Die Könige des Verbrechens - Rodey Park - MacKenzie W. - E-Book

Die Könige des Verbrechens - Rodey Park E-Book

MacKenzie W.

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Beschreibung

Die Wahrheit trifft Wilhelmina hart, auch wenn ihr schnell klar wird, dass sie längst hinter das grosse Geheimnis hätte kommen sollen. Was sie in letzter Zeit gelernt hat, hilft ihr dabei, eine Entscheidung zu treffen, die sie nicht nur in ihre alte Heimat, sondern auch nach Rodey Park verschlägt. Das Stadtviertel der Arbeiter, mit dem sie, wenn sie ihr Ziel erreichen, Kensington den bisher härtesten Schlag verpassen. Ein Kuss bringt sie in grosse Gefahr. Für einen einzigen Kuss setzt sie alles aufs Spiel, was sie sich erarbeitet hat. Ihre Stellung und eine hart erkämpfte Freundschaft. Wird dieser Kuss alles zerstören? Werden der Verrat eines Freundes und der Kuss ihr das Leben kosten? Wird sie sich schliesslich doch an das Mädchen erinnern, das sie eigentlich sein sollte, und eine Entscheidung treffen, die sie zum eigentlichen Verräter macht?

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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MacKenzie W.

Die Könige des Verbrechens - Rodey Park

Inhaltsverzeichnis

Impressum

1

In einer Welt voller Verräter, in der ich einen unverzeihlichen Verrat begangen habe und ich selbst zu den grössten Verrätern zähle, bin ich von noch grösseren Verrätern verraten worden. Ich habe Leuten vertraut, denen ich nicht hätte vertrauen dürfen. Ich wusste, dass ich ihnen nicht vertrauen kann, und habe es trotzdem getan.

Auf sie wütend zu sein, ist so einfach. Auf mich selbst wütend zu sein, macht mich fast wahnsinnig.

In den letzten beiden Tagen, die ich eingeschlossen in meinem Zimmer verbracht habe, ist mir klar geworden, dass ich nur mir selbst Schuld an der ganzen Sache geben kann. Ich hätte mehr Fragen stellen müssen und nicht nachgeben dürfen, wenn ich keine Antwort erhalten habe. Ich hätte mehr Deals machen müssen, ich hätte verhandeln müssen, um zu kriegen, was ich wollte und noch immer will. Ich hätte immer, wenn mir etwas befohlen oder aufgetragen wurde, nicht mitmachen sollen, solange ich keine Antworten auf meine vielen Fragen bekommen habe.

Leider habe ich das alles nicht getan.

Obwohl ich wusste, wie Boss ist, habe ich irgendwann aufgehört, alles zu hinterfragen. Ich habe in den Tag hineingelebt und getan, was von mir verlangt wurde. Ich habe zu viel von mir gegeben, ohne etwas zurückzubekommen. Jetzt weiss ich, wie wertvoll ich war und bin und wie viel ich hätte verlangen können. Doch um zu wissen, wie wertvoll ich bin, hätte ich zuerst so viele Antworten auf so viele Fragen gebraucht, die ich mir leider nicht geholt und auch nicht einfach so bekommen habe.

Wieso hätte mir Boss auch einfach so eines seiner Geheimnisse verraten sollen oder sogar, was sein grossartiger Plan ist?

Ich war und bin ein Risiko für ihn, obwohl ich die Seiten gewechselt habe. Ich habe mich für Plots Island entschieden. Ich habe mich für seine Seite entschieden. Er war sogar dabei, als ich es getan habe, aber es war nicht genug. Dass wir sogar so etwas wie Freunde geworden sind, war nicht genug. Nicht einmal, dass ich sein Leben gerettet und seit Monaten für ihn arbeite, war und ist genug.

Mit zwei Diamantketten in den Händen, die ich während meiner Zeit hier für meine Arbeit bekommen habe, laufe ich mein Zimmer auf und ab. Nur so kann ich mich beruhigen und mich etwas unter Kontrolle bekommen. Wenn ich den Schmuck in der Hand halte, kann ich mich darauf konzentrieren, dass ich noch eine Wahl habe.

Noch kann ich mich gegen Plots Island entscheiden. Ich kann den Schmuck nehmen und irgendwo ein neues Leben anfangen. Nicht hier in der Stadt. Hier kennen mich die Leute in den Stadtteilen, die von Boss kontrolliert werden, als Verbündete von Boss, als Drogendealer, als Befreier, und in Rodey Park würden sie mich spätestens nach ein paar Tagen als das vermisste Mädchen aus Kensington identifizieren.

Nach Kensington könnte ich zurück. Doch dahin will ich nicht zurück. Ich kann nicht wieder dieses scheinbar perfekte Leben führen und vergessen, wie wir die Leute in den anderen Stadtteilen behandeln. Ich kann nicht zurück zu meinen Eltern, heiraten und vergessen, wie mein Leben eigentlich aussehen könnte. Ich kann nicht in Kensington sein, wenn Boss mit seinen Leuten Kensington überfällt und sie sich ohne meine Hilfe ins Verderben stürzen. Ich kann mich ihnen nicht in den Weg stellen.

Es gibt nur einen Ort, an den ich gehen kann. Nur einen Ort, an dem ich wirklich frei sein kann. Auf einem Schiff. Mit dem Diamantschmuck kann ich mir eine Überfahrt in ein fernes Land kaufen und ein neues Leben anfangen. Das, obwohl ich nie wieder auf ein Schiff steigen wollte.

Doch jetzt denke ich immer öfter darüber nach. Ich könnte einfach die Stadt verlassen, dass alles hinter mir lassen und frei sein. Ich habe genug Schmuck, den ich zu Geld machen kann, um mir in einer anderen Stadt, einer besseren Stadt, ein schönes und friedliches Leben aufzubauen.

Nur kann ich hier nicht weg.

Nicht nur, weil ich es nicht übers Herz bringen würde, meine Freunde, auch wenn ich im Moment wütend auf sie bin, und meine Eltern, auch wenn ich die schon lange verlassen habe, hinter mir zu lassen, sondern weil ich mein Zimmer nicht verlassen kann.

Boss hat mich nach unserem Streit vor zwei Tagen eingeschlossen, und das, obwohl wir einen Deal hatten. Der Deal war, dass ich gehen kann, wohin ich will, solange ich nicht zurück zu meinen Eltern rennen und ihnen alles erzähle. Doch Boss hat mich ein weiteres Mal verraten. Er hat mich eingeschlossen, damit ich nicht fliehen kann. Trotzdem denke ich darüber nach, wegzulaufen. Schliesslich habe ich ein Fenster, durch das ich flüchten kann. Ob das unbemerkt bleiben würde, bezweifle ich jedoch.

Sobald ich mich entschieden habe, werde ich es trotzdem versuchen. Das sage ich mir jetzt schon zwei Tage lang. Nur habe ich mich noch nicht entschieden.

Ich kann nicht einfach gehen, ich will nicht gehen, und das, nachdem mir Boss und Prinzessin erklärt haben, dass viel mehr hinter der ganzen Sache steckt. Ich will nicht weg, weil ich jetzt weiss, was für eine Rolle ich wirklich spiele. Leider ist mir, seit ich weiss, was für eine Rolle ich spiele, auch klar geworden, dass ich ausgenutzt wurde.

Daran zu denken, macht mich wieder schrecklich wütend. Ich bin nicht nur wütend auf Boss und Prinzessin, sondern auch auf die Zwillinge und Fahrer, die mich einfach nicht hier rausholen, aber vor allem auf mich selbst.

Ich habe Boss nach all der Zeit noch immer völlig falsch eingeschätzt und sogar geglaubt, dass wir so etwas wie Freunde wären. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich vergessen habe, wie Boss wirklich ist. Eigentlich habe ich mich selbst hier eingesperrt. Meine eigene Dummheit hat mich hier eingesperrt.

Leider ist es viel einfacher, auf jemand anderen wütend zu sein als auf sich selbst, weshalb ich mich jetzt, wie so oft in den letzten zwei Tagen, auf meinem Bett sitzend wiederfinde und dabei Boss und Prinzessin verfluche, anstatt mich selbst.

Hätte ich besser zugehört und mehr über das Gesagte nachgedacht, wäre ich jetzt nicht hier. Meine Erziehung hat mich schrecklich naiv werden lassen. Mir wurde nie beigebracht, zu denken oder etwas zu hinterfragen, und mit sonderlich viel Intelligenz bin ich wohl auch nicht gesegnet worden.

Die Diamantketten fliegen durch den Raum. Ich kann nicht länger auf die Chancen starren, die sie mir eröffnen, die ich aber nicht ergreifen werde. Ich muss hier bleiben. Ich kann jetzt nicht einfach gehen, ich muss bleiben. Ich muss die Umstände ändern, unter denen ich bleibe, auch wenn ich weiss, dass ich Boss nicht vertrauen kann.

Doch ich bin sicher, dass ich nun mehr Macht habe als jemals zuvor. Diese Macht muss ich nutzen. Boss wird nichts anders übrigbleiben, als mit mir einen Deal zu machen. Ich muss ihn davon überzeugen, dass er mit mir Zusammenarbeiten muss.

Ich weiss nur noch nicht, wie.

