ärmsten Bewohner Kensingtons sind immer noch reicher als die reichsten Bewohner Mayfairs. Sie haben nie gearbeitet, und jetzt dazu gezwungen zu werden, gefällt ihnen gar nicht. Leider will mein Vater nicht auf mich hören. Er verbietet mir, über das Thema zu sprechen. Auch darf ich nicht darüber reden, wie ungerecht wir die Bewohner der anderen Stadtviertel behandeln.

Alles, was mit Politik zu tun hat, gehört nicht an den Esstisch, wie meine Eltern gern sagen. Es gehört sich für eine Frau nicht, über so etwas wie Politik zu sprechen. Das ist zumindest die Meinung meiner Eltern.

Die ältere Dame, die meine Haare kämmt, tut mir leid, aber sie geht nicht, auch wenn ich ihr schon mehrmals gesagt habe, dass ich mir meine Haare auch allein machen kann. Das möchte sie nicht hören, auch wenn ich ihr ansehe, dass sie ihre Arbeit, meine Eltern und die aktuelle Lage einfach nur hasst.

Um zu überspielen, wie unangenehm die Situation ist, spiele ich mit meinem neuen Verlobungsring herum. Der Diamant ist riesig. Dicker als mein Finger. Leider ist er so schwer, wie er aussieht. Es fühlt sich so an, als würde die ganze Zeit ein Kleinkind an meinem Finger ziehen. Leider kann ich den Ring erst zum Schlafengehen abnehmen. Davor muss ich den Schein wahren. Ich muss so tun, als würde ich mich freuen, dass meine Verlobung nie geplatzt ist.

Meinen Verlobten habe ich schon zwei Mal sehen müssen, seit er sich vom No-Mans-Land-Fieber erholt hat. Er ist noch immer der gleiche langweilige, oberflächliche Mann. Er hat sich nicht verändert, auch wenn mehrmals in sein Haus eingebrochen wurde, was er mir schon fünf Mal während unserer zwei Begegnungen erzählt hat.

Meine Eltern, die mich bei unserem Wiedersehen nicht einmal richtig in den Arm nehmen konnten, weil sie sich so vor meinem Gestank und meiner Kleidung geekelt haben, haben sich so gefreut, als wir die Verlobung wiederhaben aufleben lassen. Mein Vater hat verkündet, dass meine Verlobung der erste Schritt zurück zur Normalität sei. Der erste Schritt zurück zur alten Macht Kensingtons. Dann forderte er eine Familienumarmung, auf die ich gern verzichtet hätte.

Die ältere Dame, die meine Zofe, auch wenn die mich verraten hat, einfach nicht ersetzen kann, fängt an, mein langes Nachthemd zurechtzurücken.

An die Kleidung hier kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Ich vermisse meine kurzen Pyjamas und die langen, weiten Shirts, die ich auf Plots Island zum Schlafen getragen habe. Hier sehe ich aus wie ein Geist, wie aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Ich verabscheue mein eigenes Spiegelbild, wenn ich ein Nachthemd oder meine Alltagskleidung trage.

Jemand klopft an die Tür. Meine Eltern, die mir wie jeden Abend eine gute Nacht wünschen, kommen herein. Sie beachten die ältere Dame nicht, auch wenn sie bis vor ein paar Wochen noch eine Nachbarin war. Jetzt ist sie nicht mehr als eine einfache Angestellte, die weiss, wann sie den Raum zu verlassen hat.

Meine Mutter trägt dasselbe lange Nachthemd wie ich, darüber einen Morgenmantel. In Momenten wie diesen ist es fast wie früher. Wir versuchen, den Schein zu wahren, wir tun so, als hätte sich nichts verändert. Wir ersetzten alte Positionen mit neuen Leuten, aber es reicht trotzdem nicht, um den Haushalt so zu führen wie früher. Wir halten an alten Ritualen fest, auch wenn unsere Familie nicht mehr das ist, was sie einmal war.

Meine Mutter hat dieselben blonden Haare wie ich. Nur sind ihre Haare von grauen Strähnen durchzogen. Bevor ich für Monate verschwunden bin, war ihr Gesicht fast glatt, niemand konnte ihr ansehen, wie alt sie wirklich ist. Jetzt sehe ich ihr ihr Alter und die Sorgen der letzten Monate an. Ihre Haut ist nicht mehr so glatt und ihre grünen Augen sind manchmal, genau wie jetzt, voller Tränen. Sie würde mir leidtun, wenn ich nicht wüsste, was sie mit ihrem Lebensstil unzähligen Menschen angetan hat und noch immer antut.

Meinem Vater, der mittlerweile grau ist, sehe ich den Stress der letzten Wochen und Monate noch deutlicher an als meiner Mutter. Er lächelt kaum noch, zumindest nicht zuhause. Ich musste schon mehrmals mit meinen Eltern und meinem Verlobten auf Veranstaltungen gehen, wo mein Vater gezeigt hat, dass er noch immer der geborene Politiker ist. Zumindest die Fassade kann er noch aufrechterhalten.

Zuhause ist das anders.

Hier kann ich den verzweifelten Mann sehen, der sich krampfhaft versucht, an den alten Regeln und Traditionen festzuhalten. Ich erkenne mich nur im Aussehen meiner Mutter in meinen Eltern wieder, ansonsten sind sie Fremde.

„Gute Nacht“, sagen meine Eltern gleichzeitig.

Ich drehe mich zu ihnen um. Wie jeden Abend versuche ich es mit einem Lächeln, das nicht erwidert wird.

„Gute Nacht.“

„Wilhelmina, geistre bitte diese Nacht nicht wieder durchs Haus“, sagt meine Mutter dann. Mein Vater hat sich bereits mit einem Nicken verabschiedet.

Ich nicke.

„Tut mir leid. Es fällt mir oft schwer, Schlaf zu finden.“

Selbst die kleinsten Bemerkungen machen mich wütend, auch wenn ich das hier nicht zeigen darf. Ich muss mich an so viele Dinge gewöhnen, die mich provozieren. Mir fällt es schwer, meinen echten Namen so regelmässig zu hören. Lange hat mich niemand mehr bei meinem Namen genannt, wenn nur Boss, und auch das nur selten. Mit ihm war es etwas besonders, jetzt ist es das nicht mehr.

Auch habe ich Mühe, mich wieder an die Anstandsregeln zu gewöhnen. Höflich zu sein, fällt mir jeden Tag ein bisschen schwerer. Auf Plots Island gibt es kein Bitte und Danke, und ich bin mir sicher, dass sich auf Plots Island noch nie jemand für etwas entschuldigt hat.

Nachdem ich so lange oft die ganze Nacht wach war und gearbeitet habe, kann ich mich kaum wieder daran gewöhnen, nachts zu schlafen. Auch wenn ich erst früh morgens einschlafe, werde ich hier trotzdem immer zur gleichen Zeit geweckt. Ich bin während des ganzen Tages müde und kann dann doch wieder nicht einschlafen.

Um diese Zeit erwache ich zum Leben, ich gehe nicht schlafen. Nur versteht das in Kensington niemand. Vor allem nicht meine Mutter, die sich eigentlich einfach darüber freuen sollte, dass ich wieder da bin, auch wenn ich nachts durchs Haus geisterte. Doch tut sie das nicht.

Meine Eltern und mein Verlobter denken, ich sei festgehalten worden und konnte fliehen, als Kensington angegriffen wurde. Sie denken, ich habe Monate in einem dunklen Raum verbracht und nun Schwierigkeiten damit, mich wieder an das normale Leben zu gewöhnen. Doch es würde ihnen nie in den Sinn kommen, mit mir darüber zu sprechen. Meine Mutter nickt, anstatt mich zu trösten, wünscht mir eine gute Nacht und geht dann.

Ich bin wieder allein.

Wütend, hellwach und allein.

Kaum hat meine Mutter die Tür hinter sich geschlossen, schiebe ich wütend die Ärmel meines langen Nachthemdes hoch. Ich atme zwei Mal durch und schliesse dann meine Zimmertür ab. Früher durfte ich das nicht, aber nachdem ich meine Eltern angefleht und die Geschichte erfunden habe, dass ich mich nur in einem verschlossenen Zimmer sicher fühle, haben sie mir den Schlüssel gegeben. Sie wissen nicht, dass ich mich nicht einschliesse, sondern sie damit ausschiesse.

Ich setze mich zurück an meinen Schminktisch und ziehe meine Taschenuhr aus einer der vielen Schubladen. Noch habe ich ein wenig Zeit.

