Das Reich der Kriegerin - MacKenzie W. - E-Book

Das Reich der Kriegerin E-Book

MacKenzie W.

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Beschreibung

Ein Überfall auf einen Nachbar zwingt Mia ein weiteres Mal dazu, in den Krieg zu ziehen. Dass dieser Krieg erst der Beginn des düstersten Kapitels ihrer neuen Heimat ist, erfährt sie erst, als sich für sie alles verändert. Unendliches Glück, eine neue Art der Liebe, die über Sieg und Niederlage und über Leben und Tod entscheiden wird, kommt in ihr Leben. An ihr grösstes Glück könnte sie alles, was sie zur Retterin ihrer Heimat machen könnte, verlieren. Ein Krieg, der alles verändern wird, steht bevor. Ein Krieg, der sie zu dem macht, was sie immer sein sollte. "Wir können es uns nicht leisten, dass du all deine Kräfte verlierst. Du wurdest die letzten Monate darauf vorbereitet, uns im Kampf zu unterstützen. Du bist die vielleicht beste Waffe, die wir haben."

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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MacKenzie W.

Das Reich der Kriegerin

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Prolog

Archie

Das Schicksal hatte uns zusammengebracht. Ein Krieg würde uns auseinanderreissen.

Ich erinnerte mich an den Moment zurück, als ich damals nur wenige Meter von hier begriffen hatte, was mir Mia wirklich bedeutete und was seit dem Tag alles passiert war.

Viel war passiert. Unglaublich viel.

Nur in den letzten paar Tagen war nicht besonders viel passiert. In meinem Leben hatte ich noch nie so wenig getan wie in den letzten beiden Wochen. Mia nannte es Ferien, ich nannte es Zeitverschwendung. So etwas wie am Strand herumliegen gab es für mich normalerweise nicht. Normalerweise durfte ich mir so etwas nicht erlauben.

Doch ich hatte jede Sekunde genossen, nachdem mir Mia gezeigt hatte, wie gut einem ein wenig Ruhe tun konnte.

Dank ihr fiel es mir jeden Tag leichter, gegen diese bedrückende Dunkelheit in mir anzukämpfen. Manchmal lachte ich, ohne alles zu hinterfragen. Manchmal war ich wirklich glücklich, selbst wenn ich es mir nicht eingestehen wollte.

Jeden Tag kämpfte ich gegen mich selbst. Mit Mia an meiner Seite gewann ich nun öfter, als ich verlor. Ein Lächeln von ihr reichte aus und der Gedanke, Glück nicht verdient zu haben, verschwand.

Niemals hätte ich gedacht, dass mein Leben so aussehen könnte.

Nachdem ich meine leiblichen Brüder und meinen Vater aus purem Hass und voller Wut auf das, was sie Mia angetan hatten, hingerichtet hatte, hatte ich meinen Tiefpunkt erreicht. Noch nie war es mir so schlecht gegangen wie in den Stunden nach dem Tod der Personen, die eigentlich meine Familie hätten sein sollen.

Die alles zerstörende Dunkelheit, die sich so sehr von der Dunkelheit meiner Mutter unterschied, die ich monatelang bekämpft hatte, hatte mich ein letztes Mal in ihre Fänge gezogen. Doch wie so oft hatte es Mia geschafft, mich aus der Dunkelheit zu holen und sie zu vertreiben. Zumindest so weit, dass die Dunkelheit nicht länger ihre Griffe um mich legen konnte, um mich zurück in die Tiefe zu ziehen.

Mia hatte die belastende Dunkelheit vertrieben, mir Glück gebracht und mein Herz in ihre Hände genommen, wo es nun für alle Zeit in Sicherheit war. Ich hatte ihr perfektes Herz im Austausch bekommen. Den Drang, das Herz zurückzugeben, weil ich überzeugt davon war, es nicht verdient zu haben, musste ich jeden Tag bekämpfen.

Wahrscheinlich würde ich all diese Gedanken und den Drang, alles aufzugeben, nie ganz vertreiben können. Deshalb klammerte ich mich noch mehr an jeden glücklichen Augenblick und jedes Lächeln, das mir Kraft gab, um weiterzukämpfen.

Ich war so unglaublich froh, erholte sich Mia so gut von der Entführung und der Folter, die sie hatte ertragen müssen. Scheinbar war alles, was geblieben war, die Angst vor der Dunkelheit, was ich völlig verstehen konnte, und die Angst vor der vollkommenen Stille. Sie versuchte es vor mir zu verstecken, doch fiel mir auf, dass ein Fenster immer offen war, damit sie das Wellenrauschen hören konnte, oder dass sie ein leises Lied summte, wenn sie dachte, sie wäre allein. Ein Licht brannte immer, selbst wenn sie schlief.

So wie sie mir geholfen hatte, wollte ich nun auch ihr helfen. Leider konnte ich momentan nicht mehr tun, als ihr Zeit zu geben, ihr zuzuhören, wenn sie reden wollte, und zu versuchen, das zu tun, was sie immer getan hatte. Ich war für sie da und versuchte, sie glücklich zu machen.

Wenn ihr die Lieder ausgingen, sang ich leise für sie. Wenn es ihr zu dunkel wurde, zündete ich eine weitere Lampe an und wenn sie nicht schlafen wollte, blieb ich mit ihr wach, bis die Sonne aufging. Momente wie diese, wenn es uns beiden gut ging, gehörten zu meinen liebsten Erinnerungen, weil wir dann beide den Kampf gegen das gewannen, was wir erlebt hatten.

Eine ganz besondere Erinnerung ging mir durch den Kopf, als Perry verkündete, dass wir uns im Krieg befanden. Noch bevor ich daran dachte, was alles in den nächsten Tagen und Monaten auf uns zukommen würde, sah ich Mia vor mir, wie sie im Regen tanzte.

Wir hatten jeden Tag bei schönstem Wetter am Strand verbracht, doch eines Abends hatte es aus dem Nichts plötzlich geregnet. Mia, die gerade gekocht hatte, hatte den Löffel fallen lassen und war hinaus in den Regen gerannt.

Als ich ans Fenster getreten war, um sie zu fragen, was genau sie machte, hatte sie mir bloss ein perfektes Lächeln geschenkt und sich im Regen gedreht. Sie nannte es Regentanz. Ich nannte es völlig verrückt, und doch liebte ich die Erinnerung fast so sehr wie Mia.

Doch nun waren die Zeiten, in denen wir solche Erinnerungen kreierten, vorbei. Wir mussten beide in den Krieg ziehen, sie als Heilerin, ich als Soldat. Von nun an war jeder Tag ein Geschenk und die Rückkehr nach Hause war nicht sicher.

Ich wollte weiter die Ruhe und das Nichtstun geniessen, wollte noch nicht all das aufgeben, was wir in den letzten Tagen und Wochen aufgebaut hatten, doch stand ich auf und hielt Mia meine Hand hin. Als sie meine Hand nahm und ein Stromschlag durch uns beide zuckte, zog ich sie an mich, weil ich nicht wusste, wie oft ich sie noch halten würde.

1

Vor uns erstreckte sich ein Königreich voller Toter.

Ich dachte, nichts könnte schlimmer sein als der Anblick, bis der Wind den Gestank in unsere Richtung trieb. Archie und Perry zogen sofort ihre Oberteile über die Nasen. Ich machte es ihnen nach, aber es half nicht.

Meine Augen fingen an zu Tränen, meine Hände zitterten, während ich versuchte weiter zu atmen. Mir fehlte Luft, mein Herz raste. Nur eine Sekunde später dreht sich die Welt voller Toter plötzlich. Ich stolperte und wurde von Archie aufgefangen.

„Wir sollten zurück auf die andere Seite der Grenze gehen, hier ist es nicht sicher“, sagte er mit wackliger Stimme. Wenn wir unter Leuten waren, war Archie immer ernst und unnahbar, doch heute fiel es selbst ihm schwer, sich zusammenzureissen.

„Wir können sie doch nicht einfach hier liegen lassen“, murmelte ich, während ich versuchte, den Schwindel wegzublinzeln.

„Vor uns liegen hunderte Gefallene. Wie willst du die alle begraben?“, fragte Perry mit zittriger Stimme.

Perry ging es nicht besser als mir. Trotzdem bestand er darauf, dass ich zwischen Archie und ihm stand, damit sie mich beschützen konnten, obwohl vor Hunderten Toten niemand mehr beschützt werden musste.

Neruras Soldaten hatten sich zurückgezogen, um eine Stellung im Königreich des Feuers aufzubauen. Das zumindest behauptete Cory, den wir kurz auf der anderen Seite der Grenze gesehen hatten. Dort campte ein Teil der Armee des Königreichs der Sterne. Die, die schnell genug zusammengetrieben werden konnten, um die Grenze zu verteidigen. Um zu verhindern, dass ein weiteres Königreich fiel.