2

Seit vier Tagen habe ich mit niemandem mehr gesprochen.

Fahrer stellt drei Mal am Tag etwas zu Essen vor meine Tür. Die Zwillinge bringen mir manchmal eine Zeitungsseite oder einen aus der Zeitung ausgeschnittenen Artikel und schieben ihn unter der Tür durch, damit ich etwas Unterhaltung habe. Prinzessin versucht alle paar Stunden, wenn er nicht gerade beschäftigt ist, mit mir zu reden.

Nur Boss, mit dem ich eigentlich sprechen und verhandeln möchte, taucht nicht auf.

Warum sollte er auch, er hat mich hier, wo er mich haben will. Ich kann nicht mehr für ihn arbeiten, bin aber noch hier. Wenn er mich braucht, um mich gegen Kensington einzutauschen oder was auch immer sein genialer Plan ist, dann bin ich hier. Eingeschlossen in meinem Zimmer. Wie die Geisel, die ich von Anfang an war.

Dumm wie ich bin, bringe ich es nicht übers Herz, zu fliehen. Dann würde ich Boss sein Druckmittel nehmen, aber auch alles aufgeben, auf das ich in den letzten Monaten unbewusst hingearbeitet habe. Ich müsste meine Freunde aufgeben, was ich nicht übers Herz bringe. Noch nicht. Noch bin ich nicht verzweifelt genug.

Noch hoffe ich, dass Boss einsehen wird, dass er mich braucht, obwohl das wahrscheinlich so naiv ist wie alles andere, was ich bis jetzt getan habe. Noch hoffe ich, dass Prinzessin sich auf meine Seite stellen wird oder mir zumindest helfen wird, mit Boss zu verhandeln. Ich möchte wieder Teil der Familie sein. Ich möchte ein richtiger Teil der Gruppe sein. Jemand, der auch etwas zu sagen hat.

Leider fühlt es sich so an, als würde ich nicht bekommen, was ich mir wünsche. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schwindet meine Hoffnung. Boss muss sich damit abgefunden haben, dass ich nicht mehr für ihn arbeiten werde und ich nicht mehr bin als eine Geisel. Ein Tauschobjekt.

Fünf Tage nach dem grossen Streit klopft Prinzessin wieder an meine Tür.

Er könnte sie einfach öffnen und hereinkommen. Er könnte mit mir reden und mich dabei ansehen, doch das tut er nicht. Er klopft bloss alle paar Stunden an meine Tür, auch wenn er weiss, dass ich nicht reagiere, dann fängt er an, mit mir zu reden, auch wenn ich nicht antworte, und geht dann irgendwann wieder. Ich will, dass er sich für mich bei Boss einsetzt, dass er sich auf meine Seite stellt, aber das muss er selbst begreifen, es muss von ihm kommen, weshalb ich ihm keine Antwort gebe.

„Bossy“, kommt es von der anderen Seite der Tür.

Nicht Prinzessin spricht mit mir, sondern die Zwillinge, die sich endlich wieder vertragen. Endlich hätte alles wieder normal sein können, so normal wie es hier in Plots Island mit meinen Freunden sein kann. Leider habe ich mich mit Boss und Prinzessin gestritten, weshalb es jetzt so ist, wie es ist.

„Kommst du zum Frühstück?“, fragt mich Dümmer.

Boss muss sie geschickt haben, weil er, auch wenn er selbst kaum menschliche Gefühle zeigt, weiss, wie man jemand manipuliert. Ich vermisse die Zwillinge wie alle anderen auch, selbst wenn ich wütend auf sie bin. Ich vermisse mein altes Leben und die Unwissenheit, auch wenn ich das nicht sollte.

Dann werde ich wieder wütend, weil ich mich für meine Gefühle schäme. Ich sollte wütend sein, nicht traurig.

„Bitte“, fleht Dumm.

Ich bin an der Tür, stehe vor ihr, der Türgriff schon in den Händen. Doch selbst wenn ich zum Frühstück gehen wollte, ich bin eingesperrt. Ich werde nicht darum bitten, freigelassen zu werden.

„Nein“, sage ich. Meine Stimme hört sich selbst für mich komisch an, aber es ist schön, wieder einmal mit jemandem zu sprechen, selbst wenn ich nur ein Wort sage.

Die Zwillinge warten noch einen Moment, dann höre ich, wie sie gehen. Wahrscheinlich verstehen sie nicht, was hier vorgeht. Boss hat es ihnen bestimmt nicht erklärt und die anderen dürfen es wahrscheinlich nicht erklären.

Sie wissen nicht über Boss grossartigen Plan Bescheid, und das, obwohl sie schon so lange für ihn arbeiten. Sie wissen nicht, was ihnen entgeht. Sie wissen nicht, in was für eine Gefahr sie sich begeben. Sie sollten wissen, wofür sie arbeiten, sie verdienen es, die Wahrheit zu kennen.

Ich setze mich auf den Boden und lehne mit dem Kopf gegen die Tür.

Ich verhalte mich wie ein kleines Kind, das nicht bekommt, was es will, das weiss ich selbst, aber ich weiss auch nicht, was ich sonst tun soll. Die Anderen verstehen nicht, wie es mir geht. Ich selbst verstehe nicht, was ich eigentlich fühle.

Tränen fliessen langsam meine Wangen hinunter, als ich allein an der Tür sitze und darauf warte, dass ein Wunder passiert, ich bekomme, was ich möchte, und alles wieder so wird, wie es einmal war.

Dann klopft es wieder an der Tür. Nun, da die Zwillinge da waren, könnte es jeder sein. Vielleicht sogar Fahrer, der mir mein Frühstück vor die Tür stellt, dafür kurz die Tür öffnet, wartet, bis ich mir das Essen genommen habe, und dann die Tür schnell wieder verschliesst.

„Ich höre, du sprichst wieder“, kommt es von der anderen Seite. Ich kann das Grinsen auf Prinzessins Gesicht aus seiner Stimme heraushören. „Es ist nicht besonders nett, mich tagelang zu ignorieren und dann mit den Zwillingen zu sprechen. Ich bin schliesslich dein bester Freund.“

Er hat recht, nur haben mich die Zwillinge nicht verraten. Wie in den Tagen zuvor ignoriere ich ihn. Er müsste sich eigentlich gewöhnt sein, ignoriert zu werden, schliesslich arbeitet er für Boss. Doch kann ich fast spüren, wie das Grinsen von Prinzessins Gesicht fällt, auch wenn ich ihn nicht sehe. Als er wieder spricht, hört er sich fast schon traurig an.

„Bossy. Komm schon. Sprich mit mir.“

Ich bin kurz davor, ihm den Wunsch zu erfüllen, weil ich so gerne wieder einmal mit jemandem sprechen würde. Vielleicht kann ich mit Prinzessin Hilfe sogar etwas erreichen, doch noch hindert mich meine Wut und mein Stolz daran, ihn um Hilfe zu bitten.

„Zwing mich nicht, deinen richtigen Namen zu verwenden“, droht mir Prinzessin. Wieder höre ich das Lachen aus seiner Stimme heraus, das aber verklingt, als er weiterspricht. „Unser Plan ist nicht verrückt. Wir können alle reich und mächtig werden. Du wirst auch davon profitieren. Mehr als wenn du nach Hause gehst.“

Kensington ist nicht mehr mein Zuhause. Das ist es schon lange nicht mehr. Prinzessin begreift nicht, um was es wirklich geht.

„Wir brauchen dich. Wirklich. Nur mit dir kommen wir an Kensington heran.“

„Ihr habt mich doch“, sage ich. Auch wenn ich noch immer wütend bin, kann ich nicht mehr still sein. „Reicht es nicht, wenn ich nur eure Geisel bin?“

„Nein“, kommt es von der anderen Seite der Tür.

Prinzessin hört sich komisch an. Vielleicht habe ich ihn doch etwas überrascht, weil ich mit ihm gesprochen habe, obwohl er mit mir sprechen wollte.

„Du musst mit uns arbeiten, das wissen wir alle. Selbst Boss. Dann wird es viel leichter sein. Der Plan, im Moment ist es eigentlich noch mehr eine Idee, ist wirklich nicht verrückt. Glaub mir. Du musst dir auch keine Sorgen um deine Eltern machen. Wir werden nicht in Kensington einmarschieren und alle umbringen. Wir haben andere Pläne.“

Das ist es, was ich will. Ich will diese Pläne und Ideen kennen und mitplanen dürfen.

Leider versteht Prinzessin das nicht. Boss schon, doch er ist nicht hier, um mit mir zu verhandeln. Prinzessin denkt, dass ich mich verkrieche, weil ich wütend bin, weil sie Kensington angreifen wollen. Das ist auch ein Grund, aber nicht der Hauptgrund.

Ich bin nicht wütend, weil sie Kensington angreifen wollen, weil da meine Eltern leben und es einmal meine Heimat war, sondern weil sie sich damit ins Verderben stürzen.