Während ich warte, lasse ich meine Augen über den unbeschreiblichen Luxus in meinem Zimmer gleiten. Mein Zimmer ist mit jeglichem erdenklichen Luxus ausgestattet, von den mit Gold und Edelsteinen verzierten Möbeln, zu der Bettwäsche und den Vorhängen aus Seide. Mein Zimmer hier in Kensington ist riesig. Noch viel grösser als das Wohnzimmer auf Plots Island. Heute kann ich mir noch nicht einmal mehr vorstellen, wie ich all den Luxus hier einmal normal finden konnte. Damals habe ich noch in einer ganz anderen Welt gelebt.

Wieder schaue ich auf die Uhr. Gleich ist es so weit.

Bevor ich die Tür zu meinem Balkon öffne, grinse ich nochmals in mich hinein. Fahrer hat es immer geschafft, alle nötigen Informationen zu beschaffen. Er konnte uns an jeden Ort bringen oder uns zumindest sagen, was uns dort erwartet.

Doch er konnte nicht die Seiten wechseln, um dann von innen heraus gegen Kensington zu arbeiten.

2

Es war mir immer klar, dass ich irgendwann nach Kensington zurückkehren würde. Dass ich einmal nach Kensington zurückkommen würde, dabei aber bloss an Plots Island denken kann, hätte ich mir aber nie erträumen lassen. Dass ich meine Familie auf Plots Island vermisse, auch nicht. Dass ich gegen meine Eltern arbeiten würde, konnte ich mir vor ein paar Wochen, als ich es eigentlich schon lange getan habe, auch noch nicht vorstellen.

Langsam öffne ich die Tür zum Balkon. Wenn ich Glück habe, ist Boss schon da.

Während meine Eltern und alle anderen Bewohner Kensingtons krank waren, ich aber gesund und munter durchs Haus schlendern konnte, habe ich an den Sicherheitssystemen herumgebastelt. Es wird angezeigt, dass die Sensoren am Balkon, an den Fenstern und auf dem Dach noch funktionieren, aber das tun sie nicht. Dass die Sensoren auch wirklich nicht mehr funktionieren, habe ich mehrmals getestet. Auch jetzt bleibt es ruhig, als ich auf den Balkon hinaustrete.

Leider ist Boss noch nicht hier.

Er hat einmal behauptet, ich wäre eine schlechte Lügnerin. Doch ich muss eine gute Schauspielerin sein, schliesslich haben meine Eltern noch keinen Verdacht geschöpft. Ich spiele meine Rolle als entführtes, nach Hause zurückgekehrtes, traumatisiertes Mädchen perfekt. Auch mein Verlobter hat keine Frage mehr gestellt, nachdem dicke, falsche Tränen geflossen sind.

Sie glauben alle, dass ich hier bin, weil ich vor meinen Entführern flüchten konnte. Sie glauben, ich wäre noch immer das gleiche Mädchen, das alles mit sich machen lässt. Meine Eltern denken, ich würde, ohne zu klagen, den Mann heiraten, den sie für mich ausgesucht haben, und den Rest meines Lebens die Rolle spielen, die sie sich für mich ausgesucht haben.

Sogar meine Freunde, meine eigentliche Familie, habe ich mit meiner kleinen Vorführung kurz glauben lassen, dass ich die Seiten wechsle.

Nur Boss, mit dem ich diesen genialen Plan gemacht habe, wusste, was ich vorhatte. Zuerst wollte er mich nicht allein nach Kensington gehen lassen, um von Innen heraus zu arbeiten. Doch irgendwann hat er begriffen, dass es das Beste ist, wenn er eine Frau in Kensington hat, die ihm jegliche Informationen beschaffen kann, die er braucht. Er hat eingesehen, dass wir nur an unser Ziel kommen, nämlich alle fünf Stadtviertel unter unserer Kontrolle zu haben, wenn jemand, der niemals verdächtig werden würde, direkt in Kensington für ihn arbeitet.

Ich war und bin die Einzige, die das tun kann.

Boss hatte so etwas Ähnliches immer geplant, sein ursprünglicher Plan war es, mich gegen Kensington zu tauschen. Er hat nicht damit gerechnet, dass er in Kensington jemand findet, der freiwillig gegen Kensington arbeitet. Doch wie er sich in das Mädchen aus Kensington verliebt hat, so hat er auch jemanden gefunden, der für ihn direkt im Machtzentrum von Kensington arbeitet.

Ich weiss nun, wohin ich gehöre. Ich habe mich endgültig für eine Seite entschieden.

Nachdem mich meine Eltern nicht einmal richtig umarmen konnten, als ich nach Monaten zurück nach Hause gekommen bin, war mir klar, dass ich das Richtige getan habe. Wenn ich nach Monaten zurück nach Plots Island kommen würde, würden mich meine Freunde mit offenen Armen empfangen, egal wie ich aussehe oder rieche. Mittlerweile sogar Boss.

Boss, Prinzessin, die Zwillinge und Diamant würden den Menschen sehen und sich nicht wegen meines Gestanks vor mir ekeln.

Meine Eltern haben mich gesehen, haben sich aber auch sehr vor mir geekelt, was mir nochmals gezeigt hat, was und wer sie eigentlich sind. Vielleicht haben sie Gefühle, aber die unterdrücken sie oft. Sie sind in ihrer eigenen Welt gefangen und verschliessen die Augen vor der Aussenwelt. Sie sehen nicht einmal, wie sich ihre Tochter verändert hat.

Während ich warte, sehe ich auf die Stadt hinaus. Kensington hat sich sehr verändert. Es sind nicht mehr alle Häuser beleuchtet. Kensington selbst strahlt nicht mehr ein so helles Licht aus wie früher. Es wird jeden Tag, wenn wieder ein Haushalt dazu gezwungen wird, für einen anderen Haushalt zu arbeiten, ein wenig dunkler. Trotzdem ist man hier der Realität noch so fern.

Ich kann die ganze Stadt sehen. Von hier bis Mayfair, an dessen Ende der belebte Hafen liegt, der hell strahlt. In der Ferne liegt der dunkle Ozean. No Mans Land ist das dunkelste Stadtviertel, aber es strahlt heller als früher. Rodey Park scheint eine eigene Stadt zu sein. Von Plots Island strahlen sogar mehrere Lichtstrahle in den Himmel. Jetzt, da die Menschen dort immer reicher werden, haben sie noch einen Grund mehr, endlos zu feiern.

Ich wäre gerade auch gern auf Plots Island, aber ich habe hier zu arbeiten. Ausserdem kommt gleich ein Teil von Plots Island zu mir. Leider ist er heute spät dran.

Das ist nicht ungewöhnlich, auch wenn ich mir immer gleich schreckliche Sorgen mache, wenn Boss nicht zur vereinbarten Zeit kommt. Boss ist immer pünktlich, zumindest war er das immer. Seit ich in Kensington bin, hat sich das verändert.

Er muss durch das Stadtviertel schleichen, ohne erwischt zu werden, während jedes zweite Haus und somit auch die Strasse hell erleuchtet ist. Dann muss er die Hauswand hinaufklettern oder übers Dach klettern, ohne entdeckt zu werden. Sobald er auf meinem Balkon ist, kann er sich etwas entspannen. Hier in Kensington ist er nie in Sicherheit, aber auf meinem Balkon und vor allem in meinem Zimmer kann er kurz durchatmen.

Während ich warte, starre ich auf das kleine Tattoo eines Messers an meinem Handgelenk hinunter. Wir haben es uns alle machen lassen, während wir in Rodey Park gearbeitet haben. Boss, Prinzessin, die Zwillinge und sogar Diamant haben eins. Wenn ich es ansehe, fühle ich mich für einen Moment nicht so allein. Das kleine Tattoo sagt mir, dass ich eine Familie habe. Meine Familie kann gerade nicht hier sein, aber sie ist da draussen und wartet auf mich. Irgendwann kann ich zu meiner Familie zurückkehren. Ich muss nur Kensington zuvor zu Fall bringen.

Noch weiss ich leider nicht, wie ich das anstellen soll. Der erste Schritt des Planes war es, zurück zu meinem alten Leben in Kensington zu gehen. Nun arbeiten wir an den nächsten Schritten. Jeden Tag, jede freie Minute, denke ich darüber nach, wie wir die Reichen und Mächtigen Kensingtons endlich stürzen können.