Laut Mila, die wir mit Cory zusammen gesehen hatten, ging es im Königreich des Wassers genauso zu. Dort wurde auch verzweifelt versucht, die Grenze zum Königreich des Feuers zu sichern, um den Vormarsch der Truppen aus Nerura zu stoppen. Keiner hatte mit der Menge an Soldaten gerechnet, die aus Nerura nach Arela gekommen waren. Nicht ein Spion aus Arela hatte Informationen zu der wahren Grösse der Neruraischen Armee nach Arela gebracht.

Leider hatte niemand verhindern können, dass sich die Soldaten aus Nerura das Königreich des Feuers geholt hatten. Viele Informationen hatten wir noch nicht erhalten. Wir wussten bloss, dass alles so schnell gegangen war, dass das halbe Königreich schon gefallen war, als die ersten Soldaten versucht hatten zu verteidigen, was noch übrig war.

Wir standen nun vor diesem Versuch.

Vor uns lag Brachland, trocken wie die Wüste, wo all die Gefallenen langsam in der Hitze verrotteten und dabei den schlimmsten Gestank überhaupt erzeugten.

Als sich nicht mehr alles drehte, sah ich wieder auf das Land hinaus. So viele Gefallene, so viele Soldaten aus dem Königreich des Feuers, kaum Soldaten aus Nerura. Viele hatten es nicht mehr geschafft, ihre Uniform anzuziehen. So sah es aus wie eine grausame Mischung aus unzähligen Soldaten aus dem Königreich des Feuers, ein paar wenigen aus Nerura und scheinbar endlos vielen Zivilisten.

„Das Volk des Königreichs des Feuers begräbt ihre Toten nicht. Hier sind Feuerbestattungen Tradition“, belehrte uns Archie.

Feuerbestattung. Das Wort hallte durch meinen Kopf. Vielleicht konnte ich doch helfen.

„Glaubst du, es wäre in Ordnung, wenn ich ein wenig helfe?“, fragte ich Archie und sah hinauf in seine trüben grünen Augen. Seit Perry uns vom Krieg berichtet hatte, glitzerten sie nicht mehr.

Doch zumindest breitete sich nun ein schmales, fast stolzes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Ich denke, jeder wäre dir dankbar.“

Ich nickte. Dann löste ich mich von Archie und tat das Unmögliche. Ich lief zwei Schritte auf das Elend vor mir zu. Der Gestank schlich sich in meine Nase. Ich fürchtete mich davor, den süsslichen Geruch nie wieder vergessen zu können. Dazu all die Bilder, die sich in meinen Kopf brannten.

In dem Moment fingen meine Hände an zu brennen.

„Ist das normal?“, fragte Perry.

Archies Antwort hörte ich nicht, denn ich musste mich darauf konzentrieren, das Feuer auszubreiten. Von meinen Händen fiel es langsam auf den ersten Körper. Es schlängelte sich um sich selbst, bis es den ersten Fetzen Kleidung erreichte. Hitze breitete sich rasend schnell aus. Irgendwie schaffte ich es, diese Hitze anzutreiben, während ich mitten im Feuer stand. Hinter mir hörte ich Rufe, die ich ignorierte, um mich voll auf meine Aufgabe zu konzentrieren.

Feuerzungen sprangen von einem Gefallenen zum anderen. Das Feuer umhüllte die Körper. Der letzte Wunsch von so vielen erfüllte sich. Nur wenige Sekunden später stand das ganze Feld in Flammen. Ich auch, aber das Feuer fühlte sich nicht anders an als ein warmer Lufthauch. Ich sah, wie das Feuer die letzten Überreste der gefallenen Soldaten auffrass. Ein grauenhafter Anblick, aber ich sah hin, weil ich mich nicht abwenden konnte. Nur so konnte ich das Feuer, das heiss genug war, um jeden Körper auf dem Feld in Asche zu verwandeln, weiter antreiben.

Als vor mir nur noch Asche lag, drehte ich mich um und lief zurück zu Archie und Perry. Sie waren nicht mehr dort, wo ich sie zurückgelassen hatte, weil sie die Hitze nicht ausgehalten hatten. Ich erkannte die beiden in der Ferne. Archie starrte mich an, Perry das Land voller Asche, das ich zurückliess.

„Das ist neu“, hörte ich Perry zu Archie sagen.

Der schüttelte mit ernstem Gesicht den Kopf. „Nein, ist es nicht. Sie hat es bloss noch nie ein solches Feuer erzeugen müssen.“

Ich nickte, um Archies Worte zu bestätigen. Was auch immer da in mir war, hatte bloss auf eine solche Gelegenheit gewartet. Vielleicht war das noch nicht einmal alles, was ich tun konnte, schoss es mir durch den Kopf. Bevor das mit den Zwillingen passiert war, hatte ich das Gefühl gehabt, meine Kräfte würden sich langsam vermischen. Heute war das nicht nötig gewesen, doch ich hatte ein riesiges Feuer entzündet, heiss genug, um Körper zu verbrennen. Selbst wenn ich im Moment keine Zeit zum Trainieren hatte, wurde ich doch immer mächtiger.

„Wollen wir wirklich wissen, was sie sonst noch alles tun kann?“, flüsterte Perry seinem Bruder zu, auch wenn er genau wusste, dass ich ihn hören konnte.

„Hast du etwa Angst vor mir?“

„Nicht solange du nicht mein Gegner bist.“

Perry schüttelte den Kopf, obwohl ich spüren konnte, dass ihm nicht so ganz wohl war. Er hatte keine Angst vor mir, aber sehr viel Respekt. Er zwinkerte mir zu, bevor er nordwärts in Richtung Grenze lief, die man gut erkennen konnte, weil dort der Wald begann.

Archie kam auf mich zu, legte den Arm um mich und zog mich an sich. Als ich hinauf in seine Augen sah, lag zum ersten Mal, seit wir hier waren, nicht nur Sorge in ihnen, sondern auch Stolz. Er lächelte sogar, wenn auch nicht besonders strahlend.

„Als Trainer bin ich begeistert und als dein Gegenstück unglaublich stolz. Du hast gerade eine der schwierigsten Aufgaben eines Soldaten gemeistert.“

Zu sehen und zu spüren, wie stolz Archie auf mich war, füllte meinen ganzen Körper mit Wärme. Für einen Moment vergass ich, dass ich so gerne mehr getan hätte, als diesen einfachen letzten Wunsch zu erfüllen.

Trotz des warmen Gefühls in mir lasteten Archies Worte schwer auf mir. „Ich bin jetzt eine Soldatin?“

Ich erinnerte mich an die Zeit vor meiner Entführung zurück, als ich mit Archie zusammen trainiert hatte, ich mir aber nie sicher gewesen war, ob ich schon bereit war, eine Soldatin zu sein, oder ob ich überhaupt jemals bereit dazu wäre. Noch immer fühlte ich mich nicht wie eine Kämpferin, eine Soldatin, doch ich war nicht mehr die Person, die ich vor meiner Zeit im Gefängnis gewesen war. Etwas hatte sich in mir verändert, mehr als die Macht, die durch mich strömte.

„Was du heute getan hast, ist das, was ein Soldat tun würde. Du hast die, die für die gleiche Sache kämpfen und gestorben sind, zur Ruhe gelegt.“ Archie zeigte auf das Land voller Asche. „Nur weil du das getan hast, musst du dich aber nicht in den Kampf stürzen, solange du noch nicht bereit bist. Wir können dich auch als Heilerin gebrauchen, wenn es das ist, was du sein willst.“

Ich nickte, während wir langsam Perry folgten, der schon zwischen den Bäumen verschwunden war.

„Ich kann besser heilen als kämpfen“, sagte ich leise. „Wenn ich nicht unbedingt an der Front gebraucht werde, möchte ich lieber weiter eine Heilerin sein.“

„Dann wirst du eine Heilerin sein“, sagte Archie. Seine Stimme hörte sich komisch an, und als ich wieder hinauf in seine grünen Augen sah, wusste ich auch, warum. Archie war erleichtert.

„Du bist froh, dass ich mich nicht in den Kampf stürzen möchte.“

Archie sah mir in die Augen. „Unendlich froh, aber ich werde dich nicht aufhalten können, wenn du plötzlich neben mir stehst und für Arela kämpfst.“

„Du könntest es versuchen“, sagte ich, während sich ein Grinsen auf mein Gesicht schlich.

Archies Augen leuchteten auf. Kurz betrachtete er meinen Mund. „Ich vermisse unsere Ferien.“

Das tat ich auch, aber ich kam nicht dazu, es zu sagen, weil uns in dem Moment die Dunkelheit des Waldes einhüllte. Ich presste mich etwas enger an Archie, auch wenn es nicht wirklich dunkel war, nur düster.

Es kostete mich mehr Kraft als es sollte, mich auf den Weg, den wir entlang gingen, zu konzentrieren. Archies hielt mich fest. Er hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Doch noch bevor ich oder er das Thema ansprechen konnten, hörte ich ein Rascheln im Gebüsch und im nächsten Moment stand Fiora vor uns.

„Gut, dass ihr zurück seid, es gibt Neuigkeiten“, sagte sie, bevor sie sich umdrehte und auf das Lager zulief, das vor uns lag.