„Komm schon“, sagt Prinzessin. „Wir haben schon so viel zusammen erlebt. Wir haben so viel zusammen erreicht. Du bist mehr als eine Geisel. Warum denkst du, haben wir Piratin deinen richtigen Namen nicht verraten? Wüsste sie, wer du wirklich bist, hätte sie uns wahrscheinlich verraten und dich an deine Eltern zurückgegeben für mehr Geld, als sie jemals mit den Drogen verdienen könnte. Wir wollen dich nicht nur als Geisel haben, nicht einmal Boss. Du musst mit uns arbeiten. Zusammen können wir alles erreichen. Nur zusammen können wir das alle unbeschadet überstehen.“

Ich muss nur lange genug in meinem Zimmer sitzen und schmollen und schon offenbart man mir weitere Geheimnisse. Vielleicht bekomme ich irgendwann doch noch, was ich will, wenn ich nur noch ein bisschen länger schmolle.

Auch wenn Prinzessin wohl nur vom Thema abgeschweift ist, hat er mir so tatsächlich bewiesen, wie wichtig ich wirklich bin und wie wichtig ich noch sein könnte. Ich muss nur die richtigen Forderungen stellen.

„Du kannst nicht zurück zu deinen Eltern gehen“, wiederholt Prinzessin. „Nach allem, was wir erlebt haben, kannst du nicht einfach wieder die Seite wechseln.“

Ich müsste schon noch etwas wütender sein, um zurück nach Kensington zu gehen.

„Ich habe mich für eine Seite entschieden“, sage ich zur Tür. Noch etwas, was Prinzessin nicht versteht. „Hier geht es darum, das zu bekommen, was ich will und was ich verdient habe.“

„Was ist das?“, fragt Prinzessin. „Was möchtest du?“

„Antworten, Einsicht in die Pläne und ich möchte dabei sein, wenn neue Pläne gemacht werden“, sage ich. Es platzt einfach so aus mir heraus. So schwierig war es gar nicht. Eigentlich weiss ich genau, was ich will.

Ich will nicht mein altes Leben in Kensington zurück, auch wenn ich damals viel weniger Sorgen hatte, sondern mein altes Leben hier auf Plots Island zurück, nur mit mehr Antworten und einer wichtigeren Aufgabe im Team.

„Wenn du einfach Schmuck oder Geld verlangen würdest, wäre alles so viel einfacher“, höre ich Prinzessin sagen.

Ich kann es kaum glauben, dass sich ein Grinsen auf mein Gesicht schleicht. Nachdem ich ausgesprochen habe, was ich will, ist die Wut verschwunden.

„Wahrscheinlich kann ich nicht viel tun, aber ich werde es versuchen. Dir zuliebe“, sagt Prinzessin. Ich kann hören, wie er davonläuft. Seine Stimme ist plötzlich weit weg. „Erwarte aber bloss nicht zu viel von Boss.“

3

Stunden sitze ich in meinem Zimmer und warte darauf, dass etwas passiert, nachdem ich zum ersten Mal in Tagen mit Prinzessin gesprochen habe. Leider passiert nichts.

Wieder bin ich wütend, nicht auf Prinzessin, sondern auf mich selbst, weil ich wirklich für einen Moment geglaubt habe, dass Prinzessin tatsächlich etwas bewirken könnte und Boss vielleicht tatsächlich auf meine Forderungen eingeht.

Eine Weile ist das Haus voller Leben, dann wird es still. Ich bin mir sicher, allein zu sein, als plötzlich meine Tür geöffnet wird.

Boss kommt herein. Seine schwarzen Augen kleben sofort an mir. Ihn nach Tagen wiederzusehen, macht mich noch wütender. Ich habe die Messer nicht mehr, die ich nach ihm geworfen habe. Meine eigenen Messer liegen versteckt im Kleiderschrank.

Wir starren uns an. Wie immer. Keiner von uns blinzelt.

Boss schliesst die Tür hinter sich, kommt aber nicht in mein Zimmer herein, sondern bleibt bei der Tür stehen. Ich bleibe am Schreibtisch sitzen und warte darauf, dass er blinzelt oder etwas sagt. Leider ist das nicht seine Art. Boss bleibt still, er starrt mich nur an, als hätte er mich schon Monate nicht mehr gesehen. So, als hätten wir uns nichts zu sagen.

„Kommst du, weil du deine Meinung geändert hast?“, frage ich. „Darf ich jetzt ein richtiges Mitglied des Teams sein, das Antworten bekommt und dabei sein darf, wenn Pläne geschmiedet werden?“

Boss schnaubt, was sich anhört wie ein verächtliches Lachen.

„Nein.“

Seine Antwort überrascht mich nicht, enttäuscht mich aber trotzdem.

„Warum bist du dann hier?“

Ich bekomme keine Antwort. Zumindest nicht sofort.

Ich wüsste nur zu gerne, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht denkt er gerade über meine Frage nach. Vielleicht auch nicht. Doch Boss muss hier sein, weil es ihm etwas bringt. Dieses Gespräch, das man nicht wirklich als Gespräch bezeichnen kann, muss einen Nutzen für ihn haben. Er macht nichts einfach so. Es gibt einen bestimmten Grund, warum er hier ist.

Ich warte weiter auf eine Antwort.

„Das bringt uns alle nicht weiter“, sagt Boss schliesslich.

Er meint wohl, dass ich schmolle wie ein kleines Kind, und er mich behandelt wie eine Geisel nach allem, was wir zusammen durchgemacht und erreicht haben. Vielleicht meint er aber auch das Gespräch, schliesslich ist er nicht sonderlich gut darin, ein solches zu führen.

Ich nicke.

„Wenn ich nicht mitarbeiten darf, könnt ihr mich schon morgen gegen Kensington eintauschen. Dort war ich auch nie mehr als eine Gefangene.“

Gefangen in einem Leben, das mir nie wirklich gefallen hat. An einen Mann versprochen, in dessen Palast ich den Rest meines Lebens hätte verbringen müssen.

„Du weisst, dass du keine Geisel sein musst. Du darfst mit uns arbeiten.“

„Du meinst für uns. Für dich“, werfe ich Boss vor. „Ein kleiner Arbeiter, der keine Fragen stellt, weil er sowieso keine Antworten bekommt, sein Leben aber immer wieder aufs Spiel setzt.“ Ich werfe meinen Schmuck nach Boss. „Ich will keine Diamanten mehr, sondern Antworten und dabei sein, wenn Pläne gemacht werden. Ist das zu viel verlangt? Wir… Du könntest noch viel mächtiger werden, wenn du dich mit der richtigen Person verbündest, wenn du endlich einsehen würdest, dass ich mehr sein kann als eine Geisel und ich auch mehr sein will, wenn ich bekomme, was ich möchte.“

Ich finde, ich habe es ziemlich deutlich gemacht, was ich will. Eigentlich ist es sogar ziemlich einfach, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Auch wenn ich es anfangs für verrückt gehalten habe, ist mir klar geworden, dass wir zusammen viel erreichen können. Wenn Boss nur die richtige Entscheidung treffen würde, könnten wir sogar Kensington angreifen, nicht mit ihnen in den Krieg ziehen, aber angreifen, sie austricksen und vielleicht sogar gewinnen.

Nur lebt Boss in seiner eigenen Welt. Sein wahres Selbst versteckt er hinter einer fast undurchdringlichen Wand. Manchmal scheint er zu vergessen, dass wir anderen auch denken und Forderungen stellen können und dass wir ihm tatsächlich helfen können.

„Dir sollten die Freiheiten reichen, die wir dir gegeben haben“, sagt Boss ernst.

„Tun sie aber nicht“, sage ich. „Nicht, wenn ich weiss, dass ich eine grosse Hilfe sein könnte, sie aber nicht sein darf.“

„Du darfst eine Hilfe sein, nur eben so, wie du es bis jetzt warst“, sagt Boss. Aus seiner Stimme ist herauszuhören, dass er mittlerweile auch ziemlich wütend ist. Gut. So macht Streiten erst richtig Spass.

„Das reicht aber nicht“, sage ich. „Habe ich nicht bewiesen, dass du mir vertrauen kannst und ich zu gebrauchen bin?“

„Du kommst aus Kensington“, sagt Boss.

Mittlerweile kann er mich damit nicht mehr so treffen wie früher. Dass ich aus Kensington komme und mich für dieses Leben entschieden habe, beweist, dass er mir vertrauen kann. Er hat gesehen, wie ich arbeite. Ich habe für ihn gemordet. Es gibt keinen Grund, weshalb ich nicht wenigstens auf der Stufe von Prinzessin stehen sollte.

„Du weisst, umso weniger Leute über unsere Ideen und Pläne Bescheid wissen, umso besser.“

„Vier sind nicht viele“, sage ich. „Sechs auch nicht. Jeder der so eng mit dir zusammenarbeitet, für dich arbeitet, wie die Zwillinge und ich es tun, denen du vertrauen kannst, und die tun, was du von ihnen verlangst, sollten wissen, wofür sie arbeiten, was das eigentliche Ziel ist.“

„Noch vor ein paar Tagen hast du davon gesprochen, zurück nach Kensington zu gehen und deinen Eltern alles zu erzählen.“

Das war ein Fehler. Damit habe ich mir selbst ein Bein gestellt.

