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Wilhelmina, die Tochter des Bürgermeisters, hat alles, wovon andere träumen. Sie ist reich, hübsch und verlobt. Nur ist sie nicht glücklich. Als sie von einer Bande aus dem gefürchtetsten Stadtviertel ihrer Heimat entführt wird, ändert sich alles. Sie wird zur Diebin ausgebildet und muss sich gleichzeitig an das harte Leben auf Plots Island gewöhnen. Warum wurde sie entführt? Was planen ihr Boss und seine Untergebenen? Weshalb wird aus allem ein Geheimnis gemacht? Wer ist Boss wirklich und was hat er vor? Wieso gefällt ihr das Leben auf Plots Island von Tag zu Tag ein bisschen mehr? Auf viele Fragen versucht Wilhelmina noch immer Antworten zu finden, als ihr zumindest ein Teil der Wahrheit erzählt wird und sie im Austausch für ihre Freiheit etwas tun muss, das sie nie für möglich gehalten hätte.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
1
In einer Welt, in der die Gesellschaft zusammengebrochen ist und es keine Länder mehr gibt, kämpfen ganze Städte um ihr Überleben. Regiert von Reichen und Kriminellen. Ich sollte mich glücklich schätzen, weil ich zu den Reichen gehöre, auch wenn ich mich wie eine Kriminelle fühle.
Mir hat es nie an etwas gefehlt. Mein Vater, der schon mein Leben lang als Bürgermeister über meine Heimatstadt herrscht, hat mir immer jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, wenn ich getan habe, was er von mir verlangt hat. Ich konnte und kann noch immer haben, was ich will, aber über die Jahre hinweg habe ich gelernt, dass mich das nicht glücklich macht.
Mein Leben könnte nicht langweiliger sein. Ich habe nur eine Aufgabe und das ist zu heiraten. Einen Verbündeten meines Vaters, den ich schon mein Leben lang kenne, der wohl so etwas wie ein Freund ist, zumindest ein Freund der Familie, und doch könnte er mir nicht gleichgültiger sein. Doch weil es meine Eltern wollen, werde ich ihn heiraten. Ich werde tun, was von mir verlangt wird, zumal mir nichts anderes übrigbleibt.
Durch einen grossen, prunkvollen Bogen aus weissem Marmor verlassen wir Kensington und betreten Mayfair.
Obwohl ich schon mein Leben lang in der gleichen Stadt, im gleichen Haus, lebe, habe ich von meiner Heimatstadt nie mehr als die Stadtviertel Kensington, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, und Mayfair, in dem wir einkaufen, gesehen.
Die anderen drei Stadtviertel kenne ich nur aus Erzählungen und Gruselgeschichten. In einem Stadtviertel leben die Arbeiter, die Kensington zu dem perfekten Ort machen, der er ist. In einem anderen Stadtviertel leben die Menschen ohne Perspektive. Dorthin wird unser Abfall gebracht. Über das fünfte Stadtviertel wird so gut wie nicht gesprochen. Dort leben die Kriminellen, all die, die wir aus der neu geformten Gesellschaft ausgeschlossen haben.
Niemand darf von einem ins andere Stadtviertel wechseln. Du lebst dort, wo du geboren wurdest, vom ersten bis zum letzten Tag, ausser du wirst aus einem der vier Stadtviertel ins Stadtviertel der Kriminellen verbannt.
Wie wir Menschen behandeln, macht uns Reiche nicht viel besser als die, die wir verbannen. Doch scheine ich die Einzige zu sein, die so denkt.
Mayfair ist schön, sauber und relativ reich, wenn auch nicht ganz so reich wie Kensington. Auch hier gibt es schöne Häuser, nur wurden sie nicht aus weissem Marmor gebaut, sondern aus braunen Backsteinen. Die meisten sind mehrere Stockwerke hoch und mit Blumen verziert. Vor einigen Häusern stehen sogar Autos. Ein Luxus, sogar in Kensington, auch wenn Luxus dort etwas vollkommen Normales ist.
Kensington hat viel von dem Luxus, der noch bis ein paar Jahre vor meiner Geburt eine Selbstverständlichkeit war, behalten dürfen. Wir haben die Autos, die weissen Häuser aus Marmor, die Fernseher und Filme, Heizungen und Klimaanlagen, aber vor allem die Dienerschaft, die uns von den anderen Stadtvierteln abhebt.
Viele Bewohner Mayfairs leben im selben Luxus, weil der Hafen, der an das Stadtviertel grenzt, sie reich macht. Manche Bewohner haben auch eine Dienerschaft, obwohl sie nie so viele Angestellte haben wie ein normaler Bewohner Kensingtons. Doch im Gegensatz zu den Bewohnern Kensingtons spüren die Leute in Mayfair den Einfluss des Zusammenbruches der Zivilisation und der Vernetzung der Welt. Sie kämpfen jeden Tag, damit sie nicht wie im 19. Jahrhundert leben müssen.
Die anderen Stadtviertel haben, soviel ich weiss, nicht viel, kaum Maschinen oder andere Technik, die den Alltag erleichtert. Vielleicht haben sie fliessendes Wasser, aber nicht mehr. Kein Luxus. Sie leben wie in einem neuen viktorianischen Zeitalter. Sie sind zurückgefallen ins 19. Jahrhundert.
Meine Zofe aus dem Arbeiterviertel führt mich gezielt durch die Gassen von Mayfair. Sie kommt noch öfter als ich hierher, da sie hier kauft, was ich mir wünsche. Sie kennt sich gut aus, sie kennt jede Ecke des Stadtviertels, das mich fasziniert, weil ich so selten aus dem Haus komme.
Wie immer sehe ich mich neugierig um. Ich suche nach etwas Neuem, nach etwas Aufregendem. Ein neues Geschäft, das wir besuchen könnten, einen neuen Ort, den wir erkunden könnten, während ich weiter meiner Zofe folge.
Leider betreten wir, kaum habe ich mich etwas umgesehen, eines der mir viel zu bekannten Kleidergeschäfte.
Meine Eltern, mein Verlobter und ich gehören der obersten Schicht der Gesellschaft an. Mein Vater herrscht über die Stadt, mein Verlobter möchte irgendwann über die Stadt herrschen. Beide Männer in meinem Leben sind unsagbar reich.
Theoretisch könnten wir tun und lassen, was auch immer wir wollen, aber selbst an der Spitze eines zum Einsturz verdammten Systems mit mehr Geld als eine Person jemals ausgeben könnte, gibt es Regeln. Mein Leben lang wurde ich zu einer perfekten Dame erzogen. Ich weiss, wie man tanzt, spricht und sich kleidet, ohne auch nur einen winzigen Fehler zu machen. Ich weiss genau, welche Kleidung ich heute ansehen und anprobieren darf und woran ich wie immer vorbeigehen muss.
Als Mädchen, als ich noch meine Freundinnen, alles Mitglieder von anderen reichen Familien, besuchen durfte, haben wir uns von all den Zwängen und Vorschriften gelöst. Zusammen konnten wir für eine Weile frei sein. Wir konnten tun und lassen, was wir wollten. Damals habe ich ein paar Dinge gelernt, die meine Eltern ins Grab befördern würden. Wir haben Dinge getan, über die wir nie sprechen werden.
Nachdem ich ein paar Kleider ausgesucht habe, führt mich meine Zofe aus dem Laden hinaus. Ich bewundere weiter die schönen braunen Häuser, die einem nicht blenden, wie es die weissen, immer perfekt hergerichteten Häuser in Kensington tun. Ich beobachte die Menschen, die hier viel zufriedener wirken und so normal aussehen. Einige Männer tragen sogar Jeans, die in meiner Welt verboten sind. Andere kommen offenbar direkt vom Hafen, manche sind schmutzig und halten sogar eine Flasche mit etwas, was stark nach Schnaps riecht, in den Händen. Ein Bild, das ich zu Hause nie zu sehen bekomme.
Meiner Zofe folge ich in eine düstere Gasse hinein. Einer der wenigen nicht sonderlich schönen Ecken Mayfairs. Das Sonnenlicht schafft es kaum, die Gasse zu erhellen, über uns hängt Kleidung, die keinen einzigen Sonnenstrahl durchlässt.
Ich laufe etwas schneller und versuche meine Zofe einzuholen, der es hier offenbar auch nicht sonderlich gut gefällt.
„Wo sind wir?“
„Wir sind immer noch in Mayfair, Madam. Wir nehmen nur eine Abkürzung“, sagt meine Zofe und biegt so schnell ab, dass ich sie fast aus den Augen verliere. „Gleich wird alles wieder ihren Ansprüchen entsprechen.“
Das hoffe ich. Ein kühler Wind zieht durch die düsteren Gassen. In manchen Geschichten ist das ein Vorbote für Gefahr. Plötzlich habe ich das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden. Doch ich sehe niemanden ausser meiner Zofe, die noch immer durch die düsteren Gassen huscht, während ich versuche, ihr zu folgen.
Vor uns liegt eine Kreuzung. Es führen mehrere düstere Gassen in alle vier Himmelsrichtungen. Ich weiss nicht, wie wir von hier zurück in den schöneren Teil von Mayfair oder zurück nach Kensington kommen können. Wie so oft bin ich froh, nicht allein zu sein.