Leider hatte ich noch keine wirklich gute Idee. Ich warte noch darauf, dass mir die perfekte Idee einfällt. Boss offenbar auch, denn er hatte bei seinen letzten Besuchen auch keine bessere Idee, als dass ich für den Moment einfach das unschuldige Mädchen spiele. Wenn wir lange genug warten, bricht vielleicht sogar das ganze System Kensingtons von selbst zusammen und wir müssen bloss die Ersten sein, die die Scherben aufsammeln.

Langsam mache ich mir nicht nur Sorgen, ich habe Angst. Boss müsste schon längst hier sein.

Ich sehe mich noch einmal um. In den Strassen ist nichts zu erkennen. Auch direkt unter mir ist nichts zu erkennen. Aufs Dach sehe ich von meinem Balkon aus nicht. Einmal ist er über das Dach gekommen, auf den Balkon hinuntergesprungen und hat mich dabei fast zu Tode erschreckt.

Damals war er aber auch zu früh. Heute lässt Boss mich warten.

Wenn er noch viel länger braucht, muss ich mich wohl in den Keller hinunterschleichen und überprüfen, ob die Sicherheitssysteme für mein Zimmer und das Dach auch wirklich ausgeschaltet sind. Nicht, dass ein stiller Alarm ausgelöst und Boss festgenommen wurde oder Schlimmeres. Ungeduldig laufe ich den Balkon auf und ab. Boss bleibt weiterhin verschollen. Es ist nichts zu hören, keine Schritte und auch keine Rufe.

Schliesslich bleibe ich stehen. Es muss etwas vorgefallen sein, sonst wäre Boss schon lange hier. Vielleicht wird er gerade von ein paar Soldaten Kensingtons gejagt, weil er einen Alarm ausgelöst hat, oder er ist schon erwischt worden, als er versucht hat, über Mayfair nach Kensington einzudringen.

Ich halte es nicht länger auf dem Balkon aus. Ich muss die Sicherheitssysteme überprüfen oder nachsehen, ob mein Vater vielleicht irgendeine Nachricht eines Verbrechers von Plots Island, der sich in Kensington herumtreibt, erhalten hat.

Gerade als ich zurück in mein Zimmer gehe, höre ich ein Geräusch hinter mir.

3

Sofort drehe ich mich um.

Eine Hand liegt auf dem Geländer meines Balkons. Dann noch eine und schliesslich zieht sich Boss das Geländer hoch. Sein Gesicht ist ernst, wie immer. Heute aber sieht er noch ein bisschen ernster aus als normalerweise.

Doch nur bis seine schwarzen Augen auf mir liegen. Er sieht mich an, ich erwidere seinen Blick. Nach all der Zeit spielen wir dieses dumme Spiel immer noch. Das Schimmern kann ich jetzt immer in seinen Augen sehen, wenn er mich ansieht.

„Du bist spät dran“, fahre ich ihn an. Dann reiche ich ihm meine Hand, um ihm beim Klettern zu helfen. „Was ist passiert?“

„Ich musste einen Umweg nehmen“, sagt Boss, der sich über das Geländer schwingt. Er braucht meine Hilfe eigentlich nicht, auch wenn er weit weniger gut klettern kann als ich.

„Warum?“

Darauf bekomme ich keine Antwort.

Egal, wie viel ich Boss bedeutete, auf manche Frage bekomme ich doch keine Antwort. Boss spricht mehr mit mir als jemals zuvor, aber manchmal gibt er einzelne Antworten einfach nicht, weil sie für ihn, für mich oder für uns keinen Nutzen haben.

Er verschwendet seine Zeit nicht mit übermässigen Worten, denn Zeit ist Geld, und wie ich in Plots Island gelernt habe, auch wenn mir das schon mein Leben lang hätte klar sein sollen, schliesslich bin ich in Kensington aufgewachsen, kann man davon nie genug haben.

Boss sieht kurz zur Strasse hinunter. Ich auch. Niemand ist zu sehen. Dann nickt er.

Normalerweise können wir es nicht erwarten, uns dem Rausch hinzugeben, aber heute drängt mich Boss in mein Zimmer hinein. Er schliesst die Tür zum Balkon und zieht die Vorhänge zu, bevor er sich zu mir umdreht.

„So schlimm?“

Die Soldaten Kensingtons müssen ihn wohl wirklich fast erwischt haben.

Wieder bekomme ich keine Antwort.

„Irgendwann wirst du hängen, wenn du nicht vorsichtiger bist“, sage ich dann.

Damit drohe ich Boss schon eine ganze Weile, aber jetzt, da wir in Kensington arbeiten, ist es sehr wahrscheinlich, dass es auch irgendwann tatsächlich passieren wird. Auch wenn ich nicht glaube, dass sich Boss von den Leuten, die er so sehr hasst, töten lässt. Er würde wahrscheinlich einen Weg finden, dem Strick zu entkommen. Ich kann nur hoffen, dass ich dann nicht auch schon an einem Strick hänge.

Ein seltenes Grinsen breitet sich auf Boss Gesicht aus. Er kommt auf mich zu und legt seine Hand an mein Kinn, damit ich ihn ansehen muss, mit der anderen streicht er mir eine Strähne meines Haares aus dem Gesicht. Er ist gröber als er sein müsste, doch wundert es mich, dass ein Mann wie er eine solche sanfte Geste kennt.

„Mich würden sie nicht einmal erwischen, wenn sie es versuchen würden.“

Ich habe leider noch nicht allzu viele Dinge in Erfahrung gebracht, aber dass mein Vater auf der Suche nach den Leuten ist, die die Giftwolke verursacht haben, die tagelang über Kensington gehangen und die Leute krank gemacht hat, habe ich mitbekommen. Nur haben die Soldaten noch keinen Schuldigen gefunden, weil sie Kensington nicht verlassen können. Würden sie wissen, dass einer der Verantwortlichen im Haus ihres Anführers sitzt, im Moment sogar zwei, würde sich die Armee Kensingtons wahrscheinlich gegen meinen Vater stellen.

„Du überschätzt dich“, sage ich zu Boss.

Er lacht. Etwas, was er viel, viel zu selten tut. Ich grinse Boss an. Dann küsst er mich endlich.

Es fühlt sich noch immer an wie der beste Drogenrausch meines Lebens. Egal, wie oft ich Boss küsse, der Rausch vergeht nie. Von ihm, von der Droge, die er ist, kann ich nie genug kriegen. Nach ihm bin ich süchtig, ich möchte immer mehr und mehr.

Boss geht es offenbar genauso. Er holt sich, was er will. Genau wie ich.

Wir streiten nicht mehr oft mit Worten, aber wir streiten dennoch auf unsere ganze eigene Art, wenn wir einander so nahe sind. Das hier ist unser persönlicher Machtkampf darum, wer die Kontrolle über den anderen hat.

Wir stolpern rückwärts auf mein Bett zu.

Heute hat Boss die Kontrolle, er ist es, der versucht, mich aus meinem Nachthemd zu befreien. Leider ist das nicht so einfach, weil er es nicht mehr zerschneiden darf, nachdem ich nicht erklären konnte, wieso mein Kleid zerschnitten war, als er zum ersten Mal hier war. Er flucht leise. Ich nutze die Gelegenheit und reisse die Kontrolle an mich. Bevor Boss weiss, was passierte, sitze ich auf ihm.

Leider schaffe ich es nicht, mich aus meinem Nachthemd zu befreien. Es wundert mich nicht, dass die Leute hier jemanden brauchen, der ihnen beim Ankleiden hilft. Boss küsst mich noch einmal, dann zieht er mich zu sich aufs Bett hinunter, wo wir schwer atmend nebeneinander liegen bleiben.

„Ich hasse diese Kleidung“, beschwere ich mich.

Boss, der mit einer der kleinen Stickereien an meiner Schulter spielt, stimmt mir zu.

„Ich auch.“

Neben Boss und dem Rest meiner Familie ist die Freiheit, die mir so etwas Einfaches wie Kleidung verschafft, das, was ich am meisten vermisse. Zuhause auf Plots Island habe ich tragen können, was ich wollte. Vor allem Jeans habe ich so gut wie jeden Tag getragen. Davon kann ich jetzt nur noch träumen. Die Jeans, die ich getragen habe, als ich nach Kensington zurückgekommen bin, wurden verbrannt. Mit dem Sessel, auf den ich mich gesetzt habe. Wie ich es vorhergesehen habe.

Ich versuche es nochmals mit den vielen Knöpfen an meinem Rücken.

„Ich brauche nur ein paar Minuten.“

Da setzt sich Boss plötzlich auf. Ich sehe das Schimmern in seinen Augen, als er auf mich herabsieht, dann sieht er zurück zur Tür, die zum Balkon führt.