Die Grenze lag schon weit hinter uns. Der Wald lichtete sich und wir traten auf ein Feld voller Zelte hinaus, die in Eile hier aufgebaut worden waren.

„Was treibst du im Wald?“, fragte Archie, dessen Gesicht wieder völlig ernst war.

„Schon mal ein Badezimmer in einem Zeltlager gesehen?“, fragte Fiora, ohne sie umzudrehen. „Oder in der Luft? Der Flug war lang.“

Der Flug hierher hatte sich unglaublich lang angefühlt, mit all den Sorgen, die mich geplagt hatten. und der Unsicherheit, was genau uns hier erwarten würde.

„In der Luft ist es eigentlich gar nicht so schwierig, du musst nur…“, hörte ich plötzlich jemanden sagen, der hinter uns aus dem Gebüsch erschien. Fiora hob die Hand und Perry, der grinsend neben uns auftauchte, verstummte sofort.

„Ich will es nicht wissen“, sagte sie, während sie uns zu einem grossen weissen Zelt führte.

Das Zelt erinnerte mich an damals, als wir uns auf den Kampf gegen Erick vorbereitet hatten. Nur war hier alles viel weniger strukturiert aufgebaut als damals. Selbst ich konnte jedem Zelt, dem ganzen Armeelager, ansehen, dass es hektisch aufgebaut und noch keine Zeit gefunden worden war, um Ordnung in das völlige Chaos zu bringen.

Hinter dem Zeltlager sah ich ein paar ganz in schwarz gekleidete Soldaten, die ihre Zelter noch aufbauten, weil sie sich zuerst in den schon entschiedenen Kampf gestürzt hatten, bevor sie sich um das Lager gekümmert hatten. Auch das Zelt von Archie und mir musste noch aufgebaut werden.

Fiora blieb vor dem grossen weissen Zelt stehen, das in der Welt, in der ich geboren worden war, als kleines Partyzelt durchgegangen wäre. Menschen und helle und dunkle Engel gingen ein und aus. Erst als wir neben Fiora standen, trat sie in das Zelt hinein.

Im Inneren des Zeltes war ein heller Raum, ausgeleuchtet mit Lampen, die für meinen Geschmack viel zu nahe an den Wänden hingen. In der Mitte stand Cory, neben ihm Mila und ihm gegenüber ein mir fremdes Paar. Beide hatten feuerrote Haare, aber das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die sie teilten.

Die junge Frau starrte mich mit riesigen Knopfaugen an. Sie sah nicht viel älter aus als ich, was aber kein Messwert war, schliesslich konnte sie auch über dreihundert Jahre alt sein und immer noch so aussehen. Sie hatte eine seltsame weisse Haut und war klein. Ausserdem war sehr dünn. Etwas erinnerte sie mich an eine Elfe. Sie sah winzig neben dem fremden Mann aus.

Der Mann legte eine riesige Hand auf die Schulter der Frau. Unsere Blicke trafen sich, und für einen Moment konnte ich das Feuer spüren, das in ihm brannte. Fast als würde ein Teil von mir einen Teil von ihm erkennen.

Mit Cory, der die Nacht und die Sterne in sich trug, so wie ich, hatte ich eine solche Verbindung nie gespürt. Vielleicht hatte ich aber auch nie so genau darauf geachtet oder ich war erst jetzt mächtig genug, um eine solche Verbindung zu spüren.

Schnell sah ich auf den Boden, um das Gefühl zu vergessen. Doch dann sprach der Mann mit rauer Stimme, so als würde er schon sein ganzes Leben lang rauchen, und ich musste ihn ansehen. Fiora schüttelte dem fremden Mann die Hand.

Erst da fiel mir auf, dass er eine ähnlich graue Hautfarbe hatte wie Archie, Cory und Perry. Auch sonst glich ihnen der Fremde ein wenig. Sie sahen alle aus wie Soldaten, die jeden Tag mehrere Stunden mit Gewichten trainierten.

„Schön dich unverletzt zu sehen, Majestät“, sagte der fremde Mann.

Fiora senkte kurz den Kopf. „Das bin ich auch. Ich bin froh, dass ihr beide unverletzt aus eurem Königreich fliehen konntet, bevor sie an euch ein Exempel statuieren konnten.“

Die zierliche Frau nickte aufgeregt, der Mann bloss einmal kurz. Dann liess er Fioras Hand los. Sie stellte sich neben Cory, bevor sie den Arm hob und auf Archie, Perry und mich zeigte.

„Das sind Perry, Arc und Mia, drei unserer wichtigsten Berater, Soldaten und Teil unserer Familie.“

Wenn das alles nicht so formell geklungen hätte, hätte ich Fiora ein strahlendes Lächeln geschenkt. Es war schön zu hören, dass ich zur Familie gehörte.

Der Mann kam einen Schritt auf uns zu und streckte seine Hand aus. Erst da fiel mir auf, was mir zuvor schon hätte auffallen müssen. Ich stand nicht irgendwelchen Bewohnern des Königreiches des Feuers gegenüber, sondern dem König und der Königin.

Zuerst schüttelte der König, dann die Königin Perrys Hand. Der deutete zwei Mal mit seinem Kopf eine Verbeugung an. Als der König Archie die Hand schüttelte, war ich plötzlich nervös.

Ohne gross darüber nachzudenken, war ich keine Sekunde später in Archies Kopf, wo ich ihm still eine Frage stellte. „Muss ich mich verbeugen?“

Archie zuckte fast unmerklich zusammen. Doch dann schüttelte er mit neutralem, ernstem Blick die Hand der Königin, senkte den Kopf und antwortete mir gleichzeitig, ohne dass die anderen unser stilles Gespräch hörten.

„Nein, du musst dich nicht verbeugen, aber kannst du knicksen?“

„Kannst du dich daran erinnern, mir das Knicksen beigebracht zu haben?“

„Nein“, hallte es durch Archies Kopf.

„Da hast du deine Antwort.“

Bevor ich die Verbindung abbrach, hätte ich schwören können, ein fernes Lachen zu hören. Leider konnte ich es nicht geniessen, da in dem Moment der König des Königreiches des Feuers vor mir stand.

Ich schüttete seine Hand, die viel wärmer war als die Hand eines Menschen, bevor ich das tat, was hoffentlich ein akzeptables Knicksen war. Als ich kurz in das Gesicht des Königs hochsah, bemerkte ich eine kleine Brandnarbe an seinem Hals. Offenbar hatte selbst der König des Feuers lernen müssen, sein Element zu kontrollieren.

Der König musterte mich. Von ihm ging ein Gefühl aus, das ich nicht genauer beschreiben konnte oder wollte. Vor der Königin knickste ich auch. Ihre Hand war kalt und sie sah mich fast gelangweilt an.

Als die Vorstellungsrunde endlich beendet war, konnte ich mich wieder etwas entspannen, obwohl es für meinen Geschmack jetzt viel zu ruhig war.

Seit ich mich aus dem Gefängnis befreit und meine Kräfte wieder unter Kontrolle hatte, unterdrückte ich die Gedanken anderer. Nur wenn ich wollte, tauchte ich in die Köpfe anderer ein, wie mit Archie zuvor. Ich ertrug es nicht mehr, die Gedanken anderer zu hören. Gefühle anderer wollte ich auch nicht mehr spüren, doch das konnte ich leider manchmal nicht verhindern.

Gleichzeitig ertrug ich aber auch die vollkommene Stille nicht mehr. Deshalb konzentrierte ich mich auf die Geräusche ausserhalb des Zeltes. Auf Befehle, die gerufen wurden, und viele weitere kleine, belanglose Geräusche.

Plötzlich räusperte sich Cory. „Eigentlich gibt es nicht viel zu besprechen. Das Königreich der Sonne wird das Königreich des Wassers beim Grenzschutz unterstützen. Wir warten auf die Truppen des Königreichs der Erde und des Königreichs der Luft, und dann werden wir Nerura zeigen, dass sie sich nicht einfach so einen Teil von Arela nehmen können.“

„Wie sollen wir bloss so viele Soldaten aus unserem Königreich vertreiben?“ Ich hörte die Verzweiflung in den Worten der Königin des Königreiches des Feuers. Sie glaubte offenbar nicht, dass ihr Königreich befreit werden konnte. Niemand hatte mit der Menge an Soldaten aus Nerura gerechnet. Niemand hatte mit einem Angriff von Nerura gerechnet.

Fiora legte tröstend ihre Hand auf den Arm der Königin.

Archie war es, der tröstende Worte sprach. „Wenn es sein muss, werden wir jedes Haus durchsuchen, bis wir den letzten feindlichen Soldaten vertrieben haben.“

Mila und Perry nickten.

Wieder war es kurz still und wieder konzentrierte ich mich auf die fernen Befehle, nicht auf die verzweifelten Stimmen hier im Zelt, die ich eigentlich nicht hören sollte. Ich blendete die Gedanken und die Verzweiflung aus, die sich im Zelt ausbreiteten.

„Wir hätten den Grenzschutz am Meer aufstocken sollen, als wir immer öfter Spione in unserem Land erwischt haben“, murmelte der König. „Wir haben viele Fehler gemacht, für die wir nun teuer bezahlen.“

Niemand sagte etwas. Mila, Archie, Cory und Perry stimmten dem König zu. Fiora und ich taten beide so, als hätten wir nichts gehört.