„Das habe ich nur gesagt, weil ich wütend war“, gebe ich ehrlich zu. Ich muss das aus der Welt schaffen, wenn ich bekommen will, was ich fordere. „Als ob ich zurück zu meinen Eltern rennen würde, um ihnen zu erzählen, was geschehen ist und was du vorhast. Dass ich mit euch gearbeitet habe, würde irgendwann ans Licht kommen. Früher oder später würde ich hängen.“

Ich weiss nicht, ob Boss mir glaubt. Wie immer ist sein Gesicht unleserlich. Doch ich habe die Wahrheit gesagt. Das weiss er.

Weil ich noch immer wütend bin, sage ich mehr, als ich eigentlich sagen möchte.

„Ich habe nur zwei Möglichkeiten. Ich kann hier bleiben und mit euch arbeiten oder hier eingesperrt bleiben und eure Geisel und dann das Opfer spielen. Meine Eltern werden nie hinterfragen, was mit mir geschehen ist, wenn ich als Opfer nach Kensington zurückkehre.“

„Du kannst nach Kensington zurückkehren und die entlaufene Geisel spielen und uns verraten“, sagt Boss.

Er weiss offenbar, dass ich schon darüber nachgedacht habe, durchs Fenster zu fliehen, wenn ich auch nicht nach Kensington wollte, sondern in eine fremde Stadt.

„Ich soll die entlaufene Geisel spielen, die zufällig über alle Pläne ihrer Entführer Bescheid weiss?“

Boss nickt.

Ich bin ein Risiko. Das weiss ich. Doch mittlerweile sollte mich Boss so gut kennen, dass er weiss, dass ich ihn nicht verraten werde. Zuvor habe ich ihm die Wahrheit gesagt. Wenn ich nach Kensington zurückkehre, kann ich meinen Eltern nicht erzählen, was meine Entführer vorhaben. Ich kann die Geisel spielen, nur darf ich dann nichts oder zumindest nicht viel wissen.

„Du weisst, dass ich das nicht tun werde.“

„Auf Plots Island kann man niemandem vertrauen“, ist alles, was Boss dazu sagt. Leider hat er damit nicht Unrecht.

„Nur komme ich aus Kensington“, sage ich, und dieses Mal nutze ich meine Herkunft zu meinem Vorteil. „Mir kannst du vertrauen.“ Ich starre Boss in seine schwarzen Augen. „Ich habe dir das Leben gerettet. Ich bin selbst fast für diese ganze Sache gestorben. Ich habe es verdient, ein richtiger Teil dieser Gruppe zu sein.“

Das, was auf dem Schiff passiert ist, verfolgt mich noch oft in meinen Träume. Es ist nicht so schlimm wie nach meinem ersten Mord, aber ich träume oft davon, noch immer auf dem Schiff gefangen zu sein und dieses Mal nicht entkommen zu können.

Ein besseres Argument habe ich nicht. Wenn das Boss nicht reicht, wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als weiter die Geisel zu spielen, bis ich gegen Kensington eingetauscht werde.

Boss sieht mich noch immer an. Ich kann sein Gesicht nicht lesen, bin mir aber ziemlich sicher, dass auch er sich gerade an die Sache mit dem Schiff erinnert.

Dann dreht er sich einfach um und geht. Das überrascht mich nicht.

Das Gespräch hatte weder für Boss noch für mich einen Nutzen. Prinzessin um Hilfe zu bieten, hat mich nicht weitergebracht, auch wenn ich mir mittlerweile sicher bin, dass er es geschafft hat, Boss davon zu überzeugen, mit mir zu sprechen. Doch auch er kann Boss nicht zwingen, meine Forderungen zu erfüllen. Auch er kann Boss nicht zwingen, mir zu vertrauen.

Ich bin wieder gleich weit wie noch vor ein paar Minuten. Boss schliesst die Tür und ich bin wieder allein.

4

Die Wut verfliegt, auch wenn ich keinen Schritt weitergekommen bin. Nun bin ich einfach nur noch traurig und sehr einsam.

Der Tag vergeht nicht und schlafen kann ich auch nicht. Irgendwann höre ich laute Stimmen. Wie immer kann ich nicht verstehen, was gesagt wird, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Prinzessin und die Zwillinge nach Hause gekommen sind.

Die Stimmen werden lauter und dann ist plötzlich ein Poltern auf der Treppe zu hören. Normalerweise ist es bloss laut, bis Prinzessin in seinem Zimmer ist, aber heute wird das Poltern immer lauter. Nicht nur eine Person kommt zu mir nach oben.

Dann fliegt auch schon die Tür auf. Prinzessin steht eine Sekunde später mit einem breiten Grinsen in meinem Zimmer. Die Zwillinge drängeln sich an ihm vorbei, umarmen mich kurz und laufen dann davon.

„Sie dürfen eigentlich nicht hier sein, sie sollten im Wohnzimmer sitzenbleiben und warten“, erklärt mir Prinzessin, was keine meiner vielen Fragen beantwortet.

Ich weiss nicht, ob ich wieder wütend sein oder mich freuen soll, weil ich nicht mehr allein bin. Das Grinsen in Prinzessins Gesicht ist so ansteckend, doch ich bringe es nicht über mich, es zu erwidern.

„Du hast es geschafft“, sagt Prinzessin dann etwas leiser, auch wenn ich mir sicher bin, dass niemand uns hören kann, weil die Zwillinge einen solchen Lärm auf der Treppe machen. Prinzessin kommt auf mich zu und zieht auch mich in eine lange Umarmung. „Wie und was auch immer du getan hast, du hast es geschafft.“

„Was habe ich geschafft?“, frage ich, gefangen in Prinzessins Armen.

Er lässt mich los und grinst auf mich herab.

„Boss ist bereit, mit dir zu verhandeln. Er hat mich geschickt, um dich zu holen.“

„Er ist bereit, mit mir zu verhandeln?“, wiederhole ich. „Darüber, ob ich mehr Informationen bekomme, wenn ich weiter für ihn arbeite und ich dabei sein kann, wenn Pläne geschmiedet werden?“

Prinzessin nickt eifrig.

„Was hast du getan?“

Ich weiss es ehrlich nicht.

„Wir haben geredet, aber das Gespräch hat zu nichts geführt.“

Zumindest dachte ich das.

„Boss hat also doch auf mich gehört. Ich dachte, mein Flehen und Bitten hat nichts gebracht. Ich dachte, ich habe mich bloss lächerlich gemacht.“

Also hat Prinzessin doch eine sehr wichtige Rolle in der ganzen Sache gespielt. Nur wegen ihm habe ich ein Gespräch mit Boss bekommen, das jedoch zu nichts geführt hat. Zumindest dachte ich das bis vor wenigen Sekunden.

„Was hast du gesagt?“, fragt Prinzessin aufgeregt. „Was hat er gesagt?“

Ich weiss, dass wir Boss nicht warten lassen sollten, vor allem, wenn er bereit ist, mit mir zu verhandeln, aber ich muss Prinzessin einfach schnell alles erzählen. Vielleicht findet er heraus, was der ausschlaggebende Punkt war, der zum bevorstehenden Gespräch mit Boss geführt hat.

Kaum habe ich zu Ende erzählt, breitet sich ein breites Grinsen auf Prinzessins Gesicht aus.

„Du weisst einfach, wie du bekommst, was du willst.“

„Weiss ich das?“, frage ich

Prinzessin nickt.

„Was habe ich getan?“, frage ich, weil er noch nicht begriffen hat, dass ich keine Ahnung habe.

„Ich glaube, du hast das Richtige gesagt, als du ihn daran erinnert hast, dass du fast gestorben wärst“, sagt Prinzessin mit einem verschwörerischen Grinsen. „Du hast ihn daran erinnert, dass er ohne dich nicht leben kann.“

Ich lache, bis ich begreife, dass Prinzessin keinen Witz macht, auch wenn er grinst.

„Er kann ganz gut ohne mich leben. Er wollte mich gegen Kensington eintauschen. Vielleicht will er das noch immer.“

„Das kann er nicht mehr“, sagt Prinzessin, als wüsste er etwas, was ich nicht weiss. „Boss weiss so gut wie ich, dass wir bessere Chancen haben, wenn du mit uns arbeitest.“

Damit hat Prinzessin Recht. Das habe ich Boss auch versucht klarzumachen, doch vor ein paar Stunden bin ich damit nicht weitergekommen. Es muss tatsächlich noch einen anderen Grund geben, warum er seine Meinung plötzlich geändert hat. Einen anderen Grund, den ich vielleicht nie erfahren werde.

Doch ich versuche, das von mir wegzuschieben und mich darauf zu konzentrieren, dass ich vielleicht doch noch bekommen könnte, was ich möchte. Dafür muss ich jetzt jedoch zu Boss.

Ich laufe die Treppe hinunter. Prinzessin, noch immer grinsend, folgt mir.

Das Haus hat sich in den wenigen Tagen nicht verändert. Es ist alles beim Alten, auch wenn es sich anfühlt, als wäre ich schon eine Ewigkeit nicht mehr durchs Haus gelaufen.

Meine Freunde sitzen am Tisch im Wohnzimmer. Die Zwillinge grinsen mich an. Fahrer starrt auf den Boden. Boss schwarze Augen liegen wie immer auf mir.