„Wir haben keine paar Minuten.“

„Warum nicht?“

Boss antwortet nicht. Er steht auf, läuft zu meinem Schminktisch und zieht die Taschenuhr heraus, die er mir bei seinem ersten Besuch, als er plötzlich vor der Balkontür stand und leise geklopft hat, was mich fast zu Tode erschreckt hat, geschenkt hat. Ich habe mich damals, wie heute, gefreut, ihn zu sehen, auch wenn ich mir Sorgen mache, weil ich weiss, wie viel Risiko Boss mit einem solchen Besuch eingeht.

Boss sieht auf die Uhr, dann wieder zu mir.

„Worauf warten wir?“, frage ich.

Boss lässt die Uhr zurück in die Schublade fallen und sieht mich wieder an.

„Zehn Minuten.“

„Was passiert in zehn Minuten?“

Die Fragerei nervt mich offenbar mehr als ihn. Boss setzt sich wieder zu mir aufs Bett. Er dreht eine meiner blonden Locken auf seinen Finger, bevor seine schwarzen Augen wieder auf mir liegen.

„Bist du gekommen, um mich wütend zu machen, oder gibt es einen anderen Grund, warum du mir keine meiner Fragen beantwortest?“

„Du erfährst gleich, auf was wir warten.“

„Hoffentlich auf keine Bombe, ich habe den Gestank erst vor ein paar Tagen aus meinem Zimmer gebracht.“

Boss schüttelt den Kopf. Er ist wieder ernst, also stellte ich die obligatorischen Fragen, wie immer, wenn er mich besuchen kommt.

„Ist zu Hause alles in Ordnung?“

Diese Fragen sind Teil des Deals, den ich bei seinem ersten Besuch hier mit ihm gemacht habe. Er muss mir all meine immergleichen Fragen beantworten. Wenn er sich in Gefahr bringt, dann auch, damit ich etwas über Plots Island erfahre, nicht nur, weil er etwas von Kensington erfahren will.

Boss nickt.

„Sind die anderen immer noch wütend?“

Boss schüttelt den Kopf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mich anlügt, auch wenn er den anderen die Wahrheit gesagt hat. Sie sind bestimmt wütend, dass nur Boss und ich von dem Plan gewusst haben, der mich in diese Lage gebracht hat. Sie sind wütend, weil ich ihnen etwas vorgespielt habe.

Wir haben es ihnen nicht verschwiegen, um ihnen eins auszuwischen, sondern damit es von allen Seiten echt aussieht. Auch wenn wir nicht damit gerechnet haben, dass es Spione in Rodey Park gibt, wollten wir doch für jeden unerwünschten Beobachter eine Show abliefern. Falls meine Eltern doch gewusst hätten, wo ich bin und was ich tue, hätte ich einfach behaupten können, ich hätte nicht länger mit meinen Entführern zusammen und gegen sie arbeiten wollen.

„Sonst etwas, was ich wissen sollte?“

Wieder ein Kopfschütteln.

„Wirklich nicht?“, frage ich wie immer nach.

„Der Schuppen der Grosseltern der Zwillinge steht wieder“, sagt Boss, weil er genau weiss, dass ich keine Ruhe geben werde, bis ich etwas Neues erfahren habe. Auch wenn es noch so eine unnütze Information ist, ich muss mich an etwas klammern können.

Ich nicke.

Jetzt bin ich an der Reihe.

Doch Boss greift nach meiner Hand, bevor ich anfangen kann, die Dinge zu erzählen, die mir seit seinem letzten Besuch passiert sind und die ich in Erfahrung gebracht habe.

„Später“, sagt Boss.

Ich weiss nicht genau, was er damit meint. Zuerst sagt er mir, wir haben keine Zeit, und dann möchte er doch nicht sofort über das, wofür er hergekommen ist, sprechen.

„Du hast dich wieder mit deinem Verlobten getroffen“, sagt Boss.

Ich nicke.

„Wir waren im Garten…“, sage ich, breche dann aber ab, weil ich ihm ansehe, dass er das bereits weiss. „Du warst da?“

Boss nickt.

„Du solltest dich nicht auch noch in Gärten anderer Häuser herumtreiben“, sage ich. „Gibt es zuhause denn nichts für dich zu tun? Ich regle das hier schon allein.“

„Ich habe Leute, die mir die Dinge zuhause erledigen“, sagt Boss, der erkennt, wie wütend ich bin, und mich beruhigen will, bevor ich laut werde. Auch wenn meine Eltern in einem anderen Teil des Hauses schlafen und es fast keine Angestellten mehr gibt, dürfen wir nicht zu laut sein. „Ich weiss, dass du allein klarkommst. Ich komme aber nicht damit klar, dich mit ihm zu sehen.“

Plötzlich bin ich wieder gut gelaunt. Ich grinse Boss an.

„Eifersüchtig?“

„Es ist wie damals, als du Anführer zwei zu nahegekommen bist.“

Kurz bin ich sprachlos. Boss weiss genau, dass mich mein Verlobter nicht anfassen darf, weil ich dann jedes Mal in Tränen ausbreche. Ich spiele schliesslich immer noch das traumatisierte Mädchen und auf Kommando weinen kann ich verdammt gut. Mein Verlobter denkt, ich habe so viele Schläge einstecken müssen, dass mir menschliche Nähe jetzt Angst macht. Andere Dinge sind mir natürlich nicht passiert. Er muss glauben, dass ich noch unschuldig bin, sonst wäre die Verlobung nie noch einmal zu Stande gekommen.

Was mich überrascht, ist, wie lange Boss offenbar schon etwas empfindet. Er gibt es sogar zu. Ich dachte, ich bin mehr geworden, während wir in Mayfair gearbeitet haben. Offenbar hat sich aber für ihn zumindest schon viel früher alles verändert.

„Mach dir keine Gedanken über die Sache mit meinem Verlobten“, sage ich zu Boss. Ich lege mich kurz zurück auf mein Bett und ziehe eines der Messer unter dem Kissen hervor, das mir Boss mitgebracht hat. „Eine falsche Bewegung, und er wird das hier zu spüren bekommen.“

Boss sieht nicht sonderlich glücklich aus, aber er nickt.

„Ich sollte mich um wichtigere Dinge kümmern, aber manchmal kann ich nicht anders, als nach dir zu sehen.“

„Du kannst nicht anders als mich zu überwachen“, sage ich grinsend. Auch wenn er nach mir sehen kommt, mischt er sich nie ein. Boss vertraut mir in dieser Sache vollkommen, doch ganz vergessen, wer er ist, kann er trotzdem nicht.

Noch immer grinsend setze ich mich auf Boss und lege meine Arme um seinen Nacken. Das Messer habe ich wieder unter das Kissen verschwinden lassen. Boss legt seine Hände an meine Hüften.

„Du bist eifersüchtig. Du warst es schon eine Weile.“

Boss sieht mich mit seinen schwarzen Augen durchdringend an. Ich weiss, dass er sich daran erinnert, wie ich genauso auf Anführer zwei gesessen habe.

Sanft küsse ich Boss. Ein sanfter Kuss macht das Verlangen nach dem Rausch für uns beide nur noch stärker. Boss drückt seine Hände in meine Hüfte. Dann wandern sie langsam hoch zu den Knöpfen meines Nachthemds.

Doch gerade, als er den Ersten erreicht, höre ich ein Geräusch. Es kommt nicht, wie erwartet, von meiner Zimmertür, sondern vom Balkon.

Boss flucht leise. Er steht auf, stellt mich auf meine Füsse und geht dann zum Balkon. Seine Augen schimmern noch immer, aber sonst sieht er nicht sonderlich glücklich aus. Wahrscheinlich, weil es ihm auch nicht gefällt, dass unser Moment ruiniert wurde.

„Leider bin ich heute nicht allein hier“, sagt Boss, und zieht die Vorhänge zur Seite. Prinzessin steht auf der anderen Seite der Tür und grinst mich an.

4

Kurz vergesse ich, dass ich eigentlich leise sein sollte. Ich reisse die Tür zum Balkon auf und werfe mich quikend in Prinzessins Arme. Wir lachen zusammen. Es ist so schön, ihn wiederzusehen. Noch ein Stückchen Heimat an dem Ort, der eigentlich mein Zuhause sein sollte, es aber schon lange nicht mehr ist.

Ich kann gar nicht in Wort fassen, wie schön es ist, ihn wiederzusehen. Boss wiederzusehen ist auch immer etwas besonders, wenn ich ihn nicht sehen würde, würde ich wohl wahnsinnig werden, Prinzessin aber habe ich schon so lange nicht mehr gesehen. Ich freue mich so sehr, ihn zu sehen, dass ich kurz sogar Boss vergesse, der hinter mir steht.