Bevor es unangenehm wurde, stellte Fiora glücklicherweise eine Frage. „Wann treffen die Truppen der anderen Königreiche hier ein?“

„Vielleicht schon morgen oder aber erst in zwei, drei Tagen“, antwortete Mila. „Wir werden zudem noch Verstärkung von unseren eigenen Truppen erhalten.“

„Kommt Sam auch?“, platzte es aus mir heraus.

Ich dachte schon, ich würde mir einen strengen Blick oder Schlimmeres von Mila einfangen, weil ich einfach dazwischengeredet hatte. Doch sie sah mich nur kurz an, bevor sich ein schmales Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.

„Nein“, antwortete Mila. „Die Soldaten aus dem Armeelager im Norden werden sich nicht auf den langen Weg hierher machen. Wir erwarten weitere Truppen aus dem Armeelager im Osten.“

Ich nickte und sah auf den Boden. Jetzt war ich schon Wochen hier in Arela, und doch war mir nie auch nur in den Sinn gekommen, dass es noch weitere Armeelager im Königreich der Sterne existierten. Eigentlich war es logisch, so gross wie das Königreich war. Ich hatte nur noch nie darüber nachgedacht, weil damals im Kampf gegen Erick und in den Büchern nie von den anderen Lagern gesprochen wurde.

Jetzt war alles anders. Wir standen vor einer viel grösseren Aufgabe, vor einem ganzen Königreich, das befreit werden musste.

2

Zwei Tage vergingen, bis Verstärkung eintraf.

Zwei Tage, in denen ich in jeder wachen Minute mit Archie zusammen an der Grenze wache hielt. Es war schrecklich langweilig und auch etwas unheimlich, den ganzen Tag und die halbe Nacht auf das Feld hinausschauen zu müssen, das noch immer voller Asche war.

Niemand hatte wissen wollen, was mit all den Toten passiert war. Nur Archie, Perry, Mila, Cory, Fiora und ich kannten die Wahrheit.

Nachdem der König und die Königin des Königreichs des Feuers sich zurückgezogen hatten, hatten wir als Familie noch darüber gesprochen, wie wir mit meiner Macht umgehen wollten, da ich wieder stärker wurde. Wir waren zum Schluss gekommen, dass ich mich nicht verstecken und meine Kräfte nutzen sollte, wenn ich wollte, jetzt, da es niemanden mehr gab, der mich dafür umbringen wollte.

Während unserer Wachen passierte nicht viel. Eigentlich rein gar nichts, ausser dass ich manchmal den Wind legen musste, damit die Asche nicht aufgewirbelt wurde.

Dann traf endlich die Verstärkung ein.

Mittlerweile hatte alles seine Ordnung, auch wenn es sich fast nicht gelohnt hatte, die Zelter aufzubauen und ein richtiges Lager zu errichten, da wir sowieso bald weiterziehen mussten. So genau wusste niemand, wann es weitergehen sollte. Doch als hunderte Soldaten am Horizont auftauchten, war es nur noch eine Frage von Stunden.

Zuerst sah man unzählige Flügel. Schwarze und weisse Federn und dazwischen einfache Menschen oder Personen, die aussahen wie einfache Menschen, aber sehr viel Magie in sich trugen. Ich sah schliesslich auch aus wie ein einfacher Mensch, auch wenn ich das nicht mehr war.

Langsam lief ich mit Archie an den Rand des Lagers, wo Fiora, Cory und das Königspaar des Königreichs des Feuers bereits auf die Verstärkung warteten. Mila war auch da. Sie sah stolz aus, als ihr ein paar Soldaten zuwinkten. Unsere Verstärkung blieb ein paar Meter vor uns stehen und teilte sich in drei Gruppen.

Rechts die Soldaten, die ganz in Schwarz gekleidet waren. Einige wurden umrahmt von schwarzen Flügeln. In der Mitte eine Gruppe aus Soldaten, die fast alle weisse Flügel hatten und blau trugen. Die Soldaten mussten aus dem Königreich der Luft kommen. Ganz links stand eine Gruppe Soldaten, die alle einen Kopf kleiner waren als ihre Verbündeten, mit denen sie hierhergekommen waren. Sicher war ich mir nicht, aber den braunen Uniformen nach zu urteilen, nahm ich an, dass sie aus dem Königreich der Erde stammten.

Plötzlich trat eine Frau mit wunderschönen weissen Flügeln und ein kleiner Mann, der etwas gebückt lief, hervor. Sie begrüssten die beiden Königspaare, bevor sie Mila zu einem Gespräch zur Seite zogen.

„Das sind die Anführer der Truppen der anderen Königreiche“, flüsterte mir Archie zu. „Gleich werden wir wissen, wie es weitergeht.“

Archie hätte das nicht sagen müssen, denn schon drehte sich Mila zu den Truppen um und gab den erwarteten Befehl. „Ruht euch eine Nacht aus. Morgen holen wir uns zurück, was Arela gehört.“

Alle Soldaten, ob nun aus dem Camp oder Neuankömmlinge, schrien laut. Alle waren sie bereit, in den Kampf zu ziehen.

Ich drehte mich zu Archie um, weil ich eine Frage stellen wollte, als ich plötzlich eine Hand an meinem Rücken spürte und stolperte. Archie fing mich auf. Ich sah mich nach der Person um, die mich gestossen hatte, sah aber nur Perry, der auf die Truppen, die zum Königreich der Sterne gehörten, zulief. Dabei stiess er jeden zur Seite, der ihm im Weg stand.

„Nathan“, schrie er laut. Ich konnte die Freude, aber auch den Schock aus seiner Stimme heraushören. „Was tust du denn hier?“

Perry schlang seine Arme um sein Gegenstück und hob ihn in die Luft. Auch wenn die beiden ein paar Meter von uns entfernt standen, konnte ich das strahlende Gesicht von Nathan erkennen.

„Überraschung“, sagte er laut, als er von Perry zurück auf den Boden gestellt wurde. „Ich kann mir doch den ganzen Spass nicht entgehen lassen.“

In dem Moment rannte eine zweite Person an uns vorbei. Fiora warf sich in die Arme ihres Bruders. Sie hatte wohl kurz vergessen, dass sie eigentlich eine Königin war und von allen angestarrt wurde.

Archie und ich schlossen uns Cory und Mila an, um Nathan zu begrüssen und das grosse Wiedersehen komplett zu machen.

„Ich freue mich, dich zu sehen, Nathan“, sagte Cory, bevor sein Blick kurz Mila streifte und er dann Fiora musterte. „Da ihr beide heimlich beschlossen habt, Nathan hierherzubringen, könnt ihr mir sicher auch sagen, wo Nick ist.“

„In Sicherheit“, sagte Nathan, der wohl der eigentliche Babysitter war. „Versprochen.“

„Es geht ihm gut“, bestätigte auch Mila. „Mit Sam wird er ein paar schöne Tage verbringen.“

Ich konnte Mila nur zustimmen. Oft erinnerte ich mich an die Stimme, die mein Leben gerettet hatte, zurück. Wenn Nick bei Sam war, ging es ihm bestimmt gut.

„Das ist alles schön und gut“, mischte sich Perry ein. „Es erklärt aber nicht, warum du hier bist.“

„Weil ich auch kämpfen will“, sagte Nathan. „Genau wie der Rest der Familie.“

Perry gefiel die Antwort offenbar gar nicht, doch er sagte nichts. Ich konnte nur den Unmut und die Sorgen spüren, die ihn belasteten. In dem Moment legte Archie den Arm um mich. Ihm ging es ähnlich, auch wenn ich bloss als Heilerin mit an die Front reiste. Sorgen machte er sich trotzdem, so wie ich mich auch um ihn sorgte.

„Wir sollten jetzt essen und dann schlafen, um genug Kraft für die nächsten paar Tage zu tanken“, sagte Mila streng, womit sie das freudige Wiedersehen beendete.

Sie ging davon, Fiora und Cory folgten ihr. Archie und ich liefen neben Nathan und Perry her. Nathan grinste mich an, als er mir zur Begrüssung den Finger in meine Seite bohrte. Dann beugte er sich zu mir herüber, um mir ins Ohr zu flüstern. „Muss ich bald schon den Babysitter für ein weiteres Familienmitglied organisieren?“

Schnell schüttelte ich den Kopf, während Wärme in meine Wangen stieg. Nathan lachte leise, als er meine roten Wangen bemerkte. Ich konnte Archies und Perrys neugierige Blicke, die sich in uns bohrten, spüren. Sie hatten Nathans Frage nicht gehört.

„Wir befinden uns im Krieg“, flüsterte ich.

„Das ist kein Grund, auf Kinder zu verzichten“, sagte Nathan und lachte wieder. Als er meinen etwas irritierten Blick sah, lachte er noch lauter. „Schau doch nicht so.“ Nathan sah seine Schwester und ihr Gegenstück an, bevor er mir wieder in die Augen sah. „Egal wie schwierig es gerade ist, es werden wieder gute Zeiten kommen. Eine schöne Zukunft liegt vor uns, die es zu verplanen gibt.“

Ich nickte bloss, weil meine Wangen noch immer glühten und ich mir nicht so ganz sicher war, was ich darauf antworten sollte.