Nur einen Moment lang sehe ich nach oben, ich versuche, die Sonne, die sich hinter den Häusern und Kleidern versteckt, zu erkennen. Ich versuche, den blauen Himmel über all der Wäsche zu erkennen, was aber leider nicht möglich ist.
Dann senke ich meinen Kopf wieder, um mir zu versichern, dass ich meiner Zofe in die richtige Gasse hineingefolgt bin.
Doch sie ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt.
Schnell drehe ich mich um, aber niemand ist zu sehen. Ich stehe inmitten der Verzweigung, kann in alle Gassen hineinsehen, aber meine Zofe ist verschwunden. Die Gassen sind leer, nur Wäsche und Hauswände sind zu sehen.
Wieder lässt ein kalter Luftzug mich erzittern. Ich sehe mich weiter nach meiner Zofe um, rufe ihren Namen, aber sie taucht nicht wieder auf. Langsam steigt die Panik in mir auf. Ich weiss nicht, welche Gasse ich langlaufen muss, um die belebten Strassen Mayfairs zu erreichen. Den Weg nach Hause finde ich auch dann nicht, aber wenigstens könnte ich da jemanden um Hilfe bitten.
Als ich höre, wie eine Tür leise geöffnet wird, meine Zofe aber immer noch nicht zu sehen ist, begreife ich, dass ich mich bewegen muss. Ich kann nicht hier stehen und auf ihr Erscheinen warten. Überall, ausser in Kensington, kann es gefährlich werden.
Noch nie habe ich mich in einer solchen Situation wiedergefunden. Ich war noch nie allein, ausser in meinem Zimmer. Wenn ich das Haus meiner Eltern verlassen habe, dann immer in Begleitung.
Ein Leben lang bin ich auf alles Mögliche vorbereitet worden, aber nicht auf eine solche Situation. Zum ersten Mal in Jahren fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind. Meine gute Erziehung bringt mir im Moment gar nichts.
Ich lausche, vielleicht kann ich den belebten, schönen Teil Mayfairs hören. Ich sehe mich nochmals um, aber es ist nichts zu sehen oder zu hören. Niemand ist hier, der mir helfen kann, ich muss mir selbst helfen.
Vier Wege kann ich gehen. Sie könnten mich alle an mein Ziel führen. Sie könnten mich aber auch alle in ein anderes Stadtviertel bringen, in dem ich mich noch weniger auskenne. In ein Stadtviertel, in dem die Menschen unsere Art zu leben nicht verstehen.
Wieder ist ein leises Geräusch zu hören, etwas, das ich nicht genau zuordnen kann. Vielleicht wieder eine Tür. Ich drehe mich noch einmal um mich selbst. Mittlerweile weiss ich nicht mehr, aus welcher Gasse ich gekommen bin. Niemand ist zu sehen. Die Wäsche über mir tanzt im Wind und wirft manchmal komische Schatten auf die Hauswände.
Ein weiteres Geräusch ist zu hören, aber ich bin mir sicher, dass es hinter mir ist. Schnell laufe ich los. Meine Schritte hallen an den Hauswänden wider. Vor mir sehe ich nur eine leere, schier endlose Gasse, Wäsche über mir und Hintereingänge zu Häusern, deren Vorderseite ich wahrscheinlich noch vor ein paar Minuten bewundert habe.
Plötzlich löst sich ein Schatten aus einem der Hauseingänge. Einen Moment laufe ich noch auf den Schatten zu, überzeugt davon, dass mir mein Gehirn einen Streich spielt. Doch dann sehe ich einen jungen Mann mit schwarzen Haaren, schwarzen Augen und in einen schwarzen Anzug gehüllt, als ginge er auf eine Beerdigung.
Ich bleibe etwa zwei Meter vor ihm stehen, während seine schwarzen Augen mich mustern. Der Wind frischt noch etwas auf. Ich habe eine Gänsehaut am ganzen Körper.
Er mustert mich, ich mustere ihn. Etwas sagt mir, dass ich weglaufen soll, doch meine Beine bewegen sich nicht.
Der junge Mann steht mit verschränkten Armen vor mir. Er ist dünn und hochgewachsen, seine Wangenknochen sind deutlich zu erkennen. Er trägt keinen Schmuck, was für einen Mann aus Mayfair und Kensington ungewöhnlich ist.
Ich könnte an ihm vorbeilaufen, wage es aber nicht. Ich könnte umdrehen und davonrennen, tue es aber nicht. Stattdessen starren wir uns weiter gegenseitig an und warten darauf, dass etwas passiert.
2
Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich etwas. Die Panik in mir erinnert mich daran, dass ich noch Gefühle habe. Gefühle, die mich vor Gefahr warnen, der ich entkommen sollte. Ein Kribbeln erfasst meinen ganzen Körper, ich zittere leicht, und das nicht nur wegen des Windes.
Der junge Mann, wahrscheinlich etwa in meinem Alter, vielleicht auch ein oder zwei Jahre älter, senkt kurz den Kopf. Ich weiss nicht, woher er kommt oder wo er lebt, aber offenbar hat man ihm Manieren beigebracht.
„Miss“, begrüsst er mich mit tiefer, aber klarer Stimme. Er lässt mich keine Sekunde aus den Augen.
Ich möchte ihn auch grüssen, schliesslich habe ich ebenfalls Manieren. Vielleicht erkennt der junge Mann dann, woher ich komme, und hilft mir, den Weg nach Hause zu finden. Doch ich komme nicht dazu, ein Wort zu sagen, nicht einmal mit dem Kopf zu nicken oder um Hilfe zu bitten, denn plötzlich ist hinter mir das laute Knarren einer Holztür zu hören. Dann steht auch schon ein breitgebauter Berg eines Mannes hinter mir. Sofort drehe ich mich zu ihm um. Dabei kann ich die schwarzen Augen des jungen Mannes noch immer auf mir liegen spüren.
Der grosse Mann arbeitet offenbar am Hafen, dort habe ich schon viele solcher Männer mit mehr Muskeln als Haaren auf dem Kopf gesehen. Nur trägt dieser Mann ein Shirt, während die Männer am Hafen meistens ohne Oberteil herumlaufen und arbeiten. Der Mann wird eingehüllt vom Rauch seiner Zigarette, die er nun auf den Boden wirft.
Der Mann, der vor mir steht, sollte die grössere Bedrohung sein, einfach weil er grösser ist. An ihm kann ich unmöglich vorbeikommen. Der junge Mann hinter mir, dessen Augen ich noch immer auf mir spüre, fühlt sich jedoch gefährlicher an. Ich kann nicht sagen, was dieses Gefühl auslöst, doch habe ich mehr Angst vor ihm als vor dem Berg vor mir.
Trotzdem möchte ich etwas sagen, ich möchte die beiden begrüssen und um Hilfe bitten. Vielleicht habe ich einfach zu viele schreckliche Geschichten gehört. Vielleicht ist das hier nicht eine der Situationen, vor denen man mich gewarnt hat, sondern ein einfaches Missverständnis.
Langsam drehe ich mich so, dass ich nun hinter mir die Hauswand habe und die beiden Männer, die mich einkesseln, im Augenwinkel sehe. Ich möchte mich an sie beide gleichzeitig wenden, einer von ihnen kennt bestimmt den Weg zurück nach Kensington. Doch als der Berg eines Mannes auf mich zeigt, schwindet die Hoffnung.
„Sie“, sagt der Berg eines Mannes. „Sie ist es, die ich verkaufe.“
Verkaufe?
Ich schüttle den Kopf, auch wenn ich nicht verstehe, was hier vor sich geht. Der Mann kann unmöglich mich meinen. Ich kann nicht verkauft werden, kein Mensch kann gekauft oder verkauft werden. Etwas muss ich falsch verstanden haben. Das ist ein riesiges Missverständnis.
„Wie viel?“, fragt der junge Mann. Etwas sagt mir, dass er nicht zum ersten Mal handelt. Nur handelt er nicht mit Ware, sondern möchte den Preis eines Menschen wissen.
„Das hier ist ein grosses Missverständnis. Ich stehe nicht zum Verkauf. Kein Mensch tut das.“
Weder der Berg eines Mannes noch der junge Mann schenken mir auch nur etwas Beachtung. Sie tun so, als hätten sie mich nicht gehört.
„Zweihundert.“
Zweihundert?
Ich bin weniger wert als eines meiner billigsten Kleider?
„Ich bin mehr wert als Zweihundert“, platzt es aus mir heraus. Eigentlich wollte ich gar nichts sagen, schliesslich stehe ich nicht zum Verkauf. „Wenn das hier denn ein richtiges Geschäft wäre, wäre ich mehr wert. Doch es ist bloss ein riesiges Missverständnis. Ich habe mich bloss verlaufen.“
Beide Männer ignorieren mich, aber sie müssen mich zumindest gehört haben, denn der junge Mann ändert seine Strategie.
„Hundert. Du musst mir einen Preisnachlass geben, dafür dass sie so viel redet.“
„Hundert?“, frage ich. Dieses Mal schüttle ich den Kopf. Nicht nur, weil ich noch immer am falschen Ort bin und das hier ein riesiger Fehler ist, sondern auch, weil mich der Preis entsetzt. Wir haben zu Hause Staubwedel, die mehr kosten.
„Hundertfünfzig.“
Wieder versuche ich deutlich zu machen, dass ich nicht hierhergehöre, während der junge Mann offenbar über das Angebot nachdenkt.