„Du bist hier“, sage ich zu Prinzessin. „Hat Boss darum Verspätung gehabt?“

„Nein“, antwortet Prinzessin.

„Doch“, sagt Boss.

„Wir haben dich nicht aufgehalten“, widerspricht Prinzessin. Er zwinkert mir zu.

Dann drehe ich mich zu Boss um. Er sieht mich mit ernstem Gesicht an. Seine schwarzen Augen weichen nie von mir. Er muss es nicht noch einmal sagen, ich weiss, wer für die Verspätung verantwortlich ist. Prinzessin hat wahrscheinlich wieder irgendetwas getan und den Plan damit durcheinandergebracht.

„Wir?“, frage ich, als ich nochmals über Prinzessins Worte nachdenke.

„Wir sind auch da“, kommt es vom Dach.

Als ich mich umdrehe, sehe ich drei grinsende Gesichter. Die Zwillinge und Diamant sind auch hier, um mir einen Besuch abzustatten. Eine riskante Sache, aber sie haben es geschafft. Sie sind hier.

Auf den Strassen ist es vollkommen ruhig, als Dumm vom Dach auf den Balkon springt. Während Prinzessin Dümmer von Dach hilft und Dumm Diamant stelle ich mich neben Boss und grinse ihn an. Der erwidert mein Grinsen nicht, schliesslich sind wir in der Gegenwart unserer Freunde, aber seine Mundwinkel zucken.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich freut, dass wir nun endlich wieder vereint sind, auch wenn er das bestimmt nicht zugeben wird. Jetzt weiss ich, warum Boss nicht wollte, dass ich ihm erzähle, was ich in den letzten Tagen mitangehört und miterlebt habe. Er hat auf den Rest unserer Familie gewartet, damit alle hören können, was ich gehört und gesehen habe.

Boss ist nicht so jemand, der generell, aber vor allem nicht in der Anwesenheit der Anderen wie Prinzessin den Arm um Dümmers Schultern legt oder wie Dumm die Hand von Diamant nimmt. Doch er kommt noch einen Schritt auf mich zu, unsere Arme berühren sich kurz.

Prinzessin zwinkert mir zu. Als er Boss ansieht, fällt das Grinsen aus seinem Gesicht.

„Du bist Rapunzel, und Boss ist der Prinz, der zu dir auf den Turm klettert.“

Er kann es nicht lassen, auch wenn ihm Boss mit einem Blick klarmacht, dass er die Klappe halten soll. Prinzessin hat eigentlich Recht, nur ist Boss nicht der Prinz. Er und auch ich, wir alle sind eigentlich die Bösewichte der Geschichte, auch wenn es sich nicht so anfühlt.

„Warum siehst du aus wie ein Geist?“, fragt Dümmer.

In meinem langen weissen Nachthemd tue ich das wohl tatsächlich. Auf die Frage jedoch muss ich nicht antworten, weil Boss uns in mein Zimmer hineindrängt.

„Wir reden drinnen. Hier könnten wir gesehen werden.“

„Ich wette, euch ist das normalerweise egal“, sagt Prinzessin, der hinter Boss und mir mein Zimmer betritt.

Leider hat er damit Recht. Manchmal vergessen wir meine Nachbarn, weil wir nur noch daran denken, dass wir uns endlich wieder nah sein können. Früher oder später landen wir jedoch immer in meinem Zimmer.

„Du lebst wie eine Prinzessin“, sagt Prinzessin, als er sich in meinem Zimmer umsieht.

„Wow“, sagt Dümmer.

„Oha“, sagt Dumm.

„So stelle ich mir einen Palast vor“, ergänzt Diamant.

Sie stehen alle mit offenen Mündern da, während ich schnell die Tür zum Balkon und dann die Vorhänge schliesse. Sie schliessen ihre Münder nicht einmal, als Boss und ich auf den Boden Platz nehmen und sie sich zu uns setzen.

Verlegen schaue ich von einem erstaunten Gesicht ins Nächste. Sie sind vom Luxus überwältigt, auch wenn sie, zumindest alle bis auf Diamant, schon Häuser in Kensington betreten haben. Doch dass ich tatsächlich hier wohne und so ziemlich mein ganzes Leben hier gewohnt habe, können sie offenbar nicht begreifen.

Boss war nie so überrascht, als er mein Zimmer das erste Mal betreten hat. Er wusste wohl, was auf ihn zukommt, schliesslich waren wir bereits in vielen prunkvollen Räumen, um den ein oder anderen Schatz zu stehlen. Ihn überrascht der Luxus nicht mehr. Er sieht nur all die Dinge, die er zu Geld machen könnte.

„Wenn das alles nicht funktioniert, kannst du Schauspielerin werden“, sagt Prinzessin zu mir. „Du warst unglaublich. Ich habe dir noch, bevor du ein Wort gesagt hast, abgekauft, dass du die Sache nicht länger durchziehen kannst und zurück zu deinen Eltern möchtest.“

Ich grinse ihn an.

„Ich bin einfach zu gut.“

„Pokerspielen solltest du trotzdem nicht. Du bist noch immer eine schreckliche Lügnerin“, sagt Boss. Er weiss genau, wie er einen zurück auf den Boden holt. Egal, wie sehr er mich mag, ein Kompliment wird er mir bestimmt nicht machen.

„Hier ist noch niemandem aufgefallen, dass ich lüge“, widerspreche ich Boss. Er ist der Einzige, der mich immer durchschaut, wenn ich lüge.

„Hier sind auch alle naiv“, sagt Boss.

„Und dumm“, ergänzt Dumm.

„Ziemlich dumm“, sagt Prinzessin. „Warum solltest du gerade in der Nacht flüchten können, in der wir Kensington einnebeln?“

„In der Nacht hat niemand auf mich aufgepasst“, spreche ich das aus, was ich auch meinen Eltern und meinem Verlobten erzählt habe, die mir sofort geglaubt haben.

Sie wissen nicht, wie es ist, entführt zu werden. Ich auch nicht, schliesslich wurde ich offiziell gekauft. Ich habe ihnen einfach die Geschichte so erzählt, wie sie am glaubwürdigsten geklungen hat.

„Genial“, sagt Dümmer.

„Du hast die Geschichte sicher mit ein paar falschen Tränen rübergebracht. Sie konnten dir nur glauben“, sagt Prinzessin.

Ich grinse ihn an.

„Der Trick ist es, sich selbst einzureden, dass es wirklich so passiert ist und wirklich so schrecklich war und schon fliessen Tränen“, sage ich. „So habe ich das auch gemacht, bevor ich zurück nach Kensington gegangen bin. Ich habe mir das Heimweh einfach eingeredet und schon sah es so aus, als würde ich tatsächlich zurück nach Kensington gehen wollen.“

„Das ist genial“, sagt Prinzessin zu Dümmer.

„Wo hast du das gelernt?“, fragt mich Diamant.

Dass sie sich nach Kensington gewagt hat, freut mich unheimlich. Sie gehört mittlerweile zu uns, und ich bin froh, haben die anderen jemanden zuhause, der auf sie aufpasst und dafür sorgt, dass sie etwas essen und nicht nur versuchen, noch etwas reicher zu werden.

„Ich bin hier aufgewachsen“, sage ich. „Ich musste früh lernen, zu lächeln, selbst wenn es mir schlecht ging. Ich habe gelernt, mir einzureden, dass ich glücklich bin, auch wenn ich es nie war. Ich war monatelang verlobt, mit jemandem, der mir egal ist. Doch musste ich glücklich aussehen. Damals habe ich das Schauspielern perfektioniert.“

Diamant nickt. Sie scheint jetzt, da sie hier ist und offenbar das Bild von meinem Verlobten und mir auf dem Schminktisch gesehen hat, zu verstehen.

„Sollten wir dir zu deiner Verlobung gratulieren?“, fragt mich Prinzessin grinsend. Er hebt sofort die Hände, als er Boss Blick sieht. „Okay. Dann nicht.“

„Das gehört alles zu meiner Aufgabe hier“, sage ich so deutlich, dass auch Boss versteht, dass ich mich nicht freiwillig wieder verlobt habe. Er weiss das eigentlich, trotzdem ist er offenbar eifersüchtig.

„Hat dir Boss eigentlich erzählt, wie lange Dumm und Dümmer gebraucht haben, bis sie verstanden haben, was genau deine Aufgabe ist?“, fragt Prinzessin.