Nathan stupste mich noch einmal in die Seite, bevor er mir wieder ins Ohr flüsterte. „Es würde mir eine Freude machen, auch auf eure Kinder aufpassen zu dürfen.“

Ich lächelte Nathan an. Sein Angebot war nett, aber im Moment hatten wir andere Sorgen. Die Familienplanung und alles, was dazugehörte, schoben wir im Moment auf die Seite, auch wenn ich mir die Zeit nach unserer Gegenstückszeremonie etwas anders vorgestellt hatte.

„Ich möchte wissen, worüber ihr sprecht“, sagte Perry.

„Natürlich möchtest du das“, sagte Nathan und grinste sein Gegenstück an. „Ich glaube nicht, dass Mia dir verraten will, worüber wir gesprochen haben, nachdem du sie geschubst hast.“

„Ja, das war nicht besonders nett“, sagte Archie. Als sich unsere Blicke trafen, hoben sich seine Mundwinkel ein wenig. Er brauchte gar nicht so zu tun, als hätte ihn die unfreiwillige Umarmung gestört.

„Wenn ich mich entschuldige, sagt ihr mir dann, worüber ihr gesprochen habt?“

„Nein“, antwortete ich grinsend. „Es geht dich nichts an.“

„Gemein“, murmelte Perry grinsend.

Den Rest des Abends verbrachten wir am Lagerfeuer, das vor Fioras und Corys Zelt brannte. Auch wenn wir wussten, dass wir am nächsten Tag in den Krieg ziehen mussten, fühlte es sich fast wie ein normaler, schöner Abend mit der Familie an.

Wir erzählten uns gegenseitig Geschichten, lachten und sangen sogar ein bisschen. Als Archie und ich zurück zu unserem Zelt liefen, summte ich das Entenlied, welches ihm aus einem mir unerfindlichen Grund so gut gefiel.

Archie hielt die beiden Tücher zur Seite, die als Tür dienten, damit ich in unser Zelt kriechen konnte. Es war gerade breit und lang genug, dass wir darin nebeneinander liegen konnten. Sofort legte ich mich auf meine Seite, während Archie eine kleine Lampe an der Decke anzündete, die das Zelt in ein schwaches Licht tauchte. Nicht hell genug, aber dank Archie an meiner Seite konnte ich die Panik, die in mir aufstieg, vertreiben.

Archie setzte sich neben mich, legte sich aber noch nicht hin. Er sass bloss da und sah grinsend auf mich herab.

„Weisst du, Perry ist vielleicht schwerhörig, aber ich bin es nicht.“

„Ich weiss nicht, wovon du sprichst“, murmelte ich, während ich mein wieder warmes Gesicht hinter meinen Händen versteckte und mir die Augen rieb.

Neben mir konnte ich es rascheln hören, dann zog Archie sanft meine Hände von meinem Gesicht. Er hatte sich neben mich gelegt. „Doch du weisst, wovon ich spreche.“

Jetzt war kein guter Zeitpunkt, um das Thema anzusprechen, schliesslich mussten wir am nächsten Tag in den Krieg ziehen. Doch Archie sprach einfach weiter.

„Bereust du es, dass wir so lange gewartet haben? Vielleicht zu lange?“

Ich dachte daran, dass wir die nächsten Tage vielleicht nicht überleben würden. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinem ganzen Körper aus. Doch ich bereute nichts. Jeder Moment mit Archie war ein Geschenk, egal was wir zusammen unternahmen.

„Nein. Du?“

„Ich bereue nichts, was mit dir zu tun hat.“

Die Worte zu hören, war unglaublich schön, vor allem, weil ich spüren konnte, dass sie Archie auch glaubte und dafür mit sich selbst nicht allzu sehr kämpfen musste. Seit unseren Ferien und der Gegenstückszermonie ging es ihm so viel besser. Das konnte ich sehen und spüren, was mich unglaublich glücklich machte. Er schien endlich verstanden zu haben, dass er sich etwas Glück in seinem Leben erlauben durfte.

„Wir haben noch Zeit, bevor die Sonne wieder aufgeht“, sagte Archie mit einem Grinsen im Gesicht. Doch er sah selbst nicht ganz überzeugt von seiner eigenen Idee aus. „Nicht, dass du es in den nächsten Tagen doch irgendwann bereuen wirst.“

„Es ist nicht der richtige Moment“, sagte ich leise.

Das dachte Archie auch. Es war nicht der richtige Moment, selbst wenn ich bereit war. Archie war es nicht. Ihm ging es besser, er liess das Glück zu, aber noch brauchte er Zeit. Er hatte den Krieg gegen sich selbst noch nicht gewonnen. Er brauchte Zeit, um sich Schritt für Schritt weiter an mich heranzukämpfen.

Selbst wenn er es nie ausgesprochen hatte, wusste ich, dass ein winziger Teil von ihm dachte, dass das, was da zwischen uns war, noch immer nicht ausreichte und er mir nicht alles nehmen wollte. Er war überzeugt davon, dass er mir mein Herz zurückgeben konnte, aber das, was wir jetzt besprachen, würde er mir nicht zurückgeben können.

„Solange ich nicht genau weiss, was ich verpasse, kann ich nichts bereuen“, sagte ich lächelnd.

Archie lachte leise. „Du hast recht, es ist nicht der richtige Moment.“

„Dir macht das Warten nichts aus?“, fragte ich. Eine Ablenkung, damit Archie nicht bemerkte, dass ich wusste, was er fühlte, und damit wir die kurze Nacht nicht mit Streiten verbringen mussten.

„Natürlich nicht“, sagte Archie. Sanft legte er seine Hand an meine Wange. „Ich habe bereits alles, was ich möchte. Auf dich habe ich über zweihundert Jahre gewartet. Ich geniesse jeden Moment mit dir, egal was wir machen.“

Die Wärme, die von ihm ausging, hüllte mich ein. Ich fühlte mich sicher, warm und so unendlich geliebt, dass ich alles andere auf der Welt vergass.

„Der perfekte Moment wird kommen“, versicherte ich Archie und auch mir.

Wir würden den Krieg überleben, wir würden zurück nach Hause reisen und wieder so glücklich und unbeschwert leben wie in den letzten beiden Wochen.

„Wir müssen das, was du Ferien nennst, unbedingt wiederholen“, sagte Archie, der wohl meine Gedanken gelesen hatte.

„Dann werden wir bestimmt den richtigen Moment finden“, sagte ich.

„Möglich“, sagte Archie grinsend. „Bestimmt“, korrigierte er sich dann. „Ich verstehe jetzt, was du mit Entspannen meinst, und es gefällt mir echt gut.“

Ich lachte leise, weil ich mich daran erinnerte, wie Archie wie ein Seestern im Sand gelegen und versucht hatte, sich zu entspannen. Die Anfänge waren etwas schwierig gewesen, doch irgendwann hatte er Gefallen an den Ferien gefunden.

„An was denkst du bloss?“, fragte Archie.

Ich schlich mich in seinen Kopf, wo ich ihm die Erinnerung zeigte. Etwas, was ich mich nicht erinnern konnte, zuvor schon einmal getan zu haben. Doch plötzlich konnte ich es einfach tun.

Archie grinste, als er die Erinnerung sah. Ich war nicht mehr in seinem Kopf, aber ich konnte spüren, wie sehr ihm die Erinnerung gefiel.

„Solche Momente werden wir wieder erleben“, versprach mir Archie. „Der Krieg wird vorbeigehen. In hundert Jahren wird das hier nur eine ferne Erinnerung sein, die wir langsam vergessen, aber an unsere Ferien werden wir uns für immer erinnern.“

„Du bist dir so sicher, dass ich nicht altern werde?“

Darüber zu sprechen, fühlte sich komisch an. Immer wenn Archie erwähnte, dass ich in hundert Jahren noch leben würde, wurde mir schwindlig. So etwas gab es in der Welt, in der ich geboren worden war, einfach nicht.

„Selbst wenn du noch so schnell wie ein Mensch gealtert hast, als du damals hierhergekommen bist, wirst du das nun nicht mehr tun, schon vergessen? Auch wenn ich es nicht gespürt habe, habe ich dir bei unserer Gegenstückszermonie ein paar Hundert Jahre meiner Lebenszeit geschenkt, damit wir zusammen alt werden können.“

Mein Kopf drehte sich bei der Vorstellung, dank Archie ein paar Hundert Jahre alt zu werden. Fast schon hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm die Jahre vielleicht genommen hatte. Doch Archie sah mich glücklich und auch stolz an. Er hatte mir die Jahre gerne gegeben, er musste es nicht sagen, ich konnte es spüren.

„Unheimlich“, murmelte ich.