Prinzessin läuft an mir vorbei und setzt sich auf seinen Platz. Er hat noch immer ein breites Grinsen im Gesicht. Kurz sieht er Dümmer an, der dieses Grinsen erwidert. Wie hat uns nie auffallen können, wie gut die beiden zusammenpassen?

Mit ernstem Gesicht, auch wenn ich mich lieber darüber freuen würde, dass ich tatsächlich bei Boss etwas erreicht habe, setze ich mich an meinen Platz Boss gegenüber. Ich muss jetzt hart bleiben, damit ich auch wirklich bekomme, was mir zusteht.

Wir warten beide darauf, dass der andere etwas sagt.

Eigentlich bin ich kein ungeduldiger Mensch, doch heute kann ich nicht ewig warten. Wir sollten das alles hinter uns bringen, dann können wir uns endlich um wichtigere Dinge kümmern. Mit Kensington Krieg zu führen, halte ich immer noch für viel zu gefährlich, doch zusammen, können wir Kensington vielleicht austricksen.

„Ich möchte über die zukünftigen Pläne informiert werden, dabei sein, wenn die Pläne gemacht werden, und die Zwillinge müssen erfahren, wofür wir arbeiten“, fordere ich. Eigentlich will ich noch mehr, aber hiermit werde ich mich zufrieden geben. Mir ist klar, dass ich mehr verlangen könnte und sollte, aber Boss wird auch so schon hart zu knacken sein.

„Die Pläne für Rodey Park sind schon gemacht. Ihr werdet in ein paar Tagen mehr erfahren“, sagt Boss. „Die Zwillinge werden erfahren, um was es eigentlich geht, nur nicht mehr heute.“ Dumm und Dümmer sehen ihn gespannt an. „Die Pläne für Kensington sind noch nicht komplett. Du kannst dabei sein, wenn wir die machen. Du kannst uns helfen.“

So einfach kann es sein. Mehr wollte ich gar nicht. Eigentlich schon, aber das ist wohl alles, was ich bekommen kann.

Eigentlich möchte ich mit Prinzessin strahlen und mich mit den Zwillingen freuen, die noch gar nicht wissen, was auf sie zukommt, aber ich bleibe ernst und sehe Boss weiter an. Wenn ich lange genug nichts sage, bekomme ich vielleicht noch mehr.

„Egal was für eine Rolle wir dir für Kensington zuteilen, du wirst sie perfekt spielen“, sagt Boss. „Deine Eltern werden nie erfahren, was du getan hast, mit wem du gearbeitet hast und was wir für einen Plan haben, egal was passiert.“

Damit kann ich leben. Ich wollte ihnen sowieso nichts von dem hier erzählen, egal was passiert ist und noch passieren wird. Selbst wenn ich zurück nach Kensington gegangen wäre, nach dem Raub des Blutdiamanten aber auch später, ich hätte meinen Eltern nie erzählt, bei wem ich war und was ich getan habe.

Ich sehe Boss weiter an. Er lässt mich nicht aus den Augen.

Sein Gesicht ist regungslos und ernst. Noch immer weiss ich nicht, warum er sich plötzlich umentschieden hat. Vielleicht hat er tatsächlich eingesehen, dass er mich wirklich braucht, dass ich meine Drohung wahr machen werde und dass ich nur weiter mit ihm arbeite, wenn er mir im Gegensatz etwas bietet.

Eigentlich ist es mir aber egal, warum er mir einen Vertrauensvorschuss gibt und mir zumindest einen Teil von dem gibt, was ich verlange. Hauptsache ich bekomme, was ich will, und muss im Gegenzug nur das tun, was ich sowieso getan hätte.

Langsam strecke ich meine Hand über den Tisch. Dann aber ziehe ich sie nochmals zurück.

„Die Zwillinge erfahren noch heute Abend, was du wirklich vorhast. Ich darf ab sofort mitplanen. Es gibt kein früher oder später mehr.“

Boss nickt.

„Für Rodey Park ist alles schon vorbereitet. Wir müssen nur noch mit der Arbeit anfangen. Um die Pläne für Kensington kümmern wir uns in ein paar Tagen.“

Ich nicke.

Wieder reiche ich Boss meine Hand. Dieses Mal ziehe ich sie nicht zurück. Ich warte darauf, dass er sie schüttelt, dass wir einen Deal haben. Boss lässt mich noch einen Moment zittern, auch wenn ich weiss, dass er einschlagen muss, wenn er weiter mit mir arbeiten will. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, auch wenn er das bestimmt nicht zugeben wird.

Als ich seine Hand schüttle, spüre ich dieses Feuer wieder. Es ist wie damals mit der Pistole auf dem Dach. Kaum habe ich seine Hand losgelassen, ist es vorbei. Doch etwas hat sich verändert. Wir haben endlich dieses grosse Geheimnis, das immer zwischen Boss und mir und zwischen Prinzessin und mir gestanden hat, aus der Welt geräumt. Erst jetzt können wir richtige Freunde werden, die einander vertrauen.

Wir waren schon zuvor eine Familie. Doch jetzt sind wir mehr.

Jetzt sind wir unschlagbar.

5

„Die Reichen und Mächtigen Kensingtons herrschen schon viel zu lange über die Stadt. Es ist an der Zeit, dass jemand anderes an die Macht kommt. Wir wollen auf dem Thron sitzen, wir wollen die Königskrone“, beginnt Prinzessin, mit einem Grinsen im Gesicht, zu erklären.

„Wir leben nicht in einem Königreich aus einer alten Geschichte“, erinnere ich ihn.

Wenn er Boss schon die Arbeit abnimmt und den Zwillingen erklärt, was wir vorhaben, soll er das auch so tun, dass sie den Plan verstehen und nachher nicht noch verwirrter sind. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht so wie ich reagieren werden, wenn sie den eigentlichen Plan erfahren. Nicht, dass wir noch ein paar Tage verschwenden.

„Na gut, dann eben weniger erzählerisch“, sagt Prinzessin, der das Wort wohl gerade erfunden hat. „Falls es euch wie Schlaumeier da drüben noch nicht aufgefallen ist, arbeiten wir daran, langsam die Kontrolle über die einzelnen Stadtviertel zu übernehmen. Irgendwann wollen wir auch Kensington in den Händen halten, nur wissen wir noch nicht genau, wie wir das anstellen wollen.“

Ich sehe Boss an, der Prinzessin alles erklären lässt, der die Erklärung jedoch wie eine verrückte Geschichte klingen lässt. In Momenten wie diesen wundere ich mich wirklich, dass Boss Prinzessin zu so etwas wie seiner rechten Hand gemacht hat.

„Was kann er eigentlich?“, frage ich Boss.

Der gibt mir keine Antwort, was ich erwartet habe.

„Ich kann ziemlich viel“, verteidigt sich Prinzessin. „Zum Beispiel Konflikte lösen“, sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Oder etwa nicht?“

Das kann ich leider nicht bestreiten.

Es ist schön, dass alles wieder normal ist. Wir hätten schon vor Tagen so zusammensitzen können, wenn Boss und ich nicht so stur wären. Es ist fast wieder wie früher, nur weiss ich jetzt, was wir vorhaben, und die Zwillinge erfahren es gerade.

„Wir wollen also über die Stadt herrschen?“, fragt Dümmer.

„Nachdem wir alle Stadtviertel eingenommen haben?“, frag Dumm im selben Moment.

Prinzessin und Boss nicken gleichzeitig.

Wie lange das Boss wohl schon plant? Wie lange Prinzessin wohl schon vom Plan weiss?

Zwei der vielen Fragen, auf die ich in Zukunft hoffentlich eine Antwort bekomme. Antworten waren nicht Teil des Deals, aber ich hoffe trotzdem, dass mir früher oder später all meine Fragen beantwortet werden.

„Okay“, sagt Dümmer.

„Von mir aus“, sagt sein Bruder fast gleichzeitig.

Damit ist das Thema gegessen. Ich weiss nicht, wie sie das so ruhig hinnehmen können, schliesslich ist es ein verrückter Plan, aber vor allem etwas, was ihnen bestimmt schon Monate, wahrscheinlich Jahre, vorenthalten wurde. Sie sehen glücklich aus, informiert worden zu sein, gleichzeitig aber auch so, als könnte es ihnen nicht egaler sein. Sie sind glücklich, solange sie mit ihrer Familie zusammenarbeiten dürfen.

„Wann können wir die nächste Bombe in die Luft fliegen lassen?“, fragt Dumm dann.

„Bald“, antwortet Boss wage. Wahrscheinlich denkt er an Rodey Park, das Stadtviertel neben Kensington, das uns noch fehlt.

„Wir sollten dringend darüber sprechen, was wir mit den Kensingtons Bewohnern machen, wenn wir es unter Kontrolle haben“, mischt sich Fahrer in das Gespräch ein. Er denkt weit voraus, das weiss ich, obwohl ich den ganzen Plan noch nicht kenne.

Zuerst müssen wir über Rodey Park herrschen, was mir unmöglich erscheint, doch dasselbe hätte ich vor ein paar Wochen auch über Mayfair und davor über No Mans Land und Plots Island gesagt und doch hat Boss, haben wir nun die Kontrolle über die drei Stadtviertel.