„Du hast genauso lange gebraucht“, sagt Boss.

„Habe ich nicht“, widerspricht Prinzessin.

„Hast du doch“, sagt Diamant. Sie grinst mich wieder an. „Die Zwillinge haben es noch vor Prinzessin verstanden.“

„Nein, das stimmt nicht. Ich habe nur nicht verstanden, warum Bossy nicht zurück nach Hause kommen kann. Ich verstehe es jetzt noch nicht. Warum muss sie hier sitzen und diese verrückte Rolle spielen? Können wir nicht einfach jemanden einstellen, der uns Informationen liefert?“

„Nein“, sagt Boss.

„Ich kann so viele Informationen liefern wie kein anderer“, sage ich. „Ich sitze direkt an der Quelle. Ich bin der direkte Draht zum vielleicht mächtigsten Mann Kensingtons. Mein Vater kann keinem Angestellten mehr trauen. Seiner eigenen Tochter misstraut er aber nicht. Ihm bin ich gleichgültig, solange ich tue, was er von mir verlangt. Er traut mir nicht zu, dass ich das bin, was ich in den letzten Monaten geworden bin.“

„Das haben wir ihm alle auch gesagt“, sagt Diamant.

„Aber wir wissen doch noch gar nicht, wie wir davon profitieren wollen, jemand im Zentrum der Macht zu haben“, sagt Prinzessin.

Das stimmt. Boss und ich haben den Plan gemacht, mich zurück in den Alltag Kensingtons einzuführen. Ich sollte hier mein altes, normales Leben wieder aufnehmen. Das wollten und wollen wir noch immer nutzen, um an die Macht zu kommen. Leider wissen wir noch nicht, wie, aber ich vermute, dass die anderen hier sind, damit wir darüber sprechen können.

„Jemanden im Zentrum der Macht zu haben, wird uns an unser Ziel bringen“, sagt Boss. Wir alle wissen, dass er Recht hat.

Das hier war der einzig richtige Weg. Mich als Geissel zu halten und mich dann als Geissel gegen Kensington zu tauschen, hätte nie so grosse Erfolgschancen gehabt wie das hier. Mein Vater wäre wahrscheinlich nicht bereit gewesen, ganz Kensington für mich aufzugeben.

Jetzt müssen wir nur noch Schritt für Schritt ausarbeiten, wie wir meine Position am besten ausnutzen können. Boss arbeitet schon daran. Ich auch. Prinzessin bestimmt auch, und ich bin mir sicher, dass die Zwillinge und auch Diamant ihr Bestes tun.

„Erzähl uns, was in den letzten zwei Tagen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe, passiert ist“, fordert Boss.

Endlich kann ich erzählen, wie das ganze System in den letzten Tagen wieder ein bisschen mehr ins Wanken geraten ist, weil immer mehr Menschen, die eigentlich selbst Angestellte haben sollten, nun Angestellte sind.

Dann erzähle ich nochmals, dass mein Vater und der Stadtrat, der nun fast keine Macht mehr hat, versuchen, die Kontrolle über die Stadt zurückzubekommen, was aber gar nicht so einfach ist, weil viele Soldaten in den Haushalten mithelfen und die anderen Soldaten Kensington nicht verlassen können. Sie können nicht viel tun, und das wissen sie. Doch Kensington wird sich nicht einfach geschlagen geben.

Wir müssen den richtigen Zeitpunkt erwischen, um das System mit einem Plan, den wir noch nicht haben, zum Einsturz zu bringen. Dann können wir die Macht an uns reissen.

Zuletzt muss ich den anderen noch einmal bis ins Detail erzählen, wie ich meine Eltern und meinen Verlobten angelogen habe. Sie wollen die Geschichte hören, wie ich die geflüchtete Gefangene gespielt habe und wie mir meine Eltern aus der Hand gefressen haben. Sie sind, wie ich es war, überrascht, wie einfach es dann doch war und wie schnell ich mich wieder hier eingefunden habe und nun das Leben führe, das ich einmal geführt habe.

Schliesslich wird das grosse Wiedersehen von Boss beendet. Er weiss am besten, welchen Regeln ich hier folgen muss, weil er mich schon oft besucht hat. Er weiss, dass ich morgen früh aufstehen muss, selbst wenn ich so tue, als wäre ich krank, und dann weiter eine Rolle spielen muss, die mir eigentlich gar nicht gefällt.

Wir umarmen uns alle lange, bevor meine vier Freunde sich auf den Weg nach Hause machen. Die Zwillinge winken mir zu, Diamant grinst mich an und Prinzessin zwinkert mir zu. Dann sind sie verschwunden.

Ich würde alles dafür tun, um mit ihnen zurück nach Plots Island gehen zu können.

5

Boss geht nicht, er sieht unseren Freunden bloss nach. Während ich erzählt habe, wie einfach es war, meine Eltern und meinen Verlobten von meiner Geschichte zu überzeugen, ist er plötzlich stutzig geworden. Ich habe es deutlich in seinem Gesicht gesehen, dass ihn etwas beschäftigt, und das, obwohl er die ganze Geschichte eigentlich schon einmal gehört hat.

„Nur kurz“, sagt Boss und kommt nochmals zu mir in mein Zimmer herein. Er wollte eigentlich gerade gehen. Die Anderen haben wahrscheinlich noch gar nicht gemerkt, dass er ihnen nicht folgt.

„Was ist?“, frage ich. Wenn meine Geschichte Löcher aufweist, muss ich die stopfen, bevor ich mich mit einer Lüge in eine Sackgasse hineinsteure, aus der ich nicht mehr hinauskomme. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Boss lehnt sich an meinen Schminktisch. Er mustert mich. Ich starre ihn an. Wieder spielen wir dieses Spiel, das wir einfach nicht lassen können. Heute aber müssen wir aufpassen, sonst verfallen wir wieder dem Rausch. Boss hat es schon zwei Mal morgens nur knapp nach draussen geschafft, bevor die ältere Dame, meine neue Zofe, in mein Zimmer kam oder meine Eltern gekommen sind, um mich zu wecken, was sie früher nie getan haben.

„Du bist dir zu hundert Prozent sicher, dass dir dein Verlobter deine Geschichte glaubt?“, fragt Boss.

Ich nicke. Er hat sie sogar noch schneller geglaubt als meine Eltern. Das weiss Boss eigentlich. Boss glaubt mir aber offenbar noch immer nicht, also zeige ich ihm meinen Verlobungsring, den er schon kennt.

„Hätte er mir den geschenkt und mich zurückgenommen, wenn er mir nicht glauben würde?“

Boss streift den Verlobungsring von meinem Finger. Wenn ich nicht aufpasse, wird er einfach verschwinden. Boss weiss, dass ich den Ring noch brauche. Auch wenn er ein Vermögen wert ist, kann er ihn nicht, noch nicht haben. Boss schwarze Augen liegen weiter auf dem Ring.

„Mein Verlobter spielt keine Spielchen so, wie du und ich es tun. Wenn ihm etwas verdächtig vorgekommen wäre, hätte er das mir oder zumindest meinem Vater gesagt.“

Mein Verlobter redet nämlich gerne mit meinem Vater über mich. Sie besprechen manchmal sogar mein Benehmen, was mich sehr stört.

Boss legt den Diamantring auf den Tisch.

„Er hat dich damals auf dem Markt gesehen.“

Das ist also das Problem. Ausnahmsweise bin ich Boss da einen Schritt voraus. Das Thema habe ich schon lange abgehakt.

Ich stelle mich vor Boss. Vorsichtig lege ich meine Hand an sein Gesicht und vergrabe sie dann in seinen Haaren. Ich liebe den Effekt, den ich auf ihn habe. Ich liebe es noch mehr, dass er sich jedes Mal, wenn wir uns sehen, ein bisschen mehr öffnet. Er lässt zu, dass ich sehe, was er denkt und fühlt. Boss hat wahrscheinlich schon lange niemandem mehr so nahegestanden. Vielleicht noch nie. Er hat die Liebe so lange aus seinem Leben verdrängt, weshalb er immer noch Zeit braucht, um sich zu öffnen.

Jetzt, da ich mit meiner Hand durch seine Haare fahre, flattern seine Augen kurz zu. Er atmet einmal tief durch. Ich grinse ihn an, als er die Augen wieder öffnet.

Leider ist Boss gleich wieder ernst.

„Dein Verlobter hat dich auf dem Markt gesehen und erkannt.“

Ich nicke. Das hat er tatsächlich.

„Er hat aber auch dich gesehen“, sage ich leise.