„Das hier ist ein grosses Missverständnis“, wiederhole ich zum dritten Mal. Bis jetzt bin ich freundlich geblieben, aber langsam verlässt mich die Geduld. „Ihr macht einen grossen Fehler. Ich stehe nicht zum Verkauf. Menschen werden nicht gekauft oder verkauft. Ich komme aus Kensington, meine Eltern sind reich, sie werden euch bestimmt gutes Geld zahlen, wenn sie erfahren, dass ihr mich nach Hause gebracht habt, nachdem ich mich verlaufen habe. Fünfhundert für beide. Versprochen.“
Ich selbst habe mehr Geld dabei, aber das werde ich bestimmt nicht sagen, schliesslich wollen mich die beiden nicht ausrauben, sondern verkaufen und kaufen.
Der Berg eines Mannes dreht den Kopf. Er sieht mich nicht direkt an, aber einen Moment lang bin ich mir sicher, dass er mir zuhört. Vielleicht denkt er sogar über mein Angebot nach, schliesslich biete ich viel Geld. Zumindest ist es überall, ausser in Kensington, viel Geld.
Der junge Mann denkt auch noch immer nach. Ich hoffe, er denkt über mein Angebot nach und nicht darüber, mich zu kaufen.
„Hundertfünfundzwanzig“, sagt er dann. „Mehr bezahle ich nicht.“
Der Berg eines Mannes überlegt wieder. Das nutze ich, um mein eigenes Gebot in die Runde zu werfen.
„Tausend, für jeden von euch.“
Darauf kommt keine Reaktion. Von beiden werde ich ignoriert, so als hätte ich nicht gerade ein Vermögen geboten.
„Hundertfünfundzwanzig, aber du bringst sie selbst hier weg. Ab hier ist sie dein Problem“, sagt der Berg eines Mannes. „Lieferung nicht inbegriffen.“
Ich kann nicht glauben, was ich höre. Ich werde tatsächlich gerade zu einem Spottpreis verkauft, wie ein Leib bestelltes Brot, das man selbst beim Bäcker abholen muss.
„Mich kann man nicht kaufen“, sage ich wieder. Doch ich könnte auch mit einer Wand sprechen. Niemand hört mir zu.
Der junge Mann zieht ein paar Geldscheine aus der Tasche. Er reicht sie dem zufrieden grinsenden Berg eines Mannes. Zum ersten Mal werde ich vom jungen Mann wieder beachtet. Er möchte offenbar sichergehen, dass sein Kauf nicht davonläuft.
Das ist mein Plan, nur muss ich dafür warten, bis der Berg eines Mannes mir aus dem Weg geht. Er zählt die Geldscheine, bevor er grinsend auf die Tür zugeht, aus der er gekommen ist, und verschwindet.
Der junge Mann beobachtet, wie ich den muskulösen Mann. Ich nutze die Gelegenheit und versuche davonzurennen. Leider komme ich nur ein paar Schritte weit, als mich eine Hand am Arm packt. Der junge Mann zwingt mich, ihn anzusehen. So nah wie wir uns jetzt sind, sehen seine Augen nicht mehr schwarz aus, sie sind dunkelbraun, aber noch immer beängstigend. Er sieht gefährlich aus.
„Du gehörst jetzt mir. Denk nicht einmal daran, davonzulaufen.“
Doch ich höre nicht auf, daran zu denken, während er mich hinter sich herzieht. „Ich gehöre niemandem. Kein Mensch kann gekauft oder verkauft werden.“
„In Kensington vielleicht nicht. Überall sonst in dieser verdammten Stadt kannst du kaufen und verkaufen, was und wen du willst.“
Plötzlich habe ich eine Ahnung, woher der junge Mann kommt, der mich noch immer fest im Griff hat.
„Lass mich los. Meine Eltern zahlen dir das Hundertfache, wenn du mich zurück nach Hause bringst.“
„Du bist das Tausendfache Wert, wenn du dich als nützlich erweist“, sagt der junge Mann kalt. Er zieht mich weiter die Gasse entlang.
Ich versuche es noch ein letztes Mal und bleibe stehen. „Meine Eltern zahlen dir auch das Zehntausendfache. Wirklich. Sie sind so reich. Mein Vater ist der Bürgermeister der Stadt.“
„Du meinst die Person, die alle fünf Jahre gewählt wird, obwohl nur die Stimmen der Leute aus Kensington zählen? Du meinst den Diktator, der sich hinter einer Wahl versteckt?“
„Politik ist kompliziert“, sage ich. Das ist die Antwort, die mir mein Leben lang eingetrichtert wurde, wenn ich selbst das System hinterfragt habe. „Er ist ein guter Mann und wird viel Geld für seine einzige Tochter zahlen.“
Der junge Mann, der mir gegenübersteht, schüttelt den Kopf, aber er scheint einen Moment über mein Angebot nachzudenken. Ich nutze den Moment, reisse mich los und laufe, so schnell ich kann, davon.
Ich höre keine Schritte hinter mir, doch ich höre nicht auf zu rennen. Die Verzweigung, bei der ich zuvor den schlimmstmöglichen Weg gewählt habe, taucht wieder vor mir auf. Dieses Mal werde ich einfach geradeaus laufen, ich werde erst aufhören zu laufen, wenn ich wieder unter Menschen bin.
Doch ich komme nicht bis zur Verzweigung. Als ich die Kreuzung erreiche, packen mich plötzlich wieder starke Hände. Ich werde augenblicklich angehalten, der Schwung reist mich aber nicht von den Beinen. Ich stolpere nicht, weil ich weiter festgehalten werde. Vergeblich versuche ich mich zu wehren. Das Letzte, was ich sehe, ist eine Hand voller Goldringe, dann riecht es süsslich, bevor alles schwarz wird.
3
Ich wache auf, weil mich jemand schlägt. Sanft, aber die Zofe, die sich das erlaubt, wird den Arbeitstag nicht beenden. Langsam blinzle ich in den düsteren Raum hinein und erkenne, dass ich nicht zu Hause in meinem Bett bin, sondern an einem unbekannten Ort.
„Sie ist wach, Boss. Wie gewünscht.“
Ich sehe hinauf in ein zufrieden grinsendes Gesicht. Dann richtet sich der Mann auf. Schwach erinnere ich mich an einen Berg eines Mannes. Das ist er nicht, aber er sieht dem Mann aus der Gasse sehr ähnlich.
Über mir ragt ein Muskelprotz, seine Arme sind voller Tattoos. Sein Gesicht voller Narben. Er hat ein blaues Auge und ein paar Kratzer. Er kann nicht viel älter sein als ich, hat aber einen kahl rasierten Kopf, und als das Grinsen aus seinem Gesicht fällt, sieht er wirklich bedrohlich aus. Er ist die Art von Mann, dem man nachts nicht allein über den Weg laufen möchte.
Er geht ein paar Schritte, ich lasse ihn dabei nicht aus den Augen. Er mustert mich weiter, sein Gesicht ernst, bedrohlich, so als wollte er mich umbringen. Doch dann spricht er wieder mit einer angenehmen, fast schon netten Stimme, die nicht zu ihm passt.
„Sie ist so niedlich. Wie ein Katzenbaby. Können wir sie behalten, Boss?“
„Ich dachte, du hast sie schon gekauft, Boss?“
„Müssen wir sie umtauschen?“
Zwei Fragen gestellt von zwei Personen, die sich gleich anhören und auch gleich aussehen. Sie kommen hinter dem Muskelprotz hervor, der sich nun an eine Wand mit ein paar Bildern von Landschaften lehnt.
Offenbar sind die beiden Jungs, die je eine Frage gestellt haben, Zwillinge. Beide sehen mich neugierig an. Ihre olivenfarbene Haut scheint im schwachen Licht zu glitzern, beide haben die gleichen dunkelbraunen Haare, die sie sich gleichzeitig mit einer synchronen Bewegung aus dem Gesicht streichen.
Neben ihnen sitzt ein junger Mann auf dem Boden, er hat alte Kopfhörer in den Ohren und starrt auf dem Boden. Er scheint mich nicht zu bemerken und die Fragen zu ignorieren, die die Zwillinge gestellt haben. Im Takt des Liedes, das ich nicht hören kann, klatscht er stumm auf seinen runden Bauch. Seine Glatze schimmert im düsteren Licht.
Langsam sehe ich mich im Raum, in dem ich mich befinde, um. Ich suche nach einer Fluchtmöglichkeit, aber da stellt sich ein dünner, dunkelhäutiger junger Mann vor mich. Er ist der Einzige in diesem Raum, der angemessene Kleidung trägt. Eine schicke und sicher auch kostspielige Kombination aus Stoffhose, Hemd und einem Mantel, welcher auch im Haus getragen werden kann, der ihm bis zu den Knöcheln reicht. Er hat Goldringe an jedem Finger, was mich darauf schliessen lässt, dass er auch aus reichem Haus stammt.
Hoffnungsvoll sehe ich in das Gesicht des Fremden hoch und bete, dass ich ihn wiedererkenne. Dass das hier nur ein schlechter Scherz ist. Vielleicht irgendein Spiel, das man vor der Hochzeit spielt. Eine Entführung der Braut und ihr Mann muss sie dann finden.