„Darüber sprechen wir ein anderes Mal“, sagt Boss. Er nickt Fahrer zu, dann sieht er mich wieder an. „Wir planen die Sache mit Kensington wie alles andere, wenn es uns gerade passt. Wenn du ein paar Ideen hast, kannst du sie einfach in den Raum werfen, anstatt aufzuzählen, was wir alles noch nicht haben.“

Die Zwillinge haben nicht gespürt, dass Boss Fahrer mit nur ein paar Worten eine verpasst hat, aber Prinzessin und ich haben es bemerkt. Was wir mit den Bewohnern Kensingtons tun, können wir entscheiden, wenn es so weit ist. Zuerst müssen wir einen Plan machen, wie wir Kensington erobern wollen. Für mich steht fest, dass wir es nicht erobern können, weil wir keine Chance gegen Kensingtons Armee haben. Uns muss etwas Besseres einfallen.

Ich werde dabei eine grosse Rolle spielen. Vielleicht werde ich trotz allem als Geisel nach Kensington zurückgehen, vielleicht werde ich gegen Kensington eingetauscht werden oder wir finden eine andere, bessere Lösung. Jetzt, da ich mich entschlossen habe, weiter mit Boss und unseren Freunden zu arbeiten, haben wir einige Optionen. Doch das ist nicht das Problem von heute.

„Sonst noch Fragen zur Eroberung der Stadt?“, fragt Prinzessin die Zwillinge.

Die tun zumindest so, als würden sie überlegen. Dann schüttelt sie den Kopf.

Ich habe eine Frage. Eigentlich mehrere, aber ich fange mit der dringendsten Frage an.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum.“

Ich verstehe, dass sich meine Freunde an Kensington rächen wollen, weil sie als Bewohner von Plots Island nicht mehr sind als Abschaum. Ich verstehe, dass sie sich dafür rächen wollen, wie Kensington die anderen Stadtviertel behandelt. Doch meine Freunde sind nicht bekannt dafür, dass sie etwas für die Allgemeinheit tun. Ich bin mir sicher, dass hinter der ganzen Sache noch mehr steckt.

„Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Kontrolle über die anderen Stadtviertel zu übernehmen und dann Kensington anzugreifen?“

„Wir wollen Kensington bestrafen und dafür brauchen wir die anderen Stadtviertel“, antwortet Boss.

Prinzessin nickt.

„Sie müssen auf unserer Seite sein.“

Ich bin mir sicher, dass noch mehr hinter der ganzen Sache steckt. Hier auf Plots Island habe ich vieles gelernt. Unter anderem, dass vor allem Boss etwas aus vielen Gründen tut. Nicht nur fürs Geld.

„Könnten wir Kensington nicht anders bestrafen?“, frage ich.

„Könnten wir“, antwortet Boss. „Doch am einfachsten und effektivsten ist es, Kensington alles wegzunehmen, was seine Bewohner für selbstverständlich halten. Dann werden sie merken, was sie den anderen Stadtvierteln angetan haben und noch immer antun. Wenn sie ein wenig gelitten haben, schlagen wir zu.“

Ich glaube, dass mir Boss die Wahrheit sagt, dass er mir sein Motiv erläutert, doch habe ich das Gefühl, dass noch mehr hinter der ganzen Sache steckt. Wenn ich Boss ansehe, bin ich mir sogar ganz sicher. Etwas verschweigt er mir, vielleicht sogar uns allen.

„Warum wollt gerade ihr über die Stadt herrschen?“

„Weil wir es können“, antwortet Boss.

„Es gibt keinen anderen Grund?“, frage ich. Es muss noch einen Grund geben und ich bin kurz davor, auf den Grund zu stossen. „Es gibt immer noch einen anderen Grund.“

„Noch mehr Geld. Die Unterdrücker werden zu den Unterdrückten. Reicht das nicht?“, fragt Boss.

„Mehr Macht“, fügt Prinzessin hinzu.

„Wir können bestimmen, was in der Stadt passiert“, sagt Fahrer.

„Wir können die Stadt vereinen, womit wir uralte Probleme lösen“, sagt Prinzessin.

Mir wurden viele Gründe genannt, warum wir tun, was wir tun, aber ich bin mir sicher, dass ich etwas übersehen habe. Etwas verschweigt mir Boss, vielleicht sogar uns allen. Nur scheinen das die anderen nicht zu merken.

„Mehr Explosionen“, sagt Dümmer.

„Nein“, sagt Prinzessin lachend und schüttelt den Kopf.

„Wir tun das alles aus Gier? Für Macht und Geld und weil wir die Unterdrücker unterdrücken wollen?“

„Hast du schon einmal etwas aus einem anderen Grund getan?“, fragt mich Boss.

Er bestimmt nicht, aber ich schon. Doch ich antworte darauf nicht.

„Ist das nicht Grund genug?“, fragt Boss, der offenbar merkt, dass ich noch zweifle.

„Du kennst uns. Du weisst, wer wir sind und was wir tun. Jetzt bist du ein Teil davon“, ergänzt Prinzessin grinsend.

Ich bin nun tatsächlich ein echter Teil dieser Familie, was mich wirklich sehr freut, nur habe ich immer noch das Gefühl, dass hinter der ganzen Sache mehr steckt. Nicht viel mehr, nur ein weiterer Grund, warum wir Kensington stürzen wollen.

„Ich dachte nur, dass da noch mehr ist.“

„Warum sollte noch mehr dahinterstecken?“, fragt mich Boss, was meinen Verdacht bestätigt. Entweder es steckt tatsächlich noch mehr hinter dem grossen Plan, zumindest für Boss, etwas, worüber nicht einmal Prinzessin und Fahrer Bescheid wissen, oder ich bin einfach paranoid und Boss nutzt das aus, um mich ein wenig zu quälen.

„Weil ihr ihr seid. Weil du du bist“, antworte ich.

„Ich bin ich“, sagt Boss. „Alles, was ich, was wir brauchen, ist Geld und Macht. Mehr Macht bringt uns mehr Geld. Wir können Kensington zeigen, dass es uns gibt und wir sogar noch ein wenig reicher sein können als sie. Ein wenig mächtiger. Sie werden erkennen, dass sie allein nicht über eine ganze Stadt herrschen können, nicht wenn wir die Stadt schon lange beherrschen.“

Den Bewohnern Kensingtons sollte wirklich eine Lektion erteilt werden. Sie haben verdient, was auf sie zukommt. Selbst meine Eltern.

Wir können nur hoffen, dass wir tatsächlich so weit kommen und es nicht zu einem Krieg kommt, den wir nicht gewinnen können. Ich würde die Bewohner Kensingtons gerne für das bestrafen, was sie den anderen Stadtvierteln antun, indem wir ihnen so etwas Ähnliches antun. Doch ich möchte nicht plötzlich einen Krieg führen, den wir nicht gewinnen können.

„Kensington unter Kontrolle zu haben, wird uns unfassbar reich machen“, schwärmt Prinzessin. Er ist manchmal fast so schlimm wie Boss. „Selbst wenn wir das Geld und die Schätze teilen, werden wir noch reicher sein als jemals zuvor.“

Boss nickt, dann steht er auf. Die Fragerunde ist offenbar zu Ende. Nun geht es zurück an die Arbeit.

„Ihr bleibt hier. Morgen haben wir viel zu tun“, sagt Boss. „Fahrer, wir müssen nach Mayfair. Die Crew des dritten Schiffes überprüfen.“

Natürlich darf ich jetzt, da ich bekommen habe, was ich will, und ich mich endlich wieder nützlich machen könnte, nichts tun. Immerhin sagt uns Boss, was er tun wird. Das ist zumindest ein kleiner Fortschritt.

6

Am nächsten Morgen darf ich endlich wieder das Haus verlassen.

Zusammen mit Prinzessin darf ich zu all den Orten reisen, wo für uns gearbeitet wird, was ich schon öfter vor dem grossen Streit gemacht habe, weshalb ich die Routine kenne. Wir müssen überprüfen, dass alles so läuft, wie es laufen soll. Wenn nicht, müssen wir unsere Arbeiter bestrafen. Laut Boss mit Gewalt, aber meistens reicht es, zumindest ausserhalb von Plots Island, wenn wir damit bloss drohen, weil sowieso jeder weiss, wer wir sind und zu was wir fähig sind.

Die Menschen auf Plots Island schenken uns noch immer viel Respekt. Schliesslich wissen sie am besten, was wir tun, und wer ihnen die vielen neuen Arbeitsplätze beschafft hat. Viele Bewohner Plots Island arbeiten jetzt für uns. Die, die es nicht tun, geben uns einen Teil ihres Einkommens ab. Nur fordern wir das Geld nun nicht mehr selbst ein, sondern lassen es Andere erledigen. Wir überwachen es nur noch.

Wir besuchen unsere Lagerhäuser, in denen die Schätze, die aus No Mans Land zu uns gebracht werden, gelagert werden, bevor sie verkauft oder an einen anderen, sichereren Lagerort gebracht werden. Wir sehen uns die neuen Funde an. Dann müssen wir die bestrafen, die sich etwas nehmen wollten.