Boss sieht nicht überrascht aus, aber ich weiss, dass er es ist. Ich kann es in einer kleinen Bewegung seines Gesichtes erkennen.

„Er weiss, wie ich aussehe?“, fragt Boss.

Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht.

„Nein, aber er hat mir und meinen Eltern von dem Vorfall erzählt. Er war sich nicht sicher, ob ich es war, weil er meine Stimme nicht wiedererkannt hat, und weil meine Haare schwarz waren, was wohl genug darüber sagt, wie sehr er mich mag. Er sagt, er habe einen schwarz gekleideten Mann gesehen, der mir offenbar Angst eingejagt hat. Er ist nach Hause gegangen, ohne mir seine Hilfe anzubieten, weil er dachte, ich wäre nicht ich. Doch er sagt, je länger er über die Sache nachgedacht hat, umso klarer ist ihm geworden, dass er tatsächlich mir über den Weg gelaufen ist. Er war sich sicher, dass er mich zusammen mit meinem Entführer gesehen hat. Er behauptet, er habe es jeden Tag bereut, mir nicht geholfen zu haben.“

Boss schnaubt, was sich mehr wie ein verächtliches Lachen anhört.

„Du hattest nie Angst vor mir.“

Ich grinse ihn an.

„Nein. Warum sollte ich auch, du warst immer so nett zu mir.“

Boss wirf mir einen Blick zu, der mich zum Lachen bringt. Er erinnert sich bestimmt gerade auch an all die Momente, in denen ich vor ihm hätte Angst haben müssen. Ich hatte keine oder habe sie einfach nicht gezeigt, weil ich schnell gelernt habe, dass Boss viele leere Drohungen ausspricht und niemanden verletzt oder vielleicht sogar tötet, den er noch braucht.

„Er hat deine Stimme wirklich nicht erkannt?“, fragt Boss. Er fragt tatsächlich noch einmal. Entweder kann er nicht glauben, dass mein Verlobter tatsächlich so ist, wie er ist, oder er glaubt mir die Geschichte nicht, die ich gerade erzählt habe.

„Hier ist alles anders.“

„Warum solltest du mit deinem Entführer nach Mayfair auf den Markt dürfen?“, fragt Boss.

„Das haben weder mein Verlobter noch meine Eltern hinterfragt. Sie haben mir nicht einmal richtig zugehört, als ich ihnen erklärt habe, dass ich manchmal nach draussen gehen durfte, natürlich nur in Begleitung, weil ich dann kurz aufgehört habe zu weinen. Mein Entführer wollte nicht, dass ich wahnsinnig werde.“

„Das haben sie dir geglaubt?“, fragt Boss skeptisch.

Ich nicke.

„Niemand wollte über die Entführer oder die Entführung sprechen. Nicht meine Eltern und auch nicht mein Verlobter. Mir geht es gut. Ich bin wieder hier. Wir können die Entführung, für die sich meine Eltern und mein Verlobter schämen, vergessen.“

Boss schüttelt ungläubig den Kopf, auch wenn er eigentlich weiss, wie es hier läuft. Doch überrascht es ihn mehr, als es mich überrascht hat. Dass niemand über das sprechen will, was eigentlich nicht hätte passieren sollen, ist hier vollkommen normal. Meine Eltern und mein Verlobter müssten sonst zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben, und das werden sie bestimmt nicht tun.

Boss nickt. Jetzt sieht er plötzlich wütend aus.

Doch er ist nicht wütend auf mich, sondern auf Kensington und das ganze System. Er kommt von Plots Island, er kann nicht verstehen, wie manche Dinge hier funktionieren und wie hier mit manchen Dingen umgegangen wird, auch wenn er schon vieles über Kensington weiss.

„Meine Eltern waren nicht einmal wütend, dass er mich nicht erkannt und mir nicht geholfen hat“, sage ich. So schlimm ist es wirklich. Sie haben ihm sogar zugestimmt, dass es schwierig ist, jemanden zu erkennen, wenn der eine andere Haarfarbe hat und an einem anderen Ort ist.

Boss sagt nichts mehr. Ich weiss nicht genau, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht ist er wütend, aber nie so wütend, wie ich es in dem Moment war und jetzt wieder bin. Gegen meine Eltern zu arbeiten, fühlt sich oft komisch an. Manchmal fühle ich mich sogar schrecklich. Dann aber erinnere ich mich daran, wer sie sind und was sie tun. Dann bereue ich es nicht mehr, die Seiten gewechselt zu haben.

Ich bereue es nicht einmal, dass ich es zugelassen habe, dass mich Boss so oft anlügt und mich nicht in den Plan eingeweiht hat. Schlussendlich hat er mir immer die Wahrheit gesagt. Ich bin bei ihm, und das muss man sich zuerst einmal überhaupt vorstellen können, auf echte Gefühle gestossen. Meine Eltern und mein Verlobter haben keine echten Gefühle. Sie leben in dieser perfekten Welt, in der alles perfekt zu sein hat. Was nicht passt, weil es nicht perfekt ist, wird ignoriert oder geändert.

„Um meinen Verlobten und meine Eltern müssen wir uns keine Sorgen machen. Ich spiele einfach weiter, das nach Hause gekommene, traumatisierte Mädchen in den schönen Kleidern und dem vielen Schmuck“, sage ich, mit einem der vielen falschen Lächeln im Gesicht, das ich meinen Eltern und meinem Verlobten gerne zeige. „Bis ich mich hierfür rächen kann.“

Boss nimmt wieder mein Gesicht in seine Hand.

„Lange wird es Kensington in dieser Form nicht mehr geben.“

Ich nicke. Das weiss ich auch und daran klammere ich mich. Kensington wird bald uns gehören. Die ganze Stadt wird bald uns gehören.

„Die gleiche Welt, nur beherrscht von einem anderen Mann“, sage ich.

Boss schüttelt den Kopf.

„Nein. Du wirst über sie herrschen. Wir werden alle gemeinsam über sie herrschen.“

Dabei werden wir hoffentlich das Leben vieler verbessern. So wie wir das Leben der Menschen in No Mans Land verbessert haben. Auch wenn wir uns eigentlich nur bereichern wollen, kann auch etwas Positives für die anderen Menschen der Stadt dabei herausspringen.

Wieder küsse ich Boss. Ich vergesse, dass ich früh aufstehen muss. Es gibt nur noch Boss und mich.

Auf unsere eigene Weise streitend schaffen wir es bis ins Bett. Boss arbeitet gerade an all den Knöpfen meines Nachthemdes, als es plötzlich an der Tür klopft.

Leise verfluche ich alles und jeden in diesem Stadtviertel. Boss selbst flucht einmal kurz, dann versteckt er sich unter meinem Bett. Während ich nach dem Buch auf meinem Nachttisch greife, bitte ich die Person, die den Moment mit Boss gerade zerstört hat, herein, ziehe die Decke bis zum Kinn hoch und versuche gleichzeitig, meine Haare ein wenig zu entwirren. Jetzt bereue ich es, dass ich die Tür aufgeschlossen habe, als meine Freunde gehen wollten. Meinen Eltern habe ich das Märchen erzählt, dass ich mich sicherer fühle, wenn meine Tür verschlossen ist, aber sie hinterfragen es nicht, wenn morgens meine Tür dann doch wieder offen ist.

Meine Mutter kommt in mein Zimmer herein. Am liebsten würde ich das Buch oder noch lieber das Messer unter meinem Kopfkissen nach ihr werfen. Leider geht das nicht. Ich lächle sie verlegen an, so als hätte sie mich beim Lesen erwischt, nicht bei etwas ganz anderem. Etwas, wofür sie mich verbannen könnte.

„Ich dachte mir schon, dass du darum noch Licht hast“, sagt meine Mutter und schaltet das Licht in meinem Zimmer aus. Genervt lege ich das Buch zur Seite.

„Was machst du hier, Mutter?“

Meine Mutter geht nicht auf meine Frage ein.

„Ich weiss, dass du eine schwere Zeit durchmachst nach allem, was dir in den Plots widerfahren ist, aber du brauchst Schlaf.“

Offenbar hat meine Mutter doch noch so etwas wie ein Gewissen oder sie hat einfach Angst, dass ich morgen Augenringe habe.

„Ich habe Albträume“, lüge ich.

„Trotzdem musst du schlafen“, sagt meine Mutter stur.

Ich nicke.

„Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, kommt es von meiner Mutter. Dann geht sie wieder.

Ich stehe auf und schliesse die Tür wieder ab. Als ich zurück zum Bett laufe, öffne ich die letzten paar Knöpfe an meinem Nachthemd. Boss sitzt bereits wieder auf meinem Bett.