Leider erkenne ich den Mann mit guten Manieren nicht, der nun seinen schwarzen Hut zieht und sich vor mir verbeugt. Dabei kann ich die schwarzen Locken auf seinem Kopf sehen. Er setzt den Hut wieder auf und zeigt mir dann sein Grinsen. Seine weissen Zähne leuchten und seine braunen Augen strahlen.
„Willkommen in unserem bescheidenen Zuhause, Schönheit.“
Ich muss mich zusammenreissen, um mich nicht selbst auch höflich vorzustellen. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass ich nicht freiwillig hier bin.
„Wo bin ich?“
„Nicht mehr in Mayfair, so viel ist sicher“, sagt der grinsende junge Mann vor mir. „Ich wette, du hast noch nie ein anderes Stadtviertel gesehen als das schöne Mayfair, Püppchen.“
Der grinsende junge Mann läuft um mich herum. Ich kann mich nicht umdrehen, um zu sehen, was er tut, weil ich, wie ich jetzt merke, an einen Stuhl gefesselt bin. Ich kann meinen Oberkörper, meine Arme und meine Beine nicht bewegen.
Ich spüre, wie jemand sanft an meinen Haaren zieht.
„Nicht anfassen. Was verstehst du daran nicht?“, höre ich eine tiefe Stimme sagen, die ich sofort wiedererkenne.
Die Erinnerungen aus der Gasse, bis zu meiner Flucht, sind klar. Ich weiss nicht, was passiert ist, nachdem ich flüchten wollte, wie ich hierhergekommen bin und warum ich hier bin.
Ich höre Schritte, etwas wird über den Boden gezogen. Die vier Personen, die mir gegenübergestanden haben, laufen auf mich zu, sogar der, der abwesend auf dem Boden gesessen hat. Kurz spannt sich jeder Muskel in meinem Körper an, aber sie alle gehen an mir vorbei.
„Dreht sie um“, höre ich die tiefe Stimme aus der Gasse sagen.
„Ihr alle seid zu nichts zu gebrauchen“, sagt die Stimme, die ich dem grinsenden Gesicht zuordnen kann.
„Habe ich dir gesagt, dass du sprechen sollst?“, fragt die Stimme aus der Gasse.
„Nein, Boss“, antwortet die Stimme, die zum grinsenden Mann gehört.
„Warum tust du es dann?“
„Weil unsere…“, sagt die Stimme des grinsenden Mannes, bevor er plötzlich verstummt. Ich weiss nicht, was ihn zum Schweigen gebracht hat.
Die Zwillinge kommen wieder in mein Blickfeld. Sie heben gemeinsam den Stuhl hoch, auf dem ich sitze, und drehen mich um. Eine Sekunde später sitze ich an einem Tisch, an dem nur fremde Personen sitzen. Der Mann aus der Gasse sitzt mir gegenüber. Er trägt seine Anzugjacke nicht mehr, er hat die Ärmel seines schwarzen Hemdes seine Arme hochgeschoben. Der grinsende Mann sitzt rechts neben ihm, daneben der mit den Kopfhörern. Zur linken Seite des Mannes aus der Gasse sitzt der Muskelprotz und neben ihm sitzen die Zwillinge.
„Wo bin ich? Wer seid ihr? Warum bin ich hier?“, frage ich in einem Atemzug.
„Sie stellt so viele Fragen“, sagt der grinsende Mann. Dafür fängt er sich einen strengen Seitenblick des Mannes aus der Gasse ein. Das bringt ihn zum Schweigen.
„Wir haben dich gekauft. Du gehörst nun zu uns“, erklärt mir der Mann aus der Gasse. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er der Boss ist und auch so genannt wird.
„Niemand kann einen Menschen kaufen.“
„In deiner perfekten Luxuswelt vielleicht nicht, obwohl es dich wahrscheinlich überraschen würde, was man dort alles kaufen kann. In der realen Welt kann jeder kaufen und verkaufen, wen er kaufen oder verkaufen möchte.“
Ich starre in die schwarzen Augen des Mannes aus der Gasse.
„Na gut, Menschen können gekauft und verkauft werden, aber ich nicht. Ich stand nicht zum Verkauf. Ich war bloss zur falschen Zeit, am falschen Ort. Ich habe den Mann, der mich angeblich verkauft hat, noch nie in meinem Leben gesehen.“
„Das ist dein Problem, nicht unseres.“
„Was soll das bedeuten?“, frage ich den Mann aus der Gasse. „Jemand, der mich noch nie gesehen hat, kann mich einfach verkaufen?“
„Kann passieren“, sagt der Mann mit dem Grinsen. Er zeigt auf die Zwillinge. „Ist den beiden auch schon einmal fast passiert.“
Die Zwillinge nicken wie eine Person.
„Keine Ahnung, was jemand mit den beiden Blödmännern anfangen wollte“, sagt der grinsende Mann. „Ich weiss eigentlich nicht einmal so genau, warum sie hier sind.“
„Wir sind nützlich.“
„Sobald du etwas sprengen musst, brauchst du uns.“
Der grinsende Mann nickt.
„Ach ja, stimmt. Ihr seid hier für das Feuerwerk.“
Ich versuche, aus dem Gespräch schlau zu werden. Was auch immer ein Feuerwerk mit meiner aktuellen Situation zu tun hat, es ist mir egal. Ich will bloss hier weg, und das am liebsten so schnell wie möglich.
Der Mann aus der Gasse schlägt mit der Hand auf den Tisch. Alle zucken zusammen. Das Gespräch verstummt. Die Ruhe nutze ich, um etwas zu sagen.
„Das war ein Versehen. Ich sollte nicht hier sein. Meine Eltern suchen mich bestimmt schon. Welchen Menschen du auch immer kaufen wolltest, ich bin es nicht. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort“, wiederhole ich zum gefühlt hundertsten Mal.
Die Gesichter aller sind plötzlich ernst. Ich weiss nicht, ob ich etwas Falsches gesagt oder getan habe, aber das ist mir auch egal. Ich möchte, dass man mich von diesem Stuhl befreit und mich gehen lässt, weil ich offensichtlich nicht hierhergehöre.
„Das ist mir egal“, sagt der Mann aus der Gasse ruhig. Fast zu ruhig. Wenn er spricht, ist es fast schon unheimlich. „Du gehörst jetzt uns. Zu uns. Ob es dir gefällt oder nicht. Du wirst tun, was ich dir befehle. Keine Widerrede. Keine Diskussion. Was passiert ist, ist passiert.“
„Aber es war nicht richtig“, sage ich. „Das alles ist ein grosser Fehler. Mein Name ist Wilhelmina Ingrid Matilda Lindberg. Ich komme aus Kensington. Ich bin die Tochter des Bürgermeisters. Bitte, bringt mich zurück nach Hause und ich verspreche, ihr werdet alle belohnt werden. Ich werde niemandem sagen, dass ihr mich gekauft und festgehalten habt. Ihr alle könnt reich werden, ihr müsst mich nur nach Hause bringen.“
„Sie hat dir widersprochen, Boss“, sagt der nicht mehr grinsende Mann zum Mann aus der Gasse, der mich ansieht. Zorn liegt in seinen Augen. Dann mustert er den grinsenden Mann.
„Ich bin nicht taub.“
„Ich dachte nur…“
„Das ist dein Problem. Du versuchst zu denken. Lass das.“
„Sie ist die Tochter des Bürgermeisters, eine sehr wichtige Person. Vielleicht sollten wir sie doch zurückbringen und einfach das Geld nehmen“, sagt der Muskelprotz, der Einzige, der offenbar ein Gehirn und ein Gewissen hat.
„Wenn sie uns nützlich ist, wird sie viel mehr Geld einbringen, als wir jemals von ihrem Vater bekommen könnten“, sagt der Mann aus der Gasse. „Ich habe sie zu einem fairen Preis gekauft. Sie gehört nun mir. Uns. Zu uns. Sie wird mit uns arbeiten.“
„Wie kann sie für uns von Nutzen sein?“, fragt einer der Zwillinge.
„Was hat sie für Talente?“, fragt der Andere.
„Sie hat besondere Talente, die wir noch brauchen werden. Ausserdem ist sie eine Frau, sie kann Dinge tun, die wir nicht tun können. Mir ist egal, wer ihr Vater ist. Sie bleibt.“
Niemand hinterfragt den Mann aus der Gasse, auch wenn wir offenbar alle gerne wüssten, was ich für besondere Talente habe.
„Wer sagt, dass ich bei dem, was ihr tut, mitmachen werde? Nur weil ich gekauft wurde, muss ich nicht tun, was man mir sagt.“
Der Mann aus der Gasse bewegt sich so schnell, dass ich erst sehe, was vor sich geht, als er eine Pistole auf meinen Kopf richtet. Das ist es also, was mich erwartet, wenn ich nicht mitspiele.
Der Tod.
Mein Leben war bis jetzt ziemlich langweilig, ich habe nie freudig in die Zukunft gesehen, aber ich wollte nie und möchte auch noch immer nicht sterben. Ich möchte zu meinen Eltern zurück, in mein Leben zurück, auch wenn ich bald verheiratet werde.