Archie lachte wieder. „Daran ist nichts unheimlich. Es ist völlig normal.“

„Aber als ich dir erklärt habe, was Ferien sind, hast du gedacht, ich wäre verrückt.“

„Beides ist ein wenig verrückt“, gab Archie, noch immer lachend, zu.

Ich war nicht ganz seiner Meinung.

Plötzlich küsste mich Archie sanft auf die Wange. Dann legte er seinen Arm um mich und zog mich an sich.

„Wir sollten schlafen, die Sonne wird viel zu schnell wieder aufgehen.“

Anstatt etwas zu sagen, warf ich meinen Arm um Archie und vergrub mein Gesicht an seinem Hals. Archie küsste meine Stirn, bevor er sein Gesicht in meinen Haaren vergrub.

„Gute Nacht, mein Alles.“

„Gute Nacht“, murmelte ich, bevor ich die Augen schloss.

Dank Archie, bei dem ich in Sicherheit war, glitt ich in einen traumlosen Schlaf.

3

Archie behielt Recht. Die Sonne ging viel zu schnell wieder auf.

Ich wurde unabsichtlich von Archie geweckt, als er die Lampe, die das Zelt erhellte, neben mich stellte. Langsam blinzelte ich in das schwache Licht hinein.

Über uns glitzerten die Sterne, doch man konnte bereits erkennen, dass die Sonne bald aufgehen würde. Erst da bemerke ich, dass unser Dach fehlte. Ich sah Archie an, der das Zeltdach gerade zusammenfaltete.

„Guten Morgen“, sagte er lächelnd.

„Wie schaffst du es bloss, ohne Wecker so früh aufzustehen?“, murmelte ich verschlafen.

„Ich weiss nicht, was ein Wecker ist“, sagte Archie leise lachend. „Aber wenn du jahrelang kaum geschlafen hättest, könntest du das auch.“

„Ich dachte, du schläfst jetzt besser?“

Die Angst vor dem bevorstehenden Tag holte mich langsam ein und liess mich unruhig werden.

„Das tue ich. Dank dir schlafe ich viel besser“, versicherte mir Archie. „Aber wenn ich weiss, dass ich früh aufstehen muss, wache ich noch immer oft auf. Jedes Mal, wenn ich aufwache, sehe ich nach, ob wir schon aufstehen müssen, bis es Zeit zum Aufstehen ist.“

Ich nickte. Sobald wir wieder zu Hause waren, musste ich ihm beibringen, wie man durchschlief, und unbedingt einen Wecker besorgen. Dann stand ich auf und half Archie dabei, das Zelt abzubauen und in eine Tasche zu stopfen, die ein paar Minuten später von jemandem abgeholt wurde, den Archie als Träger bezeichnete. Personen, die dafür zuständig waren, dass das Lager in Bewegung blieb und die Soldaten kein Gepäck schleppen mussten, das in einem Kampf bloss stören würde.

Die Sterne verblichen über uns, als wir uns auf den Weg zum Sammelpunkt machten, von dem ich erst an diesem Morgen erfuhr.

Archie und ich waren eine der Ersten, die am Sammelpunkt eintrafen. Einige der anderen gähnten noch, andere sahen so fit aus wie Archie. Wieder andere sahen so angespannt und zittrig aus, wie ich mich fühlte.

Von meiner Truppe war noch niemand zu sehen. Ich gehörte zu den fliegenden Heilern, die den Soldaten, die zuvorderst kämpften, zu Hilfe eilen würden. So zumindest hatte man mir das am Abend zuvor am Lagerfeuer beschrieben.

Trotz meiner Aufgabe als Heilerin stand Archie mir nun gegenüber und reichte mir sein Messer. Ich schloss meine Finger um das kalte Metall und war sofort nicht mehr so nervös.

„Für den Notfall…“, sagte Archie, „…und für die Nerven.“

„Vielen Dank“, murmelte ich und zog Archie dann in eine lange Umarmung. Zuerst überraschte ihn das offenbar ein wenig, doch dann legte er seine Arme um mich und hielt mich, bis wir laute Stimmen Befehle rufen hörten.

Als der Sammelplatz voller Menschen, dunkler und heller Engel und Personen, bei denen ich mir nicht so ganz sicher war, was sie alles für Kräfte hatten, war, traf der Rest der Familie ein.

Perry konnten wir schon von Weitem hören, wie er sich darüber beschwerte, nicht lange genug geschlafen zu haben. Nathan sah müde und genervt aus, sagte aber kein Wort, als er sich neben uns stellte.

Dann sah ich auch Fiora, Cory und das Königspaar des Königreichs des Feuers auf uns zulaufen.

Hinter ihnen Mila, die aussah, als wäre sie für den Kampf geboren. Sie hätte genauso gut die Königin sein können. Neben ihr liefen die Personen, die die Truppen aus den anderen Königreichen anführten.

Noch bevor uns die Gruppe mit den Anführern erreichte, zog mich Archie nochmals an sich. Ich sah hoch in seine Augen, in denen zum ersten Mal in Tagen wieder Sorge schwamm.

„Du solltest jetzt zu deiner Truppe gehen“, sagte er.

Ich nickte, doch ich wollte nicht gehen. „Versucht dieses Mal nicht angezündet und von Pfeilen durchbohrt zu werden oder beide gleichzeitig zu sterben.“

Ich sah kurz zu Perry hinüber, der sich gerade von Nathan verabschiedete. Nathan würde in einer Truppe mitlaufen, da er keine Flügel hatte. Archie und Perry dagegen würden an vorderster Front fliegen. Sie gehörten zu den Soldaten, die sich als Erstes auf die Truppen von Nerura stürzen würden.

Die Vorstellung gefiel mir nicht, aber wenigstens war Archie nicht allein. Er konnte Seite an Seite mit seinem Bruder kämpfen.

Archie schenkte mir ein Lächeln, das ihn viel Kraft kostete. Ich konnte es deutlich spüren. „Nur wenn du versprichst, auch am Leben zu bleiben.“

„Versprochen“, sagte ich sofort, um Archie ein wenig zu beruhigen. „Ruf nach mir, wenn du Hilfe brauchst.“

„Versprochen.“

Archies Versprechen war genau wie mein Versprechen. Bloss ein Wort, um den anderen zu beruhigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn hören würde, lag bei null. Auch wenn ich bloss eine Heilerin war, konnte mir doch etwas zustossen. Sein Versprechen beruhigte mich trotzdem etwas, wie mein Versprechen ihn beruhigte.

„Ich liebe dich, Mia“, sagte Archie leise, was mein Herz zum Schmelzen brachte. Archie holte einmal tief Luft. „Wir verbringen nur ein paar Tage an diesem Ort und dann gehen wir nach Hause, um Ferien zu machen.“

Das Lächeln fiel mir bei der Vorstellung gar nicht mehr schwer. „Ich kann es kaum erwarten.“ Kurz küsste ich Archie. „Ich liebe dich auch, vergiss das nicht.“

„Niemals.“

Gerade als ich Archie noch einmal küssen wollte, fuhren wir wegen ein paar lauten Befehlen erschrocken auseinander. So ging es auch anderen. Wir waren nicht das einzige Paar. Auch Freunde hatten sich voneinander verabschiedet, bis Mila das mit einem lauten Schrei unterbrochen hatte.

„Alle in ihre Gruppen“, rief sie nochmals laut.

Sofort kam Bewegung in die wild durchmischte Gruppe. Archie küsste mich nochmals kurz und zeigte dann in die Richtung, in die ich gehen musste. Mehrmals drehte ich mich zu ihm um, während meine Flügel an meinem Rücken erschienen und ich auf die Gruppe zulief, zu der ich gehörte.

Archie winkte, bevor er von Perry gerammt wurde, der offenbar etwas wahnsinnig Witziges erzählte, denn er grinste breit. Archie lächelte bloss mir nochmals zu und ignorierte seinen Bruder, als ich mich ein letztes Mal zu ihm umdrehte.

Kaum hatte ich mich den Heilern angeschlossen, liess ich meinen Blick kurz über die anderen Gruppen schweifen. Dabei sah ich Nathan, der mir fast schon fröhlich zuwinkte. Ich winkte zurück, da es sich für einen winzigen Moment gar nicht mehr anfühlte, als würden wir in einen Krieg ziehen, sondern so, als würden wir bloss einen witzigen Ausflug mit der Schule machen und den anderen Klassen zuwinken.

Erst als mir eine Tasche mit Verbandsmaterial in die Hand gedrückt wurde und Mila die letzten Befehle schrie, wurde es ernst. Die ersten beiden Gruppen, bestehend aus dunklen und hellen Engeln, hoben gleichzeitig ab. Auch wenn ich sie nicht sehen konnte, wusste ich, dass Archie und Perry irgendwo ganz zu vorerst mit dabei waren.

Dann wurde den Truppen, die sich zu Fuss auf den Weg machen mussten, der Befehl gegeben, sich zu bewegen. Mittendrin liefen die beiden Königspaare und die Anführer der verschiedenen Truppen.