„Du hast keine Albträume mehr.“

Ich schüttle den Kopf.

„Sie hätte deine Lüge durchschauen müssen“, sagt Boss.

„Sie hätte noch viel mehr durchschauen müssen“, sage ich und setze mich auf ihn. Bevor er etwas sagen kann, küsse ich ihn wieder. „Sag du mir nicht auch noch, dass ich Schlaf brauche“, murmle ich an Boss Lippen. „Ich brauche dich.“

Ich bekomme, was ich will.

6

Meine andere neue Zofe, die Tochter eines Händlers, dem mein Vater das Geschäft geschlossen hat, damit er und seine Familie sich um die Reichen der Reichen kümmern können, hinterfragt die tiefen Ringe unter meinen Augen nicht. Sie macht mich, ohne ein Wort zu sagen, für den Tag fertig. Dass ich sie zuerst einmal zehn Minuten vor der verschlossenen Tür habe warten lassen, als ich Boss hinausschmuggeln musste, scheint sie auch nicht gestört zu haben.

Während sie versucht, etwas gegen die tiefen Ringe unter meinen Augen zu tun, lausche ich gespannt. Doch keine Schüsse sind zu hören. Auch kein Soldat kommt vorbei und berichtet meinem Vater, dass ein Verbrecher aus Plots Island geschnappt wurde.

Auch wenn ich erst sicher weiss, dass es Boss zurück nach Hause geschafft hat, wenn er mich das nächste Mal besuchen kommt, bin ich mir nach einer Weile ziemlich sicher, dass er es nach Hause geschafft hat. Der Rest meiner Familie hoffentlich auch.

Jetzt, da ich genug Zeit habe, über sie nachzudenken, kann ich nicht aufhören, daran zu denken, dass sie vielleicht auf Boss gewartet haben, der einfach nicht gekommen ist. Ich hoffe, sie haben eingesehen, dass Boss bei mir bleibt und nicht erwischt worden ist. Ich kann nur hoffen, dass sie nichts Dummes getan haben.

Auch beim Frühstück erfahre ich nichts Neues. Kurz kann ich mehrere Zeitungsartikel überfliegen, da mein Vater seine Zeitung in meine Reichweite legt. In der Zeitung wird von Verbrechern berichtet, jedoch nicht von solchen, die geschnappt worden sind.

Meine Eltern, vor allem meine Mutter, sind sehr unruhig, aber nicht, weil ihre perfekte Welt kurz vor dem Zusammenbruch steht, sondern weil heute die Vorbereitungen für meine Verlobungsparty und für meine Hochzeit beginnen. Verrückt, dass jetzt eine Verlobung und eine Hochzeit gefeiert werden soll. Meine Eltern glauben, dass es das Richtige ist, auch wenn gerade aus Sicht Kensingtons nichts so läuft, wie es laufen sollte.

„Zwei Partys, die ein neues Zeitalter einläuten“, sagt meine Mutter.

„Zurück zur Normalität“, sagt mein Vater. Er spricht nicht oft mit meiner Mutter und mir über Politik, schliesslich sind wir zwei Frauen. Er macht nur Andeutungen. Heute, dass alles gut werden wird, auch wenn ich bezweifle, dass das, was kommen wird, sie gut heissen werden.

Nachdem wir gefrühstückt haben, muss ich viele versäumte Unterrichtsstunden nachholen. Meine Mutter besteht darauf, dass ich diese aus ihrer Sicht wertvollen Lektionen fürs Leben noch vor meiner Hochzeit lerne. Ich bezweifle jedoch, dass ich in Zukunft wissen muss, was ich mit welcher Gabel ich essen und nicht essen darf, wenn das ganze System erst einmal zusammengebrochen ist. Dann wird es kein zehnteiliges Besteckset oder so etwas wie Manieren mehr geben.

Nachdem ich ein paar Stunden geübt habe, welches Besteck man wofür verwendet und wie man sich als Lady richtig ausdrückt, vor allem in der Gegenwart eines Mannes, habe ich genug. Das Kapitel, in dem all die Sachen aufgezählt werden, die man als Frau nicht ansprechen soll, macht mich unendlich wütend. Mir fällt das Buch der Manieren, das Lieblingsbuch meiner Mutter, aus Versehen ins Feuer, das die Zofe angezündet hat, die mich zuvor für das Treffen mit meinem Verlobten fertiggemacht hat. Früher hatten wir Leute, die haben sich nur um das Feuer gekümmert, heute nicht mehr. Heute kann ich mir das noch nicht einmal mehr vorstellen, auch wenn sich meine Mutter lauthals beklagt, als sie den Raum betritt und die Zofe wegschickt, die nach Rauch stinkt.

Meine Mutter frischt schliesslich selbst mein Make-up auf. Sie sprüht uns beide mit viel zu viel Parfüm ein, damit wir nicht mehr nach Feuer stinken. Dann zwingt sie mich, ein hellrosa Kleid anzuziehen, in dem ich mich nie wie ich selbst gefühlt hätte. Nicht einmal, bevor ich auf Plots Island gelebt habe. Sie steckt meine Haare noch einmal schön hoch und legt mir dann jeden erdenklichen Schmuck an.

Als sie meinen Ärmel zurückzieht, um mir ein riesiges Armband anzulegen, das man wegen der langen Ärmel sowieso nicht sieht, erstarrt sie plötzlich. Sie holt einmal tief Luft und fängt dann an zu schluchzen.

Ich habe leider nicht verhindern können, dass sie mein Tattoo sieht. Ich dachte, dass meine langen Ärmel mich hiervor schützen werden. Nach allem, was passiert ist, habe ich nicht damit gerechnet, dass mich meine Mutter einmal für einen Nachmittag mit meinem Verlobten fertigmachen würde und mein Tattoo so sehen könnte.

„Was ist das?“, fragt meine Mutter schluchzend.

Als sich falsche Tränen in meinen Augen sammeln, ist sie sofort mit einem Taschentuch zur Stelle.

„Nicht weinen. Du ruinierst meine Arbeit.“

Ich reisse mich zusammen. Zumindest tue ich so.

„Sie haben mich gezwungen.“

„Das können sie dir nicht angetan haben“, sagt meine Mutter noch immer schluchzend.

„Sie haben noch schlimmere Dinge getan“, erwidere ich.

Meine Mutter soll es ruhig hören. Sie hat bis jetzt so wenig Mitgefühl gezeigt, wenn alles wirklich so schlimm gewesen wäre, wie ich behaupte, hätte ich mich wahrscheinlich schon lange umgebracht. Ich bräuchte jetzt ihre Unterstützung, doch sie macht mich lieber für ein Treffen mit meinem Verlobten fertig. Dafür muss sie bezahlen.

„Was für Dinge?“, fragt meine Mutter. „Dein Körper?“

Ich nicke.

Bis jetzt habe ich immer darauf bestanden, dass nichts passiert ist. Jetzt tue ich so, als würde ich mich meiner Mutter gegenüber öffnen. Ich weiss, dass meine Mutter nie ein Wort sagen wird, sie wird alles tun, damit die Hochzeit stattfindet, doch es wird sie quälen, dass mehr passiert ist. Hiermit schade ich nur meiner Mutter, von der ich, obwohl ich sie verraten werde, mehr Unterstützung erhofft habe, auch wenn ich sie nicht erwartet habe.

„Alles?“, fragt meine Mutter.

Sie kann es nicht aussprechen, schliesslich spricht man hier nicht über das Thema. Man denkt gar nicht daran, auch nicht, wenn man verheiratet ist.

Ich nicke wieder.

Meine Mutter zieht scharf die Luft ein. Ich wünsche mir eine Umarmung, doch meine Mutter legt mir bloss mein Armband um und zieht den Ärmel meines Kleides herunter.

„Das ist nie passiert“, sagt meine Mutter. „Du hast deine Unschuld nie verloren, verstanden?“

Ich nicke wieder.

Wenn sie nur wüsste, dass die schon lange verloren war, selbst lange bevor ich nach Plots Island gegangen bin. Das sage ich ihr jedoch nicht. Es quält sie mehr, wenn sie denkt, dass es mit jemandem passiert ist, der mich in Plots Island dazu gezwungen hat.

Meine Mutter stellt keine weiteren Fragen. Sie legt eine schwere Halskette um meinen Hals, dann begleitet sie mich hinunter in den grauen Salon, wo mein Vater bereits auf mich wartet. Sie lässt uns kurz allein, um sich selbst fertigzumachen.