„Wir sollten alle einen Gang zurückschalten“, sagt der Mann, der zuvor noch gegrinst hat. Er fasst den Mann aus der Gasse nicht an, trotzdem setzt sich der wieder ruhig auf seinen Platz. Dann wendet er sich an mich. „Du solltest dankbar sein, dass dich unser Boss von einem bestimmt nicht so netten Sklaventreiber gekauft hat. Du solltest dankbar sein, für die Chance, die wir dir bieten.“
Ich möchte mit der Hand auf den Tisch schlagen, kann meine Hand aber kaum bewegen und so nur auf meine Armlehne schlagen.
„Hast du nicht zugehört? Ich stand nie zum Verkauf. Ich kenne keine Sklaventreiber. Das alles ist ein grosses Missverständnis.“ Ich beuge mich so weit vor, wie ich kann, obwohl noch immer eine Pistole auf mich gerichtet wird. Wenn ich wirklich irgendwelche Talente habe, die ich selbst noch nicht einmal kenne, werde ich bestimmt nicht erschossen werden. „Ich verlange, nach Hause gebracht zu werden.“
Meine Stimme ist wohl etwas lauter geworden. Schon lange habe ich nicht mehr so laut mit jemandem gesprochen. Noch nie habe ich mit jemandem so gesprochen, den ich nicht kenne.
„Die Kleine hat Feuer“, sagt der junge Mann, der nun wieder grinst.
Ich möchte mich wieder befreien. Die Seile, die mich festhalten, bohren sich in meine Haut. Der junge Mann aus der Gasse entlädt seine Pistole, feuert sie aber nicht ab. Stattdessen richtet er den Lauf auf den jungen Mann mit dem Grinsen im Gesicht. Er hört nicht auf zu grinsen, aber er hebt sofort die Hände.
„Wenn du nicht tust, was wir dir sagen, wirst du zusehen müssen, wie jemand vor deinen Augen stirbt. Ein nicht sehr angenehmer Anblick, vor allem wenn man in einer Welt aufgewachsen ist, in der es keine Verbrechen zu geben scheint. Ich werde sie alle töten, und du wirst zuschauen, bis du wahnsinnig wirst. Verstanden?“
Ich nicke. Es macht keinen Sinn, weiter zu diskutieren. Wenn es nur um mein Leben ginge, hätte ich vielleicht weiter diskutiert. Doch selbst wenn ich die Leute um mich herum nicht kenne, möchte ich nicht ihr Leben aufs Spiel setzen. Für den Moment muss ich mitspielen. Nur bis sich eine Fluchtmöglichkeit auftut.
Der junge Mann aus der Gasse lässt die Pistole unter dem Tisch verschwinden, doch ich bin mir sicher, dass er sie noch immer griffbereit hat.
„Also fangen wir an“, sagt der junge Mann aus der Gasse. Seine Stimme ist nicht mehr berechnend und böse, sondern nur noch kalt.
„Zuerst möchte ich wissen, wo ich bin“, sage ich, auch wenn ich damit wahrscheinlich schon ein paar Leben in Gefahr bringe.
„Das haben wir dir doch schon gesagt“, sagt der grinsende junge Mann. „Du bist in unserem bescheidenen Zuhause.“
„Das wo ist?“, frage ich.
„Plots Island“, sagen alle gleichzeitig, wie aus einem Mund.
4
Plots Island.
Zuhause nennen wir die Insel, an der sich der Fluss in zwei Ströme teilt, der an Kensington und No Mans Land vorbeifliesst, die Plots. Die Insel der Verbannten, eine ehemalige Gefängnisinsel. Hier leben Verbannte, Kriminelle aus allen vier Stadtvierteln und Kriminelle, die hier geboren wurden.
Manchmal hört man Geschichten, dass Menschen aus den beiden reichen Stadtvierteln für ein Abenteuer hierherkommen. Die meisten kommen nicht wieder zurück. Manchmal werden die Leichen dieser Leute an den Flussufern von Mayfair und Rodey Park angespült. Die Menschen in den beiden Stadtvierteln sind angeblich gar nicht glücklich, Nachbarn von Plots Island zu sein, auch wenn sie beide durch einen Arm des Flusses von der Insel getrennt werden und es keine Brücken zu den Plots gibt. Es ist zudem verboten, mit einem Boot von einem der Stadtviertel zu den Plots zu segeln oder mit einem Schiff direkt an den Teil der Insel anzulegen, der ans Meer grenzt.
„Wie bin ich hierhergekommen?“
„Zuerst wurdest du getragen, dann hast du eine herrliche Schiffsfahrt verschlafen und zu guter Letzt wurdest du wieder getragen“, erklärt mir der grinsende junge Mann.
Der Muskelprotz hebt seine Hand. „Ich habe dich getragen. Du bist leicht wie ein Kätzchen.“
„Schiffsfahrten zu den Plots sind verboten.“
„Unser Boss hat dich gekauft und dich noch vor einer Minute mit einer Waffe bedroht. Glaubst du wirklich, es kümmert uns, was erlaubt ist und was nicht?“, fragt der grinsende junge Mann.
Ich schüttle den Kopf. „Wird der Fluss nicht jederzeit überwacht?“
„Die Soldaten aus Kensington wissen, welche Boote sie kontrollieren müssen und bei welchen sie es lieber lassen“, erklärt mir der grinsende junge Mann. Er ist offenbar der, aus dem ich am meisten Infos herausbekommen werde. Niemand sonst beantwortet mir meine Fragen. Alle anderen starren mich bloss an oder, wie im Fall der Zwillinge, murmeln unverständliches Zeug.
„Wenn sie uns zu nahe kommen…“, flüstert einer der Zwillinge.
„Dann bum“, ergänzt der andere.
Ich möchte nicht wissen, was sie damit meinen.
„Was für Talente besitze ich angeblich, weshalb ihr mich braucht?“, frage ich.
„Das wirst du noch früh genug erfahren“, antwortet mir der junge Mann aus der Gasse. Er hat offenbar genug von meinen Fragen. Doch das ist mir egal, ich habe noch hunderte Fragen, die er oder sonst jemand in diesem Raum mir gefälligst beantworten soll.
„Warum bin ich gekauft worden?“
„Um ein paar wichtige Aufgaben zu erfüllen und uns zu unterstützen“, antwortet mir der junge Mann aus der Gasse nun sichtlich genervt.
„Was für Aufgaben?“
„Das wirst du früher oder später erfahren.“
„Wie soll ich euch unterstützen, wenn ich nicht einmal weiss, was ich tun muss? Vielleicht muss ich mich vorbereiten. Vielleicht bin ich gar nicht so nützlich, wie ihr denkt.“
„Unser Boss weiss, was er tut und wen er kauft“, sagt einer der Zwillinge.
Der andere nickt zustimmend.
„Vielleicht wollte er aber auch nur etwas Frischen Wind in unser Haus bringen“, spekuliert der junge Mann mit dem Grinsen. „Ausser mir hatten wir schon lange kein schönes Gesicht mehr hier.“
Der junge Mann aus der Gasse sieht aus, als würde er gleich explodieren. Irgendwie finde ich das unterhaltsam. Von mir aus können die anderen gern noch etwas Schwachsinn reden, weil dann geht es dem jungen Mann aus der Gasse so, wie es mir geht, seit ich aus Versehen von ihm gekauft wurde.
„Sie ist wirklich schön“, sagt der Muskelprotz. Wieder hören sich seine Worte wie ein Kompliment an.
Ich kann keinem der vor mir sitzenden Personen vertrauen, weil sie alle in den Plots leben. Trotzdem kann ich entscheiden, wer ich mehr oder weniger sympathisch finde.
Der junge Mann aus der Gasse ist mir gar nicht sympathisch. Der Muskelprotz mag ich am liebsten, alle anderen sind offenbar in Ordnung. Der junge Mann mit dem Grinsen ist mir nur sympathisch, weil er mir Infos liefert, die mir vielleicht irgendwann mal nützlich sein könnten.
„Ich habe keine Frau gekauft, um sie anzusehen“, sagt der junge Mann aus der Gasse.
„Gib schon zu, es ist eines der Gründe“, sagt der junge Mann mit dem Grinsen. Das Grinsen fällt nicht einmal aus seinem Gesicht, als ihn der junge Mann aus der Gasse so ansieht, als würde er ihn am liebsten mit blossen Händen ermorden. „Sie hat Feuer und ist etwas trotzig. Mir gefällt das. Dir gefällt es auch. Gib es zu.“
„Ich bin kein Pferd“, merke ich an.
„Obwohl du wie eines gekauft wurdest“, sagt der junge Mann mit dem Grinsen.
Ich schüttle genervt den Kopf und versuche nicht zu grinsen. Der junge Mann ist immerhin ehrlich. Vielleicht wäre er sogar witzig, wenn ich nicht gerade gegen meinen Willen an einem schrecklichen Ort festgehalten würde.
„Sie ist schöner als ein Pferd“, sagt der Muskelprotz.
Die Zwillinge nicken.
Dann schlägt der junge Mann aus der Gasse plötzlich wieder auf den Tisch. „Können wir uns bitte wieder konzentrieren und zur Sache kommen. Zeit ist Geld.“ Mit einer Handbewegung gibt er dem jungen Mann mit dem Grinsen einen Befehl. „Stell dich vor, dann kannst du sie in ihr Zimmer bringen.“
„Welches Zimmer?“, frage ich.
„In das freie Zimmer?“, fragt der junge Mann mit dem Grinsen.