Kurz sah ich Cory und Fiora. Beide sahen zum Himmel hinauf, all den fliegenden Engeln nach. Fast konnte ich ihre Sehnsucht spüren. Sie wären am liebsten auch mitgeflogen. Vor allem Cory wollte ganz vorne mit seinen Brüdern kämpfen. Auch Fiora, die ein so gutes Herz hatte, war doch eigentlich eine Kämpferin. Sie hätte gerne dort gekämpft, wo die meiste Action war.

Zuletzt bewegte sich meine Gruppe. Wir hoben ab. Mit etwas Abstand zu den Truppen in der Luft überholten wir die, die am Boden marschierten. Wir waren nicht in der direkten Schusslinie, aber auch nicht die Letzten, die sich den Kämpfen anschliessen würden. Wir wollten so schnell wie möglich ein kleines Lazarett aufbauen und die ersten Verletzten versorgen, bis die Fusstruppen eintrafen.

***

Zum ersten Mal flog ich über ein anderes Königreich.

Zuvor war ich erst ein paar Meter weit in das Königreich des Feuers hineingelaufen und hatte bloss lauter Tote gesehen, anstatt das echte Königreich des Feuers. Neugierig sah ich mich um, während wir tief fliegenden den Soldaten folgten, die auf das erste kleine Dorf zuflogen, wo sie von Soldaten aus Nerura erwartet wurden.

Das Königreich des Feuers bestand aus kargem Land. Es gab nicht viele Bäume, ich erkannte aber viele Berge in der Ferne, die wahrscheinlich Vulkane waren, auch wenn ich mir nicht so ganz sicher war, da ich nicht bestimmen konnte, ob es Rauch oder Wolken waren, die die Bergspitzen umhüllten.

Eine steinige Landschaft erstreckte sich unter uns, auf der niemand zu sehen war, auch keine Tiere.

Die Truppen, die sich zu Fuss auf den Weg gemacht hatten, waren schon lange am Horizont verschwunden, doch die Soldaten vor uns waren noch zu sehen. Winzige Punkte, die weit vor uns flogen, zeigten uns den Weg.

Weil die Landschaft nicht wirklich interessant war, stach mir das Dorf, das am Horizont auftauchte, sofort ins Auge. Die Punkte vor uns flogen darauf zu und stürzten dann in die Tiefe. Ich konnte nur kurz hoffen, dass vor uns ein unbesetztes Dorf lag, auch wenn ich wusste, wie unwahrscheinlich das war.

Wir landeten vor dem kleinen Dorf. Ein Haus brannte bereits und von einem anderen Ort stieg Rauch auf, das dazugehörige Feuer war jedoch nicht zu sehen.

Mila musste wohl einen Anführer für unsere Gruppe aus Heilern ernannt haben oder die fremde Frau gab einfach gerne Befehle, denn plötzlich fand ich mich mitten im Dorf wieder und suchte nach verletzten Verbündeten.

Wir waren eine bunt durchmischte Truppe. Von jedem Königreich waren ein paar Heiler dabei. Damit andere erkennen konnten, dass wir Heiler waren, trugen wir ein weisses Armband. Das sollte auch verhindern, dass wir angegriffen wurden.

Wir fanden den ersten Verletzten schon ein paar Häuser weiter. Schwarze Flügel, die mir zuerst aufgefallen waren, hatten mich für einen Moment schon das Schlimmste vermuten lassen. Doch dann drehte sich der Mann, der Archie oder Perry gar nicht ähnlich sah, um. Seine Hand drückte er auf sein Gesicht, zwischen seinen Fingern floss Blut hervor.

„Mein Auge“, murmelte der dunkle Engel verzweifelt. „Viele waren mit Messer bewaffnet. Ich glaube, sie haben mein Auge erwischt.“

Sofort gingen ich und ein Junge, der ein paar Jahre jünger aussah als ich, was bedeutete, dass er vielleicht nur so fünfzig Jahre alt war, auf den Mann zu. Ich war schneller. Noch bevor der Junge den Mann bitten konnte, die Hand von seinem Gesicht zu nehmen, hatte ich das Brennen in dessen Wange gelöscht. Bevor er die Hand wegzog, wusste ich, dass das Auge nicht getroffen worden war. Die Wunde war tief. Es dauerte ein paar Sekunden, um sie zu heilen und auch die Narbe verschwinden zu lassen, aber der dunkle Engel lief ohne bleibende Schäden und mit zwei gesunden Augen davon.

„Vielen Dank“, rief er, als er davonrannte.

Kaum war er wieder gesund, stürzte er sich zurück in den Kampf, wie Archie und Perry es getan hätten.

***

So ging es den ganzen Tag, bis ich irgendwann auf Archie und Perry traf. Beiden hatten nur ein paar Kratzer und kümmerten sich gerade um jemanden, der mit einer gebrochenen Nase am Boden lag. Ich war müde, aber noch fit genug, um eine Nase zu richten und dann in Begleitung von Archie und Perry zurück zum Lazarett zu laufen, wo ich ein paar weitere Verletzungen heilte.

Als die Sonne unterging, traf Verstärkung ein. Die Soldaten, die hatten laufen müssen, wurden freudig empfangen.

Laut Cory und Fiora hatten sie auf ihrem Marsch keinen einzigen Neruraischen Soldaten gesehen.

Perry erzählte, dass die Soldaten aus Nerura nicht wirklich gegen sie gekämpft hatten. Archie stimmte seinem Bruder zu. Sie versicherten uns mehrmals, dass nur ein paar wenige Widerstand geleistet hatten und die anderen einfach davongelaufen waren. Die, die sie verfolgt hatten, waren Richtung Osten gelaufen. Was Archie und Perry erzählten, bestätigten auch ein paar andere Soldaten.

Wir alle wunderten uns ein wenig darüber, doch während die verrücktesten Theorien besprochen wurden, legte ich mich mit Archie schlafen. Ich war unendlich müde, weil ich so viele Wunden geheilt hatte. Wie immer hatte mich das all meine Energie gekostet. Glücklich, weil Archie sich dazu entschieden hatte, sich mit mir schlafen zu legen, anstatt noch stundenlang wilde Theorien zu besprechen, schlief ich ein.

***

Die nächsten Tage waren nicht anders.

Die Flugtruppe flog ins nächste Dorf vor. Die Heiler mit den Flügeln folgten, alle anderen liefen durchs Königreich des Feuers und suchten den Boden nach Soldaten aus Nerura ab.

Doch nur in den Dörfern stiessen wir auf feindliche Soldaten. Überall sonst war das Land wie ausgestorben. Das Königspaar versicherte uns, dass das immer so war, da die Menschen wenig fruchtbares Land hatten, und dort, wo es fruchtbares Land gab, waren die Dörfer.

Nichts passierte. Wir hatten nicht einmal ein einziges Opfer zu beklagen. Viele Verletzte, aber kein Opfer.

Immer mehr Soldaten bestätigten, was schon am ersten Tag beobachtet worden war. Die Soldaten aus Nerura leisteten kaum Widerstand. Sie gaben, was sie erst vor ein paar wenigen Tagen erobert hatten, sofort wieder auf, was sich niemand erklären konnte.

Nach einer Woche und hunderten gereisten Kilometern war ich mir sicher, das Meer in der Luft zu riechen. Noch war es nicht zu sehen, doch es durfte nicht mehr weit sein. Wir kamen gut voran, fast schon zu gut.

***

Dann endlich spürte ich das Meer, roch die salzige Luft und hörte in der Ferne das Wellenrauschen.

Ich freute mich schon darauf, bald nach Hause zu fliegen, in einem Bett zu schlafen, anstatt auf dem Boden und nicht mehr jeden Tag Wunden heilen zu müssen, selbst wenn es mich berauschte, wenn ich jemanden gesund machen konnte.

Umso weiter östlich wir reisten, umso grösser wurden die Dörfer. Das bedeutete aber nicht, dass es schwieriger war, die Dörfer zurückzuerobern. Es dauerte einfach länger, weil mehr Neruraische Soldaten vertrieben werden mussten.

Wieder streifte ich mit demselben jungen Mann wie am ersten Tag durch die Strassen, um nach Verletzen zu suchen, als wir plötzlich in einen Kampf hineingeritten. Ein paar Dorfbewohner versuchten, ein paar Soldaten aus Nerura, die offenbar flüchten wollten, zurückzuhalten. Die liessen sich das aber nicht gefallen und begannen wahllos, mit ihren Messern auf Zivilisten einzustechen.

Der Junge und ich rannten sofort auf die verletzten Personen zu. Einige bluteten stark, andere schrien verzweifelt nach Hilfe. Einige Dorfbewohner rannten davon, um Hilfe zu holen oder sich selbst einfach in Sicherheit zu bringen.

Ich kniete mich neben ein verletztes Mädchen. Ihre Hände waren voller Blut und sie weinte leise.

„Es wird alles wieder gut“, sagte ich und legte meine Hand an ihren Arm.

Sofort löschte ich das Brennen in ihr. Sie schluchzte überrascht, schreckte aber nicht zurück, als ich so schnell wie möglich heilte. Sekunden später zog ich sie auf die Beine. Sie wollte etwas zu mir sagen, vielleicht sich bedanken, doch ich wurde schon von der nächsten verletzten Person gebraucht.