Das ist eines der Probleme, wenn man auf Plots Island arbeitet. Man hat genug Arbeiter, aber die Hälfte wird versuchen, etwas zu stehlen, oder sie wollen uns hintergehen. Wir müssen diese Leute bestrafen, um die anderen Arbeiter abzuschrecken. Trotzdem kommt es wieder und wieder vor. Die Hälfte wird rückfällig. Wir müssen also weiter jeden bestrafen, der versucht, uns etwas zu nehmen, bis keiner mehr da ist, der es wagt, uns zu bestehlen oder zu hintergehen.

Boss hat es geschafft, die Menschen zu überlisten und die Menschen zu Arbeitern zu machen, die sonst nirgendwo arbeiten können. Menschen, die wegen Straftaten aus anderen Stadtvierteln hierher verbannt worden sind und die eigentlich nie wieder arbeiten sollten. Wenn ich das sehe, kann ich fast daran glauben, dass wir irgendwann auch Kensington unter Kontrolle haben werden, schliesslich hat Boss schon etwas Unmögliches vollbracht.

Nachdem wir unsere Arbeiter in Plots Island besucht haben, fahren wir nach Mayfair, wo Boss und Fahrer die dritte Crew überprüfen, die sich bald Piratin und Olga anschliessen soll, um die noch immer anhaltende Nachfrage nach den Drogen zu bewältigen. Wir müssen einem Grossteil der Crew vertrauen können, zwei Drittel der Crew muss deshalb aus Mayfair kommen, denn Bewohnern Mayfairs kann man eher vertrauen als Bewohnern Plot Islands. Wenn wir ein Schiff voller Bewohner Plots Island wegschicken würden, würden es wahrscheinlich nie wieder zurückkommen.

Prinzessin und ich müssen überprüfen, wie viel Drogen wir über Nacht verkauft haben, und die Information an einen Boten weiterleiten, der zu Boss eilt. Dann müssen wir das Geld zählen, das wir in den letzten vierundzwanzig Stunden eingenommen haben, und es mit nach Plots Island nehmen, wo wir es auf illegale Banken, aber auch eigene Tresore aufteilen.

Reich und mächtig sind wir schon. Doch wir wollen noch mehr.

Rodey Park ist der nächste Schritt. Danach kommt Kensington. Noch weiss ich nicht, was wir mit Rodey Park anstellen werden, und ich bringe es auch nicht aus Prinzessin heraus, als wir durch Mayfair laufen, was für mich jetzt selbst Blond kein Problem mehr ist.

Die Menschen hier sehen in mir nur noch eine von Boss Leuten, jemand, der sie mit Drogen versorgt. Sie sehen in mir nicht mehr das Mädchen aus Kensington. Selbst die, die mich erkennen, werden nicht nach Kensington zu meinen Eltern rennen, schliesslich sind Kensingtons Bewohner nun nur noch die verachteten Nachbarn, mit denen man nichts mehr zu tun haben will.

Vieles hat sich in Mayfair nicht verändert, obwohl die enge Verbindung zu Kensington nicht mehr besteht und viele Leute hier von Drogen abhängig sind. Es ist noch immer sauber, vor allem in der Strasse mit den vielen Geschäften. Die Menschen sind noch immer freundlich, mittlerweile sogar zu den Leuten aus Plots Island.

Über die neue Brücke laufen wir zurück nach Hause. Es ist seltsam, nicht mehr mit dem Boot den eigentlich gesperrten Teil des Flusses zu überqueren, aber ich beschwere mich nicht, denn es geht viel schneller und ist auch viel bequemer.

Dann sind wir wieder in Plots Island, das sich, auch wenn ich es selbst zuerst gar nicht bemerkt habe, doch ein wenig verändert hat. Es sind jetzt mehr Menschen auf den Strassen, egal zu welcher Tageszeit, und das nicht, um zu rauben oder zu morden, sondern um zu arbeiten.

Für Boss.

Für uns.

Plots Island haben wir mit Boss Plan am meisten beeinflusst. Auch wenn die Geschäfte, denen die Bewohner der Insel nachgehen, nicht wirklich legal sind, haben die Bewohner der Insel doch eine Beschäftigung und eine Aufgabe. Plots Island ist nicht mehr nur eine Insel voller Personen, die nicht wissen, was mit ihrem Leben anfangen sollen, sondern eine Insel voller Leute mit geregelten Arbeitszeiten und einem geregelten Alltag.

Zuhause treffen wir auf die Zwillinge und Boss, der mit den beiden im Wohnzimmer sitzt. Offenbar hatten sie doch noch ein paar Fragen zur Eroberung von Kensington, die er ihnen beantworten musste. Boss sieht nicht sonderlich glücklich aus, aber das tut er nie. Ich grinse ihn an, um ihn noch ein bisschen mehr zu provozieren, und weil ich so froh bin, dass er sich an seinen Teil der Abmachung hält.

Es duftet bereits nach Essen. Fahrer muss auch schon hier sein.

„Habt ihr eine dritte Crew zusammengestellt?“, frage ich, nachdem ich mich an den Tisch gesetzt habe.

„Ja“, antwortet Boss knapp. Er lässt mich jedoch nicht aus den Augen.

Prinzessin macht es sich neben ihm bequem.

„Job für heute erledigt Boss.“

Boss nickt, dann streckt er die Hand aus.

„Was?“, fragt Prinzessin.

Boss gibt ihm keine Antwort, zieht seine Hand aber auch nicht zurück. Prinzessin flucht leise, dann zieht er zwei Goldringe, die mit Rubinen besetzt sind, aus der Tasche. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er sie sich genommen hat. Er legt sie widerwillig in Boss Hände. Doch der gibt noch nicht nach. Er hält Prinzessin noch immer seine Hand unter die Nase, bis er auch noch ein Goldkettchen aus der Tasche zieht.

„Du weisst, dass du dich selbst bestiehlst?“, fragt Boss.

Prinzessin murmelt ein paar Worte, die selbst an diesem Ort nicht angemessen sind.

„Uns wird jeden Tag so viel Schmuck geliefert. Warum können wir nicht mehr bekommen?“

„Du hast genug Schmuck“, sagt Boss und steckt sich den Schmuck, den er bestimmt nie tragen wird, in die Hosentasche. „Ihr bekommt Schmuck, wenn ihr ihn verdient habt.“

„Du also nie“, sage ich zu Prinzessin und lache.

Er sieht mich empört an. Boss nickt, was uns beide überrascht und mich nur noch mehr zum Lachen bringt.

„Wie könnt ihr zwei euch nur gegen mich verbünden? Fängt es so an?“

„Fängt was so an?“, frage ich, aber da kommt Fahrer mit dem Essen, die Treppe hinunter. Einen grossen Topf Spagetti stellt er in unsere Mitte und verteilt dann die Teller und das Besteck, das die Zwillinge eigentlich nicht brauchen.

Während wir essen, fragt uns Boss über unseren Tag aus. Dann bringt Fahrer den Topf nach oben, kommt aber mit neuen Tellern und zwei Taschen wieder herunter. So etwas wie Nachtisch gibt es hier nicht. Zumindest nicht so wie in Kensington. Manchmal gibt es einen Bonbon oder wir teilen uns einen Schokoladenriegel.

So ein Festmahl, wie es Fahrer nun auftischt, gibt es eigentlich nicht. Die Süsswaren stammen aus der Bäckerei in Mayfair, in der ich früher oft war und in der ich unter anderem den Schokoladenkuchen für Boss Geburtstag gekauft habe. Ich kann es kaum glauben, all die leckeren Dinge auf dem Tisch hier auf Plots Island zu sehen.

Dumm und Dümmer grinsen zufrieden. Prinzessins Augen sind riesig.

„Wir haben die besorgt“, sagt Dümmer zufrieden. Prinzessin springt auf und küsst Dümmer, bis er ihn lachend von sich stösst.

„Boss hat euch Süssigkeiten kaufen lassen?“, frage ich überrascht.

„Wir haben eigenes Geld“, sagt Dumm.

Stimmt. Ich auch. Nicht sehr viel, nicht genug, um mir ein eigenes Leben aufzubauen, so wie wenn ich all meinen Schmuck verkaufen würde, aber genug, um Süssigkeiten zu kaufen. Taschengeld bekommen wir regelmässig, Schmuck nicht.

„Süssigkeiten sind nicht verboten?“, frage ich trotzdem. Auch wenn wir Geld bekommen, heisst das nicht, dass wir selbst bestimmen können, wofür wir es ausgeben.

„Sie haben dafür bestimmt mehr ausgegeben, wie wir für dich damals“, sagt Boss, der in ein Törtchen beisst, anstatt mir zu antworten.

Ich hasse es, wenn er so etwas sagt, bin jedoch so glücklich, einen Nachtisch, vor allem einen solchen Nachtisch, zu bekommen, dass ich nicht sofort eines der Törtchen nach ihm werfe.

„Pass auf“, drohe ich ihm trotzdem.

„Nur jemand von Kensington würde so etwas Gutes verschwenden“, murmelt Fahrer in seine zweite Apfeltasche hinein.

Er hat leider Recht. Schnell schiebe ich mir das ganze Törtchen in den Mund. Es ist das Beste, was ich nach dem Schokoladenkuchen jemals auf Plots Island gegessen habe. Wir stopfen uns mit Süssigkeiten voll. Nur Fahrer, der am meisten isst, beschwert sich über die Süssigkeiten, während wir anderen schweigend geniessen.