„Ja. Haben wir noch ein anderes?“
„Ich dachte…“
„Hör auf zu denken“, sagt der junge Mann aus der Gasse.
„Verstanden, Boss“, sagt der junge Mann mit dem Grinsen. „Ich wollte dich nur daran erinnern, dass das freie Zimmer auf deinem Stockwerk liegt. Ich dachte, das bleibt leer.“
„Bleibt es nicht, wenn es gebraucht wird. Wir verschwenden kein Geld und bestimmt kein Zimmer“, sagt der junge Mann aus der Gasse. Eine selten gierige Person. Eine grauenhafte Person, mit der ich nichts zu tun haben möchte.
„Verstanden. Sie kann aber auch gerne in meinem Zimmer wohnen.“
„Sie wird ihr eigenes Zimmer bekommen.“
Der junge Mann mit dem Grinsen nickt. Fast hätte ich mich bei dem jungen Mann aus der Gasse bedankt, weil ich nicht mit einem Fremden das Zimmer teilen möchte. Dann erinnere ich mich daran, dass ich nicht freiwillig hier bin.
Der junge Mann mit dem Grinsen erhebt sich, er zeigt auf sich selbst. Ein breites Grinsen in seinem Gesicht.
„Wir alle haben einen Spitznamen. Du bekommst auch einen, aber zuerst darf ich dir die besten Leute vorstellen, die du in deinem Leben treffen wirst.“ Er zieht den Hut vom Kopf, legt ihn auf den Tisch und verbeugt sich wieder vor mir. „Mein Name ist Prinzessin. Ich bin die rechte Hand unseres Bosses, sein ausgelagertes Gehirn und sein Mund, da mir das Reden im Blut liegt.“
„Ich soll dich Prinzessin nennen?“, frage ich.
„Ja, bitte. So nennen mich all meine Freunde.“
„Warum?“
Prinzessin hebt seine Hände. Einige der goldenen Ringe sind, wie mir jetzt auffällt, mit Edelsteinen verziert. Sie glitzern an seinen Händen. „Unter anderem wegen meiner Liebe für Schmuck, aber auch…“
„Weil er eine Diva ist. Eine Prinzessin eben“, fasst der junge Mann aus der Gasse zusammen. Dann wendet er sich wieder an der oder die Prinzessin. Ich beschliesse, ihn nur Prinzessin zu nennen. „Die Vorstellungsrunde sollte schon vorbei sein.“
„Zu Befehl, Boss“, sagt Prinzessin. Er zeigt auf den Muskelprotz. „Das ist Crackhead. Frag ihn nicht, woher er den Namen hat und ja, sein Charakter entspricht nicht seinem Aussehen, aber er tut das, wonach er aussieht.“
Obwohl Crackhead wirklich nicht so spricht, wie er aussieht, muss ich mich wohl doch vor ihm in Acht nehmen. Ich will nicht erfahren, was Prinzessin meint.
Prinzessin zeigt auf die Zwillinge. „Das sind Dumm und Dümmer. Du musst sie nicht unterscheiden können, sie hören auf beide Namen.“
Die Zwillinge nicken, was mich verwirrt.
„Dumm und Dümmer?“, frage ich. „Das ist eine Beleidigung und kein Spitzname.“
„Glaub mir, wenn du sie erst richtig kennst, wirst du verstehen, warum sie die Namen bekommen haben. Sie sind hier auf Plots Island aufgewachsen, sie sind nie zur Schule gegangen. Alles, was sie können, ist nützlich, aber sie sind beide keine Genies.“
„Was habt ihr denn für Talente?“, frage ich die Zwillinge, die ich bestimmt nicht Dumm und Dümmer nennen werde. „Könntet ihr nicht einen Spitznamen bekommen, der besser zu euren Talenten passt.“
„Nein, wir mögen unsere Namen“, sagt der eine Zwilling.
„Wir können uns nicht an einen anderen gewöhnen. Ausserdem, wie erklären wir unseren Freunden, dass wir einen neuen Namen haben?“, fragt der andere.
„Es sind nicht eure richtigen Namen, nur Spitznamen, die könnt ihr ändern, wann immer ihr wollt“, versuche ich ihnen zu erklären.
„Warum sollten wir unsere Namen ändern wollen?“, fragt einer der Zwillinge.
„Siehst du“, mischt sich Prinzessin ein, als ich anfangen will zu erklären. „Glaub mir, das ist vergeudete Zeit. Nenn sie einfach bei ihren Spitznamen. Du beleidigst sie, wenn du ihre Namen änderst.“
„Dumm und Dümmer also“, sage ich langsam.
Die Zwillinge nicken zufrieden. Na gut. Dann eben so.
„Dumm und Dümmer sind wohl die einzigen siamesischen Zwillinge, die nicht zusammengewachsen sind. Versuch sie gar nicht erst zu trennen, sonst wird es… chaotisch“, erklärt mir Prinzessin.
„Also kein Trennen und keine Spitznamen ändern?“
„Genau“, sagt Prinzessin. „Kommen wir zum nächsten Verdächtigen.“
Prinzessin zeigt auf den rundlichen Jungen, der noch kein Wort gesagt hat. Er sitzt immer noch mit seinen Kopfhörern am Tisch. Ich weiss nicht, ob er überhaupt ein Wort unseres Gesprächs gehört hat. Er scheint in einer anderen Welt zu sein.
„Das ist Fahrer. Er ist nicht der grösste Redner, aber nützlich.“
„Nützlich wofür?“, frage ich.
Ein Grinsen breitet sich auf den Gesichtern der Zwillinge und auf Crackheads Gesicht aus. Prinzessin grinst sowieso schon, aber nun zwinkert er mir zu. Der junge Mann aus der Gasse starrt mich nur an. Ich wüsste gerne, was er denkt, wenn er mich ansieht. Ich wüsste nur zu gerne, was er mit mir vorhat, warum er mich gekauft hat und was er denkt, dass ich für besondere Talente habe.
„Nützlich für viele Dinge. Das behauptet zumindest unser Boss und dem Wiedersprechen wir nicht.“
„Solltet ihr vielleicht, dann wäre er nicht so, wie er ist“, platzt es aus mir heraus. Ich erwidere den Blick, den mir der Mann aus der Gasse zuwirft. Ich bin überzeugt davon, dass er nicht blinzeln kann.
„Du bist vielleicht mutig genug oder eher lebensmüde, aber wir sind das nicht. Was unser Boss sagt, ist Gesetz“, erklärt mir Prinzessin. Ich starre noch immer dem jungen Mann aus der Gasse in die Augen.
„Was ist dein Spitzname?“
„Ich bin der Boss“, sagt der junge Mann aus der Gasse.
„So sollst du ihn nennen. Boss“, stellt Prinzessin klar.
„Danke, das weiss ich bereits. Schliesslich heisse ich nicht Dumm oder Dümmer.“
Prinzessin lacht, Crackhead auch. Der Witz scheint über die Köpfe der Zwillinge hinwegzugehen. Fahrer hört sowieso nicht zu und ich bezweifle, dass Boss lachen kann.
„Jetzt brauchen wir nur noch einen Spitznamen für dich“, sagt Prinzessin. „Du kannst mir meine Rolle als die rechte Hand des Bosses nicht nehmen, obwohl du in den letzten paar Minuten bewiesen hast, dass du Feuer hast. Du könntest auch unser Boss sein.“
„Pass auf, was du sagst“, warnt ihn Crackhead. Der junge Mann aus der Gasse, Boss, hat sich bereits zu Prinzessin umgedreht. Seine Hand ist unter dem Tisch verschwunden. Ich bin mir sicher, dass er wieder seine Pistole in der Hand hält.
„Ich weiss, das möchtest du nicht hören, Boss, aber sie hat Potential.“
„Hat sie das?“, fragt mich Boss.
Ich sehe ihn an.
„Das kann ich dir nur sagen, wenn ich weiss, was meine Aufgabe sein soll.“
„Sie lässt sich auf jeden Fall nicht von dir einschüchtern. Das ist schon Mal etwas“, mischt sich Prinzessin ein. „Ich glaube nicht, dass wir so jemanden schon einmal hier hatten. Uns alle miteingeschlossen natürlich.“
Ich weiss nicht genau, was das heissen soll, aber ich bin überzeugt davon, mich nicht einschüchtern zu lassen. Wenn ich Angst zeige, werden sie die gegen mich verwenden.
„Also wir können dich nicht Prinzessin nennen, weil das schon mein Name ist, aber auch nicht Königin, weil du noch nicht so weit bist und wir nicht einmal wissen, wie gut du wirklich bist“, sagt Prinzessin. Er tut so, als würde er ein Rätsel lösen. „Doch möchte ich dich etwa aufs Level unseres Bosses heben, nicht nur, weil mir dein Feuer gefällt…“, wieder zwinkert mir Prinzessin zu. „Sondern auch, weil du die einzige Frau bist. Etwas, das wir herausheben sollten, finde ich.“
„Findest du?“, fragt Boss.
„Wenn du ihr einen Spitznamen geben willst, nur zu, aber das letzte Mal, als du mich nicht hast machen lassen, hat Fahrer, den wohl schlechtesten Spitznamen überhaupt abbekommen“, verteidigt sich Prinzessin.