Ein Mann versuchte, einen Neruraischen Soldaten festzuhalten, der ein Messer in der Hand hielt und immer wieder zustach. Der Mann hielt den Soldaten so, dass der fremde Soldat nur seinen Arm treffen konnte. Er fluchte wieder und wieder, immer wenn er getroffen wurde, lockerte seinen Griff aber nicht.

Der Soldat aus Nerura bemerkte, dass ich ihm seine Waffe nehmen wollte, und versuchte, mich mit dem Messer zu verletzen, obwohl er noch immer von einem Dorfbewohner festgehalten wurde. Leider war ich nicht schnell genug, um dem Mann auszuweichen. Ich ging einen Schritt zurück, doch das Messer des Soldaten ritzte sich in meinen Arm. Es durchtrennte Stoff und Haut.

Das weisse Band, das mich als Heiler kennzeichnete, fiel blutüberströmt wie in Zeitlupe auf den Boden. Eine unendlich lange Zeit starrte ich auf das Stückchen Stoff hinunter.

Irgendetwas veränderte sich in dem Moment. So als würde in mir ein Schalter umgelegt werden.

Noch bevor ich begriff, was sich genau verändert hatte, lag meine Hand an Archies Messer an meinem Oberschenkel. Ich zog es heraus und stand plötzlich dem Soldaten aus Nerura gegenüber. Der Dorfbewohner war verschwunden.

Mein Gegenüber hatte sein Messer erhoben, doch ich konnte in seinen Augen sehen und auch spüren, dass er sich fürchtete. Er fürchtete sich vor mir und dem, was er erweckt hatte.

„Du hast gerade einen riesigen Fehler gemacht“, sagte ich mit einer Stimme, die ich selbst nicht wiedererkannte.

Langsam machte ich einen Schritt auf den Soldaten aus Nerura zu, und da wusste ich, was sich verändert hatte. Nun war ich nicht mehr nur eine Heilerin, ich war jetzt auch eine Kämpferin, eine richtige Soldatin.

Feuer, entfacht von der Wut, die ich in mir trug, seit ich all die Toten gesehen hatte, trieb mich an. Ich brannte nicht, doch ich sah wohl bedrohlich aus, denn der Soldat aus Nerura drehte sich um und rannte davon.

Zufrieden sah ich zu, wie er flüchtete. Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, was aber gleich wieder verschwand, als ich mich zu den Dorfbewohnern und den anderen Soldaten aus Nerura umdrehte, die noch vertrieben werden mussten.

Nur waren keine Soldaten aus Nerura mehr zu sehen. Sie waren alle geflüchtet. Einen konnte ich gerade noch erkennen, als er um die nächste Strassenecke bog. Was mich aber noch mehr überraschte, als dass die Bewohner des Königreichs des Feuers ihre Besatzer hatten gehen lassen, waren die Dorfbewohner, die, obwohl viele von ihnen verletzt waren, alle vor mir knieten.

4

Ich starrte auf die knienden Dorfbewohner vor mir, als plötzlich zwei dunkle Engel neben mir landeten.

„Was hast du angestellt?“, fragte Perry.

„Du bist verletzt“, sagte Archie gleichzeitig.

Schmerz zuckte durch meinen Körper, als Archie seine Finger sanft an meinen Arm legte, um die Wunde zu untersuchen.

„Ich habe nichts gemacht“, verteidigte ich mich.

Perry lachte. Er glaubte mir kein Wort. „Wir haben die Macht, die von dir ausgeht, durch das ganze Dorf gespürt. Du hättest die Feiglinge aus Nerura sehen sollen. Ich habe noch nie Soldaten gesehen, die ihre Beine schneller in die Hand genommen haben.“

Ich sah Archie an, damit er mir Perrys Geschichte bestätigte. Perry übertrieb nämlich gerne. Archie nickte kurz, bevor er meine Wunde weiter untersuchte.

Vor lauter Gedanken, die durch meinen Kopf kreisten, spürte ich den Schmerz nicht. Ich hatte die Soldaten von Nerura selbst wegrennen sehen. Ich hatte selbst gespürt, dass sich in mir etwas verändert hatte. Die Dorfbewohner knieten noch immer vor mir und ich hatte keine Ahnung, warum.

„Was passiert hier?“, fragte ich.

„Das musst du uns sagen“, antwortete Perry.

Archie verstand, was ich eigentlich fragen wollte. „Sie verbeugen sich vor der Macht, die sie gespürt haben. Normalerweise würden sie sich nur vor ihrem König und ihrer Königin verbeugen, aber du hast die Macht, die die ausstrahlen, gerade übertroffen. Darum verbeugen sie sich nun vor dir.“

„Sie unterwerfen sich dem oder der Stärksten“, murmelte Perry. „Das bist du.“

Ich wollte nicht, dass sich die Leute mir unterwarfen oder auch nur vor mir auf die Knie gingen. Das fühlte sich nicht richtig an.

„Sie sollen damit aufhören“, sagte ich leise zu Archie und Perry.

„Dann musst du es ihnen befehlen“, riet mir Perry.

„Oder es ihnen einfach sagen“, flüsterte Archie, der verstand, wie unangenehm mir die Situation war.

Unsicher wandte ich mich an die Leute, die noch immer vor mir knieten. „Wer nicht verletzt ist, soll nach Hause gehen. Alle andere können mit uns mitkommen. Ihr werdet im Lazarett versorgt werden und könnt dann nach Hause gehen.“

Erst als sich die Dorfbewohner langsam erhoben, erkannte ich, dass auch der andere Heiler, mit dem ich in den letzten Tagen zusammengearbeitet hatte, vor mir gekniet hatte. Das verunsicherte mich noch etwas mehr, doch die Unsicherheit, die ich von den Dorfbewohnern spüren konnte, war noch viel grösser. Ich konnte sehen und spüren, dass sie sich nicht einmal trauten, mir in die Augen zu sehen. Trotzdem befolgten sie meine Befehle. Einige liefen davon, andere, die voller Blut waren, stellten sich neben den Heiler.

Als eine kleine Gruppe um ihn versammelt war, sah er kurz zu mir herüber, so als wartete er auf einen weiteren Befehl. Ich nickte ihm bloss zu. Er verstand und begann, die Verletzten Richtung Lager zu führen.

Perry, Archie und ich blieben zurück.

„Das war völlig verrückt“, sagte ich, als wir endlich allein waren.

Perry lachte. Archie nickte nur und hob dann das weisse Band auf, das der Soldat aus Nerura von meinem Arm geschnitten hatte. Er wollte es mir um den Arm binden, dort, wo noch immer Blut aus meiner Wunde lief, aber ich ging einen Schritt zurück.

„Ich glaube, ich gehöre nicht länger zu den Heilern“, sagte ich leise, fast schüchtern. Noch war ich keine richtige Soldatin, aber ich war auch nicht mehr nur eine Heilerin.

„Ich weiss“, sagte Archie. „Ich möchte deinen Arm verbinden, und das ist das einzige Stück Stoff, das ich habe.“

Während Archie meinen Arm verband, klopfte mir Perry zufrieden auf die Schulter.

„Willkommen in unserer Truppe. Mit uns wirst du richtig viel Spass haben.“ Gerade als ich fragen wollte, ob ich denn einfach so Truppen wechseln konnte, sprach Perry weiter. „Ich kann es nicht erwarten, auf deiner Seite kämpfen zu dürfen.“ Er grinste mich an. „Ich sehe schon die Blicke unserer Feinde vor uns“, sagte er lachend. „Das wird grossartig.“

Archie sah nicht so glücklich aus wie Perry. Doch konnte ich den Stolz in seinen Augen sehen, aber auch die Sorgen spüren, die ihn quälten. Er freute sich darauf, an meiner Seite zu kämpfen. Gleichzeitig fürchtete er sich schrecklich davor, dass mir etwas zustiess.

Während Perry über all die Dinge sprach, die ich unseren Feinden antun könnte, liefen wir langsam zurück zum Lager, das ausserhalb des Dorfes lag. Dort verbrachten wir den Abend damit, Mila zu überzeugen, mich die Truppe wechseln zu lassen. Niemand erzählte, was am Nachmittag geschehen war, auch wenn mich Mila, Cory und Fiora alle musterten. Ich brauchte nicht zu fragen, ob sie die Macht auch gespürt hatten. Offensichtlich hatten sie alle gespürt, nur ich nicht.

***

Zwei weitere Tage vergingen. Zwei weitere Dörfer wurden von uns befreit. Dann sahen wir endlich das Meer am Horizont.

Noch ein Dorf lag zwischen uns und der Freiheit.

Am Tag zuvor waren wir auf Truppen aus dem Königreich des Wassers gestossen. Sie hatten mit der Hilfe des Königreichs der Sonne etwa die Hälfte des Königreiches des Feuers befreit. Ein Teil ihrer Truppen kämpften noch südlich um die letzten paar Dörfer am Meer, während es einige von ihnen bereits bis zu uns geschafft hatten, was bedeutete, dass wir kurz davor waren, das Königreich des Feuers vollkommen zu befreien.