„Wir verhalten uns bereits wie Bewohner Kensingtons“, beschwert er sich.

„Wenn man so in Kensington isst, ist mir das egal“, sagt Prinzessin.

„Glaubt mir, das tun sie nicht“, sage ich.

In Kensington würde man all die Süssigkeiten auf dem Tisch langsam mit Gabel und Messer essen, nicht in sich hineinstopfen. Man würde nur ein Törtchen nehmen, ein zweites höchstens, wenn einem die zehn Gänge davor nicht geschmeckt haben, aber vor allem würde in Kensington niemand seine Füsse auf den Tisch legen, wie die Zwillinge, die sich in ihren Stühlen zurückgelehnt haben und einander mit kleinen, glasierten Mandeln füttern.

„Sie muss es wissen“, sagt Prinzessin und nimmt sich noch ein Törtchen.

Fahrer sieht mich an, als wäre ich Schuld daran, dass wir heute etwas Gutes zum Nachtisch bekommen. Er tut so, als wäre das etwas Schlimmes. Ich weiss nicht, was sein Problem ist, weshalb ich ihn ignoriere.

Als wir so gut wie alle Süssigkeiten gegessen haben, beugt sich Boss vor. Er schlägt die Füsse der Zwillinge vom Tisch und räuspert sich. Offenbar müssen wir noch heute ein paar wichtige Dinge besprechen.

„Als Nächstes holen wir uns Rodey Park“, sagt er und wischt sich den Mund ab. „Entweder wird das der einfachste Stadtbezirk, den wir uns jemals geholt haben, oder der komplizierteste.“

„Der Einfachste“, versichert ihm Prinzessin, der selbst von Rodey Park stammt. „Die Bewohner Rodey Parks haben schon lange keine Lust mehr, jeden Tag arbeiten zu gehen. Sie werden tun, was wir ihnen sagen.“

Ich verstehe kein Wort, weil ich keine Ahnung habe, was für Rodey Park geplant ist. Es war Teil des Deals, dass ich das früher oder später erfahre. Jetzt ist es so weit. Doch zuerst muss ich eine meiner noch vielen offenen Fragen stellen.

„Warum haben wir uns nicht zuerst Rodey Park geholt und dann Mayfair. Wäre das nicht einfacher gewesen?“

Boss, von dem ich eigentlich keine Antwort erwartet habe, schüttelt den Kopf.

„Wenn wir zuerst Rodey Park eingenommen hätten, wo so gut wie alle Arbeiter Kensingtons herkommen, hätte die Regierung Verdacht geschöpft und uns Verfolgen lassen. Schliesslich sind die Bewohner Kensingtons abhängiger von Rodey Park als von Mayfair, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheint.“

Boss hat Recht. Die Bewohner Kensingtons, ich eingeschlossen, auch wenn ich schon eine Weile nicht mehr dort lebe, vergessen die Arbeiter aus Rodey Park gern. Automatisch habe ich daran gedacht, wie wichtig Mayfair ist, weil ich selbst oft dort einkaufen war. Wenn man nicht mehr nach Mayfair einkaufen gehen kann, ist das ein Problem, aber nie so schlimm, wie wenn man keine Angestellten mehr hat. Das fällt einem jedoch erst auf, wenn sie weg sind.

Kensington ist viel abhängiger von jeder einzelnen Person, die aus Rodey Park kommt, als von ganz Mayfair. Es ist nicht angenehm, nicht nach Mayfair zu können, es hindert die Leute in Kensington daran, alles zu bekommen, was sie bekommen möchten, aber sie können noch immer ihr Luxusleben in ihren grossen Häusern, die alle von den Leuten aus Rodey Park unterhalten werden, weiterführen.

„Mayfair war auch ein Risiko, aber ein kleineres Risiko, weil die Droge Kensingtons Feind war und nicht wir. Zumindest nicht direkt“, erklärt Prinzessin mir, aber auch den Zwillingen, die offenbar auch noch nicht über dieses Detail informiert wurden.

„Wieso kommt es mir vor, als wäre vieles, was wir tun, ein einziges Glücksspiel, und andere Sachen sind wieder bis ins Detail geplant?“, frage ich.

„Weil es so ist“, antwortet Boss.

„Nur so funktioniert ein Geniestreich“, sagt Prinzessin mit einem Grinsen im Gesicht. „Ein bisschen Glück braucht es immer, aber das Meiste ist bis ins Detail geplant.“

Aus dieser kurzen Erklärung kann ich bereits viel lernen. Wenn ich mir Mühe gebe und lerne so zu denken, kann ich hoffentlich bald eine echte Hilfe sein und Boss beweisen, dass er das Richtige getan hat, als er mich in diese ganze Sache eingeweiht hat.

„Was werden wir mit Rodey Park machen?“, frage ich, bereit noch mehr zu lernen, gleichzeitig versuche ich bereits selbst eine Antwort auf meine Frage zu finden.

Mir gehen ein paar Dinge durch den Kopf.Ich kenne mich nicht wirklich mit Rodey Park aus, ich weiss nicht, ob sie einen Anführer haben, den wir töten können. Wir könnten den Leuten dort Drogen verkaufen. Vielleicht eine andere Droge, die sie ihre Arbeit vergessen lässt und sie nicht einfach nur zufriedener und ein bisschen geschwätziger macht. Wir könnten auch einfach die Brücke zwischen Rodey Park und Kensington sprengen und die Bewohner Rodey Parks so daran hindern, zur Arbeit zu kommen. Jedoch werden wir dann wohl ziemlich schnell zum Ziel von Kensington werden.

Mir wird klar, dass es gar nicht so einfach ist, einen Plan zu machen, mit dem wir an unser Ziel kommen, uns aber nicht sofort mit Kensington anlegen.

„Wir werden sie bestechen“, sagt Boss, „und erpressen.“

Wie immer muss Prinzessin ins Detail gehen, damit die Zwillinge und ich verstehen.

„Wir werden den Bewohnern Rodey Parks etwas Wertvolles geben, damit sie nicht mehr auf das Geld aus Kensington angewiesen sind und nicht länger nach Kensington arbeiten gehen müssen. Jeder, der unser Bestechungsgeld annimmt, darf nicht mehr nach Kensington, dafür werden wir sorgen.“

Ich nicke. Die Zwillinge sehen verwirrt aus, doch sie nicken auch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht zu wissen bräuchten, was unser Ziel ist, sie brauchen nur einen Befehl. Doch ich bin der Meinung, dass sie die ganze Wahrheit verdient haben.

„Was, wenn ihnen Kensington mehr Geld bietet als wir?“

„Wir geben ihnen kein Geld“, sagt Boss. „Prinzessin hat es falsch ausgedrückt. Geld kann seinen Wert verlieren. Andere Dinge nicht.“

7

„Andere Dinge wie…?“

„Gold und Edelsteine“, sagt Boss.

„Gut, haben wir in den letzten Monaten viel Gold und Edelsteine gesammelt“, sage ich. Alles hat einen Grund. Alles hat mehrere Gründe. Mehrere Nutzen. Früher oder später kommt die ganze Wahrheit ans Licht.

Wir betreiben diese Maschine, die uns immer reicher und reicher macht, nicht einfach so. Das Geld gehört uns, der Schmuck und das Gold, das wir von No Mans Land bekommen, können wir verwenden, um an unser Ziel zu kommen.

„Nur reicht das nicht“, sagt Boss.

„Wir haben haufenweise Schmuck, tonnenweise Gold und unzählige Edelsteine“, erwidere ich.

„Ein Teil davon werden wir aber nicht weggeben“, sagt Prinzessin, der gerne viel mehr Schmuck hätte, als er jetzt besitzt.

„Ausserdem werden sich nicht alle Bewohner Rodey Parks mit ein bisschen Schmuck, Goldmünzen oder kleinen Edelsteinen bestechen lassen. Wir brauchen mehr. Viel mehr“, sagt Boss.

Ich habe eine Vermutung, auf was das hinaufläuft. Die Zwillinge, die den ganzen Plan bestimmt nicht verstehen, diesen Teil jedoch schon, haben offenbar auch eine Vermutung. Sie grinsen von einem Ohr zum anderen.

„Wir dürfen wieder einmal jemanden ausrauben“, sagt Dumm glücklich.

„Vielleicht dürfen wir sogar etwas in die Luft fliegen lassen“, ergänzt sein Bruder glücklich. „Etwas Grosses.“

„Etwas sehr Grosses sogar“, sagt Prinzessin und zwinkert seinem Freund zu.

Ich kenne nur einen einzigen Ort in der Stadt, wo noch mehr Gold gelagert wird, als Boss besitzt. Einen Ort, wo das Gold schön aufgehäuft präsentiert wird, in perfekte Barren geschmolzen, die wir als Bestechungsgeld gebrauchen könnten.

„Nein. Wir können nicht die Stadtbank ausrauben“, sage ich. „Das ist unmöglich. Die Sache ist viel grösser, wie damals mit dem Blutdiamanten.“

Niemand hört auf mich. Warum sollten sie auch, sie wollen es schliesslich auch mit Kensington aufnehmen.

„Reichen die Diamanten und der Goldschmuck, den wir haben, denn wirklich nicht?“, frage ich.