„Du hast also den Zwillingen ihre Spitznamen verpasst“, mische ich mich ein. „Ist das besser?“
„Entschuldige, verbündet ihr euch gerade gegen mich?“, fragt Prinzessin.
Ich schüttle den Kopf. Niemals. Boss starrt zuerst Prinzessin und dann mich an. Es ist unmöglich, in seinem Gesicht zu erkennen, was er denkt.
„Seid alle einen Moment ruhig, ich muss meine Kreativität auf mich wirken lassen“, murmelt Prinzessin und fuchtelt mit seinen mit goldenen Ringen verzierten Händen herum.
„Etwas Ähnliches wie Boss. Etwas in der Liga, etwas Spezielles, etwas Aussergewöhnliches für die erste Frau in unserer Gruppe. Etwas Besonders, etwas Spezielles“, murmelt Prinzessin vor sich hin. Er fuchtelt weiter mit den Händen herum.
„Wäre so etwas wie Clown nicht der bessere Spitzname für ihn?“, frage ich.
Crackhead lacht.
„Wahrscheinlich.“
„Warte nur, bis er einmal nicht seine Designerkleidung anziehen darf, dann wirst du erfahren, warum wir ihn Prinzessin nennen“, sagt Boss. Es überrascht mich, dass er überhaupt etwas sagt, nachdem er mir nicht sagen wollte, warum ich hier bin. Dann ist er wieder die Person, die ich in der kurzen Zeit hier kennengelernt habe. „Beeil dich, wir haben nicht den ganzen Abend Zeit für einen einfachen Spitznamen. Du hast noch eine Minute, dann gebe ich ihr einen Namen.“
„Ein kreativer Prozess braucht Zeit“, murmelt Prinzessin. Dann schüttelt er den Kopf. „Eine Minute.“
„Wie wäre es mit Ladyboss?“, fragt einer der Zwillinge.
„Oder Bosslady?“
„Ihr steht kurz davor, die Grenze zu überschreiten“, sagt Crackhead.
Boss Gesicht ist immer gleich. Ich kann nicht erkennen, ob ihm die Vorschläge gefallen oder nicht oder ob er die Zwillinge gleich umbringen wird.
„Zu lang“, sagt Prinzessin, der immer noch Worte vor sich her murmelt.
„Ich werde sie Lady nennen, was ihr macht, ist mir egal“, sagt Boss und steht auf. „Prinzessin, du bringst sie nachher hoch in ihr Zimmer. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Zeit ist Geld, und das verdiene ich nur, wenn ich meine Zeit richtig nutze.“
Damit verschwindet Boss. Der Raum, in dem ich sitze, fühlt sich sofort etwas leichter an. Fast schon fühle ich mich wohl, während Prinzessin sich noch immer einen Spitznamen für mich ausdenkt.
Plötzlich streckt er die Hände in die Höhe.
„Ich hab‘s. Bossy. Wir nennen sie Bossy.“
„Bossy?“, fragen alle gleichzeitig, sogar Fahrer, der wohl doch zuhört.
„Ja. Bossy. Das ist perfekt.“
„Von mir aus“, stimme ich zu. Bossy oder Lady, hätte schlimmer kommen können. „Kannst du mich jetzt bitte von diesem Stuhl befreien.“
„Du hast Glück, muss ich dich in dein Zimmer hochbringen“, sagt Prinzessin und zwinkert mir wieder zu. „Du läufst aber nicht davon, wenn du frei bist?“
Bin ich so durchschaubar?
„Nein, werde ich nicht.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Prinzessin läuft um den Tisch herum. Aus dem Nichts taucht ein Messer in seiner Hand auf. Ich muss mich wohl daran gewöhnen, dass es hier viel mehr Waffen gibt, als es geben sollte.
Bevor Prinzessin mich losschneidet, nimmt er meine Hand. „Willkommen in deinem neuen Zuhause und bei deiner neuen Familie, Bossy.“
5
Sobald ich kann, werde ich davonlaufen, aber für den Moment halte ich mein Versprechen. Ich lasse mich von Prinzessin losschneiden und bleibe dann brav sitzen. Ich sehe mich noch einmal in dem Raum um, in dem ich sitze.
Über die Plots wird zu Hause nicht gesprochen, es wird schon kaum über Rodey Park und No Mans Land gesprochen. Für mich ist hier alles neu und gleichzeitig fremd. Es fühlt sich so an, als wäre ich in eine andere Welt gereist. Eine fremde Welt, die ich gern erkunden würde, selbst wenn ich nur schreckliche Geschichten über diesen Ort kenne.
Der Raum, in dem ich mich befinde, obwohl er nur spärlich beleuchtet ist, ist eigentlich ganz gemütlich. Es ist wohl so etwas Ähnliches wie ein Wohnzimmer in diesem Teil der Stadt. An den Wänden hängen Bilder von Landschaften. Manche kommen mir bekannt vor, andere sind fremde Kunstwerke.
Neben dem Tisch mit den sieben Stühlen gibt es ein kleines Sofa. Rechts neben der Treppe steht ein Schrank voller Flaschen und Gläser. Ich vermute, dass darin Alkohol aufbewahrt wird. Gegenüber dem Alkohol auf der anderen Seite des Raumes stehen zwei Schränke, die auf dem zweiten Blick keine Schränke sind, sondern Safes.
Ich will gar nicht wissen, was in den Safes ist und wie die Leute, in deren Gesellschaft ich mich befinde, zum Inhalt Safes gekommen sind. Stattdessen stelle ich eine andere Frage.
„Keine Fenster?“
„Warst du schon einmal einen Raum unter der Erde, der Fenster hatte?“, fragt Prinzessin.
„Wir sind unter der Erde?“
„Ja, das hier ist unser Keller, aber wir nutzen ihn als Wohnzimmer, weil alle anderen Räume besetzt sind“, erklärt mir Crackhead.
„Es ist schön hier“, sage ich ehrlich. Gemütlich. Auf eine Art gemütlich, die es zu Hause nicht sein kann, wo alles immer kalt, sauber und perfekt ist.
„Du, die in unsagbaren Luxus aufgewachsen ist, kannst mir nicht sagen, dass du es hier schön findest“, sagt Prinzessin und lacht. „Gib schon zu, für dich ist das hier nicht mehr als ein Rattenloch.“
„Nein“, erwidere ich sofort. „Es ist wirklich schön hier. Auf eine andere Art wie zu Hause. Es ist gemütlich, es fühlt sich an wie ein zuhause und nicht wie ein Palast.“
„Muss schön sein, in einem Palast aufzuwachsen“, sagt einer der Zwillinge. Noch kann ich mich nicht dazu überwinden, sie wirklich Dumm und Dümmer zu nennen.
„Erzähl uns von Kensington“, fordert der andere Zwilling.
„Wart ihr noch nie da?“, frage ich, bevor ich meine Frage bereue. Natürlich waren die beiden noch nie da, schliesslich ist es ihnen verboten, nach Kensington zu gehen. Aus Sicht der Bewohner Kensingtons sind sie Abschaum, auch wenn sie nichts für ihre Herkunft können.
„Wir waren schon mal da“, antwortet Crackhead.
„Nur nicht bei Tag, nicht weil wir eingeladen waren, nicht um einen Freund zu besuchen, oder stell dir vor“, sagt Prinzessin, der sich fast nicht mehr vor Lachen erholt. „Um dort zu wohnen.“
„Was habt ihr dann dort getan?“
„Wir haben das Bild da gestohlen“, antwortet Crackhead und zeigt auf ein Bild, das mir seltsam bekannt vorkommt. Ich wusste doch, dass ich es schon einmal gesehen habe.
Es überrascht mich nicht, und doch kann ich nicht glauben, dass vor mir wirklich ein paar Kriminelle sitzen. Leute, die nichts anderes tun, als andere Leute zu überfallen, Menschen zu kaufen und noch Schlimmeres.
„Einmal haben wir ein Auto gestohlen“, sagt einer der Zwillinge.
„Und wir haben noch so viel vor“, sagt der Andere.
Prinzessin schüttelt den Kopf.
„Dumm, wir sollten doch nicht darüber sprechen.“
Dumm und Dümmer senken die Köpfe. Crackhead betrachtet weiter das Bild, das die Gruppe irgendwann mal in Kensington gestohlen hat. Prinzessin grinst verschwörerisch.
„Was meint er damit?“, frage ich.
„Das erkläre ich dir ein anderes Mal“, antwortet Prinzessin und hält mir dann seine Hand hin. „Nun möchte ich dir gerne unser bescheidenes Heim zeigen. Mal sehen, ob du es dann noch so schön findest.“
Ich folge Prinzessin eine schmale Treppe hinauf. Crackhead, Fahrer und die Zwillinge bleiben unten zurück.
„Wohin ist Boss gegangen?“
Spitznamen zu verwenden, gar keine Namen zu kennen, fühlt sich seltsam an, es hört sich falsch an, aber mir wurden keine offiziellen Namen genannt. Mir bleibt nichts übrig, als die Spitznamen zu benutzen.
„Ich weiss es nicht, wahrscheinlich muss er noch ein wichtiges Geschäft abschliessen“, sagt Prinzessin. Mittlerweile stehen wir in einem engen Flur. „Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es dir wahrscheinlich nicht sagen, weil du bestimmt nicht wissen willst, was Boss wirklich tut.“
„Ich glaube, ich kann ihn ziemlich gut einschätzen.“
Prinzessin zündet eine Lampe an und ich sehe vier Türen und eine Treppe. Es ist trotz der Lampe noch immer düster. Offenbar ist das im ganzen Haus so.
„Glaubst du?“, fragt Prinzessin und zieht eine Augenbraue in die Höhe. Ein wissendes Grinsen liegt auf seinem Gesicht. „Du weisst gar nicht, wie schrecklich unser Boss wirklich sein kann. Selbst Crackhead kann er erschrecken und er tut alles, was man ihm befiehlt. Enthauptung, sehe es als getan an, jemanden erschiessen, erledigt. Möchtest du jemandem einfach eine Tracht Prügel verpassen und dir selbst nicht die Hände schmutzig machen, dann sag es Crackhead. Er ist dein Mann.“
Ein kalter Schauer läuft mir, während Prinzessin so locker über so schreckliche Dinge spricht, den Rücken hinunter. Es schüttelt mich sogar, doch bin ich mir sicher, Boss immer noch einschätzen zu können.
„Ich nehme an, Boss ist noch schlimmer. Er mordet rücksichtslos, foltert und stiehlt von Arm und Reich?“
„Du hast keine Ahnung“, sagt Prinzessin noch immer grinsend, aber auch ihn schüttelt es einmal. Offenbar hat er selbst schon Dinge erlebt, die ihn überrascht haben. „Unser Boss kennt keine Grenzen. Das darfst du nie vergessen. Dass er keine Grenzen kennt und dass er ab jetzt auch dein Boss ist, auch wenn du Bossy bist. Unser Boss hat selbst in dieser Gegend einen schrecklichen Ruf. In einem Stadtviertel voller Krimineller, Mörder und Diebe gilt er als der Schlimmste. Das sollte dir wohl alles sagen.“
Ich nicke. Es bedeutet, ich habe mich mit dem grössten Monster der Plots und seiner kleinen Gruppe Handlanger angelegt. Nur weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort war.
„Wieso ist Boss so wie er ist?“, frage ich vorsichtig. Niemand kann so sein, wie ihn Prinzessin beschreibt, ohne schreckliche Vergangenheit. Sie alle müssen eine Vergangenheit haben.
„Angeblich hat er einst geliebt und verloren und sich geschworen, nie mehr zu lieben und den Rest seiner Tage mit bösen Taten zu verbringen.“
„Das hast du aus einem Märchen“, sage ich. Nun halte ich es nicht mehr aus. Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Mir sollte nicht nach Lächeln zumute sein, aber etwas an Prinzessin fröhlicher Art, mit der er selbst die schrecklichsten Dinge erzählt, ist ansteckend.
„Das ist die Wahrheit“, sagt Prinzessin. „Zumindest so viel ich von der Wahrheit weiss. Sprich ihn nie auf eine Schwester oder seine Familie an.“
Das Lächeln fällt von meinem Gesicht.
„Ich dachte, er hat eine Frau oder einen Mann geliebt und verloren, nicht seine Familie. Das muss schrecklich sein.“
„Ja, vielleicht ist er darum so geworden, wie er jetzt ist. Wer weiss“, sagt Prinzessin. Auch er lächelt nicht mehr. „Ich sage es dir nochmals. Wenn du leben möchtest, sprich ihn nicht auf seine Vergangenheit an. Verstanden?“
Ich nicke. Einmal eine Pistole an den Kopf gehalten zu bekommen, reicht mir. Das muss ich nicht jeden Tag haben.
„Unser Boss ist ein gieriger Mann, mit dem man sich besser nicht anlegt. Das haben schon viele auf die harte Tour lernen müssen“, sagt Prinzessin. Dann breitet sich plötzlich wieder ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Aber bitte, hör nicht auf, mit ihm zu diskutieren. Du kannst dir nicht vorstellen, wie unterhaltsam es ist, einmal jemanden hier zu haben, der nicht vor Angst zittert, wenn er oder sie unserem Boss gegenübersitzt. Selbst als er seine Pistole auf dich gerichtet hat, bist du so gut wie gar nicht zusammengezuckt. Unglaublich. Nicht einmal Fahrer bleibt so ruhig und du hast gesehen, wie er ist.“
Wieder nicke ich. Nach allem, was ich in dieser kurzen Zeit gelernt habe, weiss ich nicht, was ich das nächste Mal tun werde, wenn ich Boss gegenüberstehe und sogar mit ihm spreche. Vielleicht muss es aber auch gar nicht dazukommen, weil ich fliehen kann. Sobald ich allein bin, werde ich es versuchen.
Doch bis dahin muss ich noch so tun, als würde ich mich für die Gruppe brennend interessieren. Was ich eigentlich tatsächlich tue, weil hier alles so anders ist wie zu Hause.
„Und du? Bist du auch so brutal? Hast du auch einen so schrecklichen Ruf?“
„Wenn dir das gefällt, dann ja“, sagt Prinzessin lachend. Er zieht seinen Hut vom Kopf, verbeugt sich wieder vor mir und zwinkert mir dann zu. „Ich gehöre zu der schrecklichsten Bande Plot Islands. Natürlich habe ich auch nicht den besten Ruf, aber Leute erzittern nicht vor mir. Noch nicht.“
„Du arbeitest also daran, Boss zu stürzen und dich selbst zum Boss zu machen?“
„Niemand wäre so verrückt, das zu tun“, sagt Prinzessin und lacht wieder laut. „Niemand legt sich mit uns an. Niemand legt sich mit Boss an.“
„Ein Wunder, dass ihr noch nicht über die Plots herrscht.“
„Wir arbeiten daran“, sagt Prinzessin. „Aber dafür muss uns etwas Grosses gelingen, nur wissen wir noch nicht, was.“
„Etwas Grosses?“, frage ich. „Was zum Beispiel?“
„Das ist ein Thema für einen anderen Tag“, sagt Prinzessin und setzt seinen Hut wieder auf. „Eigentlich wollte ich dir doch unser Haus und dein Zimmer zeigen. Also fangen wir an. Das hier ist das Erdgeschoss. Du wirst hier nur Fenster in der Küche und im Zimmer der Zwillinge finden, weil das hier ein Reihenhaus ist.“ Prinzessin klopft an die nächste Wand. „Wenn du das lange genug machst, beschweren sich die Nachbarn.“
„Oder auch nicht, weil sie Angst vor euch haben.“
Ein Grinsen breitet sich auf Prinzessins Gesicht aus.
„Du lernst schnell.“
Er zeigte auf die Tür vor uns.
„Haustür“, dann dreht er sich zu den anderen Türen um, „Küche, Fahrers Zimmer und da das Zimmer der Zwillinge. Die Küche steht vierundzwanzig Stunden für Snacks bereit, frag einfach nicht, woher wir das Essen haben, wenn du zu gut bist, um gestohlenes Essen zu essen. Am besten gehst du nicht ins Zimmer von Fahrer, denn egal wie ruhig er ist und wie gut er seine Arbeit macht, ich vermute, dass mehr in ihm steckt. Stille Wasser sind tief. Wenn er irgendwann mal zum Problem wird, soll Boss das Problem beseitigen.“ Prinzessin redet und redet und holt dabei kaum Luft. „Das Zimmer der Zwillinge würde ich auch nicht betreten, wenn du nicht in die Luft fliegen willst.“
„Also nur das Wohnzimmer unten im Keller, die Küche und mein Zimmer sind sicher?“
Ein Grinsen breitet sich auf Prinzessins Gesicht aus. „Nein, wenn du möchtest, kannst du jederzeit in mein Zimmer kommen. Es gibt so viele Dinge, die ich dir zeigen könnte. Wir könnten zusammen viel Spass haben.“ Ich lache, Prinzessin zwinkert mir zu. „Du kannst aber auch einfach zum Reden vorbeikommen.
„Vielleicht werde ich das sogar“, sage ich wieder ernst, weil Prinzessin der Einzige hier ist, dem ich ansatzweise vertraue, weil er der Einzige ist, der wirklich mit mir spricht.
Prinzessin führt mich ins nächste Stockwerk hinauf. Hier hat es noch zwei Türen und eine Treppe, die zum nächsten Stockwerk hinaufführt.
„Das ist mein Zimmer, das du jederzeit besuchen kannst“, sagt Prinzessin und zeigt auf die linke Tür. „Das Andere gehört Crackhead. Er schläft wie ein Stein und hält das ganze Haus mit seiner Sägerei wach, aber wenn du dich an seiner Tür vorbeischleichen willst, ist er sofort wach. Also, wenn dir dein Leben lieb ist, dann verkünde laut, dass du durch die Flure wanderst.“
„Hier ist wohl niemand normal oder ungefährlich“, rutscht es mir heraus.
„Du bist ziemlich normal, ob du ungefährlich bist, weiss ich aber nicht.“
„Ich habe in meinem Leben noch nie eine Waffe gehalten.“
„Und doch hat dich Boss gekauft“, sagt Prinzessin. Ich bin mir sicher, dass er etwas weiss, was ich nicht weiss. „Das könnte noch ganz interessant werden, mit dir und mir und allen anderen.“
6
Prinzessin führt mich hinauf ins oberste Stockwerk. Dort, wo mein Zimmer und das von Boss ist. Nur eine Wand wird mich vom gefährlichsten Mann der Plots, vielleicht der ganzen Stadt, trennen.